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Claire Gantet, Markus Meumann, Isabella von Treskow (Hg./dir.)

Grimm – Gotha – Paris

Eine europäische Konstellation zur Zeit der Aufklärung | Une constellation européenne au temps des Lumières


Das lange 18. Jahrhundert Le long XVIIIe siècle The Long Eighteenth Century

Herausgegeben von / dirigé par / edited by Nathalie Ferrand, Marian Füssel, Claire Gantet, Helmut Zedelmaier

Volume 6


Claire Gantet, Markus Meumann, Isabella von Treskow (Hg./dir.)

Grimm – Gotha – Paris Eine europäische Konstellation zur Zeit der Aufklärung Une constellation européenne au temps des Lumières

Schwabe Verlag


Gedruckt mit Unterstützung der Universität Erfurt (Deutschland), der Universität Freiburg (Schweiz) und der Académie de Berlin j Avec le généreux soutien l’Université d’Erfurt (Allemagne), de l’Université de Fribourg (Suisse) et de l’Académie de Berlin

Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der Creative-CommonsLizenz Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0). Jede kommerzielle Verwertung durch andere bedarf der vorherigen Einwilligung des Verlages. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KISystemen ist ohne Zustimmung des Verlags untersagt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 bei den Autor:innen; Zusammenstellung © 2026 Claire Gantet, Markus Meumann, Isabella von Treskow, veröffentlicht durch Schwabe Verlag Basel, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Coverabbildung: Montage von Claire Gantet aus Georg Andreas Wolffgang d.J. (?): Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg, um 1742/45, Friedenstein Stiftung Gotha, und Louis Carrogis dit Carmontelle: Mr le baron de Grimm, 1758, Papier, mine de plomb et sanguine, Musée Condé Chantilly, CAR-401. Cover: Kathrin Strohschnieder, Stroh Designagentur, Oldenburg Gestaltungskonzept: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5362-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5363-9 DOI 10.24894/978-3-7965-5363-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Claire Gantet, Markus Meumann, Isabella von Treskow: Friedrich Melchior Grimm zwischen Paris und Gotha – eine europäische Konstellation zur Zeit der Aufklärung. Einführende Bemerkungen . . . . .

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Friedrich Melchior Grimm entre Paris et Gotha – une constellation européenne à l’époque des Lumières. Remarques introductives . . . . . . . . .

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Prolog j Prologue Isabella von Treskow: Friedrich Melchior Grimm, die Correspondance littéraire und die Konjunkturen der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Beziehungen und Geschäfte j Relations et affaires Jonas Hock: Regensburger Lehrjahre. Grimm als Gottschedianer im Logogryphenstreit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

73

Catriona Seth: « Les Agréments de l’amitié sont infinis ». La relation épistolaire entre Théodore Tronchin et Friedrich Melchior Grimm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

93

Pierre-Yves Beaurepaire: Sociabilité aristocratique et sociabilité maçonnique. Ponts culturels entre Paris, Gotha et l’Europe à l’époque de Grimm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

109

Stéphanie Géhanne Gavoty: Paris – Gotha – Berlin. Les « commerces » de Friedrich Melchior Grimm (1764–1766) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

129

Holger Kürbis: Korrespondenz, Kunst und Kommerz. Friedrich Melchior (von) Grimm als Unternehmer in eigener Sache oder der Handel mit Nachrichten und schönen Dingen als Geschäftsmodell . . . . . . . . . . . .

149

2. Der Gothaer Hof als zentraler Knoten in Grimms Netzwerk j La cour de Gotha, nœud central du réseau de Grimm Sébastien Drouin: Grimm dans les lettres d’Ulrich von Thun envoyées de Paris à la cour de Gotha (1747–1750) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

171


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Inhalt

Ulla Kölving: Grimm, la Correspondance littéraire et la cour de Saxe-Gotha-Altenbourg. Réseaux et collections, 1749–1772 . . . . . . . . .

187

Martin Mulsow: Grimm und der Gothaer Hof. Eine Beziehung über drei Herrschergenerationen hinweg (1749–1807) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

217

Frank Nagel: Rousseau und Gotha. Zur Rezeption der Lettres écrites de la montagne (1764) bei Friedrich Melchior Grimm und Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg . . . . . . . . . . . . . . . . . .

249

Gabriele Ball: Die Kulturvermittlerin Herzogin Luise Dorothea als Sammlerin ‹englischer› Literatur und die Anfänge der Correspondance littéraire . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

267

3. Grimm als Literat: Kritik, Politik, Aufklärung j Grimm homme de lettres : critique, politique, Lumières Mélinda Caron: Écrire sous les yeux d’une souveraine adorée. Grimm écrivain (1753–1766) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

299

Timothée Léchot: Le Nouveau Mercure de France de Gotha et la circulation de l’information littéraire au XVIIIe siècle . . . . . . . . . . . . . . . .

319

Claire Gantet: Le politique dans la Correspondance littéraire . . . . . . . . . . .

341

Daniel Fulda: Grimms Begriff und Politik der Aufklärung. Deutsch? Französisch? Demokratisch? Elitär? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

361

Epilog j Épilogue Markus Meumann: ‹Les vingt moins glorieuses›? Grimm und Gotha 1787–1807 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

385

English Abstracts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

413

Index nominum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

423

Index locorum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

437

Abbildungsverzeichnis j Liste des illustrations . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

441

Abkürzungsliste j Liste des abréviations . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

443

Biobibliographien j Bio-Bibliographies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Friedrich Melchior Grimm zwischen Paris und Gotha – eine europäische Konstellation zur Zeit der Aufklärung Einführende Bemerkungen Claire Gantet, Markus Meumann, Isabella von Treskow

