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JOACHIM RAUTENBERG
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JOACHIM RAUTENBERG

EditedbyJamesConant
Volume1
DieDruckvorstufedieserPublikationwurdevomSchweizerischenNationalfonds zurFörderungderwissenschaftlichenForschungunterstützt.
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ISBN Printausgabe 978-3-7965-5588-6
ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5589-3
DOI 10.24894/978-3-7965-5589-3
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1.1Einleitung–ZweiVersionenderBildtheorie25 1.2DieTheoriederRepräsentation35
1.2.1HeinrichHertz–AhnherrderBildtheorie?36
1.2.2Diedrei«Lehren»derBildtheorie39
1.2.3DieMetaphysikdieserVersionderBildtheorie48
1.2.4Zusammenfassung:DieTheoriederRepräsentation58 1.3DieTheoriedesAusdrucks61
1.3.1EineTatsachealsetwas,wasmanausdrückenkann63
1.3.2DerSatzalsAusdruckseinesSinns68
1.3.3DieTatsachealsSinndesSatzes72
1.3.4WahrheitalsGliederungsprinzipI78
1.3.5WahrheitalsGliederungsprinzipII85
1.3.6DasSehenderTatsacheimSatz92
1.4Zusammenfassung:DieBildtheorie108
1.4.1DasProblem:DieUnsichtbarkeitdesBildes110
2.SprachlichesSelbstbewusstsein.TransparenzundOpazität 113
2.1Einleitung113
2.1.1PraxisundTheoriederSprache113
2.1.2SprachlichesSelbstbewusstsein116
2.1.3TransparenzundOpazität118
2.1.4DerBegriffderTransparenzinder Selbstbewusstseinstheorie119
2.1.5SprachlichesSelbstbewusstseinundder Tractatus 124
2.1.6DasVorgehen129
2.2Meta-linguistischeAnsätze130
2.2.1DieUnterscheidungvonEwähnenundGebrauchen130
2.2.2DieNamenstheoriedesZitats133
2.2.3DieBeschreibungstheoriedesZitats136
2.3RaffiniertereAnsätze138
2.3.1DavidsonsdemonstrativeTheoriedesZitats138
2.3.2FregeunddasSprechenüberSinn140
2.4Zwischenbetrachtung151
2.4.1DieAporiensprachlichenSelbstbewusstseins151
2.4.2DieintentionaleBeziehung:Zu TLP 5.542152
2.4.3TransparenzunddieerstePerson:DieWahrheitdes Solipsismus154
3.Negation 161
3.1Einleitung161
3.1.1SprechenüberWeltundSprechenüberSprache161
3.1.2DieleitendeFrage162
3.1.3EinpaarAnmerkungenzurHistorie163
3.1.4ZurTerminologie:NegationundVerneinung169
3.1.5DasVorgehen171
3.2DieRealitätderNegation172
3.2.1NegationalsVerschiedenheit172
3.2.2WittgensteinsKritikanderTheoriederVerschiedenheit175
3.2.3NegativeTatsachen178
3.2.4Zusammenfassung:DieRealitätderNegation180
3.3NegationalslogischesVerhältnis:WahrheitundFalschheit180
3.3.1DieDefinitiondesLogikers180
3.3.2Bi-Polarität versus Bi-Valenz183
3.3.3FregeüberWahrheitundFalschheit184
3.3.4RussellüberWahrheitundFalschheit194
3.3.5Zusammenfassung:FregeundRussell202
3.4DieTheorievomneutralenGehalt203
3.4.1EinSatzundseinGegenteilsagendasselbe203
3.4.2SachverhaltundTatsache:EinalterStreit206
3.4.3Meinong:JenseitsvonSeinundNicht-Sein207
3.4.4WittgensteinsKritikanderVorstellungeinesneutralen Gehalts209
3.4.5Zusammenfassung:DieTheorievomneutralenGehalt211 3.5SinnalsRichtung212
3.5.1EinneuerSinnvonSinn212
3.5.2Regel versus Repräsentation213
3.5.3«NamengleichenPunkten,SätzePfeilen»215
3.5.4DiePfeil-MetapherinderBewusstseinstheorie216
3.5.5DieUmkehrbarkeitderRichtung217
3.5.6Regel-VerstehenunddieGrenzenderPfeil-Metapher219
3.5.7RichtungundPrädikation:DiePrioritätdespositiven Falls222
3.5.8Zusammenfassung:SinnalsRichtung225 3.6NegationundSelbstbewusstsein226
3.6.1DerZirkeldersemantischenErklärungunddie Tautologie226
3.6.2DasSehendesWiderspruchs:Selbstbewusstseinim Zeichengebrauch230
HäufigzitierteWerkeLudwigWittgensteinswerdenmitdenfolgendenSiglenbezeichnet:
TLP LudwigWittgenstein. Logisch-philosophischeAbhandlung:Tractatuslogico-philosophicus–KritischeEdition.Hrsg.vonBrianMcGuinnessundJoachimSchulte.2.Aufl.Frankfurtam Main:Suhrkamp,2001.
