Sebastian Castellio zwischen Mittelalter, Reformation und Humanismus Wie entwickelte Sebastian Castellio seine zukunftsträchtigen Toleranzideen – zu einer Zeit, als Muslime und Juden verteufelt und dissidente Christen als «Ketzer» vertrieben und hingerichtet wurden? Dem geht Christine Christ-von Wedel mit einem ungewöhnlichen Zugang nach: Mit Blick auf die Skulpturenkunst des Basler Münsters beleuchtet sie die mittelalterliche Tradition, in der der begabte Bauern-
Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft 7 Christine Christ-von Wedel
Sebastian Castellio zwischen Mittelalter, Reformation und Humanismus Eine Darstellung seiner Toleranzideen im Dialog mit Figuren des Basler Münsters
sohn Castellio aufwuchs. Eingängig erörtert die Autorin die philosophisch-theologischen Hintergründe von Castellios toleranter Lebenshaltung, die er anders als Luther und Calvin auch durchhielt, nachdem ihm und seinem Umfeld sein Ruf zu Gewissens- und Religionsfreiheit und zu einem menschlichen Umgang nichts nützte. Sogar, als sie ihn persönlich in Gefahr brachte, selbst als «Ketzer» zu enden, blieb er bei seiner Haltung.
Christine Christ-von Wedel
Christine Christ-von Wedel studierte von 1968 bis 1971 Geschichte, Philosophie und Kirchengeschichte an der Philosophischen und der Theologischen Fakultät der Universität Basel sowie Gesang an der Musikakademie Basel. 1979 wurde sie mit einer Dissertation über Erasmus von Rotterdam promoviert. Ihren Forschungsschwerpunkt bilden Humanismus und Reformation; 2015 erhielt sie den Wissenschaftspreis der Stadt Basel.
Sebastian Castellio: Humanismus
SICG 7
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I S B N 978-3-7965-5587-9
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783796 555879
Freiheit des Denkens.
Sebastian Castellio in Basel
Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft Herausgegeben vom Vorstand der Internationalen Castellio Gesellschaft Konzeption und Redaktion: Prof. Dr. Brigitte Hilmer Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. David Amherdt Dr. Christine Christ-von Wedel Prof. Dr. Mariano Delgado Prof. Dr. Henriette Harich Dr. Peter Litwan Prof. Dr. Barbara Mahlmann-Bauer Dr. Uwe Plath Prof. Dr. Seraina Plotke †
Band 7
Christine Christ-von Wedel
Sebastian Castellio zwischen Mittelalter, Reformation und Humanismus Eine Darstellung seiner Toleranzideen im Dialog mit Figuren des Basler Münsters
Schwabe Verlag
Die Publikation wurde durch den Swisslos-Fonds Basel-Stadt gefördert. Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, B asel
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Meinem lieben Ehemann
Inhalt
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
Kapitel I: Pyramus und Thisbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Ovids Metamorphosen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
30
Das Hohe Lied und die allegorische S chriftauslegung . .
33
Castellio übersetzt das Hohe Lied als Liebeslied im Stile Catulls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
35
Castellio verzichtet weitgehend auf Allegorien . . . . . . . .
38
Castellios Psalmenauslegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39
Kapitel II: Das keusche Kaiserpaar und der Verführer mit der törichten Frau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
45
Castellios Umgang mit antiken Texten und mit dem mittelalterlichen Keuschheitsideal . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
46
Ehe und Moral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
48
Die kinderlose Ehe von Heinrich und Kunigunde . . . . . .
50
Die kinderreichen Ehen Castellios . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
Castellios ernste, aber weltzugewandte Frömmigkeit und seine Lust an Scherzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
55
Kapitel III: Der heilige Georg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
Das Buch Hiob und die Elefanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65
Drachen, Dämonen und Wasserspeier . . . . . . . . . . . . . . . .
69
Das natürliche Recht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
75
Rechtfertigungslehre und Prädestination bei Augustinus
80 7
Kapitel IV: Jakobus der Ältere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
85
Natürliches Recht und Erwählung bei Thomas von Aquin, Luther und Erasmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
86
Die Erwählungslehre in Castellios Dialogi quatuor . . . . .
92
Die Gelehrten, die Verkehrten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
97
Die wunderbare Schöpfung Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
98
Gott rettet die Menschheit in Jesus Christus . . . . . . . . . . .
