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WEGE

WdA 05

Halle als Ort der Unruhe Der Band untersucht am Beispiel Halles, wie sich das Verhältnis von Universität, Politik und Staat im Zeichen der Französischen Revolution neu austariert. Zwischen Spätaufklärung, Geheimbund, Zensur und Repression treten bisher übersehene Akteure in den Blick: Freigeister, randständige Gelehrte und aufmüpfige Studenten, deren Biographien und Schriften die Universität als Laboratorium gesellschaftlicher und intellektueller Umbrüche sichtbar machen. Die Beiträge fragen nach Handlungsspielräumen und Grenzen akademischer Freiheit, nach den medialen Strategien religionsund herrschaftskritischen Denkens sowie nach den lokalen Konstellationen, in denen sich europäische Krisen- und Revolutionsdynamiken brechen. So entsteht ein Panorama der Hallenser Spätaufklärung, in dem sich Konflikte um Wissen, Autorität und öffentliche Meinung exemplarisch bündeln. Elisabeth Décultot ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Halle-Wittenberg und leitet dort das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung. Martin Mulsow ist emeritierter Professor für Wissenskulturen der Europäischen Neuzeit an der Universität Erfurt und war bis 2026 Direktor des Forschungszentrums Gotha. Dirk Sangmeister arbeitet als Germanist an der Universität Jena. Er wurde promoviert mit der Monographie August Lafontaine oder Die Vergänglichkeit des Erfolges (1998).

www.schwabe.ch

I S B N 978-3-7965-5609-8

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E. Décultot, M. Mulsow, D. Sangmeister (Hg.)

Herausgegeben von Elisabeth Décultot und Daniel Weidner

Halle als Ort der Unruhe

DER AUFKLÄRUNG

WEGE DER AUFKLÄRUNG

Band 05

Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister (Hg.)

Halle als Ort der Unruhe Universität, Spätaufklärung und politische Konflikte


SV_ISBN_Autor:in_Titelstichwort_K# | Seite 1 | 13.07.2026


Wege der Aufklärung

Herausgegeben von Elisabeth Décultot und Daniel Weidner

Band 5

SV_ISBN_Autor:in_Titelstichwort_K# | Seite 2 | 13.07.2026


Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister (Hg.)

Halle als Ort der Unruhe Universität, Spätaufklärung und politische Konflikte

Schwabe Verlag

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Gedruckt mit Unterstützung der Alexander-von-Humboldt-Professur für neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer der Universität Halle (Prof. Dr. Elisabeth Décultot)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Gestaltungskonzept: icona basel gmbh, Basel Cover: Schwabe Verlag Berlin Satz: mittelstadt 21, Vogtsburg-Burkheim Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5609-8 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5610-4 DOI 10.24894/978-3-7965-5610-4 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

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Inhalt

Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister: Einleitung. Halle als Ort der Unruhe im ausgehenden 18. Jahrhundert . . . . . . . . .

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Arne Klawitter: Standhaft bis in den Tod. Ludwig August Unzer: Ein heimlicher Freigeist im Spiegel des Briefromans Die Geschichte der Brüder des grünen Bundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

23

Dirk Sangmeister: Totgesagte schreiben länger. Versuch über den vagierenden Magister Christian Wilhelm Kindleben . . . . . . . . . . . . .

45

Martin Mulsow: Der politische Leihbibliothekar. Franz Heinrich Bispink im unruhigen Halle . . . . . . . . . . . . . . . . . .

105

Mischa von Perger: Fragmenta Psychologico-Moralia (1784). Franz Heinrich Bispinks Version eines «Trosts durch die Philosophie» . .

149

Falk Wunderlich: Materialismus und radikaler Kantianismus: Karl Spaziers Antiphädon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

193

Sebastian Abel: Religionskritik als ‹medicina mentis›? Karl Spazier zwischen Tschirnhaus und Wittgenstein . . . . . . . . . . . .

213

Frank Hatje: Der Student Ferdinand Beneke, das Licht der Aufklärung und der Widerschein der Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

237

Nikolas Immer: Zur Nachahmung empfohlen? Friedrich Samuel Mursinnas aufklärerische Biografistik . . . . . . . . . . .

255

Anett Lütteken: Selbstbehauptung in stürmischen Zeiten. Johann Friedrich Reichardt und die Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . .

275

Iwan-Michelangelo D’Aprile: In Preußen inhaftiert – in Halle promoviert. Saul Aschers Hallenser Doktorat und seine Kritik am universitären Rassismus in Göttingen und Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

295

Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Handgreifliche Auseinandersetzung im unruhigen Halle um die Mitte des 18. Jahrhunderts: Bewaffnete Musketiere des preußischen Infanterieregimentes Nr. 3 gehen auf dem Marktplatz gewaltsam gegen eine Versammlung von Studenten vor. Miniaturölbild von Unbekannt aus dem Stammbuch des Theologiestudenten Heinrich Ludwig Förtsch (1732–1796); Universitätsund Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle: Yg St 2, S. 296b.

