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mit dem anderen Nietzsche ( 2000 ), Nietzsche / Kafka. Zur ästhetischen Wahrnehmung der Moderne ( 2007 ) und Nachtstimmen. Expeditionen in Innen-Welten ( 2017 ).

MAGISCHE WIRKLICHKEITEN Bildwelten. Traumwelten. Eine Philosophie von der Kunst entfaltet Wiebrecht Ries in den hier versammelten Studien, die sich mit Texten von Friedrich Nietzsche, Franz Kafka und anderen auseinandersetzen. Magische Wirklichkeiten offenbaren eine lauernde Präsenz des Es. In der alltäglichen Realität verborgen, das Fremde. Sie sind ein Gewebe des Traums und der Fantasie, tief innen gesponnen von den unsichtbaren Händen der Parzen. Welchen Gesetzlichkeiten diese magische Wirklichkeiten unterliegen, erhellen die zur Diskussion gestellten Gedanken.

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Wiebrecht Ries

Veröffentlichungen zählen Friedrich Nietzsche. Begegnungen

Wiebrecht Ries

Basel sowie Heidelberg und war Professor für Philosophie an der Leibniz Universität Hannover. Zu seinen zahlreichen

MAGISCHE WIRKLICHKEITEN

Wiebrecht Ries studierte Germanistik und Philosophie in

MAGISCHE ­WIRKLICHKEITEN Studien zu Literatur und Philosophie


Wiebrecht Ries

Magische Wirklichkeiten Studien zu Literatur und Philosophie

Schwabe Verlag


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abruf‌bar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Abbildung Umschlag: «Les phases du mond III» © Foundation Paul Delvaux, Bruxelles – 2026, ProLitteris, Zurich Korrektorat: Anna Jung, Berlin Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: Daniela Weiland, Textformart, Göttingen Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5561-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5562-6 DOI 10.24894/978-3-7965-5562-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Dem Andenken meiner Eltern Johann-Georg Ries und Margarete Ries


Inhalt

Vorwort   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst   . . . . . . . . . 11 Epiphanien der Kunst   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Amor fati und Spiele des Glaubens – Anmerkungen zu Goethes West-östlichen Divan   . . . . . . . . . . . . 71 «Das Wort ist ein Fächer» – Gedanken zu Goethes Altersdichtung   . . 87 Notizen zu Hölderlin   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Abend und Untergang. Nietzsches «Hadesfahrten»   . . . . . . . . . . . 117 Franz Kafka – «Traumhaft inneres Leben» Botschaften aus dunkler Ferne   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Erträumte Botschaft am Abend – Kafkas religiöse Gedanken- und Bilderwelt   . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Ein Traum – Eine Erzählung   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Nachwort (Harald Seubert)   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Nachweise   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Literaturverzeichnis   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211


Vorwort

«Freude im Alter. – Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein besseres Selbst in Werke geflüchtet hat, empfindet eine fast boshafte Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit angebrochen und zerstört werden, als ob er aus einem Winkel einen Dieb an seinem Geldschrank arbeiten sähe, während er weiss, dass dieser leer und alle Schätze gerettet sind», schreibt Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches. Epiphanien der Kunst ist die Bilanz meiner Philosophie der Kunst. In die Finsternis der Welt setzt sie Wahr-Zeichen aus dem Archaikum der Seele. Nietzsches Bedeutung für die Kunst und Literatur der Moderne illuminiert sein Bild des Menschen. Sein «Ich» reitet in Träumen hängend auf dem animalischen Rücken eines Tigers. Das Undurchdringliche unseres Daseins. Für Nietzsche dokumentiert in der Differenz zwischen «phantastischem Commentar» und dem «Es» in einem «ungewussten Text». Breiten Raum in meinem Buch nimmt Franz Kafka ein. Seine Dichtung ist eine unüberhörbar wissende Stimme. Wie im Traum spricht sie aus der «Logik» des Unbewussten. Aufwühlend erschütternd ist das Doppelgesicht seiner Kunst. Ihre Schönheit gleicht einer beiderseitig geschärften Messerklinge. Sie erzählt in der kristallinen Sprache höchster Präzision von dem plötzlichen Einbruch des Unheimlichen in die alltägliche Realität, von dem Umschlag des Vertrauten in das Fremde. Diese Literatur bewirkt den Fall der Existenz in den Traum-Schrecken. Als Dichtung der Angst ist er ein Sog. Er reißt uns wie ein Stück Holz auf dunklen Wassern hinweg. Mein Buch folgt dem Ruf Schau heimwärts, Engel! Mein Buch erzählt von Spuren der Erinnerung an die geliebten Toten. Verzweifelter Widerstand gegen das nicht zu verhinderndes Vergessen des Lichtes auf ihren Gesichtern. Mein besonderer Dank gilt Dr. Reiner Stach. Das Gespräch über Franz Kafka ist ein Geschenk. Für sein Nachwort danke ich dem Freund und Kollegen Harald Seubert. Ostern 2026

Wiebrecht Ries


Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst Wende dich nicht ab. Schau weiter auf die bandagierte Stelle. Dort wird das Licht in dich eindringen. (Rumi)

