MARTIN SCHARFE
DAS HERZ DER HÖHE Eine Kultur- und Seelengeschichte des Bergsteigens
Martin Scharfe
Das Herz der Höhe Eine Kultur- und Seelengeschichte des Bergsteigens
Schwabe Verlag
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung durch den Deutschen Alpenverein und den Österreichischen Alpenverein.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Entwurf unter Verwendung der Einband-Abbildung des Buches von Josef Julius Schätz: Wanderfahrten in den Bergen. 1. Aufl. Stuttgart o. J. (um 1925). Cover: icona basel gmbh, Basel Satz: Schwabe Verlag, Berlin Druck: Hubert & Co., Göttingen Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-0064-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-0069-9 DOI 10.24894/978-3-7965-0069-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.de
Inhalt Zu Beginn 1. Seelenarbeit. Eine Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Voraussetzungen, Anfänge, Prozesse 2. Das Herz der Höhe. Ideen zur Seelen- und Geschlechtergeschichte des Alpinismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Der Titel, das Thema 19. – Die Larve abgenommen (Die Seele im Negligé; Heißes Herz) 20. – Verlarvung (Kaltblütigkeit; Männlichkeit, Anti-Feminismus) 23. – Herz-Zeiten (Zwischenbilanz) 25. – Die Larven ausgestellt (Lohn und Konsequenzen des Paradigmenwechsels; Gedankensplitter zur Bilderkunde und Museologie des Alpinismus) 27. 3. Die Geschichte der kulturellen Aneignung der Alpen – neu erzählt . . . . . . 33 4. Berg-Flucht, Berg-Sucht. Zur Geschichte unseres Drangs in und auf die Berge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 5. Die Bergler und die Bergreisenden – und der Beginn des Alpinismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Worum es geht 44. – Die Ersteigung des Monte Rosa im Jahr 1820 (ein Beispiel) 45. – Der Ort des frühen Alpinismus in der Geschichte der theo retischen Neugierde 47. – Eine kulturelle Symbiose und die Dialektik von Herr und Knecht 49. – Demonstration des Selbstbewusstseins 54. – Epilog: Der bohrende Stachel und die Verabschiedung der Knechte 57.
Die neue Frechheit 6. Valentin Stanig besteigt den Watzmann. Eine kulturelle Szene . . . . . . . . . . 63 Die Frühgeschichte des Alpinismus als neues Thema 63. – Stanigs Watzmann-Geschichte (Wer ist Stanig? Der Watzmann; Die Geschichte) 64. – Drei Gebärden, drei Spuren (Die Geste des Messens als neue Gebärde; Holz und Stein: alte Materialien, alte Gebärden; Suspension des Glaubens als kulturelle Präfiguration: die künftige Gebärde) 71. – Kulturelle Szene, szenischer Nachhall, szenische Ahnung: eine Anfrage 83.
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Inhalt
7. Vermessung und Vermessenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Fast ein Märtyrer der Geodäsie 85. – Denkmal für eine Höhenmessung 86. – Das Schicksal des Peter Anich 88. – Die Beunruhigung der Welt 90. – Leiden am Messzwang 92. – Passion und Parodie 94. – Neues und altes schlechtes Gewissen 97. 8. Zur Geschichte der älteren alpinen Ausrüstung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Von der Schwierigkeit, eine Geschichte der alten Berggeräte zu schreiben 99. – Bergbäuerliches Arbeitsgerät 100. – Das Allzweckgerät Bergstock und die Karriere des Eispickels 101. – Das bewegliche Geländer 103. – Das Abfahren mit dem Bergstock 104. – Der Sprung mit dem Bergstock 105. – Der Hakenstock 107. – Griesbeil und Jägerstecken 109. 9. Unwetter im Riesengebirge. Ein Programmbild kulturellen Umbruchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Der missverstandene Ludwig Richter 111. – Korrekturen 112. – Wanderung im Riesengebirge 113. – Ein Erlebnis unterm Wendelstein 114. – «Zusammenschmelzung» im Interesse der Wahrheit 116. – Das Bild 117. – Der Sklave der Natur 119. – Der neue Prometheus 120. – Die Chance des Enkels 121.
