Die Autor:innen bieten ein differenziertes Porträt der DDR-Philosophie. Mit speziellem Fokus auf Halle/Saale rekonstruieren sie deren Schwerpunkte der Philosophie in der DDR und auch die der Wendejahre sowohl historisch als auch systematisch. Dabei verbinden sich analytische Passagen mit narrativen Auszügen und Zeitzeugenberichten. Auch eine kommentierte Auswahl an Originaltexten ist aufgenommen. Die Revision und Aufarbeitung der Vergangenheit erweist sich als höchst aktuell und relevant. Kristina Schippling lebt als Schriftstellerin, Philosophin und Filmregisseurin in Berlin. Sie studierte Philosophie, Germanistik, Psychologie, Pädagogik und Darstellendes Spiel ; ihre Dissertation erschien 2021. Ursula Schippling studierte Ökonomie und Soziologie. Es folgte eine Promotion zum Doktor der Philosophie und eine Tätigkeit an den Sektionen Philosophie und Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Harald Seubert ist Ordentlicher Professor für Philosophie und Religionswissenschaften sowie Prorektor der STH Basel und Präsident der Internationalen Martin Heidegger-Gesellschaft.
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Kristina Schippling Ursula Schippling Harald Seubert
Die DDR-Philosophie wurde in den letzten drei Jahrzehnten im akademischen und öffentlichen Diskurs weitgehend tabuisiert. Dieses Buch unternimmt eine Revision und kritische Aufarbeitung dieser Verdeckungsgeschichte.
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Kristina Schippling Ursula Schippling Harald Seubert
Die DDR-Philosophie im Fokus von Halle / Saale
Kristina Schippling, Ursula Schippling, Harald Seubert
«Die im Dunkeln sieht man nicht» Die DDR-Philosophie im Fokus von Halle/Saale
Schwabe Verlag
Der Druck wurde durch den Forschungsetat des Lehrstuhls für Philosophie und Religionswissenschaft der STH Basel gefördert. Eine weitere Stiftung, mit Sitz in Riehen, die dazu beigezogen wurde, möchte anonym bleiben.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Abbildung Umschlag: Löwenskulptur am Universitätsplatz. Foto: Markus Scholz Lektorat: Grammatica, Christine Hehle, Wien Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: rdz IMA GmbH, Bonn Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-4929-8 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4930-4 DOI 10.24894/978-3-7965-4930-4 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Prolegomena . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
I. Philosophische und historische Ausgangslagen: Einleitung in den halleschen Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
I.1.
«Wendezeiten» – doch wohin? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
I.2.
Der Fokus Halle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18
II. Das hallesche Professoren-Dreigestirn: Reinhard Mocek – Hans-Martin Gerlach – Günter Schenk . . . . .
23
II.1.
Reinhard Mocek – Naturphilosoph mit eigenständigem Profil . . .
23
II.2.
Hans-Martin Gerlach – Beiträge zur neuzeitlichen Philosophie zwischen Kant, Nietzsche und Jaspers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
27
II.3.
Günter Schenk oder Von der Arbeiter- und Bauernfakultät in die Geschichte der logischen Formen und darüber hinaus . . . . . .
29
III. Ein Querschnitt durch die hallesche Philosophie . . . . . . . . . . . . .
33
III.1.
Forschungsschwerpunkt: Kritik und Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Philosophie und Gesellschaftstheorie . . . . . . . . . .
33
III.2.
Forschungsschwerpunkt: Wissenschaftstheorie und -geschichte . .
38
IV. Philosophisch-ideologische Hintergründe der DDR-Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
IV.1.
Die Formationstheorie im Marxismus in ihren Grundzügen . . . . .
43
IV.2.
Ideologiebegriff und ideologiefreie Räume in der halleschen Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
44
6
Inhalt
IV.3.
