Schwabe reflexe
Band 71
Emil Angehrn
Zur Sprache kommen Von der Sprachlichkeit des Menschseins
Schwabe Verlag
Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Foto Basilisk AG Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Gestaltungskonzept: icona basel gmbH, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4372-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4373-9 DOI 10.24894/978-3-7965-4373-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Einleitung: Am Anfang war das Wort . . . . . . . . . . . . . .
9
1.
Das Wunder der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
2.
Die Sprache des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
3.
Die Sprache als Anfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
14
4.
Der Anfang der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18
5.
Hermeneutische Sprachreflexion . . . . . . . . . . . . . . . .
21
Das sprechende Tier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
25
1.
Die Differenz der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
25
2.
Verstehen und Selbstverständigung . . . . . . . . . . . . . .
34
3.
Leben, Sinn, Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
37
Zur Sprache kommen – die Genese der Sprachlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
1.
Sprachursprung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
2.
Spracherwerb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
46
3.
Vom Denken zum Sprechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
49
4.
Der Grund der Sprache im Leben . . . . . . . . . . . . . . .
55
5
Zur Sprache bringen – der Gebrauch der Sprache .
65
1.
Stufen und Formen des Sprechens . . . . . . . . . . . . . . .
65
2.
An der Grenze des Sprechens . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
80
Die Macht der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
89
1.
Konstitutive und schöpferische Kraft der Sprache . .
89
2.
Funktionen und Dimensionen der Sprache . . . . . . .
95
3.
Hermeneutische Phänomenologie der Sprache . . . . 106
Der Ursprung der Sprache im Anderen . . . . . . . . . . . . 113 1.
Die Herkunft des Sinns vom Anderen her . . . . . . . . 113
2.
Der Anfang des Sprechens im Anderen . . . . . . . . . . 118
3.
Das Antlitz des Anderen – Angesprochenwerden und Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Das Wort des Seins und die Rede des Menschen . . . 133 1.
Das Wahrsein des Wirklichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
2.
Zwischen dem Logos des Seins und der menschlichen Rede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Die Feier der Sprache und die Erhellung des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 1.
Das Rätsel der Sichtbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
2.
Das Wunder der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
3.
Das Hellwerden der Existenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
6
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
7
Einleitung: Am Anfang war das Wort
1. Das Wunder der Sprache «Dass jedes Ding einen Namen hat», ist die überwältigende Entdeckung, die Helen Keller (1880–1968) mit sieben Jahren macht. Davor hatte sie, die seit ihrem zweiten Lebensjahr aufgrund einer Hirnhautentzündung ihr Seh- und Hörvermögen verloren hatte und stumm geworden war, sich in begrenztem Ausmaß mittels Gesten mit Personen ihrer Umwelt verständigen können. Überwältigend ist das Erlebnis des Aufgehens des Sprachraums, nachdem ihre neue Lehrerin, Anne Sullivan, ihr mit den Zeichen eines Fingeralphabets die Wörter für bestimmte Gegenstände in die Hand buchstabiert hat und sie, nach wiederholtem Spüren, auf einmal anfängt, deren Bedeutung zu erfassen. Anne Sullivan beschreibt den bewegenden Moment dieser Entdeckung: [Die Lehrerin hatte Helen beim morgendlichen Waschen das Wort ‹Wasser› in die Hand buchstabiert und dies beim späteren Wasserschöpfen mit der Pumpe wiederholt.] «Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten, über ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort water zu verschiedenen Malen. Dann kauerte sie sich nieder, berührte die Erde und fragte nach dem Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um 9
