Nicht nur ein trockenes Wörterbuch
Nicht nur ein trockenes Wörterbuch
Heinrich Löffler war von 1975 bis 2004 Professor für Germanistik an der Universität Basel mit den Spezialgebieten Sprachgeschichte, Dialekte, Namenforschung, Soziolinguistik und Medien. 2005 erhielt er den Konrad-Duden-Preis.
HEINRICH LÖFFLER (HG.)
Fünf Jahre nach dem Erscheinen des Glossariums nähern sich zum ersten Mal Vertreter verschiedener Fachdisziplinen mit dem Blick von aussen diesem einzigartigen Werk. Sprengs Bemühen war, ein Wörterbuch nach den Regeln der geltenden Lexikographie zu verfassen, das verschiedenen Ansprüchen gerecht werden soll, nicht zuletzt auch dem der Interessantheit und guten Lesbarkeit auch für ein nichtfachliches Publikum. Wie das gelungen ist, aber auch, wo die Grenzen gelegen haben, zeigen die einzelnen Beiträge auf.
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HEINRICH LÖFFLER (HG.)
Erst 250 Jahre nach seinem Entstehen ist das Allgemeine deutsche Glossarium erschienen. Was für ein Wörterbuch wollte Johann Jakob Spreng schaffen? Hält das Werk, was Werbetext und Originaltitel versprechen? Weil Vorwort und Einleitung fehlen, müssen heutige Benutzer das selbst herausfinden.
Nicht nur ein trockenes Wörterbuch Studien zu Johann Jakob Sprengs Allgemeinem deutschen Glossarium
Heinrich Löffler (Hg.)
Nicht nur ein trockenes Wörterbuch Studien zu Johann Jakob Sprengs Allgemeinem deutschen Glossarium
Schwabe Verlag
Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Abbildung Umschlag: Bildnis J. J. Spreng und Text: © Universitätsbibliothek Basel Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Gestaltungskonzept: icona basel gmbh, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, Stroh Designagentur, Oldenburg Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: Satzpunkt Ursula Ewert GmbH, Bayreuth Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Printed in Germany Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5677-7 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5678-4 DOI 10.24894/978-3-7965-5678-4 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Norbert Richard Wolf Lexikographische und lexikologische Wanderung mit Raststationen im ‚Summarium‘ Johann Jakob Sprengs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Ludwig M. Eichinger Ein Glossarium zum Deutschen. Was einem begegnet, wenn man auf das Spreng’sche Glossarium trifft . . 73 Stefan Zimmer Zu den Celtica in J. J. Sprengs Glossarium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Heinrich Löffler Sprengs Glossarium als Studienwörterbuch an der Schwelle zur Germanistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Paul Hübscher Ein „Liebhaber schöner Wissenschaften“ spaziert durch ein 250 Jahre altes Wörterbuch und findet Köstlichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . 253 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
Vorwort
Das Allgemeine deutsche Glossarium von Johann Jakob Spreng ist im Jahr 2022 zum ersten Mal gedruckt erschienen, gut 250 Jahre nach seiner Entstehung. Die sieben Bände wurden von der medialen Öffentlichkeit und auch der Wissenschaft mit Staunen und Begeisterung, aber auch mit fragenden Blicken zur Kenntnis genommen. Die Fülle der gut hunderttausend Stichwörter machte die heutigen Benutzer erst einmal sprachlos. Man fühlte sich fast verloren in den Wortgefilden, die sich nach keiner Richtung hin, weder zeitlich noch räumlich, eine Grenze setzen wollten. Erste Aufmerksamkeit erfuhren heute seltsam anmutende und wohl auch damals schon auffällige Wörter („Wortschönheiten“).1 Um welche Art von Wörterbuch es sich handelte, blieb vorerst offen. Vom Autor erfuhr man dazu kaum etwas. Anstelle eines Vorworts beschreibt er das Werk in der Einladung zur Vorbestellung in wenigen Zeilen: Mit Einem Worte, man wird alles anwenden, daß das vorgeschlagene Werk nicht nur ein trokenes Wörterbuch abgebe, sondern mit annemlichen und merkwürdigen Anzügen durchaus versehen, und nicht nur den Sprachforschern, sondern überhaubt auch allerley Gelehrten, Standspersonen, Kanzleybeamten, und Liebhabern schöner Wissenschaften nützlich und gleichsam unentbärlich werde.2
Um den einen oder anderen Zugang zu entdecken, haben die Transkribenten in zwei Begleitbänden die Beobachtungen aller Art, die sich während des Abschreibens angesammelt hatten, publiziert. Gabriel Schaffter rekonstruierte in Verzettelte Wortwelten3 die Arbeitsweise des Autors, sowohl was die Technik 1 2 3
Vgl. Fink 2021. (s. Literaturverzeichnis Beitrag Löffler) Spreng 2023, 1 f. Hervorheb. durch den Vf. Schaffter 2023.
