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HPAP

Das unsichtbare Bild

Sprachliches Selbstbewusstsein in Wittgensteins Tractatus

HistoryofPhilosophyasPhilosophy

Volume1

Wittgensteins Tractatus

JoachimRautenberg

DieDruckvorstufedieserPublikationwurdevomSchweizerischenNationalfonds zurFörderungderwissenschaftlichenForschungunterstützt.

Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der Creative-CommonsLizenz Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 Joachim Rautenberg, veröffentlicht durch Schwabe Verlag Basel, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz

Korrektorat: Constanze Lehmann, Berlin

Cover: icona basel gmbh, Basel

Satz: Rhema – Tim Doherty, Münster

Layout: icona basel gmbh, Basel

Druck: Prime Rate Kft., Budapest

Printed in the EU

Herstellerinformation: Schwabe Verlagsgruppe AG, Grellingerstrasse 21, 4052 Basel, info@schwabeverlag.ch

Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, 10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN Printausgabe 978-3-7965-5588-6

ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5589-3

DOI 10.24894/978-3-7965-5589-3

Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Querverweise, Literaturhinweise und das Inhaltsverzeichnis verlinkt.

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

1.1Einleitung–ZweiVersionenderBildtheorie25 1.2DieTheoriederRepräsentation35

1.2.1HeinrichHertz–AhnherrderBildtheorie?36

1.2.2Diedrei«Lehren»derBildtheorie39

1.2.3DieMetaphysikdieserVersionderBildtheorie48

1.2.4Zusammenfassung:DieTheoriederRepräsentation58 1.3DieTheoriedesAusdrucks61

1.3.1EineTatsachealsetwas,wasmanausdrückenkann63

1.3.2DerSatzalsAusdruckseinesSinns68

1.3.3DieTatsachealsSinndesSatzes72

1.3.4WahrheitalsGliederungsprinzipI78

1.3.5WahrheitalsGliederungsprinzipII85

1.3.6DasSehenderTatsacheimSatz92

1.4Zusammenfassung:DieBildtheorie108

1.4.1DasProblem:DieUnsichtbarkeitdesBildes110

2.SprachlichesSelbstbewusstsein.TransparenzundOpazität 113

2.1Einleitung113

2.1.1PraxisundTheoriederSprache113

2.1.2SprachlichesSelbstbewusstsein116

2.1.3TransparenzundOpazität118

2.1.4DerBegriffderTransparenzinder Selbstbewusstseinstheorie119

2.1.5SprachlichesSelbstbewusstseinundder Tractatus 124

2.1.6DasVorgehen129

2.2Meta-linguistischeAnsätze130

2.2.1DieUnterscheidungvonEwähnenundGebrauchen130

2.2.2DieNamenstheoriedesZitats133

2.2.3DieBeschreibungstheoriedesZitats136

2.3RaffiniertereAnsätze138

2.3.1DavidsonsdemonstrativeTheoriedesZitats138

2.3.2FregeunddasSprechenüberSinn140

2.4Zwischenbetrachtung151

2.4.1DieAporiensprachlichenSelbstbewusstseins151

2.4.2DieintentionaleBeziehung:Zu TLP 5.542152

2.4.3TransparenzunddieerstePerson:DieWahrheitdes Solipsismus154

3.Negation 161

3.1Einleitung161

3.1.1SprechenüberWeltundSprechenüberSprache161

3.1.2DieleitendeFrage162

3.1.3EinpaarAnmerkungenzurHistorie163

3.1.4ZurTerminologie:NegationundVerneinung169

3.1.5DasVorgehen171

3.2DieRealitätderNegation172

3.2.1NegationalsVerschiedenheit172

3.2.2WittgensteinsKritikanderTheoriederVerschiedenheit175

3.2.3NegativeTatsachen178

3.2.4Zusammenfassung:DieRealitätderNegation180

3.3NegationalslogischesVerhältnis:WahrheitundFalschheit180

3.3.1DieDefinitiondesLogikers180

3.3.2Bi-Polarität versus Bi-Valenz183

3.3.3FregeüberWahrheitundFalschheit184