Friedrich Melchior Grimm – Hauslehrer, Literat, Diplomat, Kunst- und wahr­ scheinlich auch Geheimagent im Dienste gleich mehrerer europäischer Höfe sowie seit 1772 Freiherr von Grimm – war, wie die deutschsprachige Dixhuitiémistik sich langsam und zunehmend intensiver bewusst wird, einer der bedeutendsten, wenn nicht überhaupt der einflussreichste Vermittler französischer Literatur, Phi­ losophie und Kultur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach Mittel-, Nord- und Osteuropa.1 Wichtigstes Medium seiner Tätigkeit, die man am besten wohl als die eines literarisch-kulturellen ‹Influencers› avant la lettre fassen kann, war die Correspondance littéraire, philosophique et critique, eine Art Serienbrief oder handgeschriebene Zeitschrift, die zur Umgehung der Zensur als Privatpost kaschiert und zu ihren Blütezeiten von zwölf Fürstenhöfen gleichzeitig abonniert wurde.2 Gelesen wurde die Correspondance littéraire, die Grimm von 1753 bis 1773 persönlich herausgab bzw. zusammenstellte und bis zu zweimal wöchentlich auf den Weg brachte, vornehmlich im damaligen Deutschland einschließlich Wien, aber auch in Stockholm, Warschau und Sankt Petersburg. Mit der regelmä­ Zur Entwicklung und zum aktuellen Stand der Forschung siehe den sich an diese Ein­ führung anschließenden Beitrag von Isabella von Treskow sowie zur Rezeption Grimms im 19. und 20. Jahrhundert Hock 2026. Sämtliche Hyperlinks wurden am 31. 03. 2025 aufgerufen. 2 Vgl. Wolf 2015 [u. ö.], 129–130. In späteren Jahren wurde die Correspondance littéraire offensichtlich auch in niederadeligen und bürgerlichen Kreisen außerhalb Frankreichs abon­ niert, beispielsweise von Freimaurerlogen wie der «Gekrönten Hoffnung» in Wien. So notier­ te Friedrich Münter am 7. Sept. 1784 in sein Tagebuch: «Vom Nuncius gieng ich in die Loge zur Gekrönten Hofnung. in einem Vorzimmer wo sich die Brüder versammelten lagen die Catalogi der Bibliothek die die Loge sammelt, in denen viel gutes war, auch fand ich da eine geheime [hand‐] geschriebene Zeitung, die von Paris aus in alle Theile der Welt verschenkt [richtig wahrscheinlich «verschickt», die Hgg.] wird.» (Andreasen 1937, 63). Den Hinweis auf die Stelle verdanken wir Dirk Sangmeister. Wie er 1820 in seinem Aufsatz Urteilsworte französischer Kritiker mitteilte, gehörte offensichtlich auch Johann Wolfgang von Goethe zu den regelmäßigen Lesern der Correspondance (Grimm 1981, 9), obwohl Grimm Privatperso­ nen «als Abnehmer der Correspondance littéraire prinzipiell nicht zu[ließ]» (Wolf 2015 [u. ö.], 130). 1


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Claire Gantet, Markus Meumann, Isabella von Treskow

ßigen Lieferung dieses handschriftlichen Periodikums, das sich im gegenwärtigen Medien- und Sprachgebrauch am ehesten mit einem Blog vergleichen lässt, kamen Themen und Debatten der Pariser Aufklärung ebenso an diese Höfe, wie Grimm deren Anschaffungspolitik hinsichtlich der neuesten französischsprachigen (oder auch der ins Französische übersetzten) Literatur, aber auch der aktuellen Mode und anderer französischer Luxusartikel maßgeblich beeinflusste und diese teils auch konkret beschaffte.3 Grimm war mithin nicht einfach ‹nur› Publizist, son­ dern in erster Linie ein ‹Zwischenhändler› (Broker) wichtiger materieller wie vor allem auch immaterieller Güter sowie ein kultureller Mittler zwischen Frankreich respektive Paris und dem – im weitesten Sinne – deutschsprachigen bzw. mittelund nordosteuropäischen Raum. Darüber hinaus war er, zumindest in jüngeren Jahren, auch jenseits der Correspondance littéraire bis zu einem gewissen Grad schriftstellerisch tätig. Vor allem aber verkehrte er über mehrere Jahrzehnte hin­ weg in den wichtigsten Pariser Salons und knüpfte freundschaftliche Bande zu den berühmtesten Vertretern der französischen Aufklärung, den sogenannten philoso­ phes, von Jean-Jacques Rousseau bis hin zu Denis Diderot, Louise d’Épinay, Clau­ de Adrien Helvétius und Paul Thiry d’Holbach.4 Während das Verhältnis zu Vol­ taire durchweg eher angespannt gewesen zu sein scheint, verband ihn insbesondere mit dem Herausgeber der Encyclopédie über annähernd dreißig Jah­ re hinweg eine enge persönliche Beziehung, die allerdings 1781 ebenso in einen Streit mündete wie zuvor diejenige zu Rousseau.5 Im Februar 1792, nach mehr als vier Jahrzehnten in Paris, verließ Grimm die französische Metropole schließlich unter dem Eindruck der immer gewalt­ sameren Radikalisierung der Revolution und wandte sich nach Gotha. Hier ver­ brachte er, unterbrochen von zwei zusammengenommen knapp dreijährigen Aufenthalten in Hamburg und Braunschweig, noch beinahe anderthalb Jahr­ zehnte in wohlsituierten Verhältnissen, bevor er am 19. Dezember 1807 im für die damalige Zeit geradezu biblischen Alter von 84 Jahren verstarb.6 Geboren wurde Grimm demzufolge 1723, was den Anlass gab, ihm 2023 zum 300. Jahrestag seiner Geburt eine internationale Tagung am Forschungszen­ trum Gotha der Universität Erfurt zu widmen und seine Beziehungsgeflechte so­ wie die Bedeutung Gothas für dieselben näher zu beleuchten.7 Wie sich bei den Vorbereitungen zu dieser Tagung – durchaus zu unserer Überraschung – heraus­

Vgl. dazu die Beiträge von Gabriele Ball, Stéphanie Géhanne Gavoty und Holger Kürbis in diesem Band. 4 Vgl. Blom 2020; Kors 1976. 5 Blom 2020, 96–98, greift Spekulationen über eine homosexuelle Zuneigung zwischen Grimm und Diderot auf, verwirft diese Hypothese jedoch schlussendlich. Zum Zerbrechen der Beziehung zwischen den beiden Männern siehe Wolf 2015 [u. ö.], 440–447. 6 Siehe dazu genauer den Beitrag von Markus Meumann am Schluss dieses Bandes. 7 Vgl. Schaupp 2024. 3


