Band 5 Das Familienbuch von Johann Conrad Schweighauser (1648–1713), das er zwischen 1663 und 1712 verfasst hat, steht im Zentrum dieser kommentierten Edition. Schweighauser wurde 1648 in Basel geboren und hatte mit seiner Frau Valeria Stöcklin (1649–1720/29) zwölf Kinder. 1691 erfolgte seine Wahl zum Sechser der Rebleuten-Zunft und 1710 wurde er Mitglied des Kleinen Rats der Stadt Basel. Seine politische Laufbahn nimmt im Familienbuch jedoch nur wenig Raum ein. Am Anfang stehen Einträge zu ausserordentlichen Ereignissen im Vordergrund, zu denen das Auftauchen eines Zwergs, der Sturz eines Menschen in den Rhein, aber auch die Beobachtung von Kometen zu zählen sind. Letztere thematisiert Matthias Boos in seinem Beitrag. Später verschiebt sich der Schwerpunkt der Aufzeichnung hin zu familiären Angelegenheiten, wie beispielweise Geburten, Taufen oder Hochzeiten. Diese geben einen Einblick in die sozialen Beziehungen Schweighausers, wie Silvia Flubacher und Elijah Strub aufzeigen. Der historische Kontext und das familiäre Umfeld werden in den Beiträgen von Simone Zweifel beleuchtet. Die Herausgeberinnen: Silvia Flubacher hat Allgemeine Geschichte und Germanistik in Basel studiert. Seit 2010 ist sie dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar tätig und forscht zur frühneuzeitlichen Wissensgeschichte. Simone Zweifel hat in Basel und in Berlin Geschichte und Deutsche Philologie studiert. Sie arbeitet im Fachbereich der frühneuzeitlichen Geschichte an der Universität Basel und beschäftigt sich zurzeit mit Korrespondenzen aus dem späten 16. Jahrhundert. Unter Mitarbeit von weiteren Studierenden der Universität Basel. , 6 % 1
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Das Familienbuch des Johann Conrad Schweighauser
Selbst-Konstruktion Schweizerische und Oberdeutsche Selbstzeugnisse 1500–1850 Herausgegeben von Kaspar von Greyerz und Alfred Messerli
Das Familienbuch des Johann Conrad Schweighauser Ein Basler Selbstzeugnis aus den Jahren 1663–1712
Herausgegeben von Silvia Flubacher und Simone Zweifel
Selbst-Konstruktion Schweizerische und Oberdeutsche Selbstzeugnisse 1500–1850
Herausgegeben von Kaspar von Greyerz und Alfred Messerli
Band 5
Das Familienbuch des Johann Conrad Schweighauser Ein Basler Selbstzeugnis aus den Jahren 1663–1712
Herausgegeben von Silvia Flubacher und Simone Zweifel Unter Mitarbeit von Arlette Birrer Matthias Boos Stephanie Mohler Marina Peterhans Suzanne Rupp Elijah Strub Cyril Werndli
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Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel.
Abbildung auf dem Umschlag: Familienbuch von Johann Conrad Schweighauser [Seite 60]. Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 199 1. Copyright © 2012 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Druck: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2831-6 ISBN (eBook) (PDF) 978-3-7965-4447-7 DOI 10.24894/978-3-7965-4447-7 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhaltsverzeichnis Vorwort ................ . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
I. Wissenschaftlicher Kommentar Silvia Flubacher/Simone Zweifel Einleitung . . .......... . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Simone Zweifel Basel zu Zeiten Johann Conrad Schweighausers .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Simone Zweifel Johann Conrad Schweighauser und seine Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Silvia Flubacher/Elijah Strub Taufpatenschaft als Form der sozialen Vernetzung .. . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Matthias Boos «… ein ernstlich zeichen seines zorns». Darstellung und Deutung der Kometen von 1664/65 in Johann Conrad Schweighausers Familienbuch .. . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
II. Edition des Familienbuches Cyril Werndli Erscheinungsbild und Entstehung des Familienbuches .. . . . . . . . . 77 Silvia Flubacher/Simone Zweifel Transkriptionsprinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Suzanne Rupp Methodik der Personenrecherche .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Johann Conrad Schweighauser (1648–1713) Familienbuch von Johann Conrad Schweighauser .. . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Anhang Literaturverzeichnis .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Glossar ......... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Personenregister .. .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Ortsregister ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
