GGG Neujahrsblatt 198
Stefan Hess Die Suche nach dem Stadtgründer
Die Suche nach dem Stadtgründer
Im Spätmittelalter kursierten zu den Anfängen Basels ganz unterschiedliche Geschichten. Die meisten gingen davon aus, dass die Stadt in der Antike gegründet worden sei – zur Zeit der Römer oder bereits viel früher, unmittelbar nach der Sintflut. Alle diese Erzählungen waren keineswegs spekulativ, sondern folgten damals anerkannten Regeln zur Erzeugung von Sinn und Wahrheit. Als sich diese im 16. Jahrhundert veränderten, breiteten sich neue Konzeptionen zu den Ursprüngen Basels aus. In deren Mittelpunkt stand nun für lange Zeit der römische Feldherr und Politiker Lucius Munatius Plancus. Dieses Buch beleuchtet alle nachweisbaren Ursprungsgeschichten und zeigt, wie sie stets mit bestimmten Ansprüchen für ihre Gegenwart verbunden waren. Manche dieser Erzählungen wirkten bis in die heutige Zeit: Noch 1957 wurde die Gründung der Colonia Raurica im Jahr 44 vor Christus in Basel zum Anlass genommen, das 2000-Jahr-Jubiläum der Stadt zu feiern.
SCHWABE VERLAG www.schwabeverlag.ch
ISBN 978-3-7965-4102-5
GGG_198_UG_P_FILE.indd Alle Seiten
11.10.19 11:24
auf dieser letzten Seite verwendet werden.
Das Signet des Schwabe Verlags ist die Druckermarke der 1488 in Basel gegründeten Offizin Petri, des Ursprungs des heutigen Verlagshauses. Das Signet verweist auf die Anfänge des Buchdrucks und stammt aus dem Umkreis von Hans Holbein. Es illustriert die Bibelstelle Jeremia 23,29: «Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeisst?»
GGG_198_IH_P_FILE.indd 1
08.10.19 09:53
GGG_198_IH_P_FILE.indd 2
08.10.19 09:53
Stefan Hess Die Suche nach dem Stadtgründer Spätmittelalterliche Ursprungsmythen in Basel und ihre neuzeitlichen Nachfolger
198. Neujahrsblatt für das Jahr 2020 Herausgegeben von der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel
Schwabe Verlag
GGG_198_IH_P_FILE.indd 3
08.10.19 09:53
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: s. Abb. 22, S. 139 Lektorat/Korrektorat: Doris Tranter Umschlaggestaltung: Claudiabasel Layout: Claudiabasel Satz: Claudiabasel Druck: Die Medienmacher AG, Muttenz, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-4102-5 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
GGG_198_IH_P_FILE.indd 4
08.10.19 09:53
Zum Geleit
Im November letzten Jahres hat die langjährige Präsidentin des GGG Neujahrsblattes, Doris Tranter, ihr Amt abgegeben. Zum Abschied überreichte sie mir ein gut gefülltes und sorgsam geschnürtes Paket, bestehend aus einer enorm kompetenten und darüber hinaus auch noch sehr netten Redaktionskommission und einem in der Planung schon weit fortgeschrittenen weiteren Neujahrsblatt. Besonders freute ich mich darüber, dass mit Dr. Stefan Hess ein profunder Kenner der Basler Geschichte als Autor gefunden worden war. Sein Buch über ‹Basler Gründungsmythen› erlaubt uns Leserinnen und Lesern einen neuen Blick auf die Geschichte Basels zu werfen. Wer schreibt Geschichte und weshalb ist sicherlich eine sehr aktuelle Frage, in Anbetracht dessen, dass zurzeit eine umfangreiche neue Basler Stadtgeschichte entsteht. Die Kommission dankt Stefan Hess dafür, dass er uns mit diesem sehr schön geschriebenen und sorgfältig recherchierten Text in die bisher noch unerforschte Welt der Mythen mitnimmt. Franziska Schürch (Präsidentin der Kommission zum GGG Neujahrsblatt)
5
GGG_198_IH_P_FILE.indd 5
08.10.19 09:53
GGG_198_IH_P_FILE.indd 6
08.10.19 09:53
Vorwort des Autors