Friedrich Melchior Grimm zwischen Paris und Gotha

stellen sollte, kursierten (und kursieren) jedoch in biographischen Handbüchern, Bibliothekskatalogen und nicht zuletzt dem Internet widersprüchliche Angaben hinsichtlich des genauen Geburtsdatums, wobei sich im Wesentlichen zwei ‹Schu­ len› unterscheiden lassen: Während die englischsprachige und die französisch­ sprachige Wikipedia (sowie mit diesen Wikidata und damit auch Google) ebenso wie die gängigen deutschsprachigen Konversations- und Literaturlexika von Brockhaus bis Meyer bzw. Killy und Kindler unter Berufung auf die Allgemeine Deutsche Biographie (ADB) den 26. Dezember 1723 als Grimms Geburtsdatum angaben,8 folgte die deutschsprachige Wikipedia der Neuen Deutschen Biographie (NDB) und nannte dementsprechend den 25. September als Tag der Geburt.9 Auch wenn Letzteres den Tatsachen erheblich näher kommt, war der eigentliche Geburtstag wohl eher der 26. September, für den Grimms Taufe in den Kirchen­ büchern bezeugt ist.10 Denn da Grimms Vater Johann Melchior Pfarrer an der Neupfarrkirche in Regensburg war, ist es in Anbetracht der damals höchst prekä­ ren Überlebenschancen von Neugeborenen sehr wahrscheinlich, dass er seinen Sohn – den zweitjüngsten von insgesamt sechs überlebenden Söhnen11 – noch am selben Tage persönlich taufte. Der 26. September 1723, der sich bereits in den 1880er-Jahren bei Maurice Tourneux und Edmond Scherer findet, wovon übri­ gens auch die ADB bereits 1888 Kenntnis genommen und den ursprünglichen

8 Richter 1879, 676; Marquart/Schlobach 2009, 425; Wild 2020. Auch das Bayerische Mu­ sikerlexikon (https://www.bmlo.lmu.de/g0674) und die Erik-Amburger-Datenbank der Aus­ länder im vorrevolutionären Russland des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropafor­ schung in Regensburg (https://amburger.ios-regensburg.de/?id=56902) folgen dieser Lesart, die somit als die (jedenfalls bis vor Kurzem) dominante gelten kann. Dies ist umso erstaunli­ cher, als bereits Theodor Süpfle 1888 in seinen «Zusätzen und Berichtigungen» zur ADB dar­ auf hingewiesen hat, dass «[d]urch die neue, vielfach vervollständigende und berichtigende Ausgabe der Correspondance littéraire, philosophique et critique par Grimm. Diderot, Raynal, Meister … von Maurice Tourneux (Paris 1877–82, in 16 Bdn.), sowie durch das Buch von Edmond Scherer Melchior Grimm, Paris 1886, […] das Leben und Wirken dieses zwei be­ nachbarten Völkern gleichmäßig angehörenden Mannes in mehreren Punkten genauer fest­ gestellt worden [sei]. Auf Grund dieser zwei Arbeiten und eigener Studien folgen hier einige Ergänzungen: G. wurde nicht am 26. December (1723), sondern am 26. September geboren.» (Süpfle 1888, 826). 9 Haacke 1966, 86. Dieser Variante folgen u. a. das Nationale Nachlass-Verzeichnis Kallio­ pe (https://kalliope-verbund.info/de/eac?eac.id=118697765), die Deutsche Digitale Bibliothek (www.deutsche-digitale-bibliothek.de/person/gnd/118697765 und die Hessische Biographie (www.lagis-hessen.de/pnd/118697765). 10 Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Dekanat Re­ gensburg, Regensburg-Gesamtgemeinde, Taufen 1713–1732, 416 (online einsehbar unter www.archion.de, gebührenpflichtig). 11 Zwei weitere Kinder starben im Säuglingsalter, vgl. Wolf 2015 [u. ö.], 2.

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Eintrag korrigiert hat,12 erscheint somit als das wahrscheinlichste Geburtsdatum, das auch Kurt Schnelle und Rolf Müller in ihrer Anthologie Paris zündet die Lichter an sowie Ulla Kölving in ihrer Edition der Correspondance littéraire über­ nommen haben.13 Inzwischen wird dieses auf unseren Anstoß hin nun immerhin sowohl in der deutschsprachigen als auch der englisch- und der französischspra­ chigen Wikipedia korrekt angegeben.14 Regensburg war nicht nur Grimms Geburtsort – er durchlief dort auch seine Bildungsjahre als Schüler am Gymnasium Poeticum und unternahm nebenher seine ersten literarischen Versuche.15 Und es war ebendort, wo der nach dem Studium in Leipzig in seine Heimatstadt zurückgekehrte 24-jährige Grimm – in­ teressanterweise durch den sachsen-gothaischen Gesandten am Immerwährenden Reichstag, Hans Adam von Studnitz – die damals noch von Guillaume-ThomasFrançois Raynal, dem Abbé, herausgegebenen Nouvelles littéraires kennenlernte, aus denen er wenig später die Correspondance littéraire machen sollte.16 Die Be­ deutung der ehemaligen Reichsstadt für Grimms späteren Werdegang ist daher in der Forschung der letzten Jahre wiederholt thematisiert worden17 und gab 2017 Anlass zu einer ersten, französischsprachigen Tagung zu Grimms Leben und Wir­ ken, die in mancherlei Hinsicht als Auftakt zu der unseren gelten kann, da sie Scherer 1887, 15. Zur ADB vgl. oben Anm. 8. Maurice Tourneux gab 1877 in seiner Kommentierung von Jakob Heinrich Meisters kurzer Lebensbeschreibung Grimms aus dem Jahr 1808 zunächst den 26. Dezember 1723 als Geburtsdatum Grimms an; zugleich erwähnte er den 26. September als Tag der Taufe, offensichtlich ohne den Widerspruch zu bemerken (CLT 1877, 3). Später korrigierte er das Geburtsdatum dann aber im letzten Band seiner Edi­ tion der Correspondance littéraire auf den 26. September (CLT 1882, 563). Woher bzw. von wem das falsche Geburtsdatum ursprünglich stammt, konnten wir nicht eruieren; Grimm selbst aber schrieb 1797, er sei «né dans le dernier quartier de l’année 1723 […]» (CLT 1877, 62). 13 Grimm 1981, 13; Kölving 2006, XXI. Die derzeit einzige neuere Grimm-Biographie von Winfried Wolf nannte dagegen bei Erscheinen 2015 zunächst ebenfalls das falsche Dezember­ datum, hat dies aber inzwischen korrigiert (Wolf 2015 [u. ö.], hier die ebook-Ausgabe von 2020). Im Sterberegister der Gothaer Schlosskirche soll laut Wolf, der sich dabei auf CLT 1877, 13, stützt, überdies der 28. September 1723 als Grimms Geburtsdatum genannt sein (Wolf 2015 [u. ö.], 528). Hierbei handelt es sich jedoch um einen Lese- oder Übertragungs­ fehler; tatsächlich wird dort korrekt der 26. September 1723 genannt (vgl. dazu den Beitrag von Markus Meumann am Schluss des Bandes). 14 In vielen anderen Wikipedien (u. a. Russisch, Dänisch, Italienisch und Spanisch) findet sich freilich immer noch der nachweislich falsche 26. Dezember 1723. Da inzwischen jedoch auch die zentrale Datenbank Wikidata das richtige Datum präferiert (www.wikidata.org/wiki/ Q61852), ist davon auszugehen, dass in der Folge des automatischen Datenabgleichs alle Wi­ kipedien irgendwann das richtige Datum angeben werden. 15 Vgl. auch Wolf 2015 [u. ö.], 9–24. 16 Siehe Wolf 2015 [u. ö.], 48–49, und den Beitrag von Jonas Hock in diesem Band. 17 Siehe den Beitrag von Isabella von Treskow in diesem Band. 12


