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Ein Wanderer und sein Schatten

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BEITRÄGE ZU FRIEDRICH NIETZSCHE

ELKE ANGELIKA WACHENDORFF

EIN WANDERER UND SEIN SCHATTEN Friedrich Nietzsches Gedanken-Gänge in St. Moritz


Beiträge zu Friedrich Nietzsche Quellen, Studien und Texte zu Leben, Werk und Wirkung Friedrich Nietzsches

Andreas Urs Sommer (Hg.)

Band 23


Elke Angelika Wachendorff

Ein Wanderer und sein Schatten Friedrich Nietzsches Gedanken-Gänge in St. Moritz

Schwabe Verlag


Publiziert mit Unterstützung der Elisabeth Jenny-Stiftung, Riehen, der Gemeinde St. Moritz – Kultur, der Gemeinde Sils-Maria, der Willi Muntwyler-Stiftung, St. Moritz, und der Stiftung Stavros S. Niarchos, Chur Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Korrektorat: Dore Wilken, Freiburg i. Br. Gestaltungskonzept: icona basel gmbH, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4364-7 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4366-1 DOI 10.24894/978-3-7965-4366-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Dem guten treuen Freund und unermüdlichen Nietzsche-Forscher Peter André Bloch in Dankbarkeit gewidmet


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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I. Wege, Kuren und Diäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Wiesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Champfèr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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St. Moritz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

27

Stille und Einsamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

29

Pensiun privata – eine Detektivgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

36

Kurorte, Kuren und Kuranten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

58

Diät und Disziplin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

79

Wanderwege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

88

Geselligkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Einsamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 II. Philosophische Gedanken-Gänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Genesungs-Gänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Gehen und schreiben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 Die Quellenlage: Notizhefte, Manuskripte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 Abschiede und Erneuerungen, Krise und Ausweg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Musik als philosophisches Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Eigene Sprache, Stil und Gestalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Stimmung und Übertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Persönliches, Allzupersönliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Gefährliche Bücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172


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Inhalt

Eine «Wahlfeindschaft» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Gedanken-Gänge zur Lebensmitte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Rêveries und Gedanken-Gänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 St. Peter und St. Moritz, Das Glück des gelebten Augenblicks . . . . . . . . . . . . 201 Naturerfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Herbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Kulturnatur und Naturkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Der St. Moritzer See . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Wanderer und Schatten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Mittag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 Der Wanderer und sein Schatten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Der Wanderer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Unterwegs – Allein zu zweit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Der Schatten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 Rückkehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausgaben, Werke und Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Siglenverzeichnis der Werke Friedrich Nietzsches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chronologie der Werkveröffentlichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zu Nietzsches Bibliothek . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Archive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

281 281 282 283 284 284 285 286

Namensregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294


Vorwort

In vielen Jahren war ich am Ort St. Moritz im Oberengadin nur vorbei gefahren, um zügig nach Sils Maria zu gelangen, um an den dortigen alljährlichen Nietzsche-Kolloquien teilzunehmen. Den großen Hype um St. Moritz hatte ich nie verstanden noch nachvollziehen können. Und Nietzsche sollte seinen ersten Sommer im Oberengadin hier verbracht haben? Das war kaum vorstellbar. Eine Monographie hierzu gab es nicht, ausführlichere Artikel fehlten ebenfalls, und das machte dann doch neugierig. Mehrfache Aufenthalte und Forschungen in St. Moritz und im dortigen privaten Berry Museum, in der Dokumentationsbibliothek St. Moritz, im Kulturarchiv Oberengadin in Samaden sowie Besuche des privaten Museums Herrn Pierre Badrutts in Filisur und umfangreiche Literaturfunde ermöglichten es mir, die Geschichte des Ortes näher kennenzulernen, deren Ursprung sowie Aufschwung und Inszenierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch Werbung, Berichte, Erzählungen, sowie Gästelisten in besonderen Tageszeitschriften zu begegnen, die Landschaft in ersten Photographien aus den frühen Zeiten dieses Mediums zu entdecken sowie in den Bildern von Giovanni Segantini, Giovanni Giacometti, Ferdinand Hodler, Peter Robert Berry II, Andrea Robbi … Wo also war Friedrich Nietzsche im Sommer 1879 gelandet, was hatte er hier erlebt und erleben können, das zwei Jahre später, im Sommer 1881, für ihn hier nicht mehr möglich sein sollte? Dies nachvollziehen zu können auf Nietzsches Spuren, erschien immer mehr unverzichtbar, um das zu eben jener Zeit vor Ort verfasste Buch mit dem Titel Der Wanderer und sein Schatten besser lesen und verstehen zu können. So wie dies seit Jahrzehnten für Nietzsches späteren Lieblingsort Sils Maria anerkannt gilt und intensiv studiert wie dargelegt wird, so gilt die Wechselwirkung von Denken und Topographie, Landschaftskultur und Kulturlandschaft für Nietzsche in St. Moritz gleichermaßen; doch bietet diese gravierende Unterschiede mit entsprechenden Konsequenzen für seine St. Moritzer Gedanken-Gänge. Hier gilt daher mein großer Dank all jenen, die ratend, helfend, anregend und fragend auch, in Archiven und Bibliotheken suchend, zu Entstehen und Entwicklung dieser Monographie beigetragen haben: Dr. Peter Robert Berry IV, Inhaber des Berry Museums in St. Moritz, Frau Diane Conrad in St. Moritz, Frau Corina Huber und Frau Dora Filli in der Dokumentationsbibliothek St. Moritz, Frau