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Vorwort
der Zettelwirtschaft als auch den Umgang mit den Quellen und Vorgängerwerken betraf. Im Band Johann Jakob Spreng und sein Allgemeines deutsches Glossarium von Heinrich Löffler und Suzanne de Roche4 findet man eine ausführliche Biographie des Autors samt seinem Umfeld und Beobachtungen und Bemerkungen zum Glossar, die sich aus der unmittelbaren Nähe des eigenhändigen Abschreibens ergeben hatten. Mehr als ein erster Augenschein konnte das nicht sein. Dabei war nicht zu übersehen, dass die Begeisterung der Erstbenutzer und die Empathie mit dem vom Glück nicht verwöhnten Autor einen distanzierten Umgang mit dem ‚Jahrhundertfund‘ nicht einfach machten. In dem jetzt vorliegenden Band melden sich Autoren zu Wort, die bis auf den Schreibenden an den Editionsarbeiten nicht beteiligt waren und deshalb keine vorgefassten Empathien haben konnten. In unterschiedlicher Weise versuchen sie, sich dem historischen Fund zu nähern. Eine Möglichkeit ist die Einordnung in die damalige Wörterbuchwelt, wenn das Wörterbuch denn erschienen wäre. Ein anderer Zugang ist die Frage, ob auch heute noch ein Lesen möglich ist und ob es die vom Autor im Werbetext vorgestellte Leserschaft heute überhaupt noch gibt. Der erste Beitrag von Norbert Richard Wolf beschreibt das überlieferte und wohl vom Autor mitgestaltete Titelblatt quasi als Eingangstor zu einer be kannten und doch unbekannten Wortwelt. Jedes einzelne Wort des barocken Titels kommt auf vielerlei Art im Wörterbuch vor und zieht je auf seine Art Spuren durch das ganze Werk. Mit dieser Spurensuche gelangt der Leser wie in einen Garten von der Art eines Schlossparks, der neben verspielten Roko ko-Elementen und geometrischen Strukturen auch Merkmale eines Laby rinths oder Irrgartens enthält. Der Vergleich ist nicht ganz abwegig mit Blick auf die Entstehungszeit. Der zweite Beitrag von Ludwig M. Eichinger sucht den besonderen Charakter des Wörterbuches zu bestimmen: durch die Art, wie die damalige Gegenwartssprache darin vorkommt und wie die einzelnen Stichwörter dargestellt werden. Er kann zeigen, wie in dem Werk lexikographische Traditionen auf die frühaufklärerische Diskussion treffen. Dabei schlug der Autor des Glossars einen Weg ein, der sich abhob von den Vorgängern. Er fand aber keine Fortsetzung, konnte dies auch nicht, da das Wörterbuch nie erschienen 4
Löffler/de Roche 2023.
