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www.schwabe.ch

ISBN 978-3-7965-5611-1

Jaspers zur Atombombe ANTON HÜGLI (HG.)

Anton Hügli ist emeritierter Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Basel mit Forschungsschwerpunkt in praktischer Philosophie. Zahlreiche seiner Publikationen gelten dem Denken und dem Werk von Karl Jaspers, so Jaspers: Stationen seines philosophischen Wegs (2021) und Karl Jaspers on Truth and Dialogue (2025).

ANTON HÜGLI (HG.)

Jaspers zur Atombombe Zur Aktualität von Karl Jaspers’ Denken über die atomare Bedrohung und die Zukunft des Menschen

REFLEXE

REFLEXE 89

Nur eine Weltfriedensordnung kann die Menschheit vor der Selbstvernichtung bewahren. Zu diesem Schluss kommt Karl Jaspers, als der «Kalte Krieg» in vollem Gange ist und Totalitarismus sowie Atomwaffen die Zukunft des Menschen bedrohen. Das Buch zeigt auf, wie Kant und ihm folgend Jaspers eine solche Weltfriedensordnung entworfen haben. Weltfriede ist, folgt man Jaspers, nur möglich, wenn dieser in jedem Einzelnen beginnt, der – in Solidarität mit Anderen und mit Blick auf das Ganze menschlicher Existenz – ein «überpolitisches Ethos» auszubilden versucht. Was das genau heißt, welche Art von Denken wir bräuchten, welche politischen Voraussetzungen zu schaffen wären und worauf wir überhaupt noch hoffen dürfen, wenn alles hoffnungslos scheint – dies sind die weiteren Themen des Buchs.


Schwabe reflexe

Band 89


Anton Hügli (Hg.)

Jaspers zur Atombombe Zur Aktualität von Karl Jaspers’ Denken über die atomare Bedrohung und die Zukunft des Menschen

Schwabe Verlag


Die Publikation wurde durch die Lucius und Annemarie Burckhardt Stiftung gefördert.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Korrektorat: Julia Müller, Leipzig Gestaltungskonzept: icona basel gmbH, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, Stroh Design, Oldenburg Satz: rdz IMA GmbH, Bonn Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, 4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, 10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5611-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5612-8 DOI 10.24894/978-3-7965-5612-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Anton Hügli, mit einem Beitrag von Ulrich Kühn: Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Volker Gerhardt: Existenzieller Humanismus. Die erste und die zweite Warnung vor dem selbstverschuldeten Ende der Menschheit. Nachdenken über Kant und Jaspers . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Anton Hügli: Die Kantischen Motive in Jaspers’ Argumentationsgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Anton Hügli: Was können wir, was kann der Einzelne tun? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Oliver Immel: «Falsche Vorstellungen lassen versäumen, was möglich ist.». Jaspers’ Forderung einer «Revolution der Denkungsart» als Voraussetzung einer Wandlung des sittlich-politischen Bewusstseins . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Markus Enders: Der Mut der Vernunft und das Vertrauen auf die Gottheit. Karl Jaspers zum Grund von Vertrauen und Hoffnung in der Grenzsituation einer drohenden Selbstauslöschung der Menschheit durch die Massenvernichtungswaffen . . . . . . . . . . . . . . .

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Reinhard Schulz: Anstelle eines Nachworts: Kriegsszenarien heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Autoren des Bandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Vorwort

