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BASLER BEITRÄGE ZUR GESCHICHTSWISSENSCHAFT 192

BASLER BEITRÄGE ZUR GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Selina Bentsch studierte Geschichte und Englisch in Basel. Sie koordiniert die Digitalisierung historischer Bestände an der Universitätsbibliothek Basel. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im deutschsprachigen Raum des 18. und 19. Jahrhunderts; sie interessiert sich für Selbstzeugnis- und Altersforschung sowie Geschlechter-, Wissens- und Medizingeschichte.

www.schwabe.ch

SELINA BENTSCH

192

Von 1795 bis 1839, über 44 Jahre, füllte Anna Maria Preiswerk-Iselin 32 Tagebuchhefte. Diese gewähren bedeutende Einblicke in das Leben einer gebildeten und gutsituierten Basler Bürgerin in turbulenten Zeiten, von der französischen Revolution bis zur Basler Kantonstrennung. Preiswerk-Iselin nutzte ihr weitreichendes soziales Netzwerk insbesondere für die Verbesserung weiblicher Bildung. Das Buch zeigt an ihrem Beispiel die Verflechtungen von Stand, Geschlecht und Alter und geht der Frage nach, wie Frauen in Basel ihr eigenes Alter(n) erlebten, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert waren und mit welchen Strategien sie ihre Handlungsräume bewahrten oder neu erschlossen. Gesundheit, Krankheit und Verlusterfahrungen spielten dabei ebenso eine Rolle wie ein festes Gottvertrauen und Geselligkeitspraktiken des Basler Bürgertums.

ALTER(N) AUS WEIBLICHER SICHT

ALTER(N) AUS WEIBLICHER SICHT

SELINA BENTSCH

ALTER(N) AUS WEIBLICHER SICHT Wahrnehmung und Bewältigung von Alterungsprozessen in den Tagebüchern der Anna Maria Preiswerk-Iselin (1758–1840)


Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft

Begründet von E. Bonjour, W. Kaegi, F. Staehelin Weitergeführt von S. Burghartz, F. Graus, K. v. Greyerz, H. R. Guggisberg, H. Haumann, G. Kreis, H. Lüthy, M. Mattmüller, W. Meyer, J. Mooser, A. v. Müller, C. Opitz-Belakhal, M. Schaffner und R. Wecker Herausgegeben von N. Amsler, C. Arni, L. Burkart, M. Lengwiler, L. Rischbieter, J. Rüdiger, F. B. Schenk und J. Tischler

Band 192


Selina Bentsch

Alter(n) aus weiblicher Sicht Wahrnehmung und Bewältigung von Alterungsprozessen in den Tagebüchern der Anna Maria Preiswerk-Iselin (1758–1840)

Schwabe Verlag


Diese Publikation wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt.

Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der Creative-CommonsLizenz Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Jede kommerzielle Verwertung durch andere bedarf der vorherigen Einwilligung des Verlages. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Selina Bentsch, veröffentlicht durch Schwabe Verlag Basel, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Abbildung Umschlag: Ansicht des Barfüsserplatzes gegen Süden. Maximilian Neustück, Basel 1820. © Historisches Museum Basel, Peter Portner, Inv. 2004.197. Korrektorat: Thomas Lüttenberg, München Gestaltungskonzept: icona basel gmbh, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, Stroh Designagentur, Oldenburg Satz: rdz IMA GmbH, Bonn Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5607-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5608-1 DOI 10.24894/978-3-7965-5608-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Für Jürgen, Andrea und Kevin


Inhalt

Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

13

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

17

Alter(n) – Ein aktuelles Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

17

Forschungssituation – Alter und Altersdefinitionen . . . . . . . . . . . . . . .

19

Fragestellung, Quellen und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

28

Aufbau und Struktur der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

38

TEIL I «Ihr lieben Blätter!» – SCHREIBEN UND BIOGRAFIE 1 Selbstzeugnisforschung und weibliches Schreiben . . . . . . . . . . . .

1.1

45

Tagebücher als spezifische Form des Selbstzeugnisses – Entwicklung und besondere Bedeutung im 18. Jahrhundert . . . .

45

Das Tagebuchführen der Anna Maria Preiswerk-Iselin – Vorbilder und Schreibpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

53

Reflexionen über das Schreiben – Die Bedeutung des Tagebuchs für Preiswerk-Iselin als schreibende Frau . . . . . .

65

Über das Lesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

73

2 Materielle Dimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

77

2.1

Die Tagebücher – Papier, Tinte, Überlieferung . . . . . . . . . . . . . .

