Ihr autobiografischer Text verbindet persönliche Erinnerung mit genauer Beobachtung und macht eine vergangene Welt in überraschender Unmittelbarkeit erfahrbar. Die Neuauflage mit einem Vorwort von Reinhard Blomert, herausgegeben von Ludwig Theodor Heuss, bietet einen Zugang zu diesem eindrucksvollen Zeitdokument – und zeigt, wie aktuell die Fragen nach Bildung, gesellschaftlicher Teilhabe und weiblicher Selbstbestimmung geblieben sind.
Elly Heuss-Knapp (1881–1952) war eine deutsche Politikerin, Publizistin und Sozialreformerin. Sie engagierte sich früh für Bildung und die gesellschaftliche Stellung von Frauen und wurde später als Mitgründerin des Müttergenesungswerks bekannt. Als Ehefrau des ersten Bundespräsidenten prägte sie auch die Rolle der First Lady in Deutschland.
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AUSBLICK VOM MÜNSTERTURM
Wie wird aus einer jungen Frau im Kaiserreich eine engagierte Stimme für gesellschaftlichen Wandel ? In « Ausblick vom Münsterturm » erzählt Elly Heuss-Knapp eindrucksvoll von ihrer Kindheit im Elsass, von Bildung, Aufbruch und den frühen Anfängen ihres sozialen und politischen Engagements.
Elly Heuss-Knapp
AUSBLICK VOM MÜNSTERTURM
Elly Heuss-Knapp
AUSBLICK VOM MÜNSTERTURM E R I N N E R U N G E N mit einem Nachwort von Reinhard Blomert, herausgegeben von Ludwig Theodor Heuss
Elly Heuss-Knapp
Ausblick vom Münsterturm Erinnerungen
Mit einem Nachwort von Reinhard Blomert Herausgegeben von Ludwig Theodor Heuss
Schwabe Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Der Druck folgt der sechsten Auflage von 1958 der neuen Ausgabe von 1952 im Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Abbildung Umschlag: Strasbourg, Alsace, ca. 1895 – Photochrom print by Photoglob Zürich, Photochrom Prints Collection der Library of Congress. Digitalisat: …trialsanderrors / Flickr, via Wikimedia Commons, CC BY 2.0 Cover: icona basel gmbh, Basel Korrektorat: Julia Müller, Leipzig Kohlezeichnungen: Theodor Heuss, © Ludwig Theodor Heuss Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: rdz IMA GmbH, Bonn Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5643-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5644-9 DOI 10.24894/978-3-7965-5644-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Vorbemerkungen
Elly Heuss-Knapps Ausblick vom Münsterturm ist die Autobiographie einer Frau in den Wirren und Wendungen der deutschen Geschichte; der Text handelt von den Grenzlanderfahrungen im Kaiserreich, von der Jugendbewegung, vom Krieg und von Heuss-Knapps sozialer Arbeit und ihrer Tätigkeit als Lehrerin und Erzieherin in der Weimarer Republik sowie als praktische Kämpferin für die Frauenrechte. Im Hintergrund der dichten Beschreibungen zeigt sich eine innerlich gefestigte Persönlichkeit, die geprägt ist durch einen praktischen sozialen Liberalismus und eine starke Religiosität. Dass dieses Buch 1934, zu Beginn des NS-Regimes, geschrieben wurde, ist an manchen Stellen spürbar. Bemerkenswert ist, wie zu Beginn der NS-Herrschaft die Kämpfe um Worte und ihre Bedeutung noch aktuell sind. So meint Elly Heuss-Knapp, wenn sie »Volksgemeinschaft« schreibt, die Zusammengehörigkeit von evangelischen Christen, Katholiken und Sozialisten – also etwas völlig anderes als die »Volksgemeinschaft« der Nationalsozialisten – und wenn sie »nationalsozial« schreibt, so ist damit der 1896 von Friedrich Naumann gegründete »Nationalsoziale Verein« gemeint, der die Arbeiterschaft zur Mitarbeit an der Staatsbildung anregen sollte. Wenn sie den Begriff »Führer« benutzt, bezieht sie sich nicht etwa auf Adolf Hitler, sondern auf die Anführer der verschiedenen Gruppen der Jugendbewegung, der Politik, aber auch auf die Kirchenführer, die für die Freiheit standen. Ausblick 5
vom Münsterturm fügt sich demnach keineswegs der Gleichschaltung, die gerade zum Zeitpunkt der Verfassung des Werkes vorgenommen wurde. Dass das Buch 1934 trotzdem gedruckt werden konnte, verdankt sich wohl der zurückhaltenden, wenig offensiven Art der Autorin zu schreiben, die ihre Kritik den Eingeweihten zwar erkennen lässt, aber sie dem Zensor verbirgt – oder ihm ein geflissentliches Übersehen ermöglicht. Diese nun im Schwabe Verlag erscheinende Neuausgabe von Elly Heuss-Knapps Ausblick vom Münsterturm basiert auf der Ausgabe, die 1952 im Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins in Tübingen erschienen ist. Letztere unterschied sich von der Erstausgabe von 1934 durch die von der Autorin selbst initiierte Streichung eines