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Dialektik der Aufmerksamkeit

Über Alexander Kluges Schriften und das lebendige Bewusstsein

Dialektik der Aufmerksamkeit

Über Alexander Kluges Schriften und das lebendige Bewusstsein

Schwabe Verlag

Vorgelegt am Deutschen Seminar der Universität Basel als Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades Dr. phil. Gefördertmit Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds, der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel, des Forschungsfonds und der eikones Graduate School der UniversitätBasel. Das Urheberrecht der Abbildungen verbleibt bei den jeweiligen Rechteinhabern. Der Autor dankt Alexander Kluge, GerhardRichter und dem Suhrkamp Verlag für die Erlaubnis zur Nutzung der Abbildungen.

Open Access:Wonicht anders festgehalten, ist diese Publikationlizenziert unter der Creative-CommonsLizenz Namensnennung,keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung 4.0 International (CCBY-NC-ND 4.0). Jede kommerzielle Verwertungdurch andere bedarf der vorherigen Einwilligung des Verlages. Die Verwendungdes Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemenist ohne Zustimmung des Verlags untersagt

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 Karl Clemens Kübler, veröffentlicht durch Schwabe Verlag Basel, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz

Abbildung Umschlag:Gärten des Horaz (1855), Jean-Baptiste-Camille Corot.

Korrektorat: Thomas Lüttenberg, München

Cover: icona basel gmbh, Basel

Layout:icona basel gmbh, Basel

Satz: 3w+p, Rimpar

Druck: Prime Rate Kft., Budapest

Printed in the EU

Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch

Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR:Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN Printausgabe978-3-7965-5550-3

ISBN eBook (PDF)978-3-7965-5551-0

DOI 10.24894/978-3-7965-5551-0

Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

Dank

Ein erstes Forschungsprojekterfordertvor allem Zeit. In dieser Hinsicht möchte ich all denen meinen Dank aussprechen, diesich in den vergangenen Jahren Zeitgenommen undsich mit dem Projektinder einen oder anderen Weise beschäftigt haben.

Ich danke besonders meinen Betreuer:innen am Deutschen Seminar der Universität Basel, Alexander Honold und Nicola Gess. Der gewährte Vertrauensvorschuss und dieFreiheit, das Projektauf diese Weise durchzufuhren, bedeuteten ein seltenes Privileg. Ich danke der eikones Graduate School und ihrer Trägerschaft furdie Unterstutzungund die Möglichkeit, mein Projekt im Austausch mit hervorragenden Kolleg:innen zu entwickeln und auch waghalsige Gedanken im interdisziplinären Gespräch prufen zu können. Ich danke der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel furihre großzügige Unterstutzung während der Abschlussphase. Ebenso dankeich dem Forschungsfonds der Universität Basel und dem Doc.Mobility-Programm furihre umfangreiche Beihilfe. Sie alle gewährten mirZeit, um immer wieder auf die Aufmerksamkeit aufmerksam zu werden.

Ich danke allen Kolleg:innen und Mitdoktorierenden an der eikones Graduate School furdie vielen anregenden Gespräche und die Hilfe –insbesondere wenn es mit der Arbeitnicht weiterzugehen schien. Furden produktiven fachlichen Austauschdankeich ebenfalls Christian Wimplinger, Philipp Ekardt, Nancy Thebaut, Caroline Adler, Rafael Jakob, Sophie Liepold, Kira Kaufmann, Stephanie Marx, Markus Klammer,Aden Kumler, Christian Schulte, Devin Fore und Richard Langston.

Für die freundliche Überlassung des Bildmaterials und die stets bereichernden Gespräche bin ich Alexander Kluge zu großem Dank verpflichtet, ebenso Gerhard Richter und dem Suhrkamp Verlag. Dem Schweizerischen Nationalfonds danke ich für dieFörderung dieser Publikation, wie dem Schwabe Verlag für die Zusammenarbeitdaran.

Ich danke meinen Eltern furihre Geduld und ihr Verständnis. Ich danke Philipp Lossau furseine Freundschaft und dafur, dass er mir immer Vorbild war. Ich danke LuisBosshartfurdie vielen produktiven Diskussionen, jede Kontroverse undden nie abbrechenden Dialog. Undich danke Lena Driessen furIhre unermessliche Geduld, das tiefe Vertrauen und jede einzelne so wertvolle Minute.