101
Gottes Ehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
102
Heilsgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
105
Glaube ohne Werke ist tot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
108
Die Argumenta der Perna-Bibel von 1573 . . . . . . . . . . . . . .
112
Kapitel V: Der heilige Martin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
121
De haereticis an sint persequendi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
125
Häretikerverfolgung und Märtyrerkult in den christlichen Kirchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
130
Kapitel VI: Die Vincentiustafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
135
Castellios bisweilen unerwarteter Umgang mit Traditionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
139
Luther, Brenz und Calvin in Castellios T oleranzschrift .
143
Das Gewissen bei Castellio, Luther und Calvin . . . . . . . . .
150
Die Grenzen der menschlichen E rkenntnisfähigkeit . . .
159
Die Würde des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
162
Castellio trotzt den Gefahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
165
Kapitel VII: Die Archivolten des Westportals . . . . . . . . .
169
Die Sibyllen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
171
Das Paradies und Gottes ewige Gerechtigkeit . . . . . . . . . .
173
Vernunft und Glaube . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
178
8
Kapitel VIII: Die Aposteltafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
187
Eine „nüchterne“ Logostheologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
188
Die Trinitätslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
192
Dialog als Form . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
194
Das Dasein Gottes erweisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
195
Gottes Gerechtigkeit angesichts des Elendes in der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
198
Freunde aus verschiedenen Lagern . . . . . . . . . . . . . . . . . .
201
Die Täuferproblematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
215
Kapitel IX: Die Könige am Georgsturm . . . . . . . . . . . . . .
221
Der Conseil à la France désolée . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
224
Hugenottenverfolgung und Versuche, Frankreich zu befrieden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
225
Warum schreibt Castellio den Conseil? . . . . . . . . . . . . . . . .
230
Castellio vertieft und verdeutlicht seine G edankenwelt: Die Kunst des Zweifelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
238
Glauben und Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
240
Den Kontext beachten und sich die Grenzen des eigenen Wissens eingestehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
242
Die späten Früchte von Castellios Schriften . . . . . . . . . . .
245
Zum Beschluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
249
Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
255
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
277
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Orte, Personen und Sachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibelstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
279 279 286
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Dank
Ein solches Buch fällt nicht vom Himmel. Ohne einsatzbereite Menschen, auf deren Hilfe ich glaubte, zählen zu dürfen, hätte ich es nicht in Angriff genommen. Sie haben meine Erwartungen nicht enttäuscht und mich mit ihrer Freundschaft und ihren Kompetenzen unterstützt. Da ist der Beistand meiner Familie, des Teams der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel und zahlreicher Kollegen und Kolleginnen zu nennen. Mit ihnen konnte ich mich austauschen. Sie lasen voraus, korrigierten mich und regten mich an. Namentlich nennen möchte ich: Benedict Christ, Heinrich Christ, Hieronymus Christ, Yvonne Häfner, Charlotte Litwan, Noah Regenass, Erika Rummel, Stefania Salvadori, Rainer Schweizer, Dorothea Schwinn, Martin Steinmann, Henning v. Wedel, Renate Würsch und Rolf Zaugg. Dazu treten die wissenschaftlichen Beiräte der Internationalen Castellio Gesellschaft, in deren Reihe, für die Brigitte Hilmer zuständig ist, das Werk erscheint. Aus dem Beirat haben das Werk vorab begutachtet und wichtige Ratschläge gegeben: Mariano Delgado, Peter Litwan, Barbara Mahlmann-Bauer und Uwe Plath. Ihnen allen sei herzlich für ihren bedeutenden Anteil am Gelingen gedankt. Auch danke ich dem Schwabe Verlag, insbesondere der Verlagslektorin Arlette Neumann und der Bearbeiterin Ruth Vachek sowie der Leiterin Susanne Franzkeit, die mich bestärkte, die ungewöhnliche Idee, Castellio mit dem Basler Münster in Zusammenhang zu bringen, in die Tat umzusetzen, und nicht zuletzt der Müns11
terbauhütte mit Haiggi Baumgartner für das Bereitstellen und Überlassen der Bilder. Auch haben die Berta Hess-Cohn Stiftung und der Swisslos-Fonds Basel-Stadt die Publikation großzügig unterstützt. Auch ihnen sei herzlich gedankt.