77

2.2

Erinnerungsstücke – Schriftstücke, Haare, Porträts und Objekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

86

1.2 1.3 1.4


8

Inhalt

3 Anna Maria Preiswerk-Iselin (1758–1840): Basler Geschichte – Familiengeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

3.1

3.2

Das Leben in Basel um 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.1 Krisenjahre: Von der Helvetischen Republik über die Kantonstrennung bis zur Verfassung . . . . . . . . . . . . . . 3.1.2 Das fromme Basel: Pietismus und Herrnhuter Brüdergemeinde . . . . . . . . . . . . 3.1.3 Das Basler Grossbürgertum: Verbindungen zu Politik und Handel . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.4 Familienverhältnisse im Basler Grossbürgertum: Hochzeitswesen, Eheleben und Scheidungen . . . . . . . . . . . Familiengeschichte und Biografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Familiärer Hintergrund: Eltern- und Geschwisterverhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2 Anna Maria und Niklaus Preiswerk-Iselin . . . . . . . . . . . . . 3.2.3 Die Nachkommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

102 102 108 112 118 126 126 135 144

TEIL II «Das Wirken des Weibes» – ALTERN IN EINER PROTESTANTISCHEN STADTGESELLSCHAFT 4 Kommunikation und Geselligkeit im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157

4.1

Besuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158

4.2

Reisetätigkeit und pädagogische Netzwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . 165

4.3

Briefkorrespondenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175

4.4

Gesteigerte Schreibtätigkeit – Ein Zeichen von Einsamkeit? . . . 184

5 Altersrollen und -projekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191

5.1

Die Grossmutter, die Matrone, die Wohltätige . . . . . . . . . . . . . . . 191

5.2

Späte Bautätigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

5.3

Weibliche Bildung und das Altersprojekt einer Mädchenschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209


Inhalt

6 Politische Kritik, Konfliktsituationen und eigene Betroffenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223

6.1

Preiswerk-Iselins Sicht auf die Helvetische Republik und deren Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224

6.2

Preiswerk-Iselins Sicht auf die Kantonstrennung 1833 . . . . . . . . 229

7 Der alternde (weibliche) Körper: Gesundheit, Krankheit und Gebrechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237

7.1

Körperwahrnehmung: gesellschaftliche Körper- und Emotionsdiskurse . . . . . . . . . . . . . 238

7.2

Körperbilder: (Re‐)Produktion von Altersbildern . . . . . . . . . . . . 248

7.3

Altersgebrechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254

7.4

Der gesunde und der kranke Körper: geschlechts- und altersspezifische Behandlungen . . . . . . . . . . . . . 266

7.5

Basel um 1800: (Laien‐)Medizinische Praxis und Anlaufstellen . . . . . . . . . . . . . . 277

TEIL III «Voll festem Vertrauen auf Gott» – GLAUBE, TRAUER UND TOD 8 Religiöses Schreiben: (Leid­)Erfahrung, Schmerz und Trauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285

8.1

Religiöses Schreiben – Strategien des Trauerns und der Schmerzbewältigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286

8.2

Frömmigkeitspraxis – Abendmahl, Predigten und religiöse Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300

8.3

Klagepraktiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310

8.4

Gedanken über den Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318

8.5

Entwicklung einer Idealvorstellung vom eigenen Sterben . . . . . . 325

9


10

Inhalt

9 Sterben und Tod: Preiswerk-Iselin im Basler Kontext . . . . . . . . . 337

9.1

Testamente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342

9.2

Von Friedhöfen, Kirchhöfen und Gottesäckern – Bestattungspraxis in Basel um 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351

9.3

Exkurs: Suizid in Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364

9.4

Die Leichenpredigt Anna Maria Preiswerk-Iselins in der Basler Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373

Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401

Transkription . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401 Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 402 Anhang Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405

Archivquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405 Gedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411

Monografien und Aufsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411 Lexikonartikel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430 Digitale Nachschlagewerke und Webseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 Unveröffentlichtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435

Tabellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436


Inhalt

Weiteres Bildmaterial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 438 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441

11


Danksagung

Die Fertigstellung dieses Werks und das Ergebnis meiner Arbeit der letzten Jahre in physischer Form zwischen zwei Buchdeckeln in den Händen zu halten, erscheint mir immer noch unwirklich. Auf dieser Reise begleiteten mich viele Weggefährt*innen, denen ich aufrichtig und von Herzen für die gemeinsamen Diskussionen, Anregungen und ihre Geduld mit mir danken möchte. Allen voran gilt dabei mein Dank Claudia Opitz-Belakhal, die mir diese Arbeit erst möglich gemacht und mich als Doktormutter auch in schwierigen Phasen meines Vorhabens bestärkt und mit kritischen Anmerkungen vorangebracht hat. Bereits in gemeinsamen Lehrveranstaltungen und dem Projekt zur Dame aus der Barfüsserkirche habe ich ihre Betreuung und unsere Zusammenarbeit sehr zu schätzen gelernt. Ihre forscherische Begeisterung, ihr Engagement für ihre Mitarbeitenden und nicht zuletzt ihre aufgeschlossene und zugleich bestimmte Art haben mich besonders beeindruckt und motiviert. Weiter danke ich meiner Zweitbetreuerin Susanna Burghartz, die mich vor allem mit ihren zahlreichen Arbeiten zu Basel und ihrem Flair für digitale Medien in der Geschichtswissenschaft inspirierte. Ausserdem danke ich sehr Esther Baur-Sarasin vom Staatsarchiv Basel-Stadt für die Erlaubnis, ihre Transkriptionen der Tagebücher der Anna Maria Preiswerk-Iselin verwenden zu dürfen. Finanziell wurde unser zweiteiliges Projekt, bestehend aus meiner Dissertation und der digitalen Edition der Tagebücher, durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) möglich gemacht. Ausserdem durch das Departement Geschichte und Claudia Opitz-Belakhal, die im letzten Jahr ihr Vertrauen in mich als Assistentin gesetzt hat. In diesem Zusammenhang danke ich auch den Mitarbeitenden der Firma KleioLab GmbH, auf deren Plattform wir die Tagebücher veröffentlichen konnten und die uns mit Anregungen zur digitalen Edition versorgten. Unterstützung erhielt ich auch von der Basel Graduate School of History (BGSH), die nicht nur einen regen


