Anthroposophie und Nationalsozialismus
Anthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik
1933–1945

Anthroposophische Medizin, Pharmazieund Heilpädagogik imNationalsozialismus 1933–1945
Peter Selg, Susanne H. Gross,MatthiasMochner
Anthroposophie und Nationalsozialismus.
Anthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik 1933–1945
Teilband 1
Schwabe Verlag
Herausgegeben vom Ita Wegman Institut für anthroposophische Grundlagenforschung (Arlesheim, Schweiz)imAuftrag der Akademie der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD).
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Abbildung Umschlag:Vordergrund:Schreiben des Erbgesundheitsgerichts Stuttgart vom 11. April 1938 andas Sanatorium Wiesneck (PAW Fritz Widerspick). Hintergrund:Die Eurythmistin Margarete Wilke mit am Sonnenhof in Arlesheim betreuten Kindern. Fotograf unbekannt (Gustav Ritter?). Aus einem Fotoalbum Gustav Ritters (GoeA).
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ISBN (2 Teilbände)978-3-7965-5647-0
ISBN eBook (PDF)978-3-7965-5648-7
DOI 10.24894/978-3-7965-5648-7
Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.
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3.1 Größe, Einzugsbereich und Vernetzung des Sanatoriums 1933–1945 ..
3.1.1 Der Aufbau des Sanatoriums ..
3.1.2 Überweisende Kliniken und niedergelassene Kollegen ..
3.1.3 Das Spektrum der Patienten ..
3.2 Ideelle Grundlagen und Praxisanthroposophischer Psychiatrie ..
3.2.1 Gesichtspunkte zur Psychiatrie bei Rudolf Steiner ...
3.2.2 Diagnostikund TherapieinGünterstalund Buchenbach ...
3.2.3 Das Sanatorium als soziale Gemeinschaft ..
3.2.4 Der Priester Friedrich Doldinger
3.2.5 Erfahrungen von Patienten und Angehörigen
3.3 Buchveröffentlichungen Friedrich Husemanns (1936–1941) ..
3.3.1 «Goethe und dieHeilkunst. Betrachtungen zur Krise in der Medizin» (1936). ..
3.3.2 «Vom Bild und Sinn des Todes. Entwurf einer geisteswissenschaftlich orientierten Geschichte, Physiologie und Psychologie des Todesproblems»(1938). ..
3.3.3 «Das Bild des Menschen als Grundlage der Heilkunst. Entwurfeiner geisteswissenschaftlich orientierten Medizin» (1941)
