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Kritik der Spiritualität. Warum uns die Welt nicht genug ist

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Kritik der Spiritualität

Der Songwriter Leonard Cohen sang «There is a crack in everything, that’s how the light gets in ». Während die Aufklärung auf die Lichtstrahlen des Geistes setzte, die in die Dinge « eindringen », setzt Spiritualität auf das « Licht », das uns aus den Dingen entgegenstrahlt. Dadurch, dass die Dinge derart transparent werden, entsteht in uns eine Ahnung des Ewigen, Zeitlosen – des Göttlichen. Solcherart ergänzen Innerweltlichkeit und Transzendenz einander im Medium des Geistes, wie Peter Strasser in diesem Buch zeigt.

PETER STRASSER

Kritik der Spiritualität Warum uns die Welt nicht genug ist

Peter Strasser lehrte Philosophie an den Universitäten Graz und Klagenfurt. Seit 2015 befindet er sich offiziell im Ruhestand, ist aber weiterhin im Lehrbetrieb tätig. 2014 erhielt Strasser den österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen ; bei Schwabe erschien 2018 Gehirn ohne Geist und 2019 Die ganze Wahrheit.

PETER STRASSER

www.schwabe.ch

REFLEXE 65

REFLEXE


Schwabe reflexe

Band 65


Peter Strasser

Kritik der Spiritualität Warum uns die Welt nicht genug ist

Schwabe Verlag


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4161-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4196-4 DOI 10.24894/978-3-7965-4196-4 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

Jenseits der höheren Dummheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

Vom Ewigen im Vergänglichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

11

Zweite Religiosität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

11

Schwesterlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

14

Wie zu lesen sei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

21

Anverwandlung und Darüberhinaus . . . . . . . . . . . . . . .

23

Das Leben als metaphysisches Übel . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

23

Wie es ist, ein Mensch zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

27

Metaphysik der Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

33

Transparenz des Ego . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

39

Intime Transzendenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

44

There is a crack in everything . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

51

Dichten und Entdichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

51

Charaden des Trostes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

58

Eine Rose ist mehr als eine Rose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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5


Sein der Werte und Wert des Seienden . . . . . . . . . . . .

71

Die Stiftung objektiver Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

71

Geborgenheit im Schlechten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

76

Das objektiv Werthafte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

82

Man lebt, um lebendig zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

89

Immanenzverdichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

89

Seinsstimmung «Häuslichkeit» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

92

Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren . . . . . . . . . . . . . . .

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Seelenfrieden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Schmerz versteinerte die Schwelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Mancher auf der Wanderschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 All-Liebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Stupor ecstaticus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Jeder hat sein eigenes Tor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Dein Angesicht, Herr, will ich suchen . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Epilog: Leben, um nicht zu sterben? . . . . . . . . . . . . . . 129 Der Traum vom ewigen Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Der Albtraum vom ewigen Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Anmerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

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Prolog

Jenseits der höheren Dummheit Ich muss gestehen, dass ich mir vor Jahren kaum hätte vorstellen können, einen längeren Text zum Thema «Spiritualität» zu verfassen. Ich rede im Moment persönlich – wiewohl ich auch später noch an verschiedenen Stellen auf Persönliches zurückgreifen werde –, denn meine Abwehr gegen «das Spirituelle» teile ich mit nur wenigen. Trotzdem, meine Abwehr hatte gute Gründe … So dachte ich jedenfalls. Mir waren all jene Gurus und Gruppen, die unter den Bedingungen der Moderne und Postmoderne an der Verbreitung einer spirituellen Kultur arbeiteten, zutiefst verdächtig. Die ihnen zurechenbaren Praktiken, Techniken und Medizinen schienen mir Ausdruck einer Zeiterscheinung, die Robert Musil in einem volksbildnerischen Vortrag als die Bildungskrankheit seiner Zeit gegeißelt und mit dem Etikett der «höheren Dummheit» versehen hatte (Über die Dummheit, 1937). Er meinte damit, dass gerade den halbwegs gebildeten Schichten – Stichwort: Mittlere Reife –, welche die «gutbürgerliche» Welt von einst ersetzten, das Gespür dafür abhandengekommen war, wieweit ihr kompetentes Urteil in den verschiedenen Abteilungen des Lebens und der Wissensgebiete reichte. Der Aberglaube hatte sich ein neues Terrain erobert. Während man Horoskope in Hochglanzillustrierten konsultierte, ohne sie wirklich ernst zu nehmen (wie dies beispielsweise 7