14

Danksagung

Austausch unter den Doktorierenden fördert, sondern auch einige Reproduktionskosten für die hier verwendeten Bilder übernommen hat. Des Weiteren leisteten meine Kolleg*innen und Freund*innen mit kritischen Kommentaren und wertvollen Hinweisen einen unersetzbaren Beitrag. Darunter Maren Wellauer (die schon in unserem Studium viele meiner Texte gründlich prüfte), Anna Cristina Münch (die stets meine Anrufe entgegennahm), Tobias Oswald (der sich trotz intensiver Arbeit an seiner eigenen Forschung Zeit genommen hat) und nicht zuletzt Andreas Berger (der meine Arbeit nicht nur durch seine Kenntnis der Tagebücher, sondern auch durch Anmerkungen zu Religiosität und Leser*innenführung bereicherte). Ebenso erhellend war der stete Austausch mit meinen Kolleg*innen des Lehrstuhls und des Departements Geschichte der Universität Basel. Eine wertvolle Bereicherung waren auch die verschiedenen Tagungen und Kolloquien, an denen ich viele geschätzte Kolleg*innen kennenlernen durfte. Selbst als Neuling in der akademischen Welt begegneten sie mir stets auf Augenhöhe, was ich immer sehr zu schätzen wusste. Hervorheben möchte ich zwei Veranstaltungen zum Pietismus, jeweils mitgeleitet von Ulrike Gleixner, durch die ich ein neues und geschärftes Verständnis für pietistische Lebensweisen entwickeln konnte. Ausserdem eine Einladung zur Tagung des Arbeitskreises Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit zum Thema Körper, bei der zentrale Fragen und Ansätze zur Körpergeschichte aufgeworfen wurden. Nicht vergessen darf ich bei meiner Danksagung das Staatsarchiv Basel-Stadt und insbesondere die Mitarbeitenden des Lesesaals und der Bildersammlung, die mir Zugang zu den Originalen der Tagebücher und zahlreichen weiteren Quellen um Anna Maria Preiswerk-Iselin ermöglichten und meine verschiedenen Reproduktionswünsche erfüllten. Vom Historischen Museum Basel möchte ich besonders Margret Ribbert, Sabine Söll-Tauchert und Daniel Suter danken, die mir aufgeschlossen begegnet sind und stets alle meine Fragen beantwortet haben. Ausserdem wiesen sie mich auf ein Porträt Preiswerk-Iselins hin, das ich mir persönlich ansehen durfte und von welchem mir freundlicherweise eine Reproduktion zur Verfügung gestellt wurde. Ebenso danke ich Stefan Krauss aus der Universitätsbibliothek Basel (UBH) für seine Beratung und Hilfe mit den Bildern aus dem UBHBestand.


Danksagung

Schliesslich und endlich wäre es ohne die Unterstützung meiner Familie und meiner Freund*innen wohl nie zur Fertigstellung dieser Dissertation gekommen. Mit Geduld und Umsicht haben sie mich immer wieder aufgebaut, meinen ungeordneten Ausführungen gelauscht, Launen ertragen und verpasste Verabredungen erduldet (Julia, hier muss ich dich namentlich erwähnen) und waren auch dann verständnisvoll, wenn meine Gedanken manchmal allzu sehr vom Schreiben einer Dame aus längst vergangenen Zeiten beherrscht waren. Daher widme ich diese Arbeit besonders meinen Eltern Jürgen und Andrea und meinem Partner Kevin, für ihren uneingeschränkten Rückhalt, ihre aufbauenden Worte und das feste Vertrauen in mich. Ein spezieller Dank gilt meinem Vater, der im Gegensatz zu mir nie an der Vollendung dieses Manuskripts gezweifelt und damit letztlich rechtbehalten hat – auch wenn er das Ergebnis nicht mehr miterleben kann.

