nur in der Forschung kontrovers diskutiert, sondern Camus selbst hatte zeit seines Lebens ein ambivalentes Verhältnis zur Philosophie. Dass seine Texte dennoch einen wesentlichen Beitrag zu philosophischen Debatten leisten und nichts an Aktualität und Relevanz verloren haben, spiegelt das Facettenreichtum der hier versammelten Aufsätze wider.
Dennis Sölch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Geschäftsführer der Deutschen Whitehead Gesellschaft. Er publiziert zur Philosophie und ihrer Geschichte, insbesondere zu Prozessmetaphysik, Pragmatismus, Existenzphilosophie und Kulturphilosophie. Oliver Victor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Schwerpunkte liegen in der Geschichte der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, der Anthropologie und der Verhältnisbestimmung von Philosophie und Literatur.
I S B N 978-3-7574-0086-6
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783757 400866
– ein Philosoph wider Willen?
Ist Camus ein Philosoph? Diese Frage wird nicht
Albert Camus
– ein Philosoph wider Willen?
D. Sölch / O. Victor (Hg.)
ALBERT CAMUS
Dennis Sölch Oliver Victor ( Hg.)
ALBERT
CAMUS
– ein Philosoph wider Willen ?
Zur Geschichte und Gegenwart seines Denkens
Dennis Sölch / Oliver Victor (Hg.)
Albert Camus – ein Philosoph wider Willen? Zur Geschichte und Gegenwart seines Denkens
Schwabe Verlag
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post e. V.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7574-0086-6 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0091-0 DOI 10.31267/978-3-7574-0091-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabeverlag.de www.schwabeverlag.de
Inhalt
Dennis Sölch / Oliver Victor: Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
Christian Polke: ‹Man sollte sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen›. Zu einer anthropologischen Figur bei Camus . . . . . . . . . . . . . .
17
Holger Vanicek: Albert Camus’ Zerrissenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39
Jürgen Kippenhan: Ein Versuch über das Absurde mit Blick auf Albert Camus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
Dennis Sölch: Zwischen Heldentum und Hoffnung. Existenzielle Entfremdung und ontologisches Verlangen bei Albert Camus und Gabriel Marcel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
67
Matthias Ernst Bähr: Zu Camus’ Bergson-Rezeption in den Écrits de jeunesse. Philosophien zwischen Instinkt und Intuition
....
89
Hans Schelkshorn: Eine Philosophie der Grenzen. Konturen der Lebensphilosophie von Albert Camus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
113
Oliver Victor: Camus und die mittelmeerische Kultur. Eine Philosophie des Lebens im Kontext von Maß und Revolte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
135
Mario Wintersteiger: Natur, Geschichte und die Tradition des Mittelmeeres. Zur politischen Geophilosophie von Albert Camus . . . .
159
Dennis Sölch: Von der Sinnsuche zur Sinnstiftung. Zur Bedeutung der Kunst bei Albert Camus und Ralph Waldo Emerson . . . . . . . . . . . . . . . . . .
177
Brigitte Sändig: Hoffnung in der «Crise de l’homme»? . . . . . . . . . . . . . . . .
201
Heiner Wittmann: Philosophie, Literatur und Kunst. Albert Camus und Jean-Paul Sartre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
211
6
Inhalt
Vincent von Wroblewsky: Camus und Sartre – eine schwierige Freundschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
227
Lou Marin: 70 Jahre Der Mensch in der Revolte von Albert Camus. Kontroversen und Verteidigungen direkt nach Erscheinen 1951/52 . . . . . .
247
Svantje Guinebert: «Poesie ist revolutionär» – Revolte, Philosophie und Dichtung bei Camus als Antwort auf ein grundlegendes Problem der Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
265
Anne-Kathrin Reif: ‹Die Welt bietet keine Wahrheiten, sondern Liebesmöglichkeiten.› Zur Genese und Bedeutung des geplanten ‹Stadiums der Liebe› im Werk von Albert Camus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
287
Siglenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
305
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
307
Personenindex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Einleitung Dennis Sölch / Oliver Victor
Albert Camus zählt unumstritten zu den bedeutendsten Intellektuellen der europäischen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Seine Dramen und Romane sind fester Bestandteil des Kanons der Weltliteratur und erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit sowie ungebrochener Aufmerksamkeit. Von der andauernden Aktualität seines literarischen Werkes zeugt nicht zuletzt die Beachtung, die seinem Roman Die Pest im Kontext der jüngsten Ereignisse rund um die Covid-19-Pandemie zuteilwurde – so fand sich die Pest-Chronik just auf den Bestsellerlisten zahlreicher Länder wieder. Weitaus uneindeutiger, ungeklärter und umstrittener ist hingegen sein Verhältnis zur und sein Stellenwert innerhalb der Philosophie. Ob Camus ein Philosoph sei, wurde und wird nicht nur in der Forschung kontrovers diskutiert, vielmehr hatte Camus selbst zeit seines Lebens ein ambivalentes Verhältnis zur Philosophie – zumindest als einer akademischen Disziplin. Aufgrund seines Studiums zwar de facto Philosoph, arbeitet er sich immer wieder an der Frage ab, welcher Anspruch an seine schriftstellerische Tätigkeit damit einhergeht und welche Bedeutung die philosophische Tradition für sein eigenes Werk haben kann. Entsprechend oszilliert seine Selbstcharakterisierung zwischen den Polen des Philosophen und des Nicht-Philosophen und macht eine eindeutige Typisierung als Schriftsteller, Dichter, Moralist oder Philosoph schwer, wenn nicht gar unmöglich.1 Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass seine Abneigung gegenüber der Philosophie jedoch ihren Ursprung primär in einer gewissen Intellektualismus- und Vernunftkritik hat, die sich vor allem in seiner Kritik an der Systemphilosophie idealistischer Schulen von Platon bis Hegel äußert. Flankiert wird seine kritische Distanz zur Philosophie als Fachwissenschaft von seinem mindestens ebenso ambiguen Verhältnis zum Existenzialismus als einer philosophischen Strömung, an dem nicht zuletzt der berühmtberüchtigte Streit mit seinen langjährigen Weggefährten und Freund Jean-Paul Sartre nach Erscheinen von Der Mensch in der Revolte einen wesentlichen Anteil hat. Dass Camus folglich nur schwer als ein Philosoph im klassisch-akademischen Sinne typisiert werden kann, scheint indes konsensfähig zu sein. So hatte er nie eine akademische Position inne, verfasste keine klassischen Abhandlungen oder Traktate und seine vermeintlich vorrangig philosophischen Werke, wie zum Beispiel Der Mythos des Sisyphos, halten strengen Kriterien damaliger und 1
Vgl. Hengelbrock (1982), 17.