Die Recherchen zur vorliegenden Arbeit erfolgten zu einem wesentlichen Teil bereits vor 2003 im Rahmen eines Dissertationsprojekts über den Personenkult als Mittel der Herrschaftslegitimation am Beispiel der Stadt Basel, das ich jedoch zugunsten einer Doktorarbeit im Fach Kunstwissenschaft aufgab. Die damals bereits ausformulierten Kapitel konnte ich in der Zwischenzeit in überarbeiteter, teilweise gekürzter Form als Aufsätze in Katalogen und Zeitschriften veröffentlichen.1 Das zu den spätmittelalterlichen Gründungsmythen und zur ‹Aneignung› des römischen Feldherrn Munatius Plancus zusammengetragene Material bildete im Januar 2008 die Basis eines Vortrags vor der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel.2 Die Redaktionskommission des Neujahrsblatts der GGG hat mir nun freundlicherweise die Möglichkeit geboten, die bereits vorhandenen Texte und Exzerpte zu einem Ganzen zusammenzufügen und innerhalb dieser altehrwürdigen Publikationsreihe zu veröffentlichen. In den Text eingearbeitet ist auch die seit 2003 erschienene Forschungsliteratur. Den folgenden Ausführungen seien noch zwei Lesehinweise vorangestellt: Die vorliegende Arbeit handelt vorwiegend von Männern – namentlich bekannten und anonymen, historisch belegten und fiktiven. Wenn daher im Text nur die männliche Form verwendet wird, dann sind effektiv auch nur Männer gemeint. Die Quellentexte sind gegenüber den Manuskripten beziehungsweise den verwendeten Editionen grundsätzlich buchstabengetreu wiedergegeben. Zugunsten der besseren Lesbarkeit werden allerdings abweichend von den Vorlagen – ausser bei durchgängiger Grossschreibung – konsonantisches U durch V (also civis statt ciuis) und vokalisches V durch U (urbs statt vrbs) ersetzt. Zudem sind die in den Quellen verwendeten Kürzel ganz ausgeschrieben und fehlende Satzzeichen ergänzt. Bei der Erarbeitung dieser Abhandlung habe ich von verschiedener Seite Hilfe erfahren: Für Hinweise und Auskünfte oder die Durchsicht von Teilen des Manuskripts sei Wolfgang Loescher und Dr. Michael Matzke, beide Historisches Museum Basel, Dr. Ariane Mensger, Kunstmuseum Basel, Dr. Tomas Lochman, Antikenmuseum Basel, Daniel Schmutz, Bernisches Historisches Museum, André Salvisberg, Archiv der Christoph Merian Stiftung, Rea Köppel, Liestal, und Christoph Matt, Birsfelden, gedankt. Zu danken habe ich ebenso Dr. Peter Litwan, 7
GGG_198_IH_P_FILE.indd 7
08.10.19 09:53
Basel, für seine fachmännische Hilfe beim Übersetzen lateinischer Quellentexte. Dank schulde ich zudem Andreas Fischer und Tabea Molliné, Archäologie und Museum Baselland, Dagmar Bargetzi und Marco Bernasconi, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt, Susanne Schenker, Augusta Raurica, Irma Riedinger, Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Dr. Max Plassmann, Historisches Archiv der Stadt Köln, Daniel Suter, Historisches Museum Basel, Yvonne Sandoz, Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt, Annika Baer, Kunstmuseum Basel, Silvia Strasser, Museum für Kommunikation in Bern, Kurt Strässle, Post CH AG, Cathleen Walther, Rheinisches Bildarchiv in Köln, Dr. Hermann Wichers, Sabine Strebel und Alexandra Tschakert, Staatsarchiv Basel-Stadt, Benedicta Erny, Universitätsbibliothek Basel, Dr. Roland Krischel, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, und Roland Kupper, Basel, für ihre Hilfe bei der Bildrecherche und Bildbeschaffung sowie für die Erteilung der Reproduktionsgenehmigung. Besonders bedanken möchte ich mich bei Jiri Oplatek von Claudiabasel für die gediegene Gestaltung des Buchs und vor allem der Neujahrsblattkommission der GGG für das gewährte Vertrauen. Dr. Elfriede Belleville Wiss, Dr. Noah Regenass und die jetzige Präsidentin Dr. Franziska Schürch haben zudem das Manuskript kritisch durchgelesen und verschiedene Verbesserungsvorschläge eingebracht. Mein abschliessender Dank geht an Doris Tranter, die noch in ihrer Zeit als Kommissionspräsidentin die Veröffentlichung dieser Arbeit befördert und ihr später als Lektorin den letzten Schliff verpasst hat.