45
Rechtliche und strukturelle Probleme nach 1989 . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.1. Die Abwicklung und ihre Folgen – Chancen, die nicht ergriffen wurden . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.1.1. Ulrich Johannes Schneider und das Ausbleiben der Grundlagendebatte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.1.2. Personelle Entscheidungen und Denkstilverluste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.1.3. Peer Pasternack und die disziplinäre Binnenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.1.4. Stimmen des Übergangs: Jung, Teller, Zehm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.1.5. Erinnerung, Resonanz und das verschwundene Echo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.1.6. Neue Stimmen, alte Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.2. Der Bildungsnotstand nach der Wende . . . . . . . . . . . . . . . IV.3.3. Das Schicksal der DDR-Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
49 50 51 52
V. Die philosophischen Kongress- und Tagungsberichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg . . . . . . . . . . . . .
55
V.1.
300. Geburtstag von August Hermann Francke . . . . . . . . . . . . . . . .
55
V.2.
Einheit der Wissenschaft als sozialistisches Prinzip . . . . . . . . . . . . .
55
V.3.
Humes Denken und Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
57
V.4.
2300. Todestag von Aristoteles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
58
V.5.
Christian Wolff und die Rationalitätslinie der Aufklärung . . . . . . .
60
V.6.
Das Erbe Immanuel Kants . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
62
V.7.
Lessing und Spinoza . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
63
V.8.
Karl Jaspers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
64
V.9.
John Locke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
66
V.10. Georg Lukács und die «Zerstörung der Vernunft» . . . . . . . . . . . . .
67
V.11. Die Aufklärung als interdisziplinäres Forschungsfeld . . . . . . . . . . .
69
V.12. Descartes und das Problem der wissenschaftlichen Methode . . . . .
71
V.13. Wissenschaftskultur der Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
72
V.14. Sammelband zur Entwicklung der Landwirtschaft im Kreis Querfurt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
V.15. Nach Marx: Ferdinand Tönnies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
74
45 47 48 48 49
Inhalt
VI. Der «Bürgerschreck»: Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Philosophie und Gesellschaftstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
77
VI.1.
Anthropologische Fragen in der Wissenschaftstheorie . . . . . . . . . .
77
VI.2.
Spätbürgerliche Philosophie und ihre Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
78
VI.3.
Metaebene der spätbürgerlichen Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . .
79
VI.4.
Kritik der bürgerlichen Philosophie und Nietzsche . . . . . . . . . . . . .
79
VI.5.
Relektüren und Korrekturen der Marx’schen Kategorien . . . . . . . .
81
VI.6.
Evolution und Revolution in den Wissenschaften . . . . . . . . . . . . . .
82
VII. Die Arbeitsblätter des Interdisziplinären Zentrums für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte (IZW) . . .
85
VII.1. Arbeitsblätter zwischen Work in Progress und dokumentierter Interdisziplinarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
85
VII.2. Arbeitsblätter 1977: Wissenschaftsgeschichte und transdisziplinäre Zugriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
85
VII.3. Arbeitsblätter 1979: Methodologische und begriffliche Grundfragen . . . . . . . . . . . . . . .
86
VII.4. Arbeitsblätter 1979: Wissenschaftsgeschichtliche Entdeckungen und interdisziplinäre Studien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
87
VII.5. Arbeitsblätter 1981: Wilhelm Ostwald und die Kulturen der Wissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
87
VII.6. Arbeitsblätter 1988: Oswald Külpe und die empirische Denkpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
88
VII.7. Arbeitsblätter 1989: Zwischen Sozial- und Naturwissenschaften . . .
89
VIII. Das philosophische Lesebuch als Identitätskonstitution . . . . .
91
IX. Publikationen in Dialektik und Selbstdifferenz zur westlichen Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
IX.1.
Bürgerliches Philosophieren und die Krisen der Moderne . . . . . . .
95
IX.2.
Systemvergleich und Politikwissenschaft im Kalten Krieg . . . . . . .
97
IX.3.
Gesellschaftstheorie im Wandel der Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
IX.4.
Das Eigenprofil der Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
7
8
Inhalt
IX.5.
Bibliographie der wichtigsten Monographien . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reinhard Mocek . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hans-Martin Gerlach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Günter Schenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dieter Pasemann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
103 104 105 105 105
X. Spätaufklärung und Öffentlichkeit: Forschungsbericht von Wolfgang Albrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 XI. Summe zwischen Ost und West – Durchblicke aus dem Links Verlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 XI.1.
