Martin Mosimann studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte des Mittelalters und Geschichte der Neuzeit an der Universität Basel. Nach seiner Promotion zum Thema Die « Mainauer Naturlehre » im Kontext der Wissenschaftsgeschichte war er als Gymnasiallehrer und Publizist tätig. Bei Schwabe erschien 2019 Ich und der Andere : Für einen Individualismus der Vielfalt.
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MARTIN MOSIMANN
RICHTIGES SCHEITERN UND FALSCHER ERFOLG
Alles ist Wettbewerb. Via Sport und Wirtschaft hat sich diese Vorstellung in fast alle Bereiche des Lebens hineingefressen: Erfolg zu haben, scheint allein wichtig zu sein. Wer dagegen scheitert, scheint sein Scheitern immer verdient zu haben. Dieses Denken stellt Martin Mosimann in seinem neuen Buch infrage. Denn Wettbewerbe sind nicht immer fair. Wer Erfolg hat, gewinnt wegen der Offenheit der Welt nicht Gewissheit in Bezug auf sein Handeln. Er weiss nur, dass er jetzt gerade über andere obsiegt hat, nichts darüber hinaus : Es kann ja keinen Erfolg an sich geben. Und zwischen Erfolg und Scheitern liegen Lebensbereiche, die gar nicht Wettbewerben unterworfen sind: einfaches Sein, aber auch ein wagemutiges oder fantasievolles Sich-Vorwagen in unbekannte Bereiche. Auch sie müssen in einem guten Leben Platz haben.
MARTIN MOSIMANN
Wagemut – Ein Plädoyer
RICHTIGES SCHEITERN UND FALSCHER ERFOLG
RICHTIGES SCHEITERN UND FALSCHER ERFOLG
Wagemut – Ein Plädoyer
Martin Mosimann
Richtiges Scheitern und falscher Erfolg Wagemut – Ein Plädoyer
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Vreni Mosimann, Restenteppich aus eigener Produktion Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4176-6 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4202-2 DOI 10.24894/978-3-7965-4202-2 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
«Ich aber ganz einzeln gebe es dir nicht zu. Denn du beweist mir nichts; sondern nur durch Aufstellen vieler falscher Zeugen gegen mich versuchst du, mich aus meinem Gut und der Wahrheit hinauszuwerfen.» Platon, Gorgias, 472b
«You fellows know there are those voyages that seem ordered for the illustration of life, that might stand for a symbol of existence.» Joseph Conrad, Youth
«Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder abzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam.» J. W. Goethe, Dichtung und Wahrheit, IV, 20. Buch.
Inhalt
Das Kapitänsparadox . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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1 Erfolg und Scheitern – das Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2 Formen des Scheiterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Erfolg und Scheitern in einem sportlichen Wettbewerb . . . . . . . . . . . . . .
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Trivialdarwinismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Scheitern beispielsweise in einem Bewerbungsgespräch . . . . . . . . . . . . . .
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Scheitern im Zusammenhang mit Hochbegabung . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Glücksspiele und Eingreifen von Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Sterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Scheitern ohne Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Dem Scheitern seine Bedeutung nehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Zum Schluss: eine Habermas’sche Fantasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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3 Erfolg und Scheitern in einer empirischen Welt . . . . . . . . . . . . . . . .