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Einleitung Halle als Ort der Unruhe im ausgehenden 18. Jahrhundert Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister

1. Die Schlüsselszene aus der Zeit der Spätaufklärung, in der sich viele der in Halle aufgestauten Spannungen tumultuarisch entluden, ereignete sich am frühen Abend des 30. Mai 1794, als hunderte von aufgebrachten Studenten eine halbe Stunde lang einen Hagel von handlichen Mauersteinen und Dachziegeln nebst einem Ziegenhainer in die Fenster der beiden Zimmer im Gasthof «Zum goldenen Löwen» warfen, in denen seit dem Himmelfahrtstag die «beiden Religionsapostel» Hermann Daniel Hermes und Gottlob Friedrich Hillmer logierten. Die orthodoxen Konsistorialräte waren aus Berlin gekommen, um zu untersuchen, ob im neologisch geprägten Halle dem restriktiven Preußischen Religionsedikt die gehörige Beachtung geschenkt werde. Die mehrheitlich farbentragenden, zum Teil mit Degen oder Hieber bewaffneten Studenten, die sich – wie schon am Vorabend – vor dem Gasthof zusammenrotteten, waren nicht nur empört über die Gegenwart der beiden Gesinnungsschnüffler, sondern auch über das kurz zuvor ergangene Verbot des Zentralorgans der Berliner Aufklärung, Friedrich Nicolais Neuer allgemeiner deutscher Bibliothek: «Vivat die Allgemeine Teutsche Bibliothek!» und «Pereat die Dreieinigkeit!» lauteten zwei Schlachtrufe der aufgebrachten Studenten, und einer ihrer Anführer (angeblich ein Graf) verfluchte Hermes mit den Worten: «Pereat du Dummkopf aller Dummköpfe, du Inquisitor und sogenannter Oberconsistorialrath». Bemerkenswert an diesem abendlichen Aufruhr war nicht zuletzt, dass selbst verzopfte Professoren sich verstohlen mit den rebellierenden Studenten solidarisierten: Johann August Nösselt, der sonst so ordnungsliebende Ordinarius der Theologischen Fakultät, dessen Haus dem Gasthof «Zum goldenen Löwen» gegenüber lag, verbarg nicht nur einen Studenten, der sich vor den Häschern mit ihren langen Stangen in sein Haus flüchtete, sondern verband auch gemeinsam mit seinen drei Töchtern das blutige Haupt des Verfolgten. Nur zwei Studenten konnten von den Häschern gefasst und in den Karzer gesteckt werden – beide wurden anderntags seitens der Universität flugs für unschuldig erklärt und sogleich wieder freigelassen. Um einer weiteren Konfrontation und Eskalation, bei der womöglich wieder die Stadtwache hätte aufmarschieren müssen, aus dem Weg zu gehen, machten

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Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister

sich Hermes und Hillmer, nachhaltig verschreckt, am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe mit Extrapost vorzeitig aus dem Staube. In ihrem Gepäck nahmen sie einige der Steine mit, welche durch die Fenster in ihre Stuben geworfen worden waren, um sich mit diesen Beweisstücken in Berlin als Beinahe-Märtyrer inszenieren zu können, wie der Student Georg Tiemann seinem nach Erlangen gewechselten Freund Ludwig von Vincke, dem späteren Oberpräsidenten von Westfalen, berichtete. Tiemann beschloss seinen Rückblick auf den akademischen Aufruhr nebst Handgemenge mit einem bilanzierenden Satz, den man nicht hoch genug bewerten kann: «Der ganze Vorgang hat viel Freude in der Gegend umher ver­ursacht, vorzüglich in Berlin.»1 Das war weder Wunschdenken noch Übertreibung, denn selbst jemand wie der Legationsrat Friedrich Justin Bertuch in Weimar, der enge Vertraute des Herzogs Carl August und Verleger der in der deutschen Gelehrtenrepublik tonangebenden Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung (die 1803 nach Halle übersiedelte), frohlockte in der Ferne und kolportierte schadenfreudig ein Spottgedicht, das einer seiner Freunde flugs verfertigt hatte: Als Hermes und Hillmer mit einer Ladung Steine nach Berlin kamen Hört die Verwandlung, Zweifler, die in diesen Tagen, Mit zwey Aposteln sich in Halle zugetragen! Sie packten da statt Ketzereyen, Ein Cöfferchen voll Steine ein. So werden Pauls aus Sauls; so aus den Theologen, Mineralogen!2

Dass ein Hallenser Tumult, der mit strafbaren Vergehen wie Sachbeschädigungen, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten und Körperverletzungen einherging, nicht nur in Preußen, sondern auch andernorts im Reich selbst bei besonnenen Hono­ ratioren und staatstragenden Räten Beifall fand, macht den Vorfall zu einem fürwahr unerhörten Ereignis.3 Was sich Ende Mai 1794 an der Saale so spektakulär entlud, resultierte daraus, dass sich Halle im Zeitalter der Französischen Revolution in einer spannungsSkizze und alle Zitate nach dem lebendigen Brief von Georg Tiemann (*1773) an Wilhelm von Vincke (1774–1844) vom 29. 6. 1794, abgedruckt bei Kloosterhuis 1989, 152–153. – Nüchterner nach den Akten rekapituliert von Berndl 2003, 302–316, und Wiggermann 2010, 314–320. 2 Brief von Bertuch an den ALZ-Herausgeber Christian Gottfried Schütz vom 17. 1. 1794; einleitend schrieb der Verleger: «Hier noch was Lustiges. Man sagte dH. Hermes und Hillmer hätten alle Steine die Ihnen Brüder Studio in Halle in die Zimmer geworfen hatten, sorgfältig zusammengelesen, in einen Coffer gepackt und als Corpus delicti mit nach Berlin genommen. Ein guter Freund machte darauf folgendes Couplet.» Universitätsbibliothek Leipzig, Rep. III 1a [Z35], Bd. 1. – Vgl. das Spottgedicht aus demselben Anlass, das Ludwig Heinrich Jakob in seinen Denkwürdigkeiten anführt, zit. von Kertscher 2003, 18. 3 Vgl. Kathe 1980 und ders. 1983. 1

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Einleitung

Ruhe vor dem Sturm: Zwei Dutzend Studenten vor dem Gasthaus «Zum goldenen ­ öwen», in dem am 29. Mai 1794 die Berliner Inquisitoren Hermann Daniel Hermes und L ­Gottlob Friedrich Hillmer abgestiegen waren. Aquarell des Hallenser Jurastudenten Wilhelm Arndt im Stammbuch seines Kommilitonen Christian Gottfried Geier; der dazugehörige Eintrag vom 11. April 1795 zitiert Schillers Ode An die Freude: «Rettung von Tyrannenketten». Biblioteka Uniwersytecka Wrocław: Akc. 1949/1038, S. 297.