Bildungsreform

Brüchigkeit der Geschichte –Diskontinuität und Rückwendung

4.Autorschaft in der multimedialen Öffentlichkeit

ProduktivfaktorAufmerksamkeitund dieDisruption

Zur Vermittelbarkeitvon Kriegserfahrung:von Lernprozessen zu Neue Geschichten

Infragestellung des poetischen Erbes:

5. Die Selbsterfahrungder Steuerungsarbeit –

und Eigensinn

Die Arbeitsvermögen des Bewusstseins

Der

Gubernatorlebendiger Erfahrung

Das Bohren harter Bretter und Aufmerksamkeitals

Fureinige der häufig angefuhrten Publikationen, insbesondere diejenigen Alexander Kluges, werden nachfolgende Abkurzungen verwendet, an die jeweils die Seitenzahlen anschließen.

LL =Alexander Kluge, Lebensläufe, Stuttgart 1962.

Artisten =Alexander Kluge, Die Artisten in der Zirkuskuppel:ratlos, Munchen 1968.

OE =Oskar Negt, Alexander Kluge, Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von burgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt am Main 1972.

LP =Alexander Kluge, Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, Frankfurt am Main 1973.

NG =Alexander Kluge, Neue Geschichten. «Unheimlichkeit der Zeit». Hefte 1–18, Frankfurt am Main 1975.

GE =Oskar Negt, Alexander Kluge, Geschichte und Eigensinn, Frankfurt am Main 1981.

MB =Alexander Kluge, «Die Macht der Bewusstseinsindustrie und das Schicksal unserer Öffentlichkeit», in:Klaus von Bismarck, Gunter Gaus, Alexander Kluge, Ferdinand Sieger, Industrialisierung des Bewusstseins. Eine kritische Auseinandersetzung mit den ‹neuen›Medien, Munchen 1985,S.51–129.

CdG =Alexander Kluge, Chronik der Gefuhle [2000], Zwei Bde., Frankfurt am Main 2004.

Lucke =Alexander Kluge, Die Lucke, die der Teufel lässt, Frankfurt am Main 2003.

DEZ =Alexander Kluge, Gerhard Richter, Dezember, Frankfurt am Main 2010.

FB =Alexander Kluge, Das funfte Buch. Neue Lebensläufe, Berlin 2012.

Nachricht =Alexander Kluge, Gerhard Richter, Nachricht von ruhigen Momenten, Berlin 2013.

Bohren =Alexander Kluge, Das Bohren harter Bretter, Berlin 2013 [2011].

KG =Alexander Kluge, Kongs große Stunde, Berlin 2015.

DA =Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Gesammelte Schriften [Horkheimer]Band 5, hrsg. v. Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1987.

Fluctuat nec mergitur.

Aufmerksamkeit ist in aller Munde. Kaum einBegriff besitzt im medienkritischen Diskurs der digitalen Gegenwarteine so anhaltende Konjunktur wie die Aufmerksamkeit. Folgtman den Thesen verbreiteter Publikationen, könne sie beispielsweise als Leitwährung des Medienzeitalters gelten, mit deren Verbreitung eine eigene Ökonomieeinhergeht.1 Anderekonstatieren angesichts der Digitalisierung und der fortlaufenden Transformation der Lebenswelt eine besondere Krise der Aufmerksamkeit, insofernmit ihr assoziierte Praktiken wie anhaltende Konzentrationund Vertiefung gefährdet werden.2 Gleichwohl zeigen viele der gegenwärtigen Beiträge auf, dass das, was Aufmerksamkeit bezeichnen soll, häufignicht eindeutig zu bestimmen ist und umso unschärfer wird, je genauer man sievon anderen Phänomenen der menschlichen Kognition abzugrenzen oder siegar in einem einzelnen physiologischen Prozess zu isolieren sucht. Auch die Literatur und ihre wissenschaftliche Erforschung kennen eine Konjunktur des Aufmerksamkeitsbegriffs,insofern Autor: innen der Vergangenheitwie auch der Gegenwart Aufmerksamkeit als Konzept reflektieren, aufmerksames Verhalten oder Abweichung davon in Handlungen darstellen oder Formentscheidungen mitdem Verweis auf eine spezifische Posi1 Hierbei ist besonders Georg Francks Essay Ökonomie der Aufmerksamkeit herauszuheben, dessen titelgebendes Konzept in der Folge zu einem Topos des öffentlichen Sprechens über Aufmerksamkeit wurde, siehe: Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit,München, Wien 1998;Georg Franck, Mentaler Kapitalismus. Eine Ökonomie des Geistes,München, Wien 2005;Thomas H. Davenport, John C. Beck, The Attention Economy:Understanding the New Currency of Business,Cambridge MA 2001;Kristina Nolte, Der Kampf um Aufmerksamkeit. Wie Medien, Wirtschaftund Politik um eine knappe Ressource ringen,Frankfurt, New York 2005;Jörg Bernardy, Aufmerksamkeitals Kapital. Formen des mentalen Kapitalismus,BadenBaden 2014; James G. Webster, The Marketplace of Attention. HowAudiences Take Shape in a Digital Age,Cambridge MA, London 2014.