Einleitung: Kooperation im Zeichen der Nachwendezeit . . . . . . . . 109
XI.2.
Perspektivvielfalt: Außen- und Innensichten auf die DDR-Philosophie . . . . . . . . . . . . 109
XI.3.
Zwischen Illusion und Desillusionierung: Die mittlere Phase der DDR-Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
XI.4.
Ausgänge der DDR-Philosophie: Perspektivenwechsel und Rückblicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
XI.5.
Wissenschaft und Ideologie: Institution und Dissidenz . . . . . . . . . 113
XI.6.
Fallbeispiel Rudolf Bahro: Ausschluss und Wirkung . . . . . . . . . . . . 115
XII. Das Philosophie-Studium in der DDR – Strukturen der Studiengänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 XIII. Einzelne Orte und ihre Schwerpunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 XIII.1. Jena . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 XIII.2. Leipzig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 XIII.3. Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 XIII.4. Halle/Saale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 XIII.5. Greifswald und Rostock . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 XIV. Reinhard Kreckel: Beiträge im Zwielicht der Geschichte . . . . 133 XV. Texte aus der Wendezeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 XV.1. Thomas Dürst interviewt Gerd Irrlitz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
Inhalt
XV.2. Drei Beiträge aus der Wendezeit mit einer aktuellen Einleitung von Ursula Schippling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XV.2.1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XV.2.2. Zur Stellung arbeitssoziologischer Überlegungen im Gesamtwerk Max Webers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XV.2.3. Über den Geist des «realen Sozialismus» oder auch eine «Entzauberung der Welt»? . . . . . . . . . . . . . . . . . XV.2.4 Beitrag zur Aufarbeitung des Workshops «Wissenschaftskooperation» Bonn im Mai ’90 vom Institut für Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – zur zukünftigen Entwicklung des halleschen Instituts für Soziologie . . . . . . . . . . . . . . . . .
155 155 165 173
196
XVI. Originaltexte hallescher Professoren aus der Zeit der DDR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 XVI.1. Reinhard Mocek und sein Denken über autopoietische Systeme . . . 209 XVI.2. Hans-Martin Gerlach und die hallesche Konzeption, die spätbürgerliche Philosophie in ihren wesentlichen Aspekten zu erfassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 XVI.3. Günter Schenks Ausarbeitungen zu David Humes Beiträgen in der Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 XVI.4. Dieter Pasemann und die Autonomie der Philosophie . . . . . . . . . . 245 XVII. Originaltexte: Inhaltsverzeichnisse der beiden Reihen Arbeitsblätter zur Wissenschaftsgeschichte und Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Philosophie und Gesellschaftstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
9
Prolegomena
Der Phänomenzusammenhang der DDR-Philosophie liegt bis heute weitgehend im Verborgenen – in seiner Tiefengrammatik völlig im Dunkeln. Die Bücher und Publikationen stehen noch in den Bibliotheken, doch das schlechte Papier zerfällt, die Zeitzeugen sterben – auch während der Entstehung dieses Buches – und es bedarf dringend einer Aufarbeitung und bewahrender und weiterdenkender Handlungen, um diese unter dem kommunistischen Regime entstandene Philosophie ans Licht der öffentlichen Wahrnehmung zu bringen. Es ist in keinster Weise unser Anliegen, kommunistisches Gedankengut unter dem Deckmantel der Philosophie wieder ‹salonfähig› zu machen, schon gar nicht, was ideologisch war – und dies gab es auch – zu retten. Vielmehr wollen wir zeigen, wie besondere WissenschaftlerInnen an der Grenze der Zensur geforscht haben, welche Leistungen sie in ihren Disziplinen, zumal der Philosophie, vollbracht haben, Leistungen, die vollkommen unbekannt und bis heute unaufgearbeitet sind. Es ist ein Unrecht, dass diese Arbeiten tabuisiert wurden, anstatt aufgearbeitet und zur kritischen Debatte gestellt zu werden. Die schlichtweg radikale Ausgrenzung aus dem wissenschaftlichen Diskurs seit 1989/90 zeigt das Gefühl des politischen Bedrohtseins des Westens gegenüber dieser Schaffenskraft unter brachial erschwerten Bedingungen auf. Nur wenige