3.4 Erschwerte Arbeitsbedingungen
3.5.1
3.7
3.6.2
3.6.3
3.7.1
3.7.2 Schutzmaßnahmen
3.7.3 Der Kontaktzum Privatsanatorium Christophsbad in Göppingen
3.8 Die Räumung des Sanatoriums:November 1944 bis Kriegsende
3.9 Ermordete ehemalige Patienten des Sanatoriums Wiesneck
3.9.1 Opfer der «T4-Aktion».
3.9.2 Opfer der dezentralen Tötung
3.9.3 Opfer der Shoah
4. Die heilpädagogischen Institute in Deutschland ..
Zusammenfassung
4.1 Ideelle Grundlagen und Arbeitsvoraussetzungen
4.1.1 Selbstverständnisund Entwicklung, 1924–1933
4.1.2 Lage und Größe der Institute, 1933–1945
Medizinische Betreuung
4.1.6 Die Weiterarbeitunter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs
4.1.7 Anthroposophische Heilpädagogik jenseits der Institute
4.2 Überwachungen, Restriktionen, Schließungen
4.2.1 Schloss Pilgramshain.
Haus Spitzner/Bonnewitz
4.2.5 Schloss Gerswalde
4.2.6 Mühlhausen/Eckwälden
4.2.7 Lauenstein(Altefeld, Seewalde).
TEILBAND
2
4.3 Anpassung, Unterstützung und Protektion
4.3.1 Mitgliedschaften in NS-Organisationen
4.3.2 Anpassungen der Institutsprospekte und -satzungen
4.3.3 NS-nahe Eingaben und Angaben bei Behörden
4.3.4 WeitereAnpassungsmaßnahmen
4.3.5 Unterstützung und Protektion
4.4 Widerspruch und Widerstand ..
4.4.1 SiegfriedPickert, Hamborn. .. ..
4.4.2 Gottfried Bahr,Bonnewitz
4.4.3 HubertBollig, Malsch
4.5 Sterilisationsgesetz, «Aktion T4»und Schutzmaßnahmen ..
4.5.1 Die heilpädagogischenInstitute und dasSterilisationsgesetz
4.5.2 Opfer von Zwangssterilisationen
4.5.3 Die heilpädagogischenInstitute unddie «Aktion T4».
4.5.4 Rettungsmaßnahmen
650
693
710
4.5.5 Ermordete Kinder und Jugendliche 737
4.6 Fluchtwege anthroposophischer Heilpädagoginnen und Heilpädagogen jüdischer Herkunft
4.6.1 WalterErlanger ..
4.6.2 Ellen Simon
4.6.3 Edgar Elbogen
4.6.4 Susanne Lissau
4.6.5 Lissa Hartmann
4.6.6 Georg Isaac («Isy») Aronowitz ..
4.7 Zwei KZ-Opfer
4.7.1 Martin Kretschmer
4.7.2 Hanna Lissau
5. HeilpädagogischeGemeinschaft im Exil. KarlKönig undIta Wegman
5.1 Karl Königs Weg von Schlesien nach Schottland
5.1.1 Im HeilpädagogischenInstitutPilgramshain, 1928–1936 .. .
5.1.2 Praxis in Wien und Flucht, 1936–1938 ..
5.1.3 Therapeutische Gemeinschaft im Exil: Camphill, 1939–1945
5.2 Ita Wegman in Ascona und Brissago, 1940–1943
5.2.1 VonArlesheimnach Ascona
5.2.2 Hilfe in Zeiten des Krieges
6. Bilanz
7. Kurzbiographien anthroposophischer Ärztinnen und Ärzte jüdischer Herkunft
Nachträge
Mitgliedschaftenanthroposophischer Ärztinnen und Ärzte in NS-Organisationen
Die Professionalisierung der sozialen, pädagogischen und therapeutischen Begleitung von Menschen, dieaufgrund ihrer individuellen Entwicklungsbiographien und der diesen gegenüberstehenden Defiziten moderner Gesellschaften von Marginalisierung und Ausschluss betroffen sind, ist ein zivilisationsgeschichtlich junges Phänomen. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts,das dem hier besprochenen Zeitraum der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland unmittelbar vorangeht, standen die Psychiatrie –und insbesondere die Kinder- und Jugendpsychiatrie– als Fachgebiet der Medizin, die Heilpädagogik, die sich mit Erziehung und Bildung unter komplexen Entwicklungsbedingungen befasst, und dieSozialpädagogikund Soziale Arbeit, deren Aufmerksamkeit sich auf dieprekären sozialen Bedingungen für gesellschaftliche Teilhabe richtet, noch mitten im Prozess ihrer fachlichen, wissenschaftlichen und berufsethischen Identitätsbildung.1
Der Begriff «Heilpädagogik» wird als Namensvorschlagfür die neu sich bildendepädagogische Fachdisziplin an derSchnittstelle zu therapeutischen sowie sozialen undpastoralenPerspektiven 1861 –imGeburtsjahr Rudolf Steiners –durch HeinrichMarianusDeinhardt (1821–1880)2 eingeführt.3 Deinhardt, einst studentischer Aktivist, inspiriertdurch Schillers Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen»und wesentlich an der –gescheiterten –demokratischen Revolution von 1848 beteiligt, versteht den Auftragder Heilpädagogik sowohl entwicklungspsychologisch als auch sozialpädagogisch. Das Ziel ist individuelle Selbstwirksamkeit und soziale Teilhabe. Beide bedingen sich –imSinne von Schillers «Briefen»– gegenseitig. Eine spielerische, sensomotorische und erlebnisbasierte, «Embodiment»-orientierte Pädagogik unterstützt das Kind darin, einselbstreguliertes Verhältnis zwischen Geist und Leib zuentwickeln, so dass es seine Intentionen selbstwirksam durch die Leiblichkeit inder Welt verwirklichen kann.4 Diese Möglichkeit ist gleichzeitig die Voraussetzung dafür, Gesellschaftgemeinsam zu gestalten. Heilpädagogik in dieser
1 J. Göschel:Heilpädagogik,2024, S. 305–314.
2 J.D. Georgens, H.M. Deinhardt:Heilpädagogik,Bd. 1, 1861.
3 C. Stöger:Idee der Demokratie, 2017. Stöger weist u. a. nach, dass Deinhardt als der alleinige Autor der Schrift zur Heilpädagogik von 1861 anzusehen ist.
4 B. Schmalenbach:Von der ästhetischen Kraft, 2012, S. 195–222.
Traditionslinie ist damitTeil einer umfassenden volkspädagogischen Bildungsintention, die auf Teilhabe für alle zielt. Dies wird umso deutlicher durch die zeitgleiche Veröffentlichung der «Beiträge zur Würdigung und zum Verständnisse Schillers»,5 in denen Rudolf Steiner später die Grundlagen einer «ungeheuer tiefe[n] soziale[n] Volkspädagogik»sah.6
In den 1920er Jahren, zur Zeitder Begründung der anthroposophisch orientierten Heilpädagogik,hatte sich der von Deinhardt geprägte Begriff für das Fachgebiet im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Allerdings war inzwischen umstritten, mit welchem fachlichen, wissenschaftlichen und berufsethischen Selbstverständnis er zu füllen sei. Siegfried Pickert, Franz Löffler und Albrecht Strohschein, die als Gründer des «Heil- und Erziehungsinstituts für Seelenpflege-bedürftigeKinder Lauenstein» in Jena –und danach weiterer heilpädagogischer Institute anthroposophischerAusrichtung –zuden handelnden Personen gehören, dieimvorliegenden Band im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, lernten die Heilpädagogik in dem von Johannes Trüper (1855–1921) gegründeten Erziehungsheimund Jugendsanatorium auf der Sophienhöhe in Jena kennen, welches damals als innovatives Modell einer fortschrittlichen und humanistischen Heilpädagogikinternational bekannt war.7 Auch für Trüper, der unter anderem wesentlich an Johann Friedrich Herbarts (1776–1841) psychologisches Verständnisvon Pädagogikanknüpfte,8 standen die Förderung individueller Selbstwirksamkeitund dieErmöglichung sozialer Teilhabe im Zentrum des erzieherischen Auftrags.