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Prüfet alles und behaltet das Gute! Paulus von Tarsus, 1. Thess 5,21
Einführung
Dass Sebastian Castellio (1515–1563) nicht seinen Verdiensten nach gewürdigt wurde und sogar verarmt Hunger gelitten habe, nannte Michel de Montaigne (1533–1592), der berühmte Essayist und Philosoph, eine große Schande seines Jahrhunderts.1 Castellio hat zwar, wenn überhaupt, nur kurz gehungert, wie unlängst nachgewiesen wurde.2 Aber auch heute wird sein Leben nicht nach seinen Verdiensten gewürdigt. Denn er ist nach wie vor den meisten Menschen ein Unbekannter. Nur in seinem Heimatort Saint-Martin-du-Frêne in Savoyen wird die Erinnerung an ihn lebendig gehalten. In der Schweiz, wo er einst gewirkt hatte, verweilen allenfalls einige vor seiner Büste in Vandœuvres bei Genf, wo er einige Jahre lang predigte, oder sie bleiben bei einem Spaziergang in Basel vor der Castellio tafel andächtig stehen, einer Bronzetafel, die sein Bildnis zeigt. Sie hängt halb versteckt im St. Albanfriedhof und wurde aus privater Initiative zu seinem 500. Geburtstag geschaffen. Dort können Verweilende ein Zitat von ihm lesen: „Einen Menschen töten, heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“3 Diese Erkenntnis hat auch heute angesichts vieler Justizmorde und politischer Verurteilungen unter oft faden scheinigsten, vermeintlich aber wichtigen Gründen nichts an
1 2 3
Montaigne [1580], 344 (345), vgl. Guggisberg (1997), 48. Litwan (2026). Castellio (1612), E1v (= Art. 77).
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Aktualität eingebüßt. Castellio wandte sich damit in der Mitte des 16. Jahrhunderts gegen grausame Folterungen und Verbrennungen von Häretikern, die nichts anderes begangen hatten, als in ihren religiösen Überzeugungen von der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft abzuweichen. Sie folgten lieber dem, was sie als Wahrheit zu erkennen glaubten, als aus Furcht vor den Mächtigen gegen ihr Gewissen zu handeln. Auch Castellio selbst folgte mutig seinem Gewissen. Zwar blieben ihm Marter und Hinrichtung erspart, aber Intoleranz, hinterhältige Hetze sowie verletzende Verleumdungen vertrieben ihn aus Genf und verdunkelten ihm sein Leben. Die Angriffe kosteten ihn Zeit und zehrten an seiner Kraft – und sie brachten die Nachwelt wohl um weitere bedeutende Werke, die er statt aufreibender Verteidigungsschriften hätte verfassen können. Aber was er bis zu seinem Tod mit 48 Jahren trotz aller Widrigkeiten verfassen konnte, das erlangte „welthistorische“ Bedeutung, so Hans Rudolf Guggisberg, sein bedeutendster deutschsprachiger Biograph.4 1515 kam Sebastian Castellio als Bauernsohn in einem kleinen savoyardischen Dorf zur Welt. Das war ein Jahr, bevor der Bibelhumanist Erasmus von Rotterdam (um 1466–1536) sein griechisch-lateinisches Neues Testament herausbrachte, und zwei Jahre, bevor der Reformator Martin Luther (1483–1546) seine 95 Thesen verfasste. Castellio hat in seiner Jugend einen gewaltigen Umbruch im Denken und Glauben miterlebt, einen religiösen Umbruch, der politisch aufgeheizt mehr und mehr in ein blutiges Ringen der Mächtigen und auch der Ohnmächtigen ausartete. Während die französische Krone und die Habsburger in verheerenden Kriegen um die Vorherrschaft in Europa kämpften, drangen die Osmanen nach Westen vor. Bauern kämpften für neue Freiheiten und in den Städten pochten die 4
16
Guggisberg (1979), 49–54, bes. 54.