Abb. 1:

geladenen Mittelposition zwischen zwei gegensätzlichen Polen befand. Auf der einen Seite stand die Regierung in Berlin mit Friedrich Wilhelm II. an der Spitze, «genannt der Dicke König von Kanonenland»,4 der sich von seiner Favoritin, der zur Gräfin Lichtenau geadelten Wilhelmine Encke, im Verein mit dem sinistren Minister Johann Christoph von Wöllner und anderen Rosenkreuzern lenken und leiten ließ. Auf der anderen Seite stand Paris mit den weltbewegenden Ereignissen und Ideen der Französischen Revolution, die u. a. von dem Komponisten und Publizisten Johann Friedrich Reichardt mit Sympathie geschildert wurden, der wiederholt (1785, 1787, 1792 und 1802–1803) für längere Zeit nach Frankreich reiste, 1793 seine Vertrauten Briefe über Frankreich publizierte und 1795 die Monatsschrift Frankreich, «Aus den Briefen deutscher Männer in Paris» (Untertitel), mitbegründete. Wegen seiner offen artikulierten Revolutionsbegeisterung wurde 4 So der spöttische Untertitel des Schlüsselromans Saul der Zweyte, den Johann Friedrich Ernst Albrecht 1798 anonym mit fingiertem Impressum in Erfurt veröffentlichte.

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Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister

Ein Dokument der Verbundenheit zwischen den aufbegehrenden Studenten der beiden von Unruhe geprägten Universitäten an der Saale: Der Jenaer Theologiestudent Christian Gottfried Poser (1771–1852), der im Juli 1792 an dem legendären Auszug nach Nohra teilgenommen hatte, schrieb am 16. Oktober 1794 mit Blick auf den Tumult in Halle Ende Mai in das Stammbuch seines Kommilitonen Heinrich Ludwig Foertsch das folgende «Fragment aus den Jahrbüchern der Menschheit»: «Bahrdt – Hermes – Hilmer – Inquisition – Bannstrahl – – – – hallische Kieselsteine – Maitressen – Religionsedict. satanisches Hohngelächter – der Genius der Menschheit weint.» Auf die anschließende Klage über die Verderbnis der Zeit aus Horaz’ Oden (III,6) folgt die Fratze eines Teufels (Stadtmuseum Jena, St. 1, 44, S. 262).

Abb. 2:

Reichardt im Oktober 1794 in Berlin als Hofkapellmeister entlassen – und zog sich daraufhin auf sein Tusculum vor den Toren von Halle zurück, das bis zu seinem Tod der Mittelpunkt seines wechselvollen Lebens blieb. Hier verfasste er seine Vertrauten Briefen aus Paris (1803) und den Bestseller Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate (1804),5 dessen grundlegende Beobachtungen und Analysen er dem befreundeten Gustav von Schlabrendorf, dem «Diogenes von Paris» (Theodor Heuss), verdankte. Der vermögende Graf hatte in Halle studiert, lebte aber seit 1790 in einem Zimmer im Hôtel de deux-Siciles in der Rue Richelieu Nr. 31, wo er bis zu seinem Ableben

5 Das Buch erlebte in kurzer Zeit wenigstens sechs (ungekennzeichnete) Auflagen; ausführlich hierzu zuletzt Joost / Sangmeister 2024.