PU LudwigWittgenstein.«PhilosophischeUntersuchungen».In: WerkausgabeBand1.1.Aufl. Werkausgabein8Bänden.FrankfurtamMain:Suhrkamp,1984,S.225–580.
NB LudwigWittgenstein.«Notebooks».In: Notebooks1914–1916.Hrsg.vonG.E.M.AnscombeundG.H.vonWright.2.Aufl.Oxford:BasilBlackwell,1979,S.2–91.
NL LudwigWittgenstein.«NotesonLogic1913&NotesDictatedtoG.E.Moore1914».In: Notebooks1914–1916.Hrsg.vonG.E.M.AnscombeundG.H.vonWright.2.Aufl.Oxford: BasilBlackwell,1979,S.93–118.
VB LudwigWittgenstein.«VermischteBemerkungen».In: WerkausgabeBand8.1.Aufl.Werkausgabein8Bänden.FrankfurtamMain:Suhrkamp,1984,S.445–575.
BeidemvorliegendenBandhandeltessichumeineüberarbeiteteFassungmeiner Dissertation,dieich2025anderPhilosophisch-HistorischenFakultätderUniversitätBaseleingereichtundverteidigthabe.DasVerfassendieserArbeitwurde mirermöglichtdurchmeineAnstellungameikonesZentrumfürdieGeschichteundTheoriedesBildesderUniversitätBaselsowiedurchdieFörderungeines ForschungsaufenthaltesanderUniversitéStrasbourgdurcheindoc.mobility-Stipendium.
IchdankemeinenbeidenGutachternGunnarHindrichsundJean-Philippe NarbouxfürihregeduldigeBetreuung,beständigeUnterstützungundkritische PrüfungmeinerArbeit.
DieRäumedeseikones-ZentrumsinderAltenUniversitätamRheinbotenindenvergangenenJahrennichtalleindienötigeRuheundKonzentrationzumLesenundNachdenken,sondernwarengleichermasseneinwertvoller OrtdesintellektuellenGesprächs.IndenvonMarkusKlammer,AdenKumler, RalphUblundFriederikeZenkerangeleitetenSeminarendurfteichmitdenanderenMitgliederndesGraduierten-KollegsdenKonturendesBildbegriffsinden verschiedenstenkulturhistorischenundkunsttheoretischenKontextennachspüren.
DasForschungskolloquiumdesBaslerLehrstuhlsfürdieGeschichtederPhilosophiewareinewichtigeQuellederInspirationfürdieThesen,dieaufdenFolgendenSeitenentfaltetwerden,undderersteOrt,umsiezuerproben.
WährendmeinesForschungsaufenthaltesanderFacultédePhilosophie derUniversitéStrasbourghatteichdasGlück,ineinesichgeradeetablierende Wittgenstein-Forschungsgruppeaufgenommenzuwerden.FürdiedorterfahrenenAnregungensowiedieNachsichtfürmeinenUmgangmitderGrammatik desFranzösischenbinichsehrdankbar.
ZudankengiltauchdemSchweizerischenNationalfondsfürdieFörderung derPublikationskostendesvorliegendenBandes.Ichfreuemichsehr,dassmeineArbeitdenAuftaktderReihe«HistoryofPhilosophyasPhilosophy»bildet, derenTiteldieStossrichtungdieserUntersuchungnichtbesserhättewiedergeben können.DemReihenherausgeberJamesConantdankeichfürdieausführlichen KommentareundHinweise,diemirgeholfenhaben,einigewesentlicheAspektedieserArbeitklarerherauszustellen.ChristianBarthunddemSchwabeVerlag
dankeichfürdiereibungsloseOrganisationderPublikation,ConstanzeLehmann fürdasgründlicheLektorat.