und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte teacher in die Hand. […] Auf dem ganzen Rückweg war sie in höchstem Grade aufgeregt und erkundigte sich nach dem Namen jedes Gegenstands […] [Am nächsten Morgen:] Helen stand heute früh wie eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen, fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter Freude. […] Alles musste jetzt einen Namen haben. […] Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen und Pantomimen nicht mehr an.»1
Wie mit einem Schlag öffnet sich dem Kind eine neue Welt – nicht nur die Welt der Sprachzeichen, sondern die Wirklichkeit selbst, zu welcher die Zeichen den Zugang vermitteln und die sich im Medium der sprachlichen Benennung in einer gänzlich neuen, originären Weise offenbart. Das Wunder der Sprache liegt nicht allein im Verfügen über einen Code und Ausdrucksmodus, sondern ereignet sich in einem genuinen, unvergleichlichen Erkennen. Es ist ein Erkennen, in dem nicht nur ein neues Licht auf die Dinge fällt, sondern auch das Innere hell wird und die Züge des Kindes wie ‹von einem neuen Lichtschein verklärt› werden. Dieses Sich-Öffnen liegt jenem umwälzenden Erlebnis zugrunde, in dem mit einem Male geschieht, was sich in der normalen Entwicklung im Laufe eines langen Lernprozesses herausbildet. Worüber die normale Sprachpraxis als Selbstverständlichkeit verfügt, bricht hier in seiner NichtSelbstverständlichkeit, seiner absoluten Neuheit in das Leben ein. Indessen findet die Faszination, die sich in der Begeisterung des Kindes manifestiert, welches den Sinn der Worte entdeckt, nicht nur unter solchen herausgehobenen Bedingungen statt. Sie zeichnet ebenso den normalen Entwicklungsgang des Hineinwachsens in die Sprache aus. Sie äußert sich in der Neugier, in der Bewegtheit und im Enthusiasmus des Kindes,
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das seine Welt erkundet und sein Können erprobt, und sie hat ihren Spiegel im Erleben der Eltern und Begleitpersonen, welche das Erwachen eines neuen Lebens, das Entstehen einer neuen Welt und Anfangen einer neuen Geschichte mitvollziehen. Es gehört zu den tiefsten Erfahrungen in der Begegnung mit Kindern, den ersten Blick, das erste Lächeln zu sehen, in denen Neugeborene sich der Welt und anderen öffnen, und die vielfältigen Schritte zu erleben, in denen Kleinkinder stufenweise ihre natürliche und soziale Umwelt erobern, auf sie reagieren und sie prägen. In welcher Weise dieser fundamentale, das ganze menschliche Sein verwandelnde Prozess mit der Ausbildung der Sprachfähigkeit und dem Erwerb einer bestimmten Sprache zusammenhängt, bildet ein Herzstück der Fragen, mit denen sich die folgende Abhandlung auseinandersetzt. Das Wunder der Sprache, das aus der Innen- und Außenperspektive gleichermaßen erfahren wird, liegt als existentieller Grund dem Interesse an der begrifflichen Aufhellung des Phänomens der Sprache zugrunde.
2. Die Sprache des Menschen Die existentielle Erfahrung des Zur-Sprache-Kommens ist nicht nur ein hinzukommendes Thema einer theoretischen Verständigung über die menschliche Sprache. Sie bildet für diese einen innersten Kern, weil sie ein Innerstes im Menschsein ausmacht. Dass wir uns über die Sprache, über den kindlichen Spracherwerb und über die sprachliche Prägung und Durchdringung der Welt klar werden wollen, hat seinen tiefsten Grund darin, dass Sprache für die menschliche Existenz ein Fundament und Wesensgrund ist. Sprache ist dem Menschen unverzichtbar, sie ist ein konstitutives Element seiner Lebensform, wie sie umgekehrt ihre auszeichnende Kraft und Eigenart als Sprache des 11