Friedrich Melchior Grimm zwischen Paris und Gotha

bereits einige der hier behandelten Aspekte in den Blick nahm und mehrere der an diesem Band beteiligten Autorinnen und Autoren zum Austausch über Grimm versammelte.18 Die Rolle Gothas, die wir mit der oben erwähnten internationalen zwei­ sprachigen Tagung Grimm in Gotha und Paris / Grimm à Paris et à Gotha. Ein europäisches Beziehungsgeflecht zur Zeit der Aufklärung / Un espace relationnel européen au temps des Lumières anlässlich von Grimms 300. Geburtstag vom 26. bis 30. September 2023 erstmals gezielt adressiert haben, ist dagegen von der Forschung noch nicht systematisch untersucht worden. Dabei spielte Gotha – genauer gesagt der Hof der Herzöge von Sachsen-Gotha und Altenburg – über die letzten dort verbrachten Jahre hinaus eine zentrale Rolle in Grimms Leben sowie vor allem für seine Karriere und sein «Geschäftsmodell» als in Paris an­ sässiger Literat, Redakteur und Herausgeber, Kunstagent und Diplomat, wel­ ches Holger Kürbis in diesem Band genauer in den Blick nimmt. Der Gothaer Hof finanzierte Grimm maßgeblich, und er gehörte – wie Ulla Kölving in ih­ rem Beitrag genauer darstellt – über ein halbes Jahrhundert hinweg zu den treuesten Abonnenten der Correspondance littéraire. Nicht zufällig findet sich in der heutigen Forschungsbibliothek Gotha deren einzige weitgehend vollstän­ dige Überlieferung, was sich auch dem Umstand verdankt, dass die Gothaer zeitweilig mehrere Abonnements gleichzeitig unterhielten. Die Beziehung Grimms zu Gotha und seiner an der aktuellen französischen Politik, Philosophie und Kultur interessierten Herzogin Luise Dorothea sowie die Bedeutung des Gothaer Hofes für Grimms Tätigkeit in Paris stehen daher im Zen­ trum dieses Bandes, ohne dass freilich andere Aspekte von Grimms Aktivitäten und seiner Netzwerke ausgeblendet würden. Denn die Verbindung zwischen Grimm und Gotha ist eingebettet in ausnehmend weitverzweigte Beziehungsge­ flechte und Kommunikationsnetze, die Catriona Seth und Pierre-Yves Beaurepaire näher beleuchten, und sie ist insbesondere nicht ohne Paris als dritten Pol zu den­ ken. Erst hier, an der Seine, und nicht mehr an der Donau, wo er Studnitz ken­ nengelernt hatte, kam Grimm in engeren Kontakt zum Gothaer Hof (vgl. dazu den Beitrag von Sébastien Drouin), hier wirkte er jahrzehntelang im Dienst und Auftrag der Gothaer Herzöge (und zumal der Herzogin Luise Dorothea persön­ lich) und hier entwickelte er auch seine Rolle als ‹homme de goût› und ‹Influen­ cer›, die ihn für die Gothaer Seite über mehrere Jahrzehnte hinweg interessant, ja nahezu unentbehrlich machte (siehe dazu die Ausführungen von Mélinda Caron, Frank Nagel und Gabriele Ball). Allein als Informant über das literarische und philosophische Leben, über die Entwicklungen der vorbürgerlichen Gesellschaft «Friedrich Melchior Grimm – pensée, réseaux et génie médiatique du philosophe euro­ péen de Ratisbonne», org. v. Jonas Hock und Kirill Abrosimov (http://blog.romanische studien.de/colloque-friedrich-melchior-grimm/). Für den (deutschsprachigen) Tagungsbericht siehe Hauner 2017; für die Publikation Abrosimov/Hock 2026. 18

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und der aufklärerischen Ideen sowie natürlich die Mode in der Hauptstadt der Lumières und als Mittler dorthin besaß Grimm für den Gothaer Hof die überra­ gende Bedeutung, die seine Wertschätzung und auch die hohen finanziellen Zu­ wendungen durch die Herzöge über drei Generationen hinweg erklären (vgl. den Beitrag von Martin Mulsow). Vor seiner Flucht aus Paris hatte Grimm nur wenige Male und für kurze Dauer persönlich in Gotha geweilt. Als infolge der Revolution an ein weiteres Bleiben in der französischen Metropole nicht mehr zu denken war, bildete Go­ tha nun offenbar trotzdem den gleichsam natürlichen Anlaufpunkt für den in Paris heimatlos gewordenen Grimm – sozusagen ein freundlich-vertrautes Exil in seinem eigentlichen Herkunftsland. Grimms enge Beziehung zu Gotha ist also ohne Paris nicht denkbar, ebenso wenig wie Grimms jahrzehntelanger Auf­ enthalt in Paris ohne die Unterstützung des Gothaer Hofes. Grimm, Gotha und Paris bilden folglich eine dreipolige Konstellation, deren Beziehungen zueinan­ der sich gegenseitig bedingen und in der der dritte Pol Paris stets mitgedacht werden muss, da er, um es einmal in der Sprache der Akteur-Netzwerk-Theorie zu fassen, gleichsam eine eigene Agency entwickelte.19 Aus diesem Befund ergaben sich einige Fragen und grundsätzliche Überle­ gungen für die Tagung, die auch den vorliegenden Band strukturieren und in den Beiträgen eingehender diskutiert werden: Wie und warum kam die enge Bezie­ hung Grimms zu Gotha zustande, wie erhielt sich diese über die Jahrzehnte hin­ weg lebendig und überdauerte schlussendlich sogar mehrere Generationen von Herrschenden? Und wieso war sie am Ende dauerhafter und für Grimm wichtiger als die zu allen anderen Fürstenhöfen, die die Correspondance littéraire abonniert hatten, einschließlich desjenigen der Zarin Katharina II., in deren Diensten Grimm ebenfalls viele Jahre lang stand? Auf welche Weise kursierten literarischphilosophische Informationen, Konzepte und Modelle zwischen Paris und Gotha (sowie weiteren fürstlichen Höfen)? Welche Rolle spielten – neben der Corre­ spondance selbst – bestimmte Netzwerke, etwa die Freimaurerei oder diplomati­ sche Kreise, in denen Grimm neben seiner literarischen Tätigkeit zunehmend ver­ kehrte und in denen er im Laufe der Jahre sowohl für Gotha als auch für Sankt Petersburg offenbar immer wichtiger wurde? Welche Bedeutung besaßen schließ­ lich (reichs‐)politische Allianzen zwischen sogenannten mindermächtigen protes­ tantischen Fürstenhöfen für die Abonnierung der Correspondance littéraire und damit die finanzielle und ideelle Unterstützung ihres Autors bzw. Herausgebers? Inwieweit überschnitten sich Diplomatie und Politik mit Grimms Rolle als Mittler der Pariser Kultur im weitesten Sinne sowie speziell der Lumières in Deutschland bzw. Mittel- und Nordosteuropa? Und war Grimm eigentlich selbst ein Aufklärer, und, wenn ja, welche Art von ‹Aufklärung› vertrat er?