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Dennis Sölch / Oliver Victor
heutiger wissenschaftlicher Philosophie wohl kaum stand. Zugleich legen Aussagen wie, «[m]an denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane» (TB I, 19), nahe, dass Camus sich selbst zumindest in einem bestimmten Sinne durchaus als Philosoph begriffen hat. Dramen und Romane dienen Camus nicht nur zur Popularisierung seines Denkens, vielmehr stellen diese Textgattungen Möglichkeiten dar, dem Individuum, seiner Persönlichkeit und seinen inneren Konflikten näher zu kommen, als das im Modus der anerkannten philosophischen Ausdrucksformen der Fall ist. Unter bestimmten Prämissen, so scheint es, könnte Camus sich damit durchaus als Vertreter einer, im Vergleich zur universitären Forschung, wahrhaftigeren Philosophie verstanden haben.2 Stellt man dieser Aussage jedoch das folgende Bekenntnis gegenüber, so sticht unmittelbar das angesprochene zwiespältige Verhältnis Camus’ zur Philosophie ins Auge: «Ich bin kein Philosoph. Ich glaube nicht genug an die Vernunft, um an ein System zu glauben.» (E, 1427; Über. D.S./O.V.) Solche sich auf den ersten Blick widersprechenden Stellungnahmen zeugen von der Notwendigkeit, Camus’ eigenes Philosophieverständnis, welches er seinem Œuvre zugrunde legt, eingehender zu beleuchten und einer historischen sowie systematischen Betrachtung zu unterziehen. Wird Camus letztlich etwa zu einem Philosophen wider Willen? Zumindest scheint auch die Zurückweisung philosophischer Systeme selbst wiederum ein Philosophem zu sein.3 Ausgehend von der Beobachtung des anhaltenden literarischen Interesses an und der weitestgehend philosophischen Vernachlässigung von Camus widmen sich die Beiträge des vorliegenden Bandes vor allem Camusʼ eigenem Verhältnis zur Philosophie. Dabei kommen philosophiehistorische Aspekte hinsichtlich der Prämissen und Ursprünge seines Denkens ebenso zur Sprache wie systematische Leitfragen nach dem Wechselverhältnis von Philosophie und Literatur im Binnenbereich seines Gesamtwerkes. Ermöglichen es solche Untersuchungen, Camus primär als Philosophen oder Literaten zu typisieren? Inwiefern lässt sich vor dem Hintergrund der stilistischen Gestaltung seiner drei Werkzyklen des Absurden, der Revolte und der Liebe eine solche strikte Dichotomie von Philosophie und Literatur überhaupt noch sinnvoll aufrechterhalten? Bedarf eine derartige idealtypische Unterscheidung mitunter einer Modifizierung, Erweiterung oder gar Ersetzung durch die weiter gefasste Kennzeichnung als Künstler? Solche Frage verweisen direkt oder indirekt auf die Einflussgrößen und Quellen des Denkens von Camus. Wer sind also die geschichtlichen Referenzfiguren, auf die Camus explizit oder implizit rekurriert, und inwiefern können diese uns Aufschluss über seinen eigenen Philosophiebegriff geben? Darüber hinaus gehen die Beiträge der Bedeutung von Camus’ Werk für die Geschichte der Philosophie, aber auch seiner Relevanz für gegenwärtige phi2 3
Vgl. Reichenbach-Klinke (2014), 31. Vgl. dazu u. a. Pascal (1997), 173.
