Skip to main content

9783796556197_LP

Page 1

«Einst warf das Meer Venus aus, heut gebiert das Trottoir Gestalten.» Kaum etwas unterstreicht Kurt Hinrichsens Faszination für die Frau und urbane Lebenswelten besser als dieses Zitat aus einem Brief an seine Eltern. Seine Werke spiegeln die Orientierung an grossen Epochen des Mythos und der Malerei wider. Zugleich zeugen sie von seinem Willen, ein Mensch seiner Zeit zu sein, und zu malen, was er sieht.

Kurt Hinrichsen

Der 1901 als Sohn eines Psychiaterpaars geborene und in Basel aufgewachsene Hinrichsen siedelte 1925 nach Paris über, um seinen Traum von einer Künstlerlaufbahn zu verwirklichen. Formal puristische Tendenzen und die Verdrängung narrativer Inhalte beurteilte Hinrichsen als fatale Verarmung der Malerei. Selbstbewusst hielt er stattdessen an lebensweltlichen Themen fest. Vor prominenten, grossstädtischen Kulissen lässt er schrille, oft satirisch überzeichnete Figuren agieren und erfindet pointierte Szenen des mondänen Gesellschaftslebens. Neben den vergleichsweise traditionsgebundeneren Stillleben, Landschaften und Porträts darf seinen Figuren­bildern singuläre Qualität zugesprochen werden. Stimmungs­mässig grell grundiert, bietet seine Malerei in ihrer Virtuosität und mit all ihren thematischen Kapriolen und Bocksgesängen ein grosses Schauvergnügen.

Kurt Hinrichsen Visionen des Realen

Missverständnis: Der letzte Satz war dieser hier: Ein Jahr nach seinem Tod stellte Hinrichsens langjährige Basler Galeristin Bettie Thommen 1964 ein letztes Mal eine Auswahl seiner Werke aus. Mehr als 60 Jahre später wird sein Werk nun dem Vergessen entrissen und ein neuer Akzent in das Panorama der Kunstgeschichte Basels gesetzt. Den hatte ich bereits weggelasse. Was ihr jetzt gestrichen habt, könnte also auch stehen bleiben. Wie möchtet Ihr es handhaben?

Die Reihe Essenzen wird herausgegeben vom ARK Basel, dem Archiv Regionaler Künstlerinnen- und Künstlernachlässe Basel

E ss E nz E n 04


E ss E nz E n 04 Herausgegeben vom ARK Basel

Andreas Chiquet

Kurt Hinrichsen Visionen des Realen Mit Texten von Tomas Lochman, Andreas Chiquet und Friedrich Glauser

Schwabe Verlag


ZUR ENTSTEHUNG DIESES BUCHES Durch die Vermittlung des Rechtsanwalts der Stiftung Kurt Hinrichsen gelangen 2021 nach deren Liquidation um die hundert Werke des Malers in die Sammlung des ARK Basel. 2023 kommen zwanzig weitere Gemälde aus der Erbschaft eines Sammlers dazu. Die Erschliessung des Bestands macht die ausserordentlichen thematischen und stilistischen Besonderheiten von Hinrichsens Werk sichtbar, 2026 werden ihm deshalb eine Ausstellung sowie das vorliegende Buch gewidmet. ARK Basel richtet damit ein Schlaglicht auf das Schaffen eines nahezu vergessenen Künstlers und setzt einen neuen Akzent in das Panorama der Kunst­geschichte Basels. Die umfangreiche Korrespondenz sowie weitere Dokumente Hinrichsens ver­bleiben bei den Erben. Zusätzliche Bilder und mehrere hundert Zeichnungen aus dem Familienbesitz wurden einem Galeristen überlassen. ARK Basel erwirbt bei ihm 40 Zeichnungen, welche für das Verständnis einzelner Werke wichtig sind – ein Novum für den Verein, in diesem Fall aber unverzichtbar. Anfangs erhielten die Autoren dieses Bandes Zugang zu Briefen, Tagebüchern und weiteren Materialien aus Hinrichsens Nachlass. Im weiteren Verlauf wurde dieser jedoch aus familiären Gründen verwehrt. Dies führte bedauerlicherweise dazu, dass einige Angaben in diesem Buch nicht mehr verifi­ziert werden konnten und dass wichtige Fakten und Bezüge zum Werk des Künstlers (vorläufig) unentdeckt bleiben. Die Autoren haben sich dennoch bemüht, die ausgewerteten Dokumente so sorgfältig und akkurat wie möglich ein­zu­ ordnen. Etwaige Unsicherheiten, die sich aufgrund der beschränkten Quellen­ verfügbarkeit ergaben, wurden im Text explizit vermerkt. Manuela Brenneis-Hobi, Co-Präsidentin ARK Basel

