Skip to main content

9783796556470

Page 1


Anthroposophie und Nationalsozialismus

Anthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik

1933–1945

Anthroposophische Medizin, Pharmazieund Heilpädagogik imNationalsozialismus 1933–1945

Band 3

Anthroposophie und Nationalsozialismus.

Anthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik 1933–1945

Teilband 1

Schwabe Verlag

Herausgegeben vom Ita Wegman Institut für anthroposophische Grundlagenforschung (Arlesheim, Schweiz)imAuftrag der Akademie der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werkeinschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigungdes Verlages in keiner Formreproduziertoder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt.

Abbildung Umschlag:Vordergrund:Schreiben des Erbgesundheitsgerichts Stuttgart vom 11. April 1938 andas Sanatorium Wiesneck (PAW Fritz Widerspick). Hintergrund:Die Eurythmistin Margarete Wilke mit am Sonnenhof in Arlesheim betreuten Kindern. Fotograf unbekannt (Gustav Ritter?). Aus einem Fotoalbum Gustav Ritters (GoeA).

Coverkonzept: icona basel gmbh, Basel

Cover: Kathrin Strohschnieder,stroh design, Oldenburg

Layout: icona basel gmbh, Basel

Satz: 3w+p, Rimpar

Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza

Printed in Germany

Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, 4052 Basel, info@schwabeverlag.ch

Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR:Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, 10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN (2 Teilbände)978-3-7965-5647-0

ISBN eBook (PDF)978-3-7965-5648-7

DOI 10.24894/978-3-7965-5648-7

Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

3.1 Größe, Einzugsbereich und Vernetzung des Sanatoriums 1933–1945 ..

3.1.1 Der Aufbau des Sanatoriums ..

3.1.2 Überweisende Kliniken und niedergelassene Kollegen ..

3.1.3 Das Spektrum der Patienten ..

3.2 Ideelle Grundlagen und Praxisanthroposophischer Psychiatrie ..

3.2.1 Gesichtspunkte zur Psychiatrie bei Rudolf Steiner ...

3.2.2 Diagnostikund TherapieinGünterstalund Buchenbach ...

3.2.3 Das Sanatorium als soziale Gemeinschaft ..

3.2.4 Der Priester Friedrich Doldinger

3.2.5 Erfahrungen von Patienten und Angehörigen

3.3 Buchveröffentlichungen Friedrich Husemanns (1936–1941) ..

3.3.1 «Goethe und dieHeilkunst. Betrachtungen zur Krise in der Medizin» (1936). ..

3.3.2 «Vom Bild und Sinn des Todes. Entwurf einer geisteswissenschaftlich orientierten Geschichte, Physiologie und Psychologie des Todesproblems»(1938). ..

3.3.3 «Das Bild des Menschen als Grundlage der Heilkunst. Entwurfeiner geisteswissenschaftlich orientierten Medizin» (1941)

3.4 Erschwerte Arbeitsbedingungen

3.5.1

3.7

3.6.2

3.6.3

3.7.1

3.7.2 Schutzmaßnahmen

3.7.3 Der Kontaktzum Privatsanatorium Christophsbad in Göppingen

3.8 Die Räumung des Sanatoriums:November 1944 bis Kriegsende

3.9 Ermordete ehemalige Patienten des Sanatoriums Wiesneck

3.9.1 Opfer der «T4-Aktion».

3.9.2 Opfer der dezentralen Tötung

3.9.3 Opfer der Shoah

4. Die heilpädagogischen Institute in Deutschland ..

Zusammenfassung

4.1 Ideelle Grundlagen und Arbeitsvoraussetzungen

4.1.1 Selbstverständnisund Entwicklung, 1924–1933

4.1.2 Lage und Größe der Institute, 1933–1945

Medizinische Betreuung

4.1.6 Die Weiterarbeitunter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs

4.1.7 Anthroposophische Heilpädagogik jenseits der Institute

4.2 Überwachungen, Restriktionen, Schließungen

4.2.1 Schloss Pilgramshain.

Haus Spitzner/Bonnewitz

4.2.5 Schloss Gerswalde

4.2.6 Mühlhausen/Eckwälden

4.2.7 Lauenstein(Altefeld, Seewalde).

TEILBAND

2

4.3 Anpassung, Unterstützung und Protektion

4.3.1 Mitgliedschaften in NS-Organisationen

4.3.2 Anpassungen der Institutsprospekte und -satzungen

4.3.3 NS-nahe Eingaben und Angaben bei Behörden

4.3.4 WeitereAnpassungsmaßnahmen

4.3.5 Unterstützung und Protektion

4.4 Widerspruch und Widerstand ..

4.4.1 SiegfriedPickert, Hamborn. .. ..

4.4.2 Gottfried Bahr,Bonnewitz

4.4.3 HubertBollig, Malsch

4.5 Sterilisationsgesetz, «Aktion T4»und Schutzmaßnahmen ..

4.5.1 Die heilpädagogischenInstitute und dasSterilisationsgesetz

4.5.2 Opfer von Zwangssterilisationen

4.5.3 Die heilpädagogischenInstitute unddie «Aktion T4».

4.5.4 Rettungsmaßnahmen

650

693

710

4.5.5 Ermordete Kinder und Jugendliche 737

4.6 Fluchtwege anthroposophischer Heilpädagoginnen und Heilpädagogen jüdischer Herkunft

4.6.1 WalterErlanger ..

4.6.2 Ellen Simon

4.6.3 Edgar Elbogen

4.6.4 Susanne Lissau

4.6.5 Lissa Hartmann

4.6.6 Georg Isaac («Isy») Aronowitz ..

4.7 Zwei KZ-Opfer

4.7.1 Martin Kretschmer

4.7.2 Hanna Lissau

5. HeilpädagogischeGemeinschaft im Exil. KarlKönig undIta Wegman

5.1 Karl Königs Weg von Schlesien nach Schottland

5.1.1 Im HeilpädagogischenInstitutPilgramshain, 1928–1936 .. .

5.1.2 Praxis in Wien und Flucht, 1936–1938 ..

5.1.3 Therapeutische Gemeinschaft im Exil: Camphill, 1939–1945

5.2 Ita Wegman in Ascona und Brissago, 1940–1943

5.2.1 VonArlesheimnach Ascona

5.2.2 Hilfe in Zeiten des Krieges

6. Bilanz

7. Kurzbiographien anthroposophischer Ärztinnen und Ärzte jüdischer Herkunft

Nachträge

Mitgliedschaftenanthroposophischer Ärztinnen und Ärzte in NS-Organisationen

Die Professionalisierung der sozialen, pädagogischen und therapeutischen Begleitung von Menschen, dieaufgrund ihrer individuellen Entwicklungsbiographien und der diesen gegenüberstehenden Defiziten moderner Gesellschaften von Marginalisierung und Ausschluss betroffen sind, ist ein zivilisationsgeschichtlich junges Phänomen. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts,das dem hier besprochenen Zeitraum der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland unmittelbar vorangeht, standen die Psychiatrie –und insbesondere die Kinder- und Jugendpsychiatrie– als Fachgebiet der Medizin, die Heilpädagogik, die sich mit Erziehung und Bildung unter komplexen Entwicklungsbedingungen befasst, und dieSozialpädagogikund Soziale Arbeit, deren Aufmerksamkeit sich auf dieprekären sozialen Bedingungen für gesellschaftliche Teilhabe richtet, noch mitten im Prozess ihrer fachlichen, wissenschaftlichen und berufsethischen Identitätsbildung.1