Einleitung
losophische Debatten nach. Dass der Romancier Camus sich weiterhin großer Beliebtheit erfreut, steht, wie einleitend angemerkt, außer Frage. Aber wie ist es um den Philosophen Camus bestellt? Welchen Platz nimmt Camus in der Vielfalt der philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts ein? Kann hier das ernüchternde Urteil Jean-Jacques Brochiers aus den 1970er Jahren, Camus sei ein «philosophe pour classes terminales»4, aufrechterhalten werden, oder ist es nicht vielmehr an der Zeit, Camusʼ Philosophie wieder in den Fokus auch der fachwissenschaftlichen Diskussionen zu rücken und für aktuelle Fragestellungen fruchtbar zu machen? Nicht zuletzt das 70-jährige Jubiläum des Erscheinens der Erstausgabe von Der Mensch in der Revolte im Oktober 2021 scheint einen angemessenen Anlass zu bieten, sich diesen und weiteren Fragen aus heutiger Perspektive erneut anzunehmen, zumal es eben jenes Buch war, das Camus’ Kritiker dazu veranlasste, seine philosophische Kompetenz und Expertise in Abrede zu stellen. Das Anliegen des vorliegenden Bandes ist es somit, die Geschichte und Gegenwart des Camus’schen Gesamtwerkes insbesondere auf seinen philosophischen Gehalt hin zu befragen. Dabei beschränken sich die Beiträge weder auf eine bestimmte Schaffensphase noch auf eine vermeintlich einheitliche Wirkungsgeschichte. Letztere ist, wie die hier versammelten Studien eindrucksvoll zeigen, ohnehin nicht auszumachen. Im Fokus stehen vielmehr der enorme historische und thematische Facettenreichtum sowie die andauernde Aktualität der Philosophie von Camus. Zentrale Denkfiguren wie das Absurde oder die Revolte werden dabei ebenso thematisiert wie die berühmte Kontroverse zwischen Camus und Sartre. Das in seinen Werkzyklen grundgelegte wechselseitige Zusammenspiel philosophischer und literarischer Ausdrucksformen bildet den roten Faden der Untersuchungen, und insbesondere Camus’ Anleihen bei der griechischen Mythologie und der Philosophiegeschichte erweisen sich dabei als aufschlussreich. Zudem nimmt sich eine Vielzahl der Beiträge bislang wenig beachteter Motive, wie etwa der Liebe oder den Begriffen von Instinkt und Intuition, im Œuvre von Camus an. Darüber hinaus werden Parallelen zu philosophischen Traditionslinien wie der Lebensphilosophie, dem französischen Existenzialismus oder auch Vertretern der frühen amerikanischen Philosophie hervorgehoben. Aspekte seines Engagements als Widerstandskämpfer und seiner politischen Philosophie werden ebenfalls ausgeleuchtet und mitunter zu geophilosophischen Betrachtungen in Beziehung gesetzt. Ziel ist es weniger, ein einheitliches Philosophieverständnis bei Camus herauszuarbeiten oder gar seinem Werk überzustülpen, als vielmehr gerade die Potenziale seines grundlegend dichotomischen Denkens, welches leitmotivisch bereits in der Metaphorik der frühen Essaysammlung Licht und Schatten verankert ist, in den Mittelpunkt zu rücken. Dieses so zentral um die conditio humana 4
Vgl. Brochier (1970).
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Dennis Sölch / Oliver Victor
kreisende existenzielle Denken, das scharfe Trennlinien zwischen Literatur und Philosophie bewusst unterläuft, zeigt einmal mehr, inwiefern ein solches Philosophieren eine gesamtgesellschaftliche Funktion einnehmen kann und sollte. Camus, der für sich bekanntlich auch die Bezeichnung des Künstlers reklamiert,5 sah seine Aufgabe darin, «die größtmögliche Zahl von Menschen zu verbinden» (DKZ, 226). Demnach ist es mehr als nur ein Randphänomen, dass Camus auf ein breites Spektrum an literarischen Genera zurückgreift, um seiner Philosophie weit über den begrenzten, fachwissenschaftlichen Diskurs hinaus Gehör zu verschaffen.6 In der Zusammenschau versuchen die Beiträge dieses Bandes somit die Frage, ob Camus durch seine eigene Auffassung von Philosophie letztlich zu einem Philosophen wider Willen wird, sowohl anhand der breiten historischen als auch anhand der systematischen Koordinaten seines Gesamtwerkes auszuleuchten. Den Auftakt macht Christian Polke, der zeigt, inwiefern sich die existenziell grundierte Philosophie Camus’, insbesondere im Mythos des Sisyphos, als Beitrag zu einer phänomenologischen Anthropologie verstehen lässt. Die Reflexion der conditio humana ziele für Camus nicht auf ein überzeitliches Wesen des Menschen überhaupt, sondern erfolge in einem geschichtlich bewussten Sinne. Camus gehe es um die menschliche Existenz, so wie sie sich in ihrer geschichtlichen Konkretion im Hier und Jetzt zeigt. Als solche entziehe sie sich einer wissenschaftlichen Erklärung ebenso wie einer philosophischen Letztbegründung, werde jedoch in den von den Protagonisten der Literatur und des Mythos verkörperten Lebensgeschichten sichtbar. Durch das Vergrößerungsglas des Mythos werden dabei exemplarische Formen menschlicher Existenz nicht nur greifbar, sondern zugleich mit einem Pathos versehen, das dem Nachdenken über Glück und Sinn, über Solidarität und Gerechtigkeit jene existenzielle Bedeutung verleiht, ohne die auch die Philosophie ein blutleeres Geschäft bleibe. Die existenzielle Bedeutung der Philosophie steht auch im Mittelpunkt des Beitrags von Holger Vanicek, der sich unter dem Motiv der ‹Zerrissenheit› auf einen Streifzug durch die Essays, Dramen und politischen Schriften von Camus begibt. In metaphysisch-religiöser Hinsicht zeige sich die Zerrissenheit dabei als Diskrepanz zwischen Sinnbedürfnis und dem scheinbar sinnlosen Leben, während sie sich in politisch-moralischer Hinsicht insbesondere als Spannung zwischen konfligierenden Anforderungen der Gerechtigkeit äußere. Die Protagonisten der Dramen und Romane, so Vanicek, exemplifizieren Versuche, mit diesen Dilemmata umzugehen, ohne dass sich aus diesen Beispielen ein einheitliches Bild destillieren ließe. Keine Antwort könne Verbindlichkeit beanspruchen, die So findet sich zum Beispiel im Tagebuch folgende Notiz: «Warum bin ich Künstler und kein Philosoph? Weil ich in Worten und nicht in Ideen denke.» (TB I, 315). 6 An solche Überlegungen anknüpfend kann in Camus’ Werk auch ein Beispiel gelungener Popularisierung von Philosophie gesehen werden. Siehe dazu Victor (2021).
