KRISTINA SCHIPPLING / HARALD SEUBERT
Bewusstseinssprung. Im Raum von Selbst und Welt Ein Dialog über Wahrnehmung und Gegenwärtigkeit
REFLEXE
Schwabe reflexe
Band 76
Kristina Schippling / Harald Seubert
Bewusstseinssprung. Im Raum von Selbst und Welt Ein Dialog über Wahrnehmung und Gegenwärtigkeit
Schwabe Verlag
Die Publikation wurde aus Forschungsmitteln des Lehrstuhls für Philosophie und Religionswissenschaften der STH Basel gefördert.
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«Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt. Doch jeder Schlummernde wendet sich nur an seine eigene.» Heraklit
Inhalt
Präludium (Vorwort) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Zeit und Ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Bewusstsein versus/und Verstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Körper und Leib . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Tod und Angst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Epoché und Innehalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Die Autorin und der Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
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Angelus Novus nach Paul Klee, Installation der Fachoberschule Neumarkt 11FT1/2 unter Anleitung von Dirk von Hof, 2006, St. Egidien Nürnberg, Fotografie: Kristina Schippling. Abbildung:
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Präludium (Vorwort)
KS Die Philosophie beginnt, wenn der Mensch aus seinem Alltagsleben herausgerissen wird und sein Leiden in die Tiefe führt, in die gedankliche Tiefe, wenn der Wunsch entsteht, sich eine andere Welt zu erschaffen, jemand anderer zu werden. Die Philosophie beginnt aber auch, wenn der Mensch wieder zu einem Kind wird, das Staunen über die Welt, das Innehalten und Gewahrwerden der Schönheit und Vielfalt der Formen Raum einnimmt, das Alltägliche verschwindet und Fragen entstehen. Auch in der Pandemie ist die Alltäglichkeit verschwunden, jedoch aus anderen Gründen. Dafür hat das Philosophieren über die Welt im Ausnahmezustand zugenommen. Vielleicht sind wir inzwischen in das stille Auge des Orkans geraten, denn der Sturm der Zeit, der nach Walter Benjamin «vom Paradiese her» weht und sich in den Flügeln des «Engels der Geschichte» verfängt – dem Angelus Novus von Paul Klee – treibt den Engel gerade einmal nicht in die unaufhaltsame Zukunft, sondern hat ihn in einen ungekannten Stillstand gezwungen.1 HS «Dialektik im Stillstand» nannte Benjamin jene Perspektive. Sie kann das unendlich weiter progredierende Fortschrittsrad anhalten: Es wird damit gleichsam stillgestellt, sodass für das Subjekt eine Brechung eintritt und es von der Außenwelt in die Codierungen seines Inneren umspringt. Die Erfahrung kann damit in einer ungekannten Weise ausgelotet werden und
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zur Sprache kommen, wie in glühenden Punkten der Tiefen, die im Lebendigen sich erschließen. So ist dieses Buch unter anderem auch ein Kind der Corona-Situation. Die Pandemielage hat unvermittelt und plötzlich die lebensweltlichen Zustände und Prioritäten in einer unerwartbaren und drastischen Weise verändert. Was die auf Edmund Husserl zurückgehende Phänomenologie mit dem Begriff der Epoché – des Innehaltens – bezeichnete, ereignet sich unmittelbar, erfahrungshaft, in vielfachen Facetten und unübersehbar. Der jähe Rückgang des dauerbeschleunigten Lebens, des rasenden Stillstands im frühen 21. Jahrhundert, verdammte buchstäblich zur vergessenen Lebensform der Kontemplation. Was diese erzwungene Ruhe hervorbringt, ist höchst zweischneidig: Es kann die Depressivität einer unaufhebbaren dunklen Sinnleere freigesetzt werden oder aber die Suche nach dem vollen, aus der Ruhe hervorgehenden Leben und seinem Glück. Neuzeit und Moderne haben sich von solchen Lebensdimensionen verabschiedet. Für die antike Philosophie waren sie mehr oder weniger der Inbegriff des Lebensziels. Dieses Lebensziel fassten antike Philosophen aller Richtungen unter dem Titel der Eudaimonia zusammen (Aristoteles), die immer eine unvollendete Entelechie ist, Entelecheia ateles: Dem im Ziel sein meiner selbst, auch wenn dieses Ziel noch nicht im vollständigen Sinn erreicht und vielleicht nie erreichbar ist.2 Die rationalistische Reduktion von Leib und Selbstsein auf die Funktion des L’homme machine, mit der Trennung von Res cogitans und Res extensa ist eine Conditio sine qua non des aufklärerischen Fortschritts, der seinen Schatten nach sich zieht. Dass diese Natur- und Lebensverbannung gegen sich selbst zurückschlägt und der Naturbann zuschlägt, sodass eine Verrohung und ein Rückfall in barbarische Regression eintreten, kann man seit Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung wissen. 10