Menschen, nicht als erweiterte Tiersprache oder Computersprache besitzt. Sie ist dem Leben der Menschen wesentlich und hat in ihm ihr Fundament. Die Verschränkung zwischen Sprache und Menschsein bedeutet, dass eine Verständigung über das, was den Menschen ausmacht und seine Existenz kennzeichnet, eine Verständigung über das Wesen und die existentielle Bedeutung der Sprache beinhaltet. Dies ist der Kern der traditionellen Definition des Menschen als sprechendes Lebewesen. Die Sprache ist nicht irgendein Vermögen neben anderen, das zum menschlichen Sein gehört. Sie ist ein Mittelpunkt, auf den alle Vermögen und Tätigkeiten des Menschen zurückweisen, aus dem heraus sie ihr Potential entfalten. Fast alles, was der Mensch ist und kann, vermag er durch die Sprache, und ohne Sprache ist er in seinem Innersten wie in seinen Äußerungen und Verwirklichungen grundlegend beschnitten. Die essentielle Verwiesenheit des Menschen auf die Sprache, der Sprache auf den Menschen kommt in der Formel des Zur-Sprache-Kommens zu prägnanter Artikulation. Die Formel umfasst eine aufschlussreiche zweifache Doppelperspektive, in der sich der Reichtum der Sprachlichkeit auseinanderlegt. Die eine liegt in der Rede vom Zur-SpracheKommen des Menschen und vom Zur-Sprache-Kommen der Welt. Schon im eingangs beschriebenen Erlebnis des erwachenden Bewusstseins ist die Doppelung anschaulich gegenwärtig. Die Begeisterung über die Entdeckung der Worte ist zugleich eine über die Entdeckung der Welt, über ein neues Sichzeigen und Offenbarwerden der Dinge. Für das Kind, das in das Reich der Sprache eintritt, öffnet sich durch die Sprache ein neues Fenster zur Welt, ein neuer Weg zur Erfahrung des Wirklichen, sowohl der Dinge ‹da draußen› wie der Welt in ihm selbst. Es ‹kommt zur Sprache› nicht nur in dem Sinne, dass es bei der Sprache als einem gegebenen, äußeren Gefüge ankommt und Sprache ‹hat›, sondern insofern, als es selbst von der Sprache 12
durchdrungen wird, im Medium der Sprache sich selbst fassbar wird und sich für sich selbst öffnet. Das Zur-Sprache-Kommen interessiert nicht nur als initialer Beginn und Hineinkommen in ein neues Medium, sondern als prozessuale Entwicklung und Vollendung, Artikulation und Entfaltung des Impliziten und Vorsprachlichen. In diesem Prozess überlagert sich – so die zweite Doppelung – das Zur-Sprache-Kommen mit dem ZurSprache-Bringen, das seinerseits ein gegenständlich-transitives wie selbstbezüglich-reflexives sein kann. Sprechen lernen heißt fähig zu werden, die Dinge und sich selbst zur Artikulation und seinsmäßigen Entfaltung zu bringen, die implizite, verborgene oder unterdrückte Sprachlichkeit in den Dingen und im eigenen Erleben explizit und zum Medium des Seins und der Gestaltung werden zu lassen. Sprache ist in alledem ein konstitutives Geschehen, das in der verbalen Aneignung wie der Äußerung, im Verstehen wie im Reden vollzogen wird. Die Verflechtung dieses mehrschichtigen Zur-Sprache-Kommens und Zur-Sprache-Bringens bildet den Knoten, der in der menschlichen Existenz zu entfalten und in begrifflicher Analyse aufzuhellen ist. Ort und Bedeutung dieses Knotens im Lebensvollzug lassen sich vorausgreifend im Ausgang von einer anderen Begriffsklammer, der Verweisung zwischen der Sprache und dem Anfang, umreißen. Sprache ist ein Anfang im Leben, mit ihr fängt menschliches Tun und Verstehen an; und sie hat einen Anfang im Leben, sie bildet sich schrittweise im frühkindlichen Leben heraus. Die Beziehung zwischen Sprache und Anfang lässt sich von beiden Seiten her ausformulieren und als heuristischer Zugang zur Sprachlichkeit des Menschseins begreifen: als Frage nach der Sprache als Anfang und als Frage nach dem Anfang der Sprache. Die Sprache ist Anfang und Ursprung von anderem, Prinzip und Basis der humanen Lebensform, und sie fängt zugleich selbst in einem markanten 13
Sinne an, sie hat einen Beginn, entwickelt sich stufenweise und geht in die Sinngenese der Existenz ein. Der Eingangssatz aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums ‹Im Anfang war das Wort› kann als eine Chiffre für beides gelten, welche den Grund der Existenz und das Wesen der Sprache gleichermaßen berührt. Die beiden Perspektiven, die dem Hauptteil der folgenden Untersuchung zugrunde liegen, seien zunächst einleitend umrissen.