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Vorwort

Dora Lardelli im Kulturarchiv Oberengadin Samaden, Herrn Pierre Badrutt in seinem Museum der Bündner Photographen des 19. Jahrhunderts in Filisur und Herrn Pascal Werner in der Fotostiftung Chur, den Mitarbeiterinnen im Goetheund Schiller-Archiv zu Weimar, namentlich Frau Dr. Silke Henke. Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Andreas Urs Sommer für die Aufforderung, das liegende Projekt wieder aufzugreifen, als kritischen Leser, Anreger und Fragensteller sowie für die Bereitschaft, als Herausgeber das nun vorliegende Buch aufzunehmen in die Reihe Beiträge zu Friedrich Nietzsche im Schwabe-Verlag zu Basel. Mein herzlicher Dank gilt außerdem Dr. Christian Barth und Frau Ruth Vachek für die so freundliche wie geduldige und humorvolle Betreuung im Verlag. Mein besonderer Dank gilt den großzügigen finanziellen Unterstützern des Projektes, allen voran der Elisabeth Jenny-Stiftung in Riehen und der Bertha Hess-Cohn Stiftung in Basel. Sehr herzlich danke ich der Gemeinde St. Moritz – Kultur und der Gemeinde Sils-Maria für ihre entgegenkommenden Unterstützungsbeiträge. Mein großer Dank für die freundliche Unterstützung gilt desgleichen der Willi Muntwyler-Stiftung, St. Moritz und der Stiftung Stavros S. Niarchos Chur. Ein großer Dank gilt last but not least der großen Geduld und stets interessierten Aufmerksamkeit meiner Familie, die mich in diesem Projekt über lange Jahre aufmunternd unterstützt hat.