15


Einleitung

Alter(n) – Ein aktuelles Thema Das Thema Alter ist aktueller denn je, da die Menschen im westlichen und nördlichen Europa stetig an Lebensspanne gewinnen.1 Die Lebenserwartung steigt und ein grösserer Anteil der Bevölkerung erreicht ein hohes Alter. Die zunehmende Zahl älterer Menschen in der Gesellschaft hat zur Folge, dass etablierte Vorstellungen von Altersgrenzen immer wieder neu verhandelt werden müssen. Im Jahr 2022 verzeichnete die Schweiz eine Gesamtbevölkerung von mehr als 8.8 Millionen Einwohner*innen. Davon zählten fast 1.7 Millionen Personen zu den über 65-Jährigen und etwa 88.000 Personen zu den über 90-Jährigen. Damit befanden sich in dieser Statistik über 19 % der Bewohner*innen der Schweiz im Rentenalter und über 5 % waren über 90 Jahre alt. Nach Geschlecht getrennt zählten im Jahr 2022 gut 760.000 Männer und fast 930.000 Frauen zu den über 65-Jährigen. Bei den über 90Jährigen waren es noch etwa 26.800 Männer und etwa 61.500 Frauen.2 Be-

Die Situation ausserhalb der Schweiz und des umliegenden West- und Zentraleuropa ist zum Teil sicherlich eine andere. Reflektiert sei hier auch die Unterscheidung von Lebenserwartung und Lebensspanne, die Arthur Erwin Imhof in Erinnerung ruft. Dabei habe sich die natürliche Lebenserwartung seit der Frühen Neuzeit nicht signifikant verändert, ganz im Gegensatz zur tatsächlich erlebten Lebensspanne, die beispielsweise durch Kriege, Katastrophen und Krankheiten beeinflusst wird. Vgl. Imhof, Arthur Erwin: Die gewonnenen Jahre. Von der Zunahme unserer Lebensspanne seit drei Jahrhunderten oder von der Notwendigkeit einer neuen Einstellung zu Leben und Sterben. München 1981, S. 79. 2 Die Zahlen stammen vom Bundesamt für Statistik (kurz BfS): Ständige Wohnbevölkerung nach Geschlecht und Altersklasse, definitive Jahresergebnisse, 2015–2022, publiziert am 24. 08. 2023. Getrennt wird dabei vom BfS nach ‹Mann› und ‹Frau›, also ver1


18

Einleitung

merkenswert ist hier das Geschlechterverhältnis bei den über 90-jährigen Personen, das mit fast 70 % ein deutliches Übergewicht an Frauen aufwies. Somit sind heutzutage auch hohe, geradezu «biblische» Sterbealter möglich, die etwa in der Frühen Neuzeit zwar in bildlichen Darstellungen vorkommen, faktisch aber nie erreicht wurden. Ursachen dafür liegen sicherlich im medizinischen Fortschritt allgemein, aber auch in der Einrichtung und Verbesserung der Altersversorgung und der Einführung des Rentenalters.3 Obwohl die Menschen also immer älter werden können, ist das Alter(n) dennoch ein Thema, über das in der heutigen Gesellschaft nicht gerne gesprochen wird. Vielmehr wird es, genauso wie die Betroffenen – die Alten – selbst an den Rand gedrängt, wenn es auch nicht in gleichem Masse tabuisiert ist wie das Reden über Sterben und Tod. Dabei ist das Thema Alter(n) aktueller denn je und drängt zunehmend in das Bewusstsein und das Interesse der Öffentlichkeit. So fanden in der Schweiz in den letzten Jahren zwei Ausstellungen zum Thema des hohen Lebensalters statt: Im Jahr 2021 entwickelte die Fachstelle Alter und Familie im Kanton Aargau mit jungen und alten Menschen eine Wanderausstellung, die das Publikum dazu ermutigt, über das Alter(n) nachzudenken. 2022 konnte man ausserdem in Bern eine Ausstellung mit diversen Veranstaltungen rund um heutige Altersbilder, Medizin und Jugendwahn besuchen.4 Auch die Neue Zürcher Zeitung hat 2021 eine Beitragsserie lanciert, in der «die grossen Fragen des Alterns» diskutiert werden sollen.5 Das Alter(n) scheint sich als Thema in der Gesellschaft zu etablieren und das nicht mehr länger nur als ein soziales Problem, sondern auch als Phase der Begegnung und Selbstbestimmtheit. Die vorliegende Arbeit greift damit eine derzeit gesellschaftspolitisch wie auch wissenschaftlich höchst aktuelle Fragestellung auf, nämlich die

mutlich nach dem im Pass angegebenen Geschlecht. Das reguläre Rentenalter in der Schweiz lag im Jahr 2022 für Frauen bei 64 und für Männer bei 65 Jahren. 3 In der Schweiz wurde im 20. Jahrhundert eine Altersversorgung in Form einer Sozialversicherung (Pensionskasse, AHV, IV) geschaffen. Vgl. Dubler, Anne-Marie: Renten, in: HLS, 23. 12. 2011. 4 Zur Wanderausstellung im Aargau: Fachstelle Alter und Familie des Kantons Aargau: «Alt? Bilder und Gedanken zum Alter», 2021. Zur Ausstellung in Bern: Berner Generationenhaus: «forever young. Willkommen im langen Leben», 2022. 5 Neue Zürcher Zeitung: «Zweite Halbzeit – Wie wir gut alt werden», 2021.