Vorwort Der vorliegende Band ist aus einer Gruppenarbeit hervorgegangen, die 2008 im Rahmen eines Archivseminars unter der Leitung von Kaspar von Greyerz und Roberto Zaugg am Historischen Seminar der Universität Basel entstanden ist. An der Gruppen arbeit waren Arlette Birrer, Matthias Boos, Silvia Flubacher, Marina Peterhans, Suzanne Rupp, Elijah Strub, Cyril Werndli und Simone Zweifel beteiligt. Für die Möglichkeit, ein solches Projekt zu realisieren, sowie für die tatkräftige Unterstützung während allen Projektphasen möchten wir uns bei Kaspar von Greyerz und Roberto Zaugg herzlich bedanken. Kaspar von Greyerz und Alfred Messerli möchten wir dafür danken, dass unser Projekt als Teil der Reihe «Selbst-Konstruktion. Schweizerische und Oberdeutsche Selbstzeugnisse 1500– 1850» erscheinen kann. An dieser Stelle möchten wir auch die Mitarbeitenden des Schwabe Verlags in unseren Dank einschlies sen, die uns bei Fragen zur Publikation zur Seite gestanden sind, wie auch Stephanie Mohler, welche die Formatierung unseres Textes übernommen hat. Unser Dank gebührt des Weiteren den Mitarbeitenden des Staatsarchiv Basels, die uns das Familienbuch von Johann Conrad Schweighauser sowie andere für die Arbeit notwendige Dokumente jederzeit zugänglich gemacht und uns bei unserer Arbeit immer freundlich unterstützt haben. Das Erscheinen dieses Buches wurde erst möglich durch die finanzielle Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel. Dieser möchten wir an dieser Stelle ebenfalls unseren herzlichen Dank aussprechen. Basel, Dezember 2011 Für die Herausgeberinnen, Simone Zweifel
I. Wissenschaftlicher Kommentar Einleitung von Silvia Flubacher und Simone Zweifel Johann Conrad Schweighauser (1648–1713) wurde als Sohn eines Notars in Basel geboren. Mit 15 Jahren wurde er in die Geschäfte seines Vaters eingeführt und 1673 zum Notar gewählt. Seine politische Karriere führte 1691 als Sechser1 der Rebleutenzunft in den Grossen Rat. Ein Jahr später wurde er zum Schaffner2 gewählt und erhielt 1710 schliesslich einen Sitz im Kleinen Rat. Mit seiner Frau, der Pfarrerstochter Valeria Stöcklin (1649–1720/29), hatte Schweighauser zwölf Kinder, wovon sechs das Kindesalter überlebten. 1713 starb Schweighauser im Alter von 65 Jahren. Von ihm ist ein Familienbuch überliefert, das an dieser Stelle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.3 Die Transkription dieses im Original rund hundert Seiten umfassenden Büchleins im Oktavformat nimmt den grössten Teil dieser Publikation ein, die aus einer studentischen Gruppenarbeit entstanden ist, an der Arlette Birrer, Matthias Boos, Silvia Flubacher, Marina Peterhans, Suzanne Rupp, Elijah Strub, Cyril Werndli und Simone Zweifel beteiligt waren.4 Ergänzt wird die Transkription durch thematische Beiträge sowie durch einen editorischen Kommentar. 1
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Das Amt des Sechsers berechtigte zu einem Sitz im Grossen Rat. Vgl. Müller, Alfred. Die Ratsverfassung der Stadt Basel von 1521 bis 1798, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 53 (1954), S. 5–98, hier S. 11. Der Schaffner verwaltete die Güter der Stifte und Klöster, in Basel blieben auch nach der Reformation die klösterlichen Verwaltungsstrukturen in grossen Teilen erhalten. Vgl. Tremp, Ernst. «Schaffner», in: Historisches Lexikon der Schweiz. Online unter: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D26448.php [Stand: 8. Dezember 2011]. Staatsarchiv Basel Stadt (StABS), PA 199 1. Tagebuch von Johann Konrad Schweighauser, [S. 43]. Im Folgenden als Familienbuch bezeichnet. Für die Transkription wurden keine Vorlagen benutzt. Es existiert jedoch eine unveröffentlichte Teiltranskription des Schweighauserischen Familienbuches,
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Wissenschaftlicher Kommentar
Wie viele andere frühneuzeitliche Autoren versah Johann Conrad Schweighauser seinen Text nicht mit einem Titel. Dennoch haben wir uns entschieden, diesen als Familienbuch zu bezeichnen, wobei wir uns dabei auf die Form und den Inhalt des Textes beziehen. Denn darin spielt die Familie eine bedeutende Rolle, was ein charakteristisches Merkmal von Familienbüchern darstellt.5 Das Genre des Familienbuchs ist äusserst vielschichtig und nicht durch «klare gattungstypologische Abgrenzungen, sondern durch offene Affinitäten zum weiten Feld der häuslichen Aufzeichnungen, zum Rechnungsbuch, Handelsbuch, Hausbuch, Wappenbuch, Tagebuch, zur Chronik und zum rechtfertigenden oder vermächtnishaften Selbstzeugnis» gekennzeichnet.6 Dass in einem frühneuzeitlichen Selbstzeugnis wie dem Familienbuch von Schweighauser auch politische Ereignisse Platz finden, ist nicht aussergewöhnlich. Laut Gudrun Piller schrieben «Frauen und Männer über sogenannt ‹Privates› wie Geburten, Krankhei-