DieseArbeitistauchdasErgebniseinerVielzahlvonGesprächen,dieichin denvergangenenJahrenmitKolleginnenundKollegen,FreundinnenundFreundenführendurfte.FürihroffenesOhr,ihreanregendenGedankenundihrenkritischenGeistdankeichWacylAzzouz,DavidBucheli,AdrienneCornut,EricEhrhardt,KarstenEngel,WolframGobsch,ChristophHaffter,KarenKoch,Clemens Kübler,GeirrLunden,IuliaMalaspina,ConradMattli,JanMüllerundStefanie Schuster.
WeiterhindankeichallenMitgliederndeseikonesGraduierten-Kollegs,den MitgliederndesLehrstuhl-KolloquiumsvonGunnarHindrichs,derStrassburger GroupedeLecturesowiedenStudierendenmeinerSeminare.
MeinbesondererDankgiltAndrejPeterundGinoMargani,dereneigene ForschungensichmitvielenGedankendieserUntersuchungberühren,unddie derenersteFassunggelesenhaben.IchhättemirkeineverständigerenerstenLeser meinerArbeitwünschenkönnen.
OhnedenBeistand,dieGeduldunddenHalt,denmirOliviaTochtermann währenddieserJahregewährthat,wäredieseArbeitnichtzustandegekommen. IhrgiltmeingrößterDank.
EinephilosophischeUntersuchungdesDenkensunterscheidetsichvonanderenUntersuchungendesselbenGegenstandesdadurch,dassvomphilosophischen StandpunktausderBegriffdesDenkensvorallemdadurchbestimmtist,dass DenkenWelterfasst.DieseBestimmungdrücktkeineTheseaus:Siehältfest,was einePhilosophinmeint,wennsievom«Denken»spricht.Dassessichbeidieser BestimmungdesDenkensnichtumeineThesehandelt,liegtanderphilosophischenVerwendungsweisedesWortes«Welt»:«Welt»bezeichnetindiesemZusammenhangnichtmehralsdas,wasmanerfasst,wennmandenkt.Soschliessen sichdieBestimmungendieserbeidenBegriffezueinemKreiszusammen,indem dereineaufdenjeweilsanderenverweist.
FüreinenwichtigenTeilderphilosophischenTraditionwaresdahereine Selbstverständlichkeit,dasseineUntersuchungderFormendesDenkensnicht ohneeineUntersuchungderFormendesSeiendenauskommenkönne,wieauch umgekehrt.MancheVertreterdieserTraditionhieltensogarbeidesfüreinund dieselbeUntersuchung.AuchinunsererZeiterscheinenphilosophischeAbhandlungen,derenTiteldaraufhindeuten,dassihreVerfasserDenkenundWeltals wechselseitigaufeinanderbezogeneGrössenverstehenmöchten:MandenkebeispielsweiseanTitelwie MindandWorld 1 , DasAbsoluteunddasSubjekt 2 , Thinking andBeing 3,oderauch WordandObject 4 .
SpätestensseitKantistmitderebenbeschriebenenBestimmungvonDenken undWelteinphilosophischesProblemverknüpft:dasProblemdesSelbstbewusstseins.InseinereinfachstenundabstraktestenFormulierunglautetdiesesProblem folgendermassen:Denkenistdas,wasWelterfasst.DieWeltistdieGesamtheit derTatsachen.DenkenistkeineTeilmengederGesamtheitderTatsachen,sonderndas,wasdieGesamtheitderTatsachenerfasst.DenkenistalsokeinTeilder
1 McDowell, MindandWorld.
2 Hindrichs, DasAbsoluteunddasSubjekt
3 Kimhi, ThinkingandBeing .
4 Quine, Word&Object .
Welt.WennWeltdasist,wasmandenkenderfassenkann,istesunmöglich,das Denkendenkendzuerfassen.WieistalsoSelbstbewusstseinmöglich?
DievorliegendeUntersuchungwidmetsichdemProblemdesSelbstbewusstseinsineinerseinerGestalten.