8
GGG_198_IH_P_FILE.indd 8
08.10.19 09:53
GGG HMB StABS UB, HSS
Abkürzungen
1
Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel Historisches Museum Basel Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt Universitätsbibliothek Basel, Handschriftensammlung
2
Hess 1998a; Hess 2001; Hess 2002; Hess 2004; Hess 2011; Hess 2015. In einem frühen Projektstadium veröffentlichte ich zudem einen Artikel zur Entdeckung des Munatius Plancus, der später in leicht erweiterter Form auch in eine Anthologie aufgenommen wurde (Hess 1997a; Hess 2000).
9
GGG_198_IH_P_FILE.indd 9
08.10.19 09:53
GGG_198_IH_P_FILE.indd 10
08.10.19 09:53
Inhaltsverzeichnis
13
Einleitung
19
I
Städtische Gründungsmythen im Spätmittelalter
27
II
Der ‹namengebende› Stadtgründer Basilius
45
III
Die Anfänge der Stadt in der römischen Königszeit
51
IV
Die Verknüpfung mit der Trierer Gründungssage
59
V
Basel-Augst als Keimzelle des Abendlandes
71
VI
Die Überlagerung verschiedener Gründungskonzeptionen
77
VII
König Heinrich I. und Kaiser Heinrich II. als (Neu-)Gründer der Stadt
85
VIII
Humanistische Spurensuche
91
IX
Die Entdeckung von Munatius Plancus als Gründer von Augusta Raurica und seine Aneignung in Basel
119
X
Die Abwertung des Munatius Plancus im 17. und 18. Jahrhundert
131
XI
Die Munatius-Plancus-Rezeption nach 1800 und neuere Konzeptionen zu Basels Frühgeschichte
155
XII
Quellen
169
XIII Anhang
171 193 199
GGG_198_IH_P_FILE.indd 11
Quellen- und Literaturverzeichnis Personenregister Bildnachweis
08.10.19 09:53
GGG_198_IH_P_FILE.indd 12
08.10.19 09:53
Einleitung
1777 wurde die GGG vom aufklärerischen Geschichtsphilosophen Isaak Iselin und weiteren gleichgesinnten Baslern als ‹Gesellschaft zur Aufmunterung und Beförderung des Guten und Gemeinnützigen› gegründet. Seither hält sie das Andenken an die Gründerväter hoch und fühlt sich den Idealen der Gründungszeit verpflichtet. Bereits 1813 bestellte der Vorstand beim Nidwaldner Bildhauer Josef Maria Christen eine Marmorbüste von Iselin, die im damaligen Versammlungszimmer der GGG aufgestellt wurde und sich heute im Vorraum zum Zunftsaal und dem Vorgesetztenzimmer zur Schmiedenzunft befindet. 1891 wurde im Schmiedenhof, dem nunmehrigen Domizil der Gesellschaft, eine von Alfred Lanz aus Bern entworfene Statue Iselins aufgestellt.3 Noch heute sieht sich die GGG in einer ungebrochenen Tradition zu ihrem prominentesten Gründer und beruft sich in ihrem Leitbild ausdrücklich auf die Statuten von 1777. Mit dieser Vergegenwärtigung der eigenen Gründung steht die GGG nicht alleine da. Die meisten Kulturen kennen solche Ursprungsgeschichten, die darauf angelegt sind, Gemeinwesen, Institutionen und Familien eine unverwechselbare Identität sowie einen Gewinn an Ansehen und Einfluss zu verleihen. Sie dienen der Selbstvergewisserung und der Selbsterhöhung und können innerhalb der Gruppe, in der sie rezipiert werden, auch Gemeinschaft stiften. Der Ägyptologe Jan Assmann zählt solche Erzählungen zur ‹fundierenden Erinnerung›: Diese «stellt Gegenwärtiges in das Licht einer Geschichte, die es sinnvoll, gottgewollt, notwendig und