MONASTERIUM SANCTI GALLI herausgegeben von der Stiftsbibliothek und vom Stiftsarchiv St. Gallen
MONASTERIUM SANCTI GALLI 9
D E R S T. G A L L E R G L O B U S EIN KOSMOGRAPHISCHES MODELL DES TILEMANN STELLA Jost A. Schmid-Lanter
Verlag am Klosterhof St. Gallen Schwabe Verlag Basel 2019
Folgende Institutionen haben den Druck unterstützt: Stiftsbibliothek und Freundeskreis der Stiftsbibliothek St. Gallen Zentralbibliothek Zürich Schweizerisches Nationalmuseum Stadt St. Gallen Walter und Verena Spühl-Stiftung, St. Gallen Steinegg Stiftung, Herisau Dr. Fred Styger Stiftung , Herisau Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich im Herbstsemester 2018 auf Antrag von Prof. Dr. Martina Stercken und von Prof. Dr. Francisca Loetz als Dissertation angenommen.
DER ST. GALLER GLOBUS: EIN KOSMOGRAPHISCHES MODELL DES TILEMANN STELLA (Monasterium Sancti Galli; 9) St. Gallen: Verlag am Klosterhof, 2019 ISBN 978 – 3–905906 – 37 – 0 ISSN 1424 – 358X Basel: Schwabe Verlag, 2019 ISBN 978-3-7965-4066-0 © Verlag am Klosterhof, St. Gallen Bestelladressen: Stiftsbibliothek St. Gallen, Postfach, 9004 St. Gallen, Schweiz; stibi@stibi.ch Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Steinentorstrasse 11, 4010 Basel, Schweiz; info@schwabeverlag.ch. Gestaltung, Satz: TGG Hafen Senn Stieger, St. Gallen; Druck: Niedermann Druck AG, St. Gallen; Einband: Buchbinderei Grollimund AG, Reinach; Papier: Normaset Puro, 120 g/m2; Schrift: Rialto
FÜR FRANZISKA, HELENA, LUISA
V
INHALTSVERZEICHNIS VORWORT ....................................................................... XI 1 EINLEITUNG ..................................................................1 2 ALLGEMEINE BEOBACHTUNGEN .......................................7 2.1. Aufbau und Gestaltung ..................................................... 9 2.1.1. Bisherige Sicht ......................................................... 9 2.1.2. Besondere Merkmale .................................................13 2.1.3. Replik .................................................................. 16 2.2. Handhabung ................................................................ 23 2.2.1. Erdglobus ............................................................. 23 2.2.2. Himmelsglobus.......................................................24 2.3. Verkaufs-Vorschau .......................................................... 29 2.3.1. Auftritt aus der Versenkung ........................................ 29 2.3.2. Vergleich mit der Vorlage............................................ 31 2.3.3. Archivnotiz............................................................ 36 2.3.4. Ein image von Wissenschaftlichkeit ................................37 3 TRADITIONELLE KONZEPTION ........................................ 43 3.1. Ptolemäische Kosmographie .............................................. 45 3.1.1. Sphären ................................................................ 45 3.1.2. Astrologie und Kalender ............................................ 47 3.1.3. Ptolemäische climata ................................................ 52 3.1.4. Stützende Autoritäten ............................................... 56 3.2. Mirabilia .....................................................................60 3.2.1. Monstervölker ........................................................60 3.2.2. Exotische Landlebewesen ........................................... 74 3.2.3. Seeungeheuer ......................................................... 79 3.3. Geographische Wissenstraditionen .......................................86 3.3.1. Gerhard Mercator ....................................................86 3.3.2. Nordpolinseln ........................................................ 87 3.3.3. Terra Australis ........................................................88 3.3.4. Atlantikinseln......................................................... 91 3.3.5. Meroë und Taprobana ............................................... 95 3.3.6. Das Reich des Priesterkönigs .......................................101 3.3.7. Das Riphäengebirge ................................................107 VII
