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Die Beziehung zwischen Psychotherapeut:innen und Klient:innen ist asymmetrisch. Klient:innen sind nicht nur bereits verletzt, sondern aufgrund von Machtungleichheit auch besonders verletzlich. Wie sollte diese Beziehung ausgestaltet werden, auch mit Blick auf digitale Anwendungen? Diese Frage steht im Fokus des Buchs, das vom Prinzip der verletzlichen Freiheit der theologischen Ethikerin Hille Haker ausgeht. Nach Haker haben psychisch erkrankte Menschen nicht nur ein Recht auf Hilfe, sondern auch darauf, durch diese Hilfe nicht weiter verletzt zu werden. Die Autorin erarbeitet zunächst grundsätzliche Orientierungspunkte für die reflektierte Machtausübung von Psychotherapeut:innen, bevor sie zeigt, was diese für individuelle Entscheidungen über den Einsatz digitaler Anwendungen in der Psychotherapie bedeuten.

Autorin Julia van der Linde studierte katholische Religionslehre, Germanistik, Bildungswissenschaften und Theologie in Münster, wo sie 2025 mit der nun in Buchform vorliegenden Arbeit promoviert wurde. Derzeit ist sie als Akademische Rätin a. Z. am Seminar für Moraltheologie an der Universität Münster tätig.

SCHWABE VERLAG www.schwabe.ch

ISBN 978-3-7965-5508-4

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SthE

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CARE-PRAXIS ANGESICHTS VERLETZLICHER FREIHEIT

HERAUSGEGEBEN VON DANIEL BOGNER UND MARKUS ZIMMERMANN, DEPARTEMENT FÜR MORALTHEOLOGIE UND ETHIK, UNIVERSITÄT FREIBURG I.UE.

JULIA VAN DER LINDE

STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK

STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK 171

JULIA VAN DER LINDE

CARE-PRAXIS ANGESICHTS VERLETZLICHER FREIHEIT Theologisch-ethische Grundlagen zur Bewertung digitaler Anwendungen in der Psychotherapie


studien zur theologischen ethik 171 Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann


Ju l i a va n de r Linde

Care-Praxis angesichts verletzlicher Freiheit Theologisch-ethische Grundlagen zur Bewertung digitaler Anwendungen in der Psychotherapie

Schwabe Verlag, Basel


Die Druckvorlage der Textseiten wurde vom Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i. Üe. zur Verfügung gestellt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbib­ liografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Gestaltungskonzept Umschlag: icona basel gmbh, Basel Gestaltungskonzept Inhalt: Stellwerkost Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Satz: Elisabeth Zschiedrich, Université de Fribourg, Departement für Moraltheologie u. Ethik, Av. de l’Europe 20, CH-1700 Freiburg i. Üe. Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5508-4 ISBN eBook 978-3-7965-5509-1 (pdf) DOI 10.24894/978-3-7965-5509-1 ISSN 0379-2366 (Studien zur theologischen Ethik) Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


INH A LT S V ER ZEICHNI S Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.1 Zur Problemstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.2 Zum Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.3 Zur Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.4 Zum Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2. Care – eine Verortung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.1 Heterogene Entwicklungen im Anschluss an Carol Gilligan . . . . . . 23 2.2 Das care-ethische Verständnis der vorliegenden Arbeit und ihre zugrunde gelegte Anthropologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3 Care-Praxis – Begriffliche Klärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 3. Psychotherapie als Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 3.1 Care-Praxis als helfendes Handeln von Menschen für Menschen . . . 50 3.1.1 Beziehung zwischen Care Giver und Care Receiver . . . . . . . . . . 53 3.1.2 Einbettung der Beziehung in eine institutionalisierte Care-Praxis . 55 3.1.3 Bezahlung innerhalb der Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 3.1.4 Orte der Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 3.1.5 Bedingungen und Phasen der Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . 61 3.2 Allgemeine Wirkfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.2.1 Ressourcenaktivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 3.2.2 Problemaktualisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 3.2.3 Aktive Hilfe zur Problembewältigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 3.2.4 Motivationale Klärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 3.2.5 Allgemeine psychotherapeutische Wirkfaktoren als Bestandteil der Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 4. Asymmetrien und Macht in der Psychotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 4.1 Psychische Störungen als Konstitutiva asymmetrischer Care-Praxis . 76 4.2 Machtasymmetrie im therapeutischen Handeln . . . . . . . . . . . . . 82 4.2.1 Interpersonale Macht zwischen ‹power to› und ‹power over› . . . . 84 4.2.2 Macht innerhalb der psychotherapeutischen Care-Praxis . . . . . 86 4.3 Wissen und soziale Macht: Psychotherapie als epistemische Praxis . 95 4.3.1 Glaubwürdigkeitsdefizite innerhalb der Care-Praxis . . . . . . . . . 97 4.3.2 Relevanz hermeneutischer Ressourcen innerhalb der Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103