I. Wege, Kuren und Diäten

Die Ehrenbezeichnung des inzwischen wohl «berühmtesten Gastes» im Oberengadin geht heute sicher unwidersprochen an den Philosophen, Dichter, Altphilologen Friedrich Nietzsche. Zu seiner Zeit war dies ganz anders gewesen: Unbekannt und unerkannt konnte – und wollte – er sich hier von beruflichen Pflichten und gesellschaftlichen Verpflichtungen zurückziehen auf lange Spaziergänge in Wald- und Bergeinsamkeit sowie in die Geborgenheit und Stille einer Privatunterkunft. Dies war es, was er immer wieder fiebernd suchte und seiner Gesundheit zuliebe auch zu aller Zeit dringend benötigte. Dabei wird sein Name stets mit demjenigen seines späteren Lieblingsortes Sils Maria verbunden. Zwar nicht zu Unrecht, doch auch nicht ganz zu Recht. Denn Nietzsches erster Aufenthalt in der unnachahmlichen Oberengadiner Landschaft galt dem Bade- und Kurort St. Moritz, und ohne diese erste Erfahrung wäre Nietzsche niemals in Sils Maria gelandet. Was hätte dies für seine Philosophie aber bedeutet? Das ist kaum zu sagen. Es waren die heilsamen Erfahrungen leibseelischer Linderung und schöpferischer Befruchtung durch das besondere Oberengadiner Klima; es waren die klare, leichte und reine Höhenluft; es waren die helle Durchsichtigkeit, das klare Farbenspiel des unvergleichlichen Lichtes, die Nietzsche hier, am St. Moritzer See und Ausfluss des Inns, Namensgeber der ganzen Region Engadin, zum ersten Male entdecken konnte. Es waren all diese ihn zutiefst beglückenden Erfahrungen, die ihn für diese Landschaft einnehmen und dauerhaft gewinnen konnten, die ihn bewogen, in all den zehn Jahren seines philosophischen Schaffens im Oberengadin immer wieder sein permanentes Sommerquartier aufzuschlagen. Eine erste – indirekte – Begegnung mit St. Moritz hatte Nietzsche bereits im Sommer des Jahres 1874 machen können, noch aus der Ferne und eher spöttisch getönt, als er, mit seinem Freund Heinrich Romundt in Bergün zwei Sommerwochen – vom 18. Juli bis zum 2. August – verbringend, die durchreisenden Kutschen und Equipagen beobachten konnte und seiner Mutter hiervon berichtete: Sonst gehen bis zu hundert Menschen täglich hier mit Post vorüber und essen in diesem Hause […]. Der grösste Theil will nach St. Moritz, bleichsüchtiges und nervenschwaches


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I. Wege, Kuren und Diäten

Volk aus der ganzen Welt, zusammengeführt durch die modische Berühmtheit jener Bäder.1

Und an die Schwester schrieb er: «Vorhin lasen wir die Kurlisten aus Graubünden und Engadin; zahllose Bekannte darin. Von früh bis Abends durchströmende Fremde.»2 Der Urlaub mit Romundt hatte sehr gut getan, witzig persifliert er den Namen des Ortes Bergün, wenn er in zwei Briefen an den Freund Franz Overbeck von den zwei «Berghühnern» berichtet.3 Gleichwohl hatte auch Nietzsche selbst in den zurückliegenden – wie auch in den folgenden – Jahren durchaus Erholung, Heilung oder doch zumindest Linderung seiner Leiden bei Bädern und Kuren – vornehmlich Graubündens – gesucht: in Splügen (Herbst 1872), in Flims (Juli–August 1873), in Ragaz (Mai– Juni 1877); dann in Marienbad (Sommer 1880).4 Und auch im März und April des Jahres 1879 (spätestens 23. März bis ca. 21. April), und damit kurz vor der Reise nach Wiesen und ins Oberengadin, hatte er in Genf Erholung gesucht und, nach einer ersten Bleibe im Hôtel de la Gare, von seinem neuen Quartier Hôtel Riche-Mont am Genfer See aus sich den dortigen Bäderkuren unterzogen.5

Wiesen Im Frühsommer des Jahres 1879 versuchte Nietzsche sein Heil zunächst in Wiesen bei Davos, er blieb dort vom 26. Mai bis ca. 20. Juni 1879, der Abreisetermin lässt sich nicht mehr ganz präzise rekonstruieren. Die Empfehlung in diesen touristisch weniger bekannten Ort hatte er von Paul Widemann aus Chemnitz erhalten, Komponist und Freund auch von Heinrich Köselitz, der um Nietzsches Verlangen nach Stille und Einsamkeit ebenfalls wissen musste.6 Der Ort Wiesen liegt an der Ost-West-Verbindung von Davos nach Tiefenkastel, dem Ort, an dem sich die Postkutschenwege von Thusis und Chur/ Lenzerheide nach Davos und jene ins Oberengadin über den Julier- und über den An Franziska Nietzsche, KSB 4/248 f. An Elisabeth Nietzsche, KSB 4/250. Nietzsche wird diese Kurlisten in St. Moritz erneut antreffen. Zur Mode der Listen siehe auch den Grafen de Montesquiou über St. Moritz in: Keller Luzius, Aus der Gästeliste von St. Moritz, in: Bürkle Christoph, Hrsg., Mythos St. Moritz. Alle Lust will Ewigkeit, du768, Zeitschrift für Kultur Nr. 6/7, Sulgen, Juli/August 2006, S. 36–41. 3 Briefe vom 20. 07. 1874 und 30. 07. 1874, Nr. 379 und 384, KSB 4/244 und 4/251 ff. 4 Siehe: Hlade Josef L., Auf Kur und Diät mit Wagner, Kapp und Nietzsche: Wasserdoktoren, Vegetarier und das kulturelle Leben im 19. Jahrhundert: Von der Naturheilkunde zur Lebensreform, o.O., 2015. 5 KSB 5/400 ff. 6 «Einstweilen bin ich in den Fußstapfen Freund Widemanns, nämlich in der Nähe von Spinabad. Höhen- und Waldluft» an Heinrich Köselitz, KSB 5/415; sowie: KSB 5/417, an seinen Verleger Ernst Schmeitzner.