Die nach 1945 mit der UNO errichtete, von Anbeginn schon fragile Weltordnung liegt heute in Trümmern. Die Großmachtpolitik eines Putin und Trump hat das Sagen. Unbekümmert um Menschenrechte und Völkerrecht werden hegemoniale Ansprüche mit militärischer Gewalt durchzusetzen versucht. Zum rhetorischen Arsenal gehört die unverhohlene Drohung mit dem Einsatz von Atombomben. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Welt vor der Situation eines Atomkriegs steht. Die lange Zeit verdrängten apokalyptischen Szenarien, die dieser Gedanke auslöst, beginnen, immer mehr Menschen mit Angst zu erfüllen und selbst das bis vor Kurzem noch im Fokus stehende Szenario eines Klimakollapses in den Hintergrund zu drängen. Wie schon nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Beginn des Kalten Krieges rückt erneut wieder die Frage in den Mittelpunkt, wie das drohende Unheil einer Selbstvernichtung der Menschheit überhaupt noch abgewendet werden könnte. Was damals schon gedacht, geschrieben und diskutiert wurde, gewinnt mit einem Schlag erneute Aktualität. Dazu gehört an vorderster Stelle das von dem deutschen Philosophen Karl Jaspers 1958 veröffentlichte Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. Seine Antwort in Erinnerung zu rufen mit Blick auf die heutige weltpolitische Situation und sie auf ihren Sinn und ihre Aktualität hin zu prüfen, ist das Ziel dieses Bandes. 7


Was die Antwort von Jaspers auszeichnet, ist der Umstand, dass er die drohende nukleare Selbstvernichtung der Menschheit nicht als isoliertes technisches, politisches oder militärisches Problem betrachtet, das von irgendwelchen Experten gelöst werden könnte. Aber auch nicht als unabwendbares Schicksal, sondern als ein durch unser Tun herbeigeführtes Verhängnis, das nur durch unser Tun noch abgewendet werden könnte. Allerdings nicht durch das müßige Gerede darüber, was man, was ein irgendwer tun sollte, sondern beginnend mit der Einsicht eines jeden Einzelnen, dass es ihn angeht und dass er bei sich selbst den Anfang machen muss: durch die Art und Weise, wie er sein Leben führt. Ob das Unheil noch abzuwenden sei, ist für Jaspers darum «nicht zuerst eine Frage an die Welt, sondern für jeden an sich selbst». In dieser Umkehr der Fragestellung liegt auch die Schwierigkeit von Jaspers’ Buch. Zu verstehen, was an Sachverhalten mitgeteilt wird – zur Atombombe, zur Weltlage, zur Politik, zur Philosophie –, mag zwar nicht immer leichtfallen (obwohl die Autoren dieses Bandes es so leicht wie möglich zu machen versuchen), aber verstanden ist es noch nicht, wenn nicht immer die Frage des Lesers oder der Leserin hinzukommt: Und was folgt daraus für mich? Diese Frage aber kann niemand für einen anderen beantworten, auch Jaspers nicht. Ihm ist bewusst: Er kann nur die entscheidenden Fragen stellen und aufzeigen, welche Gedanken der Einzelne sich machen könnte und machen müsste, wenn er die an ihn selbst gerichtete Frage zu beantworten versucht. Irgendwelche Handlungsanweisungen und Rezepte geben zu wollen, weist Jaspers weit von sich. Doch auch wenn gilt, dass jeder Einzelne, jeder, der «ich» zu sich sagt, die Antwort nur für sich selbst geben kann, bedarf er in seinem Ringen um eine Antwort umso mehr des Gesprächs mit den ihm Nächsten und der Auseinandersetzung mit jenen, die am weitesten schon gedacht haben. Für Jaspers 8