3.3.8. Winde ................................................................ 109 3.3.9. Ganges und Niger ...................................................112 3.3.10. Symbolik der Toponyme ........................................... 115 4 INNOVATIVE KONZEPTION ............................................119 4.1. Gedruckte Vorlagen ....................................................... 121 4.1.1. Neue Möglichkeiten ................................................ 121 4.1.2. Gerhard Mercator und Albrecht Dürer........................... 121 4.1.3. Olaus Magnus, Pieter Bruegel, Conrad Gessner .................122 4.1.4. Ein venezianischer Kupferstich ................................... 125 4.1.5. Schiffsdarstellungen ................................................128 4.1.6. Jost Amman und die Korbstreben ................................129 4.1.7. Mercator-Porträt nach Goltzius ................................... 137 4.1.8. Chytraeus-Porträt nach Stimmer ................................. 143 4.2. Kunstkammer als Kontext ...............................................146 4.2.1. Globus, Graphiken und Karten ...................................146 4.2.2. Armillarsphäre und Astrolabium .................................147 4.2.3. Altägyptische Gemme...............................................149 4.2.4. Medaille und Globuspokal ......................................... 152 4.3. Innovative Geographie.................................................... 159 4.3.1. Neues Weltbild ...................................................... 159 4.3.2. Neuer Nullmeridian ............................................... 160 4.3.3. «Protestantische Geographie» .....................................162 4.3.4. Beschreibungen von Entdeckungsreisen......................... 163 4.3.5. Neue Toponyme .................................................... 168 4.4. Dreidimensionale Kosmographie ...................................... 171 4.4.1. «Begreifen» des neuen Weltbildes ................................ 171 4.4.2. Die «Weltmaschine» ............................................... 174 4.4.3. Messen in drei Dimensionen ...................................... 178 4.4.4. Zwischen Wissenschaft und Theater ..............................182
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5 STELLA ALS KONZEPTEUR ...................................... 185 5.1. Ursprung in Schwerin .............................................. 187 5.2. Stella als Globenbauer ............................................. 190 5.3. Stella als Bibliothekar ...............................................192 5.4. Fertigstellung des Globus 1576 ....................................197 5.5. Spätere Aneignung und Verkauf ................................. 199 5.6. Stellas Globenprogramm ...........................................205 5.7. Ein Porträt von Stella .............................................. 209 6 EIN MODELL VON GELEHRSAMKEIT UND GESCHMACK .....211 7 ANHANG ................................................................... 229 7.1. Abkürzungen ........................................................ 231 7.2. Ungedruckte Quellen ............................................... 232 7.3. Gedruckte Quellen .................................................. 233 7.4. Literatur .............................................................. 235 7.5. Abbildungsnachweis ................................................247 7.6. Index der Orts- und Personennamen ............................ 249
IX
VORWORT Vor 13 Jahren rief mich mein damaliger Direktor zu sich ins Büro. Ich leitete erst seit wenigen Wochen die Kartenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Ein langjähriger Kulturgüterstreit zwischen St. Gallen und Zürich hatte gerade sein Ende gefunden, und es ging um die Umsetzung der friedensstiftenden Vereinbarung. Diese sah unter anderem die Schenkung einer Kopie des so genannten St. Galler Erd- und Himmelsglobus an die ehemalige Gegenpartei vor. Als zuständiger Fachreferent und Vertreter der Eigentümerin sollte ich mich in die Projektgruppe zur Replizierung des Globus einbringen. So hatte sich mein Globus-Mandat sozusagen von Beginn meiner Anstellung weg gleichsam in meinem Pflichtenheft verankert. Das Mandat erschöpfte sich nicht mit der Fertigstellung der hochwertigen Replik drei Jahre später. Denn anlässlich der Übergabe des neuen Artefakts unterzeichnete die Stiftsbibliothek St. Gallen zusammen mit dem Schweizerischen Nationalmuseum und der Zentralbibliothek Zürich eine «Absichtserklärung zur Weiterführung des Globus-Projekts». Als zentrales gemeinsames Projekt wurden darin «Forschungen zur Entstehung und Geschichte des Globus» angestrebt. Die fruchtbare Zusammenarbeit der drei Institutionen manifestierte sich unter anderem in einer von der Stiftsbibliothek finanzierten Radiographie und in einer vom Nationalmuseum durchgeführten Infrarotreflektographie. Die so entstandenen Bilddaten bildeten eine spannende neue Quellengrundlage. Dank meiner beruflichen Funktion wurde ich im Sommer 2015 in die Entdeckung eines bis dahin noch gänzlich unbekannten Abbilds des St. Galler Globus