Der Begriff «Heilpädagogik» wird als Namensvorschlagfür die neu sich bildendepädagogische Fachdisziplin an derSchnittstelle zu therapeutischen sowie sozialen undpastoralenPerspektiven 1861 –imGeburtsjahr Rudolf Steiners –durch HeinrichMarianusDeinhardt (1821–1880)2 eingeführt.3 Deinhardt, einst studentischer Aktivist, inspiriertdurch Schillers Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen»und wesentlich an der –gescheiterten –demokratischen Revolution von 1848 beteiligt, versteht den Auftragder Heilpädagogik sowohl entwicklungspsychologisch als auch sozialpädagogisch. Das Ziel ist individuelle Selbstwirksamkeit und soziale Teilhabe. Beide bedingen sich –imSinne von Schillers «Briefen»– gegenseitig. Eine spielerische, sensomotorische und erlebnisbasierte, «Embodiment»-orientierte Pädagogik unterstützt das Kind darin, einselbstreguliertes Verhältnis zwischen Geist und Leib zuentwickeln, so dass es seine Intentionen selbstwirksam durch die Leiblichkeit inder Welt verwirklichen kann.4 Diese Möglichkeit ist gleichzeitig die Voraussetzung dafür, Gesellschaftgemeinsam zu gestalten. Heilpädagogik in dieser

1 J. Göschel:Heilpädagogik,2024, S. 305–314.

2 J.D. Georgens, H.M. Deinhardt:Heilpädagogik,Bd. 1, 1861.

3 C. Stöger:Idee der Demokratie, 2017. Stöger weist u. a. nach, dass Deinhardt als der alleinige Autor der Schrift zur Heilpädagogik von 1861 anzusehen ist.

4 B. Schmalenbach:Von der ästhetischen Kraft, 2012, S. 195–222.

Traditionslinie ist damitTeil einer umfassenden volkspädagogischen Bildungsintention, die auf Teilhabe für alle zielt. Dies wird umso deutlicher durch die zeitgleiche Veröffentlichung der «Beiträge zur Würdigung und zum Verständnisse Schillers»,5 in denen Rudolf Steiner später die Grundlagen einer «ungeheuer tiefe[n] soziale[n] Volkspädagogik»sah.6

In den 1920er Jahren, zur Zeitder Begründung der anthroposophisch orientierten Heilpädagogik,hatte sich der von Deinhardt geprägte Begriff für das Fachgebiet im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Allerdings war inzwischen umstritten, mit welchem fachlichen, wissenschaftlichen und berufsethischen Selbstverständnis er zu füllen sei. Siegfried Pickert, Franz Löffler und Albrecht Strohschein, die als Gründer des «Heil- und Erziehungsinstituts für Seelenpflege-bedürftigeKinder Lauenstein» in Jena –und danach weiterer heilpädagogischer Institute anthroposophischerAusrichtung –zuden handelnden Personen gehören, dieimvorliegenden Band im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, lernten die Heilpädagogik in dem von Johannes Trüper (1855–1921) gegründeten Erziehungsheimund Jugendsanatorium auf der Sophienhöhe in Jena kennen, welches damals als innovatives Modell einer fortschrittlichen und humanistischen Heilpädagogikinternational bekannt war.7 Auch für Trüper, der unter anderem wesentlich an Johann Friedrich Herbarts (1776–1841) psychologisches Verständnisvon Pädagogikanknüpfte,8 standen die Förderung individueller Selbstwirksamkeitund dieErmöglichung sozialer Teilhabe im Zentrum des erzieherischen Auftrags.

Diesem ursprünglichen, humanistischen Verständnis von Heilpädagogik stand in den 1920er Jahren diametral gegenüber der systematische Versuch, insbesondere im Kontext der ebenfalls jungen medizinischen Disziplin der Kinderund Jugendpsychiatrie, diehumanistische pädagogische Tradition als «unwissenschaftlich» zu delegitimieren und «Heilpädagogik»unter eugenischen Vorzeichen alsTeil einer Medizinund Psychiatrie neu zu definieren, welche in der «Gesundheit des Volkskörpers»,unter einem Fokus auf «Erbgesundheit»immer mehr auch als «Rassenhygiene»aufgefasst, ihren gesellschaftlichen Auftrag sahen. Die Eugenik,die sich aus der Rezeption der 1859 veröffentlichten Evolutionstheorie Darwins und unter dem Eindruck der sozialen Umbrüche der industriellen Revolution zeitgleich mitdem humanistischen Konzept der Heilpäd-

5 H.M. Deinhardt:Beiträge zur Würdigung, Bd. 1, 1861.

6 R. Steiner:GA251, 12023, S. 399.

7 A. Schotte:Heilpädagogik alsSozialpädagogik, 2010. Politisch war Trüper sozial-konservativ protestantisch eingestellt; in seinen letzten Lebensjahren äußerte er sich zunehmend nationalistisch und antisemitisch. Dennoch stellte er sich bis zu seinem Tod 1921 «nicht explizit hinter eugenische Bestrebungen»(A. Schotte:Heilpädagogik als Sozialpädagogik, 2010, S.371). Seinpädagogisches Konzept bleibt in einem humanistischen Zugang verankert.

8 K. Klattenhoff:Herbart, 2006.

agogik entwickelte, beanspruchte für sich, die«harte»naturwissenschaftliche Antwort auf die sozialen Probleme der Zeit zu geben, die von einem in der Romantik und im Idealismus wurzelnden, «weichen»und «schwachen», «pseudowissenschaftlichen»sozialen und pädagogischen Denken aus ihrer Sicht nicht bewältigt werden könnten.9 Mindestens seit der Jahrhundertwende, und besonders intensiv seit der Veröffentlichung der Schrift von Binding und Hoche (1920)zur «Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens»,10 war nicht nur die Eugenik-Debatte, sondernauch dieFrage der «Euthanasie», also des aktiven Tötens als möglicher staatlicher und ärztlicher Aufgabe, zum kontrovers diskutierten Thema in Fachwelt, Medien und breiter Öffentlichkeit geworden. So lässt sich feststellen,

[…]dass die 1920er Jahre vor allem für Menschen mit Behinderung keineswegs die goldene Ära demokratischer Experimente, sexueller Revolution und inspirierender Vermächtnisse waren, an die anzuknüpfen man ernsthaft hoffen könnte, sondern eine Zeit, inder bereits die bösartige Pathologisierung ausgebrütet wurde, die später die zahlreichen Gräueltaten des «Dritten Reichs»gegen Menschen mit Behinderung legitimieren sollte.11

Indem die anthroposophische Heilpädagogik1924 einerseits an die humanistische Praxistradition anschließt, wie sieinForm der Trüper-Pädagogik auf der Sophienhöhe vorlag, und andererseits an diewenigzuvor initiierte Waldorfpädagogik und die Anthroposophische Medizinund deren Begründung in der von Rudolf Steiner entwickelten, spirituell erweiterten Anthropologie, die sich ihrerseits in der ideellen Traditionslinie des Humanismus sieht, wie er sich im Umkreis von Jena um dieWende vom 18. zum 19. Jahrhundert kristallisierte,12 stellt sie sich ideell eindeutigauf dieSeite des Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr in den Ruf der «Unwissenschaftlichkeit» kommenden Verständnisses von Heilpädagogik, das auf individuelle Selbstwirksamkeit und soziale Teilhabe zielte.13 Auch das anthroposophische Psychiatrie-Konzept,wie es Friedrich Husemann als Gründer und Leiter des im vorliegenden Band besprochenen «Sanatoriums Wiesneck»vertrat, ist miteugenischem Denken prinzipiell unvereinbar.14 Inbeiden Fällen gehtes– nach dem Selbstverständnis der damaligen Akteure –umdie Begleitung individueller Biographien, die auch –und eventuell auch gerade –unter ihren komplexen und herausfordernden Bedingungen als sinnhaft aufgefasst und als Beitrag zur individuellen und gesamtmenschheitlichen Ent-

9 Vgl. J.C. Göschel:Heilpädagogik, 2024.

10 K. Binding/A. Hoche:Freigabe, 21922.

11 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 240f.