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Wiesen

Albulapass treffen. Wiesen liegt gut 200 m über dem Landwassergraben längs der in Ost-West-Richtung verlaufenden Straße am Hang und damit in offener Ausrichtung gen Süden.7 Auf 1450 m Höhe gelegen, galt der Ort zu jener Zeit als ideale Zwischenstation vor der Weiterreise in die Höhen von Davos und St. Moritz, empfohlen zur graduellen Akklimatisation vor den körperlichen Belastungen des Höhenklimas, belastend vornehmlich für Lungenkranke auf der Reise in die Davoser Kuranstalten, denen der Ort entsprechend besonders empfohlen wurde. Im Jahre 1869 hatte der Davoser Arzt Dr. Alexander Spengler großes Aufsehen erregt mit seiner Publikation Die Landschaft Davos als Kurort gegen Lungenschwindsucht. In Folge setzte in Davos ein wahrer Strom von Kranken – meist Schwindsüchtigen – ein, die Bautätigkeit für spezielle Sanatorien mit Loggien, Balkonen, Wintergärten in südlicher Ausrichtung und Pensionen in unterschiedlichen Preis- und Luxuskategorien begann zu florieren.8 Nietzsches Entscheidung für diesen ersten Aufenthaltsort in Wiesen konnte insofern, wiewohl von ihm vielleicht gar nicht so intendiert, für seine angeschlagene gesundheitliche Verfassung zunächst als durchaus günstig und bestens geeignet erachtet werden, ihn auf eine spätere Weiterreise in die Höhe des Oberengadins vorzubereiten. Oder hatte Nietzsche eben diese Strategie doch bewusst bedacht? Inszenierte er gerade 1879 gerne die Rolle des fugitivus errans, so darf man bei seiner schwierigen gesundheitlichen Lage nicht glauben, er habe seine Entscheidungen im Vorfeld nicht gründlichst und aufs Beste informiert erwogen und geplant! An Overbeck schrieb er am 15. Juni aus Wiesen: «Freitag will ich nun nach dem Engadin: ich führe das Programm [!] durch, freudlos und hoffnungsarm.»9 Und der Mutter schrieb er am 23. Juni: «nach 3 herzlich schlechten Wochen des Übergangs [!] (in Wiesen) bin ich nun in meinem Sommerasyle angekommen.»10 In einem Brief an den Freund Heinrich Köselitz, alias Peter Gast, nach Venedig schreibt Nietzsche aus St. Moritz am 11. September 1879 jedenfalls rückblickend: Mein Sommer-Programm ist ausgeführt: 3 Wochen Mittelhöhe (in Wiesen), 3 Monate Engadin, und der letzte Monat davon die eigentliche St. Moritzer Trink-kur, deren beste

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S. 18.

Janz Curt Paul, Friedrich Nietzsche, Biographie, 3 Bände, München, 1978/1981, Bd. II,

8 Wyder Margrit, Kräuter, Kröpfe, Höhenkuren. Die Alpen in der Medizin – die Medizin in den Alpen, Zürich, 2003, S. 114 ff.; sowie: Wanner Kurt, Der Himmel schon südlich, die Luft aber frisch. Schriftsteller, Maler, Musiker und ihre Zeit in Graubünden 1800–1950, Chur, 1993, S. 22. 9 An Franz Overbeck, KSB 5/418. 10 An Franziska Nietzsche, KSB 5/419.