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4 Nicht-Handeln als Ausweichen vor möglichem Scheitern, Aushalten von Nicht-Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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5 Verschiedene Lebensbereiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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6 Richtigkeit versus Wagemut und Fantasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Inhalt
7 Eine Art Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Das Kapitänsparadox
Ein Schiffskapitän muss bei Nebel, ohne Radar, ohne Seekarte und ohne Funkverbindung zur Aussenwelt durch eine ihm ganz unbekannte Schärenund Untiefensee fahren. Solange er nun, ohne aufzulaufen, vorankommt, vermehrt sich sein Wissen um die See, die er durchfährt, paradoxerweise nicht wirklich: Er hat bis jetzt zwar Erfolg, kann aber nicht wissen, ob er im nächsten Moment auf eine Untiefe auffährt und eben doch einen Kurs gewählt hat, der in Scheitern münden wird. Sein Erfolg ist so gesehen also unsicher. Wenn der Kapitän dagegen auf eine Schäre oder Untiefe auffährt, hat er seinen Kurs offensichtlich falsch gewählt und scheitert, weiss nun aber mit Gewissheit, dass sein Kurs falsch ist. Sein Scheitern führt also paradoxerweise zu einem Mehr; er weiss nun etwas (freilich kann er sein Wissen nicht mehr verwenden, wenn er dabei untergeht). Sicheres Wissen ist mit anderen Worten also allein durch Scheitern zu gewinnen; freilich eben mit dem Makel, dabei zu scheitern.1
1 Erfolg und Scheitern – das Problem
Wir leben bekanntlich in einer Zeit, die Erfolg vergöttert. In allen Bereichen des Lebens kommt es darauf an, Erfolg zu haben, der Beste zu sein, über andere zu triumphieren oder zu herrschen, und selbst wer nichts kann, kann sich allenfalls via die «Social Media» genannten Instrumente mindestens noch erfolgreich in Szene setzen. Man mag darauf hinarbeiten, CEO zu werden und als CEO dann wieder das höchste Gehalt weit und breit zu erzielen, man mag im Sport anstreben, obenaus zu schwingen, man mag sich zum Ziel setzen, via Fusionen in einem Tätigkeitsfeld «die Nummer eins» zu werden und den Markt zu «kontrollieren», und auch unbedeutende Sternchen mögen in Klatschspalten Berühmtheit damit erringen, dass sie «Schicksalsschläge» (wie dass sie von einem unachtsamen Kellner mit heisser Suppe überschüttet wurden) wunderbar bewältigen,2 wenn ihre Berühmtheit nicht sogar allein darin besteht, dass sie berühmt sind und sich beharrlich im Gespräch halten. Junge Menschen mögen sich dann demgemäss zum Ziel setzen, ebenfalls berühmt zu werden und «Erfolg» zu haben (worin, ist gar nicht wichtig), und mögen auf dem Weg dorthin Siegesfäustchen machen können, lange bevor sie etwas zu bieten haben. Und bekanntlich hat es ganze Klassen von Menschen gegeben, die sogenannten Yuppies, die sich selbst als jung und beruflich erfolgreich bezeichnet haben (ohne dass sie sich die Mühe gegeben hätten, näher zu bezeichnen, was für einen Gehalt ihr «Erfolg» hatte oder worin sie «Erfolg» haben wollten; wichtig war nur, Erfolg an sich zu haben). Indessen erscheint ein solches Bestreben, wenn man sich seiner Rhetorik zu entziehen vermag, seltsam leer und auch irgendwie bubenhaft.3 Merkwürdig ist zunächst, dass Menschen mit einem solchen Erfolg dann oft gar nichts anfangen; nicht für etwas Grosses einstehen oder die Welt, mit der Macht, die mit ihrer Position einhergeht, in ganz neue Bahnen lenken wollen. Ihr Erfolg erschöpft sich schnell darin, dass sie in einem formalen Sinn über
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1 Erfolg und Scheitern – das Problem
andere den Sieg davontragen, nicht darin, dass sie eigenen Inhalten oder Werten zum Durchbruch verhelfen – es genügt ihnen gewissermassen, (wie im Tennis) Nummer eins zu sein. Sie mögen ihre Firma ganz neu strukturieren und versprechen, sie so, wie sie gerne sagen, «auf Erfolgskurs» zu bringen, sie selbst mögen die schnellste Jacht oder das grösste Vermögen4 besitzen – aber bei alledem handelt es sich ja immer auf neue Weise um rein formale, nicht um inhaltliche Gegebenheiten. Interessant wäre ja allenfalls, was sie mit ihrem Vermögen anfangen würden, wohin sie die Jacht führen und was sie auf ihrer Reise mit ihr erleben würden. Oder sie mögen darauf stolz sein, die meisten «Followers» zu haben, ohne dass