Bücher über diese Zeit besprechen überhaupt die Texte und verfahren dann, wenn sie es tun, äußerst kritisch mit ihnen und gehen dabei kaum detailliert auf die Forschungsleistung und die Argumentationsstrukturen ein. Dies wird jedoch den philosophischen Arbeitsleistungen in keinerlei Weise gerecht. Hierbei ist es auch entscheidend, diese Aufarbeitung nicht als eine «Jammer-Ossi-Aktion» zu begreifen, sondern enorm wichtige Zeitzeugnisse aufzuarbeiten, die gerade dem nicht nur materiellen Verfall ausgesetzt sind. Ebenso wenig erschließt sich die Problematik einem soziologisch statischen Zugriff, wie ihn jüngst Steffen Mau anlegte, unter dem Titel Ungleich vereint.1 Tatsächlich handelt es sich um eine Neuschreibung von Geschichte, setzt man sich wirklich intensiv mit diesen historisch gewordenen Texten auseinander. Denn es liegen eben gerade nicht Arbeiten vor, die vom kommunistischen Gedankengut nur so ‹durchtränkt› sind und die man aus diesen Gründen als belanglos ansehen und dann vergessen kann. Es liegen vielmehr komplexe, vielschichtige Texte vor. Allein mit dem fo1
Steffen Mau, Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt. Berlin: Suhrkamp 2024.
12
Prolegomena
kussierenden Blick auf Halle/Saale wird eine bedeutende Forschungstätigkeit sichtbar, die aus heutiger Sicht aktueller nicht sein könnte. Die Forschung erfolgte durchgängig sowohl interdisziplinär als auch in ihren Möglichkeiten interkulturell. Beide Perspektiven, aus Ost und West, wurden schon in der DDR berücksichtigt und wahrgenommen. Habermas und Luhmann wurden wie Stars behandelt, als sie sich Ende der achtziger Jahre in die DDR wagten. Das Interesse an ihrem Werk hätte größer nicht sein können. Halle ist von entscheidender Bedeutung, da gerade dort mithilfe eines cleveren Tricks der Zugang zu westlicher Literatur ermöglicht wurde, der sonst verschlossen geblieben wäre. Der philosophische Fachbereich im Halle der DDR konzentrierte sich unter anderem auf die Abfassungen von Kritiken zu aktueller westdeutscher und ausländischer Philosophie und Wissenschaft. Bücher, die sonst nicht zugänglich gewesen wären, die im sogenannten «Giftschrank» begraben geblieben wären, wurden von westlichen Verlagen als Rezensionsexemplare angefordert. Hierbei wurde auf Flugblättern eine kleine Kritik verfasst und verteilt, das jeweilige Rezensionsexemplar in den Stand der Bibliothek aufgenommen, sodass die ‹verbotene› Literatur nun jeder Interessierte einsehen konnte. Liest man die Artikel, so ist ganz eindeutig zu sehen, dass sehr viele Schriften im Grunde keine ideologische Verfärbung aufweisen. Ein zum Inhalt passendes Zitat von Karl Marx oder Friedrich Engels findet sich häufig am Anfang und/oder auch am Ende des Textes und zeigt die Rahmung, die vom Regime verlangt wurde. Es steht meist etwas abseits von der eigentlichen Forschung und ist sozusagen als ‹kommunistischer Deckel› zu verstehen, unter dem dann hochwertige Philosophie ohne jegliche Huldigung gegenüber der Ideologie betrieben werden konnte. Deutlich sichtbar wirkt die eigentliche Philosophie getrennt von dem marxistischen Zitat, das auf die politischen Umstände hinweist. Nur weil Menschen unter ideologischen Bedingungen geforscht haben, bedeutet dies nicht, dass sie nun allesamt ausschließlich kommunistisch ‹verblendet› gewesen wären und es letztendlich keine philosophische Forschung und nur ideologisches Gedankengut gegeben hätte. Das Gegenteil ist der Fall! An den Texten ist deutlich zu sehen, wie geschickt sich immer wieder an die Grenzen der Zensur herangewagt wurde bzw. die Grenzen der Zensur auch überschritten wurden, wie kritisch reflexiv und aktuell viele dieser Texte sind. Die heutige Geschichtsschreibung ignoriert und verdrängt diese vielfältigen Phänomene, sie schreibt sogar die Geschichte um. Beim Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) ist dies nur allzu deutlich zu sehen: Hier werden die Gründung des IZEA in der DDR und die noch innerhalb der DDR entstandenen interdisziplinären Kongressbände zum Thema Aufklärung vollkommen ignoriert. Die Gründung des IZEA wird fälschlicherweise anderen, etwa dem langjährigen Direktor der Wolfenbütteler Bibliothek Paul Raabe, zugeschrieben. Er war lediglich zu Gast am halleschen IZEA, als dieses schon einige Jahre bestand, und später Direktor der Franckeschen Stiftungen.