unabänderlich erscheinen läßt».4 Eine wesentliche Funktion von Ursprungserzählungen besteht darin, Legitimität zu vermitteln, Besitz und besondere Rechte zu sichern, Ansprüche zu begründen und Probleme zu bewältigen: Ein möglichst weit zurückliegender Gründungsakt soll den gegenwärtigen Zustand in ein epochenübergreifendes Kontinuum stellen, ihn damit unantastbar machen und für alle Zukunft gewährleisten.5 Bei Gemeinwesen oder jahrhundertealten Institutionen bleibt dieser Gründungsvorgang – anders als bei der GGG – häufig diffus. In diesem Fall handelt es sich um Mythen, verstanden als nicht verbürgte Erzählungen, mit denen Gruppen unterschiedlicher Grösse ihre Weltanschauung sinnfällig machen.6 Der Ausgangspunkt einer solchen Erzählung «beruft sich auf eine mythische Konstellation, auf den übermächtigen Anfänger, setzt die Zeit außer Kraft, indem er gegenüber gewachsenen historischen Ansprüchen […] die Legitimation noch für spätere Generationen liefert».7 Es handelt 13
GGG_198_IH_P_FILE.indd 13
08.10.19 09:53
sich also stets um eine ‹Tatsachenermittlung›, die von gegenwärtigen Bedürfnissen und damit von Rückprojektionen geprägt ist. Schon Jacob Burckhardt betonte in seiner Vorlesung ‹Über das Studium der Geschichte› den konstruktiven Charakter «aller Betrachtung der Anfänge» und sah darin «bloße Reflexe von uns selbst».8 Da aber gemäss Jan Assmann jede Gemeinschaft «nach Dauer strebt, tendiert sie dazu, Wandlungen nach Möglichkeit auszublenden und Geschichte als veränderungslose Dauer wahrzunehmen».9 Die Zeit, die zwischen dem Gründungsakt und der Gegenwart liegt, ist daher – um mit dem deutschen Geschichtsphilosophen Hermann Lübbe zu sprechen – nur insofern von Interesse, als es zu zeigen gilt, «wie es gelang, trotz aller Widrigkeiten und trotz aller Machenschaften Dritter am stiftenden Willen festzuhalten».10 Solche auf Sicherung immaterieller Güter angelegten Gründungskonzeptionen sind meist weniger gegen aussen als nach innen gerichtet: Sie wurden in der Regel nicht als ‹Waffe›11 eingesetzt, sondern – um auf der metaphorischen Ebene zu bleiben – eher als Stärkungs- und Beruhigungsmittel. Oder wie es der Schweizer Schriftsteller Carl Spitteler in Bezug auf das Idol Gottfried Keller formuliert hat: «Es wird helfen, wenn wir die Hilfe nicht nötig haben. Haben wir überhaupt Hilfe nötig, dann hilft auch das nicht.»12 Obwohl es bei der Suche nach dem Ursprung immer auch darum geht, sich der eigenen Unverwechselbarkeit zu versichern, liegen den Gründungsmythen meist stereotype Erzählmuster zugrunde. Häufig kommt es zur «Ansippung oder Anlagerung an andere Überlieferungskomplexe»13, was der eigenen Konzeption Glaubwürdigkeit und Autorität verleihen soll. Da die Vergangenheit laufend von aktuellen Bedürfniskonstellationen, «von den sich wandelnden Bezugsrahmen der fortschreitenden Gegenwart her reorganisiert»14 wird, sind viele Ursprungserzählungen eher kurzlebig, denn eine Gemeinschaft muss sich ihrer Identität angesichts schleichender oder abrupter Wandlungen, neuer Probleme und Krisen immer wieder neu vergewissern und dabei häufig