als verjährt eingestuften Berichts über eine Elsässer Kundgebung in Berlin von Anfang November 1919 und durch einige Korrekturen, die die Autorin selbst gewünscht hat. Für die vorliegende Neuausgabe wurde bewusst weitestgehend darauf verzichtet, Sprache und Wortwahl zu aktualisieren. Der Text von Elly Heuss-Knapp zeugt eben auch von einem Verständnis der Welt, das in einem bestimmten zeitgeschichtlichen Kontext verankert ist, der nicht einfach verschwiegen werden sollte. Die unveränderte Form ist ein Zeitzeugnis. Lediglich an zwei Stellen haben wir eingegriffen und den Terminus »Schwarze« verwendet. Unabhängig von sprachlichen Fragen erlaubt der Text seinen Leserinnen und Lesern, Elly Heuss-Knapp authentisch zu erleben, als Figur, deren Engagement für Freiheit und Rechte noch heute als Beispiel dienen kann. August 2026
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Schwabe Verlag Basel
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Im Schatten des Münsterzipfels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Im Universitätsviertel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Das Herz der Heimat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
23
Vom Lernen und Lehren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
33
Politik im Elsass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
47
Die Arbeit und der Freundeskreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
55
Zu neuen Ufern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
63
Abschied vom Elsass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
75
Die Frau in Haus und Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
81
In der Heimat meines Mannes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
89
Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
97
Kriegsende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 7
Arbeit nach dem Zusammenbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Jenseits der Grenze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Mit der Jugend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Gemeinde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
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Vorwort
Auf die Frage, wie ich dazu komme, mein Leben zu erzählen, ehe ich eine alte Frau bin, kann ich nur antworten: ich wurde dazu aufgefordert. Der Auftrag hieß, zu zeigen, wie sich die Bewegungen der Zeit in einem Einzelschicksal spiegeln, wie sie es gestalten. In den Kemenaten der mittelalterlichen Burgen haben die Frauen Bilderteppiche gewirkt. Sie verstanden die Geschichte ihrer Familie und ihres Vaterlandes darzustellen, nicht ohne ornamentalen Schmuck und anekdotisches Beiwerk. So ähnlich formte sich mir aus der Erinnerung vieles, was ich sah und erlebte, zu einem Gewebe. »Woher die Wolle? – Herr, es ist mein Leben.« Der Vordergrund mag bunt und vielfach verschlungen sein, aber ich sehe doch, oder ahne, sinnvolle Zusammenhänge. Wie einen Teppich ausgebreitet sah man die Stadt und das Land schon als Kind, wenn man auf die Plattform des Straßburger Münsters stieg; – so gab es dem Buch den Namen. Geschrieben in Badenweiler 1934
Elly Heuss-Knapp
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Im Schatten des Münsterzipfels
Mein Geburtshaus am Sandplätzchen in Straßburg lag wirklich im Schatten des Münsterzipfels, wie man dort zu sagen pflegt. Schon in dieser Redewendung steckt etwas vom elsässischen Charakter. Gerade wo man Ehrfurcht empfindet, macht man schnell eine halbironische Geste, man verkleinert ein wenig vor lauter Angst, zu dick aufzutragen, zu »blaguieren«. Das Münster bedeutet für jeden Straßburger etwas Ähnliches wie für den Schweizer die Alpen. Es ist die Heimat schlechthin. Man spricht aber nicht vom ragenden Turm, das würde als affektiert empfunden. Dafür sagt man eben das halbdrollige Wort vom Münsterzipfel. Dem Münster gegenüber liegt das alte Rohansche Schloss; die Rückseite des schönen Barockbaus geht auf die Ill hinaus mit einer Terrasse, auf der früher die Lustbarkeiten und Feste stattfanden, etwa als Maria Leszczynska einzog und Ludwig XV. gefeiert wurde. Eine meiner elsässischen Freundinnen hat ein schönes französisches Gedicht geschrieben, das so anfängt und schließt: Sur cette place où tes pas ont sonné, Roi Soleil, … Le printemps a mis tant de grâce fragile Que c’est lui seul que je loue. Den Platz, wo deine Schritte klangen, Sonnenkönig, … Der Frühling schmückt ihn mit so zartem Reiz, Dass ich nur ihn allein noch loben mag.