Neue Blicke 10. Der Blick vom Berg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Erschrecken auf dem Gipfel 125. – Versuchungsangst 128. – Der Blick von oben muss gelernt werden 131. – Aspekte des Erhabenen (Subreption, Dialektik von Sicherheit und Ohnmacht; Ambivalenz von Lust und Unlust; Zerknirschung und Superstition statt ‹Religion›; Chaos der Natur, Independenz des Menschen; Klassenästhetik und historischer Prozess der Natur) 134. – Wie zeichnet man ein Panorama? 138. – Verfügung und Verführung 145. – Himmelsleiter 147. – Enttäuschung auf dem Gipfel 151. – Die Angstbedingungen verjährt? 154. 11. Der Blick auf den Gletscher .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Der Gletscher als Fluch 156. – Heimliche Berg- und Eisgänger 157. – Neues und öffentliches Interesse: frühe Gletscherforschung 158. – Wesen und Charakter des Gletschers 160. – Die erhabene Schönheit des Gletschers 165. – Der alte und der neue Fluch 166.
Inhalt
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12. Alpen ohne Fotografie. Zur Archäologie unseres Blickes .. . . . . . . . . . . . . . . 167 Zwei Fragen 167. – Verzerrungen im Dienste der Wahrheit 168. – Die Erfindung des fotografischen Blicks 174. – Ein Unvermögen der Fotografie? 175. – Bilder der Ohnmacht 184.
Pathosformeln 13. Kruzifix mit Blitzableiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Das Bild 189. – Ein Tröpfchen symbolischer Praxis 191. – Das Erzberg- Kruzifix und seine Vorgeschichte 193. – Die Einweihung 197. – Die Predigt 199. – Die Riesensäule auf dem Ortler 200. – Kreuz im Gebirge 202. – Das Votivbild 205. – Wahrnehmungsgeschichte des Kruzifix-Blitzableiters 207. – Zur kulturellen Bedeutung des Blitzableiters 208. – Theologie der Elektrizität und ihre Ahnungen 210. – Eine weitere Kränkung Gottes 215. 14. Das Luisenburg-Felsenkreuz. Deutungen einer Pathosformel . . . . . . . . . . . 218 Erklärte und unerklärte Gipfelzeichen (Die heiligen Kahlberge; Die neue Neugierde) 218. – Erklärte Gipfelzeichen und ihr Rest (Das Vermessungsgerüst auf dem Ochsenkopf: die Passion des Messens; Der Fakt und seine Farce: die Parodie des Messens) 221. – Das Kreuz, ein unerklärtes Gipfelzeichen (Ursprungssagen zum Luisenburg-Kreuz; Präsentables und Unbewusstes; Fünf Spuren zum Luisenburg-Kreuz: Alpine Gipfelkreuze und ihre Bedeutung, Caspar David Friedrich und der Abgrund, Der Ausblick und das Erhabene, Luisenburg-Inschriften und ihr Sinn, Die fünfte Spur: Der Freundschaftsbund und einige Aspekte der Idee) 224. – Aussagen über das Unsagbare 234.
Unterwerfungen 15. Das Erschrecken des Siegers. Zur seelischen Ambivalenz bei frühen Bergbesteigungen . . . . . . . . . . . . . . . 239 Gipfel-‹Sieg› und offene Triumph-Gebärden (These, Ziel, Methode; Was wir kennen; Alte Gebärden des Gipfelsiegs) 239. – Eine kulturelle Schattengebärde: das Erschrecken und seine Zeichen (Ambivalenz; Zeugnisse des Schreckens; Indizien des Schreckens; Deckerinnerung) 243.