Forschungssituation – Alter und Altersdefinitionen

der Wahrnehmung und Bewältigung von Alterungsprozessen. Der Fokus liegt hier insbesondere auf dem Alter(n) aus weiblicher Sicht und in einem ganz spezifischen sozialen Kontext, nämlich dem der Basler Oberschicht um 1800. Beispielhaft wird hierfür die Tagebuchschreiberin Anna Maria Preiswerk-Iselin (1758–1840) betrachtet. Wie ich im Folgenden zeigen werde, gibt es noch wenig historisches Wissen zu weiblichem Alter in Selbstzeugnissen, was sicher auch an dem schwierigen Überlieferungsstand dieser Quellengattung aus weiblicher Feder liegt. Diese Arbeit ist daher bestrebt, einen Beitrag zur Schliessung dieser Forschungslücke zu leisten.

Forschungssituation – Alter und Altersdefinitionen Das Alter ist in der historischen Forschung erst neuerdings ein hochaktuelles Thema. In der Vergangenheit wurden zunächst historisch-demographische Analysen durchgeführt. Es rückten aber auch soziale Fragen wie der gesellschaftliche Umgang mit alternden Menschen, altersspezifische Krankheiten und die Altersversorgung im Allgemeinen in den Fokus.6 Allerdings werden solche Themen bisher überwiegend in der zeithistorischen Forschung bearbeitet. Die Frühe Neuzeit hingegen wurde, nicht zuletzt wegen der erschwerten Erhebung verlässlicher demographischer Daten, bislang weniger berücksichtigt. Erschwerend kommt die Heterogenität der Lebenssituationen in dieser Zeit hinzu. Die Unterschiede reichten von lokalen Gegebenheiten (etwa Gegensätze zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Land) und konfessionellen Unterschieden bis hin zu ungleichen Vgl. für demographische Entwicklungen beispielsweise: Imhof, Arthur Erwin: Von der unsicheren zur sicheren Lebenszeit. Fünf historisch-demographische Studien. Darmstadt 1988; Ehmer, Josef: Altersstrukturen im historischen Wandel. Demographische Trends und gesellschaftliche Bewertung, in: Röder, Brigitte / De Jong, Willemijn / Alt, Kurt W. (Hg.): Alter(n) anders denken. Kulturelle und biologische Perspektiven. Köln 2012, S. 403–436; einen sozialpolitischen Einblick gibt etwa Göckenjan, Gerd: Das Alter würdigen. Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters. Frankfurt a. M. 2000 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft); eher (aber nicht ausschliesslich) mit Grossbritannien in der Neuzeit beschäftigt sich Laslett, Peter: Das Dritte Alter. Historische Soziologie des Alterns. Weinheim / München 1995 (Grundlagentexte Soziologie). 6