Esistumstritten,obessichbeidemebenformuliertenProblemdesSelbstbewusstseinstatsächlichumeinProblemodernichteherumeinScheinproblem handelt.DieRedevon«Denken»und«Welt»,inderbeideBegriffealskorrelierte Grösseneinandergegenübergestelltwerden,istinVerrufgeraten.Siestehtnicht erstseitjüngererZeitinVerdacht,AusdruckeinerhypertrophenVorstellungeines Subjektszusein,dassichdieWeltgegenüberstellt,sienachderMassgabeseines DenkensformtundsichselbstbeidiesemUnterfangenausderWelthinauskatapultiert.NichtwenigeerkannteninderphilosophischenPhantasieeineszeitlosen, weltentrücktenSubjektsdasKindeinerbestimmtenhistorischenEpoche.HeideggerbeschriebdieseEpochealsdie«ZeitdesWeltbildes». 5
EinerverbreitetenErzählungzufolgeführte,nebendemEinflussHeideggers undandererFiguren,eineeinschneidendephilosophiegeschichtlicheWendeam Beginndes20.JahrhundertszueinerAbkehrvonderSubjektphilosophieundder FragenachdemSelbstbewusstsein:DieHinwendungzurSprache,der linguistic turn,holtedasSubjektausseinemtranszendentalenJenseitszurückindieWelt undindenWirbelvonNatur,GeschichteundGesellschaft.Die«Entdeckung» dersprachlichenVerfasstheitdesDenkensschiendasDenkenwiederinderirdischenSphärezuverankern.SobeschreibtHabermasdenÜbergangvonSubjektphilosophiezuSprachphilosophiealseinen«Paradigmenwechsel»,der«eine de-transzendentalisierendeEinbettungdesweltenthobenenSubjektsinGeschichte,KulturundGesellschaftinGanggesetzthabe.» 6 DieHinwendungzursprachlichenGestaltdesGedankenswurdezurInitialzündungderneuaufkommenden DisziplinenderGeistes-undKulturwissenschaften,fürdiesichmitdemProjekt derHistorisierungdesDenkenseinneuer«wissenschaftlicherObjektbereich» 7 auftat.
EsistdieAbsichtdervorliegendenUntersuchung,dieseErzählungzukorrigieren.Einanderes,besseresVerständnisdavon,wasesmitderWendezurSpracheaufsichhat,sollaufdenfolgendenSeitendargelegtwerden:DieWendezur SpracheistnichtaufzufassenalseineAbwendungvomProblemdesSelbstbewusstseins,sondernalsdessenVertiefung.
5 Heidegger,«ZeitdesWeltbildes».
6 Habermas, AucheineGeschichtederPhilosophie,S.33.
7 Ebd.,S.33.
ZudiesemZweckkommtdieseArbeitnochmalsaufdasWerkLudwigWittgensteinszurück.WittgensteinkommtinderbeschriebenenErzählung,wiein derGeschichtedersprachanalytischenPhilosophieallgemein,eineSchlüsselrolle zu.Gelingtes,unserUrteildarüber,welcheLektionenausseinemWerkzuziehen sind,zurevidieren,wärevielgewonnen.
IndenAugenvielerdrängteWittgensteinwiekaumeinandererdiePhilosophieinRichtungSprache,unddamitwegvonihrentraditionellenFragestellungen.SeinKonzeptdes Sprachspiels schiendiesprachlicheWendenocheine Kurveweiterzudrehen.DieIdeedesSprachspielsdehntedieGrenzenderSpracheweitaus:Mit Sprache warnunnichtmehrnurdieVerwendungvonZeichen gemeint,sondern Sprache erweitertesichaufverschiedenstemenschlichePraktikenundrückteschliesslichdenBegriffder Lebensform alsdenHorizontsämtlichermenschlicherPraktikenindenBlick.Die«WittgensteinianischeMethode» schaffteessogarbisindieBereichederEthnologieundderkomparativenAnthropologie,womansiezurvergleichendenBeschreibungvonPraktikenverschiedenerhistorischer«Lebensformen»oder«Kulturen»anwendet. 8
DieAuffassung,WittgensteinkommedasVerdienstzu,demabstrakten,un-irdischen«Ichdenke»inderbuntenVielfaltderLebensformeneinneuesZuhause gegebenzuhaben,isteinseitig,umnichtzusagen,fehlgeleitet.EsgehtindieserArbeitdarum,diesemVerständnisderLehreWittgensteins,unddamitseiner Rollefürden linguisticturn,eineAlternativeentgegenzustellen.