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Einleitung

1824 logierte, obwohl er während der terreur in der Bastille inhaftiert und zum Tode verurteilt, dann aber zufällig doch nicht guillotiniert worden war.6 Reichardt war der prominenteste Sympathisant der Französischen Revolution an der Saale, aber er war keineswegs alleine. Während an der Universität überwiegend Professoren lehrten, die zwar dem Rationalismus zuneigten, jedoch zumeist gemäßigte Gefolgsleute der Aufklärung waren (Johann Salomo Semler, Johann August Nösselt, Ludwig Heinrich Jakob, Johann Reinhold Forster, Friedrich A ­ ugust Wolf, Johann August Eberhard u. a. m.), formierte sich in den randständigen Kreisen der prekär bezahlten Dozenten und aufbegehrenden Studenten eine fluktuierende Gruppe von deutlich radikaleren, zum Teil verrufenen Köpfen, die sich an der Hochschule nicht etablieren konnten, die aber, zumindest eine Zeit lang, in der Stadt oder in ihrer Nähe blieben. Carl Friedrich Bahrdt und Friedrich Christian Laukhard sind die namhaftesten Angehörigen dieser losen Gruppe. Neben diesen beiden bis heute bekannten Radikalaufklärern gab es an der Saale gleichzeitig weitere Zeitgenossen, die mehrheitlich fast vollkommen in Vergessenheit geraten sind, obschon sie seinerzeit namhaft und einflussreich waren, darunter der peregrinierende Magister ­Christian Wilhelm Kindleben, der als Erster die Sprache der (mittel-)deutschen Studenten erfasste und prägte, daneben der ungläubig Theologie studierende Friedrich Schulz, in der Folge der einzige deutsche Literat, der im Sommer 1789 in Paris den Ausbruch der Französischen Revolution miterlebte und ihr erster (und bester) Chronist wurde, sowie nicht zuletzt – als hintergründige Schlüsselfigur – der Verleger und Leihbibliothekar Franz Heinrich Bispink. Der frühere Franziskaner war nicht nur mit Bahrdt wie mit Laukhard befreundet, sondern ging den beiden verrufenen Männern auch bei ihrer Schriftstellerei hilfreich zur Hand, als diese zunehmend in Bedrängnis gerieten. Er besuchte Bahrdt in der Magdeburger Festungshaft, mit der dieser für sein satirisches Lustspiel über Das Religions-Edikt (1788) büßen musste, und er fungierte als Korrektor bei Bahrdts vierbändiger Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen und Schicksale. Bispink setzte Laukhards Briefe eines preußischen Augenzeugen über den Feldzug des Herzogs von Braunschweig gegen die Neufranken (1793–1795) fort, und er versuchte, den unter die Soldaten geratenen, erst gegen das revolutionäre Frankreich zu Felde gezogenen, dann übergelaufenen Musketier zu befreien vom Joch des Militärs. Bispink verfasste und übersetzte auch selbst Bücher, die er mehrheitlich vorsichtshalber nur an- oder pseudonym veröffentlichte, darunter die Philosophischen Abendstunden vom Koche des Königes von Preussen (1786), «Zur Elektrisirung fanatischer Köpfe aus dem Französischen ins Deutsche übersezt und Der Einfluss dieses kauzigen Selbstdenkers auf das deutsche Frankreichbild im späten 18., frühen 19. Jahrhundert war immens; für zahllose deutsche Intellektuelle (Achim von Arnim, Wilhelm von Humboldt, Karl August Varnhagen von Ense u. v. a. m.) war er der bevorzugte Ansprechpartner an der Seine. Siehe u. a. Kraft 1972. 6

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Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister

mit Anmerkungen versehen von einem Illuminaten in Bayern», so der absichtlich alarmierende Untertitel. Im Umkreis dieser freisinnigen Literaten bewegten sich vorübergehend Aven­tu­rier der Spätaufklärung wie Carl Georg Weiße (gen. Albus), fingerfertige Skribenten wie Friedrich Samuel Mursinna, auch Hochstapler der res publica litteraria wie Carl Grosse alias Marquis von Grosse alias Graf Edouard Romeo Vargas, der später jahrelang durch Spanien und Italien geisterte, und der Metzgersohn Franz Matthäus Grossinger alias Franz Rudolph von Grossing aus Ungarn, der als vorgeblicher Philanthrop vermögende, leichtgläubige Frauen systematisch um ihr Geld betrog. Unter den Studenten jener Jahre befanden sich so schillernde Figuren wie der spätere Radikale Christian Ludwig Paalzow, der seinen atheistischen Hierokles (1785) trotz Zensur bei Johann Jacob Gebauer in Halle drucken ließ, der spöttische Satiriker Johann Daniel Falk, der schriftstellernde Schauspieler Christoph Sigismund Grüner, der seine mageren Gagen gelegentlich mit der Produktion von Erotica aufbesserte, und der nachmals so franzosenfreundliche Publizist Friedrich Buchholz. Nicht zu vergessen: Friedrich von Coelln, der später mit seinen an Mirabeaus Histoire secrete de la cour de Berlin anknüpfenden Vertrauten Briefen über die innern Verhältnisse am Preußischen Hofe seit dem Tode Friedrichs II. (1807–1809) nebst seinen flammenrot broschierten Neuen Feuerbränden (1807–1808) die ver­ rufensten und gelesensten Enthüllungsschriften des frühen 19. Jahrhunderts vorlegte und wegen dieser publizistischen Fanale zunächst für kurze Zeit von den Franzosen, dann für längere Zeit von den Preußen inhaftiert wurde. Hier begann auch der wilde Michael Kosmeli sein Studium, der 1800 mit Die zwei und vierzig jährige Aeffin einen unerhört verwegenen Roman vorlegte, in dem erstmals in der Geschichte der deutschen Literatur eine schwarze Frau als Heroine figurierte, in dem erstmals gleichgeschlechtliche Liebe vorbehaltlos befürwortet und in dem erstmals aus den streng verbotenen Werken des verruchten Marquis de Sade zitiert wurde. Wenig später kam Ludwig Tieck hinzu, der sich an Carl Grosses vielbändigem Genius fiebrig berauschte und dann für Friedrich und Carl August Nicolai zu schriftstellern begann. An Tiecks Seite war sein Berliner Schulfreund Wilhelm Hensler, der sich nach dem Studium im Winter 1793/94 als Chausseur den französischen Revolutionstruppen anschloss, gegen die eben noch der Musketier Laukhard und sein unentwegt schriftstellernder Feldprediger August Lafontaine mit dem Hallenser Infanterieregiment von Thadden bis Valmy zu Felde gezogen waren (mit Goethe als Schlachtenbummler im Gefolge); als französischer Soldat arbeitete Hensler dann jahrelang am Journal Frankreich seines Stiefvaters Reichardt mit. In der Nachfolge von Lazarus Bendavid und Marcus Herz studierte David Veit, der Jugendfreund von Rahel Levin, Medizin in Halle7 und ging dann nach seiner

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Für die Aufgeklärtheit einiger Juden an der Saale spricht, dass der Hallenser Arzt Samuel

