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Wer hat die «Renaissance» erfunden – und damit einen Boom ohnegleichen ausgelöst? Die Frage stellt sich heute mehr denn je: «Renaissance» ist das Markenzeichen für Filme, Serien und Videogames mit viel Sex and Crime, kühnen Egomanen und deren ebenso ruchlosen wie erhabenen Taten. Volker Reinhardt geht der Entstehung des Begriffs von den ersten, tastenden Versuchen bis zur vollen Entfaltung bei Jacob Burckhardt nach. Dessen Werk «Cultur der Renaissance in Italien» ist, wie Reinhardt ausführlich darstellt, nicht Resultat einer strengen Quellenanalyse, sondern das literarisch funkelnde, mit emotionalen Leitmotiven versehene Werk eines GeschichtsRomanciers, der damit seiner eigenen Zeit das ersehnte Gegenbild einer von den zivilisatorischen Zwängen der Gegenwart freien Vergangenheit schuf und so zu einem der grossen Mythenbildner des 19. Jahrhunderts wurde. Wie grundlegend die Forschung dieses Bild der Renaissance revidiert hat, wird anhand ausgewählter Schlüsselbeispiele aufgezeigt. Abschließend geht es deswegen um die Frage, ob «Renaissance» mit einem stark reduzierten Bedeutungsspektrum für historische Entwicklungsphasen des frühneuzeitlichen Europas heute noch sinnvoll ist. Volker Reinhardt ist emeritierter Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Er veröffentlichte mehr als 30 Monographien, zuletzt Rousseau. Auf der Suche nach der verlorenen Natur. Eine Biographie (2026). Reinhardt erhielt 2013 den Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung, 2020 den Preis der Kythera Kultur-Stiftung.

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Ergibt «Renaissance» heute noch Sinn?

Ergibt «Renaissance» heute noch Sinn?

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Volker Reinhardt

Ergibt «Renaissance» heute noch Sinn? Eine kritische Bilanz aus der Sicht des Historikers

Volker Reinhardt

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Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen

Band 46

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Volker Reinhardt

Ergibt «Renaissance» heute noch Sinn? Eine kritische Bilanz aus der Sicht des Historikers

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Die Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen wurden im Rahmen der Römer-Stiftung Dr. René Clavel begründet von Dr. iur. Dr. phil. h. c. Jacob Frey-Clavel.

Direktorium: Prof. Dr. Caroline Arni · Prof. Dr. Gunnar Hindrichs Prof. Dr. Ralph Ubl

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2027 Direktorium der Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen, Universität Basel, und Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Direktoriums der Jacob Burckhardt-Gespräche und des Verlags in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ist untersagt. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Korrektorat: Anna Jung, Berlin Satz: textformart, Daniela Weiland, Göttingen Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Printed in Germany Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5714-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5715-6 DOI 10.24894/978-3-7965-5715-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

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Inhalt I.

Die traurige Beliebigkeit eines Begriffs

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II.

Michelet und die «Renaissance» in Frankreich     13

III. Burckhardt und die Verlegung der «Renaissance» nach Italien     17 IV. Dämonisierung und Demaskierung, zur Methode erhoben     25 V.

Die Cultur der Renaissance im Licht der Forschung     33

VI. Die Lebenskraft des Mythos     39 VII. Epilog: Alter Begriff, neuer Sinn?     45

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I. Die traurige Beliebigkeit eines Begriffs Wörter haben ihre Schicksale. Sie können aus ideologischen Gründen zu Unwörtern erklärt und verbannt werden, aber sie können auch an inflationärem Gebrauch zugrunde gehen. Das härteste Schicksal aber besteht darin, durch massenhafte undifferenzierte Verwendung zu einer leeren Hülle, zu einem beliebig abrufbaren Füllmaterial für eitel aufgeblähte Prunkdiskurse abzusinken, und genau dieses grausamste aller Schicksale hat das Wort «Renaissance» bei seiner Anwendung auf die Geschichte in ihrer Gesamtheit, also als Begriff für einen bestimmten Zeitabschnitt, für eine «Epoche», mit wahrhaft unbarmherziger Wucht getroffen.1 Dabei werden die elementarsten Vorgehensweisen und Prinzipien jeder Form von Wissenschaftlichkeit verletzt, die darin bestehen, einen Schlüsselterminus vor seiner Benutzung erst einmal genau zu definieren, und zwar durch Ein- und Abgrenzung, 1