involviert. Es entpuppte sich für die historische Erforschung des St. Galler Globus als eine Art «Missing Link». Die genauere Datierung und Auswertung der Abbildung war mir allerdings erst möglich, nachdem die Replizierungsarbeiten bereits verschiedene interessante Beobachtungen und Befunde zutage gefördert hatten. Meine neue Hypothese, der St. Galler Globus sei von Tilemann Stella für den Herzog von Mecklenburg konzipiert worden, präsentierte ich noch im Herbst 2015 am Internationalen Symposium für Globenkunde in Dresden. Bis zur stringenten Beweisführung in Form einer Dissertation sollte es freilich noch drei Jahre dauern. Der Erfahrung aus meiner Erwerbsarbeit ist es ausserdem zu verdanken, dass ich verschiedene Drucke identifizieren konnte, die als Vorlage für zahlreiche Sujets und Abbildungen am Globus sowie an dessen Gestell dienten. Bereits meinem Vorgänger Dr. Hans-Peter Höhener gelang so die XI
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Zuweisung des Himmelskartenbilds am St. Galler Globus, und es ist in diesem Zusammenhang auch nicht weiter erstaunlich, dass das Erdkartenbild vor mehr als 100 Jahren ebenfalls von einem Kartenbibliothekar (der Bibliothèque Nationale in Paris) auf einen bekannten Druck zurückgeführt werden konnte. Aus der beruflichen Arbeit resultierte schliesslich auch ein internationales Beziehungsnetz mit diversen Experten,die im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit wertvolle Hinweise lieferten. Dafür bedanke ich mich vor allem bei Herrn Höhener, der mich – selbst auch nur indirekt informiert – über das noch in Privatbesitz befindliche Abbild des St. Galler Globus unterrichtete und mir grosszügig seine Notizen aus dem Stadtarchiv Konstanz zur Verfügung stellte. Im Schweizerischen Nationalmuseum waren mir Peter Wyer, Gaby Petrak, Jacqueline Perifanakis und Andrea Franzen behilflich. Aus dem Umfeld der Stiftsbibliothek und des Stiftsarchivs St. Gallen unterstützten mich vor allem der Fotograph Urs Baumann sowie die Handschriftenexperten Dr. Jakob Kuratli und Dr. Karl Schmuki. Letzterer half mir auch bei der Interpretation des Heiligenkalenders – zusammen mit Dr. Jan Lokers vom Stadtarchiv Lübeck. In der Zentralbibliothek Zürich danke ich dem Konservator Henrik Rörig sowie den Mitarbeiterinnen der Graphischen Sammlung für die Beratung bei der Analyse des neu entdeckten Globus-Abbilds. Auf dessen Rückseite gibt es eine lateinische Archivnotiz, deren Übersetzung der Altphilologe Bruno W. Häuptli verbesserte (woraus eine verblüffende Schlussfolgerung im Hinblick auf den Erhaltungszustand des Globus im 17. Jahrhundert resultierte). Daniel Minder gab mir wertvolle Erfahrungen technischer Art aus den Replizierungsarbeiten weiter. Klärende Diskussionen zu verschiedenen Beschriftungen am Meridianring führte ich mit Dr. Franz Mauelshagen, Dr. Florian Mittenhuber und Prof. Dr. Alfred Stückelberger. Im Nachgang des Globenkundesymposiums von Dresden waren es Stefano Rinaldi und Diederick Wildemann, die mich auf die Urheberschaft einer Schiffsdarstellung aufmerksam machten. Bei der Interpretation weiterer ikonographischer Details halfen mir PD Dr. Simone Michel-von Dungern, Prof. Dr. Evangelos Livieratos, Wolfram Dolz, Dr. Carsten Neumann und Dr. Elly Dekker. Herrn Wolfgang Fehlberg danke ich für das Teilen seines Expertenwissens rund um die Bibliothek Johann Albrechts I. von Mecklenburg und Ralf Weingart sowie seinem Team für den herzlichen Empfang im Schloss Schwerin. Die Diskussionen mit Prof. Dr. Gyula Pápay über die Auslegung biographischer Quellen zu Tilemann Stella waren zum Teil zwar kontradiktorisch. Es ist aber Herrn Pápays Verdienst, XII
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mir rasch zu einer Übersicht über die entsprechend vorhandene Quellenlage verholfen zu haben. Dr. Jürg Ackermann und Dr. Urban Schertenleib danke ich für ihre Freundschaft und das Korrekturlesen dieser Zeilen. Ohne die nachfolgend erwähnten Personen wäre die vorliegende Forschungsarbeit in dieser Form nicht möglich geworden: Nebst Prof. Dr. Francisca Loetz war es vor allem Prof. Dr. Martina Stercken, die die Arbeit fachlich eng begleitete. Sie lenkte meinen Blick stets auf den roten Faden der wissenschaftlichen Argumentation und holte mich in der Schlussphase «aus der Reserve». Schliesslich – aber nicht zuletzt – danke ich meiner Frau, dass ich die für dieses Werk notwendigen Ressourcen überhaupt aufbieten konnte, und meinen Töchtern, dass sie die Aufmerksamkeit ihres Vaters eine Zeit lang mit einem Globus teilten. Meinen grossen und kleinen Mädchen ist dieses Buch in Liebe gewidmet. Möge ihre Neugier nie erlahmen.