KS Die Funktionalisierung des Körpers – des Corpus –, seine perspektivische Verengung auf Nutzen und Leistung, hat das gesellschaftliche Miteinander nicht nur längst durchdrungen, sondern es hat die Lebendigkeit des Leibes fast verschwinden lassen. So kann mit Horkheimer und Adorno gesagt werden, dass hier den Dingen durch ihre logozentristische Systematisierung und sprachliche Verkürzung Gewalt angetan wird, indem die Wahrnehmung von etwas durch das Einnehmen einer sprachlichen Perspektive nur bestimmte Merkmale ins Licht rückt, hingegen andere Aspekte, die nicht in das Begriffliche passen, vernachlässigt werden. In dem Sinne wird bei der Wahrnehmung eines Corpus nicht sprachlich zwischen lebendig oder leblos unterschieden. Nicht ohne Grund wird das Wort «Leib» kaum noch gebraucht, hat es doch seine etymologische Wurzel im althochdeutschen Wort «līblīh», das «lebend, lebendig» bedeutet. HS Im Mittelhochdeutschen bilden «Leib» und «Leichnam» Synonyme, was darauf schließen lässt, dass auch der Leib, der einmal lebendig war, noch von der Spur dieses Lebens durchzogen ist und darin Achtung und Gedächtnis verdient. Es ist klar, dass dies den ökonomischen Kalkülen zuwiderläuft. Sie haben für diese umfassende Lebendigkeit schlichtweg kein Sensorium und setzen sich darüber hinweg. Nicht grundlos sprach der bekannte Ökonom Schumpeter von der «produktiven Zerstörung». Dies wird umso flächendeckender, je mehr auch die akademischen Disziplinen und selbst das Denken der Marktlogik von Inputs und Outputs entsprechen. KS Und nicht nur im Mittelhochdeutschen, auch Homer hat den Begriff «Soma» für den Leichnam verwendet, worauf das online zugängliche Historische Wörterbuch der Philosophie vom Schwabe Verlag hinweist.3 Also auch in der griechischen Antike 11
waren der tote und lebendige Leib ein und derselbe Begriff. Besonders widersprüchlich erscheint die Bedeutung des mittelhochdeutschen Wortes «lîp», da es nicht nur Leib sondern auch Leben bedeuten kann. Der Tod gehört also eindeutig in der Antike wie im Mittelalter zum Leben und wird erst viel später tabuisiert. Sehr schön hat diese Tabuisierung Foucault ausgearbeitet, wenn er die Verbannung der Friedhöfe vom Zentrum der Städte an die Stadtgrenze oder darüber hinaus beschreibt: «Bis Ende des 18. Jahrhunderts lag der Friedhof mitten in der Stadt, gleich neben der Kirche. […] andererseits begann man erst im 19. Jahrhundert, die Friedhöfe an den Stadtrand zu verlegen.»4 Du beschreibst es sehr genau: Im toten Leib war vor einigen hundert Jahren auch immer eine Spur des lebendigen Leibes noch enthalten. Deshalb gab es auch in der Sprache nicht den Widerspruch, den wir heute darin zu sehen vermögen. Tod und Leben waren in diesen Zeiten noch keine Gegensätze. Ich würde sogar noch weitergehen: Andere Kulturen, die noch stärker im Einklang mit der Natur gelebt haben, sahen nicht nur im Toten, sondern in nahezu allem das Leben, nahmen unbelebte Gegenstände als beseelt wahr, während in unserer Zeit auch das Belebte noch verobjektiviert wird: Ob es die Tiere sind, die juristisch zum Besitz gehören und denen das Leben abgesprochen wird, oder ob es die Frauen sind, die in der patriarchalen Perspektive nur zum Lustobjekt verkürzt werden und deren gesellschaftliche Rollen regelrecht funktionalisiert werden – zur Hausfrau, die Zwecke der Kindererziehung und der Hausarbeit erfüllt, oder zu Prostituierten, die zur erotischen Befriedigung dient – da ließen sich viele Beispiele nennen, wo das Lebendige nur auf den Nutzen reduziert wird. An den Beispielen ist die Gewalt eines solchen Denkens, das nahezu alles verobjektiviert und auf seine Funktion verkürzt, sehr leicht zu erfassen.