WittgensteinsDenkenistvonFragengeprägt,dieihnmitderphilosophischenTraditionverbinden.Daszusagen,bedeutetnicht,dassmitWittgensteins nichtsNeuesindiePhilosophieeingetretenwäre.DieSprachegewinntinWittgensteinsWerkeineBedeutung,diesiebisdahininderGeschichtederPhilosophienichthatte.Umaberzuverstehen,wasmitderWendezurSprachetatsächlichNeuesgeschieht,gilteszuerstsorgfältigzuprüfen,wasWittgensteinmitder philosophischenTraditionteilt.
DieThesedieserArbeitist,dassWittgensteindasProblemdesSelbstbewusstseinsvonseinenVorgängernerbt.BeiKantundFregestelltesichdasProblemdesSelbstbewusstseinsinGestaltderFrage,wieeseineWissenschaftvom Denkengebenkönne.
Kanthatteargumentiert,dassderformaleGegenstandwissenschaftlicher Beschreibungdiesinnlicherfahrbare,kausal-gesetzlichverfassteGesamtheitder
8 MeinKollegeGeirrLindenmachtemichdaraufaufmerksam,dassWittgensteinauchinder ErforschungderLebensformderaltenÄgyptereineReferenzdarstellt:Vgl.Davis, AGeneral TheoryofVisualCulture,S.278ff.
Tatsachensei.DavonschienihmderdenkendeVerstandnichteinfacheinweitererTeilbereichzusein–fürKantdeshalb,weilderdenkendeVerstanddieQuelle derjenigenFormenist,nachdenendieGesamtheitderTatsachenverfasstist.Eine WissenschaftvomDenkenimSinneeiner empirischen PsychologiewärefürKant daherWissenschaftohneGegenstandgewesen.Eine rationale Psychologiedagegen,dievomDenkenalsetwasjenseitsderTatsachenhandelte,hätte,weilihr Gegenstandeinübersinnlicherwäre,denCharaktereinerWissenschaftverloren.
IneineranderenWeisestelltesichdasselbeProblemfürFrege:Fregeunterschiedzwischenden«GesetzendesWahrseins»undden«GesetzendesFürwahrhaltens.» 9 DieempirischeWissenschaftderPsychologiebeschäftigtsichfürFrege mitDenkgesetzenimzweitenSinne.SiebeschreibteinenbesonderenAusschnitt derWirklichkeit;werunterwelchenUmständenwas fürwahrhält.DieLogikhingegen,diedieGesetzedes Wahrseins untersucht,hatkeinenbesonderenGegenstandsbereich.Sieistdaherkeine Wissenschaft inderWeise,wiediePsychologie, dieBiologieoderdiePhysikWissenschaftensind.DenndieLogikentfaltetdiejenigenGesetze,dieüberalldagelten,«woüberhauptgedachtwird.» 10
FürKantundfürFregewareseine echte Frage,wieDenkenzumGegenstand einerwissenschaftlichenUntersuchungunddamiteinGegenstandfürsichselbst werdenkönne.DieseArbeitwilldafürargumentieren,dassWittgensteindiese FragefesthältundaufdemFeldderSprachefortschreibt.Inihrereinfachstenund abstraktestenFormlautetdieseFrage:WiekönnenwirüberSprachesprechen? IchmöchtediesdieFragenachdemsprachlichenSelbstbewusstseinnennen.
UmdieseFragezuuntersuchen,widmetdieseArbeitWittgensteinsFrühwerk, dem Tractatuslogico-philosophicus,eineeingehendeBetrachtung.Daskannim ZusammenhangdergenanntenFragestellungüberraschen:Somangeltesdoch diesemFrühwerkdersprachanalytischenPhilosophiescheinbarandemnötigen begrifflichenInstrumentarium,umdasPhänomendesSprechensüberSprache nachgegenwärtigenMassstäbenangemessenbeschreibenzukönnen.SoistbeispielsweisediedurchAlfredTarskipopulärgemachteUnterscheidungzwischen einerzuuntersuchendenObjektspracheundeinerMetasprache,inderdieUntersuchungverfasstist,im Tractatus absent.AnstattdarineineKinderkrankheit derfrühensprachanalytischenPhilosophiezusehen,möchteichvorschlagen,hier dasbesonderephilosophischePotenzial,möglicherweiseeinephilosophischeEinsicht,vonWittgensteinsPositionzusuchen.DerspeziellemethodischeZugvon