19


20

Einleitung

Voraussetzungen in der sozialen Altersversorgung.7 Die Marginalisierung der Frühen Neuzeit als Interessensgebiet der Altersforschung gilt jedoch vor allem für den deutschsprachigen Raum. Für Grossbritannien und Frankreich liegen hingegen schon einige wichtige Ergebnisse gerontologischhistorischer Forschung vor, die sich mit dieser Epoche auseinandersetzen, vor allem im Hinblick auf den Umgang mit alten Menschen und deren Befinden.8 Wo indes das Älterwerden und frühneuzeitliche Alterserfahrungen beforscht werden, fehlt oftmals die Sensibilität und das Interesse für Geschlechterdifferenzen.9 Zwar gibt es bereits wissenschaftliche Arbeiten zu negativ-stereotypen Altersbildern von Frauen, insbesondere dem des hässlichen und bösen alten Weibes.10 Ausserdem wurden in Studien zur Witwenschaft soziale Probleme und Altersarmut thematisiert.11 Gerade in der Frühen Neuzeit ist Witwenschaft jedoch nicht mit hohem Alter gleichzusetzen. 7 Probleme der «frühneuzeitlichen Bevölkerungstheorie» legt beispielsweise dar Nipperdey, Justus: Bevölkerungstheorie und Idee der Armenfürsorge im 17. und 18. Jahrhundert: Gesellschaftsanalyse, soziale Steuerung und soziale Sicherung, in: Thomas Sokoll (Hg.): Soziale Sicherungssysteme und demographische Wechsellagen. Historisch vergleichende Perspektiven (1500–2000). Münster 2011, S. 169–197. 8 Vgl. für den englischsprachigen Raum z. B.: Bothelo, Lynn / Ottaway, Susannah R. (Hg.): The history of old age in England 1600–1800, Band 1–4. London 2008–2009; Thane, Pat (Hg.): A History of Old Age. Los Angeles 2005. Zu Frankreich: Stearns, Peter N.: Old Age in European Society. The Case of France. London 1977. 9 Siehe dazu etwa den Forschungsüberblick von Röder, Brigitte: Von der Urgeschichte bis nach Sulawesi. Die kulturelle Vielfalt des Alter(n)s. In: Röder, Brigitte / De Jong, Willemijn / Alt, Kurt W. (Hg.): Alter(n) anders denken. Köln / Weimar / Wien 2012, S. 15–50. 10 Zu weiblichen Altersbildern vgl. etwa Von Hülsen-Esch, Andrea: Alte Frauen – Hexen – Kupplerinnen. Überlegungen zu den spä tmittelalterlichen Wurzeln langlebiger Vorurteile, in: Herwig, Henriette (Hg.): Merkwürdige Alte. Zu einer literarischen und bildlichen Kultur des Alter(n)s. Bielefeld 2014, S. 37–74; Czarnecka, Mirosława: Bilder des Alters. Die ‹alte Frau› im 17. Jahrhundert – zwischen Selbstzeugnissen und literarischen Projektionen, in: Zeitschrift für Germanistik 22 (2), 01. 01. 2012, S. 332–344. 11 Zu Witwen: Kruse, Britta-Juliane: Witwen. Kulturgeschichte eines Standes in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Berlin 2007; oder Ingendahl, Gesa: Witwen in der Frühen Neuzeit. Eine kulturhistorische Studie. Frankfurt a. M. / New York 2006 (Geschichte und Geschlechter).


Forschungssituation – Alter und Altersdefinitionen

Auch viele junge Frauen waren vom Tod des Ehepartners betroffen. Bei diesem Forschungsfeld blieben ausserdem weibliche Erfahrungen und ihr Umgang mit dem Alter(n) sowie mit Krankheit, Sterben und Tod meist aussen vor. Hier setzt die vorliegende Arbeit an. Wer sich mit dem Alter beschäftigt, muss zunächst definieren, was Altsein im untersuchten lokalen und zeitlichen Rahmen überhaupt bedeutete. Schon Juliane Haubold-Stolle und Alexander Schug stellten in ihrer Arbeit die Frage «Wer ist schon alt?».12 Das Alter als solches zu definieren, wird zusätzlich dadurch erschwert, dass es nicht das eine Alter gibt. Neben dem chronologischen Alter, dem im Pass oder einem anderen offiziellen Dokument vermerkten Alter, kann auch das körperlich-biologische, das sozial zugeschriebene oder das psychologische, also das gefühlte Alter als Massstab in Betracht gezogen werden.13 Wer nach der einen Altersdefinition als alt gilt, muss das nicht unbedingt auch anhand einer der anderen Definitionen sein.14 Das chronologisch-kalendarische Alter schreitet kontinuierlich fort. Es ist gleichförmig und nicht aufhaltbar und bietet sich daher als Vergleichswert an. Auch die Tagebücher Anna Maria Preiswerk-Iselins sind genrebedingt einer Chronologie unterworfen. Das biologische Alter hingegen kann sich, je nach Gesundheitszustand, verbessern oder verschlechtern. Relevant wird es auch im Hinblick auf Altersgebrechen und mit Blick auf Geschlechterunterschiede. Letztere hängen wiederum mit sozialen Zuschreibungen, dem sozialen Alter, zusammen. Das von aussen attestierte soziale Alter ist mit gewissen gesellschaftlichen Erwartungen zum Verhalten alter Menschen verbunden, was Gerd Göckenjan als «Alterserwartungscodes» bezeichnet.15 Das soziale Alter ist ausserdem abhängig vom lokalen und zeitlichen Kontext. Das gefühlte Alter wiederum kann den anderen Altersmassstäben durchaus widersprechen.16 12 Haubold-Stolle, Juliane / Schug, Alexander: Wer ist schon alt? Eine Kulturgeschichte des Alterns. Berlin 2010 (Kleine Kulturgeschichten). 13 In der Forschung werden für die Altersansätze verschiedene Benennungen und Unterscheidungen angewandt. So schreibt Laslett beispielsweise vom kalendarischen Alter, was etwa dem chronologischen Alter entspricht. Ausserdem unterteilt er anstatt in das psychologische in das personale und subjektive Alter. Vgl. Laslett, Das Dritte Alter, 1995, S. 38–39. 14 Vgl. Haubold-Stolle / Schug, Wer ist schon alt?, 2010, S. 17. 15 Göckenjan: Das Alter würdigen, 2000, S. 25. 16 Vgl. Haubold-Stolle; Schug: Wer ist schon alt?, 2010, S. 17–18.