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die von Frank Faessler und Martin Mattmüller 1997 im Rahmen eines Archivseminars von Kaspar von Greyerz erstellt wurde. Studt, Birgit. Erinnerung und Identität, in: Dies. (Hg.). Haus und Familienbücher in der städtischen Gesellschaft des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Köln/Weimar/Wien 2007, S. 1–31, hier S. 5. Siehe auch Tersch, Harald. Vielfalt der Formen. Selbstzeugnisse der Frühen Neuzeit als historische Quellen, in: Thomas Winkelbauer (Hg.). Vom Lebenslauf zur Biographie. Geschichte, Quellen und Probleme der historischen Biographik und Autobiographik. Waidhofen/Thaya 2000, S. 69–98, hier S. 70. Wir verwenden «Familie» als einen analytischen Begriff, der nicht nur Blutsverwandte, sondern auch so genannt «so ziale Verwandte» miteinbezieht. Zur biologischen und sozialen Verwandtschaft siehe u.a. Seidel, Kerstin. Freunde und Verwandte. Soziale Beziehungen in einer spätmittelalterlichen Stadt. Frankfurt/New York 2009; Teuscher, Simon. Bekannte – Klienten – Verwandte. Soziabilität und Politik in der Stadt Bern um 1500. Köln/Weimar/Wien 1998; Signori, Gabriela. Pflegekinder, Stiefkinder, Morgengabskinder: Formen sozialer Eltern bzw. Kindschaft in der Gesellschaft des Spätmittelalters, in: Schmidt, Johannes F.K./Martine Guichard/Peter Schus ter/Fritz Trillmich (Hg.). Freundschaft und Verwandtschaft. Zur Unterscheidung und Verflechtung zweier Beziehungssysteme. Konstanz 2007, S. 165–180. Rohmann, Georg. Mit seer grosser muhe und schreiben an ferre Ort. Wissensproduktion und Wissensvernetzung in der deutschsprachigen Familienbuchschreibung des 16. Jahrhunderts, in: Birgit Studt (Hg.). Haus und Familienbücher in der städtischen Gesellschaft des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Köln/Weimar/Wien 2007, S. 87–120, hier S. 95.
Einleitung
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ten oder Todesfälle ebenso wie über öffentlichkeitsrelevante Themen wie Patenschaften, Geschäftliches und Politisches».7 Auch das Schweighauserische Famillienbuch enthält nicht nur Informationen zur Familie: Vielmehr kann von einer sich im Verlaufe des Textes bemerkbaren inhaltlichen Verschiebung von der Aufzeichnung eher allgemeiner Ereignisse zur Aufzeichnung von Ereignissen rund um die Familie gesprochen werden, wobei hier nicht nur die biologische, sondern auch die soziale Familie mitgemeint ist.8 Die Angaben rund um die Familie werden nach Schweighausers Tod von einem uns unbekannten Nachfahren in den «Schweighauserische Familie-Nachrichten» fortgesetzt.9 Dies ist nicht unüblich für ein frühneuzeitliches Familienbuch: Viele dieser Texte wurden von den ältesten (meist männlichen) Nachkommen übernommen und weitergeführt.10 Welche Motive Johann Conrad Schweighauser dazu veranlassten, ein Familienbuch zu verfassen, ist nicht bekannt. Auch findet sich in seinem Familienbuch nirgendwo eine Bemerkung über allfällige Adressaten, wie dies in anderen vormodernen Familien Piller, Gudrun. Private Körper. Schreiben über den Körper in Selbstzeugnissen des 18. Jahrhunderts, in: Kaspar von Greyerz (Hg.). Selbstzeugnisse in der frühen Neuzeit, Individualisierungsweisen in interdisziplinärer Perspektive. München 2007, S. 45–60, hier S. 47. 8 Siehe Zahnd, Urs Martin. Die autobiographischen Aufzeichnungen Ludwig von Diesbachs. Bern 1986, S. 310; Zahnd, Urs Martin. Einige Bemerkungen zu spätmittelalterlichen Familienbüchern aus Nürnberg und Bern, in: Rudolf Endres (Hg.). Nürnberg und Bern. Zwei Reichsstädte und ihre Landgebiete. Erlangen 1990, S. 7–38, hier S. 9f. 9 StABS, PA 199 2. Schweighauser’sche Papiere 1765 und Familiennachrichten. Dieses Dokument wird von uns im Folgenden aufgrund der Bezeichnung des Autoren als «Schweighauserische Familie-Nachrichten» bezeichnet. 10 Studt, Birgit. Haus- und Familienbücher, in: Pauser, Josef/Martin Scheutz/Thomas Winkelbauer (Hg.). Quellenkunde der Habsburgermonarchie (16.–18. Jahrhundert). Ein exemplarisches Handbuch (=Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Ergbd. 44). Wien/München 2004, S. 753–766, hier S. 757f.; Zahnd, Aufzeichnungen Ludwig von Diesbachs, S. 311; Zotz, Thomas. Der Stadtadel im spätmittelalterlichen Deutschland und seine Erinnerungskultur, in: Werner Rösener (Hg.). Adelige und Bürgerliche Erinnerungskulturen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (=Formen der Erinnerung, Bd. 8). Göttingen 2000, S. 145–161, hier S. 151. 7