12 A. Wulf:Magnificent Rebels, 2022.

13 Vgl. die Beiträge in J. Göschel/R. Grimm: Beiträge, 2024.

14 Vgl. P. Selg:Anfänge, 2000.

wicklung gelesen werden. Bei allen kritischen Fragen, die aus gegenwärtigen Perspektiven eventuell auch an eine solche tendenzielle «spirituelle Überhöhung» des Schicksals von Menschen mitBehinderung und psychischen Erkrankungen gestellt werden mögen,15 steht gerade dieser wertschätzende Respekt vor komplexen menschlichen Lebenssituationen dem Gedanken des «lebensunwerten Lebens»diametral gegenüber.

Die Frage, der sich mittels der in diesem Band zusammengetragenen Erkenntnisseüber dieGeschichte der anthroposophischen Psychiatrie und Heilpädagogik auf deutschem Staatsgebiet von 1933 bis 1945 nachgehen lässt,ist also, inwiefern es den Vertreterinnen und Vertretern dieses, dem EugenikGedanken radikal entgegenstehenden, Verständnisses psychiatrischer, sozialer und pädagogischer Professionalität gelang, dieanthroposophisch erweiterten humanistischen Prinzipien, auf denen sieihre Arbeit begründeten, auch angesichts der Gefährdung durch eine durchweg eugenisch und «rassenhygienisch» ausgerichtete staatliche Machtausübung konsequent durchzutragen, und wie sie dabei mit den sich präsentierenden Dilemmata umgingen. Durch ihre umfangreiche und detaillierte Recherche gelingt es der vorliegenden Studie, die zentrale ethische Herausforderung freizulegen, mit der sich die Verantwortlichen aller achtuntersuchten Einrichtungen in diesem Spannungsfeld zwischen innerer moralischer Orientierung und äußeren Systembedingungen konfrontiert sahen: die «ständige[…] Ambivalenz, den Schutz der eigenen Institution nicht über den Schutz des Individuums zu stellen –und doch die Einrichtung retten zu müssen, um überhaupt weiter aufnehmen und behandeln zu können».16

Frappierend ist es dabei,zubemerken, wiekonsequent sich die zitierte Behördenkorrespondenz im Rahmen derregulatorischen Aufsicht und staatlichen Überwachung derInstitute –neben demideologischen und «rassenhygienischen» Duktus –innerhalb eines zweckrationalen Nützlichkeits- und Effizienzdenkens bewegt, das vorwiegend im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung argumentiert. Nichtnur diepsychiatrischen Patientinnen und Patienten und die betreuten Kinder und Jugendlichen, sondernauch die Mitarbeitenden mit ihrem unkonventionellen, idealistischen und scheinbar «weltfremden», Anthroposophie-verdächtigen Auftreten, mitihrer «unwissenschaftlichen», von der üblichen Fachpraxisabweichenden Arbeitsweise, werden immer wieder als nutzlose Randgruppen charakterisiert. Diese Geringschätzung der therapeutischen Gemeinschaften in ihrer Gesamtkonfigurationscheint an manchen Stellen paradoxerweise sogar eine schützende Funktion gehabt zu haben;zumindest, solange eine Schließung der Einrichtungen innerhalb eines überforderten Systems höhere Kosten verursachen würde, als den einstweiligen Weiterbetrieb

15 Vgl. N.L. Jacobs:Review:Disability, 2017, S. 929–931.

16 S. 869 (indiesem Band).

trotz seiner Inkompatibilität mitder Logik des nationalsozialistischen Staats vorläufig zu tolerieren.

Gerade hier, wo Psychiatrieund Heilpädagogik auf die Effizienz- und Nützlichkeitslogik eines industriell-materialistischen und sozialdarwinistischen Gesellschaftsparadigmas treffen, in dem der «Wert»menschlichen Lebens aus der wirtschaftlichen Produktionsfähigkeitabgeleitet wird, und wo die Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Produktionsleistung zum obersten Staatsziel wird, wird erkennbar, wie sehr dieser Aspekteugenischen Denkens auch heute noch nicht überwunden ist. Was dieHistorikerin DagmarHerzog als «Eugenische Phantasmen»17 bezeichnet, lebte nach 1945, wie sie eindrücklich aufzeigt, sowohl im sozialistischen «Arbeiterstaat»der DDR wie im «Wirtschaftswunder» der BRD fort, wenngleich sich die kaschierende Rhetorik immer wieder wandelte. Auch heute finden sich –trotz aller kultureller und gesellschaftlicher Fortschritte –die Spuren der eugenischen Logik weiterhin, beispielsweiseim«neoliberale[n] Paradox, das behindertenfreundliches Vokabularmit staatlicher Sparpolitik paart»18 und sich fast überall in den konkreten Formen der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in nationale Gesetzgebung widerspiegelt. Vordiesem Hintergrund ist die Sensibilisierung der Aufmerksamkeit, «für Dimensionen des Nationalsozialismus– vor allem für dessen Herumtrampeln auf allem, was schwach und vulnerabel war –, die anderen Nachkriegsinterpreten entgingen»,19 und dieHerzog einfordert, ohne die heutigen Probleme mit der Zeit von 1933 bis1945 gleichzusetzen, von hoher gegenwärtiger Relevanz.

Die vorliegendeStudiestellt zum ersten Mal ein umfassendes und fundiertes Bild zur Verfügung, wie sich die Einrichtungen und verantwortlichen Personen der anthroposophisch orientierten Psychiatrieund Heilpädagogik –mit ihrem kultur- und gesellschaftskritischen humanistischen Selbstverständnis –angesichts der brutalen Zuspitzung eugenischen Denkens und der «Vernichtung lebensunwerten Lebens»als zentralem Aspektdes staatlichen Auftrags konkret verhielten. Dafür gilt den Mitwirkenden der Studieein großer Dank, verbunden mit der Hoffnung, dass diehier vorgestellten Einblicke zum Ausgangspunkt für einen weiterführenden Dialog werden, der zur Schärfung des professionellen und berufsethischen Blicks auf dieErmöglichung von individueller Selbstwirksamkeit und gesellschaftlicher Teilhabe sowieden bedingungslosen Respekt vor

17 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 240f.

18 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 253.