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1 EINLEITUNG Im Jahre 2001 liess die St. Galler Regierung mit einem Gutachten die prozessrechtliche Situation abklären, um allenfalls vor Bundesgericht gegen den Kanton Zürich vorzugehen. Die Forderung nach Rückgabe von Kriegsbeute – beziehungsweise von Raubgut – aus dem Zweiten Villmergerkrieg (1712) war von den Zürchern gerade definitiv abgelehnt worden. Das Angebot einer gemeinsamen Kulturgüter-Stiftung zur Erforschung der Objekte stiess in der Ostschweiz auf bitter enttäuschte Reaktionen seitens Behörden und Medien. Letztere sprachen jetzt von einem «Kulturkampf» oder von einem «Kulturgüterstreit», der an diesem Kulminationspunkt erst die Hälfte seiner gesamten Dauer hinter sich hatte. Fünf Jahre zuvor hatte sich der Zürcher Regierungsrat Markus Notter gemäss Tages-Anzeiger noch amüsiert, als er einen Brief auf seinem Pult fand, worin der Kanton St. Gallen die «Rückgabe eines 400-jährigen Globus sowie rund 100 alter Schriftstücke forderte».1 Doch als der Regierungsrat dann seiner St. Galler Amtskollegin Kathrin Hilber gegenübersass und sich einen Scherz erlaubte, erntete er nur starre Blicke: Die Angelegenheit war ernst. Sie dauerte nicht nur wenige Monate, wie von beiden ursprünglich angenommen, sondern zehn Jahre bis sie beigelegt wurde. Der Konflikt wurzelte in einer konfessionellen und politischen Auseinandersetzung: Die reformierten Stände Bern und Zürich besetzten im Zweiten Villmergerkrieg das Kloster St. Gallen und führten etliche Kulturgüter ab, darunter nebst dem Globus auch zahlreiche Handschriften. Während die Berner nach Friedensschluss die Kriegsbeute vollständig retournierten, behielten die Zürcher besagten Globus und einen Teil der Handschriften zurück; der Kulturgüterstreit zwischen Zürich und St. Gallen keimte. Während der Jahrhunderte war die Differenz meistens nur latent vorhanden, und zwischendrin flammte sie für kurze Zeit auf, bis im März 1995 der damals stellvertretende Leiter der Stiftsbibliothek Karl Schmuki mit einem Leserbrief wieder auf die in Zürich verbliebenen Kulturgüter hinwies und den Auftakt zur letzten und heissesten Phase des Streits gab. Der St. Galler Kantonsrat griff den Leserbrief auf, woraufhin der Anspruch auf Rückgabe gegenüber Zürich offiziell erneuert wurde. Das folgende Ringen zwischen den Parteien verlief ausserordentlich zäh. Die Differenzen zwischen den beiden Nachbarkantonen sind vor dem Hinter1
Tages-Anzeiger vom Dienstag, 16. Januar 2007, S. 15.