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büchern der Fall ist.11 Ein Hinweis auf Schweighausers Schreibmotivation könnte jedoch der Zeitpunkt des ersten Eintrages liefern, der auf das Jahr 1663 datiert ist. In diesem Jahr war Schweighauser nach einer Reise nach Frankreich in die Nota riats-Geschäfte seines Vaters eingestiegen – und damit auch in einen neuen Lebensabschnitt.12 Wie Schweighauser entschied, was er in seinem Familienbuch aufzeichnete und was nicht, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Dies ist vor allem deshalb interessant, weil er Ereignisse nicht erwähnte, die uns aus heutiger Sicht bezüglich seiner Biographie als bedeutsam erscheinen. In Bezug auf die Aufzeichnung seiner eigenen Wahlen war er zum Beispiel nicht konsequent: Während er die Wahl zum Sechser beschrieb, findet sich kein Eintrag zu seiner Wahl in den Kleinen Rat, der in dieser Zeit – bis auf den Dreizehnerrat – das bedeutendste politische 11
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Siehe z.B. Diesbach, Ludwig von. Herr Ludwigs von Diesbach Cronick, hg. von Urs Martin Zahnd, in: Ders. Die autobiographischen Aufzeichnungen Ludwig von Diesbachs. Bern 1986, S. 26–115, hier S. 26; Schürstab, Erasmus. Erasmus Schürstabs Geschlechtsbuch, hg. von Friedrich Weech, in: Jahresbericht des historischen Vereins für Mittelfranken 31 (1863), S. 39–84, hier S. 45; Muffel, Nikolaus. Das Gedenkbuch von Nikolaus Muffel, hg. von Karl Hegel, in: Die Chroniken der Deutschen Städte 11 (1874), S. 737–751, hier S. 746. «Schweighauserische Familie-Nachrichten», S. 7; Universitätsbibliothek BaselStadt (UB BS), KiAr G X 47 Nr. 23. Die Gewißheit Göttl. Gnade in Christo JESU für alle bußfertige Sünder/Gezeiget Jn einer Christlichen LeichPredigt […] Jo. Conr. Schweighausers des Rahts/Durch Friederich Battier/Pfarrern bey St. Alban, [15. Mai 1713], S. 29. Die «PERSONALIA» hat Schweighauser «schon vor etlichen Jahren […] auffgesetzt und schrifftlich hinderlassen», also selber verfasst. Ebd., S. 28, im Folgenden zitiert als «Personalia» vgl. Jenny, Beat R. Humanismus und städtische Eliten in Basel im 16. Jahrhundert, in: Meyer, Werner/Kaspar von Greyerz (Hg.). Platteriana. Beiträge zum 500. Geburtstag des Thomas Platter (1499?–1582) (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 175). Basel 2002, S. 77–121, hier S. 117. Zur Motivation, nach einer Rückkehr mit dem Schreiben zu beginnen, siehe Monnet, Pierre. Reale und ideale Stadt. Die oberdeutschen Städte im Spiegel autobiographischer Zeugnisse des Spätmittelalters, in: Greyerz, Kaspar von/Hans Medick/Patrice Veit (Hg.). Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. Europäische Selbstzeugnisse als historische Quellen (1500–1850). Köln/Weimar/Wien 2001, S. 395–430, hier S. 406.
Einleitung
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Gremium Basels darstellte.13 Auch die Unruhen von 1691 finden in seinem Familienbuch keine Erwähnung, obwohl dieses Ereignis sehr wahrscheinlich grosse Auswirkungen auf sein Leben hatte: Schweighauser wurde noch im selben Jahr, kurz nach den Unruhen, erstmals in den Grossen Rat gewählt.14 Dies deutet darauf hin, dass er vermutlich von einem während der Unruhen frei gewordenen Ratssitze profitiert hat. Auch seine Wahl zum «directore der alhiesigen geistlichen gefällen»,15 d.h. zum Schaffner, hängt mit den Unruhen von 1691 zusammen. Dieses Amt des Direktors war nämlich eine Folge der Umstrukturierung des Verwaltungs- und Aufsichtswesens nach den Unruhen.16 Um Schweighausers Familienbuch besser verorten zu können, werden im ersten Teil dieser Publikation der historische Kontext sowie inhaltliche Themen aufgearbeitet. Simone Zweifel vermittelt zunächst einen kurzen Überblick über den historischen Kontext dieser Quelle. Nach einer Einführung in die wirtschaftliche und politische Lage Basels um 1700 setzt sie den Schwerpunkt auf die Unruhen von 1691. Dies ist dadurch zu erklären, dass sich dieses Ereignis, wie eben erwähnt, sehr wahrscheinlich direkt auf das Leben Schweighausers ausgewirkt hat. Von derselben Autorin stammt auch der zweite Beitrag, der die Biographie von Johann Conrad Schweighauser sowie dessen Familiengeschichte thematisiert. Aufzeichnungen über politische Ereignisse, Schilderungen von Personen aus der eigenen Umgebung und aussergewöhnliche Vorkommnisse finden sich vor allem im ersten Teil von Schweighausers Familienbuch. So berichtet der Notar beispielsweise von einem Mann, der im Rhein ertrunken ist, oder aber von einem «zwerg von zwen schuehen hoch», welcher «jm Junio dieß jahres 13
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Zu den politischen Gremien Basels im 17. Jahrhundert siehe den Beitrag «Basel zu Zeiten Johann Conrad Schweighausers» in diesem Band. Familienbuch, [S. 73]. Ebd., [S. 74]. Vettori, Arthur. Finanzhaushalt und Wirtschaftsverwaltung Basels (1689–1798). Wirtschafts- und Lebensverhältnisse einer Gesellschaft zwischen Tradition und Umbruch. Dissertation (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 149). Basel 1984, S. 91.