Vorwort
ist. Das wird anhand von Beispielen aus der Buchstabenstrecke B aufgezeigt. Es betrifft die Auswahl der Wörter ebenso wie deren lexikographische Aufbereitung. Spreng lexikographisches Konzept ist einerseits der Tradition verpflichtet, entwickelt aber doch eine eigene Darstellungsweise. Dies wird umso deutlicher, wenn sie mit derjenigen des 30 Jahre jüngeren Johann Christoph Adelung verglichen wird. Der Beitrag von Stefan Zimmer zu den Celtica widmet sich einer Besonderheit des Glossariums, die damals wie heute nicht in einem allgemeinen deutschen Wörterbuch erwartet wird. Schon bei der Entdeckung und Sortierung der Zettel im Handschriftenarchiv der Basler Bibliothek kamen Zweifel auf, ob Wörter, welche mit Ll- begannen oder mit Hl-, die sich nicht sofort einer deutschen Sprachform zuordnen liessen, überhaupt zum Glossarium gehörten. Es waren keltische Wörter, die bis in die damalige Gegenwart in bretonischen, schottisch-gälischen, irischen und walisischen Dialekten überlebt hatten. Für Spreng gehörten diese in ein historisches Wörterbuch des Deutschen. Für ihn und die Zeitgenossen, die sich damit befassten, war das Keltische die Vorgängersprache nicht nur der germanischen Dialekte, sondern auch des Lateins. Zimmers Beitrag ist die Kurzversion und Quintessenz eines längeren Kommentars, den der heutige Fach-Keltologe zu den zahlreichen Celtica des Amateur-Keltologen Spreng verfasst hat und der als selbstständige Veröffentlichung im Internet5 zugänglich ist. Als Nichtfachmann musste sich Spreng an das halten, was ihm an vermeintlich keltologischen Nachschlagewerken und aus dem Umfeld der damaligen ‚Keltomanie‘ zur Verfügung stand. Dabei ist aus heutiger Sicht viel Seltsames bis Grundfalsches herausgekommen. Zum Erstaunen des Verfassers aber auch einiges, das selbst heutigen Blicken des kritischen Fachmannes noch standhalten kann. Der Beitrag von Heinrich Löffler geht der Frage nach, ob das Glossarium das Versprechen des Werbetextes eingelöst hätte, dass es auch tauge zur Lektüre alter Texte zur „Kirchen-, Rechts- und Kriegssprache unserer Alten in den mittlern Zeiten“, wie es dort heisst. Es wird ein Fall angenommen, dass ein damaliger „Freund der schönen Wissenschaften“ das Glossar als Nachschlagewerk zum Übersetzen aus dem Gotischen (Wulfila-Bibel), dem Althochdeutschen (Otfrid) und dem Mittelhochdeutschen (Minnesang) hätte benutzen wollen. In einer hypothetischen 5
https://doi.org/10.24894/978-3-7965-5683-8.
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Vorwort
Übersetzungssituation wird jeweils eine Reihe von vermutlich unbekannten Wörtern in Sprengs Glossarium nachgeschlagen, zum Vergleich dazu noch in einem anderen zeitgenössischen Glossar. Es zeigt sich, dass alle drei Sprachstufen in Sprengs Glossar mit Wörtern vertreten sind. Ein damaliger Benutzer hätte alte Texte selbstständig lesen können. Sprengs Glossarium hätte also bereits Aufgaben vorweggenommen, die sich später Spezialwörterbücher zum Gotischen, Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen teilten. Bei der Suche nach altdeutschen Texten und dazu passenden Glossarien entsteht eine Momentaufnahme des Literaturbetriebs zur Zeit kurz vor Beginn des Studienfaches Germanistik. Der vierte Beitrag von Paul Hübscher zeigt, wie ein heutiger Leser, wohl ganz im Sinne des Autors Spreng, sich das Werk auch aneignen kann: einfach durch Blättern wie in einem Lesebuch. Paul Hübscher hat gleich nach Erscheinen der sieben Bände im Jahr 2022 in seinem Blog litteratur.ch Lesefrüchte oder Aperçus zu jedem Band zum Besten gegeben.6 Es sind Gedanken und Assoziationen zu Wörtern, die dem ¸geneigten Leser‘ beim Blättern ins Auge fielen. Für den vorliegenden Band hat der Autor die Texte überarbeitet. Es ist eine weitere Art des Zugangs zu einem 250 Jahre alten Wörterbuch, frei nach Goethe: Ich ging im Walde (der Wörter) so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Es zeigt sich auch, dass das Blättern und Lesen wohl viele Nutzer zu ähnlichen Gedankenspaziergänge anregt, ohne dass lexikologische Fachkenntnisse nötig sind. Treffen jedoch wie hier mit dem Autor des Glossars und dem Leser zwei aussergewöhnlich belesene Personen (in litteris volutati) aufeinander, entsteht eine äusserst lesenswerte Art der Rezeption. Es ist zu wünschen, dass die geneigte Leserschaft dieses Bandes Lust verspürt, sich aufzumachen auf den Weg zum grossen Glossarium oder, sollte sie bereits dort gewesen sein, noch ein paar weitere Zugänge kennenzulernen. Ostern 2026
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Vgl. https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=12327.