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Einleitung

(­Alexander von Humboldt gewidmeten) Promotion mit Abraham Mendelssohn, dem Sohn des großen Philosophen, für ein Jahr nach Paris; auch der streitbare Publizist Saul Ascher wurde später in Halle promoviert.8 Diese zumeist nicht befreundeten, aber mehrheitlich zumindest flüchtig miteinander bekannten, zum Teil phasenweise durch gemeinsame Vorhaben und Verlage verbundenen Personen machten Halle im ausgehenden 18. Jahrhundert zu einem Ort der latenten Unruhe, in dem viele Facetten der Spätaufklärung aufblitzten und immer wieder einmal Amplituden des Aufbegehrens zu Torsionen mitsamt unübersehbaren Rissen in den Grundfesten von Staat, Militär und Kirche führten. Unter den Hallenser Studenten gärte es zeitweise derart,9 dass selbst ein so besonnener Mann wie der angehende Jurist Ferdinand Beneke am 6. Juli 1793 in seinem Tagebuch notierte: «O Schade, daß wir noch keine Laternenpfähle haben! Schade überhaupt, d[a]ß von uns die Guillotinezeit noch so fern ist, wo der Unterdrückte vor dem Richterstuhl seiner Nazion klagen und sein Wehe über die verruchten Usurpateurs aller Volksgewalten rufen darf.»10 Dass die Aktionen und Konfrontationen der Studenten fallweise die örtlichen Machtstrukturen erschüttern und zu Veränderungen führen konnten, zeigte sich exemplarisch auch am 13. Dezember 1796, als maskierte Studenten aus Gaudi eine der damals beliebten Schlittenfahrten inszenierten, bei der die verkleidete Hauptfigur dem stadtbekannten Prinzen Friedrich Wilhelm von Braunschweig(-Oels), dem kommandierenden Obristen des örtlichen Regimentes von Thadden, ähnelte. Der empörte Prinz nahm den jokosen Mummenschanz persönlich, jagte mit gezogener Pistole zu Pferde dem Aufzug hinterher und hetzte dann auf dem Marktplatz seine Soldaten auf die frechen Studenten. Folge des Spektakels war nicht nur, dass einige Studenten in den Karzer gesteckt wurden, sondern auch, dass einige gewalttätige Soldaten Gassen laufen mussten und der übergriffige Prinz, der später Moses «ein echter Anhänger Voltaire’s» war, der «sein Vergnügen daran» fand, seinem Sohn «die damals viel gelesene Schrift De tribus impostoribus in die Hände zu spielen», einen atheistischen Schlüsseltext des literarischen Untergrundes (vgl. Marx 1865, Bd. 1, 1 bzw. 6). 8 Vom 29. 4. 1796 bis 1800 tummelte sich auch der nicht hochschulreife, zu Händeln neigende Friedrich Ludwig Jahn an der Saale, der zeitweise in einer Höhle in Giebichenstein hauste, gegen den seitens der Universität viermal ermittelt wurde, der in Halle die so blasphemische wie obszöne Oratio archaelogocia sacro-burschicosa pro gradu Doctoris Quomodonis verfasste und dann verschuldet das Weite suchen musste. Er war als Unitist in Halle, Leipzig und Frankfurt an der Oder aktiv; später machte er sich als Antisemit, deutschtümelnder ‹Turnvater› und grimmiger ‹Franzosenfresser› einen zweifelhaften Namen. Nach Kotzebues Ermordung wurde er im Zuge der «Demagogenverfolgung» in Preußen für mehr als fünf Jahre inhaftiert, obschon sich E. T. A. Hoffmann ex officio für seine Freilassung aussprach. 9 Vgl. die Halle betreffenden Kapitel in der grundlegenden Arbeit von Kuhn / Schweigard 2005. 10 Beneke 2012, Bd. 1, 63.

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Elisabeth Décultot, Martin Mulsow, Dirk Sangmeister

als Freischärler mit einer «schwarzen Schaar» auf eigene Kosten gegen Napoleon zu Felde zog, nach Prenzlau (straf-)versetzt wurde.11 1794 hatte sich auch ein Teil der Professorenschaft radikalisiert und politisiert. Hatte schon Eberhards Neue Apologie des Sokrates von 1772 durch ihre subversiven Implikationen großen Anklang unter Radikalen gefunden, so ging der Kantianer Ludwig Heinrich Jakob so weit, dass er anonym einen Antimachiavel, oder über die Grenzen des bürgerlichen Gehorsams erscheinen ließ, in dem er ein Widerstandsrecht gegenüber dem Staat forderte, und er verließ die Philosophie, um sich der politischen Ökonomie zuzuwenden. Die Nähe zum Philanthropin in Dessau, wo man weder auf Konfession noch auf Stand achtete, führte weitere Freigeister an die Saale. Carl Spazier, der als Knabe kurzzeitig zur Entourage des vergnügungssüchtigen Prinzen Heinrich in Rheinsberg gehört, dann in Halle Theologie studiert hatte, arbeitete zeitweise als Lehrer in Dessau, aber auch in Neuwied, einem höchst bedeutsamen Knotenpunkt beim französisch-deutschen Transfer von Texten und Ideen, dazu eine Hochburg der Illuminaten, und trat dann in der Folge in Halle der «Deutschen Union» von Carl Friedrich Bahrdt bei. Ein radikalisierter junger Dessauer Lehrer wie Johann Christian Schmohl wechselte 1779 von Dessau als Jurastudent an die Universität Halle, von wo aus er Schmähschriften verfasste und eine Sammlung von Aufsätzen (1781) zusammenstellte, die in Anhalt-Zerbst «öffentlich durch des Henkers Hand verbrannt» wurde, «nachdem sie vorher schon confiscirt, und bey 40 Rthlr. Strafe zu lesen verboten» worden war. Schmohl wurde seitens der Zerbster Regierung «auf Hochverrath und Aufruhrsucht angeklagt» und sollte ausgeliefert werden,12 weswegen er es vorzog, mit tatkräftiger Hilfe von Johann Friedrich Reichardt unter falschem Namen über Berlin zu Johann Georg Hamann nach Königsberg zu fliehen, wo er sich nach Amsterdam einschiffte. 1782 brach er dann auf in das verheißungsvolle Land der Freiheit, nach Amerika, verschwand auf dem Weg dorthin aber im Bermuda­ dreieck. Ähnlich weltumspannende Pläne hegte Bahrdt, der im Jahr darauf per Brief George Washington seine Dienste mitsamt Gefolgsleuten anbot.13