noch der überaus gebildete Ernst Jünger getan hatte), hörte für viele beim Thema «Homöopathie» der Spaß bereits auf, von der Akupunktur und anderen Alternativtechniken des nunmehr guten Lebens, das sich häufig mit einer Aversion gegen alle «Chemie» verband, ganz zu schweigen. An die Stelle des Glaubens an approbierte Fachleute, «Experten», trat ein fast pseudoreligiöses Einverständnis mit allen selbsternannten Autoritäten, die uns mit fernöstlichem und esoterischem Wissen beglückten. Ich will diesen Komplex als «reine Spiritualität» markieren. In ihm steckt die Abwehr der Alltagsvernunft und ihrer Rationalisierungen, namentlich der Wissenschaft, sowie der alltagsgesättigten Praxis. Diese werden von den «Spirituellen» gerne als grobschlächtig, kurzsichtig und weltverfallen abgekanzelt. Reine Spiritualität, die Prägung meint: «rein» nicht im Sinne des positiven Wortgebrauchs in Kants Kritik der reinen Vernunft, sondern im Sinne der «unbefleckten Lehre» – was immer Letzteres an obskuren Zumutungen, Einstellungen und Aktivitäten beinhalten mag. Eine typische Pointe dabei ist folgende: Obwohl – um beim Mythos der Homöopathie zu bleiben – die Unwirksamkeit des Verdünnungsfurors an sich wirkungsloser Substanzen längst nachgewiesen ist, ändert das kaum etwas an der Attraktivität der Methode und ihrer fantasierten Effektivität gerade im Meinungsbild der einigermaßen gebildeten Schichten. Man wird sich – so die hochgemute Einstellung – doch nicht von «szientistischen» Kritikern (allesamt verdächtig, der konventionellen Pharmaindustrie zuzuarbeiten) ins Bockshorn jagen lassen! Hier wird die höhere Dummheit Musils agitatorisch; und sie ist, so scheint es, nicht auszurotten. Aber warum? Nun, die Kritikresistenz hat etwas mit dem Umstand zu tun, dass die alternativwissenschaftlichen Lehren und Praktiken in das Feld jenes quasimystischen Faszinosums 8


hineinreichen, das mit dem Etikett «Spiritualität» versehen wurde – also einer, im Musil’schen Sinne, «höheren» Form der «Geistigkeit», die sich der höheren Dummheit zugesellt und sie befördert. Womit ich endlich bei meinem Hauptargument gegen die moderne und postmoderne Kultur des Spirituellen wäre. Bei ihr handelt es sich, meines Erachtens, um eine verschleppte Form von Religiosität. Dahinter stecken fundamentale menschliche Bedürfnisse nach Mythen und Wundern, nach dem Außergewöhnlichen und Nichtalltäglichen. Dem entspricht das Verlangen, der Übertechnisierung, Ökonomisierung, Uniformität und Routinisierung der eigenen Lebensverhältnisse zu entkommen. Obwohl es mir fernliegt, derlei grundexistenzielle Belange gering zu achten, störte mich stets, dass viele Menschen heute, die eine gute Schulbildung genossen haben, akkurat die traditionell-religiösen Muster verachten, und zwar bloß, um sich auf «uralte Weisheitslehren» und Versatzstücke einer vulgarisierten Tiefenpsychologie einzuschwören. Dass diese nachweislich irrational sind, scheint einen gewichtigen Teil ihrer Faszination auszumachen. Statt in die Kirche zu gehen, geht man zum Esoterikspezialisten – nicht selten zugleich auch Erotiktrainer –, um den eigenen Körper die höheren Energien «reiner Spiritualität» spüren zu lassen, die in ihm schlummern. Mit anderen Worten: Ich glaubte, in dem Gerede über Spiritualität eine Form selbstverleugnender Religiosität zu erkennen – und damit einen Anschlag auf Immanuel Kants Forderung, sich der Aufklärung zu befleißigen, damit der Homo sapiens durch kritisches Nachfragen, Prüfen und Denken endlich der Falle «selbstverschuldeter Unmündigkeit» entkomme. Allerdings entging mir nicht – da ich seit Langem für einen Primat des Geistes plädiere, der sich gegen den physikalistischen Reduktionismus, Wissenschaftsfundamentalismus und materia9