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Einleitung
Konflikthaftigkeit der menschlichen Existenz sei nie gänzlich aufzuheben, und so gelte es vor allem, sich der eigenen Zerrissenheit bewusst zu sein, um möglichst keinen Aspekt des eigenen Seins auszublenden. Unter dem Titel «Ein Versuch über das Absurde» macht Jürgen Kippenhan es sich zur Aufgabe, eines der rezeptionsgeschichtlich wirkmächtigsten Konzepte Camus’scher Philosophie religionssoziologisch zu kontextualisieren. Erfahrungen der Absurdität und der Irrationalität der Wirklichkeit seien keine Ausnahmefälle. Vielmehr stehe das Bewusstsein der Kontingenz unseres Lebens am Ausgangspunkt menschlicher Kultur und bringe religiöse, magische oder metaphysische Systeme und Praktiken als Formen ihrer Bewältigung hervor. Mit Camus könne das Absurde als Einsicht in die Konstruiertheit unserer Sinnstiftungen verstanden werden. Jede Konsequenz, die aus dieser Einsicht gezogen werden könne, laufe wieder Gefahr, irgendwann selbst als verklärende Illusion erkannt zu werden, sodass die Diskrepanz zwischen der Erfahrung von Absurdität und ihrer intellektuellen Explikation in letzter Konsequenz nicht überwunden werden könne. Dem mit dem Absurden angesprochenen Sinnbedürfnis des Menschen wendet sich auch Dennis Sölch zu, der in seinem Beitrag «Zwischen Heldentum und Hoffnung» dem Zusammenhang von existenzieller Fremdheitserfahrung und ontologischem Verlangen nachgeht und dabei Albert Camus und Gabriel Marcel miteinander ins Gespräch bringt. Gemeinsam sei beiden, dass sie im Kontext der Existenzphilosophie soziale Entfremdung als Erscheinungsform einer fundamentalen Kluft zwischen Individuum und Welt verstehen, die jeweils unter den Begriffen des ‹Absurden› bzw. der ‹Funktion› explizit gemacht werde. Während Camus, anders als Marcel, im Sisyphos-Mythos für ein individuelles Aufbegehren als angemessene Antwort auf die Sinnverweigerung der Welt plädiere, kämen sich beide in ihren Konzeptionen von Solidarität und Intersubjektivität deutlich näher, insofern sie den Problemcharakter eines umfassenden, im Sein verankerten, Sinns selbst infrage stellten. Vor diesem Hintergrund lasse sich über die Idee der Hoffnung ein gemeinsamer Fluchtpunkt ausmachen. Zwar meide Camus den Begriff der Hoffnung, stehe ihm aus der Perspektive einer ‹meta-problematischen› Philosophie der Sache nach aber durchaus nahe. Matthias Ernst Bähr und Hans Schelkshorn begeben sich in ihren Beiträgen jeweils auf die Spuren der Lebensphilosophie im Denken von Camus. Anhand der Topoi des Instinkts und der Intuition widmet sich Bähr «Camus’ BergsonRezeption in den Écrits de jeunesse» und wirft damit zugleich Licht auf in der deutschsprachigen Forschung bislang wenig beachtete Texte innerhalb des Camusʼschen Œuvres. Die entscheidende Bedeutung der Bergsonschen Philosophie bestehe einerseits in ihrer Kritik an abstrakten und notwendig vermittelten Formen der Erkenntnis, wie sie exemplarisch im Positivismus einseitig hervorgehoben werden, und andererseits in der Konzeption der Intuition als einem Vermögen unmittelbarer, aber gleichwohl reflexiver und begrifflicher Erkenntnis. Dem
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ursprünglich dem Kontext der Biophilosophie und der Metaphysik entstammenden Intuitionsbegriff gebe Camus dabei eine existenzielle Wendung, über die sich die zumindest temporäre Überwindung des Absurditätsempfindens in momenthaften Einheitserfahrungen philosophiehistorisch und methodisch unterfüttern lasse. Von hier aus lässt sich der Bogen werksgeschichtlich über die Philosophie des Absurden bis zu jener der Revolte weiterführen, wie Schelkshorn eindrucksvoll demonstriert, wenn er in seinem Beitrag den «Konturen der Lebensphilosophie» Camus’scher Provenienz nachgeht. Von der besonders durch Nietzsche verkörperten irrationalistischen Tendenz der Lebensphilosophie grenze sich Camus nicht zuletzt durch die Einsicht in die sprachliche und auf Wahrheit ausgerichtete Verfasstheit der menschlichen Vernunft ab. Auch der experimentellen Selbstschöpfung, die anfangs der Moral den Boden zu entziehen drohe, werde schließlich durch die Entwicklung einer dialogischen Ethik Grenzen gesetzt, die Camus einmal mehr von Nietzsche und einem lebensphilosophischen Irrationalismus absetzten. Mit dem sogenannten ‹mittelmeerischen Denken› widmen sich zwei Beiträge aus je unterschiedlicher Perspektive einem weiteren zentralen Topos der Camus-Forschung. Von einer kulturphilosophischen Warte aus geht Oliver Victor Camus’ Vorstellung einer mittelmeerischen Kultur nach, die als eine «Philosophie des Lebens im Kontext von Maß und Revolte» insbesondere gegen den wiederholt erhobenen Vorwurf eines Regionalismus verteidigt wird. In einer detaillierten