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Dieser Platz ist der Rahmen meiner frühesten Erinnerungen. Wir ahnten nichts von seiner Schönheit, wir sahen nur einen sandigen Spielplatz, wo es von schmutzigen Kindern wimmelte. Sie wohnten in der Altstadt um das Münster herum oder in den engen Seitengassen des gegenüberliegenden Schiffleutstaden. Die den Fluss begrenzenden Straßen sind deutsch-mittelalterlich, bis heute unversehrt, und gemahnen an Nürnberg, Ulm oder Würzburg. Aber das Sandplätzchen diesseits der Ill, das nur aus einem halben Dutzend Häusern besteht, hat ganz französischen Charakter und könnte ebenso gut in Paris liegen. Dieses Ineinander ist eben Straßburg, die wunderschöne Stadt. Unverwischbar steht die Geschichte, die wechselvolle, tragische, in ihr Angesicht geschrieben. Von frühester Kindheit an wusste ich, dass es etwas anderes ist, in Straßburg zu leben als in Darmstadt oder Braunschweig, oder auch als in Basel, den Städten, wo unsere Verwandten wohnten. Bei den Spielen auf der Schlossterrasse begriff ich es zuerst. Die Straßenjugend, die sich dort laut und fröhlich tummelte, sprach zwar Deutsch, aber doch eine andere Sprache, den elsässischen Dialekt. Ich habe ihn leider erst viel später gelernt. Dann erst war ich ganz heimisch in der Stadt, und wie lieb wurden mir nun die Straßburger Kinder; Kneckes nennt man sie! Aber als wir selbst klein waren, redeten wir nur mit einigen altdeutschen Nachbarskindern, die andern waren eine Welt für sich, interessant, aber unzugänglich. Einmal hörte ich sie einen Spruch rufen, rhythmisch geschrien, witzig und frech, bei dem es in der Hauptsache um Tritte ging, die man dem andern von der Rückseite her androhte. Ich war vier Jahre alt, als mir dieser Vers die Augen darüber öffnete, dass es nicht nur behütete Kinderstuben gäbe. Abends lag ich im Bett und dachte mir ganz klar aus, wie es sein müsse, als Kind armer Leute in den engen Gassen aufzuwachsen, wenn meine Mutter etwa auf den Waschpritschen vor unserm 12
Fenster auf den Knieen liegend die Wäsche fremder Leute im Flusswasser bürsten und spülen müsste … Es war die erste Reflexion in meinem Leben und von nachhaltigem Einfluss. Die Spannung wurde gelöst durch den Gedanken: die kommen auch in den Himmel, und in einer frühen Sorge um die Wohnungsnot in der Ewigkeit lief ich am andern Tag allein auf die Straße bis in die Kalbsgasse hinein und fragte einen Schutzmann, wieviel Zimmer es im Himmel gäbe. Dort fand mich mein Vater und führte mich wieder heim. Auf der Schlossterrasse beim Spielen geschah auch der eigene große Sündenfall. Einige Spielkameraden hatten die kleine Änne hoch oben auf einen Säulensockel gesetzt; sie war ängstlich und weinte, denn sie konnte nicht allein herunterspringen. Da machte der eine böse Bub den Vorschlag, sie sitzen zu lassen, und wir liefen alle heim. Mir