sind dies die großen Philosophen der Vergangenheit. Nicht die Atombombe zwar konnte deren Ausgangspunkt sein, aber ihr Blick in die Abgründe des Menschseins und ihr Erschrecken vor dem Gedanken, dass am Ende alles sinnlos und vergeblich sein könnte. Jaspers ist darum überzeugt: Sich mit dem Denken dieser Philosophen vertraut zu machen, mit ihnen die Grenzsituationen menschlichen Daseins zu erhellen und zu erfahren, worin sie, vor dem Äußersten stehend, ihre Ruhe und ihren Halt gefunden haben, ist die Hilfe, die Philosophie heute uns geben kann. Als Philosophieprofessor, als einer, dem es zeitlebens darum zu tun war, die großen Denker der Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen, hielt sich Jaspers darum für legitimiert, ein Buch zur Atombombe zu schreiben. Es ist, naturgemäß, ein philosophisches Buch. Jaspers’ Buch zu lesen, erfordert nicht nur einen langen Atem, sondern auch ein Mitdenken- und Selber-Denken-Können, das nicht ohne ständige Schulung und Übung zu haben ist. Nicht alle haben die Zeit und die Voraussetzungen dafür. Doch wer das Privileg hat, sich Philosophie zum Beruf machen zu können, steht auch in der Pflicht, Verstehens-Hilfe zu leisten. Dieser Pflicht nachzukommen, ist das Anliegen der Autoren dieses Bandes. Es sind, mit Ausnahme des Friedens- und Konflikt-Forschers Ulrich Kühn, professionelle Philosophen. Was sie eint, ist ihr Forschungsinteresse: Markus Enders, Reinhard Schulz und Oliver Immel stehen durch ihre Mitarbeit an der kommentierten Gesamtausgabe der Werke, des Nachlasses und der Korrespondenz von Karl Jaspers (Karl Jaspers Gesamtausgabe bzw. KJG) an der Spitze der Jaspersforschung, Volker Gerhardt ist einer der wenigen Philosophen in Deutschland, die Jaspers’ Denken zum Ausgangspunkt des eigenen Philosophierens gemacht haben. Diesem Band vorweg ging ein Symposium, das, im Rahmen der Annual Conference von Swiss Peace, am 22. Januar 9


2025 an der Universität Basel stattgefunden hat. Mit Ausnahme des Beitrags von Markus Enders gehen die Beiträge dieses Bandes auf die an diesem Symposium gehaltenen Vorträge zurück. Großen Dank schulde ich darum den damaligen Teilnehmern des Symposiums und den jetzigen Autoren dieses Bandes, insbesondere aber Oliver Immel, der mir, nicht zuletzt dank seiner Expertise als Herausgeber von Jaspers’ Atombombenbuch im Rahmen der KJG, nicht erst bei der Endredaktion des Buchs, sondern schon bei der Vorbereitung des Symposiums eine unentbehrliche Hilfe war. Mein Dank gilt weiter der Leitung von Swiss Peace für die finanzielle und organisatorische Unterstützung des Symposiums und des anschließenden Podiumsgesprächs. Zu danken habe ich der Lucius und Annemarie Burckhardt-Stiftung für ihre großzügige finanzielle Unterstützung des Symposiums und der Publikation der Beiträge, an erster Stelle aber ihrem Präsidenten Markus Ritter, der mit seinem persönlichen Engagement das ganze Unternehmen überhaupt erst ermöglicht hat. Nicht zuletzt danken möchte ich dem Schwabe Verlag und der Lektorin Ruth Vachek, die mit großer Geduld dafür gesorgt hat, dass dieser Band seinen Weg in die Öffentlichkeit finden konnte, und Dirk Fonfara für seine kritische Durchsicht des Manuskripts. Basel, im Juli 2026

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Anton Hügli


Einführung Anton Hügli, mit einem Beitrag von Ulrich Kühn

Karl Jaspersʼ Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen ist 1958 erschienen. Dem Buch ging ein Radiovortrag voraus, der, unter gleichem Titel, zwei Jahre zuvor ausgestrahlt worden war und der mit ein Grund dafür war, dass Jaspers 1958 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat. Jaspers war damals 75 Jahre alt, seit zehn Jahren schon wirkte er an der Universität Basel, von Heidelberg kommend, wo er studiert, promoviert und sich habilitiert hatte und zu einem der großen durch die Nazizeit nicht kompromittierten Philosophen Deutschlands geworden war.1 Die Werke, die seinen Ruhm begründeten, waren längst schon erschienen. So seine Allgemeine Psychopathologie von 1913, die zu einem Standardwerk der Psychiatrie geworden war, seine Psychologie der Weltanschauungen, die seinen Weg von der Psychologie zur Philosophie markierte, seine dreibändige Philosophie von 1932, mit der er – neben Heidegger – zu einem der führenden Existenzphilosophen avancierte. Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, ein Buch, mit dem Jaspers nun erstmals prominent als politischer Philosoph in Erscheinung tritt, fällt in die arbeitsreiche Zeit in Basel, in der er – teilweise zeitgleich – an den drei Großprojekten weiterarbeitete, die er von Heidelberg nach Basel mitgebracht hatte: an einer Weltgeschichte der Philosophie, von der im Jahr zuvor das Monumentalwerk Die großen Philosophen Ausführlicher zum Wirken von Jaspers in seiner Baseler Zeit, vgl. Hügli: «Jaspers in Basel. Seine Projekte, ihre Bedeutung». 1