aber auch hier wieder klar wäre, was damit Gestalt annimmt – für den Erfolg steht die (grosse) Zahl allein. Wie sich bei unvoreingenommener Betrachtung zeigt, besteht in einem solchen Denken die Bedeutung des Erfolgs nicht nur darin, dass man eben Erfolg hat (und so beispielsweise reich oder einflussreich ist), sondern ebenso sehr darin, dass im Erfolg gewissermassen eine Form von Berechtigung Gestalt anzunehmen scheint. Wer Erfolg hat, steht nicht nur irgendwo an der Spitze, sondern sein Dasein scheint eben damit auch eine höhere Weihe des Seins und eine in sich ruhende Festigkeit zu gewinnen: Durch seinen Erfolg scheint er zu jemandem geworden zu sein, der sich der zufälligen Geworfenheit des (gewöhnlichen) Einzelnen in die Welt und der damit einhergehenden Bedeutungslosigkeit in einer nicht fassbaren Welt entzogen hat und, als Erfolgreicher, irgendwie alle Zweifel des Daseins überwunden hat und so ganz der sein darf, der er ist. Er (allein) scheint kein zufälliges Sandkörnchen zu sein, sondern via Erfolg den Status eines Menschen gewonnen zu haben, dessen Dasein eine Form von absoluter Gewissheit, also gewissermassen einen gottgleichen Charakter hat. Unterstellt wird dabei von solchen erfolgreichen Menschen immer – das ist nun der interessante Gesichtspunkt –, dass sich ihr Erfolg zu Recht einstelle und ihr Erfolg verdient sei: Der, der Erfolg habe, habe sich seinen Erfolg mittels einer grösseren Leistung gewissermassen erarbeitet, wohingegen der nicht Erfolgreiche umgekehrt gerechterweise weniger Erfolg habe, weil er weniger «leiste».5 Eine solche Deutung des Erfolgs scheint die Dinge zu Ende zu erklären, und sie wird, trotz ihrer offensichtlichen Mangelhaftigkeit, von (freisinnigen) Politikern und Menschen, die (jetzt gerade) Erfolg haben, hinausposaunt und von der Öffentlichkeit hingenommen (wohl ja auch nicht zuletzt deswegen, weil sie natürlich den jetzt nicht Erfolgreichen
1 Erfolg und Scheitern – das Problem
immer weiter hoffen lässt, dereinst ebenfalls obenaus zu schwingen, wenn er ebenfalls eine grosse «Leistung» zeige.6 Im Hintergrund einer solchen Behauptung steht die Unterstellung, dass das Leben eine Art (sportliches) Spiel darstelle, in dem tatsächlich der Bessere gewinne (das ist ja aber selbst im Sport nur der Fall, wenn eine Menge von weiteren Bedingungen gelten: dass das Spiel wirklich ganz fair ist, dass die Schiedsrichter ihre Aufgabe fair und in jeder Hinsicht korrekt erfüllen, dass für alle Beteiligten die gleichen Voraussetzungen gelten usw.; Bedingungen also, die selbst bei sportlichen Begegnungen nie ganz erfüllt werden oder beim besten Willen nie ganz erfüllt werden können7 ). In dieser Vorstellung wiederum nimmt die Behauptung Gestalt an, dass die Welt im Hintergrund in einer sinnvollen Weise geordnet sei; so, dass, was immer sich einstelle, gerecht bzw. gerechtfertigt sei. Insofern, als sich der Erfolgreiche seinen Erfolg (worin er dann bestehe) ganz sich selbst bzw. den von ihm erbrachten aussergewöhnlichen «Leistungen» zuschreibt, unterstellt er damit also gleichzeitig (ohne dass ihm das vielleicht bewusst sein mag), dass die Welt, in der er sich bewegt, auf einen (fairen) Massstab ausgerichtet sei und sich damit sein Handeln vor einem Hintergrund abspiele, der in sich selbst fest und sicher sei (statt dass einfach zufällig ist, was geschieht). So kann man sich am Ende des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei aller Vergötterung des Erfolgs am Ende gar nicht um den erreichten Erfolg im Einzelnen geht, sondern darum, einen Erfolg als Beweis dafür zu nehmen, dass man in einer durch und durch gerechten Welt lebe. Wer in einer so beschriebenen Welt umgekehrt keinen Erfolg hat, gibt sich schnell selbst die Schuld – er scheint etwas falsch gemacht zu haben. You can do it if you really want, but you must try and try, sang bekanntlich der seinerzeit bekannte Reggae-Sänger Jimmy Cliff – und schien damit jene Menschen, die keinen Erfolg haben, aufzurichten; indem er ihnen die Fähigkeit zuschrieb, das Steuer herumzureissen, und (so argumentierend) den Einzelnen zum eigenverantwortlichen potenziellen Schöpfer seines Glücks machte, statt dass er sich als Geschobener der Umstände fühlen musste. In Wirklichkeit aber macht eine solche Aufforderung den Einzelnen vor allem auch umgekehrt für sein Scheitern ganz selbst verantwortlich: Wenn er scheitert, hat er sein Ziel nicht hartnäckig genug verfolgt, hat nicht alles versucht, hat sich halt nicht genügend stark gewünscht, dass er Erfolg habe usw.8 In ähnlicher Weise (und noch viel grausamer) deuten esoterische Denkwei-