2 N. Katherine Hayles, «Hyper and Deep Attention:The Generational Divide in Cognitive Modes», in: Profession 2007, S. 187–199;Maryanne Wolf, Mirit Barzillai, «The Importance of Deep Reading», in: Educational Leadership 66(6)2009, S. 32–37; Jenny Odell, How to Do Nothing: Resisting the Attention Economy,New York 2019;Johann Hari, Stolen Focus:Why You Can’tPay Attention. And How to Think Deeply Again,New York 2022.

tion zum Konzept der Aufmerksamkeitbegründen.3 Aufmerksamkeit wird dort zum relevanten Gegenstand des literarischen Feldes, wo es entweder um Praktiken der Wahrnehmung, der Lektüreund des vorstellenden Denkens geht oder woVerteilungsfragen von Anteilen an (literarischer)Öffentlichkeit, an Informationsmärkten und an einem Publikumsinteresse thematisiert werden.

Ein literarischer Autor, der sich in seinem mehr als 60 Jahre überspannenden Œuvre beiden Aspekten, dem der individuellen Erfahrungsbildung und der Organisation von Öffentlichkeitintensivwidmet, ist der deutsche Schriftsteller, Regisseur, Fernsehproduzent und Jurist Alexander Kluge (*1932). Wenngleich nicht auf den ersten Blick erkennbar,sofindet sich in Kluges Werk docheine intensive theoretische, aber auch bis in diefilmische und literarische Form selbst hineinreichende Auseinandersetzung mit der Aufmerksamkeit.Die vorliegende Arbeit sucht folglich darzulegen, wie sich diese Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Aufmerksamkeitimliterarischen Werk Alexander Kluges entwickelt und gestaltet. Sie bietet Lektüren und Deutungen literarischer Texte und ihrer formalen Verfahren aus verschiedenen Werkabschnitten des Autors hinsichtlich jener Problematik,die der Begriffder Aufmerksamkeit einzufangen sucht. Begriff und Begriffsinhalt der Aufmerksamkeit werden in den folgenden Kapiteln anhand der literarischen Texte diskutiert, aber zugleich auch selbst zur Disposition gestellt. Denn das, was Aufmerksamkeit heißt, ist vielgestaltiger als esder alltäglicheSprachgebrauch nahelegt. DieArbeit zeichnet so nach, wie die ausgewählten literarischen Texte Alexander Kluges in ihrer spezifischen Gestaltung auf ein Konzept Bezug nehmen, das für dieProduktion und die Rezeption von Literatur von umfassender Bedeutung ist, das aber angesichts seiner Diskurs- und Begriffsgeschichte in sich selbst bereits problembehaftet ist und nicht ohne Weiteres vorweggenommen werden kann. Dieser doppelten Problematik suchtsich die Arbeitzustellen, indem sie, den Formgesetzen des Autors folgend, die begrifflichen Voraussetzungen jener Bezugnahme zunächst aus dem literarischen Werk selbst bestimmt. Was das Phänomen der Aufmerksamkeit auf seinen verschiedenen Bedeutungsebenen ausmacht, wird zunächst anhand einer einzelnen literarischen Kurzgeschichte mitdem Titel «Was heißt Aufmerksamkeit?» aus dem SpätwerkKluges dargelegt.4 Anhand dieser Anekdote wird sodann die literaturwissenschaftlichePerspektive entwickelt, aus der wir in den folgenden Kapiteln zentrale Etappen in der Entwicklung des literarischen Werks Alexander Kluges in den Blick nehmen. Darin versteht sich die Arbeit

3 Barbara Thums, Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und Selbstbegründung von Brockes bis Nietzsche, München 2008;Karin Kukkonen, «Exploring Inner Perceptions:Interoception, Literature and Mindfulness», in: Journal of Consciousness Studies 26(11–12)2019, S. 107–132; Carolin Duttlinger, Attention and Distraction inModern German Literature, Thought, and Culture,Oxford 2022

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auch als literaturphilosophisch, insofern siedie Zuschreibung einer besonderen epistemischenQualität des literarischen Texts durch den Autor in Bezug auf eine metaphysische Frage ernst nimmt und so zunächst vom Material her die Methode bestimmt:Inwiefernist durch die Form des literarischen Texts eine spezifische Erkenntnisüber einKonzept möglich, von dem das Zustandekommen des Texts und seines Verständnisses auf verschiedenen Ebenen abhängt? Und weiter:Inwiefernwerden in Verfahren der Produktion die Bedingungen zur Rezeption abgebildet?