Die vorgelegten Studien präsentieren Räume der Psyche. Georg Büchner leuchtet sie im Licht des Traumes aus. In der Novelle Lenz schreibt er: «Aber nur solange das Licht im Tale lag, war es ihm erträglich; gegen Abend befiel ihn eine sonderbare Angst, er hätte der Sonne nachlaufen mögen. Wie die Gegenstände nach und nach schattiger wurden, kam ihm alles so traumartig, so zuwider vor: es kam ihm die Angst an wie Kindern, die im Dunkeln schlafen.» Angst, die Rede des Anderen, der Sog in die Tiefe, ein unerklärlicher Rest in dem, was uns geschieht, sind entscheidende Signifikanten im Blick auf die Nietzsche und Kafka gewidmeten Studien. Die Goethe und Hölderlin gewidmeten, sind Resonanz des Studiums in Basel bei Walter Muschg. Im Zentrum einer Philosophie der Psyche steht Franz Kafka. Fließend sind die Grenzen zwischen Ton und Geräusch. Eurydikes leiser Vogelschritt. Klang der Stille der ins Erdreich einsinkender Gräber. Auf ihnen liegt Schnee. Meine Gedanken, herbstliche Blätter. Vom Wind verweht. Die Architektur meiner Philosophie erinnert an de Chirico, seine Arka­ den, Portale metaphysischer Interieurs. «Pauszeichnungen von Träumen oder von Wirklichkeiten, die außerhalb der Sinne von einem anderen Ich wahrgenommen wurde» (Patrick Waldberg). Das andere Ich ist Thema meiner Überlegungen zu den Kunstwerken der Moderne. Zu ihnen grundlegend: Epiphanien der Kunst. Meine Studien sind ein offener Text. Sie bieten keine «Lehre». Es geht in ihnen um Grenzen des Sagbaren, um das Andere in der «Sprache» des Traums und in der Logik des Unbewussten. Für sie mag Wittgensteins Bemerkung im Vorwort zu seinem Tractatus zutreffen, sie werde «vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind – oder doch ähnliche Gedanken –, schon selbst einmal gedacht hat».


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Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

Worte, kaum Worte (sie flüstert die Nacht) nicht gemeißelt in Stein sondern auf Luftstelen gezeichnet wie von unsichtbaren Vögeln (Philippe Jaccottet)

Magie der Farben Rot, Blau, Silber. Rot die geschminkten Lippen der Klytäm­ nestra in der Orestie des Aischylos. Blau der Mantel der Madonna. Silbern der Fisch, verwandelter Nachen, in Nietzsches Dionysos-Dithyrambus Die Sonne sinkt. Das Sonnenauge der Kunst lässt das Fleisch der Wirklichkeit durchscheinend werden. Seine Strahlung macht in ihm tiefere Schichten, dunkle Flecken, sichtbar. Kunst als Röntgenapparat ist im technischen Zeitalter eine Metamorphose des Sonnengottes Apollon. Weiterdenken von Nietzsches Erkenntnis, «dass all unser sogenanntes Bewusstsein ein mehr oder weniger phantastischer Commentar über einen ungewussten, vielleicht unwissbaren [...] Text ist». Wege zum Traum. Von Januar bis Juni 1938 schreibt die sechsundzwanzigjährige Elsa Morante ein Traum­tagebuch. Rom, 25. Februar 1938: Franz Kafka, sein Tod. «Höchstes Lob» für den «Traumkünstler», «den Urheber der Träume», der sie dem «klaren, blendenden Ereignis des Todes» beiwohnen lässt. Auf dem Fußboden in einem fremden Zimmer liegt Mondlicht. Im Raum ein Wegweiser mit unleserlicher Aufschrift Bibliothek des Unbewussten. Zu ihr möchte ich einen Leserausweis beantragen. Ich weiß nicht, an welche Instanz ich mich wenden soll. Innenräume der Seele. Sigmund Freud deutet in Das Unheimliche es als ein räumliches Phänomen. Im Haus des «Ich» tritt etwas hervor, «was im Verborgenen bleiben sollte». Nie konkret fassbar, ist sein Aufenthalt «am Rande von etwas anderem» (Helene Cixous). Thema bei Kafka im Tagebuch: «Es kann erfahrungsgemäß aus Nichts etwas kommen, aus dem verfallenen Schweinestall der Kutscher mit den Pferden kriechen.» Die Angst wird bildlich. Aus der Dämmerzone des Traums projiziert sie Bilder in den Raum. Ein Mann mit rötlichem Spitzbart. Mit seinen Fingern drückt und dreht er ihn. Ein anderer Mann in dunkler Lederkleidung. Mit einer Rute in der Faust. Im Lichtschein einer schwankenden Laterne peitscht sie entblößte Körperteile eines vor ihm knieenden Mannes.


Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

Edvard Munch, Tod im Krankenzimmer. Entstanden aus der Erinnerung an den Tod der fünfzehnjährigen Schwester Sophie an Tuberkulose. Im Vordergrund, seine Farbe schwarz, Edvard mit den Schwestern Inger und Laura. Sie mit gesenktem Kopf. Inger, stehend, in schwarzem Kleid, mit schmalen gefalteten Händen, sieht dem Betrachter frontal an. Hinter ihr – mit ihr verschmolzen – wendet Edvard sein Gesicht im Halbprofiel dem im Bildhintergrund sichtbaren Korbsessel zu. Hinter der hohen Sitzlehne sitzt die tote Sophie. Zur Seite des Sessels stehen der betende Vater und die hohe schmale Gestalt der Tante Karen Björnstad. Verkürzt sichtbar das Krankenbett, ein fahler weißer Bettkasten. In dem von aller Außenwelt abgeschnittenen Zimmer, der erstarrten Gleichzeitigkeit der Lebenden mit der Toten hinter dem Korbsessel «wohnt» – unsichtbar / sichtbar – der Tod. Max Beckmann: «Kunst dient der Erkenntnis, nicht der Unterhaltung – der Verklärung – oder dem Spiel. Ich suche nach der Brücke, die vom Sichtbaren ins Unsichtbare führt.» (Max Beckmann, 1938) Der kraftvolle Expressionismus seiner Bilder untermauert meine Intentionen einer Philosophie der Kunst. «Wahrheit muss das Werk sprechen». Parole einer «rücksichtslosen Erkenntnis». «Was bist Du? – Was bin ich? – Das sind Fragen, die mich unauf‌hörlich verfolgen und quälen […] Denn das Ich ist das größte und verschleierste Geheimnis der Welt», sagt Max Beckmann in seiner Londoner Rede am 21. Juli 1938 anlässlich der Ausstellung «20th Century German Art» in London. Das fluoreszierende dunkle Blau der Jacke im letzten Selbstbildnis Beckmanns 1950. Symbol der Todesnähe. Tagebucheintragung 29. März 1950: «Mit allerletzter Gewaltanstrengung nochmals das blaue Selbstportrait umgeändert und ‹beendet› (lache nicht!). Den ganzen Tag eigentlich innerlich damit beschäftigt – nun – walte Gott.» Seine Bilder bestätigen N ­ ietzsches Erkenntnis, dass das «Ich» unwissend auf einem Tiger im Dschungel reitet. Folge dem Imperativ Waches Träumen am Rande des Schlafs. Eine «Philosophie der Psyche». Ihre Umrisse zeichnen Kierkegaards Analy­ sen der Angst, Verzweif‌lung, Melancholie. Sie markieren Grenzen des Verstehens. Dunkle Einbildungen, unruhige Gedanken, bange Ahnungen, unerklär­ liche Ängste. Frage aus König Oedipus des Sophokles: «Wo findet sich die schwer erkennbar dunkle Spur der alten Schuld?» Kafkas Kunst der symbolischen Imagination. Ein reich gefächertes Ensemble von Gesten, Körperhaltungen und Bildzeichen. Eines der auf‌fallendsten ist bei Kafka der Bart, in dem sich ihn strähnende Finger vergraben.

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Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

Das Bett wird zur Bühne. Bei herabgesetzter Zensur des Tagesbewusstseins agieren auf ihr Primärprozesse des Unbewussten in verfremdeten Physiognomien. Das «trockene, knochige Gesicht mit starker seitlich gedrehter Nase» des einen bei der Verhaf‌tung Josef K.s anwesenden Wächters verständigt sich über ihn hinweg mit dem anderen Wächter, während sein Bauch förmlich an ihn anstößt und K. Nachdenken stört, was seine Verhaf‌tung an einem frühen Morgen bedeutet. Kunstwerke gleichen der Arbeit der Penelope. Das am Tag Gewebte löst der Traum in der Nacht auf. Im Mythos sitzen drei ältliche Damen in Schwarz am Webstuhl. Ihre Hände flechten die Fäden unseres Schicksals. Die Älteste unter ihnen holt, befiehlt es das Gesetz der Zeit, aus einem Täschchen ihrer dunkelblau gestreiften Schürze eine Schere. Mit ihr schneidet sie dem Text-­ Gewebe einen Faden ab. Undurchsichtig wie er im «ständigem Flechten» erneut verwoben wird. Gedanke an Nietzsche, den Lehrer der ewigen Wiederkunft. Das sterbliche Ich ein Knoten, eingewoben in das Abendkleid der Dame Ewigkeit. Resonanz der Brandung sommerlicher Meere. Aus ihr tönt die Zeitschleife, vorgezeichnet im Gewebe der Parzen, versehen mit dem Siegel der Lyrik Ungarettis: Fern, im Echohof, sind wir, in mir tauchst du herauf, aufs neue, ich höre mich im Gewisper, das hebst du aus dem Schlaf, der sah uns voraus, lang schon.

Mysterien. Ein Traumbild. Im Raum liegt eine mit Pelz besetzte Schirmmütze. Auf dem flachen Oberteil eingenäht ein leuchtendes Stoffdreieck mit gülden-rotem Muster. Lag sie in Klamms Kutsche? War sie seine Kopf‌bedeckung? Die Wunde im Selbstbewusstsein. Das, was wir «Ich» nennen, ist nicht das Ich. Hinter dem cartesianischen Cogito versteckt, ein Anderer. Er ist der Dunkle in den «Traumzonen» (Peter von Matt). Als Kind «der große Nikolas mit seinem großen Tintenfaß» (Der Struwwelpeter). Im Alter der Mann mit der Stiermaske auf dem Kopf. Die unbewußte Gesellschaft (1983) von Elisabeth Lenk. «Was da in mir erzählt, ist mit der Person, die ich bei Tag bin, nicht identisch. Alle Personen, die ich kenne oder gewesen bin, vielleicht sogar die zukünftigen Personen, sind dabei. Der Traum ist offenbar die Gelegenheit, bei der sie sich versammeln.»


Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

Eugénie Paultre, Philosophin, Dichterin, Malerin, hat mir einen Dialog zwischen uns geschenkt. Sie trifft die Intention meiner Studien, wenn sie in Ränder. Betrachtungen über Kunst und Wahnsinn (2019) schreibt: Das wunderbare oder groteske Theater meines Geistes spornt mich an zu glauben, dass ‹ich› stets woanders bin. Ein Anderswo, dessen irrsinnige Suche die Eigendynamik meiner chaotischen Identität ausmacht. – Aufmerksam auf meine Gedanken […] bemerke ich, dass sie hinter meinem Bewusstsein versteckt sind […] Die meiste Zeit verpasse ich mich selbst, erkenne nicht, was sich in mir tut. Doch wenn ich diese unterirdische Seelenarchitektur, soweit möglich, beobachte, muss ich sehr wohl anerkennen, dass sie flinker, feiner ist als ich, spitzfindiger, feinfühliger. So habe ich gelernt, mein Denken wie ein fremdes Gewebe zu betrachten.