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Inhalt
16. Stolpern und Stürzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 Zwei Seiten der selben Sache (Fallen, Unfall, Unglück; Höllensturz der Verdammten; Die unterschiedlichen Deutungen des Ikarus-Sturzes; Der Klub der Talwanderer und seine Freuden; Glück des Hinfallens) 252. – Ein Thema der Karikaturen- und Bildergeschichten-Geschichte (Zugrundegehen, ‹zu Grunde gehen›; Schadenfreude; Ist Stürzen ein Tabuthema der modernen Karikatur?) 258. – Drei Sachbezirke modernen Lebens (Automobil, Andacht zum Unfall; Der Sturz vom Berg: ohne Schmerz, und schön; Wissenschaft, Ahnung der Konsequenzen, Chok am Gelingen) 262. – Sturz als geglückte Veranstaltung (Freuds Theorie der Fehlhandlung; Gepps Marionette) 265. 17. Sturzbilder und ihr Sinn .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 Bilder des Heils, Bilder des Unheils 269. – Nachträgliches Erschrecken; und eine kulturhistorische Orientierungsformel 270.
Oben drüber 18. Erfahrungen mit den Alpen in der Frühzeit des Automobils . . . . . . . . . . . . 275 Frühe Alpenüberquerungen mit dem Automobil 275. – Das neue und das alte Automobil 277. – Das Automobil ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein gesellschaftlich-kulturelles Ensemble 278. – Frühe Siege über die Natur 279. – Geschwindigkeit, Wechsel der Reize 280. – Beweglichkeit, ungebundene Zirkulation 281. – Klettern mit dem Auto mobil 283. – Eisen bahn und Automobil, Tunell und Pass-Straße, Gefangenschaft und Freiheit 284. – Mitten in der Natur 285. – Panorama. Der neue Blick 286. – Erlebnis des Hinunterrollens, Angst vorm Absturz 287. – Die Zukunft der Alpen, ans Automobil gefesselt 289. 19. Passage, Joch und Pass. Anmerkungen zu Metaphorik, Physik und Kulturgeschichte des Übergangs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 Metaphorik und Physik 290. – Tendenz zum Nivellement 291. – Der Pass, das Joch 292. – Marken des Übergangs 293. – Die Krise des Übergangs 296. – Die List des Übergangs 298. – Die Ahnung des Gelobten Landes 301.
Inhalt
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Statt eines Rückblicks 20. Die Geschichte der Berg- und Gipfelzeichen. Eine Skizze . . . . . . . . . . . . . . . 305 Das Thema 305. – Der erste Ersteiger findet auf der Spitze des Berges ein Messer 306. – Die Riesensäule auf dem Ortler: eine Promulgationskampagne 308. – Der Mensch als höchstes Bergzeichen 310. – Schmerzens männer 312. – Kein frommer Gedanke mehr erlaubt 314. – Devote Zeichen der Gott-Losigkeit 315. – Die Reiche der Welt zu Füßen 317. – Gott zu nahe gekommen 319. – Schlechtes Gewissen 321. – Opfer 325. – Das Gipfelkreuz als Deckerinnerung 326. – Chronologie und Register 329. – Kollektive und individuelle Gipfelmarkierungen 332. – Und am Ende nochmals Adam und Eva 333.
Anhang 21. Anmerkungen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 22. Abbildungsnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 23. Verzeichnis der Erstveröffentlichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 24. Register .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401
Zu Beginn
1. Seelenarbeit