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HS Was Du zu «lîp», Leib und der Wortgleichheit zu «Leichnam» sagst, zeigt doch exemplarisch, wie der Zusammenhang gesehen und empfunden wurde. Man kann dies auch an der Benennung des eucharistischen Festes der katholischen Kirche sehen: «Fronleichnam», «vrône lîchnam», der Leib des Herren, als Anteil an seiner sakramentalen Präsenz, der jubelnden Überwindung einer Endgültigkeit des Todes. Es ist zwar immer gefährlich, sprachlichen Wurzeln und Etymologien eine unmittelbar systematische Bedeutung zuzuweisen, und der späte Heidegger hat es damit gewiss übertrieben. Dennoch sind Sprachansichten Weltansichten,5 zeigt sich doch in der Formierung durch Sprache auch ein elementarer Zugang zur Seinsund Weltdeutung. Der frühe Nietzsche, der für die Sprachkraft diesseits der gefrorenen Begrifflichkeiten ein besonders feines Sensorium hatte und der Metapher und Metonymie als erschließende Kräfte der Sprache versteht, zitiert einmal den frühgriechischen Dichter Pheredykes: «Das Lebendige ist nur eine Art des Toten – und zwar eine sehr seltene Art».6 Wenn man es so nimmt, gewinnt die Fortsetzung einer Urpräsenz, die Integration des vermeintlich Toten in der bleibenden Gegenwart, ihre Bedeutung zurück. Dies zeigt sich nicht nur in den alteuropäischen Stadtarchitekturen und ihrer Raumerschließung, von denen Foucault spricht, und der ostentativen Zugehörigkeit der Dinge zur Lebenswelt, sondern auch im Umgang mit dem eigenen Ich und Selbst. Animistische Frühkulturen kennen neben dem Bewusstseins-Ego auch ein un- und vorbewusstes Traum-Ego, ein anderes Selbst gleichsam, eine erweiterte Persona, in welche die Vergangenheit und die Ahnen Eingang finden. Die Persona, die Maske und zugleich äußere Formgebung des Selbsts, reicht weiter als der schmale Punkt des Ego cogito. Sehr aufschlussreich finde ich dazu Hugo von Hofmannsthals Terzinen über Vergänglichkeit: Er spricht davon, wie das eigene 13
Ich «durch nichts gehemmt», zerfließt, unheimlich stumm und fremd. Dann aber weitet sich die Selbsterfahrung auf die Vorfahren und auf eine Art kollektives Unbewusstes: «Auch dass ich schon vor hundert Jahren war […]»7. KS Ja, die Sprachkraft ist nicht zu unterschätzen. Das eucharistische Fest zur Vergegenwärtigung des Kreuzopfers Jesu enthält in seiner sprachlichen Form nicht etwa eine Anspielung auf Tod und Opfer, sondern auf eine Danksagung. Die Eucharistie, aus dem Griechischen «eucharistéo» («ich sage Dank»), ist meines Erachtens in ihrer sprachlichen Form hervorzuheben. Diese Bedeutung hat sich in der katholischen Kirche ein wenig verloren, taucht jedoch im heutigen spirituellen Trend wieder in der Rückbesinnung auf ein altes hawaiianisches Heilritual, das Hoʻoponopono, auf. Im zentralen Gebet des Rituals werden die vier Sätze «Es tut mir leid! Bitte verzeih mir! Danke! Ich liebe Dich!» als Mantra angewandt und verweisen deutlich auf das Gefühl der Dankbarkeit, das auch in der Eucharistie, in der Wortbedeutung des Festes, angesprochen wird. HS Dies kann man auch in dem universalen, kosmologischen Bewusstsein der dem Buddhismus und Hinduismus gleichermaßen eigenen Mitleidsethik weiterverfolgen. «Tat-wam-âsi»: Das alles bist Du. Dieser Gedanke faszinierte mit guten Gründen Schopenhauer und Nietzsche. Und auch Guardini träumte von einem europäischen Buddhismus. Es wird dann tatsächlich eine existentielle Frage, wie transparent die Außenhaut gefasst wird, wie die Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich ihre definitive Bedeutung verlieren. In jedem Fall aber deutet sich auch an, dass die Cartesische strikte Trennung zwischen Subjekt und Objekt, ähnlich wie zwischen Ich und Du, künstlich, eben dem «plappernden» theoretischen Ich geschuldet ist. Sie kann aufge-