auch – wenigstens teilweise – neu definieren. Mit den Leitideen verändert sich zugleich das Geschichtsbild, was zur absichtsvollen Traditionssetzung, zu neuen Vorstellungen des eigenen Ursprungs führen kann. Gründungsmythen sind – zumindest im europäischen Mittelalter – meist nicht auf Breitenwirkung angelegt; sie zielen «gar nicht auf das, was man öffentliche Meinung nennt […]. In aller Regel sind die fraglichen Geschichten nur im Besitz und im Kenntnisbereich einer ganz kleinen Gruppe nachzuweisen».15 Für die zum Teil mit weitreichenden Autonomierechten ausgestatteten Städte im Heiligen Römischen Reich, die ihre mühsam erworbenen ‹Freiheiten› ständig gegen die Ansprüche von Landesfürsten oder des Kaisers verteidigen mussten, stellten Gründungsmythen eine Möglichkeit dar, einem von den Eliten der Stadt oft selbst empfundenen Makel, nämlich dem Defizit an Legitimität und Rechtssicherheit, entgegenzuwirken. Für Basel lassen sich über ein halbes Dutzend unterschiedliche spätmittelalterliche Ursprungskonzeptionen nachweisen. Diese sind allerdings nicht alle am 14
GGG_198_IH_P_FILE.indd 14
08.10.19 09:53
Rheinknie selbst entstanden, sondern stammten teilweise von auswärtigen Autoren. Letztere waren aber mit den lokalen Verhältnissen sehr gut vertraut und stimmten ihre Ursprungsgeschichten jeweils auf die lokale Überlieferung ab. Insgesamt decken die bekannten Ursprungsmythen zu Basel fast das gesamte Spektrum von Verfahren ab, welche die mittelalterliche Chronistik für die Schilderung der Gründungsvorgänge von Städten nördlich der Alpen bereithielt: die vielfach etymologisch begründete Berufung auf biblische oder römische Gründerväter, die Beanspruchung von mittelalterlichen Herrschern oder Heiligen für diese Rolle sowie die Adaption der ursprünglich auf Trier bezogenen Trebeta-Sage. Die hier vorgestellten ‹Basler› Gründungsmythen liegen alle schon seit Jahrzehnten in Editionen vor, sie sind aber in der Basler Geschichtswissenschaft mehrheitlich noch kaum zur Kenntnis genommen worden. Dies hängt sicher teilweise damit zusammen, dass sie in Basel selbst zur Entstehungszeit nur einer Elite bekannt waren und daher auch nie Gegenstand des mündlich überlieferten Erzählguts wurden.16 Hier sollen nun alle nachweisbaren Ursprungserzählungen erstmals gemeinsam vorgestellt, analysiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Im Vordergrund stehen dabei folgende Fragen: Aus welchen Denkmustern resultierten die einzelnen Mythen? Welche Funktionen waren ihnen zugedacht? Wie plausibel wirkten sie auf die Zeitgenossen? Wieweit folgten sie damals anerkannten Erkenntnisregeln? In welchen Zusammenhängen konnte ein einzelner Mythos Geltung beanspruchen und in welchem Kontext blieb er wirkungslos? Wie verhielten sich die einzelnen Gründungsmythen zueinander? In welcher Weise hat Basels spezifische Stellung im ausgehenden Mittelalter als Bischofsstadt, in welcher der Kirchenfürst einen grossen Teil seiner weltlichen Rechte eingebüsst hatte, die Ausgestaltung von Ursprungserzählungen beeinflusst? Und was veranlasste auswärtige Autoren, sich mit