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war allhier kommen vnd gesehen worden».17 Auch Todesfälle von ihm bekannten Personen oder aber von für die Stadt Basel bedeutenden Persönlichkeiten wurden vermerkt, manchmal sogar mit Angabe der Todesursache. Auf solche Ereignisse geht Matthias Boos in seinem Beitrag genauer ein, wobei er einen Schwerpunkt auf Schweighausers Aufzeichnung von Kometenbeobachtungen setzt. Diese sind mit Skizzen versehen und wurden in den Jahren 1664 und 1665 festgehalten. Solche ereignishaften Schilderungen werden im Verlaufe des Textes immer seltener und werden von Erwähnungen familiärer Ereignisse wie etwa Geburten, Taufen oder Hochzeiten abgelöst. Taufen nehmen dabei den grössten Teil ein: Schweighauser notierte neben den Taufen seiner Kinder 116 Patenschaften, wobei er selber 55 Kindern, seine Frau Valeria Stöcklin 21 und seine Kinder 40 Täuflingen Pate standen. Die Aufzeichnung der Paten und Patinnen erlauben einen Einblick in die sozialen und familiä ren Vernetzungen des Autors. Schweighauser verzeichnete diese Taufen wohl, «um sich überhaupt an die Vielzahl seiner Patenkinder zu erinnern, andererseits demonstriert er dadurch seine Inte gration in die Basler Bürgerschaft».18 Denn Patenschaften stellten in der frühen Neuzeit nicht nur eine spirituelle Vater- oder Mutterschaft dar, sondern sie waren auch Bestandteil einer sozialen Patronagebeziehung.19 Das Patenschaftswesen des frühneuzeitlichen Basels thematisieren Elijah Strub und Silvia Flubacher. Der zweite Teil dieser Publikation ist der Transkription sowie dem editorischen Kommentar derselben gewidmet. Cyril Werndli befasst sich mit der Kodikologie des Familienbuchs, Simone Zweifel und Silvia Flubacher erläutern die Transkriptionsprinzi17 18
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Familienbuch, [S. 10]. Greyerz, Kaspar von/Fabian Brändle. Basler Selbstzeugnisse des 16./17. Jahrhunderts, in: Werner, Meyer/Kaspar von Greyerz. Platteriana. Beiträge zum 500. Geburtstag des Thomas Platter (1499?–1582) (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 175). Basel 2002, S. 59–75, hier S. 62. Vgl. Greyerz/Brändle, Basler Selbstzeugnisse des 16./17. Jahrhunderts, S. 62f; Jancke, Gabriele. Patronagebeziehungen in autobiographischen Schriften – Individualisierungsweisen?, in: Kaspar von Greyerz. Selbstzeugnisse in der frühen Neuzeit, individualisierungsweisen in interdisziplinärer Perspektive. München 2007, S. 13–31, hier S. 21–25.
Einleitung
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pien und Suzanne Rupp legt die Methodik des Personenverzeichnisses dar. Die Beiträge dienen der historischen Kontextualisierung oder beziehen sich auf inhaltlich ausgewählte Aspekte, die sowohl den chronikalischen Charakter des Familienbuches als auch dessen Verschiebung hin zum Familienverzeichnis berücksichtigen; sie können jedoch keine umfassende Auswertung des Textes bieten. Die Einordnung des Familienbuchs innerhalb der Selbstzeugnisforschung oder ein Vergleich mit weiteren zeitgenössischen Dokumenten kann in diesem Rahmen nicht geleistet werden. Dafür steht mit der Edition des Familienbuchs nun ein weiteres Selbstzeugnis der Forschung zur Verfügung.