listischen Naturalismus unserer Epoche richtet –, dass das Streben nach Spiritualität bereits unserer gewöhnlichen Lebensform tief eingesenkt ist, ob man es nun so sieht oder nicht. Und so möchte ich mit dem nachfolgenden Versuch, über transparente Dinge zu sprechen, jenen spirituellen Aspekt unseres Lebens hervorheben, den ich für unverzichtbar halte, solange wir uns als humane Wesen im Vollsinn des Wortes begreifen. Es heißt, dass wir spirituell leben, falls wir den Dingen der Welt auf eine sensible, ihre Natur anschaulich und tätig achtende, achtsame Weise begegnen. Dem stimme ich aus bedachter Überzeugung, mit Verstand und Herzen, zu. Dabei verwende ich das Wort «Kritik» nun durchaus positiv, nämlich im Sinne Kants als Prüfung, Analyse und Rechtfertigung dessen, was Spiritualität ihrem wahren Wesen nach im Gegensatz zum umlaufenden Spiritualitätsgerede sein sollte. Alles, was es verdient, «spirituell» genannt zu werden, begegnet uns im Vollzug eines anschauungsreichen Lebens bereits an den einfachen Alltagsdingen; in ihnen gewahren wir den Durchschein einer Geistigkeit, die uns erfüllt, während sie grundsätzlich über uns hinausreicht: Wir gewahren in ihr ein Moment der Wirksamkeit jenes Mysteriums, für welches im Mythos das unausschöpfbare Bild der Schöpfung steht – ein anschauungs- und stoffdichtes Gegenbild zu den körperschwindsüchtigen Auren und Energien der reinen Spiritualität. Abzuwehren gilt es demnach jene reinheitstotalitären Haltungen, die uns unter dem Deckmantel einer altehrwürdigen oder neuoffenbarten Weisheit mit der Weltapokalypse drohen, falls wir uns nicht rasch der «herrschenden Rationalität» entledigen. Die Rettung wird unserem Planeten gewiss nicht kraft einer «Geistigkeit» erwachsen, die aus einer Abkehr von all den mühsam erlernten Praktiken resultiert, die den Menschen erst in der Welt beheimaten.

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Vom Ewigen im Vergänglichen

Zweite Religiosität Oswald Spengler, dessen monumentales Werk Der Untergang des Abendlandes vor 100 Jahren erschien – 1918 wurde der erste Band bei Braumüller in Wien aufgelegt –, hatte einen scharfsichtigen Blick für unsere Zivilisation. Dabei handelt es sich freilich um eine Optik, welche im zivilisatorischen Prozess zugleich den Niedergang der kulturellen Hochform – laut Spengler der faustischen Seele des Okzidents – sieht. Dieser Niedergang macht vor dem Religiösen nicht halt. Spengler spricht von der Herausbildung einer «zweiten Religiosität», womit er das Aufkommen einer Vielzahl kleinreligiöser, sektiererischer, abergläubischer, neomythischer Glaubenslehren und Praktiken meint, die ihre Attraktivität wesentlich aus einer Mischung aus technophober Natur- und fernöstlicher Weisheitsmystik beziehen. Dazu gesellen sich die Spätformen des Romantischen. In der Musik triumphiert Richard Wagner, der in seinen Musikdramen, namentlich der Ring-Tetralogie, eine neue, ästhetische Religion stiften möchte. Um einiges später dann tritt der so ganz anders veranlagte Rudolf Steiner mit seiner Anthroposophie auf den Plan. Es soll noch einmal eine umfassende Sicht der Welt und des Lebens aus den Geist-Körper-Harmonien hervorgehen, die allüberall walten, von der Bodenbewirtschaftung über die eurythmische Bewegungskunst bis zu den heilen11