Zünfte auf mehr Mitsprache, während Pestwellen Europa in Schrecken versetzten. Große Handelshäuser und Banken beherrschten einen durch die Entdeckung Amerikas und besserer Handelswege neu erweiterten Wirtschaftsraum. Das alles schuf bedrohliche Unsicherheiten, und die Kurie in Rom, selbst in Machtkämpfe verstrickt, fand keine Antworten auf die Not. Sie öffnete sich dem Humanismus, aber nicht den neuen theologischen Vorstellungen eines Martin Luther oder eines Huldrych Zwingli (1484–1531) und auch später nicht denen des jüngeren Reformators Johannes Calvin (1509–1564). An den Universitäten tobte ein heftiger Streit zwischen den traditionellen Scholastikern und modernen Humanisten. Viele Humanisten sahen zunächst in den reformatorischen Anführern Verbündete, etliche aber, wie Erasmus von Rotterdam, distanzierten sich bald mehr und mehr, als die reformatorischen Bewegungen extremer, politisch einflussreich und zugleich immer unduldsamer wurden. Unduldsamkeit wurde mehr und mehr zu einem Merkmal der Zeit. Die christlichen Konfessionen, selbst in blutige Glaubenskämpfe untereinander verstrickt, verteufelten gemeinsam Juden sowie Muslime, und unliebsame Nachbarn wurden als Zauberer und Hexen denunziert. Die Scheiterhaufen brannten. Der junge Bauernsohn Sebastian Castellio5 aus Savoyen schloss sich, als er mit zwanzig Jahren in der Druckerstadt Lyon lebte, begeistert humanistischen Zirkeln an und verschaffte sich mit seinem wachen Verstand und seiner hohen Sprachbegabung schnell Achtung. Offenbar kam er auch mit reformatorischen Kreisen in Verbindung, jedenfalls floh er, als 1540 5
Für die allgemeinen nun folgenden gut erforschten biographischen Anga-
ben verweise ich neben Guggisbergs Studie von 1997 auf: Ferdinand Buisson, 2 Bde., [Erstdruck 1892], 2. Aufl. Nieuwkoop 1964, Neudruck Genf 2010, und für einen kürzeren Überblick auf Uwe Plath (2020) sowie für weiterführende Lite ratur überhaupt auf die ausführliche Bibliographie in: Castellios Neuedition von De haereticis (2024).
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die römische Inquisition in Lyon aktiv wurde, ins protestantische Straßburg. Dort lernte er Johannes Calvin kennen, der damals noch als Pfarrer der französischsprachigen Flüchtlings gemeinde wirkte. Calvin hatte sich mit seiner 1536 erschienenen Erstfassung der Institutio als ein gelehrter Theologe ausgewiesen. Er beherbergte, wie viele Gelehrte auch, Pensionäre in seinem Haushalt, so auch Castellio, ihn allerdings nur für einige Tage. Der junge Savoyarde blieb ein Jahr lang in Straßburg und konnte dann das Rektorat an der Lateinschule in Genf übernehmen, drei Monate bevor Calvin in die Rhonestadt zurückkehrte. Am Collège de Rive schuf Castellio seine ersten Dialogi sacri, biblische Dialoge, die bis weit ins 18. Jahrhundert hinein in Europa als Lateinlehrbuch genutzt wurden. Ebenfalls für die Jugend gedacht waren seine Bibelübersetzungen, die er bereits in Genf begann. Damit stellte er seine humanistische Bildung in den Dienst der biblischen Überlieferung. Über Übersetzungsfragen zu seiner französischen Version des Neuen Testamentes zerstritt er sich mit dem immer einflussreicher werdenden Calvin. Calvin war selbst an der französischen Bibel seines Verwandten, Pierre-Robert Olivétan (um 1505–1538), von 1535 beteiligt gewesen, und er feilte weiter für eine Neuedition an der Übersetzung, die später als Genfer Bibel bekannt wurde. Der Reformator verhinderte den Druck von Castellios Neuem Testament und bald auch Castellios Aufnahme ins Pfarrkollegium in Genf. Sogar die gefährliche Seelsorge am Pestspital, die keiner der Pfarrer übernehmen wollte, wurde ihm verwehrt. Castellio, so Calvin, sei theologisch unzuverlässig. Castellio, inzwischen verheiratet und Vater eines Kindes, verließ daraufhin die Rhonestadt und kam im Frühjahr 1545 nach Basel. Immerhin hatte Calvin ihm ein freundliches Empfehlungsschreiben mitgegeben. Der dreißigjährige Gelehrte immatrikulierte sich an der Universität und fand Arbeit beim 18