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Um sich der Frage annähern zu können, wer in Basel um 1800 eigentlich als alt angesehen wurde, muss zunächst ein Blick darauf geworfen werden, wie alt die Menschen zu dieser Zeit nach kalendarischem Massstab im Durchschnitt überhaupt werden konnten. Die Frage kann jedoch nur in Annäherung beantwortet werden, da die Lebenserwartung phasenweise von vielen Faktoren wie beispielsweise Kriegen, Hungersnöten oder Seuchen beeinflusst werden konnte. Wie Georges Audrey für die Schweiz zeigte, war das zu erwartende Sterbealter auf den ersten Blick niedrig. Ein Neugeborenes wurde im Durchschnitt nicht einmal 40 Jahre alt. Allerdings war die beträchtliche Kindersterblichkeit dabei ein entscheidender Faktor. Zwar verbesserte sich die Überlebensrate der Säuglinge langsam, doch starben um 1800 immer noch etwa 16–20 % der Kinder vor ihrem ersten Geburtstag.17 Auch die folgenden Lebensjahre der Kindheit können noch als kritische Phase mit einer erhöhten Sterblichkeit angesehen werden. Insbesondere die Arbeit mit Selbstzeugnissen hat hier gezeigt, dass nicht etwa mangelnde elterliche Liebe und Fürsorge für die hohen Sterberaten verantwortlich waren, wie das noch in der Forschung der 1970er Jahre angenommen wurde,18 sondern vielmehr mangelnde Hygiene, fehlende medizinisch-diagnostische Möglichkeiten und Behandlungsmethoden, die nicht auf Kinder ausgerichtet waren.19 Wenn der kritische Lebensabschnitt der Kindheit jedoch überAudrey, Georges: Auf der Suche nach dem neuen Staat (1798–1848), in: Mesmer, Beatrix (Hg.): Geschichte der Schweiz und der Schweizer. Vierte unveränderte Auflage in einem Band. Basel 2006, S. 527–637. Hier S. 579. Zum Vergleich starben in der Phase von der Mitte des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in der Schweiz noch 25–30 % der Neugeborenen im ersten Lebensjahr. Vgl. De Capitani, François: Beharren und Umsturz (1648–1815), in: Mesmer, Beatrix (Hg.): Geschichte der Schweiz und der Schweizer, Basel 2006, S. 447–526. Hier S. 449. 18 Vgl. Shorter, Edward: The making of the modern family. New York 1977, insbesondere S. 203. Vgl. auch: Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit. München 1975 [Paris 1960, deutsche Übersetzung von Caroline Neubaur]. 19 Für die entscheidende Rolle der Selbstzeugnisforschung in Bezug auf Elternliebe vgl. Piller, Gudrun: Private Körper. Schreiben über den Körper in Selbstzeugnissen des 18. Jahrhunderts, in: Von Greyerz, Kaspar (Hg.): Selbstzeugnisse in der Frühen Neuzeit. Individualisierungsweisen in interdisziplinärer Perspektive. München 2007, S. 45–60. Hier S. 54. Piller hebt hervor, dass das medizinische Interesse an Kindern im 18. Jahrhundert durchaus vorhanden war, jedoch keinen positiven Einfluss auf die Kindersterb17


Forschungssituation – Alter und Altersdefinitionen

standen und das Erwachsenenalter erreicht war, stieg auch – für beide Geschlechter – die Wahrscheinlichkeit, mit einem Sterbealter von 60 Jahren oder mehr rechnen zu können. Schon im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gab es daher einige über 80- oder sogar 100-jährige Personen.20 Anna Maria Preiswerk-Iselin, die Hauptakteurin dieser Arbeit, wurde beispielsweise 82 Jahre alt. Ein ihr angeheirateter Verwandter, Johann Koechlin-Dollfus (1746–1836), auch Jean genannt, wurde sogar 90 Jahre alt. Ausserdem zeigte Daniel Schäfer aus einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive, dass zumindest wohlhabendere Frauen ab dem 16. Jahrhundert älter oder zumindest gleich alt werden konnten wie ihre männlichen Zeitgenossen.21 Auch wenn ein Sterbealter von 100 Jahre eher unwahrscheinlich war, wurde das Bild in zeitgenössischen Altersdarstellungen gerne aufgegriffen. Das auf das 16. Jahrhundert zurückgehende Motiv der «Lebenstreppe» unterteilte die Altersphasen meist in Siebener- oder Zehnerschritte, die von der Geburt bis zum Tod reichten.22 Bereits im Altertum führte Hippokrates ein System ein, welches das Leben basierend auf den Wochentagen oder den