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brochen und überwunden werden. Die flutende phänomenologische Lebenswelt kennt sie so nicht. KS So hat der Mensch im verkürzten Kosten-Nutzen-Denken nicht nur den Dingen Gewalt angetan, sondern auch sich selbst berechenbar und gefügig gemacht, sich beschnitten und auf seine Funktionalität begrenzt. Betont unsere Gesellschaft vor allem das Tun gegenüber dem Sein, sind mit Corona neue Lebensbedingungen geschaffen worden, die das Tun zwangsweise zurückdrängen und das vergessene Sein plötzlich in den Vordergrund rücken. Die Pandemie hat das Funktionierenmüssen aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen, die ständige Betriebsamkeit, angehalten und mit diesem Stoppen den Menschen an sein eigentliches Wesen erinnert, das Sein plötzlich hervorgehoben. HS In der Rede vom «Leib» schwingt ungleich mehr mit als im dreidimensionalen biophysischen Corpus. Der Leib, griechisch «soma», ist kein Gegenstand im Raum, sondern die absolute Perspektive, von der aus der Raum sich im Ganzen aufspannt. So haben wir jeweils unverwechselbare Bezugssysteme. Der Raum wird im Ganzen leiblich erspürt, wobei die Sichtachsen der Augen in dieser Erschließung eine besonders wesentliche Rolle spielen. Diese perspektivische Abschattung ist so weitreichend, dass man sich, was Nicolaus Cusanus tat, vereinzelt aber auch Husserl, einen absoluten Blick imaginieren müsste, um verschiedene Perspektiven zusammenzusehen. Bei Cusanus ist das die «Visio absoluta», bei Husserl ist es der Grenzbegriff eines göttlichen Phänomenologen, der die verschiedenen Perspektiven gleichzeitig überschauen kann. Auch die Gegenstände im Raum erschließen sich immer aus einer jeweiligen Perspektive.
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Nicht zuletzt scheint mir, dass in der Rede vom «Leib» auch wie selbstverständlich alle zeitlichen und lebendigen Varianten dieses Leibes mitschwingen, also auch, ob dieser Leib jung ist oder alt, männlich oder weiblich. Und ebenso bezieht er sich unverwechselbar auf seinen Raum, aber auch auf andere Leiblichkeit. Husserl spricht hier von den Synkinesen, der Mitwahrnehmung von Bewegungen, die sich ähnlich vollziehen wie meine eigenen Bewegungen. Das ermöglicht die Identifizierung von Ähnlichkeiten. Doch im Ähnlichen sind zugleich alle Differenzen angelegt. In Variation zu Leibniz könnte man sagen, dass es niemals zwei leibliche Weisen des Existierens gibt, die einander gleich wären. Mit dem Innehalten kommt eine Frage wieder ins Spiel, die aus den Resonanzräumen des Nicht-Bewussten aufbricht, wenn sie nicht länger verdrängt wird: die Frage nach dem guten Leben und seinen Praktiken. Aus den akademischen Höhenkammlagen der Philosophie wurde dieser Fragekomplex zunehmend verbannt, obwohl er doch jedermann und jede Frau notwendigerweise interessiert und daher zum «Weltbegriff der Philosophie» gehört. Mit der Sinn- und Glücksfrage fehlt also etwas: das zentrale Motiv des menschlichen In-der-Welt-Seins. Es spielt sich zunächst in der Separierung von Innenwelt und Außenwelt ab. Durch die Cartesische Aufspaltung ist man gewohnt, diese Differenz als Subjekt-Objekt-Verhältnis zu verstehen. Doch ob diese Separierung in eine Res cogitans einerseits, und eine Res extensa andererseits stimmig ist, bleibt gerade zu fragen. Peter Handke gab einem seiner frühen experimentellen Texte mal den Titel Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt – das ist doch eine fast Husserlsche Perspektive! Der Gedanke, dass zwischen dem vermeintlichen Inneren und dem vermeintlichen Äußeren eine ständige Korrespondenz besteht, unsichtbare Membranen mit einem Fluidum des Wechsels, kommt der Prä16