berühmten Humanistendrucker Johannes Oporin (1507–1568). Auch unterstützten ihn der mehrfache Rektor der Universität und hochgeachtete Rechtskonsulent Bonifacius Amerbach (1495–1562) sowie der bedeutendste Pädagoge im damaligen Basel, der Leiter des modernen Gymnasiums auf Burg, Thomas Platter (1499–1582). Beide vertrauten ihm ihre Söhne zum Unterricht an. In diesen ersten Jahren in Basel lebte Castellio mit seiner wachsenden Familie eher kümmerlich, denn sein Hauptarbeitgeber, der Drucker und Verleger Johannes Oporin, steckte selbst immer wieder in Geldsorgen und konnte seinem gelehrten Korrektor keine großen Gagen zahlen. Aber Castellio konnte bei ihm bedeutende eigene Werke herausbringen, so u. a. seine lateinische und seine inzwischen ganz übersetzte französische Bibel, eine neue kritische Ausgabe der Sibyllinischen Orakel6 und der Werke Xenophons.7 Der Familienvater war zu bescheiden, um Amerbach immer wieder um finanzielle Unterstützung anzugehen, darum kaschierte dieser Spenden aus dem Erasmuslegat, das er verwaltete, zuweilen als Geschenke an Castellios Frau zur Geburt eines ihrer Kinder.8 Sobald Castellio an der Universität seinen Magistergrad erworben hatte, erhielt er im Mai 1553 die nicht üppig, aber ordent lich dotierte Griechischprofessur, die er mit viel Zulauf bis zu seinem frühen Tod 1563 ausfüllte. Wenige Monate später, im Oktober 1553, wurde in Genf Michel Servet (1511–1553) wegen seiner von katholischer wie reformierter Lehre abweichenden theologischen Ideen als Ketzer verbrannt. Ein Aufschrei ging durch die humanistische Gelehrtenwelt. Castellio und seine Freunde glaubten, nicht schweigen zu dürfen. Sie verfassten einen Bericht über das grausame Martyrium des Spaniers, und
6 7 8
Vgl. unten Anm. 310. Steinmann (1967), bes. 48 f. und 54–56. AK, Bd. 6, 367 (Nr. 2891).
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nachdem Calvin auch noch in einer eiligen Publikation die Hinrichtung von Häretikern als notwendig und gottgewollt verteidigt hatte, gab Castellio 1554 sein Werk De haereticis an sint per sequendi (Ob Häretiker zu verbrennen seien?) heraus. Es wurde zu einer der bedeutendsten Toleranzschriften der Weltliteratur. Castellio versammelte darin – zum Teil unter Pseudonymen – eigene Beiträge und längere und kürzere Zitate von verschiedenen bekannten Autoren. Darunter reihte er frühe Toleranzforderungen von Luther und Calvin ein, obwohl er gut wusste, dass beide Reformatoren später nicht mehr bereit waren, Abweichler zu dulden. Oporin gab das Werk vorsichtshalber anonym mit falschem Druckort heraus. Aber in Genf wurde bald bekannt, wer dahinterstand, und nun glaubten Calvin und sein späterer Nachfolger Theodor Beza (1519–1605), Castellio selbst als Ketzer verleumden zu dürfen. Sie verdüsterten die letzten Lebensjahre des Gelehrten mit Intrigen und Streitschriften. Sie griffen seine Bibelübersetzungen mit ihren Erklärungen als irre führend, ja geradezu teuflisch an und schreckten nicht davor zurück, über einen Mittelsmann einen Ketzerprozess gegen ihn anzuzetteln. Bevor die Anklagen verhandelt werden konnten, starb Castellio, und der Rat verfolgte den Prozess nicht weiter. Viele der aufgerufenen Argumente, die Castellio in seiner Anthologie zur Toleranz unter eigenem oder fremden, aber auch unter echten Namen anerkannter Autoritäten gesammelt hatte, waren längst bekannt und wurden auch von anderen vertreten – allerdings oft nur, solange sie einer ausgegrenzten oder gar verfolgten Minderheit angehörten. Sobald sie selbst, wie die genannten Luther und Calvin, zu Repräsentanten einer mächtigen Religionsgemeinschaft aufstiegen, glaubten viele, um der höher zu wertenden „alleinigen Wahrheit“ und der „Ehre Gottes“ willen die Grundsätze von Milde und Toleranz aufgeben zu müssen und zu dürfen. Ein friedliches Zusammenleben in einem Gemeinwesen sei nur bei einem einheitlichen 20