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Vgl. u. a. Latour 1987.


Friedrich Melchior Grimm zwischen Paris und Gotha

Mit Blick auf diese seine bekannteste und in der Forschung primär in den Fokus gerückte Funktion ist schließlich zu fragen, wie Grimm zwischen Frank­ reich bzw. Paris und Deutschland agierte und welche Inhalte und Themen er konkret vermittelte, wo er seine eigene geistige und nicht zuletzt auch gesell­ schaftliche Heimat sah – wenn er sich überhaupt entscheiden musste, was ver­ mutlich nur in Bezug auf bestimmte Aspekte oder Gewohnheiten der Fall war – und welcher intellektuellen wie auch sozialen Gruppe bzw. welchem Milieu und welcher ‹Kultur› (im Sinne einer französischen, deutschen, europäischen oder gelehrten Kultur) er sich zugehörig bzw. welcher er sich – sei es dauerhaft oder auch nur phasenweise – verpflichtet fühlte. Denn mit der Zeit traten Grimms Freundschaft zu den führenden philosophes und sein eigener, zunehmend aris­ tokratischer Lebensstil merklich in Gegensatz zueinander, was zur Entfremdung von seinen früheren Gefährten und in einigen Fällen schließlich – wie bereits erwähnt – zum Bruch führte. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Frage von Bedeutung, inwieweit – und ggf. für welchen konkreten Zeitraum – Grimm eigentlich selbst als philosophe bzw. ‹Aufklärer› oder auch als ‹Intellek­ tueller› bezeichnet werden kann, wie es im ‹historischen Urteil› gemeinhin mit Blick auf sein gesamtes Leben und Wirken getan wird.20 Wie können wir also Grimms Agieren als intellektuelles Handeln in der Mit­ te und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, insbesondere vor und in der Zeit der Revolution, angemessen beschreiben? Wenn wir die Merkmale, die in der For­ schung mit der Figur des oder der Intellektuellen verknüpft sind, heranziehen,21 also erstens die kritische Positionierung gegenüber gesellschaftlichen Ereignissen und Tendenzen der eigenen Zeit im Sinne einer ‹informierten Sicht› und auf an­ erkannter Kompetenz beruhenden Argumentation, zweitens das Kriterium der Aktualität der Äußerung, drittens das des Bezugs auf schwelende oder bereits ent­ fachte Konflikte und viertens das der Resonanz im Sinne einer merklichen Rezep­ tion, dann zeigen die Machart der Correspondance littéraire, deren interaktive Funktion und deren Einbettung in einen größeren Diskussionsraum ausgezeich­ net, welche Form eine eingreifende und reflexive Praxis annehmen konnte, die rückblickend als ‹intellektuell› zu verstehen ist. Grimm kann dementsprechend durchaus als Intellektueller gelten, obschon der elitäre Adressatenkreis der Corre­ spondance littéraire dem auf den ersten Blick entgegenzustehen scheint und wir Mühe haben, bestimmte Haltungen und (im modernen Sinne) politische Positio­ Vgl. Giurovich 1983; Wolf 2105 [u. ö.] sowie den Titel der Regensburger Tagung Fried­ rich Melchior Grimm – pensée, réseaux et génie médiatique du philosophe européen de Ratis­ bonne (wie Anm. 18). 21 Zu den Kriterien im Einzelnen siehe Treskow 2010, 28–32, sowie Bayreuther/Engel­ berg/Rauschenbach/Treskow 2011; zum Kompetenz-Kriterium vgl. außerdem Lepsius 1990 und für das 18. Jahrhundert (Voltaire, Diderot) z. B. Masseau 1994, Fues 2024; zu Aktualität und gesellschaftlichem Engagement z. B. Gilcher-Holtey 2007. 20