Analyse des in der deutschsprachigen Forschung nahezu gänzlich unberücksichtigten Textes über «Die neue Mittelmeerkultur» zeige sich nicht nur, dass Camus sich konsequent gegen politische Vereinnahmungen dieses Motivs, vor allem seitens eines rechten Traditionalismus, wende, sondern sein Denken vielmehr im Geist eines utopischen Internationalismus verstehe. Im Anschluss an Nietzsche symbolisiere die, korrekt als ‹Mittagsgedanke› zu übersetzende, ‹Pensée de midi› eine dem Prinzip des Lebens verbundene, abstraktionskritische Kultur des Maßes, der Schönheit und der schöpferischen Gestaltung, die sich ausdrücklich von den verabsolutierenden Geschichtsentwürfen eines Hegel oder Marx absetze. Die symbolische Bedeutung kultureller Mythen steht auch im Mittelpunkt des Beitrags von Mario Wintersteiger, der sich dem Kulturraum des Mittelmeeres im Rahmen der «politischen Geophilosophie von Albert Camus» nähert. Über die Verschränkung von geographischen Räumen und weltanschaulichen Kulturklimaten bringe Camus sich in einen identitätspolitischen Diskurs ein, wobei er die gängige Ost-West-Dichotomie durch die Kontrastierung eines hellenistischen Südens mit einem protestantisch geprägten Norden ersetze. Die zentrale Konfliktlinie zwischen den beiden geistigen Milieus werde durch die Pole der Natur und der Geschichte markiert, die bereits den historischen und mythologischen Gründungsereignissen Europas, namentlich vor allem dem Trojanischen Krieg, in Form einer Auseinandersetzung zwischen Schönheit und Ratio-
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nalität eingeschrieben seien. Dass diese geophilosophische Kartierung eher mentalen als physischen Grenzen folge, zeige sich exemplarisch in der Person Nietzsches, dessen Philosophie stärker vom Geist des Mittelmeeres geprägt sei als etwa diejenige des französischen Marxisten Sartre. Dennis Sölch leistet in seinem Beitrag «Von der Sinnsuche zur Sinnstiftung» Pionierarbeit, indem er in Hinblick auf die Rolle der Kunst bisher von der Forschung unbeachteten Einflussspuren des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson auf Camus nachgeht und zugleich ein Aperçu der französischen Emerson-Rezeption im 20. Jahrhundert gibt. Camus’ Beschäftigung mit Emerson kommt in der Rede «Der Künstler und seine Zeit» besonders zum Ausdruck und dokumentiert die Bedeutung des Selbstverständnisses von Camus als Künstler, welches die vermeintlich strikte Trennung von Philosophie und Literatur unterläuft. Mit Emerson teile Camus einen Sinn für das Absurde der menschlichen Existenz, dem mittels der Kunst als individueller Sinnstiftung und eine die Menschen vereinende Kraft begegnet werden könne. Trotz grundlegender Differenzen – Camus wahre im Unterschied zu Emerson stets Distanz zu metaphysischen oder religiösen Konnotationen – zeigt sich, dass beide Denker über die Kunst eine Transformation der philosophischen Sinnsuche in Sinnstiftung vollziehen, mit der zugleich eine indirekte soziokulturelle Wirkung einhergehe. Mit ihrem Beitrag zur «Hoffnung in der ‹Crise de l’homme›» setzt Brigitte Sändig den Diskurs über die Beziehung Camus’ zu den Vereinigten Staaten fort. Diese Rede von 1946 stehe exemplarisch für Unsicherheit und Zweifeln als Camus’ philosophische Grundhaltungen. Vor seinen amerikanischen Zuhörerinnen und Zuhörern appelliert er an diese, gemeinsam mit den Völkern Europas gegen die Krise des Menschen, d. h. das Gefühl der Gleichgültigkeit angesichts von Krieg, Mord und Terror, anzukämpfen. Grundlegende Motive seines Revolte-Essays antizipierend, könne Camus in den USA – einem Land, das im Gegensatz zu Europa die Gräuel der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht derart unmittelbar zu Gesicht bekommen hat – seiner Hoffnung auf menschliche Solidarität mehr Vertrauen entgegenbringen, ohne dabei jedoch die Ambivalenz des Menschen, seine Fähigkeit Gutes und Böses zu tun, zu leugnen. Heiner Wittmann geht der Leitfrage des vorliegenden Bandes, ob Camus Philosoph sei, unter Rekurs auf die Trias «Philosophie, Literatur und Kunst» mit einem vergleichenden Blick auf das Werk Sartres nach. Einmal mehr zeigt sich die Relevanz der Kunst, in der für Camus die unmittelbare Verbindung von Revolte, Moral und Ästhetik zum Vorschein komme und die somit die adäquate Ausdrucksform der dem Menschen wesentlichen Freiheit sei. Camus und Sartre teilen das gleiche Schicksal, so Wittmann, dass die meisten ihrer Interpreten die Bedeutung der Kunst und insbesondere der theoretischen Schriften zur Ästhetik in dem jeweiligen Œuvre zu Unrecht marginalisieren. Dabei ließen sich gerade über ihre kunstphilosophischen Positionen beide Denker – ihrer politischen und ideologischen Differenzen zum Trotz – einander wieder näherbringen.