war bewusst, wie abscheulich das war, aber ich wollte nicht anders sein als die andern und machte wider besseres Wissen mit. Ob es herauskam und wir gestraft wurden, das weiß ich nicht mehr, aber ich hatte gelernt, was ein schlechtes Gewissen ist. Mein Vater hat später erzählt, dass ich manchmal heulend in einer Ecke gestanden habe und auf die Frage, was mir fehle, schluchzend antwortete: »Ich weiß nicht, ob ich Bauchweh habe oder ein schlechtes Gewissen.« An Strafen kann ich mich nicht erinnern. Ich habe mir sogar bisweilen gewünscht, wie es in den Geschichten vorkommt, alles einzugestehen, die Strafe einzustecken und dann befreit zu sein. Aber unser Vater sagte immer nur »Ach« oder schwieg. Meine anderthalb Jahre ältere Schwester Marianne und ich, wir liefen zum Vater als oberster Instanz, wenn wir uneinig waren, z. B. ob das Wort Trommel wirklich, wie sie behauptete, Trummel hieße. Ich fühle noch den ganzen Stolz der Jüngeren, dass ich recht behielt. Die Sprache beschäftigte mich sehr stark, und ich dachte viel darüber nach, warum die Frau des Concierge »schlechtes Deutsch« redete. Sie sprach im Familienkreis, wie alle um uns 13
herum, Elsässisch. Sie war fast ohne Schulbildung, konnte einige Brocken Französisch, aber stand im Übrigen auf einer niedrigen geistigen Stufe. Als wir eine große Fotografie unseres Hauses geschenkt bekamen und ihr zeigten, erkannte sie es nicht. Mein Vater erklärte, das sei doch ihre eigene Wohnung und die Haustür, deren Klinken sie täglich blank putze, da sagte sie mit einem entschuldigenden Lächeln: »Sowas kenne ich nicht. Wir sind nicht so gelehrt.« Viel später, als ich in der Armenverwaltung tätig war, habe ich Ähnliches erlebt. Die unteren Kreise der Straßburger Bevölkerung waren ganz primitiv im Wissen, die ältere Generation hatte noch keine deutsche Volksschule besucht. Ich habe einmal wochenlang für einen Analphabeten eine Stelle gesucht. Aber sie besaßen Mutterwitz, kochten vorzüglich – Männer und Frauen – und hatten viel Sinn für einen heiteren Lebensgenuss. Die Tochter dieser Pförtnerin sah aus wie eine elegante Dame, besonders wenn sie ausging. Solche Nuancen des sozialen Lebens fielen mir auf, lange bevor ich in die Schule kam. Das elsässische Volk war in gewissem Sinne stehen geblieben in der kulturellen Entwicklung des siebzehnten Jahrhunderts. Die zweihundert Jahre französischer Herrschaft hatten wohl die Oberschicht stark verändert, aber die kleinen Leute blieben, was sie waren. Schiller sagt es einmal so: »Die fremden Eroberer kommen und gehen. Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen.« Bis ich fast fünf Jahre alt war, wuchs ich so im Schatten des Münsterzipfels auf. Man kannte das Münster, wie man den Mond und die Sonne kennt. Aber ich hatte es noch nie betreten, denn innen gehörte es den Katholiken, von außen aber uns allen.