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I. Wege, Kuren und Diäten

Abbildung 1:

Das Hôtel Belvedere in Wiesen

Wirkung man erst im Winter spüren soll. Dieses D u r c h f ü h r e n eines Programms thut mir wohl: l e i c h t war es nicht!11

Der kleine Ort Wiesen scheint noch heute nicht erheblich weiter gewachsen zu sein; das Hôtel Bellevue an der Hauptstraße, in dem Nietzsche abstieg, ist noch heute das zentrale Hotel des Ortes. Dass Nietzsche sich am 26. Mai in das Gästebuch eintrug, ist auch dem heutigen Pächter wohl bekannt, das alte Gästebuch wird nach vorheriger Anmeldung stolz vom Dachboden hervorgeholt.12 Auf seiner Suche nach Stille und Ungestörtheit hat Nietzsche zunächst Glück: Er bewohnte das Hotel fast allein, nur «Ein Herr ist außer mir im Hause», so berichtet er seiner Schwester am 30. Mai 1879:13 «Der Herr, welcher schon seit 12 Wochen hier ist, heißt Hirzel (aus Zürich, eigentlich Palermo).»14 Seine Adresse gibt Nietzsche meist nicht präzise an. Der Schwester schreibt er auf einer Postkarte zwar «Adr.: W i e s e n , Graubünden, Hotel Bellevue»,15 KSB 5/442. Den Eintrag siehe auch in: Benders Raymond J., Oettermann Stephan, Reich Hauke, Spiegel Sibylle, u. a., Friedrich Nietzsche. Chronik in Bildern und Texten, München, 2000, S. 433 ff. 13 An Elisabeth Nietzsche, KSB 5/413. 14 Ebenda, KSB 5/414. 15 Ebenda, KSB 5/413. 11

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Wiesen

seine Mutter hingegen erfährt nur vage: «W i e s e n bei Davos, S c h w e i z».16 Er will vor allem Erholung in ungestörter Ruhe und Einsamkeit. An die Schwester schreibt er am 7. Juni eindringlich, Besuch befürchtend: «Hr. Landerer ist ein schrecklich zudringlicher Halbverrückter: halte meine Adresse geheim; der Mensch verfolgt mich womöglich, er hat leer und unklar geschrieben.»17 Und als sich dann dennoch Besuch ankündigt, schreibt er hochwachsam an den Freund Franz Overbeck am 8. Juni 1879:18 «Immermann’s haben sich gestern angemeldet: kannst Du unter der Hand erfahren, w a n n d i e ‹ F a m i l i e › e i n r ü c k e n w i l l ? U n d w e r e t w a s o n s t ?» Die Aussichten, in Immermann noch dazu seinem eigenen Arzt aus Basel samt Familie hier begegnen zu sollen, ja, wahrscheinlich im selben Hotel, und möglicherweise auch noch weitere Basler Mitreisende begrüßen zu müssen: Sie scheinen Nietzsche schließlich in die Flucht getrieben zu haben. Doch auch das Klima wie die landschaftliche Lage erwiesen sich für Nietzsche als nicht besonders günstig. «Deinem Bruder geht es schlecht. – Föhn», und: «Wald, wie w i r ihn wünschen, giebt es auch hier nicht. Aber wo!», so klagte er der Schwester am 30. Mai sein Leid.19 Die offene und ungeschützte Ausrichtung des Ortes gen Süden war für «den Zustand meiner Gesundheit und meiner Augen»20 denkbarst ungünstig, für seine Spaziergänge fanden sich zu wenig schattige Wege. Und so wurden auch Pläne für einen Besuch in Venedig aus diesem Grunde verworfen: «Gegen den Lido haben nur meine Augen in ihrer j e t z i g e n unglaublichen Reizbarkeit etwas einzuwenden, selbst hier suchen sie noch nach Dunkel», so schrieb er am 5. Juni an Köselitz nach Venedig.21 Doch Nietzsche harrte zunächst aus: aber die Moral, «in allen neuen Verhältnissen a b z u w a r t e n was draus wird» hält mich in der Höhe fest,

so an Franz Overbeck am 8. Juni, und weiter: Schmerz, Einsamkeit, Spazierengehen, schlechtes Wetter – das ist mein Kreislauf. Keine Spur von Aufregung. Vielmehr eine Art gedankenlosen betäubenden Übelbefindens –.22