Diesem ursprünglichen, humanistischen Verständnis von Heilpädagogik stand in den 1920er Jahren diametral gegenüber der systematische Versuch, insbesondere im Kontext der ebenfalls jungen medizinischen Disziplin der Kinderund Jugendpsychiatrie, diehumanistische pädagogische Tradition als «unwissenschaftlich» zu delegitimieren und «Heilpädagogik»unter eugenischen Vorzeichen alsTeil einer Medizinund Psychiatrie neu zu definieren, welche in der «Gesundheit des Volkskörpers»,unter einem Fokus auf «Erbgesundheit»immer mehr auch als «Rassenhygiene»aufgefasst, ihren gesellschaftlichen Auftrag sahen. Die Eugenik,die sich aus der Rezeption der 1859 veröffentlichten Evolutionstheorie Darwins und unter dem Eindruck der sozialen Umbrüche der industriellen Revolution zeitgleich mitdem humanistischen Konzept der Heilpäd-
5 H.M. Deinhardt:Beiträge zur Würdigung, Bd. 1, 1861.
6 R. Steiner:GA251, 12023, S. 399.
7 A. Schotte:Heilpädagogik alsSozialpädagogik, 2010. Politisch war Trüper sozial-konservativ protestantisch eingestellt; in seinen letzten Lebensjahren äußerte er sich zunehmend nationalistisch und antisemitisch. Dennoch stellte er sich bis zu seinem Tod 1921 «nicht explizit hinter eugenische Bestrebungen»(A. Schotte:Heilpädagogik als Sozialpädagogik, 2010, S.371). Seinpädagogisches Konzept bleibt in einem humanistischen Zugang verankert.
8 K. Klattenhoff:Herbart, 2006.
agogik entwickelte, beanspruchte für sich, die«harte»naturwissenschaftliche Antwort auf die sozialen Probleme der Zeit zu geben, die von einem in der Romantik und im Idealismus wurzelnden, «weichen»und «schwachen», «pseudowissenschaftlichen»sozialen und pädagogischen Denken aus ihrer Sicht nicht bewältigt werden könnten.9 Mindestens seit der Jahrhundertwende, und besonders intensiv seit der Veröffentlichung der Schrift von Binding und Hoche (1920)zur «Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens»,10 war nicht nur die Eugenik-Debatte, sondernauch dieFrage der «Euthanasie», also des aktiven Tötens als möglicher staatlicher und ärztlicher Aufgabe, zum kontrovers diskutierten Thema in Fachwelt, Medien und breiter Öffentlichkeit geworden. So lässt sich feststellen,
[…]dass die 1920er Jahre vor allem für Menschen mit Behinderung keineswegs die goldene Ära demokratischer Experimente, sexueller Revolution und inspirierender Vermächtnisse waren, an die anzuknüpfen man ernsthaft hoffen könnte, sondern eine Zeit, inder bereits die bösartige Pathologisierung ausgebrütet wurde, die später die zahlreichen Gräueltaten des «Dritten Reichs»gegen Menschen mit Behinderung legitimieren sollte.11
Indem die anthroposophische Heilpädagogik1924 einerseits an die humanistische Praxistradition anschließt, wie sieinForm der Trüper-Pädagogik auf der Sophienhöhe vorlag, und andererseits an diewenigzuvor initiierte Waldorfpädagogik und die Anthroposophische Medizinund deren Begründung in der von Rudolf Steiner entwickelten, spirituell erweiterten Anthropologie, die sich ihrerseits in der ideellen Traditionslinie des Humanismus sieht, wie er sich im Umkreis von Jena um dieWende vom 18. zum 19. Jahrhundert kristallisierte,12 stellt sie sich ideell eindeutigauf dieSeite des Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr in den Ruf der «Unwissenschaftlichkeit» kommenden Verständnisses von Heilpädagogik, das auf individuelle Selbstwirksamkeit und soziale Teilhabe zielte.13 Auch das anthroposophische Psychiatrie-Konzept,wie es Friedrich Husemann als Gründer und Leiter des im vorliegenden Band besprochenen «Sanatoriums Wiesneck»vertrat, ist miteugenischem Denken prinzipiell unvereinbar.14 Inbeiden Fällen gehtes– nach dem Selbstverständnis der damaligen Akteure –umdie Begleitung individueller Biographien, die auch –und eventuell auch gerade –unter ihren komplexen und herausfordernden Bedingungen als sinnhaft aufgefasst und als Beitrag zur individuellen und gesamtmenschheitlichen Ent-
9 Vgl. J.C. Göschel:Heilpädagogik, 2024.
10 K. Binding/A. Hoche:Freigabe, 21922.
11 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 240f.