Aus einer Physiognomik der Psyche. Das vor Scham erglühende Gesicht der Marquise von O bei Kleist; das Spiel des Vaters mit der Uhrkette Georgs in Kafkas Das Urteil. Dostojewskijs Der Doppelgänger. Der Unbekannte auf dem Bett Goljadkins. Vertauschung und Verdoppelung des «Ich» Goljadkins in einem Spiegelkabinett: «Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum dass sie erschienen, eines dem anderen nachzulaufen. In einer langen Reihe […] zogen sie hinter Herrn Goljädkin dem Älteren hinterher, dass es ganz unmöglich war, ihnen zu entfliehen […].» Labyrinth. An seinen Wänden Inschriften «schrecklicher Wahrheiten aufdringlich und überdeutlich» (Kafka). Ihr Übergang aus der Traumwelt in die Helle des Tages. Wie Kafka von ihm erzählt, darin liegt «das Geheimnis der bannenden Wirkung von Kafkas Stil.» (Friedrich Beißner) «Botschaften» aus einer Dunkelwelt, die im Licht des Tages verborgen ist. Tolstoj, Anna Karenina. Dialog. Anna Karenina und ihr Geliebter Wronski sprechen über den Traumschrecken Annas: Anna, die Augen vor Entsetzen weit aufreißend: ‹Du weißt, wie es so im Traum ist. Im Schlafzimmer steht jemand im Dunkeln.› Wronski: ‹Ach, welcher Unsinn, wie kann man nur glauben […].› Sie erlaubt ihm nicht, sie zu unterbrechen. Was sie da sagt, ist für sie allzu wichtig. ‹Und dieser Jemand drehte sich um, und ich sah, dass es ein Bauer war mit einem zerzausten Bart, klein und schrecklich. Ich wollte weglaufen, aber er bückte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen darin.› Sie zeigt, wie er im Sack gewühlt hatte. Entsetzen ist in ihrem Gesicht. Wronski fühlt dasselbe Entsetzen.

Literatur inszeniert eine Pluralität von Ich-Konstruktionen. Doppelgänger, Schatten-Ichs aus der Dunkelzone des «Ich» besetzen intimste Räume im Haus.

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Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

Sie erscheinen als «Wächter», abgehalfterte Schauspieler mit Zylinderhüten, gespensterhafte Alte. Das von ihnen beobachtete «Ich» gerät in den Zirkel von Selbst- und Fremdbeobachtung. Von seinem Kopf‌kissen aus beobachtet Josef K. am Morgen seiner Verhaftung die alte Frau, die ihm gegenüber wohnt und ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde ansieht. Der von ihr beobachtete K. fühlt diffus, mit ihn sei etwas nicht in Ordnung. Er weiß nur nicht was. Durchlässigkeit des «Ich» für Wundersames und Bedrohliches. Seine Darstellung in der Literatur ermöglicht «Versinnlichung» (Walter Jens) des Pronomens es. «Es geht etwas», sagt Woyzeck, «es ist hinter mir hergegangen.» «Hildegard, es geht etwas in mir vor, aber ich weiß nicht recht was», sagt ­Gavrilescu bei dem traumhaften Wiedersehen mit der vor Jahren geliebten Frau in Mircea Eliades Erzählung Bei den Zigeunerinnen. Einige wenige «Grundbücher». Ihre Lektüre ist unerlässlich. Zu ihnen zählt Dostojewskijs Verbrechen und Strafe. Zu seiner Lektüre notiert Imre Kertész, sie habe ihn in die Unterwasserwelt «einer phantastischen und extremen Welt» getaucht: «ungewisse Farben – grüne Gesichter, algenfarbige Haare, gelbliche Augen –, gleichsam auf dem Grund des Meeres, wo selbst die einfache Koralle wie ein Ungeheuer wirkt und wo das Licht in der irrlichternden Bewegung der Wassermassen verblasst, wo uns seltsame Geräusche erschrecken, groteskes Grinsen, krankhafte Lust und Trugbilder». Diese Charakteristik trifft jene Literatur, die im Mittelpunkt meiner Studien steht. Die absolute Metapher. Sie ist weder Symbol im Sinne Goethes noch Allegorie. Sie ist Arbeit höchster Abstraktion. Gregor Samsa, Geschäftsreisender, abstrahiert auf den Punkt des ungeheuerlichen Daseins eines Käfers. Nicht der geringste Hinweis auf die Ursache seiner Verwandlung. Aus unruhigen Träumen erwachend, liegt er im Bett als ein ungeheures Ungeziefer. «Was ist mit mir geschehen?» «Es war kein Traum.» Über seiner Verwandlung liegt das Grauen mit einem «komischen Effekt» (Reiner Stach). Sichtbar an der schaukelnden «Rückenlage», mit der Gregor «wohl hundertmal» versucht, mit geschlossenen Augen aus dem Bett zu kommen, «um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen». Die Realität eines Geschäftsreisenden über Nacht verwandelt in eine irreal reale Figur, den Käfer. Das personale «Ich» agiert auf der Bühne des Bewusstseins zwischen Wachen und Träumen. Ein Traumkosmos. In ihm agieren Anteile eines uns weitgehend unbewussten Tiefen-Ich. Wir betreten ihn beim Einschlafen:


Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

Beim Einschlafen betrittst du eine deinem Tagesbewusstsein unbegreifliche Welt, in der du zwanglos mitagierst. […] Eine andere Welt ohne Zeit und Raum öffnet sich, rätselhaft und selbstverständlich. (Ingmar Bergmann, Arbeitstagebuch, 14.5.97)