Vgl. die Rekapitulation des Vorfalls bei Laukhard 1987, T. 4/2, 331–332. Laukhard kommentiert die Versetzung wie folgt: «Seit dieser Zeit ist die Ruhe zwischen den Studenten und dem Militär wieder völlig hergestellt, welche zu des Prinzen Zeit ganz dahin war […].» 12 Meldung aus «Zerbst» in der Buchhändlerzeitung 40. St., 11. 10. 1781, 631–632. – Ausführlich mit Schmohl (nebst Andreas Riem und Karl von Knoblauch) beschäftigt sich Lässig 2020. 13 Am 12. 3. 1783 schrieb Bahrdt an Washington, dass er – obschon er (angeblich) «auf einer blühenden Universität […] jährlich ohngefehr 1000 rth» verdiene – bereit (sprich: interessiert) wäre, zusammen mit einem Arzt oder Juristen sowie in Begleitung von einigen jungen Lehrern, Künstlern und Handwerkern im März 1784 nach Amerika zu emigrieren. Autograph in der Historical Society of Pennsylvania, Philadelphia, Gratz Collection, Case 11, Box 29. 11

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Einleitung

Die preußische Landesregierung in Berlin und die Friedrichs-Universität, fallweise in Abstimmung mit dem Magistrat der Stadt Halle, versuchten wiederholt, die unruhigen Köpfe und Nonkonformisten an der Saale zu disziplinieren, indem sie über die Stränge schlagende, widerspenstige Studenten relegierten, indem sie den Magister Kindleben zur unerwünschten Person erklärten und dauerhaft aus der Stadt verwiesen, auch, indem sie Leute wie Bahrdt und Laukhard, deren Schriften teils von vornherein unterdrückt, teils im Nachhinein verboten wurden, erfolgreich ausgrenzten, obwohl dieselben zeitweise zum Lehrpersonal der Universität zählten und eben wegen ihres losen Mundwerks Beifall bei den Studenten fanden; noch als Gastwirt auf seinem Weinberg in Nietleben bei Halle soll der nur zu gern bramarbasierende Bahrdt mehr Zuhörer gehabt haben als die meisten ­seiner früheren Kollegen in ihren Hörsälen. Dass das subversive Potenzial an der Saale groß war, wird besonders manifest durch die Tatsache, dass Halle der Wurzelgrund der wichtigsten semi-arkanen Studentenorden des ausgehenden 18. Jahrhunderts gewesen ist: Hier wurden 1774 der clandestine Unitisten-Orden und 1777 der gleichfalls im Verborgenen wirkende Constantisten-Orden gegründet, auch die geheimbündlerischen Amicisten (darun­ter Friedrich Heinrich Diez und Ludwig August Unzer) waren hier traditionell stark vertreten. Die verschwiegenen Ordensbrüder hatten ihre eigenen Gesetze und ihre eigene Agenda, sie duellierten sich heimlich, sie benutzten geheime Erkennungszeichen und Chiffren für heikle Mitteilungen in Briefen und Stammbüchern, und ihr untergründiges Treiben ließ sich selbst durch gezielt geförderte Denunziationen nicht so leicht durchkreuzen,14 zumal es an der Saale die besondere Konstellation gab, dass die Studenten traditionell verbündet waren mit dem auffälligen Völkchen der Halloren, die ihnen bei Auseinandersetzungen beistanden und notfalls Zuflucht gewährten.15 Da die Universität immer wieder undisziplinierte Studenten vorübergehend arretierte, im Extremfall relegierte, verfiel der örtliche Kleinverleger Friedrich Christian Dreyßig auf die beispiellose Idee, «ein Wochenblatt vom Hallischen Carcer» herauszugeben, um Berichte wie Gerüchte über Duelle, Gelage und Skandale aus dem universitären Milieu, die zur Festsetzung der Studenten ­geführt hatten, gewinnbringend zu verbreiten.16 Vgl. Zaunstöck 2010. Müller 1795, Bd. 2, 147–148: «So oft die Musensöhne mit irgend einem andern Stande in Kollision kommen, stehn die Halloren jedesmal auf ihrer Seite. Die Ergebenheit und Zuneigung, mit der sie an ihren studierenden Schwägern hangen, ist sehr gross. Ihre Salzhütten sind ein Asyl für Studenten, die aus irgend einer Ursache flüchtig werden müssen; der ist so gut als gerettet, der einmal unter ihrer schützenden Hand ist.» 16 Laut Laukhard 1987, T. 2, 499, erschienen von dem Periodikum nur drei Stücke, von denen keines die Zeitläufte überdauert zu haben scheint, wenigstens nicht in den Bibliotheken. 14 15