Prolegomena
Wir wollen auf gar keinen Fall den Kommunismus wieder aufleben lassen! Der Skandal liegt jedoch teils in der Verdrängung, teils in der Verkehrung der Zeitzeugnisse, die diese wissenschaftlichen Arbeiten darstellen, er liegt in der Ignoranz, die vielleicht aus Unwissenheit oder Desinteresse resultiert, vielleicht auch aufgrund der bewussten Tabuisierung eines anderen politischen Systems aus dem Gefühl einer Bedrohung heraus entstanden ist, weil das Wissen um geschehene Ungerechtigkeiten innerhalb der Wendezeit immer noch vorhanden ist und man an Traumata besser nicht ‹rührt›. Und auch hier lässt sich nicht von ‹Gut› auf der einen Seite und ‹Böse› auf der anderen Seite sprechen. Dies ist gleichsam ein Gnostizismus. Eine Trennung in Schwarz oder Weiß wäre viel zu klischeehaft und oberflächlich gedacht. Die Wendezeit war die Zeit eines rechtsfreien Raums, in dem viele Ungerechtigkeiten geschehen sind, die so nicht hätten geschehen dürfen, doch diese Ungerechtigkeiten gingen nicht von einem Teil Deutschlands aus, sondern von Einzelpersonen, egal ob Ost oder West. Es sind individuelle Schicksale, die im Einzelnen besprochen werden müssen und eben nicht totgeschwiegen oder tabuisiert werden dürfen. Wir wollen im Sinne der Frankfurter Schule und Theodor W. Adornos zu einer ‹Aufarbeitung der Vergangenheit› aufrufen, bevor es zu spät ist und die wichtigen Dokumente aus dieser Zeit zerfallen sind, die letzten lebenden ZeitzeugInnen nicht mehr Rechenschaft ablegen können. Wir wollen aufzeigen, dass es unter dem kommunistischen Regime eine enorm bedeutende, hochaktuelle philosophische Forschung gab, die in den öffentlichen Diskurs zurückgeholt werden muss, denn es ist nur allzu deutlich zu sehen, dass es sich hierbei um einen verdrängten Diskurs im Sinne Foucaults handelt, der überhaupt gar nicht erst zur Sprache finden darf in unserer Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts, der totgeschwiegen wird und somit letztendlich nicht existiert, nicht existieren darf. Es geht um Grundphänomene von Inklusion bzw. Exklusion. Denn seit Foucault wissen wir, dass ein solch unterdrückter Diskurs abseits des herrschenden Diskurses steht, von diesem abgewertet wird und überhaupt gar nicht erst zur Sprache finden darf. Wir haben es hier mit der Unterdrückung einer entscheidenden, oft vollkommen ideologiefreien philosophischen Forschung zu tun, die aufgrund ihres kommunistischen Stempels ins Dunkel zurückgedrängt wurde, nicht da sein durfte. Eine solche Verdrängung verdunkelt und vereinseitigt auch die Wahrnehmung der gegenläufigen Gesellschaft, die sich allzu lang als ‹Siegerin› verstand. Sie machte sich nicht die Mühe, im Einzelnen zu analysieren, ob und wie viel Ideologie in dieser Forschung wirklich vorhanden sei und wie viel wichtiges philosophisches Gedankengut es dringend zu bewahren gelte. Gerade diese Verdrängung ist selbst ein Akt von Gegenaufklärung und ein enormer Skandal. Eine Aufarbeitung erscheint als notwendiger denn je. Wir können diese nicht im Gesamten leisten. Wir können jedoch dazu auffordern und hierfür Anregungen geben und Quellen bereitstellen.