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Basel zu Zeiten Johann Conrad Schweighausers von Simone Zweifel Bevölkerung, Wirtschaft, Politik Im 17. Jahrhundert lebten in Basel, das seit 1501 der Eidgenossenschaft angehörte, ungefähr 10 000 bis 12 000 Menschen. Diese Zahl blieb bis in die Mitte des Jahrhunderts relativ stabil. Danach stieg sie auf über 12 000 Einwohner an, wobei dieser Anstieg vorwiegend auf Geburtenüberschüsse zurückzuführen war. Auch die letzte in Basel wütende Pestepidemie von 1667/68 wirkte sich nur kurzfristig auf die demographische Entwicklung aus – die Verluste dieser Epidemie waren rund zehn Jahre später wieder ausgeglichen. Eine Folge des Bevölkerungswachstums war eine Verschärfung der Einbürgerungspolitik, die in der Abschliessung des Bürgerrechts 1718 ihren Höhepunkt fand.1 Basel war im 17. Jahrhundert von der Zunftverfassung geprägt, welche die meisten Zweige der städtischen Wirtschaft regulierte. Parallel dazu entwickelten sich in einigen Branchen Strategien, die engen Zunftschranken zu unterlaufen. Eine wichtige Stütze der Basler Wirtschaft war der Handel, der von der günstigen Verkehrslage am Rhein und am Schnittpunkt wichtiger Handelswege profitierte. Ebenfalls bedeutsam war die Seidenbandindustrie, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts von Refugianten aus Frankreich, Italien und den Niederlanden eingeführt wurde. Gleichzeitig kam 1
Vgl. Burghartz, Susanna. Basel um 1700, in: Heer, Peter W./Kaspar von Greyerz/ Franziska Guyer (Hg.). Vom Weissgerber zum Bundesrat. Basel und die Familie Brenner, 17.–20. Jahrhundert. Basel 2009, S. 85–101, hier S. 89; Burghartz, Susanna. Das ‹Ancien Régime›, in: Kreis, Georg/Beat von Wartburg. Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft. Basel 2000, S. 115–147, hier S. 119; Berner, Hans/Claudius Sieber-Lehmann/Hermann Wichers. Kleine Geschichte der Stadt Basel. Leichenfelden-Echterdingen 2008, S. 79; Maissen, Thomas. Die Geburt der Republic. Staatsverständnis und Repräsentation in der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft. Göttingen 2008, S. 480; Berner, Hans. «Basel». 3 – Vom 16. Jahrhundert bis zur Kantonstrennung. 3.1 – Staatsbildung, Regierung und Verwaltung bis zum Ende des Ancien Régime, in: Historisches Lexikon der Schweiz. Online unter: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D7387-1-8.php [Stand: 17. September 2010].
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in Basel das Hosenlismerhandwerk auf, so dass – zusammen mit dem Indienne-Gewerbe und der Tuchweberei – in jener Zeit von einer bedeutsamen Textilproduktion gesprochen werden kann. Nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftszweig war das Papiergewerbe, auch wenn diesem nicht mehr die gleiche Bedeutung zukam wie noch im 16. Jahrhundert. Im Laufe des 17. Jahrhunderts entbrannte in verschiedenen Gewerbezweigen ein Kampf «zwischen den streng zünftisch geordneten Handwerken und den neuen Produktions- und Wirtschaftsformen», zu denen beispielsweise Verlagssystem und Manufaktur zu zählen sind. Aus diesen Auseinandersetzungen gingen die Vertreter des Handels und der Protoindustrie meist als Sieger hervor, so dass der Einfluss der Handwerker geschwächt wurde.2 Das politische System Basels im Ancien Régime basierte auf 15 Zünften. Diese Form hatte sich beinahe gleichzeitig mit der Reformation von 1529, zwischen 1521 und 1529, durchgesetzt. In den Zünften versammelten sich Bürger gleicher oder ähnlicher Berufsgruppen, wobei es für jeden Bürger Pflicht war, einer Zunft anzugehören, wenn er im Gewerbe oder im Handel tä2
Vgl. Burghartz, Basel um 1700, S. 90; Burghartz, Das ‹Ancien Régime›, S. 121f., 124; Fink, Paul. Vom Passementerhandwerk zur Bandindustrie. Ein Beitrag zur Geschichte des alten Basel (=Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige). Basel 1979, S. 17; Guyer, Franziska. Ein Hosenlismer zwischen Zunft und Verlag – Johannes Brenner-Euler (1639–1700), in: Heer, Peter W./Kaspar von Greyerz/ Franziska Guyer (Hg.). Vom Weissgerber zum Bundesrat. Basel und die Familie Brenner, 17.–20. Jahrhundert. Basel 2009, S. 43–83, hier S. 47; Röthlin, Niklaus. Die Basler Handelspolitik und deren Träger in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert. Dissertation (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 152). Basel/Frankfurt am Main 1986, S. 17, 23, 35f.; Berner/Sieber-Lehmann/Wichers, Kleine Geschichte, S. 132; Berner, Hans/Niklaus Röthlin. «Basel». 4 – Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur von der Reformation bis zur Kantonstrennung. 4.2 – Wirtschaft, in: Historisches Lexikon der Schweiz. Online unter: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D7478-1-15.php [Stand: 17. September 2010]; Christ, Bernhard. Die Basler Stadtgerichtsordnung von 1719. Als Abschluss der Rezeption in Basel (=Basler Studien zur Rechtswissenschaft 87). Basel/Stuttgart 1969, S. 111f.; Senn, Philipp. «Ein jeder schmachtet unter gleichem druk». Die Welt des Klein- und Grossbasler Gewerbes 1770–1830. Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit an der Universität Basel. Basel 2009, S. 76f., 79–81. Zitat: Röthlin, Basler Handelspolitik, S. 17.