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Licht in das Dunkel der Orden wollten wohl nicht alle Hochschullehrer bringen, denn einige der Hallenser Professoren hatten als Studenten selbst diesem oder jenem Zirkel angehört. Der renommierte Mediziner Johann Christian Reil wirkte lebenslang in verborgenen Verbindungen, erst als Hallenser Student im Unitisten-Orden, später als Professor in der örtlichen Freimaurerloge «Zu den drei Degen»; der Chemiker Friedrich Albrecht Carl Gren und der Jurist Carl Christoph ­Dabelow waren gleichfalls erst in jungen Jahren Unitisten, in späteren Jahren Maurer in Halle.17 Diese drei vor allem an der Saale, in Halle und in Jena, verwurzelten Orden der Unitisten, Constantisten und Amicisten waren die Verbindungen, die sich am stärksten im Alten Reich verbreiteten, die wegen ihrer undurchsichtigen Strukturen den Obrigkeiten höchst suspekt waren und die dann infolge ihrer partiellen Politisierung im Zeitalter der Französischen Revolution fast überall verfolgt, zerschlagen und verboten wurden. Vermehrt und verstärkt wurde das in Halle endemische Geheimbundwesen18 durch den 1784 an der Saale gegründeten, betrügerischen «Rosenorden» von Franz Matthäus Grossinger, dessen spiegelfechterisches Journal Flora zeitweise von dem jungen Kantianer Ludwig Heinrich Jakob redigiert wurde, vor allem aber durch die sich ab 1786 formierende, groß angelegte subversive «Deutsche Union» von Carl Friedrich Bahrdt, in der die Hallenser Privatdozenten Rudolph Gotthold Rath und August Gottlieb Weber führende Positionen innehatten und der mit dem Kantianer Johann Heinrich Tieftrunk auch ein ordentlicher Professor angehörte. Nimmt man die zahlreichen Mitglieder der örtlichen Freimaurerloge «Zu den drei Degen» (darunter bemerkenswert viele Verlagsbuchhändler und Drucker) hinzu,19 Siehe S., Geheimbünde, 1898, 401. – Gren wurde wiederholt beschuldigt, dass er noch nach der Promotion heimliche Zusammenkünfte des Unitisten-Ordens in seiner Wohnung organisiert hätte, siehe Zaunstöck 2010, 220–221 u. 301, Anm. 65. 18 Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet der damals verrufenste Geheimbund, der bis heute legendäre Illuminatenorden, der in Halle überraschenderweise kaum Mitglieder hatte und demzufolge hier auch keine Präfektur unterhielt. Ob Carl Friedrich Bahrdt, dessen etwas später gegründete «Deutsche Union» in indirekter Konkurrenz zum Illuminatenorden stand, eine Niederlassung hintertrieb, oder ob andere Faktoren hinderlich waren, muss der Fortgang der Grundlagenforschung erweisen. Geschichte, Mitglieder und Korrespondenz des subversiven Illuminatenordens sind von Hermann Schüttler, Monika Neugebauer-Wölk, Martin Mulsow, Markus Meumann, Olaf Simons, Reinhard Markner et al. Schritt für Schritt erforscht worden, erst lange Zeit am IZEA in Halle, seit 2018 am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt. Siehe zusammenfassend jetzt Mulsow / Meumann / Simons 2026. 19 Im Jahre 1791 zählte allein die Freimaurerloge «Zu den drei Degen» 155 ‹Brüder›, vgl. Gerlach 2007, 365. Selbst unter den dienenden Brüdern finden sich interessante Figuren: «Traiteur» und «Cafetier» der Loge war der Hallenser Drucker und Kleinverleger Johann Friedrich Dost, bei dem u. a. Bahrdts Wochenschrift Briefe über die Bibel im Volkston und das Akademische Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen für Studirende erschien; der Wirt war Johann Karl Pinckow, im Hauptberuf Faktor beim Buchdrucker und Verleger Friedrich Daniel Franke, der zeitweise eine 17

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Einleitung

erkennt man, dass es in Halle im ausgehenden 18. Jahrhundert beständig eine fluktuierende Gruppe von vielleicht 200 Personen, mehrheitlich Akademiker, gegeben hat, die grundsätzlich im Verborgenen wirkten,20 die sich überwiegend den Zielen der (Spät-)Aufklärung verschrieben hatten, von denen viele mit Begeisterung der Amerikanischen und anfänglich auch der Französischen Revolution anhingen, die in ihren Zirkeln nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit strebten, und die nicht nur lokal und regional, sondern auch national, z. T. international vernetzt waren.