Eine Einführung Man darf es eine glückliche Tendenz in der jüngsten Geschichtsschreibung des Alpinismus nennen, dass die literarischen Siegesparaden seltener werden – die öden und so irreführenden Aneinanderreihungen von vermeintlichen Triumphen, sogenannten Siegen, stolz präsentierten Rekorden (früher: vor allem der Männer) werden in zunehmendem Maße als äußerlich und vergleichsweise unerheblich, ja wohl gar als peinlich empfunden. Es verbreitet sich die Einsicht, dass das eigentliche Wesen – das Eigentümliche – des Berggehens und Bergsteigens besser zu verstehen sei, wenn man es als eine umfänglichere Kulturtendenz zu erfassen versuche, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zunächst in Europa sich eingenistet habe und inzwischen eine bedeutende kulturelle Kraft in unserem Alltagsleben geworden sei. Alle Welt hat die Beispiele vor Augen. Doch dass eine kulturelle Tendenz, welche ganz offensichtlich inzwischen auch das Leben der touristisch bewegten Massen bestimmt, mit Veränderungen – wohl auch: mit notwendigen Veränderungen! – der individuellen Psyche einhergehe und einhergehen müsse: das ist ein Gedanke, der sich noch selten geäußert hat. Deshalb wird ihm in diesem Buch eine Chance zur Entfaltung geboten. Es geht um ein bislang wenig bekanntes Kapitel der aufregenden und fast abenteuerlichen Geschichte der menschlichen Seele, es geht um die überraschenden Erfahrungen, ja gelegentlich sogar Überwältigungen, die ihr in der Konfrontation mit den Bergen zugemutet worden sind und noch abgefordert werden; und es geht um die Umarbeitungen, die Zurüstungen, auch um die Verhärtungen und Panzerungen der Seele, die vielleicht unumgänglich waren. Den Gesamtprozess dieser Modernisierung der Seele kann man, weil er unendliche Mühe, Kraft und Ausdauer erfordert und uns Menschen zugleich zutiefst verändert hat, Seelenarbeit nennen1 – auch wenn in die derzeit herrschenden Denk- und Ausdrucksschablonen die Formulierung besser passte: Alpinismus als kultureller Lernprozess. Das ist nun ein in der Geschichtsschreibung des Bergsteigens bisher eher selten, eher ungewöhnlich gebliebener Zugang. Doch anders werden die wirklichen Kräfte und die inneren und unteren Energien nicht sichtbar, welche die alpinistische Kulturrevolution angestoßen, angetrieben und fortentwickelt haben.
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Zu Beginn
Die kulturhistorische Methode freilich, die solche Tiefenperspektive erlaubt, bedarf einer gewissen Sensibilität und wird ihre Gegner finden. Denn sie setzt voraus, dass die alten Texte so, wie sie dastehen, ganz wörtlich ernstgenommen und nicht – unter dem Vorwand einer, wie ich meine, verknöcherten und altklugen ‹Quellenkritik›-Maxime – in die Ecke geschoben werden. Da ist dann allerdings geduldige und phantasievolle Deutungsarbeit vonnöten, die sich traut, versuchsweise auch an die Grenzen des als plausibel Erscheinenden vorzustoßen – ein Vorhaben, bei dem sie sich ermuntert fühlen darf von Ernst Bloch, der einmal angemerkt hat, es sei «gut, auch fabelnd zu denken».2 Das war gegen intellektuelle Kleingärtnerei gesagt, die sich immerhin mit der Vorstellung trösten darf, gegen den Wildwuchs allzu ausufernder Fabelei gebe es doch stets noch die Heckenschere der sogenannten Plausibilität. Doch genügen die Texte nicht allein. Manches, was zum Wort nicht findet, will und wollte im Bild zum Ausdruck kommen. Die klassischen Versuche sind indessen oft nur als amüsante Veranschaulichungen – als gefällige Illustrationsbeigaben gewissermaßen – wahrgenommen worden. Dabei verdienten manche der schon in den imposanten klassischen Sammelwerken von Grand-Carteret oder Steinitzer3 vorgeführten Bilddokumente ausführlichere Würdigung gerade auch im Hinblick auf die Bewegungen der ‹alpinistischen Seele›.4 Die Durchsicht der monumentalen Bilderbücher und der Bestände der Alpenvereinsmuseen hat freilich auch ein ernüchterndes Resultat: zwar sehen wir Tausende von Vedouten, also von Versuchen der schlichten Wiedergabe von Ansichten – und es gibt darüber hinaus gewiss noch Abertausende andere solcher Bildchen –; Aufschlüsse über die Erfahrungen der Menschen mit