12 A. Wulf:Magnificent Rebels, 2022.
13 Vgl. die Beiträge in J. Göschel/R. Grimm: Beiträge, 2024.
14 Vgl. P. Selg:Anfänge, 2000.
wicklung gelesen werden. Bei allen kritischen Fragen, die aus gegenwärtigen Perspektiven eventuell auch an eine solche tendenzielle «spirituelle Überhöhung» des Schicksals von Menschen mitBehinderung und psychischen Erkrankungen gestellt werden mögen,15 steht gerade dieser wertschätzende Respekt vor komplexen menschlichen Lebenssituationen dem Gedanken des «lebensunwerten Lebens»diametral gegenüber.
Die Frage, der sich mittels der in diesem Band zusammengetragenen Erkenntnisseüber dieGeschichte der anthroposophischen Psychiatrie und Heilpädagogik auf deutschem Staatsgebiet von 1933 bis 1945 nachgehen lässt,ist also, inwiefern es den Vertreterinnen und Vertretern dieses, dem EugenikGedanken radikal entgegenstehenden, Verständnisses psychiatrischer, sozialer und pädagogischer Professionalität gelang, dieanthroposophisch erweiterten humanistischen Prinzipien, auf denen sieihre Arbeit begründeten, auch angesichts der Gefährdung durch eine durchweg eugenisch und «rassenhygienisch» ausgerichtete staatliche Machtausübung konsequent durchzutragen, und wie sie dabei mit den sich präsentierenden Dilemmata umgingen. Durch ihre umfangreiche und detaillierte Recherche gelingt es der vorliegenden Studie, die zentrale ethische Herausforderung freizulegen, mit der sich die Verantwortlichen aller achtuntersuchten Einrichtungen in diesem Spannungsfeld zwischen innerer moralischer Orientierung und äußeren Systembedingungen konfrontiert sahen: die «ständige[…] Ambivalenz, den Schutz der eigenen Institution nicht über den Schutz des Individuums zu stellen –und doch die Einrichtung retten zu müssen, um überhaupt weiter aufnehmen und behandeln zu können».16
Frappierend ist es dabei,zubemerken, wiekonsequent sich die zitierte Behördenkorrespondenz im Rahmen derregulatorischen Aufsicht und staatlichen Überwachung derInstitute –neben demideologischen und «rassenhygienischen» Duktus –innerhalb eines zweckrationalen Nützlichkeits- und Effizienzdenkens bewegt, das vorwiegend im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung argumentiert. Nichtnur diepsychiatrischen Patientinnen und Patienten und die betreuten Kinder und Jugendlichen, sondernauch die Mitarbeitenden mit ihrem unkonventionellen, idealistischen und scheinbar «weltfremden», Anthroposophie-verdächtigen Auftreten, mitihrer «unwissenschaftlichen», von der üblichen Fachpraxisabweichenden Arbeitsweise, werden immer wieder als nutzlose Randgruppen charakterisiert. Diese Geringschätzung der therapeutischen Gemeinschaften in ihrer Gesamtkonfigurationscheint an manchen Stellen paradoxerweise sogar eine schützende Funktion gehabt zu haben;zumindest, solange eine Schließung der Einrichtungen innerhalb eines überforderten Systems höhere Kosten verursachen würde, als den einstweiligen Weiterbetrieb
15 Vgl. N.L. Jacobs:Review:Disability, 2017, S. 929–931.
16 S. 869 (indiesem Band).
trotz seiner Inkompatibilität mitder Logik des nationalsozialistischen Staats vorläufig zu tolerieren.
Gerade hier, wo Psychiatrieund Heilpädagogik auf die Effizienz- und Nützlichkeitslogik eines industriell-materialistischen und sozialdarwinistischen Gesellschaftsparadigmas treffen, in dem der «Wert»menschlichen Lebens aus der wirtschaftlichen Produktionsfähigkeitabgeleitet wird, und wo die Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Produktionsleistung zum obersten Staatsziel wird, wird erkennbar, wie sehr dieser Aspekteugenischen Denkens auch heute noch nicht überwunden ist. Was dieHistorikerin DagmarHerzog als «Eugenische Phantasmen»17 bezeichnet, lebte nach 1945, wie sie eindrücklich aufzeigt, sowohl im sozialistischen «Arbeiterstaat»der DDR wie im «Wirtschaftswunder» der BRD fort, wenngleich sich die kaschierende Rhetorik immer wieder wandelte. Auch heute finden sich –trotz aller kultureller und gesellschaftlicher Fortschritte –die Spuren der eugenischen Logik weiterhin, beispielsweiseim«neoliberale[n] Paradox, das behindertenfreundliches Vokabularmit staatlicher Sparpolitik paart»18 und sich fast überall in den konkreten Formen der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in nationale Gesetzgebung widerspiegelt. Vordiesem Hintergrund ist die Sensibilisierung der Aufmerksamkeit, «für Dimensionen des Nationalsozialismus– vor allem für dessen Herumtrampeln auf allem, was schwach und vulnerabel war –, die anderen Nachkriegsinterpreten entgingen»,19 und dieHerzog einfordert, ohne die heutigen Probleme mit der Zeit von 1933 bis1945 gleichzusetzen, von hoher gegenwärtiger Relevanz.