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Wissenschaftlicher Kommentar
tig sein wollte. Neben ihrer wirtschaftlichen Funktion waren die Zünfte auch Wahlkörper des Grossen und des Kleinen Rates. Die Mitgliedschaft in einer Zunft bedeutete jedoch nicht automatisch die aktive Wahlberechtigung: Diese stand nur den Zunftvorständen zu. Da die Ämter der Zunftvorstände nur bescheiden oder gar nicht besoldet, dabei aber mit Auslagen, beispielsweise für Geschenke an die Zunftbrüder, verbunden waren, war es für einfache Bürger schwierig, diese zu besetzen. Wohl auch deshalb wurde die 1552 in Zünften mit Bezug zu Handel und Export eingeführte Mehrzünftigkeit akzeptiert, welche die Chance der mehrzünftigen Handelsleute, Offiziere und Beamten auf einen Ratssitz erhöhte. Dadurch wuchs deren Anteil in den Zunftvorständen zu Lasten der Handwerker, so dass diese nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch an Bedeutung verloren.3 Das mächtigste politische Gremium Basels im 17. Jahrhundert war der Dreizehnerrat, der auch Geheimer Rat genannt wurde. Die3
Siehe Berner, Hans/Niklaus Röthlin. «Basel». 4 – Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur von der Reformation bis zur Kantonstrennung. 4.3 – Gesellschaft, in: His torisches Lexikon der Schweiz. Online unter: /http://www.hls-dhs-dss.ch/ textes/d/D7478-1-16.php [Stand: 17. September 2010]; Im Hof, Ulrich. Vom politischen Leben im Basel des 18. Jahrhunderts, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 48 (1949), S. 141–166, hier S. 143–146; Röthlin, Basler Handelspolitik, S. 16–19; Fink, Paul. Geschichte der Basler Bandindus trie. 1550–1800 (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 147). Basel 1983, S. 10f.; Müller, Alfred. Die Ratsverfassung der Stadt Basel von 1521 bis 1798, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 53 (1954), S. 5–98, hier S. 8–11; Stolz, Peter. Wirtschaftspolitik und Gruppeninteressen im alten Basel (1670–1798), in: Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik 110 (1974), S. 551–579, hier S. 558; Schüpbach-Guggenbühl, Samuel. Schlüssel zur Macht. Verflechtungen und informelles Verhalten im Kleinen Rat zu Basel, 1570–1600, Bd. 1. Dissertation (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 173). Basel 2002, S. 62f.; Stolz, Wirtschaftspolitik und Gruppeninteressen, S. 558; Stolz, Peter. Basler Wirtschaft in vor- und frühindustrieller Zeit. Ökonomische Theorie und Wirtschaftsgeschichte im Dialog. Zürich 1977, S. 138; Felder, Pierre. Ansätze zu einer Typologie der politischen Unruhen im Schweizerischen Ancien Régime, 1712–1789, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 26 (1976), S. 324–389, hier S. 349. Den Zunftvorständen gehörten Zunftmeister, Zunftratsherren sowie Sechser an. Vgl. Müller, Ratsverfassung der Stadt Basel, S. 11f.