Genese dieser Forschungsarbeit

Am Ausgangspunkt dieser Forschungsarbeitstand die Beobachtung, dass die literarischen Publikationen Alexander Kluges seit 1973 durch ihre Integration von verschiedenartigem Bildmaterial in und zwischen die literarischen Texte eine besondere Lektüresituation schaffen. Im Unterschied zu früheren literarischen Veröffentlichungen Kluges besteht das künstlerische Verfahren nicht mehr nur aus der Anordnung sprachlicher Zeichen in Form von Erzähltext oder der Montage von gefundenem Textmaterial, sondern zunehmend auch aus der Einfügung ikonischer Zeichen in den Zusammenhang des literarischen Texts. Die Buchpublikationen lassen sich hierbei grob in drei übergeordnete Gruppen einteilen, erstens in Sammelbände von Kurzgeschichten (darunter Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, Neue Geschichten, Chronik der Gefühle), zweitens Begleitbücher zu Kluges Kinofilmen (darunter Die Patriotin, Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit), sowiedrittens Theoriebände (darunter Geschichte und Eigensinn, Maßverhältnisse des Politischen, Bestandsaufnahme:Utopie Film). Übergreifend wird in allen drei Publikationsgruppen Bildmaterialverwendet, das entweder eine illustrative oder eine formaleigenständige Funktion imKontext der Werke erfüllt und somitinvielgestaltige Beziehungen zum literarischen oder theoretischen Text tritt. Was aber verändert sich hierdurch hinsichtlich des Rezeptionsakts, dem Akt des Lesens?

Das Verhältnis von Bild zu Text war bereits mehrfach Gegenstand literatur- und filmwissenschaftlicher Forschungsarbeiten zu Alexander Kluges Werk, zuletzt besonders umfangreich in PhilippEkardts Toward Fewer Images. The Work of Alexander Kluge,Christoph Streckhardts Kaleidoskop Kluge oder Klemens Grubers Kluges strategische Vermögen.5 Vordem Hintergrund tradierter literarischer Formen und konventionalisierter Rezeptionspraktiken stellt diese konstitutive Verbindung von Bild und Kurzprosatext eine für Leser:innen her-

5 Philipp Ekardt, Toward Fewer Images. The Work of Alexander Kluge. The Work of Alexander Kluge,Cambridge MA 2018;Christoph Streckhardt, Kaleidoskop Kluge. Alexander Kluges Fortsetzung der Kritischen Theorie mit narrativen Mitteln,Tübingen 2016;Klemens Gruber, Kluges strategische Vermögen. Zur Aktualität der Avantgarde,Wien 2022.

ausfordernde Situation im Umgang mitKluges Büchern her. Sie laden zum Blättern ein, zur Auswahl der Lektüreeinzelner Geschichten nach markanten Bildern, zurNutzung ebenjener markanten Bilder als Erinnerungsstütze für den Lesefortschritt. In dieser Hinsicht bildete sich eine erste Hypothese, nämlich, dass die spezifische Gestalt der Kluge’schen Bild-Texte anders mit der Aufmerksamkeit eines Lesers bei der Lektüreinteragiertals es ein linearer, lediglich aus Fließtext bestehender Roman täte. Diese Interaktion nimmt dabei verschiedene Formen an. So könnte dieEinfügung von Bildmaterialinden Fließtext beispielsweise als Nachahmung nichtliterarischer Mediengattungen wie Tageszeitung oder Nachrichtenprogramm wirken, wodurch den Kurzprosatexten und den Bildern Neuigkeitscharakter beigemessen würde und die Aufmerksamkeit eines Lesers so stimuliertwird. Entspricht eine solche disparate Mischform von Bildern und Textstücken vielleicht gerade einer massenmedialen Gegenwart, die von Geschwindigkeitund Gleichzeitigkeitgeprägt ist?