13
14
Prolegomena
Es gab in Halle in der Wendezeit Phänomene, die im Grunde einer Bücherverbrennung gleichen. Jedoch waren es nicht die ‹bösen Wessis› – allein in solchen Kategorien zu denken, erscheint absurd –, die die ostdeutsche Literatur einfach auf den Müll warfen, es waren Ostdeutsche selber, die so sehr gebrochen vom Vorwurf der Ideologie ihre eigene Kultur zerstörten. Ganze Bibliotheken landeten auf der Müllkippe. Peter Sodann, der bekannte Theaterintendant aus Halle, versuchte die ostdeutsche Literatur zu retten und gründete eine eigene Bibliothek mit Büchern aus der Zeit der DDR, die er vor der Vernichtung bewahren konnte. Und selbst wenn es sich im Einzelnen sogar teilweise um ideologisch verfärbte Bücher handelte, wäre es nicht viel entscheidender, diese als historische Zeitzeugnisse kritisch zu behandeln, anstatt sie wegzuwerfen? Die meiste Literatur war jedoch keineswegs ideologisch verfärbt. Eine ganze Bibliothek wurde im Landwirtschaftlichen Institut einfach auf den Müll geworfen und dies war kein Einzelfall. Was ist an Übersetzungen von literarischen Texten aus dem Ausland ideologisch? Doch landeten auch diese Texte auf dem Müll. Wir müssen uns dringend mit jenem dunklen Fleck in der deutschen Geschichte auseinandersetzen und die Zeitzeugnisse erhalten, die wir noch erhalten können. Wir plädieren also für eine historisch kritische Aufarbeitung der DDR-Philosophie und gegen jegliche Tabuisierung sowie Vernichtung von historischen Zeugnissen!
I. Philosophische und historische Ausgangslagen: Einleitung in den halleschen Kontext
I.1. «Wendezeiten» – doch wohin? Der in Leipzig lehrende Germanistikprofessor Dirk Oschmann eröffnete mit seinem Bestseller Der Osten – eine westdeutsche Erfindung2 die Debatte über die Asymmetrien zwischen Ost- und Westdeutschland dreißig Jahre nach dem Vereinigungsprozess neu. Jahrzehntelang Verdrängtes kam, wie es tiefenpsychologisch oft der Fall ist, wieder ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung. Die Dekonstruktion eines vermeintlichen Wesens der ostdeutschen Mentalität war überfällig. Diese Prägungen wurden bis in die Trivial- und Popkultur hinein immer wieder bemüht; vermeintlich abwesende Spielmacherqualitäten von Michael Ballack wurden um die Weltmeisterschaft 2006 auf diese Mentalität zurückgeführt, das angeblich fehlende demokratische Wahlverhalten bis in die Gegenwart ebenso (entweder seien die «Ossis» Nazis oder Kommunisten, dazwischen gebe es nichts).3 Es ist eine eigene verspätete Revolution, um die es hier geht.4 Habermas sprach von der «nachholenden Revolution» in einer gewissen Analogie zu Plessners Rede von Deutschland als der «verspäteten Nation».5 Die Überblendung und Nicht-zur-Kenntnisnahme gegenüber denjenigen, die bereits in der DDR tätig waren und nach der sogenannten Wende ‹abgewickelt› wurden, oder gegenüber jenen, die im Ostteil Deutschlands aufgewachsen und, wie Oschmann selbst, in der DDR ihr Studium begonnen haben und somit in beiden Systemen gelebt haben, ist einer der Anlässe zu diesem Buch. 2 Dirk Oschmann, Der Osten – eine westdeutsche Erfindung. Berlin: Ullstein 2023. Vgl. Mau, Ungleich vereint, S. 54 ff. 3 Vgl. MDR aktuell, Mathias Döpfner und sein Bild von den Ossis (14. 04. 2023), https:// ardaudiothek.de/episode/urn:ard:publication:1baee4751c6a4f3a/ (abgerufen am 19. 07. 2025). 4 Jürgen Habermas, Die Normalität einer Berliner Republik. Kleine politische Schriften VIII. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995; im Hintergrund Helmuth Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. 5. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994. Dazu Hermann Lübbe, «Verspätete Nation». Überraschende Ergebnisse einer Pflichtlektüre. In: Zeitschrift für Ideengeschichte. Heft VII/2 (Sommer 2013), S. 83–102. 5 Helmuth Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. Stuttgart: 1959, erstmals Zürich 1935 unter dem Titel «Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche».