9 Frege, GrundgesetzederArithmetik,S.XVI.
10 Ebd.,S.XV.
WittgensteinsÜberlegungenliegtdarin,dassseineTheoriederSprachedenCharaktereinerSelbstaufklärunghat:IneinerUntersuchung,beidereskeineUnterscheidungzwischenObjekt-undMetasprachegibt,istdieuntersuchteSprache zugleich meine Sprache–«dieSprache,diealleinichverstehe.» 11
Wittgensteins Tractatus isteinBuchüberGrenzen,wieauchüberunsere VorstellungenundphilosophischenPhantasienvonGrenzen.DieGrenze,umdie esindiesemBuchgeht,istdieGrenzederSprache:dieGrenzezwischendem,was sichsagenlässt,unddem,wassichnichtsagenlässt.
DieseGrenzezuziehen,kannVerschiedenesheissen:Eskannheissen,dass mandieallgemeineFormwahrheitsfähigerSätzeartikuliertunddamitdenBereichdeswissenschaftlichSagbarendefiniert.EntlangdieserLinieexistierenbereitseineReihevonLesarten,dieden Tractatus ineinekantianischeTradition stellen. 12 SowieKantdemWisseneineGrenzegezogenhatte,indemerdieBedingungenderMöglichkeitvonErfahrungbeschrieb,sobegrenztWittgensteindas, wassichsagenlässt,indemerdieBedingungenderMöglichkeitwahrheitsfähiger Redeexplizierte.
DieseArbeitsuchtdaskantischeErbeWittgensteinsaneineranderenStelle.DieGrenze,umdieesimFolgendengehensoll,istnichtdietranszendentale GrenzeimSinnederBedingungderMöglichkeitwahrheitsfähigerSätze.StattdessengehtesumdieGrenzederSprache,diesichzeigtimVersuch,sichüberdie BedeutungderAusdrückedereigenenSpracheaufzuklären.IneinerBemerkung ausden1930ernschreibtWittgenstein:
DieGrenzederSprachezeigtsichinderUnmöglichkeit,dieTatsachezubeschreiben,die einemSatzentspricht(seineÜbersetzungist),ohneebendenSatzzuwiederholen.(Es handeltsichhierbeiumdieKantischeLösungdesProblemsderPhilosophie.) 13
Esistbemerkenswert,dassWittgensteinhiervonKants Lösung spricht:DievorliegendeArbeitwirdvorallemdamitbeschäftigtsein,das Problem zuentfalten. AberwarumverbindetWittgensteineinesolcheIdeeeinerGrenzederSprache überhauptmitKant?DieseArbeitwirddafürargumentieren,dassWittgenstein inseinemNachdenkenüberdieBedeutungsprachlicherAusdrückeeinenWiedergängervonKantsSelbstbewusstseinsproblemerkannte.DieAufklärungüber dieBedeutungderAusdrückedereigenenSpracheistimKerneinReflexionsproblem:KantsFrage,wieDenkensichselbstzumGegenstandhabenkönne,nimmt
11 Wittgenstein, TLP 5.62.Das«allein»beziehtsichauf«Sprache»,nichtauf«ich».Liesalso: «dieeinzigeSprache,dieichverstehe.»Vgl.Hintikka,«OnWittgenstein’s‹Solipsism›»wieauch schonRussell, IntroductiontoWittgenstein’s Tractatus.
12 BeginnendmitStenius, Wittgenstein’sTractatus bishinzuMoore,«TheBoundsofSense».
13 Wittgenstein, VB,S.463.
beiWittgensteindieGestaltderFragenachderMöglichkeiteinersemantischen Theoriean.
AndersalsfürvieleandereSprachtheoretikeristesfürWittgensteineineechteFrage,wieeineTheoriederBedeutungmöglichist.WirbegegneninWittgensteinsPhilosophieeinerVorstellungvonSprachealseinem Medium, 14 durchdas hindurchsichunsWelterschliesst.IneinemSinn,dendieseUntersuchungerläuternwird,hatfürWittgensteindiesesMediumderSprachedenCharakterder Transparenz.DieSätzemeinereigenenSprachesindfürmichkeinerAuslegung bedürftig:IhrSinnliegtfürmichunmittelbarzutage.Wieistesabermöglich,dass dastransparenteMediumderSpracheaneinemPunktselbstzumGegenstand meinesSprechenswerdenkann?