3. Die Sprache als Anfang Die eine liegt darin, dass die Sprache Anfang und Prinzip des menschlichen Lebens ist. Kraft der Sprache, durch Teilhabe an der Sprachlichkeit kommt das Leben als menschliche Existenz zur Entfaltung. Sprache ist Wesensgrund und konstitutives Element des Erkennens, Handelns und Interagierens. Im Medium der Sprache erschließt sich dem Menschen die Welt und kommt das Bewusstsein zur Klarheit über sich selbst. Helen Kellers Bericht hat auf das tiefe Erlebnis des Aufgehens der Welt für das in die Sprache hineinkommende, das Geheimnis der Worte entdeckende Kind verwiesen. Die Phänomene gewinnen ihre bestimmte Form, die Verhältnisse ihre erkennbare Struktur im Reden und Hören. Die Sprache wird zur Quelle des Hellwerdens der inneren und äußeren, natürlichen und zwischenmenschlichen Welt. Die Metapher des Hellwerdens, des Lichts und der Sichtbarkeit ist die Leitmetapher schlechthin für den verstehenden Zugang des Subjekts zum Sein und für das Sich-Zeigen und Sich-Öffnen der Dinge. ‹Es werde Licht› ist neben ‹Im Anfang war das Wort› der andere Anfangssatz, der für das Initialereignis, den Anfang schlechthin steht und zugleich eine bedeutsame Aussage über das Zur-Welt-Kommen des Menschen enthält. Das menschliche Leben in seiner Be14
wusstheit und Tiefe setzt ein im Lichtwerden, im Verstehbarwerden der Dinge und seiner selbst, und dieses Hellwerden ereignet sich wesentlich im Entdecken und im Aufgehen der Sprache.2 Im Licht werden die Dinge unterscheidbar und in ihrer Bestimmtheit fassbar. Das Auseinanderhalten, Unterscheiden und Identifizieren als Ausgangspunkt des Erkennens, vor dem Ordnen und Verbinden, hat seine eigene Voraussetzung im Aufgehen des Lichts und Sichtbarwerden der Welt, wie es sich im täglichen Aufgehen der Sonne, im unterscheidenden Sehenlernen des Neugeborenen oder auch im entdeckenden Sehendwerden des Blinden ereignet. Es gehört zur Eindringlichkeit des Lebensberichts von Helen Keller, dass sie ihren Weg in die gemeinsame Welt der Menschen nicht nur als Taubstumme, sondern als Blinde zu finden hatte, wovon sie, neben der Geschichte meines Lebens, in einem weiteren Buch mit dem bezeichnenden Titel Dunkelheit Zeugnis ablegt.3 Das Sehendwerden ist ein ähnliches Wunder wie das erste Sprachverstehen, als Beginn eines neuen, unvergleichlichen Wirklichkeitsbezugs. In welcher Weise ein Blinder sich ein Bild von der ihn umgebenden Welt machen, ein Gespräch über einen fernen Berg und die Farbe eines Schmetterlings führen kann, ist uns ebenso schwer vorstellbar wie die Schwelle, die vom non-verbalen, emotiv-sinnlichen Erfahren und Kommunizieren zum sprachlichen Verstehen und Sichäußern führt. Und doch wird das Anfangen, das Hineinschreiten in die sich öffnende Welt und Erproben neuer Erfahrungs- und Ausdrucksformen tausendfältig erlebt, als grundlegender Schritt für das entdeckende Kind ebenso gegenwärtig wie für die Eltern und Begleitpersonen, die seinen Blick und sein erstes Lächeln empfangen und seine Zuwendung zu den Dingen mitvollziehen, sein stammelndes Reden hören. Hannah Arendt verknüpft das Urphänomen des Anfangens in nachdrücklicher Weise mit der Gebürtigkeit des 15