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5. E-Mental-Health: Digitale Anwendungen in der psychotherapeutischen Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5.1 Formen digitaler Anwendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 5.1.1 Algorithmen als Grundlage digitaler Anwendungen . . . . . . . . . 113 5.1.2 E-Mail-, Chat- und Videokonferenzinterventionen: klassische Psychotherapie auf Distanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 5.1.3 Web- und App-basierte Selbsthilfeprogramme . . . . . . . . . . . . 121 5.1.4 Chatbots . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 5.1.5 Gamification und Serious Games . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 5.1.6 Roboter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 5.1.7 Virtual und Augmented Reality . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 5.1.8 Klinische Entscheidungsunterstützungssysteme . . . . . . . . . . . 134 5.2 Kommunikative Auswirkungen auf die Care-Praxis . . . . . . . . . . . 139 5.2.1 Mediatisierung kommunikativen Handelns bei Friedrich Krotz . 140 5.2.2 Medienkommunikation in der psychotherapeutischen Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 5.3 Auswirkungen auf Macht im therapeutischen Setting . . . . . . . . . . 150 5.3.1 Therapiemacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 5.3.2 Deutungsmacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 5.3.3 Allokationsmacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 5.3.4 Disziplinarmacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 5.3.5 Expert:innenmacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 6. Machtsensible Care-Praxis angesichts verletzlicher Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 6.1 Der Barmherzige Samariter (Lk 10, 28–37): Nächstenliebe als Anspruch und Grenze helfenden Handelns . . . . . 162 6.2 Das Prinzip der verletzlichen Freiheit nach Hille Haker . . . . . . . . . 179 6.2.1 Drei Formen von Verletzlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 6.2.2 Vier Dimensionen verletzlicher Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . 188 6.2.3 Verletzliche Freiheit als normativer Grund der Sorge . . . . . . . . 209 6.2.4 Hermeneutische Dimension des Prinzips der verletzlichen Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 6.3 Psychotherapeutische Care-Praxis angesichts verletzlicher Freiheit . 221 6.3.1 Klient:innen als verletzliche Verletzte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 6.3.2 Ethisch-normativer Maßstab der Care-Praxis . . . . . . . . . . . . . 227 6.3.3 Hermeneutische Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 6.3.4 Orientierungspunkte für das gerechte Handeln von Psychotherapeut:innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239


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7. Machtsensible Integration digitaler Anwendungen . . . . . . . . . . . . . . . 253 7.1 E-Mail-, Chat- und Videokonferenzinterventionen . . . . . . . . . . . . 261 7.2 Web- und Mobile-Apps, Gamification-Elemente und Serious Games . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 7.3 Chatbots und Roboter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274 7.4 Virtual und Augmented Reality . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 7.5 Klinische Entscheidungsunterstützungssysteme . . . . . . . . . . . . . 281 8. Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Biblische Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Studien zur theologischen Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341


VORWOR T Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 2025 von der Katholisch-Theo­ logischen Fakultät der Universität Münster als Dissertation angenommen. Für den Druck wurde sie leicht überarbeitet. Mein besonderer Dank gilt Frau Professorin Dr. Monika Bobbert, Direktorin des Seminars für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni­ versität Münster. Durch ihre Lehrveranstaltungen während meines Studiums so­ wie ihre motivierenden und wertschätzenden Worte habe ich eine Promotion überhaupt erst in Erwägung gezogen. Für ihre Unterstützung und ihre zahlrei­ chen inhaltlichen Hinweise und Anmerkungen zur vorliegenden Arbeit während meiner Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin danke ich ihr herzlich. Außerdem möchte ich mich bei Frau Professorin Dr. Marianne Heimbach-Steins, ehemalige Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften, für die rasche Er­ stellung des Zweitgutachtens bedanken. Weiterhin gilt mein Dank Frau Professorin Dr. Katharina Klöcker, Professur für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, die die Themenfindung und Konzeption meiner Dissertation produktiv begleitet hat, nachdem ich nach Abschluss meines Studiums in Münster an ihrem damali­ gen Lehrstuhl für Theologische Ethik in Bochum eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin angetreten hatte. Sie hat meine Arbeit gemeinsam mit Frau Profes­ sorin Dr. Bobbert auch noch in der Zeit weiterbetreut, nachdem ich an die Uni­ versität Münster zurückgekehrt war. Für Einblicke in die psychotherapeutische Praxis danke ich Frau Dr. Roswitha Jelley und Frau Margarete Wösthoff. Gespräche mit ihnen haben mir ermöglicht, die theoretischen Ausführungen meiner Arbeit um anschauliche Beispiele zu be­ reichern. Bedanken möchte ich mich auch bei der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, die mich zu Beginn meiner Promotion mit einem Promotionsstipendium im Förderprogramm Perspektiven der Theologie in der Wissensgesellschaft unterstützt hat. Der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni­ versität Münster danke ich für die Durchführung des Promotionsverfahrens in kürzester Zeit. Herrn Professor Dr. Daniel Bogner und Herrn Professor Dr. Markus Zimmer­ mann, den Herausgebern der Reihe Studien zur Theologischen Ethik des SchwabeVerlags in Basel, danke ich für die Aufnahme meiner Arbeit in die Schriftenreihe. Mein besonderer Dank gilt zudem dem Bistum Münster sowie AGENDA – Fo­ rum katholischer Theologinnen e. V., die die Drucklegung meiner Dissertation durch die großzügige Gewährung von Druckkostenzuschüssen finanziell unter­ stützt haben.