senz des Vergangenen (Retention) und des Künftigen (Protention) im Husserlschen Bewusstseinsstrom sehr nahe. Sartre urteilte begeistert bei seiner ersten intensiven Husserl-Lektüre, nun sei alles «draußen»: «au-dehors»; anders als bei Marcel Proust, der die Suche nach der verlorenen Zeit ganz ins Innere verlegte.8 Ich meine, dass der Bewusstseinsstrom des modernen Romans gar nicht so weit von Husserl entfernt ist, wie man denken könnte. Wie überhaupt ästhetische Darstellungsformen in sehr schöner Weise diese Subjekt-Objekt-Trennung auflösen. Darin besteht Goethe zufolge das «offenbare Geheimnis», das Epirrhema «Was innen ist, ist außen».9 Muss man die Ignoranz hinnehmen oder kann sie ein legitimer Grund für den Versuch sein, die unbelehrbaren Fixierungen des Logozentrismus, von dem Derrida sprach, zu durchschauen und seine Gitter aufzubrechen? Damit nimmt das Denken Kurs auf die dynamische Selbstsorge des lebendigen Ichs. Wie man seit Michel Foucault weiß, schließt dies den «Gebrauch der Lüste» und den bewussten Umgang mit dem leiblichen Selbst mit ein. Was auf der akademischen Höhenkamm-Philosophie heute oft übersehen und als nicht satisfaktionsfähig abgetan wird, spielt aber in einer verbreiteten psychologischen oder psychagogischen Coaching-Literatur eine wichtige Rolle, die, wie es Nietzsche wohl ausgedrückt hätte, die Tiefe an der Oberfläche des im Leben zu Tage Liegenden sucht: Eine Philosophie des Vormittags, die deshalb Abgründe und Schmerzen heilen kann. Ob die Etikettierung als «Coaching» ideal ist, kann man allerdings fragen. Denn das Ratgeben und die Psychagogik verweisen letztlich ja auf die Selbstverantwortung der Einzelnen, auf ihren inneren Resonanzraum, und Ratgeben ist eine ganz wesentliche Angelegenheit, über die man nicht schlecht denken sollte.
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Wir meinen, dass man diese Zugänge nicht geringschätzen sollte. Gegenläufig zu einem Weltlos- und Sterilwerden der Philosophie wird diese Literatur und Lebensweisung, für die u. a. Eckhart Tolle (*1948) steht, zunehmend relevant. Bedenkenswert sind diese Ansätze auch, weil sie an keine spezifische Tradition oder Religion gebunden sind. Sie eröffnen eine unverkürzte Wahrnehmung der Phänomene, die allen Abstraktionen und Theorien vorausgeht. Deshalb besteht eine besondere Affinität zur phänomenologischen Philosophie und zur eidetischen Reduktion Edmund Husserls. Die Hintergründe und Perspektiven der Lebenswelt zu erwägen, kann in eine Dimension der Philosophie zurückführen, die wieder auf den Gassen «schreit». Dorthin gehört, wie wir meinen, philosophisches Denken: in den Disput von Rede und Gegenrede, in den leibhaftig und lebendig dramatischen Umkreis der sich Interessierenden! Damit driftet das Fragen keineswegs ins Vor- und Irrationale ab. Erfassbar wird das eigene Leben mit immer höherer Sinnklarheit. Dieses kleine Buch ist ein Gespräch, das schriftlich geführt wurde und mündlich weitergeht. Streckenweise mag es ein Pas de deux werden, zweistimmig gleichberechtigt und freundschaftlich geführt, aus unterschiedlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen, die auch zur Sprache kommen. Wir sprechen auch als Frau und Mann unserer Generationen, doch in einer Parrhesia, die die Rollen transparent macht. Es ist nicht Lehrdialog, platonisch-maieutischer Diskurs oder Interview. Wir wollen nicht gegeneinander recht behalten, sondern im gemeinsamen lebendigen und egolosen Denken das Phänomen des «Bewusstseinssprungs» genauer und tiefer erfassen. Wir hören aufeinander und bilden daran unser Denken weiter, und wir sind überzeugt, dass dieses hörende, symphilosophische Denken eine Conditio sine qua non für den möglichen Bewusstseinssprung ist und dass es heute viel zu wenig vorkommt. 18