lichkeit nehmen konnte. Zu den möglichen Ursachen der hohen Kindersterblichkeit vgl. De Capitani, Beharren und Umsturz, 2006, S. 449. 20 Zu dieser Feststellung gelangten schon für das Mittelalter z. B. Haubold-Stolle / Schug: Wer ist schon alt?, 2010, S. 27; oder für Frankreich: Stearns, Old Age in European Society, 1977, S. 19. Das Sterbealter war jedoch von vielen Faktoren abhängig (z. B. Epidemien, Hungersnöte) und lokal unterschiedlich. 21 Schäfer, Daniel: Alter und Krankheit in der Frühen Neuzeit. Der ärztliche Blick auf die letzte Lebensphase. Frankfurt a. M. 2004 (Kultur der Medizin. Geschichte, Theorie, Ethik), S. 268. 22 Joerissen, Peter / Will, Cornelia: Einführung, in: Joerissen, Peter / Will, Cornelia. (Hg.): Die Lebenstreppe. Bilder der menschlichen Lebensalter. Köln 1983, S. 9–10. Hier S. 9. Die Lebenstreppen büssten jedoch auch im 19. Jahrhundert ihre Beliebtheit nicht ein und konnten durch die gesunkenen Druckkosten sogar von einem grösseren Publikum erworben werden. Vgl. dazu: Will, Cornelia: ‹Was ist des Lebens Sinn?› – Lebensalterdarstellungen im 19. Jahrhundert, in: Joerissen, Peter / Will, Cornelia (Hg.): Die Lebenstreppe. Bilder der menschlichen Lebensalter. Köln 1983, S. 73–92. Hier S. 73–74. Neben den Lebenstreppen sind auch andere Darstellungsformen überliefert, wie etwa das Lebensrad. Vgl. Münch, Paul: Lebensformen in der Frühen Neuzeit. Frankfurt a. M. / Berlin 1992, S. 160.

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bereits bekannten Planeten in sieben Phasen unterteilte. Galen gliederte die Lebensspanne in vier Abschnitte, entsprechend der vier Körpersäfte in der Humoralpathologie.23 Solche Vorstellungen finden sich auch noch in der Frühen Neuzeit. Unabhängig von der Einteilung in vier, sieben oder zehn Lebensalter zeigten frühneuzeitliche Darstellungen von Lebenstreppen meist das 50. Lebensjahr als Höhepunkt der Stufenpyramide. Danach begann das hohe Alter und der schrittweise Verfall, symbolisiert durch den Abstieg auf den Stufen. Der Wendepunkt im Alter von 49 Jahren (also im 50. Lebensjahr), besass als Quadratzahl von Sieben in der Klimakterien-Theorie einen besonderen Stellenwert.24 Der 50. Geburtstag war wiederum, als Mittelpunkt der theoretisch angedachten Lebensspanne von 100 Jahren, für die Zählweise in vier Abschnitte und in Zehnerschritten bedeutsam. In den zahlreichen Versdichtungen zu den Lebensaltern war die Zahl 50 als Altersgrenze ebenfalls wichtig, wie an folgendem Auszug ersichtlich wird: «[…] Fünfzig Jahre stillestahn, / Sechzig Jahr geht’s Alter an […]».25 Auf den Stillstand am Höhepunkt des Daseins folgte der graduelle Abstieg entlang der Stufen. Folgt man dem Gedicht weiter, wird das hohe Alter als Phase der Ausgrenzung und Diskriminierung sichtbar: «[…] Neunzig Jahr der Kinder Spott, / Hundert Jahre: Gnad’ dir Gott!»26 Erst um 1900 änderte sich die Vorstellung vom Eintritt in die Phase des höheren Alters. Häufig wird seitdem der Ausstieg aus dem Berufsleben als Zäsur und Übergang in die Altersphase angesehen. Um 1800 gab es diesen Übergang noch nicht, da die institutionalisierte Altersversorgung noch fehlte.27 Um 1900 entstand ausserdem, was Peter Laslett als drittes von vier Lebensaltern bezeichnete:

23 Vgl. Schenda, Rudolf: Die Alterstreppe – Geschichte einer Popularisierung, in: Joerissen, Peter / Will, Cornelia (Hg.): Die Lebenstreppe, Köln 1983, S. 11–24. Hier S. 11. 24 Von Greyerz, Kaspar: Passagen und Stationen. Lebensstufen zwischen Mittelalter und Moderne. Göttingen 2010, S. 198–199. 25 Münch, Lebensformen in der Frühen Neuzeit, 1996, S. 161. 26 Ebd. 27 Zur Einführung der AHV in der Schweiz Vgl. Dubler, Anne-Marie: Renten, in: HLS, 23. 12. 2011; und allgemeiner Rosenmayr, Leopold: Lebensalter und Kultur. Ein Versuch vergleichender Soziobiologie und Soziologie, in: Konrad, Christoph / Von


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