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nen zu akzeptieren. Dies steht jedoch nicht in Gegensatz zur Correspondance lit­ téraire als meinungsstarker ‹Zeitschrift›, ihrer fingierten Mündlichkeit und der Dialogizität, welche sie charakterisieren. Die Diskussionsimpulse und die in die­ sem Band mehrfach aufgezeigte Kultur des Weiter-Debattierens und Dagegen­ haltens, wie wir sie z. B. an den Briefwechseln gegenwärtig noch ablesen können, die von Unterhaltungen vor Ort nach der gemeinsamen Lektüre einer Ausgabe der Correspondance littéraire berichten und diese fortführen, entspricht dem Verständnis intellektuellen Engagements, d. h. ‹geistigen›, sprachlich und medial vermittelten Handelns. Damit ist unmittelbar die Frage verknüpft, was eigentlich ‹Aufklärung› im Kontext von Grimms Vermittlertätigkeit bedeutete – und für ihn selbst bedeutet haben mag. Vermittelte er lediglich die Ideen der – ihrerseits ja keineswegs homogenen – französischen oder, gezielter, Pariser ‹Aufklärung› von Voltaire bis Diderot an seine meist fürstlichen Abonnentinnen und Abonnenten? Oder war er dabei selbst direkt bzw. bewusst ‹aufklärerisch› tätig? Und waren die Modeartikel, die er seinen Briefpartnerinnen und -partnern parallel dazu schickte, worauf Stéphanie Géhanne Gavoty in diesem Band näher eingeht, am Ende für die fürstlichen Adressat:innen womöglich genauso wichtig wie die Literaturge­ spräche? Diesem auf die Tragfähigkeit von Grimms Rolle als Vermittler der franzö­ sischen bzw. Pariser Aufklärung (vor allem) in das damalige Deutschland bezo­ genen Fragekomplex wollen wir im Folgenden anhand einiger ausgewählter Bei­ spiele vom Beginn sowie vom Ende seiner Tätigkeit als Herausgeber der Correspondance littéraire und mit einem Blick auf deren gleich in mehrfacher Hinsicht hybride Medialität nachgehen. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Correspondance littéraire keineswegs die einzige Informationsquelle über Frankreich an den deutschen Höfen war. Vielmehr kursierten, wie Timothée Léchot in diesem Band am Beispiel Gothas nachweist, ‹Mercures›, die ihrerseits zu einem interkulturellen Austausch führten. Landläufig wird Grimm im deutsch-französischen Kontext eine Art Brü­ ckenfunktion zwischen den beiden Kultur- bzw. Sprachräumen zugeschrie­ ben.22 Diese Vermittlerrolle übte er im Lauf der Zeit auf sehr differenzierte Art und Weise aus und setzte dabei bestimmte Medien unterschiedlich ein. Als Achtzehnjähriger polemisierte er 1742 gegen die literarische Form der Logogry­ phen, die in französischen Periodika wie dem Mercure de France gepflegt wur­ de,23 um sich als Gottschedianer zu profilieren und in das entsprechende Netz­

Siehe Schlobach 2004; Abrosimov 2014, 69–77; Wolf 2015 [u. ö.], 75 («Grimm scheint nun endlich seine Rolle als Kulturvermittler, Kritiker und Botschafter der Kulturen gefunden zu haben»); Hock 2020; Hock 2026. Zur Rolle des Hauslehrers als Kulturvermittler vgl. Kuh­ fuß 2014. 23 Vgl. Léchot 2019–2022. 22


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werk eintreten zu können (siehe dazu den Beitrag von Jonas Hock).24 In Paris behauptete er sich zunächst erneut als Anhänger des Leipziger Literaturtheore­ tikers, als er 1750 zwei Briefe – eben im Mercure de France, den mittlerweile sein Freund, der bereits genannte Abbé Raynal, herausgab – über die deutsche Literatur und ihre anvisierte Rezeption in Frankreich veröffentlichte. Darin lob­ te er die deutsche Kultur, die aus seiner Sicht allerdings unter der territorialen Zersplitterung und dem Fehlen einer großen Kulturhauptstadt bzw. einer star­ ken politischen Unterstützung litt. Grimm zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass die deutsche Literatur seit Martin Luther und Martin Opitz, entscheidend aber seit dem «großen Gottsched» erwacht sei und die Franzosen ihre Vorzüge bald anerkennen würden: M. Gottsched est venu, et a réveillé la nation comme d’une léthargie. Il l’a portée à l’étu­ de de sa langue, il a examiné son émulation par l’exemple de nos voisins. […] Ses livres ont répandu le gout de la belle littérature dans toutes les parties de l’Allemagne […]. Je nommerai, sans prétendre régler les rangs, quelques-uns des principaux poètes qui ont écrit dans ce siècle.25

Auch über dessen gelehrte Ehefrau fand er nur lobende Worte und verglich sie dabei geschickt mit Émilie du Châtelet: Madame Gottsched, née avec des talens distingués pour la Poesie, pour tous les beaux Arts, fidelle & constante compagne des travaux Littéraires de son mari, après avoir enri­ chi notre Langue des Œuvres d’Addisson, de Steele, de Pope, de M. de Voltaire, de Ma­ dame la Marquise du Chastelet, & des siennes propres, se prépare à donner l’Histoire de notre Poesie lyrique.26

Aus einer späteren Rezension wissen wir, dass Grimm einen (heute nicht mehr auffindbaren) Essay über deutsche Literatur in französischer Sprache verfasst hatte – oder handelt es sich um die oben genannten beiden Briefe?27 Wollte er sich also am Ende selbst in ein besseres Licht setzen, indem er Gottsched lobte? Kurz bevor er im Mai 1753 die Herausgeberschaft der Correspondance lit­ téraire übernahm, wurde er jedenfalls aufgrund seiner polemischen Schrift Petit Fünf Jahre später wurde Grimms Geschichte des Kaisers Maximilian I. in deutschspra­ chigen Zeitschriften wohlwollend rezensiert: Zwar enthalte das Werk nichts Neues über seine Regierung, sein Duktus sei jedoch elegant: «Regensburg.» 1747. 25 «Seconde lettre de M. Grimm» 1751. Der Mercure de France veröffentlichte zwei Jahre später eine positive Rezension von Gottscheds Grammatik: «La grammaire allemande de M. Gottsched» 1753. Erster Brief: «Lettre de M. Grimm» 1750. Grimm kündigte einen dritten Brief an, der nie erschien. – Zu Gottsched siehe auch den Beitrag von Daniel Fulda in diesem Band. 26 «Seconde lettre de M. Grimm» 1751, 14–15. 27 1750 schrieb er offensichtlich einen Petit discours sur les grands bouquets à la mode und übersetzte ihn ins Deutsche. Siehe «Halle.» 1750. 24

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Prophète de Boehmischbroda und der anschließenden Querelle des Bouffons weithin berühmt.28 Von dem Zeitpunkt an, als er begann, die Correspondance littéraire zusammenzustellen und teilweise selbst zu schreiben, scheint er sich jedoch aus der literarischen Öffentlichkeit zurückgezogen zu haben: Artikel oder Rezensionen in Bezug auf seinen Namen lassen sich jenseits dieser Mam­ mut-Aufgabe nicht mehr nachweisen. Grimms Lebenswerk war tatsächlich die Correspondance littéraire, aus der er seinen Stolz als bezahlter, aber ungebunde­ ner Literat zog und die ihm erlaubte, zwischen der ihm zugestandenen Aufgabe des Herausgebers wie der weniger zugestandenen Möglichkeit, sich ‹unberufen› zu virulenten Themen zu äußern, eine erfolgreiche Gratwanderung zu vollzie­ hen.29 Unter dem Datum des 15. August 1772 verbreitete die Correspondance lit­ téraire einen Text von Diderot, der das u. a. von Voltaire, wahrscheinlich aber auch von Grimm verfolgte Projekt einer aufgeklärten Fürstenherrschaft äußerst kritisch beurteilte: Gegen die Interessen seines Volkes dürfe der aufgeklärte Fürst nicht handeln, behauptete Diderot ebenso pauschal wie apodiktisch. Dar­ über hinaus wandte er sich gegen die Sklaverei – d. h. gegen den Sklavenhan­ del, der damals seinen unheilvollen Höhepunkt erreichte – und zugleich gegen Feudalismus und Leibeigenschaft: On a dit quelquefois que le gouvernement le plus heureux serait celui d’un despote juste et éclairé: c’est une assertion très-téméraire. Il pourrait aisément arriver que la volonté de ce maître absolu fût en contradiction avec la volonté de ses sujets. Alors, malgré toute sa justice et toutes ses lumières, il aurait tort de les dépouiller de leurs droits, même pour leur avantage. […] la véritable notion de la propriété entraînant le droit d’us et d’abus, jamais un homme ne peut être la propriété d’un souverain, un enfant la proprié­ té d’un père, une femme la propriété d’un mari, un domestique la propriété d’un maît­ re, un nègre la propriété d’un colon. Il ne peut donc y avoir d’esclave, pas même par le droit de conquête, encore moins par celui de vente et d’achat. Les Grecs ont donc été des bêtes féroces contre lesquels leurs esclaves ont pu en toute justice se révolter. Les Romains ont donc été des bêtes féroces dont leurs esclaves ont pu s’affranchir par toutes sortes de voies, sans qu’il y en ait eu aucune d’illégitime. Les seigneurs féodaux ont donc été des bêtes féroces dignes d’être assommées par leurs vassaux.30

Die Kraft dieser Worte wird deutlich, wenn man sich ihre Tragweite vor Augen führt. Als Berater der Zarin Katharina II. war Diderot am Projekt der von dieser angestrebten ‹Zivilisierung› Russlands beteiligt. Er verurteilte dieses hier jedoch in aller Deutlichkeit, weil das letzten Endes im Kern ausschließlich gelehrtwissenschaftliche Vorhaben seiner Meinung nicht mit den dortigen Abhängig­ keitsverhältnissen, insbesondere der Leibeigenschaft, zu vereinbaren war. Seine 28 29 30

Vgl. Abrosimov 2014, 39. Vgl. Bayreuther/Engelberg/Rauschenbach/Treskow 2011, 10. Diderot in Grimm 1831 (15. 08. 1772), 334, 338.


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scharfe Kritik am aufgeklärten Fürstenstaat äußerte Diderot ausgerechnet in der handschriftlich verbreiteten Correspondance littéraire, die sich primär an einen fürstlichen Leser:innenkreis und nicht zuletzt an die Zarin selbst wandte. Deren Herausgeber Grimm schwächte die Äußerungen seines Freundes in einer bei­ gefügten Notiz jedoch nicht unerheblich ab: La plupart des raisonnemens politiques seraient d’une prodigieuse utilité s’il était reçu que le fort s’y conformera sans difficulté, du moment qu’il en aura compris l’enchaîne­ ment. Malheureusement cela ne se passe pas tout-à-fait ainsi. […] Le seul baume qui calme et adoucisse les maux de tant de plaies profondes, c’est que le sort accorde de temps en temps, par-ci par-là, à quelque peuple un prince vertueux et éclairé […].31

Diderots Brief wurde anschließend bekanntlich teilweise in Raynals Histoire des deux Indes übernommen.32 Seine Texte kursierten und wurden redaktionell hin und her geschoben, gekürzt oder auch an dritter Stelle wieder eingebaut. Auch die Correspondance littéraire verdankte ihre Berühmtheit nicht zuletzt der Be­ teiligung Diderots als unerschrockenem und hellsichtigem Autor und manch­ mal sogar als Mitherausgeber. Grimms entschärfender Zusatz zu der genannten Textstelle macht den Cha­ rakter der Correspondance littéraire als ‹aufklärerische› Kommunikationsplattform deutlich. Zwar verstand sich das semi-klandestine Periodikum als Laboratorium und zugleich Sprachrohr aufgeklärter Ideen. Die Fürstinnen und Fürsten waren jedoch nicht bloß passive Adressatinnen und Adressaten. Sie wurden gelobt oder getadelt, wodurch sie eine gewisse Anerkennung erhielten und ihr Mittun zugleich gewissermaßen selbst Teil der aufklärerischen Agenda wurde. Mehr noch: Ihre Reputation als ‹aufgeklärte Fürsten und Fürstinnen› wurde durch ihre Teilhabe an der Correspondance littéraire ideell konstituiert und immer wieder neu bestätigt. Dabei achtete Grimm stets auf die unterschiedlichen Interessen seiner fürstlichen Leserschaft – und konnte somit im Wesentlichen nur solche Forderungen und Ideen weitervermitteln, die sein überwiegend fürstliches Publikum nicht überfor­ derten und dessen Herrschaft jedenfalls im Grundsatz nicht infrage stellten. Grimm schuf solchermaßen mit der Correspondance littéraire ein einzigar­ tiges Medium. Es löste sich schrittweise vom Modell der Briefkorrespondenz und damit auch vom mehr oder weniger privaten Briefstil ab. Im Laufe der Jah­ re und besonders seit der Übernahme der Redaktion durch Grimm wurden die Artikel unpersönlicher verfasst und stärker strukturiert. Nach einem Leitartikel oder Brief wurden kleinere Stücke, Briefe, Rezensionen oder einfach banalere Nachrichten wie Gerüchte über das Pariser Leben und Ähnliches beigefügt, die eine Teilnahme am intellektuellen Leben der französischen Metropole aus der Ferne ermöglichten – oder bei den Leserinnen und Lesern zumindest diesen 31 32

Grimm 1831 (15. 08. 1772), 339. Vgl. Duchet 1978.