Die vorliegendeStudiestellt zum ersten Mal ein umfassendes und fundiertes Bild zur Verfügung, wie sich die Einrichtungen und verantwortlichen Personen der anthroposophisch orientierten Psychiatrieund Heilpädagogik –mit ihrem kultur- und gesellschaftskritischen humanistischen Selbstverständnis –angesichts der brutalen Zuspitzung eugenischen Denkens und der «Vernichtung lebensunwerten Lebens»als zentralem Aspektdes staatlichen Auftrags konkret verhielten. Dafür gilt den Mitwirkenden der Studieein großer Dank, verbunden mit der Hoffnung, dass diehier vorgestellten Einblicke zum Ausgangspunkt für einen weiterführenden Dialog werden, der zur Schärfung des professionellen und berufsethischen Blicks auf dieErmöglichung von individueller Selbstwirksamkeit und gesellschaftlicher Teilhabe sowieden bedingungslosen Respekt vor
17 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 240f.
18 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 253.
19 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 235.
der Würde und Sinnhaftigkeiteiner jeden gelebten Biographie beiträgt, und eine dem gemäße kulturelle und soziale Entwicklung einfordert und mitgestaltet.
Dr. Jan Göschel
Leitung Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung
Freie Hochschule für Geisteswissenschaft Goetheanum, Dornach (Schweiz)
ImZentrum von Band 3der Studie«Anthroposophische Medizin, Pharmazie und Heilpädagogik 1933–1945»1 stehen dieanthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik, d. h. dieacht anthroposophischen Einrichtungen im nationalsozialistischen Deutschland, diesich psychiatrisch erkrankten Patientinnen und Patienten oder heilpädagogisch betreuungsbedürftigen Kindern und Jugendlichen widmeten. Es handelte sich dabei um das psychiatrische Sanatorium Wiesneck in Buchenbach nahe Freiburg im Breisgau sowiesieben heilpädagogische Institute anthroposophischer Orientierung und Trägerschaft mit teilweise großen Anwesen:Schloss Gerswalde in Brandenburg(nahe Templin), Schloss Pilgramshain nahe Breslau, Schloss Hambornnahe Paderborn, die sogenannte Lauenstein-Einrichtung inAltefeld nahe Eisenach, die 1941 nach Seewalde in Mecklenburg umzog,sowiedie Heime («Institute»)2 in Bonnewitz nahe Pirna, Malsch nahe Karlsruhe und Schloss Mühlhausen nahe Stuttgart, das 1936 nach Eckwälden am Rande der Schwäbischen Alb (nahe Göppingen)verlagert wurde. Die Kranken des Sanatoriums in Wiesneck (mit bis zu 100 Betten)und die Betreuten dersiebenheilpädagogischen Einrichtungen gehörten zu den gefährdeten Personenkreisen im NS-Regime,wobeiihre Bedrohung nicht erst1933 bzw.mit derRegierungsübernahmeder Nationalsozialistenbegann. Hans-Walter Schmuhl schrieb:
Die Psychiatriesah im frühen 20. Jahrhundert in der Verbindung mit Humangenetik und Rassenhygiene einen Königsweg zur Etablierung als medizinischer Disziplin, nachdem der im ausgehenden 19. Jahrhundert unternommene Versuch, sich an die (neuro‐) Pathologie und Physiologie sowie an die experimentelle Psychologie anzulehnen, gescheitert war. Die psychiatrischeGenetik der Zwischenkriegszeit war auf die Erforschung erblicher Einflüsse bei der Entstehung psychischer Krankheiten und geistiger Be-
1 Vgl. die ersten beiden Bände:P.Selg/S. H. Gross/M.Mochner:Ärzteschaft, 2024;P Selg/S. H. Gross/M. Mochner:Arzneimittelfirmen, 2025.