Ein besonderer Dank gilt zudem meinen Kolleginnen und Kollegen an den Ka­ tholisch-Theologischen Fakultäten Bochum und Münster, die mich mit anregen­ dem Austausch, ermutigenden Worten und kollegialer Unterstützung durch die Promotionszeit begleitet haben, insbesondere Dr. Aleksandra Brand, Dr. Lukas Brand, Raina Lemmerhirt und Dr. Marius Menke. Raina Lemmerhirt und Dr. Anna Schönhütte gebührt mein Dank für das Korrekturlesen einzelner Kapitel. Nicht zuletzt danke ich meinen Eltern ganz herzlich. Sie haben mich nicht nur in zahlreichen Gesprächen bei unseren Abendessen ermutigt, Aussagen und Ar­ gumente kritisch zu hinterfragen, sondern mich auch auf dem Weg durchs Studi­ um und bei der Entscheidung zur Promotion stets fürsorglich begleitet. Münster, im Dezember 2025 Julia van der Linde


1 EINLEIT UNG 1.1 Zur Problemstellung Krankheit und Kranksein gehören zu den existenziellen Grunderfahrungen des menschlichen Lebens. Immer wieder begegnen wir kranken Menschen und er­ fahren im eigenen Kranksein das damit verbundene Leiden. Seit jeher wird des­ halb danach gestrebt, Leid und Schmerzen zu lindern, Krankheiten zu heilen und ihnen vorzubeugen. Die konkreten Therapieformen haben sich dabei immer wie­ der gewandelt und integrieren mittlerweile auch digitale Anwendungen. Insbesondere für die Psychotherapie ergeben sich zahlreiche Integrationsmög­ lichkeiten digitaler Anwendungen, da sie als Therapie von Verhaltensstörungen und psychischen Leidenszuständen methodenübergreifend auf einem Kommuni­ kations- und Beziehungsgeschehen beruht. 1 Das Spektrum reicht dabei vom Kon­ takt zwischen Psychotherapeut:innen und Klient:innen per E-Mail, Chat und Vi­ deokonferenz bis hin zum völlig automatisierten Selbsthilfeprogramm und beinhaltet außerdem den Einsatz von Robotern, Chatbots, Computerspielen, Aug­ mented und Virtual Reality sowie Klinischen Entscheidungsunterstützungssyste­ men. Lange war der Einsatz digitaler Anwendungen innerhalb der Psychotherapie in Deutschland rechtlich nicht zulässig. Durch das Pflegepersonal-Stärkungsge­ setz (PpSG) ist seit April 2019 jedoch unter bestimmten Voraussetzungen auch eine Fernbehandlung per Videokonferenz möglich, und durch das Digitale-Ver­ sorgung-Gesetz (DVG) können seit Oktober 2020 bestimmte Apps, die als Medi­ zinprodukte niedriger Risikoklasse gelten, als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zugelassen und infolgedessen verschrieben werden. Andere Anwendun­ gen befinden sich im Stadium der Entwicklung und sind bislang nicht Teil der kassenärztlichen Regelversorgung. Besondere Aufmerksamkeit und Relevanz erlangte das Thema der digitalen Anwendungen in der Psychotherapie durch die Kontaktbeschränkungen zu Be­ ginn der COVID-19-Pandemie. Hier führte die Verwendung von Videokonferenz­ programmen dazu, dass Behandlungen zum Teil überhaupt erst möglich wurden. Zudem können Personen mit eingeschränkter Mobilität oder Höreinschränkung einen barriereärmeren Zugang zu einer Psychotherapie erhalten. Schließlich lässt sich durch die örtliche und zeitliche Flexibilität digitaler Anwendungen zum ei­ nen einer Unterversorgung entgegenwirken, die aus langen Wartezeiten auf einen 1 Vgl. die nach wie vor als allgemein gültig anerkannte Definition von Hans Strotzka. Strotz­ k a, Hans: Psychotherapie: Grundlagen, Verfahren, Indikationen. München 1975, 4. Siehe auch Wirtz, Markus: Psychotherapie. In: ders. (Hrsg.): Dorsch. Lexikon der Psychologie. Bern 2022. Online: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/psychotherapie (27.12.2025).


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1. EINLEITUNG

freien Therapieplatz resultiert, und einige ortsgebundene Stigmatisierungseffekte können verringert werden, die sich durch eine psychische Erkrankung und ihre Therapie ergeben. Neue Technologien erhalten – darauf macht die Moraltheologin Katharina Klöcker aufmerksam – «oftmals einen nicht explizit thematisierten Vertrauens­ vorschuss in Form moralischer Legitimierung, und zwar dann, wenn sie allge­ mein anerkannte und für gut befundene Ziele […] verfolgen» 2. Ein solches Ziel stellt in Bezug auf digitale Anwendungen in der Psychotherapie die soeben be­ schriebene Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung dar, wobei ins­ besondere der Zugang zur Psychotherapie fokussiert wird. Der Einsatz digitaler Anwendungen verändert jedoch nicht nur die Zugäng­ lichkeit einer Psychotherapie, sondern auf vielfältige Weise die für die Psychothe­ rapie zentrale Kommunikation und Beziehung zwischen Therapeut:in und Klient:in. So kann das Einbeziehen digitaler Anwendungen dazu führen, dass auf körperliche Präsenz verzichtet wird, dass Kommunikation sinnreduziert ist, und dass diese auch asynchron stattfindet. Daraus kann resultieren, dass keine ge­ meinsame Situation geteilt wird, nonverbale und parasprachliche Informationen fehlen und diese Charakteristika bislang eingesetzter Kommunikation durch Emoticons, Emojis, animierte Grafiken, Sticker, Akronyme und handlungskom­ mentierende Gesprächsschritte ersetzt werden. 3 Zudem werden Klient:innen ggf. nicht mehr individuell, sondern allgemein adressiert, und es findet u. U. lediglich simulierte Kommunikation mit Chatbots statt. 4 Außerdem können Entschei­ dungsunterstützungssysteme das Handeln von Psychotherapeut:innen und da­ mit die Interaktion mit Klient:innen beeinflussen. Der Einsatz von Maschinellem Lernen zur Entwicklung digitaler Anwendungen kann sich des Weiteren auf die Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Arbeitsweise von Programmen und ihrem Output auswirken. 5 Schließlich können menschliche Verzerrungen in den

2 Klöcker, K atharina: Prämissen und Paradigmen der Prädiktion. Theologisch-ethische Marginalien zur Digitalisierung der Medizin. In: Fritz, Ale xis/Proft, Ingo/Mandry, Christof (Hrsg.): Digitalisierung im Gesundheitswesen. Anthropologische und ethische Herausforderungen der Mensch-Maschine-Interaktion (Jahrbuch für Moraltheologie 5). Freiburg i. Br. 2021, 138–157, hier 148. 3 Vgl. Imo, Wolfgang/Lanwer, Jens Philipp: Interaktionale Linguistik. Eine Einführung. Ber­ lin 2019, 226 f.; Hintenberger, Gerhard: Der Chat als neues Beratungsmedium. In: ders./Küh­ ne, Stefan (Hrsg.): Handbuch Online-Beratung. Psychosoziale Beratung im Internet. Göttingen 2 2011, 69–78, hier 70 f. 4 Vgl. zur allgemein adressierten und simulierten Kommunikation Krotz, Friedrich: Me­ diatisierung. Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden 2007, 91 f. 5 Vgl. Janiesch, Christian/Zschech, Patrick/Heinrich, K ai: Machine Learning and Deep Learning. In: Electronic Markets 31/3 (2021), 685–695, hier 688.


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Trainingsdaten dazu führen, dass Vorurteile in die Anwendungen eingeschrie­ ben werden und damit zusammenhängende Diskriminierung verfestigt wird. 6 Der von Klöcker konstatierte Vertrauensvorschuss ist daher kritisch in den Blick zu nehmen, weshalb dem Dikasterium für die Glaubenslehre und dem Di­ kasterium für Kultur und Bildung zuzustimmen ist, wenn sie in der im Januar 2025 veröffentlichten Note Antiqua et Nova darauf hinweisen, dass wir aufgerufen sind, «uns unter Einsatz von alter und neuer Weisheit (vgl. Mt 13,52) mit den heuti­ gen Herausforderungen und Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich aus dem wissenschaftlichen und technologischen Wissen ergeben, insbesondere aus der jüngsten Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI)» 7, und dabei betonen, dass es von entscheidender Bedeutung sei, «einzelne Anwendungen in bestimm­ ten Kontexten kritisch zu bewerten, um festzustellen, ob sie die Würde und Beru­ fung des Menschen und das Gemeinwohl fördern oder nicht» 8. 1.2 Zum Forschungsstand Eine Auseinandersetzung mit digitalen Anwendungen in der Psychotherapie fin­ det v. a. in der klinischen Psychologie statt und zielt auf die Entwicklung von An­ wendungen und das Nachweisen von deren Wirksamkeit. 9 Medizinethische Publi­ kationen, die sich auf das Handlungsfeld Psychotherapie beziehen, befassen sich in der Hauptsache mit der Autonomie von Klient:innen und speziell mit informatio­ neller Selbstbestimmung und Datenschutz. Des Weiteren werden im Hinblick auf die Zugänglichkeit und Wirksamkeit digitaler Anwendungen Nutzen- und Scha­ denspotenziale eruiert und Fragen der Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit an­ geschnitten. 10 Im Hinblick auf die Beziehung zwischen Psychotherapeut:innen 6 Vgl. Lanquillon, Carsten/Schacht, Sigurd: Knowledge Science – Grundlagen. Methoden der Künstlichen Intelligenz für die Wissensextraktion aus Texten. Wiesbaden/Heidelberg 2023, 42; Ja­ niesch/Zschech/Heinrich (2021): Machine Learning, 691. 7 Dik asterium für die Gl aubenslehre/Dik asterium für Kultur und Bildung: Antiqua et Nova. Note über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz. Online : https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_ddf_doc_20250128_ antiqua-et-nova_ge.html (27.12.2025), Nr. 1. 8 Ebd. Nr. 110. 9 Siehe u. a. Berger, Thomas/Bielinski, Laur a/Klein, Jan Philipp: Digitale Interventionen in der Psychotherapie. In: Psychotherapie, Psychosomatik, medizinische Psychologie 74/9–10 (2024), 403–414; Fenski, Friederike et al.: Blended Care: Stand der Forschung und Implementierungsmöglichkeiten. In: Der Nervenarzt 95/3 (2024), 216–222. 10 Vgl. u. a. Rubeis, Giovanni: iHealth: The Ethics of Artificial Intelligence and Big Data in Mental Healthcare. In: Internet Interventions 28 (2022), 1–6; Gross, Dominik/Schmidt, Mathias: E-Health und Gesundheitsapps aus medizinethischer Sicht: Wollen wir alles, was wir können? In: Bundesge­ sundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 61/3 (2018), 349–357; Schweizer Ak ademie der Wissenschaft: Autonomie und Digitalisierung. Ein neues Kapitel für die Selbstbe-


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und Klient:innen werden insbesondere die Therapietreue und das therapeutische Bündnis und damit letztlich wieder die Wirksamkeit fokussiert. Im Hinblick auf Haftungsfragen gerät zudem die Zuschreibbarkeit von Verantwortung in den Blick. 11 Es fehlt jedoch eine ethische Auseinandersetzung mit dem Einsatz digitaler An­ wendungen in der Psychotherapie, die stärker bei der menschlichen Relationalität, Angewiesenheit und Abhängigkeit ansetzt, wie es eine theologische Ethik tut, die auf eine relationale Anthropologie – in Verbindung mit care-ethischen Ansätzen – Wert legt. 12 Eine solche Herangehensweise kann den Blick stärker auf die Asym­ metrie zwischen Therapeut:in und Klient:in lenken, mit der eine ungleich verteilte Macht und Verletzlichkeit einhergeht. So lässt sich herausarbeiten, dass psychisch erkrankte und dadurch schon verletzte Klient:innen nicht nur aufgrund von Vor­ urteilen und Stigmatisierungen besonders verletzlich sind, sondern auch auf­ grund ihrer Angewiesenheit auf die Hilfe von Psychotherapeut:innen. Denn Psychotherapeut:innen besitzen nicht nur die für kompetente Hilfe erforderliche Handlungsmacht, sondern – wie im Rahmen der Arbeit dargelegt wird – ebenso besondere Verletzungsmacht. Eine Reflexion des Einsatzes digitaler Anwendun­ gen muss diese asymmetrische Verletzlichkeit und Verletzungsmacht berücksich­ tigen und in ein Verhältnis setzen zur Verletzlichkeit und Verletzungsmacht in ei­ ner klassischen Face-to-Face-Therapie. Während etwa die Beziehung zwischen Ärzt:innen und Patient:innen oder zwischen professionellen Pflegekräften und Gepflegten ethisch bereits umfas­ send reflektiert wurde, steht eine detaillierte ethische Reflexion der Beziehung zwischen Psychotherapeut:innen und Klient:innen selbst im Face-to-Face-Setting jedoch noch aus. 13 Eine theologisch-ethische Reflexion des Einsatzes digitaler stimmung in der Medizin? Bericht zur Tagung vom 15. Juni 2018 des Veranstaltungszyklus «Autonomie in der Medizin» (Swiss Academies Communication 12). Bern 2018. 11 Vgl. Gross/Schmidt (2018): E-Health, 355. 12 Vgl. Bobbert, Monik a/Heimbach-Steins, Marianne (Hrsg.): Sorge – Care. Anthropologische Zugänge – Ethische Konzepte – Gesellschaftliche Praxen (Gesellschaft – Ethik – Religion 26). Pader­ born 2025. 13 Zur Beziehung zwischen Ärzt:innen und Patient:innen sowie Pfleger:innen und Gepflegten siehe exemplarisch Kick, Hermes: Therapeutische Situation und medizinische Ethik. Erkenntnisprobleme – Indikation – Dilemmata und Lösungsansätze im Spannungsfeld von therapeutischer Identität und Rolle. Stuttgart 2024; Engels, Julia/Wiesing Urban: Grundbedingungen der therapeutischen Beziehungen. In: Neuhäuser, Christian/R aters, Marie-Luise/Stoecker, R alf (Hrsg.): Handbuch angewandte Ethik. Berlin u. a. 22023, 691–698; Meinzer, Dorothee: Die Arzt-Patient-Beziehung in einer digitalisierten Welt. Wiesbaden 2019; Bobbert, Monik a: Patientenautonomie und Pflege. Begründung und Anwendung eines moralischen Rechts (Kultur der Medizin 5). Frankfurt a. M. 2002; Wettreck, R ainer: «Am Bett ist alles anders» – Perspektiven professioneller Pflegeethik (Ethik in der Praxis Kontroversen 6). Münster/Hamburg 2001.


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Anwendungen innerhalb einer psychotherapeutischen Beziehung stellt folglich ein Forschungsdesiderat dar. 1.3 Zur Fragestellung Mit Johann Baptist Metz kann die Leidempfindlichkeit als bedeutendes – wenn auch nicht exklusives – materiales Proprium einer christlichen Ethik angesehen werden. Darauf bezugnehmend ist es Aufgabe der theologischen Ethik, sich dem Verletztsein ebenso wie der relationalen Verletzlichkeit von Klient:innen inner­ halb der Psychotherapie zuzuwenden und danach zu fragen, wie aus ethischer Perspektive auf das Leiden der Klient:innen zu reagieren ist und zugleich der asymmetrischen Verletzlichkeit und Macht Rechnung getragen werden kann. In der vorliegenden Arbeit wird deshalb aus theologisch-ethischer Perspektive zu­ nächst grundsätzlich gefragt, wie Psychotherapeut:innen ihr institutionalisiertes Handeln angesichts der noch herauszuarbeitenden Abhängigkeit, Asymmetrie, Machtungleichheit und Verletzlichkeit gerecht ausgestalten können, um an­ schließend untersuchen zu können, inwiefern digitale Anwendungen dazu bei­ tragen oder aber Gerechtigkeit verhindern. Unter gerechtem Handeln wird dabei moralisch intersubjektiv gefordertes Handeln, d. h. moralisch geschuldetes Han­ deln, gefasst. 14 Im Sinne eines noch darzulegenden transformativ-alternativen care-ethischen Ansatzes, 15 der hinsichtlich der Fragestellung an Überlegungen von Eva F. Kittay anknüpft, wird darunter ein zwischenmenschliches therapeuti­ sches Handeln verstanden, das auf die Person des Gegenübers ausgerichtet ist und sie in ihrer Entfaltung unterstützt. 16 Es geht also darum, aus theologisch-ethi­ scher Perspektive «crucial aspects of good care» 17 innerhalb der Psychotherapie herauszuarbeiten, um daran anschließend zu analysieren, inwiefern der Einsatz

14 Mazouz, Nadia: Gerechtigkeit. In: Dü well, Marcus/Hübenthal, Christoph/Wer­ ner, Micha H. (Hrsg.): Handbuch Ethik. Stuttgart 3., aktualisierte Aufl. 2011, 371–378, hier 371. 15 Vgl. zur Differenzierung verschiedener care-ethischer Ansätze im Allgemeinen und zum transformativ-alternativen Ansatz im Speziellen Schnabl, Christa: Gerecht Sorgen. Grundlagen einer sozialethischen Theorie der Fürsorge (Studien zur theologischen Ethik 109). Fribourg 2005, 248– 294. 16 Vgl. Kittay, Eva F.: A Theory of Justice as Fair Terms of Social Life Given Our Inevitable Dependency and Our Inextricable Interdependency. In: Engster, Daniel/Hamington, Maurice (Hrsg.): Care Ethics and Political Theory. Oxford 2015, 51–71, hier 54. 17 Tronto, Joan C.: Moral Boundaries. A Political Argument for an Ethic of Care. New York 1993, 108. Ein großer Teil der für das Thema der vorliegenden Arbeit relevanten Literatur liegt in englischer Sprache vor. Daneben haben sich zahlreiche englische Fachbegriffe innerhalb der Digitalisie­ rungsdebatten im Deutschen bereits etabliert und sind in ihrer deutschen Übersetzung unge­ bräuchlich. Da Englisch zudem als Wissenschaftssprache weit verbreitet ist, werden im Folgen­ den englische Zitate und Fachbegriffe ohne Übersetzung wiedergegeben.


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digitaler Anwendungen zur Realisierung von ‹good care› beitragen bzw. diese er­ schweren kann. 1.4 Zum Vorgehen Methodisch ist das Vorgehen der vorliegenden Arbeit einer autonomen Moral im christlichen Kontext verpflichtet. 18 Diese geht davon aus, dass moralische Gebote nicht allein im Glauben zu erfassen, sondern durch die von Gott geschaffene menschliche Vernunft rational erkennbar sind, rational und nachvollziehbar aus­ gewiesen und somit auch an nichtgläubige Menschen kommuniziert werden können. Der Moraltheologe Alfons Auer resümiert diesbezüglich: Wenn das Sittliche mit der Erfahrung menschlicher Freiheit und Würde zu tun hat, muß es kommunikabel sein. Es ist tatsächlich kommunikabel, weil es in der menschlichen Ver­ nunft begründet ist. Aus diesem Grunde muß die Reflexion über ethische Fragen autonom ansetzen, sie muß Vorstellungen entwickeln, die von bestimmten Glaubenshorizonten un­ abhängig sind und doch ein sinnvolles und fruchtbares Zusammenleben der Menschen ge­ währleisten. 19

Erkenntnistheoretisch wird daher «von der ‹Ununterschiedenheit› zwischen den Kriterien der sittlichen Vernunft und den sittlich relevanten Aussagen der Glau­ bensüberlieferung aus[gegangen], so dass die christliche Botschaft keine spezifi­ schen oder zusätzlichen Normen enthalten kann» 20 . Wohl aber lassen sich ethische Probleme innerhalb eines christlichen Sinnho­ rizonts entdecken, der zugleich bestimmte Reflexionsprozesse anregen kann. Der Moraltheologe Josef Fuchs merkt diesbezüglich an: «Allein hat der Christ bei der Erkenntnis einer humanen Moral nicht wenige Hilfen aus dem Kontext der Offenbarung und ihrer Weitergabe in der christlichen und kirchlichen Gemeinschaft.» 21 So können sich etwa aus dem biblischen Ethos ebenso wie aus der christlichen Tradition Einsichten und Perspektiven ergeben, die für die ethi­ sche Reflexion relevant sind und «durch Analogisierung, Ergänzung, Konzentra­ tion auf das Wesentliche und ähnliche hermeneutische Operationen orientieren­ de Kraft» 22 entfalten. 18 Siehe dazu Auer, Alfons: Autonome Moral und christlicher Glaube. Mit einem Nachtrag zur Rezeption der Autonomievorstellung in der katholisch-theologischen Ethik. Düsseldorf 21984. 19 Ebd 12. 20 Bobbert, Monik a: Zum Proprium der christlichen Moral: systematische Überlegungen angesichts neuerer Ansätze theologischer Ethik. In: dies./Mieth, Dietmar (Hrsg.): Das Proprium der christlichen Ethik. Zur moralischen Perspektive der Religion. Luzern 2015, 15–106, hier 26 f. 21 Fuchs, Josef: Gibt es eine spezifisch christliche Moral? In: Stimmen der Zeit 185/2 (1970), 99– 112, hier 112. 22 Hilpert, Konr ad: Die Rolle der Theologie in der Ethik und ihre Implikationen für die Theorie der angewandten Ethik. In: Zichy, Michael/Grimm, Herwig (Hrsg.): Praxis in der Ethik. Zur Me-


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Einen solchen Sinnhorizont, in den sich die vorliegende Arbeit stellt, beinhal­ tet etwa die bereits erwähnte Leidempfindlichkeit von Christ:innen in der Nach­ folge Jesu. Teil des «als eine Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft in der Nachfol­ ge Jesu» 23 verstandenen Christentums ist jedoch auch das Reagieren auf Verletzlichkeit und Verletzungen. 24 Innerhalb dieses Sinnhorizontes entwickelt die vorliegende Arbeit methodisch einen transformativ-alternativen care-ethischen Ansatz 25 zur Beantwortung der genannten Fragestellung. Care-ethischen Ansät­ zen ist gemeinsam, dass sie «einem zu oberflächlichen Autonomiepostulat» 26 ent­ gegenstehen und auf einer relationalen Anthropologie beruhen, von der ausge­ hend sie die menschliche Verletzlichkeit, Angewiesenheit und Abhängigkeit als moralisch relevant und zentral für die Genese von Moral betrachten. 27 Darüber hinaus werden in den Care-Ethiken Empathie und Gefühle in der zwischen­ menschlichen Interaktion als relevant erachtet. 28 Weitere gemeinsame Merkmale sind der starke Praxisbezug sowie die Bedeutsamkeit von Kontexten. 29 Anders als dualistische care-ethische Ansätze sehen transformativ-alternative Ansätze von einer an­ tagonistischen Gegenüberstellung von Care-Ethik und Gerechtigkeitsethik ab. 30 Als gerecht werden Institutionen, Strukturen und zwischenmenschliches Han­ deln betrachtet, die es Menschen angesichts ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten thodenreflexion in der anwendungsorientierten Moralphilosophie. Berlin 2008, 223–248, hier 242. 23 Metz, Johann Baptist: Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft (Gesammelte Schriften/Johann Baptist Metz 4). Freiburg i. Br. 2017, 155. 24 Vgl. Bedford-Strohm, Heinrich: Plädoyer für ein leidempfindliches Christentum – zu Johann Baptist Metz’ Buch «Memoria Passionis». In: Evangelische Theologie 70/1 (2010), 63–66, hier 66. 25 Vgl. dazu Schnabl (2005): Gerecht Sorgen, 271–291. 26 Globig, Christine: Realitäten der Abhängigkeit. Fürsorge als ethisches Paradigma (Ethik und Gesellschaft 8). Baden-Baden 2021, 59. 27 Vgl. Klöcker, K atharina: Fürsorge/Care. Zwischen Paternalismus und Unterstützung. In: dies./ Laubach, Thomas (Hrsg.): Ethisches Argumentieren. Reichweite und Grenzen zentraler Denkfiguren (Jahrbuch für Moraltheologie 7). Freiburg i. Br. 2023, 126–134, hier 127f.; Maio, Giovanni: Fundamentals of an Ethics of Care. In: Kr ause, Fr anzisk a/Boldt, Joachim (Hrsg.): Care in Healthcare. Reflections on Theory and Practice. Cham 2018, 51–63, hier 55; Dingler, Catrin: Relationale Subjektivität – Zur Theoriegeschichte der Care-Ethik. In: Conr adi, Elisabeth/Vosman, Fr ans (Hrsg.): Praxis der Achtsamkeit. Schlüsselbegriffe der Care-Ethik. Frankfurt a. M./New York 2016, 93– 113, hier 93; Vosman, Fr ans: Kartographie einer Ethik der Achtsamkeit – Rezeption und Entwicklung in Europa. In: ders./Conr adi, Elisabeth (Hrsg.): Praxis der Achtsamkeit. Schlüsselbegriffe der CareEthik. Frankfurt a. M./New York 2016, 33–51, hier 43; Heijst, Annelies van: Professional Loving Care. An Ethical View of the Healthcare Sector (Ethics of Care 2). Leuven 2011, 18. 28 Vgl. Heijst (2011): Care, 18. 29 Vgl. Vosman (2016): Kartographie, 43. 30 Siehe für einen Überblick zu den verschiedenen Konzeptionen Schnabl (2005): Gerecht Sorgen, 248–291.