den Kräften höchstverdünnter Stoffe. Wenn man dieses teils marktschreierische, teils elitäre Gemisch an Künsten, Heilformen und Alternativpraktiken zusammennimmt, dann hat man ein schier unüberschaubares Kunterbunt vor Augen, das die Spiritualität unseres 21. Jahrhunderts maßgeblich prägt. Mit solcher Art zweiter Religiosität im Sinne Spenglers lässt sich in den westlichen Geldmetropolen ein Milliardengeschäft machen; dabei ist ihr, scheinbar paradox, zu eigen, dass sie nach außen hin gegen den schnöden Mammon, das Hochtechnische, die digitale, globalisierte, gleichgerichtete Zivilisationsdynamik auftritt. Es scheint, als ob eine tiefdringende «Verinnerlichung» und das ursprünglich Geistige unter den Bedingungen des Spätkapitalismus nur dort zum Blühen gebracht werden könnten, wo die weltweiten Kapitalflüsse einen entsprechenden Wohlstand generieren. Und wenn von Spiritualität die Rede ist, dann denkt man zugleich an Individualisierung, an das Selbstfindungsstreben und das Bemühen um permanente Neuerfindung seiner selbst. Was immer es mit diesen existenziellen Gemeinplätzen auf sich haben mag, sie sind den Ideologien im traditionellen Sinne eher abgeneigt und damit auch im besten Falle neutral gegenüber kollektiven Idealen wie Volk, Nation oder Gemeinwohl. Im Hintergrund dieser Enthaltsamkeit steht nicht selten die Vorstellung, dass erst eine umfassende Spiritualisierung des Erdballs den ewigen Frieden und die Harmonie zwischen dem Ganzen und dem Einzelnen, der Natur und dem Menschen zuwege brächte. Unklar bleibt freilich, wie ein solcher harmonischer Gesamtzustand der Menschheit konkret und politisch ausschauen könnte. Diese Ignoranz scheint indessen nicht schmerzhaft ins Bewusstsein zu dringen, geht es doch darum, im jeweiligen spirituellen Selbststreben – jener gehobenen Form des Eigennutzes – den ersten Schritt hin auf einen Wohl12


fühlhorizont, der alle und alles umfasst, ahnungsvoll unterstellen zu dürfen. Das unserer Zeit gemäße Phänomen der Spiritualität richtet sich, unter dem Vorzeichen der Individualisierung, gegen eine als rückschrittlich und repressiv empfundene Religionstradition, die auf unbeugsamen Dogmen, fraglosem Gehorsam und einer gottgewollten Hierarchie gründet. Das Fundamentalpostulat der modernen westlichen Spiritualität lautet demgegenüber: Der Geist weht, wo er will und wie er will; alle seine Bindungen sind insofern autonom, als sie der Egozentrizität des Einzelnen entstammen, mag das Resultat auch in der Unterordnung unter eine tyrannische Sektenregel bestehen. Manchmal gerät – so möchte man ironisch kommentieren – eben auch der freieste, luftigste Geist vom Regen in die Traufe … Grundsätzlich entzieht sich das Spirituelle, insofern es der individuellen «Wellness» dient, dem heilsgeschichtlichen Denken und Fühlen, das zurzeit einmal mehr eine zwielichtige Renaissance erfährt. Dessen Fortbestand erfordert ein Kollektivbedürfnis, welches, in meist verwilderter Form, auf dem politischen Massenterrain operiert. Es ist dort wenig vom Individuum und viel davon die Rede, dass der Einzelne wieder mit seinesgleichen zu einer nationalen Einheit zusammenfinden müsse – einer Einheit, die imstande sei, sich gegen den Andrang all der Fremden, die in unsere abendländische Welt hereinfluten, zur Wehr zu setzen. Die Selbstbezogenheit moderner Spiritualität – ihr Individualismus – ist dem Nationalisten und Vaterlandretter zuwider. Nun wissen wir aber aus der Geschichte des Faschismus, ob von rechts oder links, dass unter dem Druck einer endzeitlichen Erhitzung – der Dichter Gottfried Benn sprach nach 1945 bedauernd vom «Schicksalsrausch», dem auch er erlegen sei – eine besonders problematische Variante der Spiritualität entstehen mag. Angehöriger eines Volkes zu sein, erscheint dem 13