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1 Erfolg und Scheitern – das Problem
sen und dann Sekten die Dinge, wenn sie unterstellen, dass der Einzelne am Ende auch für alle Unglücksfälle und Krankheiten, die ihm zufallen, selbst verantwortlich sei.9 Wie man erkennt, kann sich der Einzelne im Falle, dass er Erfolg hat, wie auch nun im Falle, dass er irgendwie scheitert, auf der Basis von Vorstellungen, wie sie einem in Jimmy Cliffs Text entgegentreten, (paradoxerweise) als alleiniger Verantwortlicher für sein Geschick fühlen, und so mag eine solche Vorstellung dabei am Ende dann auch für den Scheiternden (mindestens eine Weile lang) attraktiv sein. Wie furchtbar auch sein mag, was ihm widerfährt: Er allein scheint (wenigstens) der Verursacher dessen zu sein, was ihm widerfährt, und so scheint er sich nicht als bloss Geschobener in einem unverständlichen Spiel vorkommen, sondern als jemand, dem immer noch alle Möglichkeiten offenstehen. Zwar mag es ihm jetzt schlecht gehen, aber die Ursache dafür liegt in ihm selbst.10 Indessen träfe eine solche Interpretation der Dinge allein dann zu, wenn alles, was geschieht, gewissermassen im Rahmen eines fairen Spiels vor sich ginge. In einem solchen kommt tatsächlich derjenige zu Erfolg, der, im Sinne der Anforderungen, welche das Spiel stellt, das Spiel besser spielt als die Unterlegenen, und umgekehrt scheitert derjenige, der den Anforderungen des Spiels weniger gut gewachsen ist. Allein vor einem solchen Hintergrund kann dann auf der einen Seite der Erfolgreiche die Überzeugung entwickeln, dass er seinen Sieg verdient habe, und auf der anderen Seite muss der Verlierer nicht nur zur Kenntnis nehmen, dass er zu Recht verloren hat, sondern er mag auch erkennen, in welchem Sinn er versagt hat; mit dem Ergebnis, dass er aus diesem Wissen in Zukunft Gewinn schlagen kann, indem er darauf hinarbeitet, dereinst leisten zu können wozu er jetzt nicht in der Lage gewesen ist. (Das schliesst freilich nicht aus, dass man mit jemandem, der scheitert, immer noch eine Form von Mitleid haben könnte (indem man anerkennen würde, dass furchtbar ist, was ihm zugestossen ist,11 aber man könnte sich von solchen Gefühlsregungen befreien und, sachlich bleibend, geltend machen, dass, wie schrecklich auch der Ausgang eines Geschehens sei, dieses doch immer gerecht sei – und in einem mehr oder minder ausgeprägten moralischen Tonfall anfügen, dass der Gescheiterte jetzt ja lernen könne (oder eben lernen müsse), die Verantwortung für das Resultat zu übernehmen, und das nächste Mal – vielleicht – besser abschneiden.)
1 Erfolg und Scheitern – das Problem
Wie sich aber schnell zeigt, sind diese Voraussetzungen in Wirklichkeit im Rahmen von Herausforderungen und Lebenssituationen, die in Erfolg oder Scheitern münden mögen, in äusserst vielen Fällen nicht gegeben; ja man muss umgekehrt sagen, dass es fast kaum Herausforderungen und Lebenssituationen gibt, die wirklich fairen Spielen entsprechen. Anders als in fairen Spielen wirken sich in vielen Situationen zum Beispiel entweder Einflüsse aus, die mit tatsächlichen Leistungen wenig oder gar nichts zu schaffen haben, oder Gegebenheiten sind so komplex, dass man gar keine Durchsicht hat und folglich auch Resultate nicht wirklich ursächlich beeinflussen kann, oder Leistungen der Teilnehmer spielen darin, wie in reinen Glücksspielen, gar keine Rolle. Oder sie werden unter den sozialen Bedingungen von Herausforderungen verfälscht. Wer dann auch unter solchen Bedingungen Erfolg und Scheitern immer weiter so darstellt, als seien sie das Ergebnis von fairen Spielen, verfälscht nicht nur die Beurteilungen der Ergebnisse, sondern weist vor allem auch jenen Menschen, die scheitern, eine Schuld zu, die sie nicht verdienen (und lässt umgekehrt unverdienten Erfolg als verdient erscheinen). Bevor man sich also in eleganten Ausführungen über Die Schönheit des Scheiterns ergeht, muss man sich Rechenschaft darüber geben, was sich hinter Herausforderungen, wie sie sich dem Menschen tatsächlich stellen, verstecken mag – und muss, damit im Zusammenhang, natürlich auch untersuchen, was für einen