Theoretische Anmerkungen zu meiner Philosophie der Kunst. Substruktur des Denkens. Die verdeckte Präsenz des Es. Nietzsche schreibt in Jenseits von Gut und Böse, 17: «[E]in Gedanke kommt, wenn ‹er› will, und nicht wenn ‹ich› will; so dass es eine Fälschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt ‹ich› ist die Bedingung des Prädikats ‹denke›. Es denkt […].» In Freuds Das Ich und das Es ist das «Es» ein dunkles Land der Stille. Besetzt von Militär in den Kasernen. Es rückt aus, um gegen den Lärm fremder Eindringlicher zu kämpfen. Es, im Sinn «Es» spricht, bei Jacques Lacan: «Das Unbewußte ist strukturiert wie eine Sprache.» «Es gibt ein Denken, von dem das Subjekt nichts ‹weiß›, weil es sich auf einer anderen Ebene der Erfahrung artikuliert als auf derjenigen des bewußten Seins. Ein Denken, das nur dort auf‌taucht, ‹wo ich nicht bin› – in den Lücken und Leerstellen […], auf jenem ‹anderen Schauplatz› des Unbewußten also, dessen Topik Freud in der Traumdeutung angab […].» Gerda Pagel, Jaques Lacan zur Einführung. Der «andere Schauplatz», sein «Ort» unter dem Bett. «Der Maler zog unter dem Bett einen Haufen ungerahmter Bilder hervor.» (Franz Kafka, Der Process) «Im Traum, wo sich das Unbewusste vielleicht machtvoller als anderswo manifestiert, besteht in der Tatsache, dass während ein Teil des Ich […] auf der ‹Bühne› des Schlafs handelt und durch seine dramatischen visuellen Bilder auch in tragische Situationen von Tod, von Gefahr und von Angst eingetaucht wird, ein anderer Teil des Ich […] wie von außen den Film des Traums betrachtet. Das Ich, das beobachtet, umfängt das handelnde und erleidende Ich in einer Umarmung, die durch das, was ich ‹physiologische Dissoziation› nenne, ermöglicht wird.» (Gaetano Benedetti, Symbol, Traum, Psychose) Differenz Sprache (langue) / Sprechen (parole) in der strukturalistischen Literaturbetrachtung bei Roland Barthes. Sprechen auf der Ebene des Wachbewusstseins / Sprache eines anonymen Subjekts. Rimbaud: «Ich ist ein an­derer.» Differenz Text / Subtext. Oberflächenstruktur des Textes und seine Tiefenstruktur, «eine Logik des Unbewussten, wie wir sie aus Träumen kennen», schreibt Reiner Stach in Kafka, Jahre der Erkenntnis. Schreiben. Der Bleistift in der Hand eines Künstlers. Mit ihm schreibt er Figuren in die Luft. Franz Kafka, Ein Traum. Goldbuchstaben sind Zeichen

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Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

einer anderen Schrift. Sie dringen in den Sprachkörper des Textes, lösen das «Subjekt» in ihm auf. Josef K. versinkt, von einer «sanften Strömung auf den Rücken gedreht» in «der undurchdringlichen Tiefe» des Grabes / der Schrift. Die zweite Wirklichkeit. Dicht unter der dünnen Oberfläche der Realität. Ihre Wahrnehmung beruht auf der Fähigkeit, mit dem inneren Auge zu sehen. Im Tod den Schlaf sehen, im Abendrot ein trauriges Gold, solcher Art ist Dichtung, die unsterblich und arm ist. (Jorge Luis Borges)

Ein archetypischer Bilderkosmos. Silbrig geöffnet die Poren des Mittags Flaumfeder des Schlafs, die aufwärts treibt erloschen das Gold im Gewölb, an Portalen fuchsrotes Pferd, das plötzlich entläuft Des uralten Baumstamms göttliche Hera Hain von Lorbeer und Lichtverzehr das Haus wie im Grund der Tiefe ein Anker Kyrá-Penelópe mit der Spindel davor (Odysseas Elytis, TO AXION ESTI (GEPRIESEN SEI))

Überblendung realer und irrealer Erzählebene. Kafka, Der Process. Josef K. Die Wohnung von Frau Grubach, das Zimmer von Fräulein Bürstner, das Haus in der Julius Straße. Der Fremde am Morgen am Bett K.s. Der Lichtschein unter der Türritze des Zimmers von Fräulein Bürstner. Das Tor zu einer anderen Wirklichkeit. In Literatur und Kunst ist der Schlüssel zu ihm eine mimetische Sprache. Ihre Bildaussage ist nicht deskriptiv. Sie ist imaginativ. Jeremias Gotthelf, der schwarze Punkt auf der Wange Christines, aus dem der Höcker zu dem Kopf mit «giftig» blitzenden zwei Augen wird. Dostojewskij. «Stawrogins Bekenntnis» in Böse Geister. Sein Verbrechen an der kleinen Matijoscha, die winzig rote Spinne auf einem Geranienblatt, kleine entsetzliche Sonne. Ein altes Männlein mit zerzaustem Bart. «Die Spitze des großen eisernen Stachels» in der Stirn des Offiziers in Kafkas Strafkolonie. Eine dicke Maus mit kleinen funkelnden Augen im linken Arm des guten alten Herrn (I. Svevo). Kafka, Gespenster. Die knochigen Hände des Aufsehers. Bei der Verhaftung Josef K.s verschieben sie auf dem Nachttischchen von Fräulein Bürstner Kerze, Zündhölzchen, ein Buch. Subtext im Text des Process-Romans «eine


Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

Todes- und Parzensymbolik» (Gerhard Kurz). Der Verschiebung der Gegenstände korrespondiert das leichte Kreuzen der Beine des Fräuleins. In der Überblendung dieser Bewegungen im Frauenzimmer wird eine Physiognomik psychischer Signaturen sichtbar. Signifikanten im Spiel erotisch-thanatologischer Korrespondenzen: die weiße Bluse des Fräulein Bürstners, der rötliche Spitzbart des Mannes in der Gesellschaft der zwei Alten, das Nachthemd des Malers Titorelli. Die Lippen Josef K.s. Die Sirenenkralle der Hand Lenis. Erotik des Weiblichen. Kafka, die Krallen der Sirenen. René Magrittes frühes Gemälde Junges Mädchen, einen Vogel verspeisend. Düstere Sexualität. Erstarrte Szene. Das junge Mädchen unter einem Baum, den paradiesisch aussehende Vögel besetzt haben. Ohne ein Anzeichen von Lust oder Abscheu beißt sie in einen lebenden Vogel. Sein purpurfarbenes Blut verspritzt auf dem weißen Kragen ihres bürgerlichen Kleides. Die magische Form der Dichtung. Ihr gehorcht eine Folge von Bildsequenzen in einem Theater des Traums. Strindberg. Weiße Blätter, liniert. Kritzeleien. Fremde Vögel. Erotische Lippen, die schwarze Katze. In den orphischen Fragmenten ist Dionysos ein Knabe mit den drei Spielzeugen Ball, Kreisel, Spiegel. Persephone und Artemis. Göttinnen im Reich der Nacht, der Wildnis, des Mondes. Gesang dämonischer Seelenvögel über dem Meer. Biografische Forderung. Folge dem Appell: «Schreibe für die Toten.» Schreibe für die, die Du geliebt hast. Dein Schreiben soll ihnen Gegenwärtigkeit geben. In deinen Träumen hörst Du ihre Stimmen, ein «Spinngewebe aus Echos» (Fritz Göttler). Im Raum des Traums stehen große Spiegel. In ihnen siehst Du das Gesicht der Eltern deiner Mutter. Die großen dunklen Augen der Großmutter, Erbe im Gesicht der Mutter. Mein Schreiben ist Totengedenken. Die Truhe «Erinnerung» hat verborgene Fächer. In ihnen Schattenbilder einer Familientragödie. Meine Eltern, alt geworden, eigentümlich klein, sitzen auf dem Sofa in ihrer Wohnung. Sie unterhalten sich miteinander. Ich höre, wie mein Vater zu meiner Mutter sagt: «Wir werden vergessen sein.» Das Gehörte ist Schmerz. Er ist die treibende Kraft meines Schreibens gegen ihr Vergessen-Sein. Die Geschichte ihrer Liebe und ihres Todes zu schreiben, versagt mir das Alter. Mein Vermächtnis an die Nachgeborenen: Jene, die einmal leben hier, wo wir enden wenn es geschieht daß Blut in ihrer Erinnerung dunkelt und überfließt

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Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

mögen sie unser gedenken, der kraftlosen Schatten unter den Asphodelen, mögen sie dem Totenreich zu den Kopf ihres Opfertiers wenden: Wir die wir nichts besaßen werden sie lehren den Frieden.

Studium in Basel bei Walter Muschg. Das Kollegiengebäude. Hörsaal 1. Muschg an dem Pult stehend. Sein weißes Hemd spannt sich über der breiten Brust. Im Ohr das eigentümlich Gepresste seiner Stimme. «Das Dämonische». Diese Zeit meines eigenen Traumlebens stand unter dem Schutz eines Männleins. Gegen den Herbstwind gebeugt, hält es in der rechten Hand einen roten Regenschirm. Ihm scheint etwas eilig zu sein. Dem dicken vorgestreckten Bäuchlein kontrastieren dünne Beine. Aus dem grünen Bildhintergrund fallen sanft einige stilisierte Blätter. Das kleine Kunstwerk von Audrey Marti-Pichard, festgehalten auf einer Karte, erworben in Basel, begleitet mein Leben. Muschgs Tragische Literaturgeschichte. Für mein Verständnis der Literatur exemplarisch. Die Sätze aus dem Vorwort zur zweiten Auf‌lage sind mein Bekenntnis als Philosoph und Schriftsteller: Allem tragischen Denken ist gemeinsam, dass es das Leiden zum Mittelpunkt des Daseins macht. Es begreift die Welt durch den Schmerz. Der natürliche Grund dieses Denkens ist die Tatsache des Todes. Es versenkt sich in die Qual der Kreatur, die mit der Notwendigkeit des Sterbens gegeben ist. Aber es erschöpft sich nicht im körperlichen Schmerz, sondern steigert sich zum geistigen Leiden an den Rätseln des Lebens, die den archaischen Menschen als kosmische Angs beherrscht und noch den Kulturmenschen unbewusst beunruhigt.