Volksgenossen, der Volksgenossin plötzlich als eine Art Wiedergeburt hin zur wahren Individualität, die aller individualistischen Dekadenz des bürgerlichen und, wie es heißt, «libertären» Lebensstils entsagt. Der Geist koaguliert gleichsam. Daraus erwächst eine Stimmung der Unbedingtheit, die im militanten Kulturwollen erst jene befreiend «seinstiefe» Spiritualität entdeckt, die ans Numinose grenzt. Dann wird der Einzelne vor dem heiligen Ganzen zu einem Fast-Nichts, das angesichts der Größe des nationalen Heils erzittert und sich zugleich zur Totalität eines Führertums unwiderstehlich hingezogen fühlt. Dem lutheranischen Religionsgelehrten Rudolf Otto zufolge ist eine solche Stimmung nicht nur radikal irrational; sie ist auch – so schrieb Otto in seinem einflussreichen Werk Das Heilige (1917) – typisch für das authentische Erleben des Göttlichen. Mit allem, was die Kontur des Westens und dessen demokratische Grundwerte charakterisiert, ist diese faschistoide Spiritualität – falls man die Wortkombination verwenden möchte – unvereinbar.

Schwesterlichkeit Wir alle sind keine Propheten. Deshalb dürfen wir nur vermuten, was das Phänomen «Spiritualität» für das 21. Jahrhundert bedeuten könnte, falls diese – unsere – Epoche nicht in einer Apokalypse endet, sei sie militärischer, ökonomischer oder ökologischer Art. Nichts ist unterdessen mehr auszuschließen. Doch nehmen wir an, dass der Geist nicht dem schieren, brutalen Überlebenskampf weicht – den Feuerstürmen eines neuen Weltkrieges oder anhaltenden Hungersbrünsten, verursacht durch Naturkatastrophen, kollabierende Märkte oder Ressourcenknappheit. Unter solch günstigen Vorzeichen würden der religiöse Mythos und die ihm zugeordnete Lebensform, die wir 14