3.3.4RussellüberWahrheitundFalschheit194

3.3.5Zusammenfassung:FregeundRussell202

3.4DieTheorievomneutralenGehalt203

3.4.1EinSatzundseinGegenteilsagendasselbe203

3.4.2SachverhaltundTatsache:EinalterStreit206

3.4.3Meinong:JenseitsvonSeinundNicht-Sein207

3.4.4WittgensteinsKritikanderVorstellungeinesneutralen Gehalts209

3.4.5Zusammenfassung:DieTheorievomneutralenGehalt211 3.5SinnalsRichtung212

3.5.1EinneuerSinnvonSinn212

3.5.2Regel versus Repräsentation213

3.5.3«NamengleichenPunkten,SätzePfeilen»215

3.5.4DiePfeil-MetapherinderBewusstseinstheorie216

3.5.5DieUmkehrbarkeitderRichtung217

3.5.6Regel-VerstehenunddieGrenzenderPfeil-Metapher219

3.5.7RichtungundPrädikation:DiePrioritätdespositiven Falls222

3.5.8Zusammenfassung:SinnalsRichtung225 3.6NegationundSelbstbewusstsein226

3.6.1DerZirkeldersemantischenErklärungunddie Tautologie226

3.6.2DasSehendesWiderspruchs:Selbstbewusstseinim Zeichengebrauch230

Abkürzungsverzeichnis

HäufigzitierteWerkeLudwigWittgensteinswerdenmitdenfolgendenSiglenbezeichnet:

TLP LudwigWittgenstein. Logisch-philosophischeAbhandlung:Tractatuslogico-philosophicus–KritischeEdition.Hrsg.vonBrianMcGuinnessundJoachimSchulte.2.Aufl.Frankfurtam Main:Suhrkamp,2001.

PU LudwigWittgenstein.«PhilosophischeUntersuchungen».In: WerkausgabeBand1.1.Aufl. Werkausgabein8Bänden.FrankfurtamMain:Suhrkamp,1984,S.225–580.

NB LudwigWittgenstein.«Notebooks».In: Notebooks1914–1916.Hrsg.vonG.E.M.AnscombeundG.H.vonWright.2.Aufl.Oxford:BasilBlackwell,1979,S.2–91.

NL LudwigWittgenstein.«NotesonLogic1913&NotesDictatedtoG.E.Moore1914».In: Notebooks1914–1916.Hrsg.vonG.E.M.AnscombeundG.H.vonWright.2.Aufl.Oxford: BasilBlackwell,1979,S.93–118.

VB LudwigWittgenstein.«VermischteBemerkungen».In: WerkausgabeBand8.1.Aufl.Werkausgabein8Bänden.FrankfurtamMain:Suhrkamp,1984,S.445–575.

BeidemvorliegendenBandhandeltessichumeineüberarbeiteteFassungmeiner Dissertation,dieich2025anderPhilosophisch-HistorischenFakultätderUniversitätBaseleingereichtundverteidigthabe.DasVerfassendieserArbeitwurde mirermöglichtdurchmeineAnstellungameikonesZentrumfürdieGeschichteundTheoriedesBildesderUniversitätBaselsowiedurchdieFörderungeines ForschungsaufenthaltesanderUniversitéStrasbourgdurcheindoc.mobility-Stipendium.

IchdankemeinenbeidenGutachternGunnarHindrichsundJean-Philippe NarbouxfürihregeduldigeBetreuung,beständigeUnterstützungundkritische PrüfungmeinerArbeit.

DieRäumedeseikones-ZentrumsinderAltenUniversitätamRheinbotenindenvergangenenJahrennichtalleindienötigeRuheundKonzentrationzumLesenundNachdenken,sondernwarengleichermasseneinwertvoller OrtdesintellektuellenGesprächs.IndenvonMarkusKlammer,AdenKumler, RalphUblundFriederikeZenkerangeleitetenSeminarendurfteichmitdenanderenMitgliederndesGraduierten-KollegsdenKonturendesBildbegriffsinden verschiedenstenkulturhistorischenundkunsttheoretischenKontextennachspüren.

DasForschungskolloquiumdesBaslerLehrstuhlsfürdieGeschichtederPhilosophiewareinewichtigeQuellederInspirationfürdieThesen,dieaufdenFolgendenSeitenentfaltetwerden,undderersteOrt,umsiezuerproben.

WährendmeinesForschungsaufenthaltesanderFacultédePhilosophie derUniversitéStrasbourghatteichdasGlück,ineinesichgeradeetablierende Wittgenstein-Forschungsgruppeaufgenommenzuwerden.FürdiedorterfahrenenAnregungensowiedieNachsichtfürmeinenUmgangmitderGrammatik desFranzösischenbinichsehrdankbar.