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EINLEITUNG
grund der sozialen Bedeutung der umstrittenen Kulturgüter zu verstehen. Insbesondere dem im Verhältnis zu den anderen Dokumenten sehr fotogenen Globus wurde eine starke Medienpräsenz zuteil. Durch die mediale Begleitung des emotional geladenen Ringens gewann das Exponat im Landesmuseum Popularität. Die Teleobjektive fokussierten oft auf das Wappen des Fürstabtes am Globuskorb – als Quelle der Identität für die Einen. An die mit den fürstlichen Insignien Ende 1595 markierten Besitzverhältnisse knüpften die St. Galler vierhundert Jahre später an, als sie die in Zürich verbliebenen Gegenstände zurückforderten: Die identitätsstiftenden Kulturgüter sollten ins Ensemble des Unesco-Weltkulturerbes Stiftsbezirk zurückgeführt werden. Diese Forderung wurde dem Argument der juristischen Verjährung entgegen gehalten. Als 2001 keine einvernehmliche Lösung mehr möglich schien, rief St. Gallen den Bund schliesslich nicht als Richter, sondern als Vermittler an. Der Bundesrat (nämlich Pascal Couchepin) sollte in dieser Art zum ersten Mal in seiner Geschichte zwischen zwei Kantonen einen Ausgleich herbeiführen. Dank dieser Begleitinstanz und nach weiteren 18 Sitzungen einigten sich die Parteien im Mai 2006 schliesslich: Die gesamte Kriegsbeute sollte im Eigentum der Stiftung Zentralbibliothek Zürich bleiben. Es wurden jedoch rund 40 mittelalterliche Handschriften bis mindestens 2044 an die Stiftsbibliothek St. Gallen ausgeliehen. Der Globus aus dem 16. Jahrhundert verblieb an seinem Standort im Schweizerischen Nationalmuseum, doch verpflichtete sich Zürich, dem ehemaligen Gegner St. Gallen eine originalgetreue Kopie davon zu schenken. Die Fertigstellung der Replik 2009 steigerte das öffentliche Interesse am Globus zusätzlich. Die gewachsene Neugierde offenbarte sich nicht nur in der medialen Berichterstattung, sondern auch im regen Zulauf anlässlich von Ausstellungen und Podiumsdiskussionen. Die Medien hoben den identitätsstiftenden Charakter der einst umstrittenen Kulturgüter mehr oder weniger explizit hervor.2 Zumindest beim Globus lässt sich diese Eigenschaft anschaulich nachvollziehen: Denn ausser dem Wappen des Fürstabtes von St. Gallen zeugt auch die monumentale Erscheinung von vergangener Grösse. Deshalb avancierte der fotogene Globus zu einer Art Ikone des Kulturgüterstreits. Erstaunlich aber erscheint, dass über diesen so prominenten «St. Galler Globus», seine Herkunft und seine Bedeutung nur wenig bekannt war und ist. 2
Siehe zum Beispiel ebd.
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EINLEITUNG
Eine historische Untersuchung des Objekts drängte sich also auf. Globen sind seit geraumer Zeit Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung, die sich «mit dem Globus als spezifische kartographische Ausdrucksform, mit seiner Geschichte sowie seiner Stellung im soziokulturellen Kontext» befasst.3 In diesem Rahmen lässt sich der St. Galler Globus mit den Waldseemüller-Globen (1507), dem Globus des Johannes Schöner (1520), dem Brixener Erdglobus (1523), den Globen Gemma Frisius’ (1535), Gerhard Mercators (1541) und Philipp Apians (1576) vergleichen.4 Die Doyenne der Globenkunde Elly Dekker hat etwa Ähnlichkeiten des Galler Globus mit dem kombinierten Erd- und Himmelsglobus von Gemma Frisius (1508 – 1555) gesehen.5 Wie es seit über hundert Jahren übliche Praxis ist, werden ihre Forschungen zur Globenentwicklung und zu den Globenbauern hauptsächlich von einem technischen Fokus und einer chronologischen Beschreibung bestimmt. Zugleich wird die Globenentwicklung eng an die von der Entdeckungsgeschichte abhängige Entwicklung des Kartenbildes gekoppelt: «The voyages of discovery had a great impact on globemaking, as is well illustrated by the development of the maps of the terrestrial globe.»6 Ein vergleichbarer Ansatz lässt sich auch bei den Kartenhistorikern beobachten, die sich bisher genauer mit dem St. Galler Globus befasst haben. In erster Linie sahen sie in ihm ein selbsterklärendes Objekt, das durch ein Studium des Kartenbildes und vor allem seiner Fortschrittlichkeit technikgeschichtlich verortet werden soll.7 Weder aber wurde der St. Galler Globus wissenschaftlich eingebettet, noch konnte seine Herkunft überzeugend geklärt werden. Als Globenbauer wurden etwa Gerhard Mercator, der Konstanzer Apotheker Lucas Stöckli und eine Werkstatt in Augsburg vorgeschlagen.8 Die letztgenannte, von Franz Grenacher nahe gelegte Hypothese ist
3 Zit. Mokre, Geschichte, S. 221: Definition der Internationalen Coronelli-Gesellschaft für Globenkunde; vgl. Allmayer-Beck, Modelle der Welt (1997); Mokre, Rund um den Globus (2018); Dekker, Globes in Renaissance Europe (2007). 4 Kohler, Welterfahrungen, S. 273 – 274. 5 Dekker, Globes in Renaissance Europe, S. 147. 6 Zit. ebd., S. 136. 7 Vgl. die Untersuchungen von Gabriel Marcel (1899); Franz Grenacher (1961); Erwin Poeschel (1961), Hans-Peter Höhener (1989); Karl Schmuki (2009/2014). 8 Vgl. Marcel, Mission Géographique (1899); Poeschel, Globus (1961); Grenacher, St.-Galler Globus (1961).