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I. Philosophische und historische Ausgangslagen: Einleitung in den halleschen Kontext
Oschmanns Buch stand viele Wochen auf der Bestsellerliste des SPIEGEL, Lesungen und Vorträge dieses Gelehrten klassischen Zuschnitts wurden wie Auftritte eines Popstars frequentiert – allerdings primär im Ostteil Deutschlands.6 Der Komplex der DDR-Philosophie reicht weit über den gedanklichen Bogen des Marxismus-Leninismus und methodisch auch über die Spannweite des sogenannten dialektischen bzw. historischen Materialismus hinaus. Jene Methodologie, die in den sechziger und siebziger Jahren auch im Westen zeitweise sehr deutlich rezipiert wurde, ist bislang, zumal seit dem Ende der DDR, nicht in ein philosophisch kritisches Gespräch gebracht worden. Allein ihre geographische und historische Herkunft reichte aus, sie zu diskreditieren. Mehr noch: Es fehlen Anamnesis und Erinnerung. Nach der Wende wurde eher der Eindruck einer Konfrontation der ‹Sieger› und der ‹Besiegten› der Geschichte erzeugt, und das sogar bewusst. Dass im Osten Deutschlands nach 1989 vermehrt akademische Stellen bis zum C4Lehrstuhl entstanden, machte die gewonnenen Positionen primär zu Pfründen westlicher PrivatdozentInnen und akademischer Fakultäten. Auf diese Weise entsteht auch aus dem Rückblick der Eindruck von Koloniebildungen. Erstberufungen auf ostdeutsche Professuren wurden als Karrieresprungbretter oder als Parkstationen für auslaufende Karrieren benutzt. Im Westen übliche zeitliche Berufungsobergrenzen konnten problemlos überschritten werden. Auf diese Weise wurde «die neue Unübersichtlichkeit» der Philosophie des späten 20. Jahrhunderts7 auf Grundströmungen reduziert. Zudem wurde die Festlegung von Biographien von NachwuchswissenschaftlerInnen primär auf die Zugehörigkeit zu bestimmten, aus dem Westen bekannten Schulen verstärkt. Die westliche Prägung verdrängte die DDR-Philosophie. Individuell erbrachte Leistungen oder Potentiale wurden noch weniger in Betracht gezogen, wie es ohnedies im Berufungs(un) wesen der Bundesrepublik längst gängig war und leider heute noch der Fall ist. Die Entwicklung in der ehemaligen DDR wirkt hier wie ein Brennglas, das auch die gesamte geistes- und sozialwissenschaftliche Praxis des geeinten Deutschlands sichtbar werden lässt. Augenfällig kommt der hermeneutischen Schule Hans-Georg Gadamers eine Schlüsselbedeutung zu, ebenso einer München-Heidelberger Schule, für die Dieter Henrich exemplarisch steht, sodann in geringerem Ausmaß der Berliner Schule Michael Theunissens und in gewissem Sinn den Einflüssen der analytisch-philosophischen Prägung durch Ernst Tugendhat. Eine deutlich geringere Rolle bei der Normalverteilung spielten die Kritische Theorie Frankfurter Provenienz und die subtilere Prägung durch Wolfgang Wieland. Die Möglichkeit, in den östlichen Bundesländern nach der Wiedervereinigung eine neue Wissenschaftskultur zu etablieren, wurde von Anfang an durch 6 Oschmann selbst stammt aus einer Arbeiterfamilie aus Gotha und der Schriftsteller Ingo Schulze riet ihm dazu, einen FAZ-Artikel zu einer Monographie auszuarbeiten. 7 Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985.