ZudankengiltauchdemSchweizerischenNationalfondsfürdieFörderung derPublikationskostendesvorliegendenBandes.Ichfreuemichsehr,dassmeineArbeitdenAuftaktderReihe«HistoryofPhilosophyasPhilosophy»bildet, derenTiteldieStossrichtungdieserUntersuchungnichtbesserhättewiedergeben können.DemReihenherausgeberJamesConantdankeichfürdieausführlichen KommentareundHinweise,diemirgeholfenhaben,einigewesentlicheAspektedieserArbeitklarerherauszustellen.ChristianBarthunddemSchwabeVerlag

dankeichfürdiereibungsloseOrganisationderPublikation,ConstanzeLehmann fürdasgründlicheLektorat.

DieseArbeitistauchdasErgebniseinerVielzahlvonGesprächen,dieichin denvergangenenJahrenmitKolleginnenundKollegen,FreundinnenundFreundenführendurfte.FürihroffenesOhr,ihreanregendenGedankenundihrenkritischenGeistdankeichWacylAzzouz,DavidBucheli,AdrienneCornut,EricEhrhardt,KarstenEngel,WolframGobsch,ChristophHaffter,KarenKoch,Clemens Kübler,GeirrLunden,IuliaMalaspina,ConradMattli,JanMüllerundStefanie Schuster.

WeiterhindankeichallenMitgliederndeseikonesGraduierten-Kollegs,den MitgliederndesLehrstuhl-KolloquiumsvonGunnarHindrichs,derStrassburger GroupedeLecturesowiedenStudierendenmeinerSeminare.

MeinbesondererDankgiltAndrejPeterundGinoMargani,dereneigene ForschungensichmitvielenGedankendieserUntersuchungberühren,unddie derenersteFassunggelesenhaben.IchhättemirkeineverständigerenerstenLeser meinerArbeitwünschenkönnen.

OhnedenBeistand,dieGeduldunddenHalt,denmirOliviaTochtermann währenddieserJahregewährthat,wäredieseArbeitnichtzustandegekommen. IhrgiltmeingrößterDank.

DasProblemdesSelbstbewusstseins

EinephilosophischeUntersuchungdesDenkensunterscheidetsichvonanderenUntersuchungendesselbenGegenstandesdadurch,dassvomphilosophischen StandpunktausderBegriffdesDenkensvorallemdadurchbestimmtist,dass DenkenWelterfasst.DieseBestimmungdrücktkeineTheseaus:Siehältfest,was einePhilosophinmeint,wennsievom«Denken»spricht.Dassessichbeidieser BestimmungdesDenkensnichtumeineThesehandelt,liegtanderphilosophischenVerwendungsweisedesWortes«Welt»:«Welt»bezeichnetindiesemZusammenhangnichtmehralsdas,wasmanerfasst,wennmandenkt.Soschliessen sichdieBestimmungendieserbeidenBegriffezueinemKreiszusammen,indem dereineaufdenjeweilsanderenverweist.

FüreinenwichtigenTeilderphilosophischenTraditionwaresdahereine Selbstverständlichkeit,dasseineUntersuchungderFormendesDenkensnicht ohneeineUntersuchungderFormendesSeiendenauskommenkönne,wieauch umgekehrt.MancheVertreterdieserTraditionhieltensogarbeidesfüreinund dieselbeUntersuchung.AuchinunsererZeiterscheinenphilosophischeAbhandlungen,derenTiteldaraufhindeuten,dassihreVerfasserDenkenundWeltals wechselseitigaufeinanderbezogeneGrössenverstehenmöchten:MandenkebeispielsweiseanTitelwie MindandWorld 1 , DasAbsoluteunddasSubjekt 2 , Thinking andBeing 3,oderauch WordandObject 4 .

SpätestensseitKantistmitderebenbeschriebenenBestimmungvonDenken undWelteinphilosophischesProblemverknüpft:dasProblemdesSelbstbewusstseins.InseinereinfachstenundabstraktestenFormulierunglautetdiesesProblem folgendermassen:Denkenistdas,wasWelterfasst.DieWeltistdieGesamtheit derTatsachen.DenkenistkeineTeilmengederGesamtheitderTatsachen,sonderndas,wasdieGesamtheitderTatsachenerfasst.DenkenistalsokeinTeilder

1 McDowell, MindandWorld.

2 Hindrichs, DasAbsoluteunddasSubjekt

3 Kimhi, ThinkingandBeing .

4 Quine, Word&Object .

Welt.WennWeltdasist,wasmandenkenderfassenkann,istesunmöglich,das Denkendenkendzuerfassen.WieistalsoSelbstbewusstseinmöglich?