Die Tragik des Daseins, philosophisch bei Schelling in Über das Wesen der menschlichen Freiheit: «[A]lle Persönlichkeit ruht auf einem dunklen Grund.» Aus ihm leuchtet große Literatur und Kunst. Drei Grundformen der Dichtung. Bei Muschg sind es die Figuren des Magiers, des Sängers und des Sehers. Dichter, die für sein Verständnis des Tragischen im Bruderbund mit dem Mythisch-Archaischen höchsten Rang beanspruchen, sind neben Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne – Kleist und Kafka. In ihm sah Muschg einen «jener hochintellektuellen Mystiker, die den Ruhm des klassischen Judentums ausmachen». Diese Sicht lehnt sich eng an Milenas Nachruf auf den Geliebten vom 6. Juni 1924 an, wenn sie in seinem Werk das Wirken von Dämonen sieht. In Franz Kafka. Der Künstler


Einleitung – Grundzüge meiner Philosophie der Kunst

betont Muschg Kafkas Willen zur «stärksten Konzentration». «Das Rätsel […] wird zum Bild, scharf begrenzt und durchsichtig wie Kristall […] Kristalle brauchen nicht viel Raum. Man kann sie auch nicht machen, man muss sie entstehen lassen.» Die Kunst der Interpretation. Wie sie sich an Kafka beweisen lässt, zeigt Muschg an Kafkas kleiner Erzählung Auf der Galerie: Diese eine Buchseite umfassende Phantasie besteht aus zwei antithetischen Sätzen, die sich spiegelbildlich entsprechen. Der erste gibt als hypothetischer Wenn-Satz die schreckliche Realität der lungenkranken Kunstreiterin in der Manege, wie sie selbst sie erlebt, der zweite das Wunder der Zirkusherrlichkeit, wie sie den sehnsüchtigen Galeriebesucher blendet. Beide zusammen stellen, unauf‌löslich verbunden, das Problem der Kunst dar, wie Kafka es sieht und seine Leser sehen lehrt. (Walter Muschg, Franz Kafka. Der Künstler)

Das Problem der Kunst schärft sich zu der Antinomie Sein (Schwindsucht)/ Schein («schöne Dame, weiß und rot»). Da sie nicht zu lösen ist, legt der Galeriebesucher «das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen». Meine Literaturphilosophie verdankt viel Muschgs Studie Der Zauber der Abstraktion. Ihn verkörpert in der Moderne der antirealistische Roman, ausgezeichnet durch «intellektuelle Kälte, die Auf‌lösung der Sprache, das Schweben über den Abgründen des Unbewußten», gepaart mit visionären Entrückungen. Das realistische Bild als Träger einer geistigen Welt. Franz Marc sah in seinen Bildern «das Auf‌tauchen an einem anderen Ort». Von ihm ist es nicht weit zu den magischen Farben Georg Trakls: «Und ein weißes Tier bricht nieder» – «Ein blaues Wild blutet leise im Dorngestrüpp.» Muschgs Studie feiert eine Sprache, «die darauf abzielt, einen fragwürdigen Weltzustand von innen heraus zu überwinden. Die größten Beispiele dichterischer Abstraktion haben diesen Stil: Dantes ‹Göttliche Komödie›, der ‹Don Quichotte›, Lessings ‹Nathan der Weise›, Kleists ‹Amphitryon›, Kafkas ‹Prozeß›. Neben ihnen verblaßt der Manierismus zu einem bloßen Stilmuster, das an sich nichts bedeutet […].» In der Kunst hängt alles davon ab, «um welchen Einsatz gespielt wird und welche Kräfte dabei im Spiel sind». Welche Kräfte sind im Spiel? «Dasein ist geboren aus mächtigen Gewalten. Aus ihnen hat es seine Dynamik und Größe, aus ihnen die Gefährdung und Möglichkeit zum Bösen bis hin zum Dämonischen», Horst Fuhrmann, Ein-

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leitung zu Schellings Freiheitsschrift. Im Zeugenstand Nietzsche und Pavese: Das tödliche Lächeln des Nachtgottes Dionysos. Freud, wir werden gelebt «von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten». Im ältesten Zeugenstand die Orestie des Aischylos. Kassandras Schweigen. Aus ihm geboren, ihre Stimme. Ernesto Grassi: «Man muß den griechischen Text vor Augen haben, um die rein phonetische Ungeheuerlichkeit der Ausrufe zu erfassen.» KASSANDRA

Ach, ach; o weh, o weh! Was ist, was zeigt sich da? Ein Fischernetz des Hades? […] Fernhalte von der Kuh den Stier! Im Netzgewande […]

Kassandras seherische Sprache (Stier / Kuh) erklärt nichts, sie kennt nicht Ursache und Folge. Den Tod versinnbildlicht das Netz, «ein Fischernetz des Hades». In ihm verfangen der Fisch Agamemnon. Kunst und Literatur. Genauigkeit des Stils, unter ihrem Mikroskop deixis kleinster Bewegungen des Traumlebens. In ihr das «Ich». Angeklagter, Ankläger und Richter zugleich. Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Dritter Auf‌tritt, Adam und Licht: ADAM

Mir träumt’, es hätt’ ein Kläger mich ergriffen, Und schleppte vor den Richtstuhl mich; und ich, Ich säße gleichwohl auf dem Richtstuhl dort, Und schält’ und hunzt’und schlingelte mich herunter, Und judiziert’ den Hals ins Eisen mir.

LICHT

Wie? Ihr euch selbst?

ADAM

So wahr ich ehrlich bin. Drauf wurden Beide wir zu Eins, und flohn, Und mußten in den Fichten übernachten.