Zeit und Ich
HS Zeit ist Gegenwart: Dies wird in der Philosophie immer wieder behauptet. Doch diese Aussage wirft viele Fragen auf. Henri Bergson beklagt etwa, dass die Dynamik der Zeit meist verkannt und verräumlicht werde.10 In eine ähnliche Richtung dachte Martin Heidegger, wenn er als Vulgarisierung des Zeitverständnisses die Unterscheidung von verschiedenen diskreten Jetzt-Punkten versteht. Heideggers weiterer Einwand: Wenn Zeit auf Gegenwart hin modelliert wird, überformt die metaphysische Fiktion des Ewigen, immer Seienden, die erfahrene und im Leben mitvollzogene Zeit. Das Ewige im griechischen Verständnis ist das «aei on»: das Immer- und Ewigsein der Ideen. Veränderung und Verwandlung kommen dabei nicht vor. Gegenwart ist nicht: Das war die markante Gegenposition, die Augustinus formulierte. Du erinnerst Dich. Er sagt es in Confessiones XI, seiner Abhandlung über die Zeit in seinem Erinnerungsbuch so: Wenn wir nicht gefragt werden, wissen wir, was die Zeit ist. Wenn wir gefragt werden, verliert sich dieses angenommene Wissen immer mehr. Denn die Gegenwart vergeht, löst sich buchstäblich ins Nichts auf und ist dann wie nie gewesen. Diese Nichts-Perspektive ruft immer wieder in der Denkgeschichte fast instinktiv einen Horror Vacui auf, wobei man fragen kann, ob dies so sein muss und ob es nicht ein Einleben ins Nichts geben kann, eine Einwilligung in Werden und Vergehen. Nietzsche bewegte sich, wenn ich es richtig sehe, 19
auch auf dieses Feld zu, wie auf ein Grund-Ethos: Der Geist der Rache und des Ressentiments sollte in der Bejahung der ewigen Wiederkehr überwunden werden. Aus einer Sphäre der Zukunft wird die Zeit herausgestoßen. In jedem Vorsatz, den ich habe, jedem Anfang oder Plan geschieht das. Augustins Beispiel: Ich habe den Vorsatz, eine Silbe zu sprechen, einen Ton zu singen. Doch kaum, dass der Plan realisiert und materialisiert wird, liegt der Akt schon in der Vergangenheit. Die Zeit ist in einem schwebenden Übergang aus der Zukunft des NochNicht in die Vergangenheit des Nicht-Mehr hinübergeglitten. Der performative Akt kann zwar noch erinnert werden. Aber seine Gegenwart ist nicht festzuhalten, niemals. Die «Suche nach der verlorenen Zeit» wäre dann noch viel mehr, als Marcel Proust in seinem monumentalen Romanwerk meinte: nämlich die Suche nach dem Sein der Zeit, der Gegenwart, die der «vulgäre Zeitbegriff» festschreibt. Schelling ist im Zusammenhang des Weges zur Chora, der unbegrenzten Materie und des reinen, gegenstandslosen Raumes, besonders interessant. Schon als Siebzehnjähriger interpretierte er den Platonischen Timaios. Damals fehlte ihm aber der Mut, wirklich in diese Anfangs-Erfahrung zu springen. Er legte Kantische Kategorien darüber, was nur eine Verfehlung sein konnte. Zunehmend aber sah er, anders als Fichte oder Hegel, die Grenzen der begrifflich-logischen Systemphilosophie. Das System wird vor der doppelten Erfahrung des göttlichen Lebens und der Abgründigkeit der Negativität aufgesprengt. Dabei ging Schelling davon aus, dass die Weltalter auf einem Zeitstrahl positioniert sind und dass jedem von ihnen ein eigener Modus des Erkennens entspricht, unverwechselbar und nicht vertauschbar. Ich meine, dass man darin durchaus eine Analogie zum Korrelationsapriori Husserls finden kann. Ein bestimmtes Noema ist nur für die ihm eigene Noesis zu20