Vom Standpunkteiner literaturwissenschaftlichen Untersuchung stellte sich an dieser Stelle allerdings das Problem der Überprüfbarkeit solcher Hypothesen. Auf welcheWeise und anhand wovon lässt sich das zufriedenstellend mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen herausfinden?Inden Bereichen der pädagogischen und kognitionspsychologischen Leseforschung existieren seit vielen Jahren Ansätze, Aufmerksamkeitbei der Lektüre empirisch zu bestimmen und zu messen.6 Dieoben genannte Hypothese könnte so unter Anwendung empirischer Methoden, wiedem Eye-Tracking während der Lektüre oder einer Leser:innenbefragung, die beide reale Interaktionen mit literarischen und theoretischen Publikationen Alexander Kluges zum Gegenstand haben, geprüft werden. Hierbei hätten sich jedoch auch jenseits der fachlichen Eignung und der praktischen DurchführbarkeitmehrereProbleme gestellt. Zum einen sind empirische Versuchsaufbauten der Leseforschung meist auf Laborumgebungen angewiesen, in denen dieKomplexität des zu untersuchenden Akts und Fremdreize möglichst reduziertwerden, damitdie Ergebnisse möglichst vergleichbar sind und ihre Signifikanz geprüftwerden kann. Dem entgegen steht der lebendige Akt der Lektüre der Kluge’schen wie auch literarischer Publikationen überhaupt, die sich nicht in der reinen Ermittlung von Information erschöpft, sondern sich gerade erst in unkalkulierbaren oder kontingenten Faktoren, wie bei-

6 Keith Rayner, «Eye movements in reading and information processing:20years of research», in: Psychological Bulletin 124(3)1998, S. 372–422;Keith Rayner, Kathryn H. Chace, Timothy J. Slattery, Jane Ashby, «Eye Movements as Reflections of Comprehension Processes inReading», in: Scientific Studies of Reading 10(3)2006, S. 241–255;Keith Rayner, «Eye movements and attention in reading, scene perception, and visual search», in: The Quarterly Journal of Experimental Psychology 62(8)2009, S. 1457–1506;Olaf Dimigen, Werner Sommer, Annette Hohlfeld, Arthur M. Jacobs, Reinhold Kliegl, «Coregistration of eye movements and eeg in natural reading:Analyses and review», in: Journal of Experimental Psychology:General 140(4)2011, S. 552–572.

spielsweise der Rumination des Gelesenen, unsystematischer Wiederholung der Lese- und Deutungsakte und assoziativer Semiose erfüllt.

Zum anderen würde in einem auf empirischen Methoden gestützten Versuchsaufbau Aufmerksamkeitimmer schon als beobachtbares Verhalten in Form eines Verarbeitungsakts einer spezifischen, vordefinierten Aufgabe –im Fall der Lektüre eben das Entschlüsseln der Zeichen und das Verstehen eines Sinns –vorausgesetzt werden.7

Diejenigen Texte Kluges aber, die im weitesten Sinn von Aufmerksamkeit oder einem lebendigen Bewusstseinhandeln, sind mit einer solchen Vorannahme nicht uneingeschränktkompatibel, sieoffenbaren vielmehr selbst ein philosophisches Suchen danach, was Aufmerksamkeit bedeuten kann. Die literarischen Texte Kluges –und hierbei insbesonderediejenigen mit Bildanteilen –zeigen eine der Mehrdeutigkeit literarischer Werke gemäße Vielgestalt dessen, was sich unter dem Begriff der Aufmerksamkeitsubsumieren lässt. Sie zeigen widersprüchliche Aspekte des Aufmerksamseins auf, stellen Krisen der Aufmerksamkeit als eigentliche Szenen ihrer Verwirklichung dar und erweitern somit im Medium der Literatur,was nicht nur in den empirischen Wissenschaften, sondern auch in der Diskursgeschichte der Aufmerksamkeit oftmals zugunsten einer Gleichsetzung von Aufmerksamkeit und operativer Konzentration stark verengt wird. In dieser Hinsicht regte Bernhard Waldenfels in seiner Phänomenologie der Aufmerksamkeit an, dass das Phänomen der Aufmerksamkeit eine eigene Sprache erfordere, «inder Ereignisse, Bewegungen, Richtungsunterschiede, Tempi,Kräfte und Gewichte eine weitaus größere Rolle spielen als Akte, Ziele und Regeln».8 In Anbetracht des vorhandenen Materials, der theoretischen und literarischen Texte Kluges, muss es also vielmehr darum gehen, einen Begriff der Aufmerksamkeitnicht einfach vorauszusetzen, sondern diesen erst durch die Lektüredes Kluge’schen Werks und mithilfe der literaturwissenschaftlichen Untersuchung zu entwickeln.