KantsFragenachderMöglichkeitvonSelbstbewusstseinwirdaufdieseWeise beiWittgensteinzurFragenachderMöglichkeiteinersemantischenTheorie.Die grundlegendesemantischeBeziehungzwischenSpracheundWeltbeschreibtder Tractatus so:
2.1WirmachenunsBildervonTatsachen.
DievorliegendeArbeitbestehtüberweiteTeileindemVersuchzurekonstruieren, wasdasheisst.
WittgensteinsBildtheoriederSprachewirdhäufigmissverstanden.Nichtseltenmeintman,dassWittgensteinetwasvonderfolgendenArtsagenmöchte:Die WeltbesteheausTatsachen,undeinigeTatsachenseienBilderandererTatsachen. DasGesamtderabbildendenTatsachenseidieSprache.DasVerhältnisvonSpracheundWeltlassesichalseineinnerweltlicheAngelegenheitbeschreiben,alseine Beziehung zwischen Tatsachen.
DiesesVerständnisvonWittgensteinsBildtheoriezäumtdasPferdvonhintenauf.DerVorschlag,derindervorliegendenArbeitunterbreitetwerdensoll, lässtsichdagegensoumreissen:DasswirunsBildervonTatsachenmachen,ist nichtnuralseineAussageüberdie Sätze unsererSprachezuverstehen;nämlich dasssieBildervonTatsachensind. EshandeltsichhierbeiebensoumeineAussageüberTatsachen:Tatsachenbegegnenuns,indemwirdurchBilderaufsieblicken.
Eine«realistische»Semantikhingegen,die Bedeutung alseineBeziehung zwischenTatsachenkonstruiert,sitzteinemnaivenTatsachenbegriffauf.WittgensteinlehntdasAnsinneneinersolchen«realistischen»Semantikab:DieBegriffe
14 DieRollederIdeedesMediumsinWittgensteins Tractatus erläutertNarboux,«Showing».
SelbstbewusstseinundTransparenz19 vonBildundTatsachewerdenim Tractatus inwechselseitigerAbhängigkeitvoneinanderbestimmt.Dasmachtden Tractatus zueinemherausforderndenText. ManfindetinihmnichteinenfestenAusgangspunkt,vondemausgehendsich einesemantischeTheoriekonstruierenliesse:Das,waszunächstwieeinsolcher Ausgangspunkterscheint–dieWeltderTatsachen–wirdimLaufedesBuches selbstaufseineVoraussetzungenhingeprüft.
EinSchlüsselbegriffzurErläuterungdesVerhältnisseszwischenBildund TatsacheistderbereitserwähnteBegriffder Transparenz.DiePointevonWittgensteinsBildtheorieistnachderhiervertretenenLesart,dasswir durch einBild hindurch dieabgebildeteTatsacheerkennen.IngleicherWeiseisteinSatztransparentinBezugaufseinenSinn.
IchmöchteindieserArbeitzeigen,dassdieIdeederTransparenzimZentrumvonWittgensteinsNachdenkenüberdasVerhältnisvonSpracheundWelt steht.DieseIdeeisteinJanuskopf.Einerseitsistsiegeeignet,vorphilosophischen Abwegenzubewahren,aufdiemanzugeratendroht,wennmansichfragt,wie sichWirklichkeitinSprachefassenlässt.AufdieseWeisehatdieMetapherder Transparenz–gutwittgensteinianisch,wiemanmeinenkönnte–einetherapeutischeFunktion.Siehältdavonab,sichinphilosophischenScheinfragenzuverstricken.Andererseits,unddasistdervermutlichwichtigereAspektfürdieseArbeit, wirftdieIdeedertransparentenSpracheeine echte philosophischeSchwierigkeit auf:das«ProblemsprachlichenSelbstbewusstseins».
Im Tractatus fälltderAusdruck«sprachlichesSelbstbewusstsein»ankeiner Stelle;esistnochnichteinmalvon«Selbstbewusstsein»dieRede.Nichtsdestotrotzmöchteichzeigen,dassdasBuchaufdasProblemsprachlichenSelbstbewusstseinsabzielt.DieIdeederTransparenzistunmittelbarverbundenmitder FragederReflexion:ImDurchgangdurchWittgensteinsBildtheoriestehtamEndedieFrage,wieeseinBewusstseindavongebenkann,dasseseinBildgibt,durch dashindurchmandieTatsachesieht.Wiekanndas,wasseinerNaturnachtransparentist,sichtbarwerden?Wiesehenwir dasBild?