Es geht hier also nicht um die Aussagekraft oder Unbestimmtheit von «Renaissance» als Terminus für Stilentwicklungen in den bildenden Künsten. Die darüber geführte Debatte kann hier ausser Acht bleiben, da solche Paradigmenwechsel ohne Relevanz für gesamthistorische Prozesse sind – in diesem Sinne von einer «Epoche» des Impressionismus oder Expressionismus zu sprechen, verbietet sich von selbst. Vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen den von mir im Februar 2002 bei der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften gehaltenen Vortrag: Jacob Burckhardt und die Erfindung der Renaissance. Ein Mythos und seine Geschichte, Bern 2002, dessen Motive hier weiterentwickelt und in neue Kontexte gestellt werden. Zitate aus Burckhardts Cultur der Renaissance in Italien werden in Form von Angaben zu Abschnitten und Kapiteln wiedergegeben, um ein Nachschlagen in den zahlreichen alten und neueren Ausgaben zu ermöglichen; die wissenschaftlich massgebliche Edition: Jacob Burckhardt, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 4: Die Cultur der Renaissance in Italien, München / Basel 2018.

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Datierung, Auffüllung mit Merkmalen und Unterscheidungen der damit verbundenen Aussagen. Merkwürdigerweise scheint das selbst für ansonsten streng auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards pochende Vertreter und Vertreterinnen der Geschichtswissenschaft eine überflüssige Übung zu sein – Versuche, den Terminus «Renaissance» unter all diesen Aspekten auf den Prüfstand zu stellen, über Sinn oder Unsinn seines Gebrauchs zu diskutieren, ihn zu einem verbalen Präzi­sionsinstrument zu machen oder aber mit derselben Tiefenschärfe zu verwerfen, gibt es so gut wie nicht.2 Alle Bestrebungen, Historiker und Historikerinnen mit den Forschungsschwerpunkten auf Jahrhunderten, die für eine sinnvolle Verwendung des Begriffs potenziell infrage kommen würden, zu einem Symposium zu versammeln und dort Argumente über die Tauglichkeit bzw. Untauglichkeit des Renaissance-Begriffs zu diskutieren, stossen – so viel sei hier aus meiner persönlichen Erfahrung beigegeben – auf Desinteresse: Abwinken ist die vorherrschende Reaktion. Dahinter steht eine unausgesprochene, aber unerschütterliche Überzeugung, die da lautet: Eine Debatte darüber, ob es eine «Renaissance», wohlgemerkt verstanden als historische Epoche, in Europa gegeben hat, erübrigt sich, weil alle wissen, dass es sie gab und was damit gemeint und bezeichnet ist. Und über Selbstverständlichkeiten braucht man nicht zu sprechen. Um zu belegen, dass das nicht stimmt, dass ein solcher Konsens ex silentio also schlichtweg nicht besteht, genügt schon ein Blick auf die Datierungen: «Renaissance» ist bis heute in stetigem zeitlichem Ausgreifen begriffen, anders ausgedrückt: eine extrem expansive Grösse; in sich wissenschaftlich verstehenden

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Im Gegensatz zum genauso problematischen Begriff «Barock»: Vgl. Markus Christopher Müller (Hg.), Doing Baroque. Interdisziplinäre Zugänge zum Barock als Praxis, Wien 2025, speziell den kritischen Kommentar von Barbara Stollberg-Rilinger S. 169–174.