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EINLEITUNG
am meisten rezipiert worden.9 Hans-Peter Höhener gibt zwar zu bedenken, dass für die «Augsburg-These» keine beweiskräftigen Dokumente vorliegen.10 Doch hat seine Publikation Grenachers Autorität in dieser Frage dauerhaft untermauert. Zementiert wurde damit die Vorstellung, dass Augsburg der Herstellungsort des Globus sei.11 In der Folge wurde die Verwendung eines norddeutschen oder niederländischen Heiligenkalenders am Horizontring einer mutmasslichen Augsburger Werkstätte zugewiesen.12 Mit Höheners Beitrag hat sich auch die Bezeichnung «St. Galler Globus» für den Zankapfel im Kulturgüterstreit zwischen Zürich und St. Gallen durchgesetzt, die auch in der vorliegenden Arbeit verwendet wird. Angesichts des breiten Publikumsinteresses am St. Galler Globus und der gleichzeitig offenen Fragen zu seiner Herkunft und zur technikgeschichtlichen Einbettung macht die folgende Untersuchung dieses Artefakt erstmals ausführlicher und als Ganzes zum Gegenstand einer Analyse. Ziel ist es, die technischen Spezifika des Erd- und Himmelsglobus zu untersuchen, die bildlichen und schriftlichen Elemente auf dem Globus zu entschlüsseln und zu bewerten, um auf diese Weise Aufschlüsse über die Konzeption und den Herstellungskontext zu gewinnen. Die Analyse der technischen Besonderheiten kann an den bisherigen Beobachtungen der Globusforschung angesetzt werden. Diese fokussierten vor allem auf das Himmels- und das Erdkartenbild.13 Die Entdeckung der Vorlage für die von Hand gezeichnete Weltkarte ergab für den Zeitpunkt der Fertigstellung des Globus einen vorläufigen terminus post quem. Die Untersuchungen sollen aber gerade im Hinblick auf die Funktionalität des Instruments im soziokulturellen Kontext erweitert werden. Deren Aspekte sind bisher noch nicht in die Bewertung des Artefakts eingeflossen. Analysiert werden sollen vor allem die Erscheinung als Ganzes, die konkrete Handhabung (mithilfe der Replik) und ein neu entdecktes Abbild des Globus auf Pergament. Die so dargestellten funktionalen Qualitäten sollen Folgerungen im Hinblick auf die ursprüngliche Konzeption ermöglichen.
9 Vgl. Höhener, St.Galler Globus (1989); Schmuki, St.Galler/Zürcher Globus (2014). 10 Höhener, St.Galler Globus, S. 60. 11 Vgl. zum Beispiel Brunnschweiler, Präsentation, S. 7; Rohrbach, Martina und Beat Gnädinger (Hg.): Der Zürcher Globus – Projekt Globus-Replik 2007 – 2009, Dokumentation. Zürich 2009. 12 Schmuki, Heiligenkalender, S. 45 – 46. 13 Höhener, St.Galler Globus (1989); Marcel, Mission Géographique (1899).