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erschienen war, an seiner Philosophischen Logik, deren ersten Band er bereits 1947 unter dem Titel Von der Wahrheit veröffentlicht hatte, und an dem religionsphilosophischen Spätwerk über den Philosophischen Glauben angesichts der Offenbarung, das dann 1962 erscheinen wird. Das Buch über die Atombombe und die Zukunft des Menschen wurde 1958/59 in kürzester Zeit zum Bestseller und zum Gegenstand leidenschaftlich geführter, öffentlicher Debatten; in rascher Folge erschienen Übersetzungen ins Französische, Italienische, Japanische, Koreanische, Spanische, Arabische, Russische, Schwedische, Englische. Seinen immensen Verkaufszahlen zum Trotz ist das Buch in der Fachwelt kaum je adäquat rezipiert worden. Aber auch in der breiten Öffentlichkeit war es kaum anders. Statt sich auf den philosophischen Gehalt des Buchs überhaupt einzulassen, erging man sich in radikaler Ablehnung oder vorbehaltloser Zustimmung. In den 1970er Jahren biss man sich fest an dem – vom rechtskonservativen Lager begrüßten, vom linken Lager verurteilten – Umstand, dass einzelne Passagen des Buchs gelesen werden konnten als Rechtfertigung der vom westlichen Bündnis angestrebten nuklearen Nachrüstung in Europa – dem so genannten NATO-Doppelbeschluss.2 So blieb denn auch die Chance ungenutzt, welche die Atempause des vorerst noch ausgebliebenen Atomkriegs der Welt geschenkt hatte, nämlich von Grund auf darüber nachzudenken, was uns alle bewegen müsste: was aus dem Menschen in dieser Welt überhaupt noch werden kann und werden soll. Uns zu diesem Nachdenken zu bewegen, war das Ziel von Jaspersʼ Buch. Dies zeigt sich schon im Titel: Die Rede ist Zur Rezeption vgl. Weidmann: «Der öffentliche Intellektuelle. Über das politische Engagement unabhängiger Denker». Zur Aufrüstungsdebatte vgl. ders.: «Lieber tot als rot», 99�123.

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nicht, wie man zunächst erwarten würde, von der Zukunft der Menschheit, sondern von der Zukunft des Menschen. Der Grund: Jaspers geht es nicht nur um die drohende Gefahr der Vernichtung menschlichen Lebens überhaupt, sondern auch um die ganz andere Gefahr, dass der Mensch seines Menschseins verlustig geht. Dies rechtfertigt für Jaspers auch die philosophische Ausrichtung seines Buchs. Denn die Frage, was der Mensch sei, ist die Frage, in der alle großen philosophischen Fragen zusammenlaufen. So jedenfalls sah es Kant.3 Für Jaspers hieß dies: Auch politische Fragen sind auf das umgreifende Ganze menschlicher Existenz zu beziehen. «Mein Versuch kann nur Geltung haben als Versuch, grundsätzlich aufs Ganze zu gehen, und hat nur Sinn, wenn bald andere es besser machen», schrieb er anlässlich der Auslieferung des Buchs in einem Brief an Hannah Arendt.4 Man kann mit Fug und Recht bezweifeln, dass andere es inzwischen besser gemacht hätten. Doch was hat Die Atombombe und die Zukunft des Menschen – über die physische Vernichtung menschlichen Daseins hinaus – mit dem Menschsein zu tun? Die Antwort gibt Jaspers schon im ersten Satz seines Vorworts zum Buch: «Eine schlechthin neue Situation ist durch die Atombombe geschaffen. Entweder wird die gesamte Menschheit physisch zugrunde gehen, oder der Mensch wird sich in seinem sittlich-politischen Zustand wandeln.»5 Zur Klarheit zu bringen, was das heißt, sei der Sinn seines Buchs. Klärung ist in der Tat angesagt. An erster Stelle, worin dieser Wandel des sittlich-politischen Zustandes überhaupt besteht, unter welchen Bedingungen er erfolgen kann und inwiefern er uns vor der atomaren Selbstvernichtung bewahren 3 4 5