19 D. Herzog:EugenischePhantasmen, 2024, S. 235.

der Würde und Sinnhaftigkeiteiner jeden gelebten Biographie beiträgt, und eine dem gemäße kulturelle und soziale Entwicklung einfordert und mitgestaltet.

Dr. Jan Göschel

Leitung Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung

Freie Hochschule für Geisteswissenschaft Goetheanum, Dornach (Schweiz)

ImZentrum von Band 3der Studie«Anthroposophische Medizin, Pharmazie und Heilpädagogik 1933–1945»1 stehen dieanthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik, d. h. dieacht anthroposophischen Einrichtungen im nationalsozialistischen Deutschland, diesich psychiatrisch erkrankten Patientinnen und Patienten oder heilpädagogisch betreuungsbedürftigen Kindern und Jugendlichen widmeten. Es handelte sich dabei um das psychiatrische Sanatorium Wiesneck in Buchenbach nahe Freiburg im Breisgau sowiesieben heilpädagogische Institute anthroposophischer Orientierung und Trägerschaft mit teilweise großen Anwesen:Schloss Gerswalde in Brandenburg(nahe Templin), Schloss Pilgramshain nahe Breslau, Schloss Hambornnahe Paderborn, die sogenannte Lauenstein-Einrichtung inAltefeld nahe Eisenach, die 1941 nach Seewalde in Mecklenburg umzog,sowiedie Heime («Institute»)2 in Bonnewitz nahe Pirna, Malsch nahe Karlsruhe und Schloss Mühlhausen nahe Stuttgart, das 1936 nach Eckwälden am Rande der Schwäbischen Alb (nahe Göppingen)verlagert wurde. Die Kranken des Sanatoriums in Wiesneck (mit bis zu 100 Betten)und die Betreuten dersiebenheilpädagogischen Einrichtungen gehörten zu den gefährdeten Personenkreisen im NS-Regime,wobeiihre Bedrohung nicht erst1933 bzw.mit derRegierungsübernahmeder Nationalsozialistenbegann. Hans-Walter Schmuhl schrieb:

Die Psychiatriesah im frühen 20. Jahrhundert in der Verbindung mit Humangenetik und Rassenhygiene einen Königsweg zur Etablierung als medizinischer Disziplin, nachdem der im ausgehenden 19. Jahrhundert unternommene Versuch, sich an die (neuro‐) Pathologie und Physiologie sowie an die experimentelle Psychologie anzulehnen, gescheitert war. Die psychiatrischeGenetik der Zwischenkriegszeit war auf die Erforschung erblicher Einflüsse bei der Entstehung psychischer Krankheiten und geistiger Be-

1 Vgl. die ersten beiden Bände:P.Selg/S. H. Gross/M.Mochner:Ärzteschaft, 2024;P Selg/S. H. Gross/M. Mochner:Arzneimittelfirmen, 2025.

2 R. Steiner und I. Wegman verwandten den Begriff «Klinisch-Therapeutisches Institut» für die ersten anthroposophischen Kliniken in Arlesheim und Stuttgart (der auch pharmazeutische Einrichtungen assoziiert waren); später sprach Wegman von den ihrer Medizinischen Sektion angegliederten «heilpädagogischen Instituten». Vgl. P. Selg/S. H. Gross/M.Mochner: Ärzteschaft, 2024, S. 119 ff. Der Begriff «heilpädagogischesInstitut»wird in dieser Studie synonym mit«heilpädagogischem Heim»etc. verwandt.

hinderungen ausgerichtet, die praktische Psychiatrie setzte auf die eugenische Prophylaxe, weilesanTherapiemöglichkeiten für psychische Krankheiten noch weithin fehlte. […] Die Rassenhygiene wiederum profitierte, indem sie sich mit der psychiatrischen Genetik und Statistik verband, vom Nimbus der Wissenschaftlichkeit, der diese Disziplinen umgab.3

Der gesellschaftliche Konsens über Eugenik, «Rassenhygiene»und Selektion war bereits in der Weimarer Republikbreit. Er erfasste die Behindertenverbände wie auch das Gros der Psychiater und war nicht auf Deutschland beschränkt, sondern international vorhanden. In der Einführung der gesetzlich gestützten Zwangssterilisation bei zahlreichen Krankheitsbildern und der brutalen Praxis ihrer Durchführung(ab Januar 1934, insgesamt waren bis zu 400.000 Personen betroffen)sowie mitden systematisch durchgeführten Krankenmorden ab Januar1940, die ca. 196.000 Erwachsene und Kinder innerhalb des Deutschen Reiches das Leben kosteten, ging das totalitäreNS-System jedoch weit über das in anderen Staaten Praktizierte hinaus. Die gnadenloseWucht und Zerstörungskraft der Tötungsmaschine wurde lediglich durch die Massenermordung der jüdischen Bevölkerung in den Schatten gestellt, die das nationalsozialistische Deutschland im Anschluss an dieKrankenmorde –teilweise aber auch parallel –indie Tat umsetzte. «Von allen medizinischenFächern hat sich die Psychiatrie am radikalsten in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt», schrieb Ernst Klee.4

Untersucht wird in diesem Band die Frage, wie sich die anthroposophischen Einrichtungen mit ihren psychiatrischen Patienten und den von ihnen betreuten «Seelenpflege-bedürftigen»5 Kindern und Jugendlichen in dieser gefährlichen Situationverhielten, Einrichtungen,die zugleich selbst unter erheblichem Druck standen,dasie als «Organisationsteil einer [anthroposophischen]

Weltanschauungsgemeinschaft»angesehen,6 engmaschig beobachtet und hart bedrängt wurden –spätestensnach dem Verbot der, so Reinhard Heydrich, «staatsfeindlichen»und «staatsgefährlichen» Anthroposophischen Gesellschaft

3 H. W. Schmuhl: Eugenik,2011, S. 28. Vgl. zur Entwicklung der Psychiatrie unmittelbar vor und in der NS-Zeit u. a. E. Klee:Deutsche Medizin, 2001, S. 79 ff.

4 E. Klee:Deutsche Medizin, 2001, S. 78.

5 Zu dieser Begriffsbildung RudolfSteiners, die Eingang in die Institute fand, und ihrem geschichtlichen Kontext vgl. P. Selg/S.H.Gross/M. Mochner:Ärzteschaft, 2024, S. 119. Siehe auch die Erinnerung von Albrecht Strohschein:«Noch immer schaute ich ihn [Steiner]fragend an, verstand die neuen Worte nicht recht, zückte aber mein Notizbuch und er diktierte mir Wort für Wort:‹Seelenpflege groß geschrieben, bedürftige klein ….› Und fügte hinzu: ‹Wir müssenschon einen Namen wählen, der die Kinder nicht gleich abstempelt.›» A. Strohschein: Entstehung, 1967, S. 212.