den Anfängen Basels auseinanderzusetzen? Der zweite Teil dieser Arbeit widmet sich dem durch den Humanismus hervorgerufenen Wandel in der Vergangenheitsbetrachtung. Dieser führte in Basel zur Überlagerung der bisherigen Gründungsmythen durch neue Ursprungskonstruktionen, die den veränderten Anforderungen an Plausibilität besser entsprachen. Eine zentrale Stellung erhielt dabei der römische Feldherr und Politiker Munatius Plancus, auf dessen Bedeutung für die Region als Erster der Elsässer Humanist und Philologe Beatus Rhenanus hinwies. Dieser ersten inschriftlich nachgewiesenen neuen ‹Gründerfigur› wurde bereits wenige Jahre nach ihrer Entdeckung ein prominenter Platz im kulturellen Gedächtnis der Stadt zugewiesen: Plancus übernahm im Zuge der Reformation wichtige Funktionen im kommunalen Sinnhaushalt, die vorher andere, mittlerweile obsolet gewordene Gründerväter und sonstige identitätsstiftende Protagonisten erfüllt hatten. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verlor jedoch auch diese historische Referenzfigur für die städtischen Machteliten ihre identitäts15
GGG_198_IH_P_FILE.indd 15
08.10.19 09:53
stiftende Funktion. Im Unterschied zu den spätmittelalterlichen Gründerfiguren verschwand Munatius Plancus aber nie vollständig aus dem kulturellen Gedächtnis der Stadt. Dank seiner visuellen Präsenz im Rathaushof behielt er vielmehr bis ins 21. Jahrhundert seine Rolle als Symbolfigur, auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden konnte, selbst wenn von ihr keine legitimierende Wirkung mehr ausging. Derweil zwangen die im Lauf des 20. und frühen 21. Jahrhunderts auf dem Stadtgebiet ergrabenen frühen Siedlungsspuren die Althistoriker und Archäologen17, ihre Hypothesen zu den Anfängen Basels immer wieder zu revidieren. Dabei kann festgestellt werden, dass sie – wohl unbewusst – mehrfach auf Deutungsmuster zurückgriffen, die bereits im Spätmittelalter oder in der Frühen Neuzeit aufgekommen waren. Im abschliessenden Kapitel sind alle bekannten Quellen zu den spätmittelalterlichen Gründergestalten sowie Zeugnisse zur Aneignung von Munatius Plancus in Basel zusammengestellt. Alle lateinischen Texte und eine frühneuhochdeutsche Quelle sind zudem in modernes Deutsch übersetzt.
16
GGG_198_IH_P_FILE.indd 16
08.10.19 09:53
3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17
Wanner 1975, S. 56–59; Janner 2015, S. 46–48, 56, 60f. Assmann 1997, S. 79. Vgl. Assmann 1999b, S. 43; Graf 2001; Rehberg 2004; Bernsen/Becher/Brüggen 2013. Vgl. Ott 1993. Friedrich 2013, S. 189. Burckhardt 2000, S. 135. Assmann 1997, S. 40. Lübbe 2012, S. 170. Vgl. Althoff 1996, S. 26. Spitteler 2019, S. 344. Graf 2001, S. 27. Assmann 1997, S. 41f. Althoff 1996, S. 32. Dies gilt auch für solche, die in moderne Sagensammlungen Aufnahme fanden. Vgl. Keckeis 1986, S. 35f.; Gerber 2006, S. 7–11. Frauen haben erst seit den 1990er-Jahren einzelne Beiträge zum Thema veröffentlicht.
17
GGG_198_IH_P_FILE.indd 17
08.10.19 09:53
GGG_198_IH_P_FILE.indd 18
08.10.19 09:53
I GGG_198_IH_P_FILE.indd 19
08.10.19 09:53
GGG_198_IH_P_FILE.indd 20
08.10.19 09:53