gänglich. Schelling formuliert: «Das Vergangene wird gewusst, das Gewusste aber wird erzählt, das Gegenwärtige wird erkannt, das Zukünftige aber wird geahndet.»11 Der Vergangenheit also wird ein Wissen zugesprochen, das dabei nicht apriorisch rational ist, sondern aus Erfahrungen kommt, einem «kollektiven Unbewussten» könnte C. G. Jung sagen. Deshalb ist dieses Vergangene nur erzählend als eine Seelen- und Seinsgeschichte aufzuschlüsseln. Der Gegenwart ist das Erkennen wie in der Urimpression Husserls korreliert. Erkennen in der unmittelbaren Gegenwart ist aber ein Fühlen. Die «Urimpression» verlängert sich dann auch in die Zukunft in ein weit ausgreifendes Ahnen. Diese Zeit-Modalitäten sind nicht vertauschbar, sie sind aber weniger mathematische Determinanten als Fluss-Systeme. Sie zeigen an, dass die Seele selbst zeitlich-geschichtlich verfasst ist wie ein Strom, dessen Fluss von einer gegenwärtigen Einstiegsstelle zur Quelle und zum Mündungsdelta verfolgt werden kann. Schellings Bewusstseinsstrom verzweigt sich weiter und wird transparent bis auf die Grundmythologien der Völker und Kulturkreise, die letztlich der Chora wechselnde Formen geben. KS Hier ist auch auf die etymologische Bedeutung des Wortes «Seele» hinzuweisen, denn in ihr ist der Bezug zum Wasser schon enthalten: Semantisch wird die «Seele» vom gotischen Wort «See» – «saiwa» abgeleitet. Hinzu kommt das Suffix «lo»: «saiwa-lo» – «die vom See stammt». Das Wort entwickelt sich weiter aus dem gleichen Wortstamm im Althochdeutschen zu «seula», im Mittelhochdeutschen dann schließlich «sele». Auch das Englische «soul» geht auf den gleichen Wortstamm zurück. Die Seele stammt also vom See, vom Wasser, vom Fließen, wie die Herkunft des Wortes deutlich belegt. So kannten die alten Ägypter schon Gewässer und Feuermeere in ihren Jenseitsvor21
stellungen, im Germanischen kamen die Seelen der Ungeborenen aus Gewässern und die Seelen der Toten kehrten in eben diese wieder zurück. Und auch die griechische Mythologie stellte sich Flammenflüsse und natürlich den bekannten Styx vor, der, um die Unterwelt zu erreichen, überquert werden muss. Insofern ist die Vorstellung der Seele als eine Fließende oder zumindest die Assoziation des Jenseits mit Gewässern kulturübergreifend zu finden. HS Wo Gegenwart mit dem Gefühl verbunden ist, wird das Hier und Jetzt zum Schlüssel. Nicht nur die Analogie von Polis und Seele, die ja Platon schon aufstellte, sondern auch jene von Seele und Welt ist dabei leitend. Die Struktur der Welt-Alter ist zugleich die dynamische Grundform des Seelenstroms. Man könnte hier eine Analogie ziehen, die Schelling als Mythologe zumindest geahnt haben dürfte: In den altvedischen Texten, die bis 10.000 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung entstanden sein dürften, ist von einer Mittel-, einer Ober- und einer Untererde die Rede. Ins Zeitliche abgebildet, entspricht dies Schellings Welt-Vergangenheit, -Gegenwart und -Zukunft. Die sieben Ströme Indiens geben dem Hinduismus seinen Namen: Sie sind leitend für die Grundkonzeption der Anthropologie und des Denkens. Der menschliche Leib und seine organische Struktur werden als Fluss aufgefasst und auch Wahrheit ist ein Fließen, gerade keine propositionale Fixierung.12 Dieses Fließen geht jeweils vom Gegenwärtigen aus, es geht in die Vorgeschichte zurück: Zur unaufhebbaren Kraft und Dynamik des leiblich Chthonischen, und es bewegt sich weiter in eine geahnte Zukunft des transmentalen göttlichen Lebens («ananda»), wenn und sofern man dem Bewusstseinsstrom folgt.13 Elementar ist dabei auch, dass es eine tote, nur physikalistisch beschreibbare Materie nicht geben kann. Materie ist vielmehr die Mater: Mutter oder Amme des Werdens, die selbst 22