Menschen, die sie gemäß Augustinus’ Wort geradezu schöpfungstheologisch vertieft: «Initium ut esset, creatus est homo – Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen».4 Mit jedem Neugeborenen fällt ein neues Licht auf die Dinge, fängt eine neue Geschichte an, entsteht eine neue Welt.5 Das Initialgeschehen des Hell- und Sichtbarwerdens ist nicht nur der Anfang der kognitiven Differenzierung, in welcher manche Tiere uns übertreffen, sondern der Profilgebung und sinnhaften Erfassung. Das Kind, dem sich die Welt in den Worten öffnet, fängt an zu verstehen. Das Erlebnis des Lichts ist Symbol nicht nur des Sichtbarwerdens der Gestalt, sondern des Aufbrechens von Bedeutsamkeit, der Verstehbarkeit des eigenen Lebens und der uns umgebenden Welt. «Dass es Sinn gibt», ist nach Maurice Merleau-Ponty der Kern des bewussten Lebens, das Ursprungsphänomen der Erfahrung; mit jeder Geburt empfängt die Welt «eine neue Bedeutungsschicht».6 Die anthropologische Auszeichnung der Existenz liegt im sinnhaften Selbst- und Weltverhältnis, das die Dimension des Begreifens, des reflexiven Interpretierens und kommunikativen Vermittelns eröffnet. Wenn wir den Sinnbegriff nicht rein funktional über das Beherrschen eines Codes oder das zweckmäßige Verwenden von Mitteln für bestimmte Zwecke definieren, steht er für den verstehbaren Gehalt und Bedeutungszusammenhang, mittels dessen ein Phänomen uns transparent und fassbar wird und über den wir uns mit anderen verständigen. Nur Menschen, nicht datenverarbeitende Maschinen haben in diesem Sinn einen verstehenden Zugang zur Welt, und es ist eine Frage des Forschungsansatzes und der Terminologie, wieweit wir Tieren, die über innere Erlebnisse und Vorstellungen verfügen, sinnhafte, verstehende Erkenntnisse und Verhaltensweisen zuschreiben. Im Falle des Menschen aber steht fest, dass der Anfang, der das spezifisch menschliche Empfinden,
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Äußern und Tun begründet, wesensmäßig in der Teilhabe am Sinn und der Fähigkeit zum Sinn wurzelt. Nun besteht der Schritt, der hier zur Diskussion steht, nicht nur im Aufgehen des Lichts und Gewahrwerden des Sinns, sondern im Anfangen der Sprache. Es ist die Sprache, so die leitende These, welche den Grund und Beginn der menschlichen Existenz ausmacht. Sie ist Ursprung des Verstehens und sinnhaften Verhaltens, das privilegierte Medium allen Erkennens und Handelns. Allerdings ist es eine durchaus kontrovers verhandelte Frage, wieweit von einer irreduziblen Ursprünglichkeit der Sprache zu reden sei, wieweit die Sprache für alles Tun und Begreifen eine notwendige Voraussetzung und unhintergehbare Basis bildet. Es gibt bekannte Ausformulierungen dieser Fundamentalität; stellvertretend verwiesen sei auf die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese, der zufolge das Sprechen allem Denken vorausgeht und allen Sinngestalten innewohnt, oder auf den ontologischen Leitsatz der Hermeneutik HansGeorg Gadamers: «Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache».7 Dagegen ist aus phänomenologischer Sicht die Fundamentalität des Sprachlichen im sinnhaften Selbst- und Weltbezug problematisiert worden; Elmar Holenstein hat die «Hintergehbarkeit der Sprache» im basalen Wahrnehmungs- und Unterscheidungsvermögen wie im elementaren Zeichengebrauch und Zeigeverhalten zu erweisen gesucht.8 Wieweit in der Tat die Sprache einen Anfang, ja, den Anfang im menschlichen Sein und Verhalten bildet, wird im Einzelnen zu prüfen und nachzuzeichnen sein. Vorläufig ist an der Ursprünglichkeit des Sprachlichen als heuristischem Leitfaden festzuhalten, um von der Sprache her die Analyse der menschlichen Lebensform zu entfalten. Auch wenn es mannigfache Formen des vorsprachlichen Bedeutens und Vernehmens gibt, gewinnen Sinn und Verstehen im Medium des Sprachlichen eine höhere Transparenz, eine konzisere Gestalt und eine umfassendere 17
Macht, in denen menschliches Leben sich in seinem Eigensten offenbart. Die Sprache ist in emphatischem Sinn ein Prinzip des Lebens, ein Anfang im Leben.