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Neu­erscheinungen ist der unter «Renaissance» subsumierte Zeitraum, nimmt man die Eckpunkte der frühesten Anfangszeiten und der spätesten Abschlussjahre, inzwischen auf stolze vierhundert Jahre von 1300 bis 1700 angewachsen.3 Für welchen Ausschnitt aus diesem Maximalzeitraum man sich dann für die eigene Darstellung der Renaissance entscheidet, erinnert ans Zoomen bei der Fotografie. Ob man sich mit einem Jahrhundert begnügt oder ob es wie an der Käsetheke im Supermarkt zwei oder drei Jahrhunderte sein dürfen – erlaubt und gängig ist in dieser Hinsicht alles, und zwar ohne nähere Begründung. Auch das Anheben-Lassen und Enden-Lassen der Renaissance ist ein beliebtes Spiel geworden, das manchmal sogar – um einen Begriff aus dem Eishockey zu benutzen – auf einen sudden death hinauslaufen kann, zum Beispiel, wenn Historiker die Renaissance mit dem Sacco di Roma, der Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen im Mai 1527, jäh untergehen lassen.4 Dass «Renaissance» nichts Naturgegebenes, sondern ein ­äusserst fragiles, extrem anfechtbares, bei näherer Betrachtung zu Verflüchtigungen neigendes, im höchsten Masse von der Kultur, der Mentalität, der Atmosphäre seiner Entstehungszeit, der Mitte des 19. Jahrhunderts, eingefärbtes Konstrukt ist, tritt demgegenüber überall zurück. Ob die «Renaissance» als historische Epoche nun eine Findung oder Erfindung ist – lassen wir das Schlussurteil einstweilen noch offen –, eines steht unverrückbar fest: Unabhängig vom wissenschaftlichen Sinn oder Unsinn ist «Renaissance» eine der erfolgreichsten Wortprägungen über-

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A titre d’exemple für die Ausdehnung in den historischen «Rückraum» des 17. Jahrhunderts: Manfred Pfister, Englische Renaissance. ­Shakespeare & Company, Berlin 2025; Ramie Targoff, Shakespeares Schwestern. Wie Frauen die Renaissance schrieben, Berlin 2026. Vgl. Volker Reinhardt, Blutiger Karneval. Der Sacco di Roma 1527 – eine politische Katastrophe, Freiburg im Breisgau 2024.

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haupt. Wer als erster diesen Begriff in diesem Sinne verwendet hat, hat damit eine kulturelle Revolution ausgelöst, denn er hat bei der europäischen Bildungselite zerebrale und emotionale Erschütterungen ausgelöst und mentale Schleusen geöffnet. Warum? Nun, die kürzeste Antwort lautet: Weil er diesem Publikum gegeben hat, wonach es sich inständig gesehnt hat und bis heute lechzt. Das ist ein Erfolg, auf den Historiker gemeinhin niemals hoffen dürfen, vor allem nicht mit seriöser Wissenschaft. Denn dieser Erfolg bestand darin, der Gegenwart nicht nur eine einleuchtende und zum eigenen Handeln motivierende Gliederung der Vergangenheit vermittelt zu haben, sondern darüber hinaus eine neue Sicht der Welt und des Menschen und damit ein Lebensgefühl, ein Ideal, ein Lebensziel aufzuzeigen. Weiterhin ganz unabhängig von seinem wissenschaftlichen Wert oder Unwert ist «Renaissance» bis heute ein Markenlabel, das alle Produkte, denen es aufgeklebt wird, zu Verkaufsschlagern macht: Ein historischer Roman, ein Film, ein Fernsehspiel, eine Streaming-Serie, ein Videogame, in dessen Titel «Renaissance» vorkommt, verspricht sinnliche Genüsse, eine Kombination aus Sex and Crime, Spannung, Schönheit, Verworfenheit, Ruchlosigkeit, und das alles mit dem Anspruch: So war es wirklich! Nach dieser ein wenig polemisch gehaltenen Einleitung soll es um einige bereits mehr oder weniger angerissene oder gestreifte Hauptfragen und -aspekte gehen. Die wichtigsten von ihnen lauten: Wie und durch wen kommt der «Begriff» Renaissance in die Welt, und was sagt er im Moment seiner Entstehung aus? Daran anknüpfend: Was bleibt im Licht von mehr als anderthalb Jahrhunderten nachfolgender Forschung von diesen ursprünglichen Begriffsbestimmungen bestehen? Danach, Vergangenheit und Gegenwart verbindend: Warum trifft das so entworfene Bild der Renaissance den Nerv der Zeit, genauer: den Nerv der Zeiten, nämlich den Nerv der Entstehungszeit und den Nerv unserer Zeit? Warum ist das 21. Jahrhundert renaissance­ 10

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verliebt wie kaum eine andere Zeit, warum lässt sich unsere Gegenwart ihre «Renaissance» nicht nehmen? Und schliesslich, als Versuch zu retten, was noch zu retten sein könnte: Ergibt eine geographische Differenzierung nach dem Muster «Renaissance» in einem Land ja, im anderen nein, Sinn?