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Unter dem programmatischen Titel «Camus und Sartre – eine schwierige Freundschaft» nimmt sich Vincent von Wroblewsky seinerseits der Beziehung dieser beiden Weggefährten an. Zentrales Anliegen ist es, die Beziehung der beiden nicht – wie so oft geschehen – auf den sich an die Veröffentlichung von Der Mensch in der Revolte anschließenden Streit zu reduzieren, sondern vielmehr den langen gemeinsamen intellektuellen Werdegang der beiden in seiner Gesamtheit in den Blick zu nehmen. So gelingt es zu zeigen, dass Camus und Sartre vor allem ihre Leidenschaft für das Theater miteinander verbindet – das Theater als ein künstlerisches Mittel, um aktiv und engagiert in die Geschichte einzugreifen. So ist es erneut der Künstlertopos, der trotz fundamental divergierender Ansichten, insbesondere den Marxismus betreffend, die Gemeinsamkeiten in der schwierigen Freundschaft zwischen Camus und Sartre in den Vordergrund zu rücken vermag. Lou Marin nimmt das 70-jährige Erscheinungsjubiläum von L’Homme révolté im Jahr 2021 zum Anlass, um das breite thematische Spektrum der «Kontroversen und Verteidigungen direkt nach Erscheinen 1951/52» detailaffin zu analysieren. Neben dem berühmt-berüchtigten Streit mit Sartre und dessen ‹Mitarbeiter› Francis Jeanson erweist sich die Auseinandersetzung zwischen Camus und den Surrealisten, namentlich vor allem mit André Breton, hierbei als zentral. Anhand der Rekonstruktion der öffentlich ausgetragenen Wortgefechte zwischen Camus und den Surrealisten sowie den Wortführern der Zeitschrift Les Temps modernes erhellt der Beitrag Camus’ Weg einer ‹dritten Lösung›, die vor allem in seiner gewaltfreien und libertären Haltung in der Frage zur algerischen Unabhängigkeit zum Ausdruck komme, bis heute jedoch fälschlicherweise nahezu kaum Beachtung erfahre. Svantje Guinebert betont die ‹Doppelexistenz› Camus’ als Literat und Philosoph in Personalunion, indem sie besonders seine Dramen in den Fokus rückt. Der Beitrag zu «Revolte, Philosophie und Dichtung bei Camus als Antwort auf ein grundlegendes Problem der Ethik» stellt das revolutionäre Potenzial der Poesie für Camus und eine von der Perspektive des Einzelnen ausgehenden (existenzphilosophischen) Ethik im Allgemeinen heraus. Camus gehe es in seinen Werken darum, eine möglichst breite Vielfalt an Lebensmöglichkeiten im Umgang mit der Absurdität auszuloten und seiner Leserschaft bzw. seinem Publikum zu präsentieren, um diese zur Selbstreflexion zu animieren. Insofern wir im Drama mit Dilemmasituationen konfrontiert werden, eigne sich dieses Gerne zur Erörterung ethischer Dilemmata in besonderer Weise, darüber hinaus komme dort Camus’ Revolte als eine wertesetzende und die Menschen verbindende Bewegung pointiert zum Ausdruck. Der Band schließt mit einem Beitrag von Anne-Kathrin Reif und einer Studie «Zur Genese und Bedeutung des geplanten ‹Stadiums der Liebe› im Werk von Albert Camus». Neben den Themenkomplexen des Absurden und der Revolte tritt ein Topos des Gesamtwerkes in der Camus-Rezeption bis heute nur
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allzu häufig in den Hintergrund: die Liebe. Sich des Themas der Liebe bei Camus anzunehmen, erlaube jedoch nicht nur die dem Œuvre zugrunde liegende Systematik dreier Werkzyklen aufzuzeigen, sondern darüber hinaus eine in allen Werkstadien vorhandene, notwendige und treibende Kraft offenzulegen. So sei es die Liebe, die die Revolte nicht in Revolution ausufern lasse und den Menschen Liebensmöglichkeiten jenseits aller Absurdität biete. Zu guter Letzt gelingt es über das Stadium der Liebe einmal mehr den Philosophen Camus in den Blick zu nehmen, dessen Denken weitaus systematischer erscheine als es seine Aversion gegen die Systemphilosophie prima facie vermuten lasse. Im Zuge der Fertigstellung dieses Bandes haben wir von unterschiedlicher Seite Anregungen und Unterstützung erhalten, die einen wesentlichen Anteil am Gelingen des Projekts haben. Insbesondere dem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen im Rahmen der Ringvorlesung «Albert Camus – ein Philosoph wider Willen? Zur Geschichte und Gegenwart seines Denkens», welche im Sommersemester 2021 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf stattfand und auf die ein Großteil der hier versammelten Beiträge zurückgeht, verdanken wir wertvolle Hinweise. Für die großzügige Gewährung eines Druckkostenzuschusses sind wir der Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post e.V. sehr verbunden. Unser besonderer Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Schwabe-Verlags, namentlich Christian Barth und Ruth Vachek, für die erstklassig kompetente und engagierte Unterstützung bei der Drucklegung des Bandes.