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EINLEITUNG
Angenommen wird, dass von der innovativen Energie der Konzeption des Globus auf den Wissenshorizont des Konzepteurs rückgeschlossen werden kann. Die Erschliessung des Zeichensystems knüpft an dem in den vergangenen Jahrzehnten entwickelten kulturgeschichtlichen Zugang zu kartographischen Darstellungen an. Damit werden Karten nicht nur als Darstellungen der Welt und ihrer Beschaffenheit wahrgenommen, sondern auch als Teil einer Schrift- und Bildkultur und Ausdruck komplexer kognitiver Prozesse.14 Karten werden als Konstitutionen und Aneignungen von Raum, als Präsentationsformen und Ordnungen von Wissen über physische und soziale Welten, als Zeichensysteme und bildliche Traditionen begriffen. Wesentliche Impulse für diese Betrachtungsweise sind von den Überlegungen des Kartenhistorikers John Brian Harley seit den 1980er Jahren ausgegangen, der Karten als vielschichtige semiotische und hochgradig politische Gebilde verstand. Zugleich sind ältere Überlegungen zur Herrschaftsikonographie von der Globenkunde aufgegriffen worden.15 Die Entdeckung von Parallelitäten zwischen der Landschaftsmalerei und der Kartenproduktion des 16. Jahrhunderts haben darüber hinaus auf die engen Wechselbeziehungen zwischen Bildern und kartographischen Darstellungen aufmerksam gemacht.16 Im Hinblick auf die Bewertung des Zeichensystems am St. Galler Globus sind schliesslich die Überlegungen zu den Innovationen im 16. Jahrhundert relevant. In diesem Kontext wurde vor allem über die Bedeutungen von «neu» und «alt» sowie über die symbolische Kommunikation nachgedacht.17 Ausgehend von neueren Überlegungen zum Entstehungskontext kartographischer Darstellungen wird vermutet, dass der monumentale St. Galler Globus in einem herrschaftlichen Umfeld entstanden ist. Dabei wird dem Phänomen des «gebildeten Herrschers» im 16. Jahrhundert nachgegangen, der offenbar nicht nur in den südlichen Teilen des lateinischen Europas, sondern auch im Norden anzutreffen ist.18 Gleichzeitig wird nach den 14 Stercken, Herrschaft verorten, S. 7. 15 Schramm, Sphaira, S. 3 – 20; dazu Dekker, Globes in Renaissance Europe, S. 157. Zur politischen und sozialen Bedeutung von Globen im 16. Jahrhundert vgl. auch Michalsky, Karten, S. 15 – 16. 16 Michalsky, Wissen, 36 – 37; Dies., Medien, S. 329. 17 Kampmann, Neue Modelle im Alten Europa (2012). Tagungsband zu einem Kolloquium in Marburg 2009; Stollberg-Rilinger, Symbolische Kommunikation (2003). 18 Müller, Wohnstätten, S. 87; Roeck, Morgen der Welt, S. 683 – 702; Kampmann, Einleitung, S. 7 – 8.
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EINLEITUNG
gelehrten Künstlern gefragt, die seit einiger Zeit im Fokus der Forschung stehen.19 Gezeigt wurde insbesondere, dass sich das Phänomen des «gebildeten Herrschers» im Heiligen Römischen Reich als Innovation unter dem Einfluss eines «Südwinds» verbreitete. Nicht selten strebten Herrschaftsträger selbst nach dem humanistischen Ideal des gelehrten Künstlers. Sie holten Kunstschaffende und Gelehrte an ihre Residenzen. Diese entfalteten sich zu neuen Kristallisationskernen von Kultur und Wissenschaft. Umgekehrt sahen sich gelehrte Künstler von den frühneuzeitlichen Höfen angezogen, weil dort nicht nur ein Auskommen, sondern auch ein intellektuelles Klima lockte. In der Erschliessung des Zeichensystems am St. Galler Globus soll die Berücksichtigung der Aspekte von Gelehrsamkeit und Herrschaft deren charakteristische Wechselbeziehung aufdecken, um wiederum weitere Hinweise auf den Entstehungskontext zu erhalten. Die Forschungsresultate in Bezug auf den Herstellungskontext, die Datierung und die Konzeption ermöglichen schliesslich die Einbettung in den technikgeschichtlichen Kontext und eine Neubewertung des Artefakts.
19 Roeck, Gelehrte Künstler (2013); Chassagnette, Savoir géographique (2018).
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