7 «Research in attention has often been conducted under conditions that, on the surface at least, little resemble—in termsoftheir complexity—situations in our everyday lives. This is, of course, intentional. The hope is that any cost to ecological validity will be offset by the discovery of principles of human attention and behavior that generalize to more complex situations. One of the many important functions served by research on everyday attention is that it allows researchers to evaluate the degree that their work is delivering on that greater promise. Specifically, do the principles derived from orthodox attention research (i.e., that which is conducted inthe spartan conditions of the psychological laboratory)lead to predictions that are confirmed when tested in situations that more closely resemblepeople’sday-to-day life?», Jonathan M.Fawcett, Evan F. Risko, Alan Kingstone, «Attention:From the Laboratory to the Real World and Back Again», Einleitung zu Jonathan Fawcett, Evan Risko, Alan Kingstone (Hg.), The Handbook of Attention,Cambridge MA, London 2015, S. XI–XII hier XII.

8 Bernhard Waldenfels, Phänomenologie der Aufmerksamkeit,Frankfurt am Main 2004, S.10.

Was heißt Aufmerksamkeit? –

MethodischerAusgangspunkt

Nichtsdestoweniger benötigt auch eine solche Entwicklung des Begriffs einen Ausgangspunkt, den uns entweder seine umgangssprachliche Verwendung oder eine wissenschaftlich-kanonische Definition bietet. Die Geschichte der Aufmerksamkeitsforschung kennt derer einige, wenngleich die meisten der gängigen Definitionen von Aufmerksamkeitdiese als eine dynamische Selektivitätdes Bewusstseins beschreiben:Aufmerksamkeitist «the system that involves our ability to select among competing data so as to bias our memory, responses,or current thought towardsome contents rather than others»,9 wie es Posner und Friedrich zusammenfassen. Gleichzeitigscheint Aufmerksamkeit je nach Forschungsdisziplin, Methodikund Datengrundlagekein fest umrissenes und einheitliches Phänomen zu sein, was dazu führt, dass die systematische Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeitauch fundamentale Skepsis am Begriff einschließt..10 Zugleich aber bietet Alexander Kluge selbst einen solchen Ansatzpunkt, um über das nachzudenken, was Aufmerksamkeitausmacht, indem er in seinem Spätwerk eine Anekdote aus seiner Kindheit «Was heißt Aufmerksamkeit?» betitelt.11

In dieser Anekdote problematisiertder Autor Alexander Kluge den Begriff der Aufmerksamkeitauf zwei bemerkenswerte Weisen:Einerseits gibt er auf die ontologische Frage danach, was Aufmerksamkeitheiße, ein Beispiel in Form einer Anekdote aus der eigenen Kindheit, das trotz seiner Spezifik auf die allgemeine Frage zu antworten vermag;und andererseits stellt die Anekdote konventionelle Vorstellungen davon, was Aufmerksamkeit und ihr Gegenteil bedeuten sollen, zur Disposition,indem siebeide als fundamentalmiteinander verschränkt und einander bedingend darstellt. Die Anekdote und die im Titel aufgeworfene Frage bilden –wenngleich von ihrem spezifischen werkhistorischen Kontext nicht losgelöst –inihrer für den Diskurs unüblichen Weise, sich dem Wesen eines Phänomens zu nähern, einen im literarischen Materialbegründeten methodischen Ausgangspunktfür dieses Nachdenken über Aufmerksamkeit und über die Weisen der Bezugnahme literarischer Texte und Verfahren auf sie.

9 Michael I. Posner, Frances J. Friedrich, «Attention and the Control of Cognition», in: Sarah L. Friedman, Kenneth A. Klivington, Rita W. Peterson (Hg.), The Brain, Cognition, and Education,Orlando 1986, S. 81–103 hier 81.

10 F.H. Bradley, «IsThere any Special Activity of Attention?»,in: Mind 11(43)1886, S.305–323;Harold E. Pashler, The Psychology of Attention,Cambridge MA, London 1998; Christopher Mole, «Metaphysics of Attention», in:Christopher Mole, Declan Smithies, Wayne Wu (Hg.), Attention. Philosophical and Psychological Essays,Oxford, New York 2011, S.60–77;Hommel et al., «Noone knows what attention is», in: Attention, Perception, &Psychophysics 81 2019,S.2288–2303.

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