Bibliographie Brochier, Jean Jacques (1979): Albert Camus. Philosophe pour classes terminales. Paris: Balland. Camus, Albert (1997): Fragen der Zeit. Reinbek: Rowohlt. Camus, Albert (2011): Tagebücher. 1935–1951. Reinbek: Rowohlt. Hengelbrock, Jürgen (1982): Albert Camus. Ursprünglichkeit der Empfindung und Krisis des Denkens. Freiburg/München: Karl Alber. Pascal, Georges (1997): «Camus ou le philosophe malgré lui», in: Anne-Marie Amiot/JeanFrançois Mattéi [Hrsg.], Albert Camus et la philosophie. Paris: Presses Universitaires de France, S. 173–188. Reichenbach-Klinke (2014): Albert Camus’ philosophischer Glaube an den Menschen. Von den Reflexionen über die Todesstrafe zur Kritik am Christentum. Freiburg: Karl Alber. Victor, Oliver (2021): «Existenzialismus und Popularisierung. Zur Rolle der Philosophie bei Albert Camus», in: Philosophisches Jahrbuch 128/II, S. 321–342.
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‹Man sollte sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen› Zu einer anthropologischen Figur bei Camus Christian Polke
Für Brigitte Rechenberg-Deuter
Persönliche Vorbemerkung Die nachfolgenden Überlegungen verdanken sich einer Relektüre im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sind Produkt einer Wiederbegegnung in Form einer Wiederannäherung an einen Autor, dem ich mich als Schüler eines bilingual deutsch-französischen Gymnasiums vor etwas mehr als zwanzig Jahren verbunden fühlte. Dazwischen liegen Jahre und Jahrzehnte der akademischen Ausbildung und hoffentlich auch der Reifung, die mich weit weg von den Ansinnen, Denkmotiven und Haltungen jener französischen Philosophen und hommes de lettres geführt haben, als die sich die Existentialisten stets zugleich verstanden haben und die sie auf ihre Weise auch waren. Wiederannäherung ist somit auf tentative Weise geboten: Mit Vorsicht und Behutsamkeit, doch zugleich mit dem Ernst, erneut hinzuhören auf das, was schon einmal, als es gelesen wurde, auf Resonanz stieß. Von daher versteht es sich fast von selbst, dass meine Ausführungen nicht mit denjenigen eines Experten auf dem Feld der Camus-Forschung mithalten können. Gleichwohl sind sie – das habe ich zu meiner eigenen teilweisen Überraschung erfahren – Bemerkungen eines zugegebenermaßen dilettierenden Camus-Liebhabers.
I. Zwei Quellen des Existentialismus – zwei Formen existentialistischen Nachdenkens Albert Camus (1913–1961)1 hat sich selbst meist nicht als Existentialisten im strengen Sinne des Wortes erachtet.2 Zwar war er durch vielfältige Begegnungen und Beziehungen mit allen wichtigen Persönlichkeiten dieser Denkrichtung in 1 In ihrem Detailreichtum und ihrer Kontextualisierung von Person, Zeit und Werk ist nach wie vor unübertroffen die Biographie von Olivier Todd. Vgl. Todd (2001). 2 Die ambivalente Haltung Camus’ gegenüber dem Ansinnen von Sartre, de Beauvoir und ihren Sympathisanten kommt schon 1945 in dem kleinen Text über «Pessimismus und Mut»
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Christian Polke
Frankreich bekannt und pflegte, ob kritisch oder von Sympathie geleitet, Umgang mit ihnen.3 Auch setzte er sich in seinem essayistischen Werk mit anderen Bezugsgrößen dieser in Entstehung begriffenen Denktradition auseinander – mit Heidegger und Jaspers allemal. Aber er lehnte es für sich selbst – und das mit gutem Grund, wie ich meine – doch ab, als Existentialist im eigentlichen Sinne verstanden werden zu wollen. Man kann sich das auch an dem hierfür oftmals in Anschlag gebrachten Vergleich mit Sartre verdeutlichen: nicht nur hinsichtlich der Art und Weise, wie diese beiden ‹ungleichen Brüder im Geiste› Philosophie betrieben. Schon die jeweilige Herkunft der beiden Protagonisten, derer sie sich lebenslang auf je ihre Weise verbunden wussten – Camus bekanntlich noch mehr als Sartre oder auch de Beauvoir –, hatte massiven Einfluss auf ihr Denken und Schreiben. Fast ist man geneigt zu sagen, ein Teil des Faszinosums des Existentialismus war und ist, dass schon bei dessen Entstehung unterschiedliche Denkphysiognomien in den Vordergrund traten, deren Temperament ein nicht Geringes am Erfolg dieser Richtung ausmachte.4 Das gilt umso mehr, wenn man weitere Denker aus diesem Umfeld, etwa Maurice MerleauPonty, heranzieht. Das in besonderer Weise Faszinierende ist also etwas, das ansonsten bei Philosophinnen und Philosophen eher in den Hintergrund – oder, um es mit einem anderen französischen Denker und Kritiker des Existentialismus, Michel Foucault, zu sagen: ‹hinter die Maske›– tritt. Trotzdem kann man auf der These bestehen, wonach Camus in die vorderste Reihe der Vertreterinnen und Vertreter des französischen Existentialismus gehört; so, wie die Wirkungsgeschichte, zumal außerhalb Frankreichs, es dann ja auch letztlich ohne große Einwände seit jeher getan hat. Auch ich will es so halten, aber vielleicht aus einem etwas anderen Grund, der bereits auf den systematischen Zuschnitt meiner eigenen, selektiven Relektüren des Werkes von Camus vorausweist. Zu den Eigenheiten vieler, jedoch nicht aller bedeutenden Protagonisten des existentialistischen Nachdenkens im 20. Jahrhundert gehört, dass sie überdeutlich zum Ausdruck. Dort heißt es: «Ich fühle mich von der allzu berühmten Existenzphilosophie nicht besonders angesprochen und bin offengestanden sogar der Ansicht, daß ihre Schlußfolgerungen falsch sind. Aber sie stellt immerhin ein großes Abenteuer des menschlichen Denkens dar» (FZ, 56). 