DieTransparenzderSprachewirftsomiteinReflexionsproblemauf:Wiekann dasdurchscheinendeMediumderSprachesichselbstzumThemawerden?Esist wichtig,zubetonen,dassinphilosophischenTheoriendesSelbstbewusstseinsdie MetapherderTransparenzauchnochaufeineganzandereWeiseverwendetwird: Transparenzdientnichtnur,wieebenerläutert,derBeschreibungeines sprachlichen Phänomens,sondernebensoderBeschreibungeines epistemischen Phänomens.Das«Transparenz-Prinzip»wurdeinjüngererZeitvonMatthewBoyle undRichardMoranalseinCharakteristikumvonSelbstbewusstseinbeschrieben, diesichinihrenÜberlegungen,überGarethEvans,wiederumaufWittgenstein
beziehen. 15 IchwerdeangeeigneterStelleeingehenderdieunterschiedlicheVerwendungderTransparenz-MetapherimsprachlichenundimepistemischenKontextbeleuchten(vgl.Abschnitt2.1.4).VorablässtsichdazuFolgendessagen:Das Transparenz-PrinzipwirdvondengenanntenAutoreneingeführt,umeinspezifischesepistemischesProblembezüglichdesWissensumdieeigenenmentalen Zustände(ÜberzeugungenundAbsichten)zudemystifizieren.DasProblemlautet:Wieistesmöglich,dassichimFalleeinerbestimmtenPerson,nämlichmir selbst,WissenüberdieÜberzeugungenundAbsichtendieserPersonhabe,ohne diesePerson beobachtet zuhaben?MitanderenWorten:Wieistesmöglich,dass ichvonmirselbstweiss,wasichglaubeundwasichbeabsichtige,ohnedassich dafüreineEvidenzbräuchte,wieesimFallederÜberzeugungenundAbsichten eineranderenPersonderFallwäre?DasTransparenz-PrinzipsolldiesesProblem lösen.GemässdiesemPrinzipisteseinCharakteristikumvonSelbstbewusstsein, dassjemand,umherauszufinden,welcheÜberzeugungenerodersieübereinen Sachverhalthat,sichdiesemSachverhaltselbstzuwendet,anstattineinerIntrospektiondieeigenenmentalenEinstellungenzuuntersuchen.Kurzgesagt:Um herauszufinden, obichglaube,dassesregnet,prüfeich, obesregnet.
DieRedevonderTransparenzrührtnundaher,dassmanzwareinerseitsdabeibleibt,dassessichbeiderFrage,obichglaube,dass p,undderFrage,ob p,um zweiverschiedeneFragenhandelt,diegrundsätzlichauchverschiedeneAntwortenhabenkönnen.DochobwohleszweiverschiedeneFragensind,wendeich, inderPerspektivedererstenPersonPräsens, dieselbenVerfahrenundMethoden an,umdiebeidenFragenzubeantworten.IndiesemSinneistdieFrage,diemeinenBewusstseinszustandbetrifft, transparent inBezugaufdieFrage,dieeinen Weltzustandbetrifft.
DiesesTransparenz-Prinziphateineanti-KartesianischeStossrichtung: WährendgemässeinerDescarteszugeschriebenenAuffassungSelbstbewusstsein nachdemModellderintrospektivenBeobachtungkonstruiertwird,betontdas Transparenz-PrinzipdenBlick«nachaussen».SelbstbewusstseinsollnichtverstandenwerdenalsdasBewusstseinvoneinemprivaten Ego,sondernalseinCharakteristikumweltbezogenerUrteileundHandlungen.
Esistoffensichtlich,dassdieepistemischeVerwendungderTransparenzMetaphereineandereistalsdiesprachliche.ImeinenFallgehtesumBewusstseinszuständeinihremVerhältniszuihrenintentionalenObjekten,imanderen FallumSätzeinihremVerhältniszudeminihnenausgedrücktenSinn.Dennoch lassensichParallelenausmachen.InbeidenFällenscheintsichsoetwaswieein Reflexionsproblemanzudeuten.EsgibtinbeidenFällenscheinbaretwasvonder ArteinesdurchscheinendenMediums,imeinenFalldasBewusstsein,imanderen
15 Vgl.Moran, AuthorityandEstrangement ;Boyle,«TransparencyandReflection»;Evans, TheVarietiesofReference.