Glauben und unter einem einheitlichen Recht zu gewährleisten, war die auch unter Politikern weitverbreitete Devise. Der Weg hin zu Gewissens-, Religions- und Kultusfreiheit war ein steiniger. Castellio hat ihn geebnet, nicht nur mit seiner bekanntesten Toleranzschrift De haereticis an sint persequendi und am Ende seines Lebens mit seinem Conseil à la France désolée (seinem Ratschlag für das geplagte Frankreich), sondern auch mit weiteren Schriften, die die Toleranzforderung theologisch und philosophisch untermauerten. Wichtige darunter konnten nur posthum erscheinen und ihre eigentliche Sprengkraft erst während und seit der Zeit der Aufklärung entwickeln. Mit Erfolg haben Calvin und Beza Castellios Ideen zunächst weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt, aber sie konnten ihn doch nicht ganz mund- bzw. buchtot machen. Bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erschienen einige seiner unterdrückten Werke, aber eine Breitenwirkung blieb ihnen lange verwehrt. Religionskriege und intoleranter Konfessionalismus beherrschten die frühe Neuzeit. Obwohl Castellio wusste, dass unter den gegebenen politischen Umständen eine Drucklegung von Werken, die eindeutig gegen Calvins Theologie gerichtet waren, vorerst nicht möglich war, nahm er sich dennoch die Zeit, neben seinen eigentlichen Verteidigungsschriften theologische Dialoge zu verfassen, die er wenigstens handschriftlich zirkulieren ließ. Er bestritt darin die reformatorische Prädestinationslehre, nach der die Erlösung oder Verdammnis der Menschen unabhängig von ihrem Zutun von Gott schon vorherbestimmt sei. Sie führe zusammen mit einem unkritischen Umgang mit den Bibeltexten zu Intoleranz. Seine letzte große, erst 1981 im Druck erschienene Schrift: De arte dubitandi et confidendi (Über die Kunst des Zweifelns und Glaubens) weist als Anleitung zu einer kritischen Bibellektüre weit über seine Zeit hinaus. Zudem betreute der Griechischprofessor für die Basler Druckpressen Editionen antiker Schrift21
steller und versah sie mit Vorworten und Kommentaren. Er gab Homer heraus, über den er an der Universität zu lesen hatte, sowie die berühmten griechischen Historiker Herodot, Diodor und Thukydides. Seine Ausgaben galten zu Recht ob ihrer Genauigkeit und kritisch-editorischen Sorgfalt als vorbildlich. Daneben erweiterte er sein Lateinlehrbuch, seine Dialogi sacri, und publizierte zwei Werke aus dem Spätmittelalter. Die im Original deutsch verfasste Theologia Deutsch aus dem 14. Jahrhundert, die Luther in Teilen erstmals 1516 und vollständig 1518 ediert hatte, übersetzte er 1557 ins Lateinische, und die Imitatio Christi des Thomas a Kempis (1380–1471), die 1539 von Leo Jud betreut im reformierten Zürich auf Deutsch erschienen war, überführte er 1563 aus dem mittelalterlichen „Küchenlatein“ in ein elegant ciceronisches Humanistenlatein. Die beiden Werke stammen aus verschiedenen Traditionen: Die Theologia Deutsch war im klösterlich-adligen Deutsch-Ritterorden entstanden, die Imita tio in der neu aufblühenden, bürgerlich niederländischen Kultur der devotio moderna mit ihrer verinnerlichten Frömmigkeit und ihren bedeutenden L ateinschulen. Die beiden je auf ihre Art von tiefer mittelalterlicher Frömmigkeit geprägten Werke, die eine Neugeburt in Christus propagierten und für Gottesliebe warben, belegen, wie sehr Castellio nicht nur unter humanistischem und reformatorischem Einfluss stand, sondern auch aus mittelalterlichen Traditionen schöpfte. Gemeinhin werden die beiden Werke, wenn überhaupt, unter dem Blickwinkel von echtem oder vermeintlichem spiritualistischem und mystischem Gedankengut mit Castellio in Verbindung gebracht; kaum aber wird auf eine breitere mittelalterliche Tradition verwiesen, die ihn trotz seiner humanistischen Bildung und seiner reformatorischen Konfession noch geprägt hat. Mittelalterliches Denken, Glauben und Fühlen begegnete ihm und seinen Zeitgenossen, die noch darin erzogen worden waren, auch später auf Schritt und Tritt, und sei es 22