3 Eine ebenso unterhaltsame wie höchst informative Einführung in die Lebens- und Arbeitskontexte der hier einschlägigen Geistesgrößen gibt Blackwell (2018). Blackwell gelingt es in diesem Buch sehr fein und zumeist ohne Wertung, das von permanenten Schwankungen geprägte, von Sympathien, Zerwürfnissen wie Wiederannäherungen durchzogene, somit spannungsreiche Verhältnis von Sartre, de Beauvoir und Camus zu beschreiben. 4 Das Verhältnis von Philosophie und Temperament, das insbesondere für William James durchaus ein gewichtiges philosophisches Problem ausmachte, rückt neuerdings vor dem Hintergrund der pragmatistischen Tradition in den Vordergrund: Vgl. Gunnarsson (2020). Aber auch der Existentialismus weist als philosophische Strömung für solche Fragen eine Offenheit auf, die es sich lohnen würde, noch genauer zu untersuchen.
Zu einer anthropologischen Figur bei Camus
sich mindestens zweier Quellen für ihr eigenes Ansinnen und Unterfangen bedienten. Neben dem Rückgriff auf Texte und Ideen der philosophischen Tradition – hier natürlich allen voran, aber nicht überall in gleichem Maße: Kierkegaard, Nietzsche und Husserl – ist es der Rekurs auf literarische Stoffe, Romane, aber auch antike Mythen oder moderne Dramen. Wie gesagt: Das trifft nicht auf alle Exponenten des Existentialismus zu: weder auf Merleau-Ponty noch, um einen deutschen Vertreter zu nennen, auf Karl Jaspers. Allerdings eint diese beiden dafür ihre Tätigkeit im psychologisch-psychiatrischen Kontext. Und auch de Beauvoirs eigenes Wirken, zumal in literarischer Hinsicht, steht etwas im Schatten Sartres, was gewiss zuvorderst soziokulturelle Ursachen hat. Anders hingegen wird man es bei Camus halten, der – so das nicht ganz unzutreffende Bonmot, jedenfalls noch in meiner eigenen Schulzeit – sich zu Sartre ungefähr so verhalte, wie Schiller zu Goethe.5 Und schließlich sollte man auch Gabriel Marcel bedenken, den viel zu lang Vergessenen und oft Belächelten, der jedoch als Dramatiker ebenso sehr philosophierte, wie er – darin Camus näherstehend als Sartre, der disziplinierter schrieb, wenn er philosophierte – dramatisch Philosophie betrieb.6 Ist das alles nur Zufall? Oder provoziert nicht der sich vom schon damals wirksamen analytischen Trend in der akademischen Philosophie (samt neukantianischer ‹Nachwehen›) abhebende, gleichzeitige Rückgriff sowohl auf die philosophische Tradition als auch literarische Quellen nachgerade ein anderes Denken? Oder mehr noch: Ist der Umstand, dass in Romanform philosophiert oder auf der Theaterbühne gedacht, indem gespielt und erzählt wird, nicht selbst schon Ausweis eines gewandelten Verständnisses vom Sinn und der Aufgabe von Philosophie – im Angesicht einer Gegenwart, die nach dem Krieg schon wieder vor dem nächsten stand und jedenfalls nach dessen Ausgang stets erneut mit neuerlicher Eskalation rechnete? Vielleicht ist es vor allem dieser letzte, zeitgeschichtliche Umstand, der dann auch erklärt, inwiefern das typisch existentialistische Verständnis des Verhältnisses von Philosophie und Literatur sich von demjenigen unterschied, das unter anderen soziokulturellen und politischen 5 In meinen Augen lässt sich dieser Vergleich nicht ganz zu Unrecht deshalb ziehen, weil Sartre mit Goethe die Strenge in der Durchführung betonte und zugleich eine an den zu gestaltenden Stoff und Inhalt höhere Erwartung an Konsistenz gehabt hat, wohingegen Camus wie Schiller viel stärker die existentiellen Konturen seiner Protagonisten herausarbeitete; dabei die offenen Flanken seiner jeweiligen – künstlerischen wie philosophischen – Anliegen eingestehend, ja sogar betonend. Anders gesagt: Die beiden Verhältnisse entspringen, obgleich sie anderen Zeiten entstammen, analogen Unterschieden in den Temperamenten. Hinzu kommt, dass sogar noch die sozioökonomischen Verhältnisse, denen die jeweiligen Protagonisten entstammten, sich ähnelten. 6 Nach wie vor informativ hinsichtlich der Bezugspunkte und Divergenzen zwischen Camus und den Vertretern der deutschen Existenzphilosophie und des französischen Existentialismus ist das Nachwort von Liselotte Richter in: Camus (1959), 113–141.
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