4


Tomas Lochman Kurt Hinrichsens Kunst

17

Andreas Chiquet La couronne

38

Tomas Lochman Kurt Hinrichsens Biographie

56

Andreas Chiquet Bedürfnis nach Grösse

67

Friedrich Glauser Hendrik, der Maler

74


ABB. 1

Le boulevard, 1958. Öl auf Leinwand, 97 × 120 cm. Sammlung Gérard Schwyn

6


ABB. 2

o. T. [Sitzende Frau im Park], späte 1930er-Jahre. Öl auf Leinwand, 50 × 61 cm. Galerie des Annonciades, St-Ursanne ABB. 3

o. T. [Drei sitzende Frauen], um 1945/50. Öl auf Leinwand, 81 × 65 cm. Auf der Rückseite der Leinwand ist ein früher Entwurf für das Bild Le cirque (Abb. 30) erhalten. Sammlung Andreas Chiquet

8


9


ABB. 4

Naissance de Vénus, um 1953/54. Öl auf Leinwand, 100 × 82 cm. Ehemals Sammlung Max Hühn. ARK Basel. Dieses Bild wurde im März 1954 erstmals an der Ausstellung in der Galerie Durand-Ruel ausgestellt.

10


11


ABB. 5

Nu au livre, wohl frühe 1950er-Jahre. Öl auf Leinwand, 47 × 55.5 cm. Ehemals Stiftung Kurt Hinrichsen. ARK Basel ABB. 6

Fleurs et nus, frühe 1940er-Jahre. Öl auf Leinwand, 81 × 116 cm. Galerie des Annonciades, St-Ursanne

12


13


ABB. 7

La couronne, 1946. Öl auf Leinwand, 185 × 245 cm. Ehemals Stiftung Kurt Hinrichsen. ARK Basel

14


15


ABB. 8

La femme aux passe-crassanes, 1963 (gemäss Vermerk auf der Rahmenrückseite letztes Werk von Hinrichsen). Öl auf Leinwand, 65 × 81 cm. Galerie des Annonciades, St-Ursanne

16


Tomas Lochman

Kurt Hinrichsens Kunst

In sämtlichen Publikationen zu Hinrichsens Œuvre und Berichten über dessen Ausstellungen heben die Kommentatoren übereinstimmend hervor, dass Hinrichsen alten Meistern aus der Zeit des Manieris­mus, des Barock und der Romantik besondere Bedeutung beigemessen hat, sowohl in allgemein kulturgeschichtlicher Hinsicht wie auch für seine eigene künstlerische Entwicklung. Übereinstimmend werden in diesem Zusammenhang Tintoretto, Veronese, El Greco, Rubens, Delacroix, Watteau, Boucher u.a. genannt. Zu diesen äussert sich, neben vielen anderen, Hinrichsen tatsächlich immer wieder in seinen Tagebüchern und Briefen. Er hat sich über diese alten Meister sicherlich auch mit seinen Freunden, Kollegen und Förderern in Gesprächen ausgetauscht. Darüber hinaus veröffentlichte Hinrichsen über die Jahre hinweg in französischer Sprache pointierte kunsttheoretische Beiträge zu den unterschiedlichsten Künstlern, darunter ein flammendes Plädoyer für eine richtige Neubeurteilung von Delacroix als Wegbereiter der Moderne.1 In Hinrichsens Wertschätzung übertraf dabei ein Meister alle anderen bei weitem: der flämische Maler Peter Paul Rubens. Ihm verdankte Hinrichsen recht eigentlich sein Erweckungserlebnis und dies gleich zweimal: Das erste Mal, als er nach abgebrochenem Jurastudium in der Münchner Pinakothek zwei Rubens­ gemälde für sich entdeckte, den Sieg über Trunkenheit und Wollust und das grosse Jüngste Gericht, das andere Mal 1926 in der Stadt Antwerpen, die er eigens wegen des Rubenshauses aufsuchte. Unter dem Eindruck der Bilder des barocken Malers beschloss er dort, wie er es selbst in einer Kurzbiographie zusammen­ fasste, «den Schulen den Rücken zu kehren»2 und fortan als freier Maler zu wirken. Rubens ist zu einer Art Lehrmeister Hinrichsens geworden, nicht in stilistischer Hinsicht und auch nicht unter kompositorischen Gesichtspunkten, sondern was den Ausdruck der Figuren und den Gehalt und die Intention seiner Bilderfindungen angeht. Denn was er an Rubens am meisten schätzte, war der von ihm beobachtete Tatbestand, dass seine religiösen und mythologischen Figuren stets zutiefst menschlich erscheinen. Diesen menschlichen Aspekt sah Hinrichsen auch für seine eigenen Werke als verbindlich an. Alte Meister als Lehrmeister.