nur in der überkommenen Formen- und Bildsprache. Von dieser Tatsache geht die vorliegende Studie aus und zeigt in den folgenden Kapiteln: Wie die ältere Generation der Humanisten und Reformatoren, auf die er sich berief, hat auch er noch mittelalterliche Denkweisen und Erkenntnisse übernommen oder, wenn er sie verwarf, sich doch intensiv mit ihnen auseinandergesetzt. Seine bahnbrechenden Ideen, die schon auf die Aufklärung vorausweisen und bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben, entstanden in einer lebendigen Auseinandersetzung mit dem noch jungen Humanismus und der sich erst festigenden Reformation, aber auch mit dem überkommenen mittelalterlichen Gedankengut. Castellio schrieb seine Werke, abgesehen von dem ersten noch schmalen Bändchen der Dialogi sacri und der Vorform der französischen Bibel, alle in Basel. Um deutlich zu machen, wie sehr Castellio neben humanistischem und reformatorischem Gedankengut auch auf dem Fundament der mittelalterlichen Denkwelt aufbaute, habe ich mich entschlossen, Castellios Texte mit der romanischen und gotischen Bildsprache in Beziehung zu setzen, für die ich beispielhaft das Basler Münster nutze, in dessen Kreuzgang er begraben liegt. Täglich führte ihn sein Weg von seiner ersten Basler Wohnung in der St. Alban- Vorstadt zur humanistisch geprägten Universität am Münster vorbei, in dem der befreundete Basler Hauptpfarrer, Antistes Simon Sulzer (1508–1585), seit 1553 seine reformatorischen Predigten hielt. Zwar hat m. W. kein Zeugnis ausdrücklich überliefert, dass Castellio die Kunstwerke des Münsters eingehend betrachtet hat, aber er hob bewundernd hervor, wie Mose die Architektur und die Kunstwerke des Tabernakels beschrieb, und sprach dabei von Gold- und Silberschmieden, von Skulpteuren und Malern.9 Auch behandelte er in seinen Bibeln ausgiebig 9
Castellio, Moses Latinus (1546), In Mose praefatio, drittletzte Seite.
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und mit Illustrationen den Jerusalemer Tempel und dessen Ausstattung,10 und er klagte über „das Zerschlagen der Bilder“ im Blutbad von Wassy im Jahr 1562.11 In seiner Schrift De arte dubi tandi (Über die Kunst des Zweifelns) schrieb er: Immer wieder erleben wir, wie in der Natur, aber auch in der Kunst Manches für sich betrachtet hässlich und unpassend erscheint. Wenn du aber den Endzweck erwägst, wirst du urteilen, derlei sei keineswegs der Natur und der Kunst zuwider, sondern aufs Beste und Weiseste geraten. Es sei denn du wärest der Natur und der
Kunst ganz feindlich gesinnt.12
Dass Castellio nicht achtlos an Kunstwerken vorbeiging, davon darf ausgegangen werden. In neun Kapiteln laden die sprechenden Bildwerke des Mittelalters dazu ein, Neues bei Castellio zu entdecken und bereits Bekanntes unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten: Kapitel I: Das Kapitell zu Ovids Erzählung von Pyramus und Thisbe führt ein in Castellios Bibelverständnis, insbesondere in seine Auslegung des Hohen Liedes. Er verweigerte sich der weit über das Mittelalter hinaus üblichen allegorischen Methode, mit der die geradezu frivole alttestamentliche Liebespoesie domestiziert wurde. Das Thema Bibelauslegung wird immer wieder aufzugreifen sein. Denn Castellios Denken war aufs Tiefste durch seine Bibellektüre geprägt. Kapitel II: Die Statuen des keuschen und des unzüchtigen Paares, die Figuren von Kaiser Heinrich und Kunigunde sowie dem teuflischen Verführer und der törichten Jungfrau, regen an, über Castellios Umgang mit Sexualität und Askese und über sein Eheverständnis nachzudenken und seinen Hang zu Scherzen zu entdecken.
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Vgl. z. B. Castellio (Hg.), Biblia (1556), 1630–1641. Sieh unten Seite Anm. 238. Castellio, De arte dubitandi (1981), 35.