Heinrich Löffler
Lexikographische und lexikologische Wanderung mit Raststationen im ‚Summarium‘ Johann Jakob Sprengs Norbert Richard Wolf
1. Wanderkarte: Vorschlag und Probe Im Jahre 1757 gab Johann Jakob Spreng eine Subskriptionseinladung heraus, in der er für sein Allgemeines deutsches Glossarium warb. Dieser Text ist vor dem Wörterverzeichnis in Band 1 der Ausgabe des Glossariums ediert,1 daraus stammen auch die folgenden Zitate. Die Einladung bestand aus Titelblatt, Vorwort und drei Seiten Leseprobe.2 Die Subskriptionseinladung stellt sich als kleines Glossarium dar, die potenziellen Interessenten sollen einen ‚Vorgeschmack‘ auf das endgültige grosse Werk bekommen. Deshalb erstreckt sich das Titelblatt über eine ganze Seite und ist wie eine barocke Titelei gestaltet. Der Text scheint einfach zu sein, manifestiert sich aber als bewusst prunkvolle Darstellung des Spreng’schen Selbstbildes. Derartiges zu leisten, ist die Aufgabe eines Titelblatts. Dieser Teil eines Buches ist eine Schöpfung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Die Buchdrucker, die ja zum Teil auch als Verleger fungierten, hatten durch die neue Technik die Möglichkeit, mehrere identische Exemplare eines Buches herzustellen. Nunmehr „produzierten sie nicht für bestimmte Auftraggeber, wie dies bei den Handschriften im Spätmittelalter noch die bestimmende Forderung geblieben ist, sondern für den anonymen Markt“.3 Das Paratextelement Titelblatt hat die Aufgabe, Leser- oder zumindest Käuferinteresse zu erzeugen; dementsprechend wurden und werden die unterschiedlichen Informationen angeordnet und gestaltet. Als „Paratext“ ist das Titelblatt ein „Beiwerk des Buches“,4 das in der Regel nicht vom Autor des 1 2 3 4
Glossarium, Bd. 1, 1 f. S. Abb. 1 und 2. Giesecke 1991, 332. So der Untertitel von Genette 1989.