17

1 «Réponse à plusieurs articles à propos de l‘exposition Delacroix», gedrucktes Manifest, 1930, verfasst zusammen mit René Morère. 2 Brief mit Kurzbiographie an Lucas Lichtenhan vom 23.8.1946 im Staatsarchiv Basel-Stadt: StABS PA 888 N6(1) 400 1946/47.


«Zuletzt, wer am meisten Menschlichkeit in seine Werke hereinbringt, abgesehen von aller Form und von Vollendung, wird immer bestehen bleiben. Balzac ist das beste Beispiel hierfür. Rubens war der grösste Künstler in dieser Beziehung. Andere waren mehr Maler. Nie hat in unserer ganzen abendländischen Kultur einer mehr lebendige Details angebracht wie er. Daher sein Reichtum. Was Homer für die Griechen, ist Rubens für die Christen.»3 Die späteren Maler der École de Barbizon und des französischen Impressionismus hob Hinrichsen in seinen Schriften und Überlegungen auch immer wieder hervor, mass ihnen aber weitaus weniger Bedeutung zu als den alten Meistern, obwohl er mit seinem persönlichen Stil den Impressionisten und Post-Impressionisten ja durchaus nahestand. Insbesondere zu Renoirs Bildern bestehen in Bezug auf Farbigkeit sichtbare Affinitäten.4 Zu dem nach seinem Urteil wichtigsten Wegbereiter des Impressionismus, Camille Corot, hatte Hinrichsen bezeichnenderweise ein zwiespältiges Verhältnis: «Avec Corot, le dilettantisme c’est introduit dans la peinture, c’est pourquoi je le déteste tant. Un dilettantisme de génie, mais effroyable.»5 Vollends nichts abgewinnen konnte Hinrichsen den Malern des PostImpressionismus und des Kubismus sowie allen gegenstandsauflösenden und abstrakten Tendenzen in der Kunst seiner Zeitgenossen und der Vorgängergeneration. Als grösste gegenwärtige Künstler betrachtete er bezeichnenderweise zwei Bildhauer – Maillol und Bourdelle: «Ich sehe unter meinen Zeitgenossen absolut nicht klar. Wirklich gut empfinde ich nur Bourdelle und Maillol, beide Bildhauer, bin ich so beschränkt, dass ich in der Malerei nichts sehe?» In seiner apodiktisch anmutenden Ablehnung der zeitgenössischen Malerei scheint Hinrichsen tatsächlich subjektiv befangen. Als einzigen guten zeitgenössischen Maler bezeichnete er ausgerechnet seinen besten Freund: René Morère. «Je voudrais tant voir parmi les artistes contemporains un grand peintre, sauf René, je n’en vois aucun.»6

3

Brief an seine Eltern, Januar 1929.

4 Siehe z.B. Jean-Pierre Bayard in: Nane Bettex-Cailler: Kurt Hinrichsen 1901, Les Cahiers d’Art-Documents Nr. 84, 1955, Genève 1958, S. 14 oder Siegfried Streicher, in: Galerie Bettie Thommen: Kurt Hinrichsen zum Gedächtnis. Ausstellung vom 30. Mai – 20. Juni 1964, Basel 1964, S. 7. 5

Tagebucheintrag, Oktober 1938.

6 Tagebucheintrag, August 1933. – Auf den Maler René Morère kommen wir noch weiter unten zurück.

Stilistische Entwicklung. Der für Kurt Hinrichsen so typische singuläre und daher leicht wiedererkennbare farbenfrohe Malstil mit den staccatoartig brechenden Konturen, der verzerrenden Akzentuierung von Kanten und Wölbungen sowie mit den die Flächen durchziehenden kräftigen Farbstrichen, -schraffuren und -flecken ist für seine reifen und späten Werke bezeichnend. Diese schuf Hinrichsen in einem Zeitraum von etwas mehr als 25 Jahren, von den späten 1930er-Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 1963. Dieses Hauptœuvre hebt sich deutlich von seinen in den 1920er-Jahren gemalten frühen Werken ab, in denen geschlossene Formen mit festen Konturen bei erdig gedämpfteren Farben vorherrschen. Zwischen diesem frühen Stil und dem reifen Stil vermittelt ein hybrider Übergangstil einer sich über ungefähr sechs bis sieben Jahre erstreckenden Zwischenperiode.

18


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook