Stefan Abel, Kathrin Chlench-Priber, Christian Sonder, Gabriel Viehhauser (Hg.)
Vernetzungen – Relationen (in) der mediävistischen Literaturwissenschaft Festschrift für Michael Stolz
Schwabe Verlag
Publiziert mit Unterstützung der Donation Prof. Dr. Maria Beatrice Bindschedler, Zürich.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Abbildung Umschlag: London, Wellcome Institute for the History of Medicine, Ms. 49, Bl. 47v. Korrektorat: Ruth Rybi, Gockhausen-Zürich Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: Daniela Weiland, Textformart, Göttingen Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5441-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5442-1 DOI 10.24894/978-3-7965-5442-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Stefan Abel: Wo versteckt sich der ›Erec‹-Prolog Hartmanns von Aue? Eine intertextuelle Spurensuche in den altfranzösischen Vorlagen und im ›Ambraser Heldenbuch‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Mark Chinca: Hypertextuelle Dichterkataloge. Eine palimpsestuöse Lektüre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Kathrin Chlench-Priber: Der Wilde Alexander. ›Owe, daz nach liebe gat‹ – minne und ihre Konzeption im Geflecht mittelalterlicher Lyriktraditionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Manfred Eikelmann: Vernunfft in Text und Bild. Zur vernetzten Buchgestaltung der Augsburger Drucke von Ciceros ›Officien‹ (1531) und Petrarcas ›Glücksbuch‹ (1532) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Cornelia Herberichs / Hans-Jochen Schiewer: diz puchlein, daz ist genant ›die jüdein‹. Diskursive Vernetzungen der Versnovelle ›Die Jüdin und der Priester‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Mathias Herweg: Fassung, Werk und Œuvre. Rudolfs von Ems »doppelter« ›Barlaam und Josaphat‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Racha Kirakosian: Vom epistolarischen Eschaton. Ein Essay zum bernhardschen »Netz der Liebe« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Freimut Löser: Predigten als vernetztes System. Meister Eckharts Rückverweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Barbara Mahlmann-Bauer: Transylvanische Lektüren. Sebastian Castellios Ideen und die seiner Basler Weggefährten auf dem Weg nach Siebenbürgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 Henrike Manuwald: Mehr als Textnetzwerke. Zur visuellen Rhetorik der Rechtsbücherverweise in der Überlieferung des deutschsprachigen ›Belial‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
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Inhalt
Paul Michel: Überzwerch eingefügte Holzschnitte . . . . . . . . . . . . . . 261 Christine Putzo: Verstrickungen Konjekturale Konflikte in der frühen germanistischen Editionsphilologie: Wilhelm Grimm – Emil Sommer – Karl Lachmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 Bernhard Teuber: Abenteuer und Liebe im trilateralen Netz. Zum Versroman ›Cligès‹ des Chrétien de Troyes . . . . . . . . . . . . . . . 317 Johanna Thali: Das Spiel mit der Moral. Textvarianz in spätmittelalterlichen Versnovellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 Gabriel Viehhauser: Diagrammatische Varianz. Zur Kombination von Distant Reading und digitaler Edition am Beispiel des ›Parzival‹ . . . . . . 377 René Wetzel: Wan kumstu, wer pistu, wie lebstu, […] wo pleibstu ewiglich. Der ›Spiegel der Vernunft‹ als Reflex vormoderner Biozönose . . . . . . . 403
Vorwort
Everything is connected to everything else. Barry Commoner, ›The Closing Circle‹ (1974)
Wir leben in einer sich stetig verändernden Welt, die, zu allen Zeiten und besonders im digitalen Zeitalter, im Innersten von Netzwerken zusammengehalten wird. Sie ist über sprachliche, kulturelle und nationale Grenzziehungen hinweg durchsetzt von Vernetzungen und Querverbindungen auf vielerlei Ebenen in Gesellschaft, Politik, Wissenschaft, Ökologie und Kultur. Seit Augustinus lässt sich diese vernetzte Welt wie ein Buch (liber naturae) lesen und deuten. Dieser »Welttext« stellt, wie jeder fiktionale und faktuale Text auch, ein »Mosaik von Zitaten« dar, »tout texte est absorption et transformation d’un autre texte / jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes« (Julia Kristeva),1 sowohl in synchroner als auch in diachroner Perspektive. Und so lassen sich auch in der Mediävistik textliche Artefakte aus der Zeit des Mittelalters intertextuell auf darin verwobene Vernetzungen hin untersuchen. Zu denken ist hierbei an das Verhältnis von Quellen, Vorlagen, Bearbeitungen und Übersetzungen sowie an Textvarianzen innerhalb der Überlieferungs- und Textgeschichte, mit denen der homo tradens zu allen Zeiten konfrontiert ist, sodann an kulturellen Austausch und Grenzüberschreitungen innerhalb Europas, aber auch zwischen Okzident und Orient, an transmediale Verknüpfungen von Text und Bild und schließlich an Wissensnetzwerke von Gelehrten und Experten. Text(geweb)e lassen sich umfassend nur in ihrer netzwerkartigen Gemachtheit verstehen. Es ist daher auch zu fragen, wie die vielfältigen und teils unüberschaubaren Vernetzungen zwischen Texten und den Menschen, die sie hervorgebracht haben, heutzutage mit digitalen Mitteln aufbereitet und dauerhaft zugänglich gemacht werden können, sei es in Form von Datenbanken, Handschriftendigitalisaten oder Online-Editionen. Die in dieser Festschrift für Michael Stolz versammelten Beiträge, von Weggefährtinnen und Weggefährten, Freundinnen, Freunden und Mitarbeitenden verfasst, nehmen sich des Themas »Vernetzungen« aus jenen unterschiedlichen Blickwinkeln an.
Julia Kristeva, Bakhtine: Le mot, le dialogue et le roman. In: Critique 23, Nr. 239 (1967), S. 438–465. 1
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Vorwort
Als Herausgeberinnen und Herausgeber sind wir davon überzeugt, dass sich für Michael Stolz kein besseres Thema für eine Festschrift hätte finden lassen können als dasjenige der »Vernetzungen«. Netzwerke sind, mathematisch betrachtet, Konfigurationen aus Elementen (Knoten) und Verbindungen (Kanten). Als Akteur im weitmaschigen Netzwerk der internationalen Mediävistik ist Michael Stolz eine besondere »Beziehungsstärke« zu attestieren: Er hat sich vielerorts nicht nur einen »Namen« gemacht hat, sondern hat sich im Rahmen von zahlreichen Studien-, Forschungs- und Lehraufenthalten und durch seine diversen Ämter sowohl an der Universität Bern als auch in der Schweizer Hochschullandschaft außerhalb Berns eine Vielzahl von »Kanten« geschaffen, die zu dauerhaften und nachhaltigen Netzwerken geworden sind: München, Poitiers, Bern (dort seit 2006 Ordinarius für Germanistische Mediävistik, zudem Senator der Universität Bern sowie Vizedekan und Dekan der Philosophisch-hstorischen Fakultät 2010–2014), Oxford (1995–1998), Wien (2001), Basel (2001–2005), Göttingen (2005–2006), Paris (2007–2008), Freiburg i. Br. (2014–2015 und 2023), Stanford (2015) und Greifswald (2021–2022). In seinen Forschungen, so auch in den größeren Projekten, steht der Themenkomplex »Vernetzungen« implizit immer wieder im Fokus: So liefert das ›Parzival‹-Projekt (2001–2026) als Endresultat nicht nur den bloßen Editionstext des ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach aus der Zeit um 1200, sondern macht in Gestalt der Online-Edition die mannigfachen Verlinkungen und Querverweise zwischen Digitalisat, Transkription und Edition, zwischen binnenund fassungsübergreifender Varianz an sämtlichen Textstellen nachvollziehbar und transparent. Das Gossembrot-Projekt rekonstruiert die umfangreiche Büchersammlung des aus Augsburg stammenden Sigmund Gossembrot (1417–1493) auf der Grundlage von Querverweisen, die dieser eigenhändig an unterschiedliche Stellen in seinen Handschriften eingetragen hat, um sie dadurch mit bestimmten Texten in anderen Codices seiner Privatbibliothek zu »verlinken«. So lässt sich ein »Textnetzwerk« mit über 1500 Verweisen rekonstruieren. Ein Projekt (seit 2025) zum sogenannten »Wellcome-Schreiber« dreht sich schließlich um die Handschriften als Knotenpunkte im Schaffen eines bislang unbekannten thüringischen Schreibers aus der Zeit zwischen 1440 und 1470, der eine breite Palette an geistlichen und naturkundlichen Themen in Text, Bild und Musik(notation) zu einem enzyklopädischen Ensemble vernetzt hat: Hs. C (Rom, Biblioteca Casanatense, Ms. 1404) und Hs. W (London, Wellcome Institute for the History of Medicine, Ms. 49). Letztlich, und auch hierfür steht der Titel der Festschrift, verblüfft und inspiriert Michael Stolz mit seiner Fähigkeit, bislang unbemerkte Zusammenhänge aufzudecken oder Sachverhalte in neuen Zusammenhängen vernetzt zu denken, Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitende und Studierende immer wieder aufs Neue. Als ein besonderer Beitrag zu dieser Festschrift erreicht uns, über die unergründlichen Wege der Überlieferung, ein mediävales Textstück, das wir als Nr. 828 gerne an das Ende der 827 Textabschnitte von Wolframs ›Parzival‹ stellen
Vorwort
möchten und das wir hiermit als den »Stolz-Dreißiger« der Forschung zugänglich machen. Für seinen kommenden Lebensabschnitt ûzerhalp der hôhen schuol möchten wir Michael Stolz diesen Text gerne mit auf den Weg geben:
Wir bedanken uns bei allen Unterstützerinnen und Unterstützern, die zum Gelingen der Festschrift beigetragen haben, zum einem bei allen Beiträgerinnen und Beiträgern, zum anderen bei Frau Susanne Franzkeit und Herrn Dr. Fabrice Flückiger vom Schwabe Verlag Basel. Unser herzlicher Dank gilt schließlich Herrn Dr. Georges Bindschedler und der Donation Prof. Dr. Maria Beatrice Bindschedler, Zürich, ohne deren finanzielle Unterstützung die vorliegende Festschrift »Vernetzungen« für Michael Stolz keineswegs möglich gewesen wäre. Die Herausgeberinnen und Herausgeber, im Dezember 2025
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Wo versteckt sich der ›Erec‹-Prolog Hartmanns von Aue? Eine intertextuelle Spurensuche in den altfranzösischen Vorlagen und im ›Ambraser Heldenbuch‹ Stefan Abel
I.
Hartmann von Aue und sein ›Erec‹ – Überlieferungssituation
Zwei Dichter der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, Wirnt von Grafenberg und Rudolf von Ems, verbinden die Autorschaft am ›Erec‹ (um 1185) eindeutig mit Hartmann von Aue, der úns Ereches getat / und von dem leun getihtet hat (Rudolf von Ems, ›Willehalm von Orlens‹ [um 1240], V. 2177 f.)1. Wirnt stellt in seinem ›Wigalois‹ (um 1200) Enites Schönheit, von der Hartmann nach altfranzösischer Vorlage erzähle, über die von Larie, der Tochter des Königs Jorel, mit der sich Wigalois später vermählt und zusammen über das zurückeroberte Land Korntin herrscht: hêt iemen von ir [d. i. Larie] hôhen muot, / dern sach der vrouwen Ênîten niht, / wan der herre Hartman giht, / daz wær gar ûz dem strîte / ezn wære vrouwe Ênîte / ze Karidôl diu schœnste maget, / als im sîn meister [d. i. Chrétien de Troyes] hêt gesaget (V. 6307–6313).2 Mit seinem ›Erec‹ verfasste demnach Hartmann von Aue den bekanntlich ersten Artusroman in deutscher Sprache, und man könnte meinen, dass ein solcher Roman als Modell für die deutsche Artusepik ebenso landläufig bekannt war und entsprechend breit überliefert ist. Neben drei Fragmenten des 13. und 14. Jahrhunderts im Umfang von insgesamt 758 Versen ist Hartmanns ›Erec‹ jedoch mehr oder weniger vollständig (10 135 Verse) nur in Gestalt einer frühneuhochdeutschen (südbairischen) Umschrift im ›Ambraser Heldenbuch‹ (1504–1517)3 erhalten. Der Prolog und Teile des Beginns der Handlung, die Jagd nach dem weißen Hirsch (entsprechend ›Érec et Énide‹, V. 27–139) sowie eine längere Textpassage zwischen den Versen 4629 und 4630 fehlen darin, die womöglich die einzige Nennung des Chrétien de Troyes enthalten haben dürften, des Verfassers von ›Érec et Énide‹ (um 1160), Hartmanns altfranzösischer Text: Junk 1905, S. 37. Text: Kapteyn 1926, S. 265. 3 Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nova 2663 (Südtirol, 1504–1515/17, Schreiber: Hans Ried, V + 238 Blätter), Digitalisat: https://onb.digital/result/100277D3 [14.05.2025]. 1 2
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Stefan Abel
Vorlage für den ›Erec‹.4 Zumindest diese Verslücke lässt sich unter Zuhilfenahme der Wolfenbütteler Fragmente (W III–VI) schließen. Für die übrigen Textbrüche ist dies nicht möglich, auch nicht für den verlorenen Prolog des ›Erec‹. Schließlich geht dieser Artusroman im ›Ambraser Heldenbuch‹, unter einer gemeinsamen Rubrik (Bl. 28rb), eine ungewöhnliche Textallianz mit dem ›Mantel‹ (1. Hälfte 13. Jh.) ein, einer Bearbeitung des altfranzösischen ›Lai du cort mantel‹ (1200–1210): Der ›Mantel‹ (Bl. 28rb–30rb), der unmittelbar an Hartmanns ›Erec‹-Fragment (Bl. 30rb–50vb) andockt, scheint den ›Erec‹-Prolog und den fehlenden Beginn der ›Erec‹-Handlung gewissermaßen zu ersetzen, da die ›Mantel‹-Handlung in der Bearbeitung exakt auf Erec und Enite zugeschnitten ist. Allein der abrupte Übergang zwischen ›Mantel‹ und ›Erec‹, ohne Reimbindung oder inhaltliche Kohärenz, lassen an der Idee einer planvollen Komposition zweifeln.5 Besonders schmerzlich ist der Verlust des ›Erec‹-Prologs, aus dem man sicherlich wichtige Informationen über die Entstehung und Ausrichtung dieses ersten deutschen Artusromans hätte gewinnen können: Der Beginn des ›Erec‹ ist unwiederbringlich verloren. Was im Prolog gestanden haben könnte, läßt sich nur spekulativ behaupten. Hartmann wird einen schulgerecht zweiteiligen Prolog verfaßt haben, in dem er – ähnlich wie im ›Iwein‹ und im ›Armen Heinrich‹ – sich als (geistlich) gebildeter Ritter und Angehöriger der Ministerialität vorgestellt und damit seine Kompetenz zur Abfassung des ersten Artusromans in deutscher Sprache legitimiert hat. Ob der Name seines Gönners (Berthold V. von Zähringen?) gefallen ist, bleibt zweifelhaft, mehr noch die Erwähnung eines konkreten Anlasses (die Hochzeit Bertholds mit Ida von Boulogne?). Vielleicht hat Hartmann auf Heinrich von Veldeke verwiesen, der ihm auf dem Gebiet des höfischen Romans vorangegangen war. Die Besonderheit des Stoffes und des dichterischen Verfahrens wird vorgestellt worden sein […]. Chrétiens Name dürfte hier gefallen sein. Wer König Artus war, mußte ausführlich dargestellt werden.6
Dies stellt freilich ein Maximum an Informationen dar, die ein üblicherweise in prologus praeter rem und prologus ante rem zweigeteilter Prolog des ›Erec‹ hätte bieten können.
II. ›Mantel‹ und ›Erec‹ – Anfänge, Übergänge und Schlüsse Der Beginn des fragmentarischen ›Ambraser Erec‹ lässt sich mit Blick auf die altfranzösische Vorlage klar bestimmen. Vers 1 des ›Erec‹ findet nämlich seine direkte Entsprechung in V. 135 von Chrétiens ›Érec et Énide‹, und zwar, dem Wortlaut gemäß, nach einer konkreten Handschrift (Hs. H) – Paris, Bibliothèque nationale, 4 5 6
Siehe etwa Leitzmann / Wolff / Gärtner 2006, S. XI–XVIII. Vgl. Abel 2024. Mertens 2008, S. 626; vgl. Haug 1975, S. 109.
Wo versteckt sich der ›Erec‹-Prolog Hartmanns von Aue?
fonds français 1450 (Nordfrankreich, 2. Viertel 13. Jh.) –, der Hartmanns ›Erec‹ als Bearbeitung einer altfranzösischen Vorlage sogar über den gesamten Text hinweg textgeschichtlich sehr nahesteht.7 Im ›Ambraser Heldenbuch‹ stoßen so, an der offenen Nahtstelle von ›Mantel‹ und ›Erec‹, der »böse« Keie, Exempelfigur für unhöfisches Betragen bis zum Ende des Mantellais, und der »gute« Erec, Exempelfigur für höfische Tugendhaftigkeit am Beginn des ›Erec‹, unmittelbar zusammen: ›Mantel‹, V. 987–994 / ›Erec‹, V. 1–4
›Érec et Énide‹, V. 125–137 nach Hs. H
125 126 133 grosse boshait an im lag, 134 Wann er je des siten phlag, 135 daz er das sagt von dem man, 136 wo Er In am maisten beschwärte an. 129 sölhe site Er nie verchos. 130 Er was also zuchtlos, 131 des mocht In niemand entziehen. 132 seine wort můst man fliehen[.] V. 994 ← 127 ›Erec‹, V. 1 b e i I r u n d b e i I r w e i b e n [ , ] 128 d i t z w a s E r e c h Vilderoilach, 137 der baiden f r u m b k a i t und salden phlag. ›Erec‹, V. 4 Durch den die rede erhaben ist.8 ›Mantel‹, V. 987
[La roine Genievre estoit El bois u les ciens escotoit. Por oriller et escouter S’il oroient home corner Ne cri de chien de nule part, Tot .iii. furent en .i. essart, Mais d’als tant eslongié estoient Cil qui le cerf cacié avoient Que mais n’em porent oir rien, Ne cor ne corneor ne cien.] Dales li sa pucele estoit Et Eres qui molt prous estoit. Les le chemin sont aresté.9
Der ›Ambraser Mantel‹ (im Umfang von 994 Versen) stellt eine sehr freie Bearbeitung des altfranzösischen Lais dar (im Umfang von 664 bis 913 Versen je nach Textzeugen).10 Im Zug einer redaktionellen Fragmentierung, d. h. eines Zuschnitts mit Blick auf Hartmanns ›Erec‹-Fragment, verliert der ›Mantel‹ seinen Schluss (mit eindeutiger Identifizierung einer Siegerin der Mantelprobe am Artushof) – Enite selbst passt der magische Mantel um kaum dreier vinger (›Ambraser Erec‹, V. 967) 7 Auch dieser Handschrift fehlt der Prolog (26 Verse) von Chrétiens ›Érec et Énide‹, da dieser Artusroman einleitend und zusammen mit Chrétiens übrigen Romanen – ›Conte du Graal‹ (mit einem Teil der Kurzfassung der ›Première Continuation‹), ›Cligés‹, ›Chevalier au lion‹ und ›Chevalier de la charrette‹ (fragm.) – als gewaltiger Einschub (Bl. 140ra–225ra von insgesamt 264 Blättern) im ›Roman de Brut‹ des Wace eingebettet ist; dieser ist zwischen V. 9798 und 9799 (von insgesamt 14 866 Versen) entsprechend zweigeteilt; vgl. dazu Abel 2020. 8 Hammer / Millet / Reuvekamp-Felber 2017, S. 50 und 52. 9 Text: eigenhändige Transkription (St. A.); im Vergleich mit der Edition von Foerster 1890 liegt in Hs. H eine Versumstellung vor: V. 125 (mit Lombarde), 126, 133–136, 129–132, 127–128, 137. Übersetzung in Anlehnung an Kasten 1979, S. 19: »Königin Guenievre war im Wald, wo sie auf die Hunde horchte. Um zu lauschen und zu hören, ob sie jemanden das Horn blasen oder irgendwo ein Hundegebell vernehmen würden, waren alle drei auf einer Rodung, aber die, die den Hirsch gejagt hatten, waren inzwischen so weit von ihnen entfernt, dass man von ihnen nichts hören konnte, weder Horn noch Jagdpferd noch Hund. Neben ihr [d. i. der Königin] befanden sich ihre Hofdame und Erec, der sehr tüchtig war. Neben dem Weg machten sie Halt« (St. A.). 10 Text: Koble 2005, S. 53–92.
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ja »nur« fast perfekt –, außerdem verkürzt sich die Anzahl der vom magischen Mantel geprüften, zumeist namenlosen Damen von acht (›Lai du cort mantel‹) auf fünf, einschließlich Enites als zuletzt geprüfter Dame. Mit dieser neuartigen Schlussplatzierung schafft der Redaktor des ›Ambraser Mantels‹ eine enge Verzahnung mit dem unmittelbar nachfolgenden ›Erec‹. Mit der am Hof des norwegischen Königs H ákon IV . Hákonarson (*1204, reg. 1217–1263) entstandenen ›Möttuls saga‹ (11 Kapitel), der altwestnordischen Prosabearbeitung des ›Lai du cort mantel‹, teilt sich der ›Ambraser Mantel‹ schließlich ein die Schande der Mantelprobe kompensierendes, ausuferndes Artuslob im Prolog und übertrifft die norwegische Bearbeitung darin sogar noch. Die folgende Übersicht zeigt bis zum Einsetzen der eigentlichen ›Lai du cort mantel‹-Handlung zum Pfingstfest am Artushof die textlichen Erweiterungen der ›Möttuls saga‹ und des ›Ambraser Mantels‹: ›Lai du cort mantel‹
›Möttuls saga‹11
›Ambraser Mantel‹ 1–28: Unvereinbarkeit der Gesellschaft »guter« und »böser« Menschen (prologus praeter rem).
1–5: Es folgt die »echte« Version einer aventure am Hof des Artus, König der Bretagne und Englands.
Kap. 1,1–17 (Artuslob): Ausweis von Artus’ Vorbildlichkeit in drei Typen von Erzählungen, und zwar über Ereignisse am Artushof und im Artusreich (1), über ritterliche Taten (2) und über merkwürdige und komische Vorkommnisse am Artushof (3), von denen das vorliegende »Buch« eines erzähle.
29–58 (Artuslob): Ausweis von Artus’ Vorbildlichkeit in zahlreichen mären. Zwar befördere die Würde eines guten Mannes mehr, was man von ihm sehe, als was man von ihm sage, jedoch sei beides nützlich. Von diesen mären möchte der Erzähler seinem Publikum etwas mitteilen (prologus ante rem).
Kap. 1,17–23
≈ 59–67: Aventüre an Artus’ Hof, des Königs von Engelant und Britanie; man spricht davon, dass Artus noch immer lebe (64–67). 68–90 (Artuslob): Artuslob und Klage über seinen Tod, erneut Hinweis auf vil manige abenteure, die Artus’ Vorbildlichkeit aufzeigten; Klage über »böse« Menschen, die Artus’ Tod hinnehmen, weil sie mit Artus’ Tugenden nichts anzufangen wissen. 91–108 (Artuslob): Lob für die Pracht und Freigebigkeit des Königs; Vorbereitung auf das Pfingstfest, großzügige Einkleidungen.
Text und Zeilenzählung nach Hs. A1 (AM 179 fol.): Kalinke 1987, S. 3–7 und 79–81 (engl. Übersetzung). 11
Wo versteckt sich der ›Erec‹-Prolog Hartmanns von Aue?
›Lai du cort mantel‹
›Möttuls saga‹11
›Ambraser Mantel‹
6–18: Pfingstfest am Artushof und königliche Einladung der jungen Ritter mit ihren Damen.
Kap. 2,1–11
≈ 109–151, mit ausführlicheren Erläuterungen zum Usus der Einladung zum Pfingstfest am Artushof.
Besonders auffällig sind die Prologverse 1 bis 28 des ›Mantels‹, für die es weder in der altfranzösischen Vorlage noch in der altwestnordischen Prosabearbeitung irgendeine Entsprechung gibt. Diese Verse handeln von der grundsätzlichen Unvereinbarkeit der Gesellschaft »guter« und »schlechter« Menschen (am Hof), bevor ab V. 29 (mit roter Lombarde versehen) der Beginn des ›Mantels‹ bzw. seines prologus praeter rem einsetzt. Meine im Folgenden näher zu beleuchtende These lautet, dass diese 28 Verse den bis dato verloren geglaubten ›Erec‹-Prolog darstellen oder zumindest einen ersten Teil davon, der demnach seit spätestens 1516 im ›Ambraser Heldenbuch‹, von der mittlerweile über 150-jährigen ›Erec‹-Forschung unbemerkt, vor sich hinschlummerte.
III. Der »wiederentdeckte« ›Erec‹-Prolog Ein 28-versiger ›Erec‹-Prolog reiht sich, was den bloßen Versumfang betrifft, durchaus in Hartmanns übliche Prologpraxis ein, sieht man einmal vom ›Gregorius‹ (176 Verse) ab: 32 Prologverse in der ›Klage‹, 30 Prologverse im ›Iwein‹ und ebenfalls 28 Prologverse im ›Armen Heinrich‹. Rechnet man die Textlücke zwischen jenem 28-versigen ›Erec‹-Prolog und der im ›Ambraser Heldenbuch‹ einsetzenden ›Erec‹-Handlung im üblichen, dem rhetorischen Verfahren der amplificatio Rechnung tragenden Maßstab von 1 : 1,5 auf die mittelhochdeutsche Bearbeitung Hartmanns von Aue um, so würden dem ›Ambraser Erec‹ zu Beginn rund 200 Verse fehlen: 28 Prologverse + 113 Verse (der altfranzösischen Vorlage zwischen Prolog und Handlungsbeginn entsprechend dem ›Ambraser Erec‹) × 1,5 = 197,5. In den älteren, einspaltig eingerichteten ›Iwein‹-Handschriften mit abgesetzten Versen, so Hs. B (2. Viertel 13. Jh.) und die Fragmente F (2. Viertel 13. Jh.) und U (Mitte 13. Jh.), finden auf einer einzelnen Seite 24 bis 28 Verse Platz. Bei 200 Fehlversen im ›Ambraser Erec‹ nach dem Prolog wäre in der Vorlage des ›Ambraser Erec‹ mit einem Textverlust im Umfang von etwa acht Seiten bzw. vier Blättern zu rechnen gewesen, mithin einer Lage. Im Vergleich mit den einspaltigen ›Iwein‹-Handschriften mit nicht abgesetzten Versen (etwa 38–49 Verse je Seite), so Hs. A (2. Viertel 13. Jh.) und Fragm. C (Mitte 13. Jh.), kommt man auf einen ähnlich hohen Blattverlust.12
12 Zur Überlieferung des ›Iwein‹ Hartmanns von Aue siehe Iwein – digital, https://digi.ub.uniheidelberg.de/de/iwd/einfuehrung/ueberlieferung.html [14.05.2025].
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Anders als in den Prologen der ›Klage‹ (V. 6–32), des ›Iwein‹ (V. 21–30) und des ›Armen Heinrich‹ (V. 1–28) kommt der vermutete ›Erec‹-Prolog vor dem Beginn des ›Mantels‹ im ›Ambraser Heldenbuch‹ ohne Fiktionalisierung der eigenen Person (›Klage‹) und ohne topische Eigenpositionierung des Dichters Hartmann von Aue hinsichtlich Herkunft, Stand, Bildung und Lektürepraxis aus. Der ›Erec‹Prolog teilt sich mit ›Klage‹ (V. 1–5) und ›Iwein‹ (V. 1–3) die sentenzhafte Exordialtopik, sei es hinsichtlich der Allmacht der Liebe (›Klage‹) oder der glück- und ehrenbringenden Güte (›Iwein‹), Letztere wie in der Kombination von ›Erec‹-Prolog und ›Mantel‹ (ab V. 29) mit Bezug zu König Artus, der ein Exempel für gelebte Güte gebe: Swer an rehte güete / wendet sîn gemüete, / dem volget sælde und êre. / des gît gewisse lêre / künec Artûs der guote, / der mit rîters muote / nâch lobe kunde strîten. / er hât bî sînen zîten / gelebet also schône / daz er der êren (erden A) krône / dô truoc und noch sîn name treit. / des habent die wârheit / sîne lantliute: / sî jehent, er lebe noch hiute. / er hât den lop erworben, / ist im der lîp erstorben, / sô lebet doch iemer sîn name. / er ist lasterlîcher schame / iemer vil gar erwert, / der noch nâch sînem site vert. (Hartmann von Aue, ›Iwein‹, V. 1–20 mit ausgewählter Varianz der ›Iwein‹-Hs. A)13
Die deutschen Bearbeiter altfranzösischer Artusromane um 1200 fanden in ihren Vorlagen(handschriften) mit Sicherheit auch die jeweiligen Prologe vor, die sie allerdings nicht nachdichteten, sondern für die sie zu je eigenen Lösungen kamen. Im Fall des Hartmann von Aue konnte es im Prolog, einem der klassischen Orte für die poetologische Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition und die (Neu-)Situierung des eigenen Werks darin, nicht wie für Chrétien darum gehen, einen bisher mißachteten, von berufsmäßigen Sängern herabgewürdigten Typus, den conte d’avanture, literaturfähig zu machen. Es ist kaum anzunehmen, daß in Oberdeutschland das arthurische Episodengedicht im Repertoire der Spielleute eine Rolle spielte. Hartmanns ›Erec‹-Prolog konnte deshalb keine Apologie des conte d’avanture sein. Das mußte für Hartmanns Auffassung des Prologes einschneidende Konsequenzen haben.14
Dennoch ist es nicht auszuschließen, dass die deutschen Bearbeiter die in den Vorlagenprologen eingesetzte Exordialtopik aufgriffen, wenn auch in Modifikation. Dies sei auch für den vermuteten ›Erec‹-Prolog angenommen, der im Folgenden in einer gegenüber der zitierten Textausgabe normalisierten Textgestalt (mit metrischen Hilfestellungen) dem Prolog in Chrétiens ›Érec et Énide‹ gegenübergestellt ist; Letzterer in der Edition auf der Grundlage von Hs. C – Paris, Bibliothèque naText: Benecke / Lachmann / Wolff 1968, Bd. 1, S. 1; Lesarten der ›Iwein‹-Hs. A nach Pérez Ben / Millet / Fernández Riva 2024, S. 39 f. Zu inhaltlichen Überschneidungen der Artusprologe von ›Möttuls saga‹ und ›Mantel‹ mit den Prologen von Chrétiens ›Chevalier au lion‹ bzw. von Hartmanns von Aue ›Iwein‹ siehe Barnes 1989. 14 Haug 1975, S. 106. 13
Wo versteckt sich der ›Erec‹-Prolog Hartmanns von Aue?
tionale de France, fonds français 794 (Provins, 2. Viertel 13. Jh.) –, die wie Hs. H (siehe oben) dem Hartmann’schen ›Erec‹ als Bearbeitung textgeschichtlich sehr nahesteht:15
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Prolog des ›Ambraser Erec‹, V. 1–2816
Prolog von ›Érec et Énide‹ nach Hs. C, V. 1–26
Ez entóuc (doch A) níht verdeit, swaz zuo deheiner vrümekeit geziuhet úndè gestât.17 swâ daz dénnè vergât, der tugent unde vreude treit, daz ist im ein herzeleit, daz man ime vreude nimt, wande guot den guoten zimt. waz aber die bœsen beswâret, daz ist lîhtẹ bewâret, wan in tugent nie gezam, wan schanden hort undẹ êren scham. nû seht, wie úngelîchẹ si ziehent,18 wan daz die bœsen vliehent, daz minnent (mÿnnet A) aber die guoten. möhtẹ man sîn gemuoten und gelîch vereinen, sô daz si gemeinen mit ein ander wolten: daz wir des gerne solten, dâ missetæten wir an. wie wolt ir, daz ein bœser man tugendẹ kǘndè (kundt A) gepflegen unde daz si underwegen der vrume lâze (lassen A) lâzen? In kan dâ niht gemâzen, wan die bœsen die bœsen; sô wil ich in zerlœsen.
Li vilains dit an son respit que tel chose a l’an an despit qui molt valt mialz que l’an ne cuide; por ce fet bien qui son estuide atorne a bien quel que il l’ait; car qui son estuide antrelait, tost i puet tel chose teisir qui molt vandroit puis a pleisir. Por ce dist Crestïens de Troies que reisons est que totevoies doit chascuns panser et antandre a bien dire et a bien aprandre; et tret d’un conte d’avanture une molt bele conjointure, par qu’an puet prover et savoir que cil ne fet mie savoir qui s’escïence n’abandone tant con Dex la grasce l’an done: d’Erec, le fil Lac, est li contes, que devant rois et devant contes depecier et corronpre suelent cil qui de conter vivre vuelent. Des or comancerai l’estoire qui toz jorz mes iert an mimoire tant con durra crestïantez; de ce s’est Crestïens vantez.19
Vgl. Abel 2020. Normalisierter Text auf der Grundlage der handschriftennahen Textausgabe von Hammer / Millet / Reuvekamp-Felber 2017, S. 2; zur Normalisierung vgl. Warnatsch 1883, S. 8 f. 17 Die dreitaktigen Verse 3, 4, 6 und 7 sind eigentlich zu kurz für das übliche Schema des Viertakters. »Am häufigsten sind sie [d. i. die Dreitakter, St. A.] im Erec, recht zahlreich auch im Gregorius, weniger im Armen Heinrich und im Iwein. Man vermutet, daß Hartmann in den frühen Werken ›sich seinen Vers erst schaffen‹ mußte (de Boor, Komposita, S. 720). Die späte Überlieferung des Erec mag mit ein Grund dafür sein, daß manche Verse nicht mehr in der Form erhalten sind, wie Hartmann sie konzipiert hat« (Scholz 2004, S. 592). 18 In Vers 13 ist von einem dreisilbigen Auftakt auszugehen, der bei Hartmann von Aue selten ist, vgl. ›Iwein‹: Nû hetẹ der kǘnec die gewonheit (V. 893); siehe dazu Scholz 2004, S. 590. 19 Text: Roques 1952, S. 1. Übersetzung: »Der einfache Mann sagt in seinem Sprichwort, daß eine Sache, die man verachtet, viel mehr wert ist, als man annimmt. Darum handelt jener richtig, der seine Arbeit, um welche es sich auch handeln mag, mit Verstand ausführt; denn wer in seiner Arbeit nachlässig ist, dem widerfährt leicht, daß er eine Sache verschweigt, die später sehr gefallen würde. Deshalb erklärt Chrétien de Troyes, daß es jedenfalls vernünftig ist, wenn jeder sein Denken und Bemühen darauf richtet, gut zu erzählen und gut zu belehren, und er stellt aus 15 16
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Stefan Abel
Durch die Normalisierung und Emendation des handschriftlichen doch (V. 1) zu (en)touc ergibt sich für V. 4 ein anderer Sinn, als in der Übersetzung der zugrunde liegenden Textausgabe vorgeschlagen wird.20 Zudem scheint sich das Personalpronomen in (V. 28) sinnvoll allein auf der vrume (V. 25) zu beziehen, zerlœsen wäre zudem in der Grundbedeutung »los machen« zu verstehen.21 Dementsprechend lässt sich der gesamte ›Erec‹-Prolog, ein vorwortartiger prologus praeter rem, folgendermaßen ins Neuhochdeutsche übertragen: E s h a t k e i n e n N u t z e n , e t w a s z u v e r s c h w e i g e n , was zur Tüchtigkeit führt und gehört. Wo a u c h i m m e r e s d a h i n s c h w i n d e t , schmerzt es denjenigen von Herzen, der ein edles Wesen hat und in Freude lebt, weil man ihm Freunde nimmt, denn Gutes entspricht den Guten. Was aber die Bösen betrübt, ist einfach ersichtlich, denn ihnen entsprach nie ein edles Wesen, sondern ausschließlich Schande und Ehrlosigkeit. Nun seht, wie ungleich sie streben: Was die Bösen meiden, das lieben hingegen die Guten. Würde man sie voller Kühnheit miteinander kreuzen, sodass sie sich zusammen verbänden: Wir würden falsch handeln, wenn wir das begehrten. Oder möchtet ihr etwa, dass ein böser Mensch ein edles Wesen besitzen könnte und der Tüchtige dieses manchmal aufgibt? Sie sind nicht zu vergleichen, denn die Bösen sind böse; s o w e r d e i c h i h n [d. i. den Tüchtigen von V. 25] ( a u s d e r G e s e l l s c h a f t d e r B ö s e n ) h e r a u s n e h m e n .22
Womöglich am biblischen Sir 20,32 orientiert,23 greift die dreiversige Sentenz den geläufigen Exordialtopos »Besitz von Wissen verpflichtet zur Mitteilung« variierend und präzisierend auf. Denn das, was nicht unausgesprochen bleiben darf, weil es verschwiegen (verdeit) für keinen Menschen Nutzen bringe, ist das, was jenen zur Tugendhaftigkeit (vrümekeit) führe (geziuhet) und was zur Tugend-
einer Abenteuergeschichte eine sehr schön geordnete Erzählung zusammen. Dadurch kann man beweisen und erfahren, daß einer nicht klug handelt, wenn er das, was Gott ihm an Wissen als Gabe verliehen hat, nicht preisgibt. Von Erec, dem Sohn Lacs, handelt die Geschichte, die jene vor Königen und Grafen zusammenhanglos zu erzählen und zu verderben pflegen, die vom Erzählen leben wollen. Nun werde ich die Geschichte beginnen, die man niemals vergessen wird, solange die Christenheit besteht: dessen hat sich Chrétien gerühmt« (Kasten 1979, S. 13). 20 Siehe die Übersetzung von V. 1–3 bei Hammer / Millet / Reuvekamp-Felber 2017: »Sie verschweigt keinesfalls, was zur Tüchtigkeit führt und gehört« (S. 3). 21 Vgl. Lexer, Bd. 3, Sp. 1073. 22 Übersetzung in Anlehnung an Hammer / Millet / Reuvekamp-Felber 2017, S. 3; markante Abweichungen in der Übersetzung sind gesperrt gedruckt. 23 Sir 20,32 f.: 32 sapientia absconsa et thesaurus invisus | quae utilitas in utrisque 33 melius in hominibus qui abscondent insipientiam suam | quam qui abscondunt sapientiam suam. Übersetzung: »32 Verborgene Weisheit und unsichtbarer Schatz, welcher Nutzen ist in beiden? 33 Besser ⟨verhalten sich⟩ unter den Menschen diejenigen, die ihre Torheit verbergen werden, als die, die ihre Weisheit verbergen« (Beriger / Ehlers / Fieger 2018, Bd. 3, S. 1105 f.); siehe dazu Curtius 1954, S. 95. Der biblischen utilitas entspricht die Semantik des mittelhochdeutsch normalisierten Präteritopräsens tügen (→ entouc, V. 1): »förderlich sein, brauchbar sein, kraft haben, nützen, angemessen od. schicklich sein« (Lexer, Bd. 2, Sp. 1559).
Wo versteckt sich der ›Erec‹-Prolog Hartmanns von Aue?
haftigkeit gehöre (gestât). Worauf diese allgemeine Sentenz speziell Bezug nimmt, bleibt (bewusst?) in der Schwebe. Mit der Exordialsentenz findet der ›Erec‹-Prolog Anschluss an die antike und mittelalterliche, sogar zeitgenössische Poetik. So empfiehlt Matthäus von Vendôme in seiner ›Ars versificatoria‹ (vor 1175) für den Beginn eines Textes die Voranstellung einer allgemeinen Sentenz oder eines Sprichworts: Ut aliquis utatur zeumatico principio vel secundum ypozeusim, premittendum est generale proverbium, id est communis sententia, in qua consequens materia videatur prelibari ut quod in precedenti proverbio implicitum est et involutum in executione materie possit evidentius explicari. Est autem proverbium generalis sententia, cui consuetudo fidem attribuit, opinio communis assensum accommodat, incorrupte veritatis integritas adquiescit. (›Ars versificatoria‹ I,16)24
Auch Chrétien de Troyes bringt im prologus praeter rem seines ›Érec et Énide‹ (V. 1–12) eine traditionelle Exordialsentenz zum Einsatz: »Der einfache Mann sagt in seinem Sprichwort, daß eine Sache, die man verachtet, viel mehr wert ist, als man annimmt« (V. 1–3; vgl. Anm. 19). Der champagnische Dichter verknüpft diese volkstümliche Sentenz im Folgenden mit der Verpflichtung, das umfänglich und mühselig erworbene Wissen (estuide > lat. studium, »eifriges Streben«25, später escïence, V. 17) jeder Art (quel que il l’ait) zu pflegen und vor allem, auch wenn es ihm für den Moment nicht von Bedeutung zu sein scheint, nutzbringend anzuwenden, indem man es weitergibt. Andernfalls laufe man Gefahr, etwas zu verschweigen (teisir), das zu einem späteren Zeitpunkt durchaus auf Gefallen stoßen könne. »Deshalb erklärt Chrétien de Troyes, daß es jedenfalls vernünftig ist, wenn jeder sein Denken und Bemühen darauf richtet, gut zu erzählen und gut zu belehren« (V. 9–12; vgl. Anm. 19). Die Schnittmenge zwischen Chrétiens prologus praeter rem und dem ›Erec‹-Prolog besteht neben der Exordialsentenz somit in der topischen Warnung vor dem Verschweigen nützlichen Wissens. Bis V. 12 bezieht Chrétien das, was man nicht verschweigen dürfe und was offenbar – und so ließe sich die vorangestellte Sentenz ins Spiel bringen – bislang nicht in seinem Wert (an)erkannt worden ist, unspezifisch auf das Substantiv estuide; es beinhaltet im vorliegenden Fall auch die Fähigkeit zu schöner Rede (Erzählung). Mit dem
Text: Knapp 2020, S. 12. Übersetzung: »Um den zeugmatischen oder hypozeugmatischen Beginn anzuwenden, soll man ein allgemeines Sprichwort vorausschicken, d. h. eine allgemeine Sentenz, in der der folgende Gegenstand vorweggenommen scheint, damit das, was im vorausgehenden Sprichwort impliziert oder verborgen ist, in der Ausführung des Gegenstandes deutlicher auseinandergesetzt werden kann. Das Sprichwort ist aber eine allgemeine Sentenz der die Gewohnheit Glaubwürdigkeit zuteilt, die allgemeine Meinung Zustimmung erwirbt und bei der die Unversehrtheit der unverdorbenen Wahrheit sich befriedigt fühlt« (ebd., S. 13); vgl. Brinkmann 1964, S. 6. Zu Zeugma und Hypozeuxis siehe ›Ars versificatoria‹ I,4–15. 25 Vgl. FEW, Bd. 12, S. 312 f. 24
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