Basel zu Zeiten Johann Conrad Schweighausers
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ser war in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts als Kriegsrat gebildet worden und hatte mit der Zeit immer mehr Machtbereiche vom Kleinen Rat übernommen. Ähnlich einer heutigen Regierung kümmerte sich der Geheime Rat unter anderem um die Ausführung von Ratsbeschlüssen, kontrollierte die Beamten, war für das städtische Finanzwesen verantwortlich und führte weitgehend die Korrespondenz nach aussen. Im 17. Jahrhundert wurden die Mitglieder des Dreizehnerrates, der aus den vier Häuptern des Kleinen Rates – also den Bürgermeistern und Oberstzunftmeistern – sowie neun Kleinräten bestand, nicht mehr wie früher vom Kleinen Rat gewählt, sondern durch Kooptation, d.h., sie ergänzten sich selbst.4 Für die Gesetze und Verordnungen der Stadt sowie die Exekutive war vor 1691 allein der Kleine Rat zuständig, der zweimal wöchentlich tagte. Diesem gehörten Ratsherren und Zunftmeister an, wobei die Zunftmeister vom Zunftvorstand ernannt wurden, während sich die übrigen Kleinräte wie die Geheimen Räte selbst ergänzten. Zudem war der Kleine Rat jenes Gremium, auf welches der Jahreseid abgelegt wurde.5 4
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Röthlin, Basler Handelspolitik, S. 54f.; Vettori, Arthur. Finanzhaushalt und Wirtschaftsverwaltung Basels (1689–1798). Wirtschafts- und Lebensverhältnisse einer Gesellschaft zwischen Tradition und Umbruch. Dissertation (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 149). Basel 1984, S. 96; Alioth, Martin/Ulrich Barth/Dorothee Huber. Basler Stadtgeschichte 2: vom Brückenschlag 1225 bis zur Gegenwart. Basel 1981, S. 71; Im Hof, Vom politischen Leben, S. 145; Schüpbach-Guggenbühl, Schlüssel zur Macht, S. 66–68, 78f.; Müller, Ratsverfassung der Stadt Basel, S. 41; Burghartz, Basel um 1700, S. 94; Grollimund, Timo. «O Basel du ganz verrufte Statt». Die Basler Staatskrise von 1691 im Kontext der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der politischen Rahmenbedingungen. Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit am His torischen Seminar der Universität Basel. Basel 2004, S. 21; Stähelin, Andreas. «Zum 1691er Wesen». Unveröffentlichte Notizen am Historischen Seminar der Universität Basel. Basel 1976/1977, o.S, in: StABS, Privatarchiv 904,2 (1). Zum Begriff der Kooptation siehe Steiner, Peter. «Kooptation», in: Historisches Lexikon der Schweiz. Online unter: http://hls-dhs-dss.ch/index.php [Stand: 17. September 2010]. Zum letzten Abschnitt siehe Müller, Ratsverfassung der Stadt Basel, S. 1, 59–61; Müller, Alfred. Die Ratsverfassung der Stadt und Republik Basel von der Reformation bis zur Helvetik (1529–1798). Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen Juristischen Fakultät der Universität Basel. Basel 1945,
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Der Grosse Rat repräsentierte die Gemeinde oder des Mehrern Gewalts. Dieser setzte sich seit 1373 aus den Sechsern, den 36 Vorständen der Kleinbasler Ehrengesellschaften sowie den Mitgliedern des Kleinen Rates zusammen und durfte sich bis 1691 nur auf Ankündigung des Kleinen Rates versammeln. Im 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts wurde der Grosse Rat bei sämtlichen wichtigen Fragen des Kleinen Rates beigezogen. Bis 1691 nahm die Zahl der Einberufungen des Grossen Rates stetig ab, wodurch dessen Bedeutung allmählich kleiner wurde.6 Die Unruhen von 1691 Die schwindende Bedeutung des Grossen Rates war vermutlich eine der Ursachen, die zu den Unruhen von 1691 führten.7 Ein weiterer Grund dafür könnte die schlechte Verwaltung «der Gemeinen insonderheit aber der Geistlichen güeteren» gewesen
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S. 28; Stolz, Basler Wirtschaft, S. 137; Burghartz, ‹Ancien Régime›, S. 129; Grollimund, «O Basel du ganz verrufte Statt», S. 21; Schüpbach-Guggenbühl, Schlüssel zur Macht, S. 61. Vgl. Müller, Ratsverfassung der Stadt Basel, S. 13, 35–37; Kutter, Markus. 1691: Ergebnislos, aber folgenschwer, in: Basler Stadtbuch 112 (1991), S. 45–48, hier S. 46; Im Hof, Vom politischen Leben, S. 145; Burghartz, ‹Ancien Régime›, S. 129; Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit. Städtische und ländliche Protestbewegungen im 18. Jahrhundert. Tübingen 1995, S. 35–37, 46; Stähelin, «Zum 1691er Wesen», o.S.; Grollimund, «O Basel du ganz verrufte Statt», S. 23; Oeri, Albert. Aus einer bösen Zeit, in: Sonntagsblatt der Basler Nachrichten 31 (2. August 1925), S. 129–146, hier S. 130; Vettori, Finanzhaushalt, S. 91; Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit, S. 50; Röthlin, Basler Handelspolitik, S. 124; Maissen, Thomas. Zum politischen Selbstverständnis der Basler Eliten, 1501–1798, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 100 (2000), S. 19–40, hier S. 33; Christ, Basler Stadtgerichtsordnung, S. 5. In Bezug auf diesen innerstädtischen Konflikt in Basel wird in der Forschung vor allem von den «Einundneunziger Wirren», vom 1691er-Wesen und von Bürgerprotesten oder Unruhen gesprochen. Vgl. Grollimund, «O Basel du ganz verrufte Statt», S. 9; Im Hof, Vom politischen Leben, S. 146; Alioth/Barth/Huber, Basler Stadtgeschichte 2, S. 68; Stähelin, «Zum 1691er Wesen», o.S.; Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit, S. 46. Obwohl der Begriff der Unruhe laut Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit, S. 29, eine «obrigkeitliche Optik wiedergibt», scheint er mir, nach folgender Begriffsdefinition Blickles dennoch am besten zu passen: «Unruhen sind […] Protesthandlungen von (mehrheitlich) allen Untertanen e iner