Vgl. Jaspers: Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, 33. Arendt/Jaspers: Briefwechsel, 386. Jaspers: Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, 5. 13


könnte. Und die unser Menschsein betreffende Frage lautet kurz: Ist ein solcher Wandel des Menschen überhaupt möglich? Kann er je Wirklichkeit werden? Diese Fragen sollen im Mittelpunkt dieses Buchs stehen. Doch zuvor gilt es zu prüfen, wie es heute um die Realitäten steht, vor die Jaspers sich in seiner Zeit gestellt sah und die Anlass und Ausgangspunkt seines Buches waren. Sich die Realitäten ohne Illusionen zu vergegenwärtigen, ist für ihn das A und O jedes Philosophierens. Er arbeitete sich ein in die Berichte der Physiker über die verheerenden Folgen eines atomaren Kriegs und er unternahm eine tiefgreifende Analyse der damaligen weltpolitischen Situation. Vieles davon ist heute vielleicht nur noch von historischem Interesse. Entscheidend aber ist das Fazit, das er aus seiner Analyse zieht. Er sieht nur noch eine Alternative: «Entweder der plötzliche Ausbruch des Atomkrieges, vielleicht nach Jahren, nach Jahrzehnten, oder die Konstituierung eines Weltfriedenszustandes», die allein die Abschaffung der Atombombe ermöglichen würde.6 Die Errichtung einer Weltfriedensordnung aber, so sein weiterer Schluss, ist nicht möglich durch eine Fortsetzung bisheriger Politik, sondern erfordert den besagten sittlich-politischen Wandel. Kurzum: Entweder fahren wir fort wie bisher und gehen so der Selbstvernichtung entgegen, oder wir sind fähig, uns von Grund auf zu wandeln. Die Einsicht, dass es nur dieses Entweder/Oder gibt, ist für Jaspers zugleich die Voraussetzung dafür, dass der Gesinnungswandel überhaupt eintreten kann. Wenn wir heute nach der Aktualität seines Buches fragen, müssen wir an diesem Punkt ansetzen. Müsste angesichts des immensen atomaren Bedrohungspotenzials, das inzwischen angehäuft wurde und weiterhin angehäuft wird, nicht jede illusionslose Analyse zu demselben Schluss kommen wie Jaspers? 6

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Ebd., 5 f.


Dass ein Atomkrieg das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, bedeuten würde? Dass alle Versuche, die atomare Gefahr ein für alle Mal zu bannen, gescheitert sind? Dass wir in der heutigen weltpolitischen Lage von einer möglichen Friedensordnung weiter entfernt sind denn je und kein Ende des Schreckens in Sicht ist? Zu der Frage der Möglichkeit einer atomaren Selbstvernichtung der Menschheit aus heutiger Sicht und der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, ihr mit den bisherigen politischen und militärischen Maßnahmen zu begegnen, gebe ich hier das Votum von Dr. Ulrich Kühn wieder, das er für das diesem Buch vorangehende Symposium vorbereitet hat, aber nicht vortragen konnte. Er hat sich als Konfliktforscher in zahlreichen Publikationen mit der Frage der Möglichkeit atomarer Kriege und den bisherigen Versuchen ihrer Eindämmung befasst. Auf die Frage nach der weltpolitischen Lage werde ich nach seinen Ausführungen zurückkommen.