6 V. van der Locht: Anthroposophische Heilinstitute, 2008, S. 71.

am 1. November 1935.7 «The AnthroposophicalSociety was declared not just anenemy of the state, but also adanger to it.»8 Im Sanatorium Wiesneck wurden zwischen 1933 und1945 mehr als 1500 Patientinnen und Patienten stationär behandelt.9 Wie viele Kinder und Jugendliche sich im selben Zeitraum im Schutz- und Förderungsraum der genannten sieben heilpädagogischen Instituteaufhielten, ist aufgrundfehlender Akten nicht genau bestimmbar. Mehr als 800 Namen von betreuten Kindern undJugendlichen waren durch verschiedene Listen auffindbar.10 Die wirkliche Zahl dürfte um ein Vielfaches höher liegen –allein das heilpädagogische Heim Schloss Pilgramshain beherbergte eine Zeitlang über 100 Kinder undJugendliche.11

Den jeweiligen Forschungsstand und dieneu erschlossenen Quellen für die Darstellung des psychiatrischen Sanatoriums Wiesneck sowie der anthroposophisch-heilpädagogischen Institute beschreibt Kapitel 1. Diesem folgt eine Einleitung zur Situationder Psychiatrie und Sonderpädagogik in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Zwangssterilisationen, der Krankenmorde und der «Kindereuthanasie».12 Das psychiatrische Sanatorium Wiesneck kommt in Kapitel 3.1 in seinem Aufbau zur Darstellung, sodann in den ideellen bzw. konzeptionellen Fundamenten seiner Arbeit, unter Einschluss von Patientenerfahrungen,13 gefolgt von einer zusammenfassenden Sichtung von drei Monographien, die Friedrich Husemann als Sanatoriumsleiter in der NS-Zeitveröffentlichte und die von Bedeutung für die Wiesnecker Therapiekultur waren.14 Anschließend werden die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen des Sanatoriums Wiesneck 1933–1945 und die Haltung Husemanns beschrieben,15 sodann die Bemühungen zum Schutz der Patientinnen und Patienten, diesichinerster Linie auf Basis der Krankenakten aufzeigen lassen.16 Der Einbezug Wiesnecksindie Maßnahmen der Zwangssterilisation und der «AktionT4» sind Thema der beiden Folgekapitel,17 ehe die Situation des Sanatoriums am Ende des Zweiten Weltkriegs in den Blick genommen wird.18 Die Schicksale von Patientinnen und Patienten des Sanatoriums,die

7 Vgl. U. Werner:Anthroposophen, 1999, S. 76 f.; P. Selg/S. H. Gross/M.Mochner:Ärzteschaft, 2024,S.315 f.

8 B. Edlund:Outsider, 2005, S. 183.

9 Vgl. Kap. 1.1.2.

10 Vgl. Kap. 1.2.2.

11 Vgl. Kap. 5.1.1.

12 Vgl. Kap. 2.

13 Vgl. Kap. 3.2.

14 Vgl. Kap. 3.3.

15 Vgl. Kap. 3.4.

16 Vgl. Kap. 3.5.

17 Vgl. Kap. 3.6 und Kap. 3.7.

18 Vgl. Kap. 3.8.

nach ihrer Entlassung den Krankenmorden oder der Shoah zum Opfer fielen, bilden den Abschluss der Wiesneck-Darstellungen.19

Auch die sieben anthroposophisch-heilpädagogischen Institute werden erst inihrem Aufbau und ihrer äußeren wie inneren Situation von 1933 bis 1945 vorgestellt.20 Im Folgekapitel kommen diebehördlichen Kontrollen, GestapoÜberwachungen und andereRestriktionen auf Basis entsprechender Korrespondenzen zwischenden beteiligten Ämternerstmals für alle sieben Einrichtungen zur Darstellung,21 im Anschluss daran dieAnpassungsversuche der Heime und ihre Aktivierung möglicher Unterstützer und Protektoren22 –sowie ihre Selbstbehauptungsversuche am Beispiel ausgewählter Einsprüche bei Behörden.23 Inwiefern die sieben anthroposophischen Heime und die in ihnen betreuten Kinder und Jugendlichen von den Zwangssterilisationen und der «T4-Aktion» betroffen waren und wie sich dieHeimleitungen und Mitarbeitenden dazu verhielten, behandelt Kapitel 4.5. Auf die recherchierbaren Opfer von Zwangssterilisationen unter den Betreuten der anthroposophischen Heime sowie die Schicksale von Kindernund Jugendlichen, dienach ihrer Entlassung aus den anthroposophischen Einrichtungen ermordet wurden, geht Kapitel 4.5.5 ein.

Kapitel 4.6 beschreibt dieFluchtwege von sechs jüdischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, die in den anthroposophischen Heimen arbeiteten und ihr Leben retten konnten, zumeist mitHilfe ihrer anthroposophischen Kolleginnen und Kollegen, sodann Kapitel 4.7 jedoch auch zwei Wege, die in die Konzentrationslager undden Tod mündeten. Sowohl der Bonnewitzer Heimleiter Martin Kretschmer als auch dieHeilpädagogin Hanna Lissau, die jüdischer Herkunft war und bei Ita Wegman in Arlesheimgelernt hatte, starben in den nationalsozialistischen Lagern. Kapitel 5stellt den Aufbau der Camphill-Gemeinschaft in Schottland (ab1939)durch diejüdische Fluchtgruppe um den anthroposophischen Kinderarzt und Heilpädagogen Karl König dar, der eng mit Ita Wegman verbunden war –sowieWegmans eigene Arbeit für die Anthroposophische Medizinund Heilpädagogik in den letzten Jahren ihres Lebens im Tessin, wohin siesich mit vielenBetreutenweg von der deutschen Grenze im Mai 1940 begeben hatte –nach der behördlich verordneten Evakuierung ihrer Arlesheimer Klinik.Der Band schließt mitFluchtbiographien sämtlicher jüdischer anthroposophischer Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierender,24 von denen bereits einige in Band 1thematisiertwurden.25

19 Vgl. Kap. 3.9.

20 Vgl. Kap. 4.1.

21 Vgl. Kap. 4.2.

22 Vgl. Kap. 4.3.

23 Vgl. Kap. 4.4.

24 Vgl. Kap. 7.

25 Vgl. P. Selg/S. H. Gross/M. Mochner:Ärzteschaft, 2024, S. 722 ff.

Wir haben uns in der vorliegenden Arbeitentschieden, die Patientennamen vollständig zu nennen, und folgen damitnoch kontrovers diskutierten Bestrebungen innerhalb der neueren Forschung,die Anonymisierung und den damit zugesprochenen Schutz der Identität zugunsten einer Würdigung der individuellen NS-Sterilisations- und «Euthanasie»-Schicksale aufzuheben, vergleichbar den jüdischen Opfern, deren Namen (und Lebenswege)von Beginn anveröffentlichtwurden.

Einen ersten großen Marksteinindieser Entwicklung setzte im Jahr 2018 das Bundesarchiv mitder Veröffentlichung der Namen von rund 30.000 «Euthanasie»-Opfern der «Aktion T4», deren Krankenakten sich im Bestand R179 («Kanzlei des Führers, Hauptamt IIb») befinden. In der Erklärung hieß es unter anderem:

Die Frage der Veröffentlichung der Namen von Opfern der NS-«Euthanasie»ist Gegenstand einer langjährigen, intensiv geführten gesellschaftlichen Debatte. Aufgrund der fortwirkenden Stigmatisierung körperlicher und geistiger Behinderung in der Bundesrepublik hatten einzelne Familienangehörige und der Bund der «Euthanasie»-Geschädigten lange Zeit Widerspruch gegen eine Veröffentlichung der Namen eingelegt.

In jüngerer Zeit wurde aber vermehrt öffentliche Kritik an der daraus resultierenden und durch Gerichtsentscheidungen bestätigten restriktiven Praxis der Archive geübt. […]

Nach intensivem fachlichem Austausch und vor dem Hintergrund des breiten Einvernehmens darüber, dass im Zeitalter der Inklusion die Opfer der NS-Euthanasie nicht länger verschwiegen werden dürfen und ein liberalerer Umgang mit den archivischen Quellen zur NS-«Euthanasie»imInteresse der wissenschaftlichen und familiengeschichtlichen Forschung geboten ist, hat sich das Bundesarchiv zur Veröffentlichung der Erschließungsdaten entschlossen.26

Ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung bildete die im August 2025 –kurz vor der Fertigstellung unseres Manuskriptes –online gestellte Datenbank von circa 30.000 Opfern medizinischer NS-Forschung durch die Max-Planck-Gesellschaft und die Nationale Akademieder Wissenschaften,27 was uns in unserer Entscheidung bestärkt hat. Im Hinblick auf den künftigenUmgang mit den «Euthanasie»-Morden wäre eine online zugängliche Datenbank aller Opfer für Nachforschungen von Angehörigen und für die(medizin‐)historische Wissenschaft aus

26 Bundesarchiv (Hg.): https://www.bundesarchiv.de/nachricht/bundesarchiv-erleichtertrecherche-nach-opfern-der-ns-euthanasieverbrechen/ (24. August 2025).

27 Vgl. Leopoldina.NationaleAkademie der Wissenschaften (Hg.): Victims of Biomedical Research under National Socialism, https://ns-medical-victims.org/. Vgl. dazu auch Deutsches Ärzteblatt (Hg.): Datenbank über Opfer medizinischer Forschung in NS-Zeit veröffentlicht, 18. August 2025,https://www.aerzteblatt.de/news/datenbank-uber-opfer-medizinischer-for schung-in-ns-zeit-veroffentlicht-376cb5f1-4994-497d-9491-72a47cab6bfc (beide 24. August 2025).

unserer Sicht dringend geboten, vergleichbar zu den Datenbanken der jüdischen Opfer. Eine derartigeDatenbank (mit Lebensdaten und Todesort)wäredurchaus auch mitAnonymisierungmöglich (etwa mit Abkürzung des Nachnamens nach dem ersten Buchstaben)und über das Geburtsdatum rekonstruierbar. Der Gesamtumfang der darin enthaltenen Namen würde in sich ein sprechendes Mahnmal bilden.

Unser Dank für das Zustandekommen dieses Bandes gilt erneut dem wissenschaftlichen Beirat Thomas Beddies und Heinz-Peter Schmiedebach (Institut für Geschichte der Medizinund Ethikinder Charité –Universitätsmedizin Berlin) sowie den vielen Menschen, dieuns in den Archiven geholfen haben (zu den Archiven vgl. Kapitel 1). Hervorheben möchten wir für Band 3noch einmal die erfahrene Hilfe von Péter Barna, Gunhild Pörksen sowie Volker van der Locht (1959–2021),denen wir zu großem Dank verpflichtet sind, ebenso wie den Stiftungen, die dieArbeitandiesemBand finanziell ermöglichten, besonders der Mahle-Stiftung und der von Peter Schnell gegründeten und geleiteten Software AG –Stiftung.28 Wirdanken auch den beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Schwabe Verlags, insbesondere Sonja Peschutter und HaraldS.Liehr.

Arlesheim, Juli 2025

Peter Selg, Susanne H. Gross, M. Mochner

28 Der Text strebt eine Ausgewogenheit zwischen geschlechtergerechter Sprache und Lesefreundlichkeit an. Bei manchen Quellenzitaten wurden zur besseren Lesbarkeit moderate Anpassungen an Grammatik,Rechtschreibung und Zeichensetzung vorgenommen. Hervorhebungen sind, soweit nicht anders ausgewiesen, Teil des Originalzitats.

1. Forschungsstand und Quellenlage zur anthroposophischen Psychiatrie

und Heilpädagogik in der NS-Zeit

1.1 Sanatorium Wiesneck

1.1.1

Literatur

Eine Darstellung des psychiatrischen Sanatoriums Wiesneck im Nationalsozialismus, wie sie für viele Kliniken, Kurheime oder Sanatorien vergleichbarer Größe vorliegt,1 existiert bisher nicht. In der Literatur zu Wiesneck wird von überwiegend anthroposophisch orientierten Autoren im Hinblick auf die NS-Zeit jedoch übereinstimmend hervorgehoben, dass kein Patient und keine Patientin des Sanatoriums der «T4-Aktion»2 zum Opfer gefallen, d. h., dass kein Abtransport und keine Ermordung von Kranken aus Wiesneck in Grafeneck oder einer anderen «T4»-Tötungsstätte erfolgt sei. Betont wird in zahlreichen Erinnerungsdarstellungen insbesondere der persönliche EinsatzFriedrich Husemanns, aber auch seiner Mitarbeiterinnen undMitarbeiter, der therapeutischen Gemeinschaft von Wiesneck. Ihr sei es zu verdanken, «dass die Kranken nicht in die Euthanasiebestrebungen des Regimes einbezogen wurden».3 Die Ärztin Sigrid Liedemann, eine der Nachfolgerinnen Friedrich Husemanns in der Leitung der Klinik, die jedoch erst nach 1945 in Wiesneck tätig war, schrieb am 17. März 1992 über den Schutz der gefährdeten Klinik,über verschiedene Anpassungs- und Widerstandsmaßnahmen und den Status des anthroposophischen Sanatoriums von 1933 bis 1945:

Die Arbeit des Sanatoriums Wiesneckwurde während der [NS‐]Zeit fortgeführt, aber unter erschwerten Bedingungen. /Dr. Friedrich Husemann wurde beobachtet und mußte ein Schriftstück unterschreiben, keine Anthroposophie zu lehren und bei Vorträgen den Namen Rudolf Steiners nicht zu erwähnen./ Ein Mitarbeiter entpuppte sich als SA-Mann4

1 Vgl. z. B. Beddies/A. Dörries:Patienten, 1999;Bezirksamt Reinickendorf von Berlin (Hg.): Verbrechen, 2013;T.Beddies/S. Doetz (Hg.): Görden, 2002, S. 129–154;T.Stöckle: Christophsbad, 22016;M.von Cranach/H.-L.Siemen (Hg.): Heil- und Pflegeanstalten, 1999.

2 Vgl. Kap. 2.3.1.

3 U. Werner:Anthroposophen, 1999, S. 355.

4 Der Mitarbeiter (des Hausmeisters Arno Döll,vgl.Kap.3.4.1) konnte nicht namentlich identifiziert werden.

und drang darauf, daß vorschriftsmäßig die Reden Adolf Hitlers von den Mitarbeitern am Radio angehört wurden und zum Schluß das Horst-Wessel-Lied mit erhobenem rechtem Arm abgesungenwurde. Damit die anthroposophischen Bücher nicht konfisziert wurden, hat man sie nochrechtzeitig ausgelagert. /Das Sanatorium […]war während der Zeit nicht voll belegt, was auch finanzielle Schwierigkeiten brachte. Da sich im Hause viele psychisch Schwerkranke befanden und die Gefahr bestand, daß sievon der Gestapo abgeholt würden, umineine Anstalt zur «Vernichtung unwerten Lebens»verlegt zu werden, hatDr. Friedrich Husemann sichentschlossen,die Krankengeschichten der gefährdeten Patienten zu verändern. Es wurden harmlos klingende Diagnosen eingesetzt und die Verläufe kaschiert. Das war eine streng geheime Arbeit, die Dr. Husemann und die ärztlichen Assistenten in aller Stilleausgeführt haben. /Die Gestapo kam zwischen 1936 und 1944 mehrere Male ins Sanatorium […], um «das Nest auszuheben»,wie sie sagten. Die Mitarbeiter waren aber glücklicherweise immer vorher gewarnt worden. /Alle Patienten, bei denen man es verantworten konnte, wurden nachHause geschickt. Eine andere Gruppe brachte man an die Schweizer Grenze, wo sie von einer befreundeten Ärztin abgeholt und versorgt wurden. / Einige Patienten wurden von den umliegendenBauern vorübergehend aufgenommen. Wenn man benachrichtigt wurde, daß die Gestapo im Anmarsch war, so wurden die Mitarbeiter auch mit einzelnen Patienten in den Wald geschickt, bis die Gefahr vorüber war. / Durch diesen starken Einsatz aller Mitarbeiter gelang es, alle Patienten durchzubringen. Es wurde keiner abgeholt oder «verlegt». Dr. Husemann war darauf sehrstolz. /Am28. [27.].11.1944 war der schwerste Luftangriff auf Freiburg, wobei auch die Universitätskliniken schwer beschädigt wurden. Daraufhin erfolgte die Beschlagnahmung des Sanatoriums […] und alles –bis auf einige Privaträume –mußte geräumt werden, um die Innere Abteilung der Uniklinik aufzunehmen. Dr. Husemann versuchte, die Patienten in die Psychia-

Abb. 1: Haupthaus des Sanatoriums Wiesneck, o. D. (nach 1938).

1.1 Sanatorium Wiesneck 17

trische AbteilunginRottweil [Geisingen]zuverlegen und schickte sie mit dem Bus dorthin, aber sie kamen wieder zurück. So gab es erneut Schwierigkeiten der Unterbringung.5

Woher Liedemann diese Informationen im Einzelnen bezog, gab sie in ihrem Brief nichtan. Sehr wahrscheinlich aber spiegelten ihre Angaben die Erinnerungen oder das Erinnerungsnarrativder Wiesnecker Mitarbeiterschaft wider. Auf weitere Einzelheiten ging der Wiesnecker Psychiater und leitende Mitarbeiter Werner Priever, der Anfang 1946 an dieKlinik gekommen war6 und an einer Biographie Husemanns arbeitete, gegenüber dem Historiker UweWerner 1993 ein:«Abgelegte Akten, Briefwechsel mitBehörden oder der Ärzteschaft aus der inFrage kommenden NS-Zeitsind mitSicherheit hier an der Klinik nicht vorhanden. Nachlass und persönliche Hinterlassenschaften Friedrich Husemanns wurden nach seinem Tode 1959 von seinen Angehörigen aufgelöst».7 Dass Priever die noch vorhandenen Fragmente des Nachlasses von Husemann, namentlich aber die vielen Patientenakten aus der NS-Zeit im Klinikkeller, nicht erwähnte,8 ist erstaunlich. Ob er sienicht im Blick hatte, sie für verloren hielt, sie nicht thematisiert wissen wollte oder der ärztlichen bzw. Klinikschweigepflicht zurechnete, ist offen. DieFrage, wie dieKlinik «unbeschadet»ohne Schließung durch das «Dritte Reich»kam, beantwortete er gegenüber Werner ähnlich wie seine Kollegin Liedemann und schrieb in diesem Zusammenhang u. a.:

Wie mir von altenMitarbeitern glaubhaft versichert wurde, waren in [den]Vorträgen [Husemanns an den Sonntagen]während der NS-Zeit mitunter Beamte der Gestapo anwesend. Da die Vorträge frei von politischen Inhalten, und ihre anthroposophisch-geisteswissenschaftlichen Bezüge für die Beamten nicht durchschaubar waren, blieben Friedrich Husemann und das Sanatorium von irgendwelchen Repressalien verschont. Auch eine Haussuchung durch die Gestapo mit Durchsuchung seiner Bibliothek unter Mitnahme einiger Bücher RudolfSteiners zeitigte keine nachteiligen Maßnahmen für das Sanatorium. Es steht jedoch außer Zweifel, daß Friedrich Husemann und das Sanatorium politisch überwacht wurden.9

5 S. Liedemann an T. Dinger, 17. März 1992 (Kopie, IWA).

6 Priever war seit 22. Januar 1946 im Sanatorium Wiesneck tätig. Vgl. F. Husemann:Bescheinigung, 23.April 1947 (LABW, StAF, D180/2 Nr. 93659, Bl. 13). Zur Erstbegegnung Prievers mit F. Husemann vgl.Prievers Aufzeichnungen in einem undatierten Lebenslauf «Biographie:Dr. Werner Priever»(GoeA, B.06.016.022).

7 W. Priever an U. Werner, 7. Oktober 1993 (Kopie, IWA).

8 Vgl. Kap. 1.1.

9 W. Priever an U. Werner, 7. Oktober 1993 (Kopie, IWA).

Die von Priever geltend gemachte Verschonung von «Repressalien»änderte jedoch nichts daran, dass Husemanns Einrichtung ab 1934 im Geltungsbereich des Erbgesundheitsgesetzes und ab Ende 1939 im Schatten der anlaufenden «T4-Aktion»arbeiten musste. DieBehörden «übersahen»das anthroposophische Sanatorium auch keineswegs.

In einem Beitrag «Opfer des Nationalsozialismus»im«Heimatbuch»der Gemeinde Buchenbach betonte 1996 W. Freiherrvon Marschall nach Auskünften von Husemanns langjährigem Sekretär Rudolf Geiger:

Mit besonderer Dankbarkeit ist […]zuerwähnen, daß alle im «Sanatorium Wiesneck» lebenden geistig behinderten Kranken vor dem Schicksal von Leo Molz [1940 in Grafeneck ermordet]bewahrt werden konnten. Dr. med. Friedrich Husemann, der Inhaber des Sanatoriums, hat es mit besonderem persönlichem Mut und großem Geschick verstanden, sie vor der Vernichtung sogenannten «UnwertenLebens»durch die NS-staatlichen Euthanasiemaßnahmen zu beschützen. Soweit es verantwortet werden konnte, entließ er die Patienten zu ihren Familien. Einige konnten auf benachbarten Bauernhöfen untergebracht werden. Wenn wieder ein Besuch der Gestapo bevorstand, vor dem jeweils gewarnt wurde, wurden die Pfleger mit einzelnen besonders gefährdeten Kranken solange inden Wald geschickt, bis die «Luft wieder rein war».10

In einer Erinnerungsschrift von Klinikmitarbeitern schrieb Martha Gumprich über den schwerstbehinderten Klaus Merck, der 1939 mit nur neun Jahren in die Klinik aufgenommen wurde und lebenslang (bis zu seinem Tod im Jahre 1999)inBuchenbach blieb:

Zum 2. Mal war sein Leben in Frage gestellt, als1941 die Nazis auf Grund der Krankengeschichte ihn und andere Patienten hier in Wiesneck «abholen»wollten. Herr Dr. Husemann aber dachte nicht daran, die ihm vertrauten Schutzbedürftigen auszuliefern. Mit der Geste der größten Selbstverständlichkeit wehrte er diese Angriffe ab, ohne nach den für seine Person bedrohlichen Folgen zu fragen.11

Über die genaueren Umstände dieser (drohenden)«Abholung»und Husemanns «Abwehr»schrieb Gumprich nichts. In einer Monographie über den österreichischen Gutsbesitzer und Schriftsteller Ludwig Polzer-Hoditz, dessen Frau Berta sich zwischen 1940 und 1944 mitUnterbrechungen als Patientin im

10 W. Freiherr von Marschall: Opfer, 1996, S. 432.

11 M. Gumprich:Zwei Geschichten, o.J. [nach 2013], S. 19. Vgl. auch M. Gumprich:Einige Geschichten, o. J., (Kopie, IWA). Martha Gumprich schrieb ihre Erinnerungen für das «Goldene Buch», das Mitarbeitende und Freunde Friedrich Husemann zum 70. Geburtstag (1957)schenkten (handgefertigt, in Leder gebunden, unpaginiert, in etwa DIN A4), in dem vorrangig biographische Erlebnisse von insgesamt56Persönlichkeiten versammelt sind, die Husemann und dem Sanatorium nahestanden. Ein gedruckter, undatierter Auszug mit einigen Texten erschien nach 2013.

Sanatorium aufhielt,12 betonte Thomas Meyer 1994 unter Berücksichtigung von Aussagen einer anderen Wiesneck-Mitarbeiterin, der Sekretärin Erika Warnke:

Eswar zu dieser Zeit gefährlich,inWiesneck zu leben. Die private Klinik hatte etwa sechzigbis neunzig Patienten, darunter auch Soldaten mit einer Kriegspsychose, und galt als überbelegt. Erika Warnkeerinnert sich an nicht weniger als fünf Besuche der Gestapo. / Die Sekretärin Dr. Husemanns wurde inquiriert, ob und wohin Briefe in das Ausland gingen.13

Husemanns enger Mitarbeiter Rudolf Geiger erwähnte in seiner 1995 erschienenen Schrift «Aus der Geschichte von Wiesneck»imKapitel «Vom Sanatorium zur Friedrich Husemann-Klinik»14 verschiedene Ereignisseder NS-Zeit, darunter den energischen Einsatz von Husemanns Ehefrau Minnie Cäcilie Husemann, geb. Volland, einer in Brooklyn (USA)geborenen Eurythmistin, die in Abwesenheit ihres Mannes gegenüber zwei Gestapo-Beamten im November 1935 –nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft –die Bedeutung des Werkes Rudolf Steiners vertreten und eine Einwilligung zum Verzicht auf anthroposophische Studienkreise im Sanatorium nur sehr widerwillig unterzeichnet habe.15 Geiger hielt nach eigenem Bekunden eine Schließung des Sanatoriums im November 1935 für denkbar.Friedrich Husemann sei den NSMachthabern «sehr wohl bekannt»gewesen.

Uwe Werner folgte in seiner Studie «Anthroposophen im Nationalsozialismus»(1999)den Darstellungen Prieverszum Schutzeinsatz Husemanns für seine gefährdeten Patienten, zitierte PrieversSchreiben vom 7. Oktober 1993 (s.o.) und behandelte das Sanatorium nicht genauer.16 Er betonte jedoch auf Grundlage einer erhalten gebliebenen, kontroversen Korrespondenz Husemanns mit der regionalen NS-Tageszeitung «Der Alemanne. Kampfblatt der Nationalsozialisten Oberbadens»:17 «Husemann war wegen seines eindeutigen Auftretens für

12 Vgl. PAW Berta Polzer-Hoditz.

13 T. Meyer:L.Polzer-Hoditz, 1994, S. 428. Warnke war von 1940 bis August 1943 als Sekretärin in Wiesneck tätig. «Als ‹Hintergrund›müssen Sie sich vorstellen, daß es eine sehr brisante Zeit war –die Gestapo machte oft Visiten –schließlich wurden Patienten ‹ausgesondert› (nach Krankengeschichten), aber es kam nicht mehr zur Abholung.» E. Warnke an J. E. Zeylmans van Emmichoven, 16. August 1993 (Kopie, IWA).

14 R. Geiger:Aus der Geschichte, 1995, S. 19–28.

15 R. Geiger:Aus der Geschichte, 1995, S. 25 f. sowie R. Geiger:Leben, 1966, S. 3und I. Nau an I. Rixmann, 10. September 1966 (IWA).

16 «Nach Angaben Dr. Prievers war es dem persönlichen mutigen Einsatz Friedrich Husemanns zu verdanken, daß die Kranken nicht in die Euthanasiebestrebungendes Regimes einbezogen wurden.» U. Werner:Anthroposophen, 1999, S. 334 f.

17 Vgl. auch Kap. 3.4.1. Das Propagandaorgan erschien ab November 1931;nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten wurden alle anderen in Freiburg publizierten Zeitungen verboten oder gleichgeschaltet. Chefredakteur des «Alemannen»war der Diplom-Volks-

Rudolf Steiner schon im Juli 1933 Parteistellen bekannt.»18 In dem LexikonSammelband «Anthroposophieim20. Jahrhundert»wiederholte Friedwart Husemann, ein GroßneffeFriedrich Husemanns und ebenfalls anthroposophischer Arzt, 2001 die bereits zuvor beschriebenen Anpassungs- und Schutzmaßnahmen des Sanatoriums und erwähnte noch dieBestechung eines lokalen Parteifunktionärs, die ihm (oder Werner Priever)von einem ehemaligen Assistenzarzt Husemanns –Adolf Warnke –berichtet worden sei:

Natürlich musste mansich äußerlich anpassen, sonst hätte man auch in der Provinz, die Wiesneck war, einen Betrieb dieser Größe nicht aufrechterhalten können, d. h. die Radioreden Hitlers mussten gehört und anschließend musste das Horst-Wessel-Liedgesungen werden, eine Hakenkreuzfahne musste irgendwo zu sehen sein. Husemann wirkte aber im Verborgenen subversiv und konnte es bewerkstelligen, dass keiner seiner Patienten im Rahmen der «Vernichtung lebensunwerten Lebens»den Nazi-Behörden zum Opfer fiel. Der zuständige Parteifunktionärvon Kirchzarten wurde bestochen, damit er keine Kontrollen nach Wiesneck schickte, was lange Zeit gut wirkte. Durch befreundete Menschen jeweils vor einer Kontrolle gewarnt, änderten Husemann und seine Ärzte nachts die Dia-

wirt Franz Kerber, seit 1930 Mitglied der NSDAP, seit 1932 Kreisleiter, ab März 1933 Oberbürgermeister von Freiburg, ab 1938 Mitglied der SS, 1941 Obersturmbannführer. Nach dem letzten Erscheinen am 20. April 1945 wurde die Zeitung verboten. Vgl. zu Franz Kerber E. Klee:Personenlexikon, 22016, S. 304.

18 U. Werner:Anthroposophen, 1999, S. 168.

Abb. 2: Minnie und Friedrich Husemann, 1914.

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
9783796556470 by Schwabe Verlag - Issuu