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sowie Abhängigkeiten von bzw. Angewiesenheiten auf Hilfe ermöglichen, sich zu entfalten. 31 Das Vorgehen gliedert sich in der vorliegenden Arbeit wie folgt: In einem ers­ ten Schritt werden die heterogenen Entwicklungen im Anschluss an die For­ schung der Entwicklungspsychologin Carol Gilligan skizziert, die zur Ausbil­ dung verschiedener, teils miteinander nicht vereinbarer care-ethischer Ansätze geführt haben. Auf dieser Grundlage wird das weitere Vorgehen verortet sowie dargelegt, warum die Psychotherapie im Folgenden als Care-Praxis verstanden und näher untersucht wird. Darüber hinaus ist es notwendig, begriffliche Vorbemerkungen zur Verwen­ dung des Begriffs der Care-Praxis vorzunehmen. Denn ebenso wie die care-ethi­ schen Ansätze als solche sind die darin verwendeten Begrifflichkeiten von großer Heterogenität geprägt. Im Deutschen werden z. B. die Begriffe Fürsorge, Sorge, Achtsamkeit oder Care für wissenschaftliche Auseinandersetzungen fruchtbar ge­ macht, wobei jeder einzelne Begriff eigene Konnotationen enthält und je eigene Herausforderungen mit der Verwendung einhergehen. Die Entscheidung für den Begriff der Care-Praxis bedarf daher der Begründung, die im zweiten Teil des Kapi­ tels zwei vorgenommen wird. In Kapitel drei erfolgt eine Annäherung an das in der vorliegenden Arbeit ver­ wendete Verständnis der Psychotherapie als Care-Praxis ausgehend von einer wei­ ten Care-Praxis-Definition. Auf einer weiten Care-Praxis-Definition aufbauend werden Differenzierungen und Präzisierungen vorgenommen und verschiedene Formen, Bedingungen und Phasen unterschieden. Dabei wird berücksichtigt, dass es sich bei der psychotherapeutischen Care-Praxis um eine professionalisierte und institutionalisierte Care-Praxis handelt. Wenngleich der Fokus der vorliegenden Arbeit ein individualethischer ist, werden die prägenden institutionellen Struktu­ ren der Psychotherapie in die ethische Reflexion einbezogen. Da in der vorliegenden Arbeit nicht lediglich einzelne therapeutische Verfah­ ren herausgegriffen werden sollen, sondern die psychotherapeutische Care-Pra­ xis verfahrensübergreifend betrachtet wird, sind in diesem Kapitel zudem die allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe von Interesse, um herauszuarbeiten, was Psychotherapie wirksam macht und damit elementarer Bestandteil der Care-Praxis ist. 32

31 Vgl. Kittay (2015): Theory, 59. 32 Vgl. Gr awe, Kl aus: (Wie) kann Psychotherapie durch empirische Validierung wirksamer werden? In: Psychotherapeutenjournal 4/1 (2005), 4–11; ders. et al.: Wirkfaktorenanalyse – ein Spektroskop für die Psychotherapie. In: Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis 31/2 (1999), 201–225; ders.: Grundriss einer Allgemeinen Psychotherapie. In: Psychotherapeut 40/3 (1995), 130–145.


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