Eroberung dreier Welten: Sprachwelten, Bildwelten, Traumwelten. Im Misch­ krug der Seele der «wundervolle Tropfen Schwermuth im Glücke des Eroberers» (Nietzsche). In dieser Zeit wächst in mir die Überzeugung: Wir sind in einem Gespinst feinster Fäden verfangen, gesponnen lange vor unserer Geburt. Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft: «Aber vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: es liegt ein golddurchwirkter Schleier […] über ihm, ver-


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heissend, widerstrebend, schamhaft, spöttisch, mitleidig, verführerisch. Ja, das Leben ist ein Weib.» Magische Wirklichkeiten. Im Traum betreten wir ihr Reich. Bei den in ihm scheinbar planlosen Geschehnissen sind wir Zuschauer und Akteure zugleich. Aufenthalt in fremden Räumen. Hinter ihnen andere Räume. Ein anderer Raum. Wir betreten ihn im Schlaf. Gehen in ihm hin und her. Hören in ihm Stimmen, Hammerschläge und Gläserklingen. Fühlen in ihm den Atem fremder Gäste. Aus einem Traum. Ich wandere in einem mit Schnee bedeckten Wald. In der Ferne hört man das Geräusch einer Motorsäge, in der winterlichen Stille zuweilen das Krachen eines fallenden Baumes. Die neben mir gehende Frau, sie sieht aus wie meine Mutter, ist zwischen den Baumstämmen plötzlich verschwunden. Auf der Subjektstufe des Traums spielt das Fällen der Bäume auf die Zerstörung des vegetativen Lebens an, Holzfäller ist der Tod. «Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee» (Kafka). Sein in der Schwebe. Die Schwere der gefällten Bäume auf dem Boden des Erdreiches ist «nur scheinbar». Ein kleiner Anstoß, die «Hacke im Forst», genügt, um sie ihrer Schwere zu berauben. Die kleine Erzählung ist kein in sich ruhendes Bild, sondern ein «über sich hinaus weisendes Zeichen» (Chris Bezzel). Epiphanie. Die schweigende Schönheit der Welt. Von der Terrasse meines Hotels in der Türkei sehe ich über der in lichtem Blau schwingenden Bergkette drei Sterne. Unter ihnen als Reigenführer den strahlend auf‌blinkenden Morgenstern. Die dichterische Fantasie. Das Sehen in Bildern. Je nach Lichteinfall liegt auf ihnen ein bezaubernd schöner Glanz oder das Schreckliche (Schelling). Die Kindheit schenkt die größte Nähe zu magischen Welten. «Die dichterisch vorausträumende Seele des Kindes wird noch vom Geheimnis des Daseins getroffen», schreibt Walter Muschg in Die Phantasie. Mythische Poesie in der Lyrik. Ort ihrer Geburt ist bei Louise Glück Averno, der Eingang zur Unterwelt. Motto: Sieh am dunklen Himmel den nächtlichen Wanderzügen der Vögel nach. Bekenntnis der Dichterin: Es macht mich traurig zu denken dass die Toten sie nicht sehen – die Dinge, auf die wir angewiesen sind, sie entschwinden.

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Was nimmt die Seele sich dann zum Trost? Ich sage mir, vielleicht braucht sie diese Freude nicht mehr; vielleicht ist es schlicht genug, nicht zu sein, so schwer die Vorstellung auch fällt.

Zu spät fällt mir auf, bei meinem Kauf zweier Sekt‌fläschchen zu Silvester trugen sie schwarze Banderolen. Sekt aus ihnen eingeschenkt in zwei schmale hohe Sektgläser um Mitternacht. Kleinen Schluck von ihm mit der Mutter getrunken, zwei Tage danach ist sie gestorben. Nietzsche und Kafka würden wir erst verstehen, wüssten wir, was sie als Kinder geträumt haben. Bei Nietzsche besitzen wir seinen Traum als Kind. In ihm sieht er den Vater aus dem Grab im Sterbekleid steigen, mit einem kleinen Kind im Arm, wieder ins Grab zurücksteigend. Das Traumkind wäre nicht nur das kleine Brüderchen, sondern Nietzsche selbst. «Später als Erwachsener immer wieder vor dem eigenen Untergang […] im gemeinsamen Tod mit dem abwesenden Vater verbunden» (Gaetano Benedetti). Am Abend erzählt die Mutter dem Kind vor dem Einschlafen von Ole ­Luköje. Auf Socken kommt er zu den Kleinen, «bläst ihnen sachte in den Nacken», sodass sie still und ruhig werden. Sind sie eingeschlafen, setzt er sich an ihr Bett. «Unter jedem Arm hält er einen Schirm.» Den einen spannt er über die artigen Kinder auf. Seine Innenseite zeigt Bilder. Schauen sie die Kleinen an, erzählen sie ihnen die schönsten Geschichten. Der andere, über die unartigen Kinder gespannt, zeigt auf seiner Innenseite nichts. Wachen diese Kinder am Morgen auf, haben sie «nicht das allermindeste geträumt». Hans Christian Andersen, von dem dieses Märchen stammt, erzählt wie Ole Luköje am Abend dem kleinen Hjalmar an sieben Tagen sieben Geschichten erzählt. Am letzten Abend zeigt Ole Luköje Hjalmar seinen Bruder. Auch er heißt Ole Luköje. Die Menschen nennen ihn «der Tod». Seine Husarenuniform schmückt «eine Silberstrickerei». Er reitet auf einem Pferd. Auf das setzt er «junge wie alte Leute». «‹Aber der Tod ist ja der schönste Ole Luköje!›, sagt der kleine Hjalmar und fährt fort: ‹vor ihm ist mir nicht bang!›» Ist die Kindheit zu Ende, ist Ole Luköje verschwunden. Der magische Lichtschein. Goethe. Sein Märchen Die neue Melusine. Als Kind gelesen in Im Zauberreich der Phantasie. Große Dichter erzählen Märchen und seltsame Begebenheiten, Bilder und Zeichnungen Herta Pain. Vor der Tür eines Posthauses ein zweisitziger Wagen, mit vier Pferden bespannt. Aus ihm


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