DievorliegendeUntersuchungwidmetsichdemProblemdesSelbstbewusstseinsineinerseinerGestalten.

DieWendezurSprache

Esistumstritten,obessichbeidemebenformuliertenProblemdesSelbstbewusstseinstatsächlichumeinProblemodernichteherumeinScheinproblem handelt.DieRedevon«Denken»und«Welt»,inderbeideBegriffealskorrelierte Grösseneinandergegenübergestelltwerden,istinVerrufgeraten.Siestehtnicht erstseitjüngererZeitinVerdacht,AusdruckeinerhypertrophenVorstellungeines Subjektszusein,dassichdieWeltgegenüberstellt,sienachderMassgabeseines DenkensformtundsichselbstbeidiesemUnterfangenausderWelthinauskatapultiert.NichtwenigeerkannteninderphilosophischenPhantasieeineszeitlosen, weltentrücktenSubjektsdasKindeinerbestimmtenhistorischenEpoche.HeideggerbeschriebdieseEpochealsdie«ZeitdesWeltbildes». 5

EinerverbreitetenErzählungzufolgeführte,nebendemEinflussHeideggers undandererFiguren,eineeinschneidendephilosophiegeschichtlicheWendeam Beginndes20.JahrhundertszueinerAbkehrvonderSubjektphilosophieundder FragenachdemSelbstbewusstsein:DieHinwendungzurSprache,der linguistic turn,holtedasSubjektausseinemtranszendentalenJenseitszurückindieWelt undindenWirbelvonNatur,GeschichteundGesellschaft.Die«Entdeckung» dersprachlichenVerfasstheitdesDenkensschiendasDenkenwiederinderirdischenSphärezuverankern.SobeschreibtHabermasdenÜbergangvonSubjektphilosophiezuSprachphilosophiealseinen«Paradigmenwechsel»,der«eine de-transzendentalisierendeEinbettungdesweltenthobenenSubjektsinGeschichte,KulturundGesellschaftinGanggesetzthabe.» 6 DieHinwendungzursprachlichenGestaltdesGedankenswurdezurInitialzündungderneuaufkommenden DisziplinenderGeistes-undKulturwissenschaften,fürdiesichmitdemProjekt derHistorisierungdesDenkenseinneuer«wissenschaftlicherObjektbereich» 7 auftat.

EsistdieAbsichtdervorliegendenUntersuchung,dieseErzählungzukorrigieren.Einanderes,besseresVerständnisdavon,wasesmitderWendezurSpracheaufsichhat,sollaufdenfolgendenSeitendargelegtwerden:DieWendezur SpracheistnichtaufzufassenalseineAbwendungvomProblemdesSelbstbewusstseins,sondernalsdessenVertiefung.

5 Heidegger,«ZeitdesWeltbildes».

6 Habermas, AucheineGeschichtederPhilosophie,S.33.

7 Ebd.,S.33.

ZudiesemZweckkommtdieseArbeitnochmalsaufdasWerkLudwigWittgensteinszurück.WittgensteinkommtinderbeschriebenenErzählung,wiein derGeschichtedersprachanalytischenPhilosophieallgemein,eineSchlüsselrolle zu.Gelingtes,unserUrteildarüber,welcheLektionenausseinemWerkzuziehen sind,zurevidieren,wärevielgewonnen.

IndenAugenvielerdrängteWittgensteinwiekaumeinandererdiePhilosophieinRichtungSprache,unddamitwegvonihrentraditionellenFragestellungen.SeinKonzeptdes Sprachspiels schiendiesprachlicheWendenocheine Kurveweiterzudrehen.DieIdeedesSprachspielsdehntedieGrenzenderSpracheweitaus:Mit Sprache warnunnichtmehrnurdieVerwendungvonZeichen gemeint,sondern Sprache erweitertesichaufverschiedenstemenschlichePraktikenundrückteschliesslichdenBegriffder Lebensform alsdenHorizontsämtlichermenschlicherPraktikenindenBlick.Die«WittgensteinianischeMethode» schaffteessogarbisindieBereichederEthnologieundderkomparativenAnthropologie,womansiezurvergleichendenBeschreibungvonPraktikenverschiedenerhistorischer«Lebensformen»oder«Kulturen»anwendet. 8

WissenschaftvomDenken:KantundFrege

DieAuffassung,WittgensteinkommedasVerdienstzu,demabstrakten,un-irdischen«Ichdenke»inderbuntenVielfaltderLebensformeneinneuesZuhause gegebenzuhaben,isteinseitig,umnichtzusagen,fehlgeleitet.EsgehtindieserArbeitdarum,diesemVerständnisderLehreWittgensteins,unddamitseiner Rollefürden linguisticturn,eineAlternativeentgegenzustellen.