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Norbert Richard Wolf
Buches oder zumindest in Zusammenarbeit mit dem Autor vom Drucker-Verleger verfasst wird. Zu Zeiten Sprengs ist anzunehmen, dass sich die Rollen des Buchdruckers und des Verlegers bereits völlig getrennt haben. So wird als Drucker der Subskriptionseinladung Johann Georg Felner in Freiburg im Breisgau genannt, während es über den Verlag heisst: „Im Verlage des Herausgebers“. Da Spreng demnach sowohl als Autor („Herausgeber“) als auch als Verleger fungiert, dürfte das Titelblatt samt seiner Gestaltung durchaus der Intention Sprengs entsprechen; das Titelblatt liefert also die Informationen, von denen Spreng sich erhoffte, dass sie potenzielle Käufer überzeugen könnten. Dies dürfte auf den Titel (im engeren Sinne) zutreffen: Vorschlag und Probe eines allgemeinen deutschen GLOSSARII von J. J. Sprengen, der deutschen Bereds. und Dichtkunst, wie auch der helvetischen Geschichte offentlichem Lehrer auf der hohen Schule zu Basel. Allein schon die Gestaltung des Titels gibt uns, wie gesagt, Aufschlüsse über die Selbstwahrnehmung des Autors und sein Verständnis von seinem Werk. Deshalb soll die Typographie des Titels etwas genauer analysiert werden, wobei unter ‚Typographie‘ die Anordnung einer schriftlichen, also optisch wahrnehmbaren Information auf einer Fläche verstanden wird. Auf diese Weise kann plausibel rekonstruiert werden, was Spreng und seine zeitgenössischen Leser hätten wahrnehmen können, wenn nicht nur die Subskriptions einladung, sondern auch das ganze Glossar gedruckt und für jedermann zugänglich erschienen wäre. Wie üblich ist der Titel eine verblose Setzung, deren Kern die Reihung „Vorschlag und Probe“ ist; dieser Kern steht in einer Zeile, so dass die Information über den Zweck und das Ziel des Textes deutlich zu erkennen ist. Was vorgeschlagen und welche Probe wovon präsentiert wird, erfahren wir im komplex formulierten Genitivattribut zur Kerngruppe. Dabei fällt auf, dass die rein funktionalen und nicht sinntragenden Elemente („eines“, „auf der“) von
Lexikographische und lexikologische Wanderung mit Raststationen
Abb. 1: Titelblatt aus Vorschlag und Probe, UB Basel Handschriften NL 71, IX, 1, 3r.
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den informativen Teilen getrennt sind. Es geht um ein „allgemeines deutsches Glossarium“, der Subkern Glossarium ist in Versalien in einer Zeile gesetzt, während die vorausgehenden attributiven Adjektive allgemeinen deutschen ebenfalls in einer eigenen Zeile, doch in Kleinbuchstaben geschrieben sind. Vom genitivischen Substantiv Glossarii hängt die Phrase mit der Namensnennung des Verfassers ab, auf die in einer Apposition die notwendig erscheinenden Angaben zu seinem Beruf folgen. Der Titel, den das Werbeblatt bietet, liefert also alle notwendigen Informationen, die ein Subskribent haben will. Die Typographie dieses Titels erlaubt eine strukturierte Wahrnehmung der Informationen: – Gattung des gedruckten Textes, – Charakterisierung des beworbenen Objekts, – Name des Autors, – dessen engere fachliche Kompetenz, – dessen zusätzliche fachliche Kompetenz, – institutionelle Anbindung. Auf den ersten Blick ist zu sehen, dass der Titel für Spreng sehr wichtig sein muss, denn die wichtigen Teile sind nicht nur durch grössere Lettern, sondern auch durch unterschiedlichen Zierrat hervorgehoben: „Vorschlag und Probe“, „GLOSSARII“, „J. J. Sprengen“ und – nicht mehr ganz so gross wie die drei zitierten Angaben – „hohen Schule zu Basel“. Spreng bleibt bei der Gestaltung des Titelblatts sicherlich beim damaligen Usus, nutzt aber die Möglichkeiten, die dieser Usus bietet, geschickt und selbstbewusst aus.