Die atomare Bedrohung der Menschheit zur Zeit der Entstehung des Werks im Vergleich zur heutigen Zeit Vor 68 Jahren veröffentlichte Karl Jaspers sein umfangreiches Werk «Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. Politisches Bewußtsein in unserer Zeit». Und mit Letzterem, nämlich der Zeit – also Jaspersʼ Zeit und unserer heutigen Zeit – möchte ich zunächst beginnen. Als Jaspers sein Buch veröffentlicht, im Jahr 1958, liegen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki lediglich 13 Jahre zurück. Seit 1949 ist die Sowjetunion Nuklearmacht; 1952 zieht das Vereinigte Königreich nach. Nur zwei Jahre nach Erscheinen des Buchs testet Frankreich erstmals eine Nuklearwaffe. Weitere zwei Jahre später, im Oktober 1962, wandelt die Welt am Abgrund zum nu-

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klearen Armageddon: Die Kuba-Krise hält weite Teile der Weltbevölkerung dreizehn Tage in Atem. Und weitere zwei Jahre später betritt schließlich China den Klub der Atomwaffenbesitzer. In einem Interview aus dem Jahre 1963 hatte US-Präsident Kennedy vor ungezügelter Proliferation gewarnt: «[P]ersonally I am haunted by the feeling that by 1970 […] there may be 10 nuclear powers instead of 4, and by 1975, 15 or 20.»7 In der Rückschau sind dies atemlose Jahre. Es sind dies aber auch die Jahre, in denen die ersten Grundsteine der sogenannten nuklearen Ordnung, also des Versuchs der internationalen Gemeinschaft, den Atomwaffenbesitz und seine Auswirkungen zu verregeln, gelegt werden. Die ausgehenden 1960er Jahre sehen die Etablierung des Atomwaffensperrvertrags, der versucht, die weitere horizontale Verbreitung dieser Waffen zu beschränken. Die frühen 1970er Jahre sind geprägt von bilateralen sowjetisch-amerikanischen Rüstungskontrollverträgen. Nach einer Phase der erneuten Konfliktverschärfung nehmen die beiden Supermächte dann gegen Ende der 1980er Jahre den Rüstungskontrolldialog wieder auf und in den 1990er Jahren sinkt erstmals, dafür um so signifikanter die Zahl der Atomwaffen – von einstmals über 70.000 auf heute rund 12.000. Als der amerikanische Präsident Barack Obama in seiner Prager Rede von 2009 – die unter anderem dazu beitrug, dass er den Friedensnobelpreis bekam – das Ziel der «globalen Null», also der kompletten Abrüstung aller Nuklearwaffen auslobte, schien für viele die Welt erstmals auf einem realistischen Weg, diese Gattung der Massenvernichtungswaffen komplett zu bannen. Dreizehn Jahre später, im Herbst 2022, warnte Obamas einstiger Vize, der erst kürzlich aus dem Amt geschiedene Präsident Joe

7 Gerhard Peters and John T. Woolley: «The President’s News Conference». The American Presidency Project, n.d., https://www.pre sidency.ucsb.edu/documents/the-presidents-news-conference-169 (transcript of President John Kennedy’s press conference on March 21, 1963).