WittgensteinsDenkenistvonFragengeprägt,dieihnmitderphilosophischenTraditionverbinden.Daszusagen,bedeutetnicht,dassmitWittgensteins nichtsNeuesindiePhilosophieeingetretenwäre.DieSprachegewinntinWittgensteinsWerkeineBedeutung,diesiebisdahininderGeschichtederPhilosophienichthatte.Umaberzuverstehen,wasmitderWendezurSprachetatsächlichNeuesgeschieht,gilteszuerstsorgfältigzuprüfen,wasWittgensteinmitder philosophischenTraditionteilt.

DieThesedieserArbeitist,dassWittgensteindasProblemdesSelbstbewusstseinsvonseinenVorgängernerbt.BeiKantundFregestelltesichdasProblemdesSelbstbewusstseinsinGestaltderFrage,wieeseineWissenschaftvom Denkengebenkönne.

Kanthatteargumentiert,dassderformaleGegenstandwissenschaftlicher Beschreibungdiesinnlicherfahrbare,kausal-gesetzlichverfassteGesamtheitder

8 MeinKollegeGeirrLindenmachtemichdaraufaufmerksam,dassWittgensteinauchinder ErforschungderLebensformderaltenÄgyptereineReferenzdarstellt:Vgl.Davis, AGeneral TheoryofVisualCulture,S.278ff.

Tatsachensei.DavonschienihmderdenkendeVerstandnichteinfacheinweitererTeilbereichzusein–fürKantdeshalb,weilderdenkendeVerstanddieQuelle derjenigenFormenist,nachdenendieGesamtheitderTatsachenverfasstist.Eine WissenschaftvomDenkenimSinneeiner empirischen PsychologiewärefürKant daherWissenschaftohneGegenstandgewesen.Eine rationale Psychologiedagegen,dievomDenkenalsetwasjenseitsderTatsachenhandelte,hätte,weilihr Gegenstandeinübersinnlicherwäre,denCharaktereinerWissenschaftverloren.

IneineranderenWeisestelltesichdasselbeProblemfürFrege:Fregeunterschiedzwischenden«GesetzendesWahrseins»undden«GesetzendesFürwahrhaltens.» 9 DieempirischeWissenschaftderPsychologiebeschäftigtsichfürFrege mitDenkgesetzenimzweitenSinne.SiebeschreibteinenbesonderenAusschnitt derWirklichkeit;werunterwelchenUmständenwas fürwahrhält.DieLogikhingegen,diedieGesetzedes Wahrseins untersucht,hatkeinenbesonderenGegenstandsbereich.Sieistdaherkeine Wissenschaft inderWeise,wiediePsychologie, dieBiologieoderdiePhysikWissenschaftensind.DenndieLogikentfaltetdiejenigenGesetze,dieüberalldagelten,«woüberhauptgedachtwird.» 10

FürKantundfürFregewareseine echte Frage,wieDenkenzumGegenstand einerwissenschaftlichenUntersuchungunddamiteinGegenstandfürsichselbst werdenkönne.DieseArbeitwilldafürargumentieren,dassWittgensteindiese FragefesthältundaufdemFeldderSprachefortschreibt.Inihrereinfachstenund abstraktestenFormlautetdieseFrage:WiekönnenwirüberSprachesprechen? IchmöchtediesdieFragenachdemsprachlichenSelbstbewusstseinnennen.

WissenschaftderSprache:Der Tractatus

UmdieseFragezuuntersuchen,widmetdieseArbeitWittgensteinsFrühwerk, dem Tractatuslogico-philosophicus,eineeingehendeBetrachtung.Daskannim ZusammenhangdergenanntenFragestellungüberraschen:Somangeltesdoch diesemFrühwerkdersprachanalytischenPhilosophiescheinbarandemnötigen begrifflichenInstrumentarium,umdasPhänomendesSprechensüberSprache nachgegenwärtigenMassstäbenangemessenbeschreibenzukönnen.SoistbeispielsweisediedurchAlfredTarskipopulärgemachteUnterscheidungzwischen einerzuuntersuchendenObjektspracheundeinerMetasprache,inderdieUntersuchungverfasstist,im Tractatus absent.AnstattdarineineKinderkrankheit derfrühensprachanalytischenPhilosophiezusehen,möchteichvorschlagen,hier dasbesonderephilosophischePotenzial,möglicherweiseeinephilosophischeEinsicht,vonWittgensteinsPositionzusuchen.DerspeziellemethodischeZugvon