Charakter je Scheitern und Erfolg haben. In unfairen Wettbewerben zu scheitern (oder Erfolg zu haben), ist zum einen schon deswegen nicht «schön», weil ein solches Scheitern keinen Gehalt hat (sondern das Ergebnis des Einwirkens von fremden Einflüssen ist, weswegen man aus ihnen natürlich unter anderem auch nichts lernen kann), und mag dann zum Zweiten sowohl Scheiternden wie Erfolgreichen eine Schuld oder ein Recht zuschreiben, die je in keinem gerechtfertigten Verhältnis zu erbrachten «Leistungen» oder gemachten «Fehlern» stehen. Vordergründig scheinen alle Wettbewerbe – einfach als Wettbewerbe – gerecht zu sein (in gleicher Weise scheinen viele Menschen auch Ordnungen für gerecht zu halten, einfach weil es Ordnungen sind, obwohl es doch offensichtlich ist, dass es auch ungerechte Ordnungen gibt, zum Beispiel die «Ordnung» einer Klassengesellschaft). Viele Wettbewerbe sind aber nicht einmal in Ansätzen fair, und so sind auch ihre Resultate nicht «gerecht»12 – und die banale Feststellung, dass über alles hinweg das Leben alles «ausgleiche» (mit
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1 Erfolg und Scheitern – das Problem
der sich viele Menschen über das, was ihnen in der vorgefundenen Welt entgegentritt, hinwegbetrügen), ist gewiss ganz verfehlt. Selbst aber wenn man voraussetzen würde, dass alle Herausforderungen einem fairen Spiel glichen, müsste man zweitens untersuchen, was für einen Gehalt je Erfolg zu haben auf der einen Seite und zu scheitern auf der anderen Seite hat. Auf der Basis des Kapitänsparadoxes kann man zum gewiss seltsamen Ergebnis kommen, dass Erfolg zu haben, entgegen dem, was der Erfolgreiche denken mag, nicht in Sicherheit führt (der Erfolgreiche kann nicht wissen, ob er immer weiter Erfolg haben wird). Und Gewissheit scheint umgekehrt einzig Scheitern herstellen zu können; freilich um den Preis, dass man als Scheiternder keinen Erfolg hat. So mag man zum Ergebnis kommen, dass ausgerechnet die erstrebten Erfolge (die so sehr im Zentrum der Suche des modernen Menschen stehen) in Ungewissheit und damit Unsicherheit münden, während Scheitern wenn nicht «schön», so doch auf eine paradoxe Weise wertvoll werden kann.13 Schliesslich muss man sich aber ausserdem noch die Frage stellen, ob man überhaupt dazu berechtigt ist (wie dies ja die Moderne unter dem Einfluss wirtschaftlichen Denkens und des dieses unterschwellig bestimmenden Trivialdarwinismus einerseits und der Allgegenwart von sportlichen Wettbewerben andererseits tut), alle Formen des menschlichen Erlebens unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, ob sie in Erfolg oder in Scheitern mündeten. Eine solche Vorstellung unterstellt ja offensichtlich, dass im Hintergrund der vorgefundenen Welt erstens eine umfassende Ordnung stehe – nur, wenn man behauptet, dass es eine solche gebe, sind ja sinnvolle Bewertungen möglich – und alle Handlungen des Menschen von der Art seien, dass sie an den Massstäben einer solchen Ordnung gemessen werden könnten und auch müssten. Darin eingeschlossen wäre dann aber zweitens unausgesprochen die Vorstellung, dass eine solche Ordnung abgeschlossen wäre. Allein so wäre es ja möglich, alles Handeln und Trachten von Menschen zu beurteilen. Nur so könnte man alles, was der Mensch unternehmen mag, daraufhin untersuchen, ob es wertvoll oder wertlos zu sein scheine. Das wäre aber gewiss eine weitreichende Annahme, die kaum mit den Befunden der vorgefundenen Welt und ihrer Geschichte in Übereinstimmung zu bringen wäre – neue Werke der Kunst oder Entdeckungen könnten so ja nicht entstehen, weil einem der Massstab zur Beurteilung eines Unterfangens fehlen würde.14 Nur Pläne zu verfolgen, die in Erfolg hineinführen
1 Erfolg und Scheitern – das Problem
können, bzw. allem Scheitern dadurch auszuweichen, dass man nichts unternimmt, von dem man nicht mit Gewissheit weiss, dass es Erfolg haben wird, schliesst die Welt ab, weil es die Möglichkeit, dass sich dereinst neue Formen der Beurteilungen ergeben können, bestreitet. Und hinter seiner scheinbaren Vernünftigkeit verbirgt sich, wie man wohl anfügen muss, schnell nichts anderes als fehlender Wagemut (ins – vorläufig – Leere hinein): der Wagemut all jener Entdecker und Forscher und Künstler, welche das Wissen und den Erlebnisschatz der Menschheit erweitert haben.15
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