keine Form hat, in die sich aber verschiedene Formen einprägen. Materie und Geist bilden also eine Einheit. Die Konkretionen der Existenz brechen nicht erst mit Nietzsche und Kierkegaard, sondern bereits mit dem späten Schelling an, mit ihm beginnt also eine Phänomenologie der Moderne in ihrer Konkretion und dem Vorrang der Existenz vor essenziellen Zuschreibungen und Systemkonstruktionen. Denken wird dann zugleich vielsträngig, es kommt in die Nähe von Kunst und Mythologie. Und damit verbindet sich aber zugleich die Herauslösung aus einem begrifflichen Methodenmonismus, wie er in der Hegelschen Dialektik noch einmal mit großer Virtuosität verwendet wurde. Damit hängt aufs Engste zusammen, dass Schelling der als Fichte-Enthusiast begonnen und das Ich-Prinzip gefeiert hatte, sich zunehmend auf die Erschließungskraft der Mythologie und die tragische Erfahrung einließ. Die Tragödie – wir haben dies ja immer wieder berührt – vollzieht den Prozess, der vom absoluten Engpass, der Aporie der Verdunkelung durch Katharsis in eine befreiende Heilung führen kann. Dies war wohl das Kernstück der Eleusinischen Mysterien. Die antike Tragödie ließ es freilich so aussehen, als dass nur im finalen Leiden, im Untergang gelernt werden kann. Schellings fühlende Gegenwartsorientierung fragt, ähnlich wie Husserl, ob diese Notwendigkeit wirklich ausnahmslos sein muss. Dem wäre nachzugehen … KS Eckhart Tolle widmet dieser Vorstellung eines «Weges des Kreuzes» – des Weges der Erlösung durch die Erfahrung tiefsten Leidens – ein ganzes Kapitel. Er beschreibt, wie der Mensch durch unerträgliches Leid in die Form der völligen Annahme dessen, was ist, also der widerstandslosen Hingabe an die Gegenwart, ins Erwachen gezwungen werden kann: «Der Weg des Kreuzes, den du angesprochen hast, ist der alte Weg zur Erleuchtung und bis vor kurzem war es der Einzige. Aber weise 23
ihn nicht ab und unterschätze seine Wirksamkeit nicht. Er wirkt immer noch.»14 Die völlige Annahme von dem, was ist, muss jedoch nicht durch unerträglichen Leidensdruck erst vollzogen werden. Der Mensch kann auch schon jetzt die Gegenwart vollkommen annehmen und nicht mehr in den Widerstand gehen. Dies ist als ein innerer Seinszustand zu verstehen, natürlich ist jede/r dazu aufgefordert, seine Lebenssituation zu verändern oder Situationen verlassen zu können, sollte ihm oder ihr die Situation des Lebens missfallen. Es geht Eckhart Tolle jedoch nicht um eine spezifische Lebenssituation, sondern um das Erreichen eines inneren Zustands des Einswerdens mit dem, was gerade ist, des Stoppens der Gedanken und des Insich-Ruhens, unabhängig von den äußeren situativen Bedingungen. HS Zurück zu Schelling: Die System-Sprengung – hier beziehe ich mich auf den Film Systemsprenger von Nora Fingscheidt – bricht bei der Frage nach dem Wesen der menschlichen Freiheit und den ontologischen Abgründen auf15 ( und sie verdichtet sich in eine narrative Denkform der mental und intellektuell nicht fassbaren Grundbestimmungen menschlichen Seins. Die Narrativität führt zu einer Dynamik, die das «geheimnisvolle Wie der Dinge» (August Graf von Platen) aufdeckt, in einer nach vorn offenen Seelenlehre und Konzeption werdenden Wissens. Dies ist ein Wissen, das sich, wie Du immer wieder zu Recht betont hast, dem reflexiv denkenden Erfassen entzieht. Ich glaube, liebe Kristina, dass Schelling damit ein wirklicher Psychagoge auf dem Weg zum Bewusstseinssprung werden könnte, frei von Reduktionismen, im ahnenden Fühlen um die Tiefenstrukturen von Welt und Ich. Die Weltalter blieben freilich unvollendet und Teile der Manuskripte sind in den Bombardements auf die Münchner Staatsbibliothek Ende des Zweiten Weltkriegs verbrannt. 24