9 Frege, GrundgesetzederArithmetik,S.XVI.

10 Ebd.,S.XV.

WittgensteinsÜberlegungenliegtdarin,dassseineTheoriederSprachedenCharaktereinerSelbstaufklärunghat:IneinerUntersuchung,beidereskeineUnterscheidungzwischenObjekt-undMetasprachegibt,istdieuntersuchteSprache zugleich meine Sprache–«dieSprache,diealleinichverstehe.» 11

Wittgensteins Tractatus isteinBuchüberGrenzen,wieauchüberunsere VorstellungenundphilosophischenPhantasienvonGrenzen.DieGrenze,umdie esindiesemBuchgeht,istdieGrenzederSprache:dieGrenzezwischendem,was sichsagenlässt,unddem,wassichnichtsagenlässt.

DieseGrenzezuziehen,kannVerschiedenesheissen:Eskannheissen,dass mandieallgemeineFormwahrheitsfähigerSätzeartikuliertunddamitdenBereichdeswissenschaftlichSagbarendefiniert.EntlangdieserLinieexistierenbereitseineReihevonLesarten,dieden Tractatus ineinekantianischeTradition stellen. 12 SowieKantdemWisseneineGrenzegezogenhatte,indemerdieBedingungenderMöglichkeitvonErfahrungbeschrieb,sobegrenztWittgensteindas, wassichsagenlässt,indemerdieBedingungenderMöglichkeitwahrheitsfähiger Redeexplizierte.

DieseArbeitsuchtdaskantischeErbeWittgensteinsaneineranderenStelle.DieGrenze,umdieesimFolgendengehensoll,istnichtdietranszendentale GrenzeimSinnederBedingungderMöglichkeitwahrheitsfähigerSätze.StattdessengehtesumdieGrenzederSprache,diesichzeigtimVersuch,sichüberdie BedeutungderAusdrückedereigenenSpracheaufzuklären.IneinerBemerkung ausden1930ernschreibtWittgenstein:

DieGrenzederSprachezeigtsichinderUnmöglichkeit,dieTatsachezubeschreiben,die einemSatzentspricht(seineÜbersetzungist),ohneebendenSatzzuwiederholen.(Es handeltsichhierbeiumdieKantischeLösungdesProblemsderPhilosophie.) 13

Esistbemerkenswert,dassWittgensteinhiervonKants Lösung spricht:DievorliegendeArbeitwirdvorallemdamitbeschäftigtsein,das Problem zuentfalten. AberwarumverbindetWittgensteineinesolcheIdeeeinerGrenzederSprache überhauptmitKant?DieseArbeitwirddafürargumentieren,dassWittgenstein inseinemNachdenkenüberdieBedeutungsprachlicherAusdrückeeinenWiedergängervonKantsSelbstbewusstseinsproblemerkannte.DieAufklärungüber dieBedeutungderAusdrückedereigenenSpracheistimKerneinReflexionsproblem:KantsFrage,wieDenkensichselbstzumGegenstandhabenkönne,nimmt

11 Wittgenstein, TLP 5.62.Das«allein»beziehtsichauf«Sprache»,nichtauf«ich».Liesalso: «dieeinzigeSprache,dieichverstehe.»Vgl.Hintikka,«OnWittgenstein’s‹Solipsism›»wieauch schonRussell, IntroductiontoWittgenstein’s Tractatus.

12 BeginnendmitStenius, Wittgenstein’sTractatus bishinzuMoore,«TheBoundsofSense».

13 Wittgenstein, VB,S.463.

beiWittgensteindieGestaltderFragenachderMöglichkeiteinersemantischen Theoriean.

AndersalsfürvieleandereSprachtheoretikeristesfürWittgensteineineechteFrage,wieeineTheoriederBedeutungmöglichist.WirbegegneninWittgensteinsPhilosophieeinerVorstellungvonSprachealseinem Medium, 14 durchdas hindurchsichunsWelterschliesst.IneinemSinn,dendieseUntersuchungerläuternwird,hatfürWittgensteindiesesMediumderSprachedenCharakterder Transparenz.DieSätzemeinereigenenSprachesindfürmichkeinerAuslegung bedürftig:IhrSinnliegtfürmichunmittelbarzutage.Wieistesabermöglich,dass dastransparenteMediumderSpracheaneinemPunktselbstzumGegenstand meinesSprechenswerdenkann?