aus der Geschichte kennen, vermutlich nur noch eine retroaktive Rolle spielen: Ihr Weiterbestehen ginge einher mit einer aggressiven Abwehrhaltung gegen alles, was den zivilisatorischen Fortschritt verkörpert. Die Idee einer Wiederbelebung vormoderner Denk- und Gefühlsmuster, welche die martialischen Gotteskrieger und ihre politischen Unterstützer favorisieren, wird überwiegend von Fortschrittsverlierern aufgegriffen und gegen alle scharfgemacht, welche auf Freiheit und selbstbestimmte Brüderlichkeit, oder besser: Schwesterlichkeit, setzen. Dabei wäre es schon ein kleines Zeichen lebendiger Spiritualität, wenn jenes Wort – Schwesterlichkeit – von Sprachtraditionalisten als zulässig angenommen und vom Korrekturprogramm meines Computers nicht rot unterwellt würde. Diese letzte Bemerkung gibt Anlass zu der Feststellung, dass es keinen nachhaltigen Raum der Spiritualität im 21. Jahrhundert geben wird, wenn in ihm nicht das epochale Prinzip der Gleichheit aller Menschen, keimhaft angelegt im urchristlichen Motiv der Gottesebenbildlichkeit – Imago Dei – als unverbrüchliche Leitlinie des Welthandelns gilt. Obwohl die Schubkräfte der Globalisierung den Gleichheitsgedanken praktisch befördern sollten, sind wir mittlerweile Zeugen einer verhängnisvollen Dialektik. Es scheint, als ob die Menschen eine Heimat nicht bei sich selbst, ihrem geistigen Wesen, sondern nur in der wechselseitigen Absonderung in Ethnien, Kulturen und Nationen finden wollten. Immerhin, dem Hang zur Freund-Feind-Politik steht der nachhaltige Gedanke eines Weltethos entgegen, wie er von dem katholischen Theologen Hans Küng populär gemacht wurde. Zugegeben, es handelt sich dabei bis auf Weiteres um eine regulative Idee, noch dazu eine, deren Vagheit im Einzelnen kaum zu bestreiten ist. Was der Begriff des Weltethos signalisiert, ist eine zutiefst spirituelle Sicht des Menschen, auch wenn er zunächst kaum 15


mehr als die goldene Regel («Was du nicht willst, dass man’s dir tu, das füg auch keinem andern zu») und einige gesinnungsethische Formeln umfasst. Dass alle Menschen an Würde und Rechten gleich seien, bringt, genau genommen, ein naturrechtliches Prinzip zum Ausdruck, welches sich nicht anders rechtfertigen lässt als metaphysisch. Unserer Vernunft ist ein Keim eingeboren, der, in seiner Entfaltung, mit der Evidenz einhergeht, dass es keine Menschen erster und zweiter und letzter Klasse gibt. Daraus folgt, bei rechter Betrachtung, eine kategorische Forderung, die bereits Immanuel Kant in aller Deutlichkeit erhob. Sie lautet, dass die Menschheit ein «Zweck an sich» sei, was bedeutet, dass kein Mensch im anderen bloß ein Mittel zum eigennützigen Zweck sehen darf. Alles menschliche Handeln muss sich an Regeln ausrichten, die für jedes Vernunftwesen, das den Sinn der Normierungen versteht, akzeptierbar sein sollten. Dass die Realität allen diesen Forderungen noch immer weitestgehend und fundamental widerspricht, sagt nichts über die Wahrheit einer weltethischen Sicht menschlicher Begegnungen im Kleinen wie im Großen aus. Denn das kritische Potenzial dieser Sichtweise bildet einen wesentlichen Teil der Spiritualität unserer Epoche, die über die angestammt religiösen Begründungsmuster begrenzter Lebenswelten hinausgewachsen ist. Allerdings müssen sich alle ethischen Programme fortan am Fortschritt unseres Wissens und der darauf fußenden Techniken orientieren. Eine Spiritualität, die gegen den wissenschaftlichen Fortschritt angehen wollte, würde bei einem zivilisatorischen Holocaust enden. Ein solcher könnte sich jedoch ebenso im Verfolg von Wissensprojekten einstellen, die dem wirtschaftlichen und militärischen Titanismus zuarbeiten. Entscheidender noch als die Entwicklung immer neuer Waffensysteme könnte dabei das «Spiel» mit dem Selbstumbau der menschlichen Gat16