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Im Universitätsviertel
Für ein Kind bedeutet der Umzug in eine andere Wohnung fast das gleiche wie der Wechsel der Stadt. Dass wir umziehen sollten in die neuen Straßen bei der Universität, hörten wir in Baden-Baden mit großem Erstaunen. Dort lebte die Schwester meiner Mutter, Tante Sophie Loris-Melikow mit ihren Kindern Tamara und Joseph. Meine Mutter stammte aus dem Kaukasus. Ich war später in der Schule immer sehr stolz darauf, dass ihre Geburtsstadt am Fuß des Ararat lag, auf dessen Gipfel die Arche Noah festfuhr. In der russischen Kolonie in Baden-Baden waren wir häufige Gäste. Meine Schwester fühlte sich dort heimisch, sie hatte den fremdländischen Typus und war ein besonders schönes Kind, daher der Liebling der Tante. Ich bockte immer ein wenig, es kann aber auch sein, dass es Eifersucht war. Jedenfalls erklärte ich immer laut und deutlich, ich sei eine Deutsche und nichts anderes. Meine Kusine Tamara aber liebte ich sehr und stand alle Qualen der jüngeren Schwester aus, die noch nicht für voll genommen wird. Dort in Baden-Baden erzählte man uns, dass wir beim Heimkommen in einer andern Gegend wohnen würden. Das Wort Universität war mir noch neu, und ich wagte nie, es auszusprechen, um nicht ausgelacht zu werden. Dass mein Vater Professor sei, wusste ich wohl, aber was tat eigentlich ein solcher? In der untersten Schulklasse nahmen wir die Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland durch. Ich fragte: »Was ist denn ein Weiser?« Antwort: »Ein Gelehrter.« Ich fragte: »Was ist 15
denn ein Gelehrter?« Da lachte unsere schöne alte Vorsteherin, Fräulein Lindner, und sagte: »Nun schau dir zu Hause einmal deinen Vater an. Recht lange und gründlich. Dann weißt du, wie ein Gelehrter aussieht.« Das wurde besorgt, aber etwas stimmte dabei nicht. Es war immer peinlich, wenn die großen Leute so redeten, dass man nicht wusste, ob es Spaß oder Ernst war. Wir nennen das »im Spernst« reden; es ist eigentlich ein hübsches deutsches Wort für Ironie. Also bei der Heimkehr von Baden-Baden hatten wir ein ganz neues Zimmer mit einer Tapete, die goldene Sterne auf weißem Grund zeigte. Hinter dem Haus waren große Gärten und Höfe, und alle Kinder der umgrenzenden Häuser bildeten eine fest zusammengehörige Bande. Wir wurden in Freiheit dressiert, das kann man wohl sagen. Unsere Häuser standen in der Ruprechtsauer Allee, die gegenüberliegende Seite war noch nicht bebaut, sondern gehörte zum Glacis, und das ging in die Franzosenwälle über. Unter der deutschen Verwaltung waren die engen Befestigungsgrenzen geöffnet worden und weiter hinaus verlegt. Die alten, nicht mehr gebrauchten Gräben und Wälle mit unterirdischen Kasematten, worin Vagabunden den Winter zu verbringen pflegten, waren der herrlichste Raum für unsere Spiele. In den ersten Jahren aber begnügten wir uns mit dem Garten und Hof. Die Kinder redeten gutes Deutsch wie wir, und die Väter waren Professoren, Beamte oder Offiziere. Sie waren alle von irgendwo aus Deutschland hergezogen. Elsässer waren nur unsere Hauswirte. Das Töchterchen hieß Germaine und weinte, als wir ihr sagten, das sei dasselbe wie Germania. Wir standen sehr gut mit ihr, und die alte Köchin gab uns, wenn wir die Hintertreppe hinaufliefen, fingerdicke pommes frites aus der Pfanne. Sie schmeckten herrlich. Wunderlich blieb es doch, dass elsässische Familien zu andern Zeiten zu Mittag aßen, nämlich schon um zwölf Uhr, und dass die Kinder anders angezogen waren. Man erkannte sie schon von 16