BildervonTatsachen

KantsFragenachderMöglichkeitvonSelbstbewusstseinwirdaufdieseWeise beiWittgensteinzurFragenachderMöglichkeiteinersemantischenTheorie.Die grundlegendesemantischeBeziehungzwischenSpracheundWeltbeschreibtder Tractatus so:

2.1WirmachenunsBildervonTatsachen.

DievorliegendeArbeitbestehtüberweiteTeileindemVersuchzurekonstruieren, wasdasheisst.

WittgensteinsBildtheoriederSprachewirdhäufigmissverstanden.Nichtseltenmeintman,dassWittgensteinetwasvonderfolgendenArtsagenmöchte:Die WeltbesteheausTatsachen,undeinigeTatsachenseienBilderandererTatsachen. DasGesamtderabbildendenTatsachenseidieSprache.DasVerhältnisvonSpracheundWeltlassesichalseineinnerweltlicheAngelegenheitbeschreiben,alseine Beziehung zwischen Tatsachen.

DiesesVerständnisvonWittgensteinsBildtheoriezäumtdasPferdvonhintenauf.DerVorschlag,derindervorliegendenArbeitunterbreitetwerdensoll, lässtsichdagegensoumreissen:DasswirunsBildervonTatsachenmachen,ist nichtnuralseineAussageüberdie Sätze unsererSprachezuverstehen;nämlich dasssieBildervonTatsachensind. EshandeltsichhierbeiebensoumeineAussageüberTatsachen:Tatsachenbegegnenuns,indemwirdurchBilderaufsieblicken.

Eine«realistische»Semantikhingegen,die Bedeutung alseineBeziehung zwischenTatsachenkonstruiert,sitzteinemnaivenTatsachenbegriffauf.WittgensteinlehntdasAnsinneneinersolchen«realistischen»Semantikab:DieBegriffe

14 DieRollederIdeedesMediumsinWittgensteins Tractatus erläutertNarboux,«Showing».

SelbstbewusstseinundTransparenz19 vonBildundTatsachewerdenim Tractatus inwechselseitigerAbhängigkeitvoneinanderbestimmt.Dasmachtden Tractatus zueinemherausforderndenText. ManfindetinihmnichteinenfestenAusgangspunkt,vondemausgehendsich einesemantischeTheoriekonstruierenliesse:Das,waszunächstwieeinsolcher Ausgangspunkterscheint–dieWeltderTatsachen–wirdimLaufedesBuches selbstaufseineVoraussetzungenhingeprüft.

EinSchlüsselbegriffzurErläuterungdesVerhältnisseszwischenBildund TatsacheistderbereitserwähnteBegriffder Transparenz.DiePointevonWittgensteinsBildtheorieistnachderhiervertretenenLesart,dasswir durch einBild hindurch dieabgebildeteTatsacheerkennen.IngleicherWeiseisteinSatztransparentinBezugaufseinenSinn.

IchmöchteindieserArbeitzeigen,dassdieIdeederTransparenzimZentrumvonWittgensteinsNachdenkenüberdasVerhältnisvonSpracheundWelt steht.DieseIdeeisteinJanuskopf.Einerseitsistsiegeeignet,vorphilosophischen Abwegenzubewahren,aufdiemanzugeratendroht,wennmansichfragt,wie sichWirklichkeitinSprachefassenlässt.AufdieseWeisehatdieMetapherder Transparenz–gutwittgensteinianisch,wiemanmeinenkönnte–einetherapeutischeFunktion.Siehältdavonab,sichinphilosophischenScheinfragenzuverstricken.Andererseits,unddasistdervermutlichwichtigereAspektfürdieseArbeit, wirftdieIdeedertransparentenSpracheeine echte philosophischeSchwierigkeit auf:das«ProblemsprachlichenSelbstbewusstseins».

Im Tractatus fälltderAusdruck«sprachlichesSelbstbewusstsein»ankeiner Stelle;esistnochnichteinmalvon«Selbstbewusstsein»dieRede.Nichtsdestotrotzmöchteichzeigen,dassdasBuchaufdasProblemsprachlichenSelbstbewusstseinsabzielt.DieIdeederTransparenzistunmittelbarverbundenmitder FragederReflexion:ImDurchgangdurchWittgensteinsBildtheoriestehtamEndedieFrage,wieeseinBewusstseindavongebenkann,dasseseinBildgibt,durch dashindurchmandieTatsachesieht.Wiekanndas,wasseinerNaturnachtransparentist,sichtbarwerden?Wiesehenwir dasBild?