den dargestellten Bergen kann man daraus aber nur selten gewinnen. Umso kostbarer sind also Bildszenen, die uns gleichsam ins Herz der Alpinisten blicken lassen – sie sind so selten und gleichzeitig so ausdrucksstark, dass man sich nicht wundern darf, wenn man ihnen hier in diesem Buch mehr als einmal begegnen wird. Dasselbe gilt für Szenen, die nicht in Bildern, aber doch in Worten beschrieben sind. Sie dürfen besonderes Interesse erwarten, weil in ihnen fast stets komplexe seelische Konfliktlagen Ausdruck finden – als in solchen beschriebenen, aber nicht erklärten Szenen eingelagerte Verweise auf zunächst nicht Sagbares einer Umbruchszeit oder einer anderen Krise, das erst der Spätere ans Tageslicht holen kann und darf. Die Szene gilt uns also als vorerst stummes Symptom, das zum Sprechen gebracht werden muss, weil seine Deutung für das Verständnis des historischen Prozesses überaus wichtig ist.5
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Wenn nun aber in diesem Buch die markantesten Szenen der alpinistischen Revolution wiederholt aufgerufen werden, kann als ‹Entschuldigungsgrund› nicht nur ihre grundsätzliche Bedeutung angeführt werden. Vielmehr ist daran zu erinnern, dass wir unsere Wirklichkeit – und auch die Wirklichkeit des Alpinismus! – nur in einer je besonderen Perspektive wahrzunehmen in der Lage sind: in einem je spezifischen Aspekt. Es war Ludwig Wittgenstein, der auf diese Einschränkung und Möglichkeit unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit immer wieder hingewiesen hat: er pries den Wechsel des Aspekts als erkenntnisfördernde Bewegung und das Glück des Aufleuchtens eines Aspekts, und er bedauerte die erkenntnishemmende Hilflosigkeit der Aspektblindheit.6 Es wäre also zu hoffen, dass Leserinnern und Leser an manchen Stellen, wo sie glauben, stofflich die wiederholte Heranziehung einer kulturellen Szene, einer kulturellen Gebärde oder einer «Pathosformel» (wie Warburg sagte)7 beklagen zu müssen, am Ende bemerken, dass inhaltlich ein Aspekt wechsel – samt Licht- und Glücksblick! – stattgefunden hat, der die ‹Doppelung› rechtfertigt.8 Doch könnte das Problem der vermeintlichen Wiederholung nicht die einzige Irritation sein, der sich Leserinnen und Leser ausgesetzt sehen – sie werden ohnehin bemerken, dass die einzelnen Kapitel zu verschiedenen Zeiten den unterschiedlichen Erwartungen des jeweiligen Publikums entgegenzukommen versucht haben. Es gehört zum Charakter des hier vorgelegten Buches9, dass es die gleichmäßige Rundung und den lückenlosen Horizont nicht angestrebt, sondern eher hier und da Schwerpunkte des Verweilens zu setzen und zu behaupten sich erlaubt hat.10 Dies ist eine legitime Methode wissenschaftlichen Arbeitens – freilich auch eine, die in unseren Zeiten, die alles umstandslos zu erreichen trachten, kein großes Ansehen hat. Es ist unserer Zeit nämlich die Einsicht erschwert oder gar verwehrt, dass der Umweg – das geduldige Ambulieren – oft der direkteste Weg zur Erkenntnis ist. Er ist freilich auch mühsam; denn er erfordert gedankliche Elastizität. Die wird auch erbeten im Hinblick auf die häufig verwendeten Ausdrücke ‹Alpinismus› und ‹alpinistisch›. Zwar beziehen sich die Beispiele, auf die ich in den zugänglichen Quellen gestoßen bin, in der Regel auf den klassischen Alpenbogen – etwa von Montblanc und Monte Rosa im Westen bis hin zu Glockner und Ortler und Triglav im Osten. Vereinzelte Ausgriffe auf Pyrenäen und andere Hochgebirge wird man mir wohl ebenso verzeihen wie die Erinnerung daran, dass Bergsteigen auch in Mittelgebirgen (etwa im Riesen- und im Fichtelgebirge) eindrückliche Seelenerfahrungen zutage fördern konnte.