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Eindruck erweckten. Wissen konstituiert sich nicht zuletzt über Medien, und der Wissenshorizont der an den Pariser Debatten und Moden Interessierten er­ weiterte sich erheblich nicht allein durch die Lektüre, sondern auch durch Zu­ hören und viele Weisen sich anschließender Reaktionen, inbegriffen das, was Grimm von seinen Leser:innen zurückgespiegelt wurde. Wie sich Werteord­ nungen verändern, lässt sich mithin an den Wechselbeziehungen zwischen Grimm, seinen Gesprächs- und Korrespondenzpartner:innen und der Corre­ spondance littéraire gut erkennen. Die handschriftliche Form entlastete Grimm als den Hauptherausgeber zwar nicht von redaktionellen Bürden, sie befreite ihn jedoch von der Last der Zensur und den Gefahren der Öffentlichkeit. Dadurch erhielt die Correspondance littérai­ re in der damaligen medialen Landschaft einen ganz besonderen Charakter. Landläufig werden frühneuzeitliche Periodika durch ihre Periodizität, ihre Publi­ zität, ihre Aktualität und ihre Zugänglichkeit definiert.33 Die Correspondance lit­ téraire weist jedoch keines dieser Charakteristika auf. Zwar bemühte sich Grimm, sie zweimal wöchentlich absenden zu lassen. Manchmal konnte er den straffen Rhythmus jedoch nicht einhalten und musste die Hefte rückdatieren.34 Publizität im Sinne einer größeren Öffentlichkeit vermied er absichtlich, um freiere Aussa­ gen in einem auf die Fürstenhäuser begrenzten Diskussionsraum zu ermöglichen. Die Zugänglichkeit war daher bewusst eingeschränkt. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – die Correspondance littéraire also in mehrfacher Hinsicht ein merkwürdiges Periodikum war, fungierte sie als Experimentierraum der Überprüfung damaliger Wissensbestände und als Richtinstanz der sich wandelnden Gelehrtenrepublik. Sie sollte insbesondere die Weichen dafür stellen, die Ehre verfolgter Philosophen in der Nachwelt wieder­ herzustellen. Im Zuge eines tiefgreifenden Wandels und einer Transformation der Öffentlichkeit erlangten bestimmte Persönlichkeiten, insbesondere die phi­ losophes, Berühmtheit (célébrité): Ihr Leben, auch ihr Privatleben, zog das Inter­ esse zahlreicher Druckerzeugnisse (Zeitungen, Pamphlete, Kupferstiche) auf sich, und zwar weit über die Konturen der auf persönlichem Ruhm (gloire) ba­ sierenden Zugehörigkeit zur traditionellen Gelehrtenrepublik hinaus, und ent­ zog sich dadurch mehr und mehr ihrer Kontrolle.35 Grimm versuchte jedoch, die Berühmtheit seiner Freunde durch semi-klandestine Praktiken und die be­ grenzte Verbreitung seines Periodikums einzuschränken und zu filtern. Wie Ki­ rill Abrosimov betont hat, diente die Correspondance littéraire nicht zuletzt dem Ziel, das ethische Profil der philosophes zu schärfen – Voltaires Lob der Mächti­

So Habel 2007; Bauer/Böning 2011. Letztere betonen, dass die gedruckten Zeitungen im 17. Jahrhundert handschriftliche nur teilweise verdrängten. 34 Vgl. Kölving 2010, hier xliii. 35 Vgl. Lilti 2014. 33


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gen wurde beispielsweise gerügt.36 Gerade vor dem Hintergrund der Differen­ zen im Pariser intellektuellen Milieu sowie der Veränderungen im gelehrten, akademischen und intellektuellen Gefüge und der Politisierung der öffentlichen Debatte ab den 1750er-Jahren stellte sich die angestrebte Brückenfunktion zwi­ schen dem ‹parti philosophique› und den aufgeklärten Fürsten und Fürstinnen Europas jedoch als ein schwieriges Unterfangen heraus. Darüber hinaus machte Grimm aus seiner Bewunderung für den preußischen König Friedrich II. kei­ nen Hehl, sodass er manchmal eher seine persönlichen Ansichten – auch im ästhetischen Sinne – als französische ‹Ideen› im engeren Sinne (oder gar radi­ kalere Ansichten von Holbach oder Helvétius etwa) vermittelte und seinerseits selbst vor übertriebenem Schmeicheln nicht zurückschreckte.37 Aus diesem Befund ergeben sich etliche grundsätzliche Fragen, die diese Einleitung und auch die Beiträge des Bandes bestenfalls vorläufig bzw. ansatzwei­ se beantworten können, die unseres Erachtens aber bei der weiteren Erforschung von Grimms Tätigkeit als Herausgeber und Redakteur der Correspondance litté­ raire und deren Bedeutung als Medium der Vermittlung zwischen ‹französischer› und ‹deutscher› ‹Aufklärung› im Blick behalten werden müssen: Wie verhalten sich eigentlich Lumières und Aufklärung (in ihrer sich im Gegensatz zu Ersterer selbst früh und zunehmend ubiquitär explizit so bezeichnenden deutschsprachi­ gen Spielart und daher hier als Quellenbegriff ebenfalls kursiv gesetzt) zueinan­ der? Wurden die Lumières durch die vermittelnde Tätigkeit Grimms anders kontextualisiert als in ihrem Ursprungsland oder sogar von Grund auf neu defi­ niert – und dann erst in dieser Form in die deutschsprachige Debatte einge­ speist? Oder handelt es sich – gerade mit Blick auf die zunehmende gesellschaft­ liche Ausbreitung der stark gelehrt und theologisch geprägten Aufklärung seit den 1740er- und 1750er-Jahren im Alten Reich und den angrenzenden deutsch­ sprachigen Gebieten – bei deutscher und französischer ‹Aufklärung› letztendlich um zwei divergente Strömungen bzw. diskursive Formationen, die durch den ge­ meinsamen Bezug auf den Sammelbegriff ‹Aufklärung› – der als Übersetzung der französischen Bezeichnungen Lumières (bzw. philosophes) nur bedingt taugt, wie vor allem die Forschung der letzten Jahre unterstrichen hat – in unzulässiger Weise gleichgesetzt werden?38 Wie Daniel Fulda in seinem Beitrag zu diesem Band betont, müssen die strukturellen Unterschiede zwischen der deutschen ge­ lehrten Kommunikation und dem französischen literarischen Feld in Anschlag gebracht werden, um Grimms paradoxes Unterfangen einer aufklärerischen Zeit­ schrift für ein elitäres Publikum zu verstehen. Schließlich müssen neben Paris auf der einen und Gotha sowie den anderen deutschen und nordosteuropäischen Abrosimov 2014, 212. Siehe Claire Gantets Beitrag im vorliegenden Band. 38 Zur deutschen und französischen ‹Aufklärung› vgl. u. a. Gantet/Meumann 2019; Tri­ coire 2023. 36 37

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