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II. Michelet und die «Renaissance» in Frankreich Zur Genese des Epochenbegriffs «Renaissance» zuerst! Seine französische Form erklärt sich durch sein erstmaliges Auftauchen im Werk des französischen Historikers Jules Michelet zu Beginn der 1840er-Jahre.5 Als glühender Nationalist und Liberaler verlegte Michelet diese «Wiedergeburt» der Zeit und ihrer Kultur nach Frankreich. Gewiss, Italien hat vorgearbeitet, und diese Vorarbeit ist bewunderungswürdig: In Brunelleschis Florentiner Domkuppel ist die Architektur der Antike nicht nur wiedergeboren, sondern weit übertroffen worden, in Michelangelos Fresken der Sixtinischen Kapelle tritt der Mensch erhabener als je zuvor auf, in den Dichtungen Polizianos wird die Grazie eines Catull wiederbelebt und verfeinert – und so weiter. Und doch ist all diese Blüte der Kunst und Kultur im Land ihrer Entstehung für Michelet zu einem letztlich folgenlosen Absterben verurteilt, weil sie die Sache einer kleinen Elite bleibt und nicht in die Nation als ganze eindringt, geschweige denn diese ergreift und veredelt: «Das Volk, das in der Lage gewesen wäre sie [= die Neuerungen der Renaissance] zu tragen, war noch nicht geboren worden.»6 Vor diesem sang- und klanglosen Untergang bewahrt wird laut Michelet das, was in Italien durch die Wiederbelebung der Antike und ihre glanzvolle Weiterentwicklung geschaffen worden ist, durch einen kairos, einen Glücksfall der Geschichte. Von ­Michelet poetisch formuliert heisst das: Der, dem das Schick5 6

Zu Michelet als Historiker sehr emphatisch: Eric Fauquet, Michelet ou la gloire du professeur d’histoire, Paris 1990. Jules Michelet, Histoire de France, Bd. 7, Paris 1855, S. 382.

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sal sein lächelndes Antlitz zeigen wird, wird über die Zukunft ­Europas entscheiden: «Zu welcher Seite wird sich die menschliche Seele hinneigen? Wem wird die Renaissance also gehören? Wer wird aus den alten Göttern wiedergeboren auferstehen? Die Natur wird der Schiedsrichter sein.»7 Dieser Siegespreis aber geht nach Frankreich. Denn just zu dem Zeitpunkt, an dem die neue Kultur in Italien alt zu werden und zu welken beginnt, wird sie ab 1515 auf das noch ganz traditionelle, aber im Gegensatz zu Italien junge, lebenskräftige, in Saft und Kraft stehende, nach Neuem gierende Frankreich Franz I. übertragen: «Wenn dort auch die Ideen noch nicht erleuchtet sind, so gibt es dort doch die Menschen dafür; denn dort ist eine neue Menschheit geboren worden, die Augen hat zu sehen und eine glühende, nach Neuem begierige Seele besitzt.»8 Und dort, in diesem Land der Aufnahme, der mystischen Kultur-Befruchtung und Kultur-Empfängnis, vollzieht sich dann das eigentliche Verwandlungswunder der Renaissance, der Wiedergeburt, in seiner grandiosen Totalität: Aus den Versatzstücken einer isolierten Kultur der Eliten entsteht jetzt im vor Jugendlichkeit nur so strotzenden Frankreich schlagartig etwas Ganzheitliches, denn ein neuer Mensch, der seitdem immer wieder beschworene Mensch der Renaissance, tritt in die Welt: laut Michelet veredelt, geläutert von den abergläubischen Verformungen des Mittelalters, bereit zum Aufbruch in eine neue, die Welt mit neuen, aufnahmebereiten Augen wahrnehmende und neu erschliessende bessere und vor allem humanere Zukunft. «Renaissance» ist für Michelet eine affaire du cœur, da sie den Charakter, das Wesen des Menschen für immer verwandelt und damit Weichen für eine Zukunft stellt, die bis in die Gegenwart reicht. So waren die Revolutionen der Jahre 1830 und 1848 für den Liberalen Michelet logische Fortsetzungen dieser Initial­ 7 8

Ebd. Ebd.

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