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Zu Beginn
Die Versuche der Schwerpunktsetzungen – oder, um es so zu sagen: der Tiefenbohrung – in diesem Buch haben freilich noch einen anderen Schatten. Denn sie sind erkauft mit Verzichten. Wer etwa eine wenn auch nur skizzenhafte Darstellung der Probleme der Alpenerschließung oder des Massentourismus in den Bergen vermisst, muss an anderer Stelle suchen11; und auch eine Würdigung des so überaus bedeutsamen Versuchs der ironischen alpinistischen Welterfassung und Seelenberuhigung, der den bekannteren pathetischen wohl stets begleitet hat, steht noch aus – die dazu erforderlichen Studien hätten den Rahmen des hier vorgelegten Bandes endgültig gesprengt. Doch was taugen die Überlegungen und Ermahnungen des Versuchs einer Einführung? Es gibt eine lange Geschichte des vergeblichen Vorworts; fügen wir uns also diesen Erfahrungen. Einer meiner Lieblingspoeten, Eduard Mörike, hat das Geheimnis des Verstehens beim Lesen einmal in die schlichten Worte gebracht: «die Wege des Geistes sind nicht zu berechnen und jeder kann nur selber fühlen und wissen, ob nicht gerade da, wo andere nichts sehn, eine Tür für ihn aufgeht».12 Marburg an der Lahn, 8. März 2021
Voraussetzungen, Anfänge, Prozesse
2. Das Herz der Höhe
Ideen zur Seelen- und Geschlechtergeschichte des Alpinismus Der Titel, das Thema Das Herz der Höhe: ich verwende das ehrwürdige, wohl etwas altertümliche und, medizinisch gesehen, ohne Zweifel veraltete, aber gleichwohl bis heute nicht verabschiedete Bild vom Herzen als dem Sitz der Seele, das heißt: als Organ der Gemütsempfindungen (man ist ‹herzlich› – oder aber auch ‹herzlos›) und des von den Seelenkräften angetriebenen oder gebremsten, jedenfalls beeinflussten Tuns (man ‹nimmt sich ein Herz› – oder ‹das Herz fällt einem in die Hosen›!). Wenn ich mich recht umgetan habe, finden sich auch noch in der heute gesprochenen und geschriebenen deutschen Sprache an die drei Dutzend Redensarten, die dem alten Bild folgen – statt sie zu zitieren, verweise ich nur auf zwei verdeutschte Stellen des Neuen Testaments: «von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte» (sollen wir Gott lieben, sagt Jesus zu den Schriftgelehrten, Matthäus 22, 37) und: «ein Herz und eine Seele» (waren die Gütergemeinschaft treibenden ersten Christen, Apostelgeschichte 4, 32), eine Redensart, die noch in unseren Tagen den ironischen Titel für eine beliebte Fernsehserie abgeben konnte. Mit Hilfe solcher Erinnerungen also möchte ich mein Thema verstanden wissen: die Seele beim Bergsteigen und die Geschichte dieser Seele. Denn auch das soll die aus der Geschichte überlieferte Metapher Herz bedeuten: Es interessiert uns die Geschichte der Psyche in der Höhe der Gebirge. Dabei ist vorausgesetzt nicht nur, dass sie eine Geschichte hat; sondern, dass sie auch eine andere Geschichte hat als in den ‹Ebenländern› (wie Guarinoni sagt1), weil ihr in den Bergen andere Erfahrungen, Eindrücke, Belastungen und Leistungen zugemutet werden. Doch ist das Herz ja nicht nur überwintertes Bild einer alten und schönen Vorstellung; es ist auch wirkliches Leibesorgan, das zwar heute seine Bedeutung als Sitz der Seele verloren hat, aber doch keineswegs seine Bedeutung als Ursprungsort u nserer zentralen Körperfunktionen. Insofern ist und bleibt das Herz bildlicher Ausdruck der Vorstellung, Seele und Leib seien als Einheit zu betrachten – ein Gedanke, der auch meine Überlegungen bis zum Ende begleiten soll; und überdies ein Gedanke, der mit seiner Würdigung des Leiblichen jeder Reflexion über die alpinistische Tätigkeit (als Körper-Tun) – also über das alpinistische Tun an sich – sym-
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Voraussetzungen, Anfänge, Prozesse
pathisch sein müsste wie auch das Nachdenken über alpine Museen und Ausstellungen beflügeln könnte. Denn solche Museen und Ausstellungen heben sich ja von allen anderen Medien der Vermittlung dadurch ab, dass sie Körperlichkeit und be-greifbare Volumina zeigen – eben Leibhaftes, genauer noch: die leibliche Außen seite unseres Inwendigen.