tung werden – durch den Eingriff in das Genom. Dass sich derartige Eingriffe auf Dauer nicht verhindern lassen, wurde von chinesischen Wissenschaftlern bereits demonstriert. Und aus dem legendären Silicon Valley, Kalifornien, dringen Nachrichten, denen zufolge an der Ausschaltung von Genen gearbeitet wird, welche den Alterungsprozess steuern – mit dem Ziel, das menschliche Leben um ein Vielfaches zu verlängern. Endstation: Unsterblichkeit. An derartigen Möglichkeiten erkennt man Segen und Fluch des Wissens, man weiß nicht, welche von beiden Alternativen letztlich überwiegen wird. Ob der Selbstumbau der Menschengattung, der, im Auge des Philosophen, seit alters her vorschwebt und immer schon mit den verfügbaren Mitteln ins Werk gesetzt wurde –, ob diese intrinsisch humane Wirkquelle zum Guten oder Schlechten ausschlägt, zur Dämpfung menschlicher Aggressivität oder, beispielsweise, zur Züchtung einer neuen «Sklavenrasse» führt: das alles wird in Abhängigkeit von unserer spirituellen Einstellung geschehen, und zwar nicht nur unsere eigene Spezies betreffend, sondern gegenüber dem Ganzen, der Welt und dem Universum. Je mehr Einblick wir in die Struktur der Materie gewinnen, ob im Kleinsten oder im Größten, umso staunenswerter müsste dem menschlichen Geist die Ordnung, Komplexität, Tiefe und Untiefe jenes Seins werden, an dem auch wir, randständige Bewohner dieser Schöpfung – ich verwende das Wort ohne Umschweife –, teilhaben. Schon heute zeichnet sich ab, dass wir begreifen, wie wenig wir jemals in der Lage sein werden, so etwas wie eine Theory of Everything, eine «Weltformel», zu entwickeln. Denn je tiefer wir in die Geheimnisse des Seins eindringen, sei es mit unseren Teleskopen und Mikroskopen, sei es mit Hilfe von Teilchenbeschleunigern, desto deutlicher wird uns, dass wir in eine unausschöpfbare Fülle und Komplexität

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fassen, die sich mehr und mehr unseren Instrumenten und Begriffen entziehen. Zur Spiritualität des 21. Jahrhunderts gehört demnach auch, dass wir, jenseits traditioneller religiöser Kategorien, endlich erfassen, wie winzig unser Erkenntnisvermögen trotz des Umstandes ist, dass die Komplexität jedes einzelnen menschlichen Gehirns jener des Universums angeblich nicht nachsteht. Vor allem wird uns bewusst, dass unser naturwissenschaftliches Eindringen in die Tiefen der physikalischen Außenwelt und unserer eigenen zerebralen Mechanismen ein großes Geheimnis – vielleicht das größte Mysterium überhaupt – unberührt lässt: Wie konnte aus den Materienebeln des Anfangs, der gemäß der zurzeit bevorzugten Urknall-Theorie weit über 13 Milliarden Jahre zurückliegt, jemals so etwas wie Bewusstsein, also ein Erkenntnis- und Sensibilitätsmedium immaterieller Art, entstehen? Wie ist es möglich, dass ein neurophysiologischer Apparat wie unser Gehirn, dessen physikalische Beschreibung kein einziges mentales Prädikat enthält, Bewusstsein, Selbstbewusstsein und die damit verbundenen geistigen Aktivitäten hervorbringt? Solche Fragen führen in das fragwürdige Gebiet eines Primats des Geistes – ein Gebiet, das zumindest indirekt im anthropischen Prinzip des Kosmologen Brandon Carter angesprochen wird. Demnach sei, nach der starken Version des Prinzips, das Universum von Anfang an so beschaffen, dass es aufgrund seiner eigenen, ihm immanenten Dynamik einem geistigen Wesen zustrebt, welches in der Lage ist, makro- und mikrokosmische Prozesse zumindest äußerlich und fragmentarisch zu erkennen. Mit anderen Worten: Es gebe ein Initialziel – ja eigentlich das Ziel des Ganzen –, welches darauf angelegt sei, das Universum am Ende sich selbst erkennen zu lassen. Wenn wir also das anthropische Prinzip mit unseren wissenschaftlich-technischen Einsichten und der Einsicht in unsere schier unendliche Endlichkeit verbinden, dann ergibt sich ein 18


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