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Biden, seine Zuhörerschaft eindringlich: «For the first time since the Cuban Missile Crisis, we have a direct threat to the use of nuclear weapons, if in fact things continue down the path they’d been going […] we have not faced the prospect of Armageddon since Kennedy and the Cuban missile crisis.»8 Wie der US-Journalist Bob Woodward inzwischen mittels dutzender Interviews herausgefunden hat, schätzten die US-Geheimdienste damals im Herbst 2022 die Chance eines russischen Nuklearwaffeneinsatzes auf 50 Prozent. Biden und sein Team waren in höchstem Maße alarmiert. Sie suchten die Öffentlichkeit, telefonierten unablässig mit Moskau, drohten der russischen Gegenseite und wirkten erfolgreich auf Staaten wie China und Indien ein, sich öffentlich gegen einen russischen Nuklearwaffeneinsatz auszusprechen. Wie wir heute wissen: zu einem Atombombeneinsatz kam es 2022 nicht. Gleichwohl war die Welt wohl seit 1962 nie wieder so nah am Einsatz dieser furchtbarsten aller Waffen. Und die Gefahr ist nicht gebannt; noch immer hängt die von Kennedy einst als «Damoklesschwert» bezeichnete Bedrohung über uns. Noch immer droht Putin mit seinen Waffen. Noch immer tobt der Krieg in der Ukraine, und am Horizont zeichnet sich ein um ein Vielfaches wirkmächtigerer Konflikt zwischen China und den USA mit dem Brennpunkt Taiwan ab. Hat die Menschheit also gar nichts dazugelernt? Bewegen wir uns in einem sich selbst perpetuierenden Kreislauf aus Spannung, Krise, Entspannung, Abrüstung? Oder sind etwa nukleare Abschreckung, Aufrüstung und Wettrüsten gar die zivilisierte Form der vormals offenen Gewaltausübung zwischen den Großmächten – dafür aber unter ständiger Inkaufnahme der möglichen kompletten Zivilisationsvernichtung? Um uns der ersten Frage nach den Lerneffekten etwas anzunähern: Es ist durchaus so, dass die Menschheit inzwischen zu einem

Nandita Bose: «Biden Cites Cuban Missile Crisis in Describing Putin’s Nuclear Threat», Reuters, October 19, 2022, https://www.reu ters.com/world/biden-cites-cuban-missile-crisis-describing-putinsnuclear-threat-2022-10-07/.

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gewissen Grad gelernt hat, mit der nuklearen Gefahr zu leben. Ob das per se etwas Gutes ist, steht auf einem anderen Blatt. Gleichwohl gilt, dass Jaspersʼ Realität, in der die Atombombenabwürfe von 1945 die einzigen beiden Einsätze dieser Massenvernichtungswaffen waren, auch heute noch Bestand hat. Und das ist fast exakt 80 Jahre später durchaus bemerkenswert. Thomas Schelling, der Ökonomie-Nobelpreisträger und einer der Gründerväter der modernen Rüstungskontrolle, argumentierte in seiner Dankesrede anlässlich der Nobelpreisverleihung im Jahr 2005 wie folgt: «Das spektakulärste Ereignis des letzten halben Jahrhunderts ist eines, das nicht stattgefunden hat. Wir haben sechzig Jahre genossen, ohne dass Atomwaffen im Zorn explodiert sind.» Die Politikwissenschaft hat dafür unterschiedliche Begründungen gefunden. Sogenannte Neorealisten und Strukturalisten machen ausgerechnet die mutual assured destruction – also die gegenseitige gesicherte Vernichtung – dafür verantwortlich. Daneben führen sie Kosten-Nutzen-Kalkulationen im Bereich der Reputation ins Feld. Konstruktivist:innen, v. a. um die US-Politologin Nina Tannenwald, unterstreichen die Stärke einer nicht kodifizierten Tabu-Norm, welche die Staatenlenker davon abhalte, diese Waffen einzusetzen. Institutionalisten verweisen v. a. auf die bereits erwähnte Rüstungskontrolle und auf risikominimierende unilaterale Beschränkungen, die verhindern sollen, dass Nuklearwaffen unbeabsichtigt zum Einsatz kommen. Das amerikanische Vorgehen gegen Moskau im Zusammenhang mit der Herbstkrise des Jahres 2022 deutet darauf hin, dass möglicherweise ein Zusammenspiel all dieser Ansätze zur Verhinderung eines erneuten Atomwaffeneinsatzes am vielversprechendsten ist. Gleichwohl zeigen die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre, dass Militärs und Strategen weltweit genau am Gegenteil arbeiten: nämlich der Machbarkeit eines Nuklearkriegs. «Limited nuclear war» nennt sich dieses nicht ganz neue Konzept, welches auf sogenannte «low-yield warheads», also Sprengköpfe mit geringerer Sprengkraft setzt und vor allem in regionalen Kontexten, sprich an den russischen und/oder chinesischen Einflussgrenzen, zum Einsatz kommen könnte. Hinzu kommt das zunehmende «entanglement», also die bewusste

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