2. Bei allen Veröffentlichungen aus Reihen des Interdisziplinären Zentrums zur Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) geht das Bestreben stets dahin, die Literaten und Gelehrten, die im Zeitalter der Aufklärung in Halle gelebt, studiert, geschrieben, gewirkt und interagiert haben, in Beziehung zu setzen sowohl zum Geflecht in «Mitteldeutschland» (Günter Mühlpfordt), insbesondere in ­Leipzig, der benachbarten Hauptstadt des deutschen Buchhandels, wie zu den Netzwerken in den übrigen Staaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, aber auch im europäischen Ausland, und hier vor allem in Frankreich. Jemand wie der Komponist, Publizist und Schriftsteller Johann Friedrich Reichardt wählte, nachdem er wegen seiner Sympathien für die Französische Revolution als königlicher Kapellmeister in Berlin entlassen worden war, für den Rest seines Lebens Halle als Hauptwohnsitz, reiste aber immer wieder von der Saale an die Seine und pflegte zudem seine freundschaftlichen wie familiären Kontakte nach Hamburg, wo viele freisinnige Bürger (aus den bekannt liberalen Kreisen um gemeinsame Firma mit Bispink betrieb; dazu kam Johann Christian Pinckow, der Packmeister auf der Post war und nebenbei als Briefträger die Korrespondenz der Loge besorgte, siehe ebd., 432. Man kann sich vorstellen, wie derartige Konstellationen auch untergründige Kommunikation und Ideenzirkulation begünstigten. 20 In den halböffentlichen Zirkeln, den privaten Clubs sowie den semi-arkanen Ordens- und Freimaurerverbindungen, aber auch in den Kneipen (vor allem außerhalb der Stadtmauer) wurde gekanngießert, raisonniert und diskutiert, mitunter auch agitiert und konspiriert. Es ist bezeichnend, dass Johann Müller, der Wirt des Gasthauses «Schiffgen» in den Pulverweiden (einer kleinen Insel des Vergnügens und der Redefreiheit in der Saale), bei dem in den 1780er Jahren viele Studenten verkehrten, den (Spitz-)Namen «Philosoph» trug, siehe Laukhard 1987, T. 2, 233. Eben dort, in den Pulverweiden, soll angeblich im Sommer 1792 seitens einer Gruppe von Studenten im Schutz der Dunkelheit der Plan beredet worden sein, den Minister Johann Christian von Wöllner, den geistigen Urheber des Religionssediktes und führenden Rosenkreuzer, nebst seinem Palladin Hermes zu vergiften – das wenigstens behauptete ein Denunziant, der Student Johann Ludwig Koch; dahinter stünden Leute aus einem geheimen Bunde, die «eine Art von Dämokratie» anstrebten; siehe Kuhn / Schweigard 2005, 289–294. Ob Kochs Denunziation begründet oder bloß Angeberei war, konnte weder damals noch späterhin verbindlich geklärt werden, aber vielsagend für die damalige Lage in Halle ist, dass sie plausibel klang und deshalb an der Saale wie an der Spree ernsthaft untersucht wurde.

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die Familien Voght, Sieveking, Reimarus, Poel, Chaufepié et al.) anfänglich mit der Französischen Revolution sympathisierten, zugleich aber auch traditionell enge Verbindungen nach England bestanden. Ein Resultat von Reichardts wiederholten Reisen war das bestechend klarsichtige, bemerkenswert kritische Buch über Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate, das zu einem großen Teil auf Schlabrendorfs Beobachtungen beruhte, zu einem kleinen Teil aber auch auf Informationen von Reichardts Stiefsohn Wilhelm, der sich als Offizier in der französischen Armee mit Familiennamen «Richard» nannte. Das mit nichtssagendem Impressum in Hamburg verlegte, anonyme Werk über Bonaparte schlug laut Carl August Böttiger Anfang 1804 in Deutschland «wie eine Bombe» ein,21 wurde sogleich ins Englische übersetzt und erschien dann nicht nur in London, sondern auch in New York. Reichardt ist in der Forschung beileibe kein Unbekannter, doch wurde er bislang vornehmlich als Komponist gewürdigt, weil er zahlreiche Gedichte, Lieder und Singspiele Goethes vertont hat – bis er wegen seiner politischen Positionierung nicht nur in Berlin, sondern auch in Weimar anhaltend in Verruf geriet. Goethe und Schiller verfassten innerhalb weniger Wochen fünf Dutzend Xenien, die auf Reichardt gemünzt sind – so viele Stachelverse wie auf niemanden sonst; noch nicht einmal der von den Klassikern verachtete, dabei global erfolgreiche Dramatiker August von Kotzebue wurde mit so vielen bösen Worten bedacht. Wer von den beiden Dioskuren der deutschen Klassik so beredt angeprangert wurde wie Reichardt, der hat bis heute einen schweren Stand in der traditionell goethezentrierten Germanistik. Über den Kapellmeister Reichardt gibt es seitens der Musikwissenschaft aller­ hand substanzielle Veröffentlichungen (von Walter Salmen u. a. m.),22 aber über den Literaten und Publizisten Reichardt gibt es bis heute nur eine einzige grundlegende Monografie, und zwar eine zweibändige Dissertation, mit der Günter Hartung 1964 in Halle promoviert worden ist,23 die aber in der Folge nie publiziert wurde und demzufolge ‹im Westen› bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist. Hartungs Doktorarbeit führt zu einem Punkt, der auch in den Überlegungen im Vorfeld der diesem Band zugrundeliegenden Tagung 2024 eine Rolle gespielt hat,24 dass nämlich seitens der ostdeutschen Literaturwissenschaft und

21 So Carl August Böttiger in einem Brief an den Schweizer Historiker Johannes von Müller vom 8. 3. 1804; Stadtbibliothek Schaffhausen, Msc. Müll. 183; normierter Druck bei MaurerConstant 1839, 389. – Schon 1801 hatte Laukhard in Halle eine kritische Schrift über Bonaparte und Cromwell verfasst, die ursächlich dafür war, dass die Franzosen ihn jahrelang (1811–1814) in Vilvoorde bei Brüssel inhaftierten. 22 Siehe das Literaturverzeichnis zum Beitrag von Anett Lütteken in diesem Band (291–294). 23 Hartung 1964. 24 Zur Konferenz, die vom 23. bis 24. 5. 2024 im Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung in Halle stattfand, siehe Weiser 2025.

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