2. Wegweiser und Haltepunkte Sprengs Zeitgenossen konnten, wie gesagt, das Titelblatt genau so lesen, wie wir es hier getan haben. Es war als erster Teil eines Kaufanreizes für potenzielle Subskribenten der Druckfassung des Glossariums gedacht und sollte den Eindruck vermitteln, dass ein wahrhaft grosses Werk zu erwarten sei. Für den Leser des 21. Jahrhunderts bleiben allerdings einige Fragen (zunächst) unbeantwortet; die Bedeutung einiger Wörter im Titel der Subskriptionseinladung hat sich geändert. Deshalb soll geprüft werden, ob das Spreng’sche Glossarium helfen kann, die damalige Bedeutung dieser Wörter
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zu rekonstruieren, und/oder was sonst das Glossarium kann. Dazu aber wird es sich als notwendig erweisen, die Spreng’sche Welt zu verlassen und das Glossarium mit den technischen Mitteln des ersten Drittels des 21. Jahrhunderts zu untersuchen; wir sind jetzt imstande, historisches Sprachmaterial ganz anders und viel erfolgversprechender zu befragen, als es Spreng und seine Zeitgenossen gekannt haben: – Das Glossarium liegt seit 2021 in einer siebenbändigen Druckfassung vor und kann also nach allen Regeln der Kunst gelesen werden. Da die Edition paginiert ist, ist es ein Leichtes, Textstellen, die einem Leser ‚merkwürdig‘ sind, immer wieder aufzusuchen, sofern die entsprechende Textseite im körperlichen oder schriftlichen Gedächtnis festgehalten ist. – Mir steht zudem eine durchsuchbare PDF-Version des Glossariums zur Verfügung, mit der die 4567 Seiten der Edition relativ leicht durchsucht werden können und durchsucht worden sind. Es sei hier auch festgehalten, dass alle Frequenzangaben zum Glossarium immer auch die Subskriptionseinladung, die in der Edition dem Glossarium-Text vorangestellt ist, mitzählen. Wenn es also unten heisst, dass das Wort merkwürdig 34-mal vorkommt, dann ist gemeint, dass – in diesem Fall – das Adjektiv einmal in der Einladung und 33-mal in den Wortartikeln des Glossariums belegt ist, wozu an manchen Stellen auch Kommentare des Herausgebers gehören. In der Subskriptionseinladung legt Spreng auch dar, was für ein Werk er liefern will; er stellt dabei dessen Vorzüge, so wie sie der Autor sehen will und sieht, vor. Da er (noch) kein Vorwort, also keine theoretische und methodologische Einleitung zu seinem Werk geschrieben hat, ist für uns heute der kurze Text Vorschlag und Probe ein kleiner Ersatz für das ungeschriebene Vorwort und wird auch hier als solcher gelesen. Darin gibt Spreng zwei Ziele seiner Arbeit bekannt: Mit Einem Worte, man wird alles anwenden, daß das vorgeschlagene Werk nicht nur ein trokenes Wörterbuch abgebe, sondern mit annemlichen und merkwürdigen Anzügen durchaus versehen, und nicht nur den Sprachforschern, sondern überhaubt
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Abb. 2: Vorschlag und Probe, UB Basel Handschriften NL 71, IX, 1, 3v.
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auch allerley Gelehrten, Standspersonen, Kanzleybeamten, und Liebhabern schöner Wissenschaften nützlich und gleichsam unentbärlich werde.5
Erstes Ziel ist es, dem Publikum „annemliche[] und merkwürdige[]“ Wortartikel oder besser erläuternde Zusätze zu den einzelnen Lemmata zu liefern. Zum andern hat Spreng ein anspruchsvolles Publikum im Auge, dem sein Werk nicht nur „nützlich“, sondern vielmehr „unentbärlich“ sein wird, sofern es einmal begonnen hat, das Werk zu (be)nutzen. Der Leser des 21. Jahrhunderts, nicht nur der Philologe in der Rolle von „Sprachforschern“ und „Liebhabern schöner Wissenschaften“, erkennt sehr schnell, dass Spreng das Adjektiv merkwürdig in anderer Bedeutung verwendet, als es heute üblich ist. Es soll dies hier der Anlass sein, sich mit diesem Adjektiv etwas ausführlicher zu beschäftigen. merkwürdig ist in der Edition 34-mal belegt, davon einmal in der Subskriptionseinladung. Ein Lemma merkwürdig indes gibt es nicht. Wenn man also die Bedeutung, die dieses Adjektiv um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte, beschreiben will, muss man sie aus dem Gebrauch im Glossarium erschliessen; zum Beispiel: Andelaum, Andelot, ein Flecken in Schampanien an dem Rognonflusse beÿ dem zerstörten Schlosse Blitzbergen (Montéclair,) nördlich von Langres. Der Ort ist merkwürdig in den fränkischen Geschichten weil im J. 697. die Könige Guntram und Hildebert daselbst Frieden geschlossen. (VALES. Not. Gall.)