4. Der Anfang der Sprache Nach anderer Hinsicht hat Sprache einen Anfang im Leben. Sie entwickelt sich im Laufe der Jahre, sie bildet sich mit dem Werden und der Entwicklung des Menschen heraus. Die Menschwerdung ist wesentlich ein Zur-Sprache-Kommen der Gattung wie des Individuums und in eins damit eine Genese der Sprache im Leben; der Prozess, in welchem der Organismus sich als Träger der menschlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen ausbildet, geht einher mit der stufenweisen Ausbreitung und Gestaltung des sprachlichen Raums. Diese Ausfaltung der Sprache in ihren Schritten, ihren Wirksphären und Potentialen nachzuzeichnen ist ein Gegenstand der Sprachwissenschaft und zugleich eine Explikation des Wesens der Sprache. Für die philosophische Verständigung lässt sich der Prozess unter drei Leitfragen thematisieren, die das Woher, das Wie und das Was der Sprachgenese betreffen. Die eine Frage betrifft den Ursprung und Herkunftsort der Sprache. Wo, woher kommt die Sprache im Leben zur Artikulation und Entfaltung? Schematisch lassen sich drei Ursprungsorte benennen: das menschliche Leben, das zwischenmenschliche Verhalten, das Sein. Den einen Ort bildet das individuelle menschliche Leben mit allem, was es an Bedürfnissen, Fähigkeiten und Äußerungsweisen enthält. Zur Menschwerdung gehört die Ausbildung sprachlicher Kompetenzen und Praktiken, vom rezeptiv-mimetischen Verhalten bis zur Partizipation am rationalen Diskurs, wobei die Verankerung im Menschsein zugleich eine vielfältige 18
funktionale Einbettung des Sprechens im Lebensvollzug bedeutet. Von Anfang an verschränkt sich die Ausbildung kognitiver und praktischer Vermögen mit Modalitäten des sprachlichen Aufnehmens und Äußerns. Im Ganzen und im Kern bildet das menschliche Leben den originären Ort, an dem und aus dem heraus Sprache sich bildet und entfaltet. Eine zweite Ursprungsdimension der Sprache liegt in der zwischenmenschlichen Beziehung. Nach naheliegender Vorstellung entsteht die Sprache im kommunikativen Austausch. Sie entsteht motivational aus den Bedürfnissen der Interaktion, aus der Lust an der Kommunikation und aufgrund der Angewiesenheit auf andere, und sie hat ihren eigentlichen Wirkungsbereich im Zusammensein, im gemeinsamen Handeln und Sichverständigen mit anderen. In voraussetzungsreicheren Konzepten figuriert die Ich-Du-Beziehung als Grund und Ursprung des Sprechens und Sich-Unterredens. In der Sicht der Dialogik kommen wir vom Anderen her in den Raum des Verstehens und des menschlichen Seins überhaupt. Nicht das selbstbezügliche und sich äußernde Subjekt, sondern die Begegnung mit dem Anderen, die vorgängige Initiative des Anderen und das Angesprochenwerden durch andere sind Anfang und Quellpunkt des sinnhaften Wirklichkeitsbezugs und damit des Sprechens. Nach einer dritten Konzeption liegt der tiefste Grund der Sprachlichkeit nicht im sprechenden Subjekt, sondern in dem sich offenbarenden, sich dem Wort öffnenden Sein. Einer klassischen metaphysischen Anschauung zufolge ist das Wirkliche von sich aus erkennbar und in sich verstehbar, und die ihr innewohnende Intelligibilität ist gleichsam die intrinsische Sprachlichkeit der Dinge, die dem menschlichen Verstehen entgegenkommt und auf welche das menschliche Sprechen antwortet. Dieses hat sein Prinzip nicht in sich, sondern im Seienden, das gemäß dem scholastischen Grundsatz ens et 19