2 R. Steiner und I. Wegman verwandten den Begriff «Klinisch-Therapeutisches Institut» für die ersten anthroposophischen Kliniken in Arlesheim und Stuttgart (der auch pharmazeutische Einrichtungen assoziiert waren); später sprach Wegman von den ihrer Medizinischen Sektion angegliederten «heilpädagogischen Instituten». Vgl. P. Selg/S. H. Gross/M.Mochner: Ärzteschaft, 2024, S. 119 ff. Der Begriff «heilpädagogischesInstitut»wird in dieser Studie synonym mit«heilpädagogischem Heim»etc. verwandt.
hinderungen ausgerichtet, die praktische Psychiatrie setzte auf die eugenische Prophylaxe, weilesanTherapiemöglichkeiten für psychische Krankheiten noch weithin fehlte. […] Die Rassenhygiene wiederum profitierte, indem sie sich mit der psychiatrischen Genetik und Statistik verband, vom Nimbus der Wissenschaftlichkeit, der diese Disziplinen umgab.3
Der gesellschaftliche Konsens über Eugenik, «Rassenhygiene»und Selektion war bereits in der Weimarer Republikbreit. Er erfasste die Behindertenverbände wie auch das Gros der Psychiater und war nicht auf Deutschland beschränkt, sondern international vorhanden. In der Einführung der gesetzlich gestützten Zwangssterilisation bei zahlreichen Krankheitsbildern und der brutalen Praxis ihrer Durchführung(ab Januar 1934, insgesamt waren bis zu 400.000 Personen betroffen)sowie mitden systematisch durchgeführten Krankenmorden ab Januar1940, die ca. 196.000 Erwachsene und Kinder innerhalb des Deutschen Reiches das Leben kosteten, ging das totalitäreNS-System jedoch weit über das in anderen Staaten Praktizierte hinaus. Die gnadenloseWucht und Zerstörungskraft der Tötungsmaschine wurde lediglich durch die Massenermordung der jüdischen Bevölkerung in den Schatten gestellt, die das nationalsozialistische Deutschland im Anschluss an dieKrankenmorde –teilweise aber auch parallel –indie Tat umsetzte. «Von allen medizinischenFächern hat sich die Psychiatrie am radikalsten in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt», schrieb Ernst Klee.4
Untersucht wird in diesem Band die Frage, wie sich die anthroposophischen Einrichtungen mit ihren psychiatrischen Patienten und den von ihnen betreuten «Seelenpflege-bedürftigen»5 Kindern und Jugendlichen in dieser gefährlichen Situationverhielten, Einrichtungen,die zugleich selbst unter erheblichem Druck standen,dasie als «Organisationsteil einer [anthroposophischen]
Weltanschauungsgemeinschaft»angesehen,6 engmaschig beobachtet und hart bedrängt wurden –spätestensnach dem Verbot der, so Reinhard Heydrich, «staatsfeindlichen»und «staatsgefährlichen» Anthroposophischen Gesellschaft
3 H. W. Schmuhl: Eugenik,2011, S. 28. Vgl. zur Entwicklung der Psychiatrie unmittelbar vor und in der NS-Zeit u. a. E. Klee:Deutsche Medizin, 2001, S. 79 ff.
4 E. Klee:Deutsche Medizin, 2001, S. 78.
5 Zu dieser Begriffsbildung RudolfSteiners, die Eingang in die Institute fand, und ihrem geschichtlichen Kontext vgl. P. Selg/S.H.Gross/M. Mochner:Ärzteschaft, 2024, S. 119. Siehe auch die Erinnerung von Albrecht Strohschein:«Noch immer schaute ich ihn [Steiner]fragend an, verstand die neuen Worte nicht recht, zückte aber mein Notizbuch und er diktierte mir Wort für Wort:‹Seelenpflege groß geschrieben, bedürftige klein ….› Und fügte hinzu: ‹Wir müssenschon einen Namen wählen, der die Kinder nicht gleich abstempelt.›» A. Strohschein: Entstehung, 1967, S. 212.
6 V. van der Locht: Anthroposophische Heilinstitute, 2008, S. 71.
am 1. November 1935.7 «The AnthroposophicalSociety was declared not just anenemy of the state, but also adanger to it.»8 Im Sanatorium Wiesneck wurden zwischen 1933 und1945 mehr als 1500 Patientinnen und Patienten stationär behandelt.9 Wie viele Kinder und Jugendliche sich im selben Zeitraum im Schutz- und Förderungsraum der genannten sieben heilpädagogischen Instituteaufhielten, ist aufgrundfehlender Akten nicht genau bestimmbar. Mehr als 800 Namen von betreuten Kindern undJugendlichen waren durch verschiedene Listen auffindbar.10 Die wirkliche Zahl dürfte um ein Vielfaches höher liegen –allein das heilpädagogische Heim Schloss Pilgramshain beherbergte eine Zeitlang über 100 Kinder undJugendliche.11
Den jeweiligen Forschungsstand und dieneu erschlossenen Quellen für die Darstellung des psychiatrischen Sanatoriums Wiesneck sowie der anthroposophisch-heilpädagogischen Institute beschreibt Kapitel 1. Diesem folgt eine Einleitung zur Situationder Psychiatrie und Sonderpädagogik in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Zwangssterilisationen, der Krankenmorde und der «Kindereuthanasie».12 Das psychiatrische Sanatorium Wiesneck kommt in Kapitel 3.1 in seinem Aufbau zur Darstellung, sodann in den ideellen bzw. konzeptionellen Fundamenten seiner Arbeit, unter Einschluss von Patientenerfahrungen,13 gefolgt von einer zusammenfassenden Sichtung von drei Monographien, die Friedrich Husemann als Sanatoriumsleiter in der NS-Zeitveröffentlichte und die von Bedeutung für die Wiesnecker Therapiekultur waren.14 Anschließend werden die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen des Sanatoriums Wiesneck 1933–1945 und die Haltung Husemanns beschrieben,15 sodann die Bemühungen zum Schutz der Patientinnen und Patienten, diesichinerster Linie auf Basis der Krankenakten aufzeigen lassen.16 Der Einbezug Wiesnecksindie Maßnahmen der Zwangssterilisation und der «AktionT4» sind Thema der beiden Folgekapitel,17 ehe die Situation des Sanatoriums am Ende des Zweiten Weltkriegs in den Blick genommen wird.18 Die Schicksale von Patientinnen und Patienten des Sanatoriums,die