In diesem Wortartikel geht es nicht um die Bedeutung eines Wortes, sondern darum, welcher Ort mit dem Ortsnamen Andelaum bezeichnet wird. Bekanntlich haben Namenzeichen keine Bedeutung (im Sinn der strukturellen Semantik), sondern nur Bezeichnungs- oder Referenzfunktion, d. h., der Name verweist auf ein Individuum, auf ein Phänomen oder einen Sachverhalt, der nur einmal existiert. Nach der geographischen Skizzierung der Lage des Ortes kommt der Satz „Der Ort ist merkwürdig in den fränkischen Geschichten […]“; an dieser Stelle kann merkwürdig nicht die gegenwartssprachliche Bedeutung „Staunen, Verwunderung, manchmal auch leises Miss5
Glossarium, Bd. 1, 1 f.
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trauen hervorrufend; eigenartig, seltsam“6 haben, sondern vielmehr „würdig, im Gedächtnisse behalten zu werden“, wie dies der grosse Lexikograph der Goethezeit, Johann Christoph Adelung, in seinem Grammatisch-Kritischen Wörterbuch formuliert: Mêrkwürdig, -er, -ste, adj. et adv. von der dritten figürlichen Bedeutung des Zeitwortes merken, würdig, oder werth, gemerket, d. i. im Gedächtnisse behalten zu werden; denkwürdig. Ein merkwürdiger Tag. Das war mir, oder schien mir sehr merkwürdig.7
Die erste Auflage des Adelung’schen Wörterbuchs erschien unter dem Titel Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen in den Jahren 1774 bis 1786, also zeitlich nahe dem Spreng’schen Glossarium. Wir sind hier auf zwei Charakteristika des Glossariums gestossen: 1. Das Glossarium ist kein Wörterbuch in dem Sinne, wie Jacob Grimm es im Vorwort zum ersten Band des Deutschen Wörterbuchs formuliert hat: „Wörterbuch ist die alphabetische verzeichnung der wörter einer sprache.“8 Der erste Band erschien 1854, also geraume Zeit (100 Jahre) nach Sprengs Subskriptionseinladung. Grimm spricht von verzeichnung, nicht von verzeichnis, weil das -ung-Abstraktum auch die Tätigkeit des Wörterbuchmachers bezeichnet, nicht nur das Ergebnis seiner Tätigkeit; das DWB notiert unter der allgemeinen Bedeutung „schriftliche darstellung“: „aufzeichnung, abfassung, beschreibung im sinne von verzeichnen […]; als nomen actionis“.9 2. Die Wortartikel, vor allem die „annemlichen und merkwürdigen Anzüge“, sollen nicht die Inhaltsseiten der Lemmawörter beschreiben. Anzug dürfte, zumindest in dieser Verwendung, ein schweizerdeutsches Wort sein und in sprachlichem Zusammenhang die Bedeutung „mündliche oder schriftliche Äusserung, Erwähnung, Mitteilung, Bezugnahme“10 haben. Spreng nimmt alles, was er in seinen Quellen findet – und das ist nicht wenig –, ungeachtet seines Informationswertes in seine „Anzüge“ auf.
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Duden 2019. Adelung 1798, 187. DWB, Bd. 1, IX. DWB, Bd. 25, Sp. 2508, 2b. Idiotikon, Bd. XVII, 226. Heft, 2019, 515.