SelbstbewusstseinundTransparenz

DieTransparenzderSprachewirftsomiteinReflexionsproblemauf:Wiekann dasdurchscheinendeMediumderSprachesichselbstzumThemawerden?Esist wichtig,zubetonen,dassinphilosophischenTheoriendesSelbstbewusstseinsdie MetapherderTransparenzauchnochaufeineganzandereWeiseverwendetwird: Transparenzdientnichtnur,wieebenerläutert,derBeschreibungeines sprachlichen Phänomens,sondernebensoderBeschreibungeines epistemischen Phänomens.Das«Transparenz-Prinzip»wurdeinjüngererZeitvonMatthewBoyle undRichardMoranalseinCharakteristikumvonSelbstbewusstseinbeschrieben, diesichinihrenÜberlegungen,überGarethEvans,wiederumaufWittgenstein

beziehen. 15 IchwerdeangeeigneterStelleeingehenderdieunterschiedlicheVerwendungderTransparenz-MetapherimsprachlichenundimepistemischenKontextbeleuchten(vgl.Abschnitt2.1.4).VorablässtsichdazuFolgendessagen:Das Transparenz-PrinzipwirdvondengenanntenAutoreneingeführt,umeinspezifischesepistemischesProblembezüglichdesWissensumdieeigenenmentalen Zustände(ÜberzeugungenundAbsichten)zudemystifizieren.DasProblemlautet:Wieistesmöglich,dassichimFalleeinerbestimmtenPerson,nämlichmir selbst,WissenüberdieÜberzeugungenundAbsichtendieserPersonhabe,ohne diesePerson beobachtet zuhaben?MitanderenWorten:Wieistesmöglich,dass ichvonmirselbstweiss,wasichglaubeundwasichbeabsichtige,ohnedassich dafüreineEvidenzbräuchte,wieesimFallederÜberzeugungenundAbsichten eineranderenPersonderFallwäre?DasTransparenz-PrinzipsolldiesesProblem lösen.GemässdiesemPrinzipisteseinCharakteristikumvonSelbstbewusstsein, dassjemand,umherauszufinden,welcheÜberzeugungenerodersieübereinen Sachverhalthat,sichdiesemSachverhaltselbstzuwendet,anstattineinerIntrospektiondieeigenenmentalenEinstellungenzuuntersuchen.Kurzgesagt:Um herauszufinden, obichglaube,dassesregnet,prüfeich, obesregnet.

DieRedevonderTransparenzrührtnundaher,dassmanzwareinerseitsdabeibleibt,dassessichbeiderFrage,obichglaube,dass p,undderFrage,ob p,um zweiverschiedeneFragenhandelt,diegrundsätzlichauchverschiedeneAntwortenhabenkönnen.DochobwohleszweiverschiedeneFragensind,wendeich, inderPerspektivedererstenPersonPräsens, dieselbenVerfahrenundMethoden an,umdiebeidenFragenzubeantworten.IndiesemSinneistdieFrage,diemeinenBewusstseinszustandbetrifft, transparent inBezugaufdieFrage,dieeinen Weltzustandbetrifft.

DiesesTransparenz-Prinziphateineanti-KartesianischeStossrichtung: WährendgemässeinerDescarteszugeschriebenenAuffassungSelbstbewusstsein nachdemModellderintrospektivenBeobachtungkonstruiertwird,betontdas Transparenz-PrinzipdenBlick«nachaussen».SelbstbewusstseinsollnichtverstandenwerdenalsdasBewusstseinvoneinemprivaten Ego,sondernalseinCharakteristikumweltbezogenerUrteileundHandlungen.

Esistoffensichtlich,dassdieepistemischeVerwendungderTransparenzMetaphereineandereistalsdiesprachliche.ImeinenFallgehtesumBewusstseinszuständeinihremVerhältniszuihrenintentionalenObjekten,imanderen FallumSätzeinihremVerhältniszudeminihnenausgedrücktenSinn.Dennoch lassensichParallelenausmachen.InbeidenFällenscheintsichsoetwaswieein Reflexionsproblemanzudeuten.EsgibtinbeidenFällenscheinbaretwasvonder ArteinesdurchscheinendenMediums,imeinenFalldasBewusstsein,imanderen

15 Vgl.Moran, AuthorityandEstrangement ;Boyle,«TransparencyandReflection»;Evans, TheVarietiesofReference.

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