7 Vgl. U. Werner:Anthroposophen, 1999, S. 76 f.; P. Selg/S. H. Gross/M.Mochner:Ärzteschaft, 2024,S.315 f.
8 B. Edlund:Outsider, 2005, S. 183.
9 Vgl. Kap. 1.1.2.
10 Vgl. Kap. 1.2.2.
11 Vgl. Kap. 5.1.1.
12 Vgl. Kap. 2.
13 Vgl. Kap. 3.2.
14 Vgl. Kap. 3.3.
15 Vgl. Kap. 3.4.
16 Vgl. Kap. 3.5.
17 Vgl. Kap. 3.6 und Kap. 3.7.
18 Vgl. Kap. 3.8.
nach ihrer Entlassung den Krankenmorden oder der Shoah zum Opfer fielen, bilden den Abschluss der Wiesneck-Darstellungen.19
Auch die sieben anthroposophisch-heilpädagogischen Institute werden erst inihrem Aufbau und ihrer äußeren wie inneren Situation von 1933 bis 1945 vorgestellt.20 Im Folgekapitel kommen diebehördlichen Kontrollen, GestapoÜberwachungen und andereRestriktionen auf Basis entsprechender Korrespondenzen zwischenden beteiligten Ämternerstmals für alle sieben Einrichtungen zur Darstellung,21 im Anschluss daran dieAnpassungsversuche der Heime und ihre Aktivierung möglicher Unterstützer und Protektoren22 –sowie ihre Selbstbehauptungsversuche am Beispiel ausgewählter Einsprüche bei Behörden.23 Inwiefern die sieben anthroposophischen Heime und die in ihnen betreuten Kinder und Jugendlichen von den Zwangssterilisationen und der «T4-Aktion» betroffen waren und wie sich dieHeimleitungen und Mitarbeitenden dazu verhielten, behandelt Kapitel 4.5. Auf die recherchierbaren Opfer von Zwangssterilisationen unter den Betreuten der anthroposophischen Heime sowie die Schicksale von Kindernund Jugendlichen, dienach ihrer Entlassung aus den anthroposophischen Einrichtungen ermordet wurden, geht Kapitel 4.5.5 ein.
Kapitel 4.6 beschreibt dieFluchtwege von sechs jüdischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, die in den anthroposophischen Heimen arbeiteten und ihr Leben retten konnten, zumeist mitHilfe ihrer anthroposophischen Kolleginnen und Kollegen, sodann Kapitel 4.7 jedoch auch zwei Wege, die in die Konzentrationslager undden Tod mündeten. Sowohl der Bonnewitzer Heimleiter Martin Kretschmer als auch dieHeilpädagogin Hanna Lissau, die jüdischer Herkunft war und bei Ita Wegman in Arlesheimgelernt hatte, starben in den nationalsozialistischen Lagern. Kapitel 5stellt den Aufbau der Camphill-Gemeinschaft in Schottland (ab1939)durch diejüdische Fluchtgruppe um den anthroposophischen Kinderarzt und Heilpädagogen Karl König dar, der eng mit Ita Wegman verbunden war –sowieWegmans eigene Arbeit für die Anthroposophische Medizinund Heilpädagogik in den letzten Jahren ihres Lebens im Tessin, wohin siesich mit vielenBetreutenweg von der deutschen Grenze im Mai 1940 begeben hatte –nach der behördlich verordneten Evakuierung ihrer Arlesheimer Klinik.Der Band schließt mitFluchtbiographien sämtlicher jüdischer anthroposophischer Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierender,24 von denen bereits einige in Band 1thematisiertwurden.25
19 Vgl. Kap. 3.9.
20 Vgl. Kap. 4.1.
21 Vgl. Kap. 4.2.
22 Vgl. Kap. 4.3.
23 Vgl. Kap. 4.4.
24 Vgl. Kap. 7.
25 Vgl. P. Selg/S. H. Gross/M. Mochner:Ärzteschaft, 2024, S. 722 ff.
Wir haben uns in der vorliegenden Arbeitentschieden, die Patientennamen vollständig zu nennen, und folgen damitnoch kontrovers diskutierten Bestrebungen innerhalb der neueren Forschung,die Anonymisierung und den damit zugesprochenen Schutz der Identität zugunsten einer Würdigung der individuellen NS-Sterilisations- und «Euthanasie»-Schicksale aufzuheben, vergleichbar den jüdischen Opfern, deren Namen (und Lebenswege)von Beginn anveröffentlichtwurden.