weitem auf der Straße als Elsässer. Wir aber, obgleich in Straßburg geboren, waren Alt-Deutsche. Die Bande von Nachbarskindern war im Gegensatz zu der vom Sandplätzchen im Ganzen gutartig. Wenn der eine Junge gar zu tyrannisch war, so erklärte uns die kleine Elisabeth, das sei so, weil der liebe Gott zuerst den Adam und dann die Eva geschaffen habe. Ich konnte kaum abwarten, in die Schule zu kommen, besonders nachdem meine Schwester die ganzen Vormittage fort war. Wir gingen in eine Privatschule, die Lindnersche Schule. Fräulein Lindner hatte eine vorzüglich besuchte Schule in Breslau aufgegeben, um im wiedergewonnenen Straßburg guten deutschen Unterricht zu erteilen. Sie war eine bezaubernde Frau. Später habe ich gemerkt, dass sie aus dem achtzehnten Jahrhundert stammte; als sie Lessing mit uns durchnahm, waren wir in ihrer geistigen Heimat. Aber als wir zu ihr in die Schule kamen, merkten wir nur, dass sie wunderschön erzählen konnte, und dass sie die ungezogensten Kinder am liebsten hatte. Leider muss ich bekennen, dass darin auch ihre Vorliebe für mich begründet war, denn ich wurde eine schlechte Schülerin. Das Lesen hatte ich mir selber beigebracht, und zwar an der Inschrift »Verbotener Weg«. Ich suchte die Buchstaben in der Zeitung auf, kurz, ich konnte halbwegs lesen. Aber eben nur halbwegs. Als ich zur Schule angemeldet wurde, legte man mir ein Gedicht vor, das ich auswendig konnte, und das Lesen ging sehr glatt. So kam ich gleich in die zweitunterste Klasse und blieb die ganze Schulzeit durch die Jüngste, was sicher manchen Nachteil mit sich brachte. Die andern konnten wirklich lesen, und ich stockerte noch mühsam herum. Mein Vater setzte sich geduldig an den Tisch und übte jeden Tag mit mir. Aber da standen Geschichten im Lesebuch, wo ein Kaufmann seinen Hund erschießt, der ihn doch warnen wollte vor einer Gefahr. Ich weinte zum Herzerweichen, und der Vater verließ mit einem tiefen »Ach« das Zimmer. Neuer Sündenfall. Denn von da an gab ich 17
mir immer Mühe, irgendetwas rührend zu finden, weil Tränen diese Stunden so sehr kürzten. Mit dem Rechnen war es noch schlimmer als mit dem Lesen. Das konnte ich weder halb noch ganz, sondern ganz und gar nicht. Wenn die Aufgaben so anfingen: »Eine Mutter kaufte einmal Kirschen und gab jedem ihrer vier Kinder drei davon«, dann wartete ich gar nicht ab, was gefragt wurde, sondern erzählte die Geschichte gleich weiter: »und Erdbeeren brachte sie auch mit, und die Kinder haben sich gezankt …« Alles löste sich in Geschichten auf, die man sich ausdenken konnte. Das Einmaleins war mein persönlicher Feind und ist es bis heute geblieben. Ich ging vom ersten Tag an sehr gern in die Schule. Mir sind Menschen immer unverständlich, die aus ihrer Schulzeit eine Tragödie machen. Das Wichtigste lernt man ja nicht bei den Lehrern, man lernt es von den Mitschülern, nämlich Menschenkenntnis. Zuerst waren wir nur drei Kinder in der Klasse, die halten sich noch heute die Freundschaft. Später waren es so um zwanzig herum, meistens Beamtenkinder, einige wenige Alt-Elsässer. Die Offizierstöchter spielten eine sonderbare Rolle. Weil die Väter so häufig versetzt wurden, waren die Kinder meist schlechte Schüler und galten überhaupt nicht viel bei uns. Sie waren oft dürftig gekleidet – erst wenn sie erwachsen waren »elegant« – und standen unter starkem Einfluss der Dienstboten. Manchmal nahmen sie uns mit ins Burschenzimmer, da fand man furchtbare Sprüche an der Wand; obwohl die Burschen immer freundlich und gutmütig waren, spürte ich etwas Verbotenes an diesen Burschen, von denen die Eltern nichts wissen durften. Offizierskinder wurden auch gelegentlich geschlagen, und einige hatten Angst vor ihren Vätern. Die positive Seite ging mir erst auf, als der Bruder einer Freundin, zehnjährig, ohne mit der Wimper zu zucken sich eine kleine Operation machen ließ und die Betäubung ablehnte. Sein Vater sagte als einziges Lob zu ihm: »Du bist ein richtiges Soldatenkind.« Gerade in Straßburg pflegten die Offiziere nur kurz zu 18