Einen ersten großen Marksteinindieser Entwicklung setzte im Jahr 2018 das Bundesarchiv mitder Veröffentlichung der Namen von rund 30.000 «Euthanasie»-Opfern der «Aktion T4», deren Krankenakten sich im Bestand R179 («Kanzlei des Führers, Hauptamt IIb») befinden. In der Erklärung hieß es unter anderem:
Die Frage der Veröffentlichung der Namen von Opfern der NS-«Euthanasie»ist Gegenstand einer langjährigen, intensiv geführten gesellschaftlichen Debatte. Aufgrund der fortwirkenden Stigmatisierung körperlicher und geistiger Behinderung in der Bundesrepublik hatten einzelne Familienangehörige und der Bund der «Euthanasie»-Geschädigten lange Zeit Widerspruch gegen eine Veröffentlichung der Namen eingelegt.
In jüngerer Zeit wurde aber vermehrt öffentliche Kritik an der daraus resultierenden und durch Gerichtsentscheidungen bestätigten restriktiven Praxis der Archive geübt. […]
Nach intensivem fachlichem Austausch und vor dem Hintergrund des breiten Einvernehmens darüber, dass im Zeitalter der Inklusion die Opfer der NS-Euthanasie nicht länger verschwiegen werden dürfen und ein liberalerer Umgang mit den archivischen Quellen zur NS-«Euthanasie»imInteresse der wissenschaftlichen und familiengeschichtlichen Forschung geboten ist, hat sich das Bundesarchiv zur Veröffentlichung der Erschließungsdaten entschlossen.26
Ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung bildete die im August 2025 –kurz vor der Fertigstellung unseres Manuskriptes –online gestellte Datenbank von circa 30.000 Opfern medizinischer NS-Forschung durch die Max-Planck-Gesellschaft und die Nationale Akademieder Wissenschaften,27 was uns in unserer Entscheidung bestärkt hat. Im Hinblick auf den künftigenUmgang mit den «Euthanasie»-Morden wäre eine online zugängliche Datenbank aller Opfer für Nachforschungen von Angehörigen und für die(medizin‐)historische Wissenschaft aus
26 Bundesarchiv (Hg.): https://www.bundesarchiv.de/nachricht/bundesarchiv-erleichtertrecherche-nach-opfern-der-ns-euthanasieverbrechen/ (24. August 2025).
27 Vgl. Leopoldina.NationaleAkademie der Wissenschaften (Hg.): Victims of Biomedical Research under National Socialism, https://ns-medical-victims.org/. Vgl. dazu auch Deutsches Ärzteblatt (Hg.): Datenbank über Opfer medizinischer Forschung in NS-Zeit veröffentlicht, 18. August 2025,https://www.aerzteblatt.de/news/datenbank-uber-opfer-medizinischer-for schung-in-ns-zeit-veroffentlicht-376cb5f1-4994-497d-9491-72a47cab6bfc (beide 24. August 2025).
unserer Sicht dringend geboten, vergleichbar zu den Datenbanken der jüdischen Opfer. Eine derartigeDatenbank (mit Lebensdaten und Todesort)wäredurchaus auch mitAnonymisierungmöglich (etwa mit Abkürzung des Nachnamens nach dem ersten Buchstaben)und über das Geburtsdatum rekonstruierbar. Der Gesamtumfang der darin enthaltenen Namen würde in sich ein sprechendes Mahnmal bilden.
Unser Dank für das Zustandekommen dieses Bandes gilt erneut dem wissenschaftlichen Beirat Thomas Beddies und Heinz-Peter Schmiedebach (Institut für Geschichte der Medizinund Ethikinder Charité –Universitätsmedizin Berlin) sowie den vielen Menschen, dieuns in den Archiven geholfen haben (zu den Archiven vgl. Kapitel 1). Hervorheben möchten wir für Band 3noch einmal die erfahrene Hilfe von Péter Barna, Gunhild Pörksen sowie Volker van der Locht (1959–2021),denen wir zu großem Dank verpflichtet sind, ebenso wie den Stiftungen, die dieArbeitandiesemBand finanziell ermöglichten, besonders der Mahle-Stiftung und der von Peter Schnell gegründeten und geleiteten Software AG –Stiftung.28 Wirdanken auch den beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Schwabe Verlags, insbesondere Sonja Peschutter und HaraldS.Liehr.
Arlesheim, Juli 2025
Peter Selg, Susanne H. Gross, M. Mochner
28 Der Text strebt eine Ausgewogenheit zwischen geschlechtergerechter Sprache und Lesefreundlichkeit an. Bei manchen Quellenzitaten wurden zur besseren Lesbarkeit moderate Anpassungen an Grammatik,Rechtschreibung und Zeichensetzung vorgenommen. Hervorhebungen sind, soweit nicht anders ausgewiesen, Teil des Originalzitats.