Im Notizheft N-IV-2 vom Sommer 1879 befindet sich eine bis heute unedierte Doppelseite (Seiten 23Rs und 24Vs), auf der Nietzsche unter der Überschrift «Aussichten» fünf Landschaftsausblicke festgehalten und kurz beschrieben hat, 16 17 18 19 20 21 22

An Franziska Nietzsche, KSB 5/415. An Elisabeth Nietzsche, 7. Juni 1879, KSB 5/416. KSB 5/417. An Elisabeth Nietzsche, KSB 5/413. Ebenda, KSB 5/414. KSB 5/415. KSB 5/416.

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I. Wege, Kuren und Diäten

die offensichtlich bevorzugte Ziele dieser Spaziergänge benennen und die damit zugleich erlauben, seine Wanderwege in Wiesen zu rekonstruieren (siehe Abb. 2 und 3). Transkribiert lautet der Text wie folgt: [Seite 45:] Aussichten: 1) auf dem Wege nach von der Jenisch Brücke unterhalb einer Holzhütte (nach der ersten Bank, von unten gerechnet) Durchblick unter Bäumen weg in das Innerste des Thals. Lawine links, Sennhütte in der Mitte des Vordergrunds Nach Schmitten 1) vor der Tiefentobelbrücke ca 100 [Zeichnung – breites X:]

2) später, wo die untere Strasse in Schmitten einbiegt [Zeichnung] 3) eine Einbiegung hinter mir [Zeichnung] [Seite 46 oben:] 4) Kirche.

Auf die weiteren Notizen dieser Seite wird später noch zurückzukommen sein; hier wollen wir zunächst den genannten Aussichten vor Ort nachgehen. Die erste der genannten Aussichten erreicht man, wenn man das Hôtel Bellevue verlassend zunächst nach rechts in die Hauptstraße einbiegt und ihrem Laufe folgt durch den Ort Wiesen hindurch und einer schönen weiten Kurve entlang in Richtung Davos. Kurz danach biegt man rechts ab, der Beschilderung zum heutigen Bahnhof von Wiesen folgend. Der Weg führt nach Verlassen der Hauptstraße bergab durch einen Wald bis hinunter zum Bahnhofsplatz. Von dort geht es über die Gleise weiter in Richtung Jenisberg. Eine einfache Schotterstraße führt über eine schmale Brücke, die über die tiefe und enge Schlucht des


Wiesen

Landwassers führt. Vor 100 Jahren modernisiert (das Jubiläum wurde 2009 gefeiert), führte zuvor eine zierlich und recht abenteuerlich wirkende hölzerne Brücke über diese Schlucht: die Jenisberger Brücke.23 Geht man über diese Brücke und weiter, windet sich der Weg auf der anderen Seite der Schlucht den gegenüberliegenden Jenisberg hinauf. Auf halber Höhe etwa wird der Blick frei längs des Landwassertales, heute durch Arven und Kiefern leicht verstellt. Die Bank, auf der Nietzsche mit großer Wahrscheinlichkeit ruhte und das Tal entlang in die Ferne blickte, ist nicht mehr vorhanden, das Geröll der Lawine überwachsen, die Sennhütte steht auch nicht mehr auf ihrem damaligen Platz. Ob Nietzsche weiter den Jenisberg hinaufging, ist der Notiz nicht zu entnehmen. Der Weg mag ihm auch zu steil und beschwerlich gewesen sein, mit Kopfschmerz und Übelkeit geplagt, konnte er ihn möglicherweise zu sehr angestrengt haben. Den Ausblick vom Jenisberg selbst hätte er sonst vielleicht doch extra notiert. Dieser erste Weg scheint als der einzige schon damals zumindest teilweise durch Wald geführt zu haben, kein dichter Wald, doch so viel, dass er den Weg nach dem Verlassen der Hauptstraße hinab zur Brücke über die Schlucht und weiter doch mehrheitlich beschatten konnte. So erscheint dieser Weg als der in Wiesen für Nietzsches Bedürfnisse noch am besten geeignete, und vielleicht daher wird er in der Notiz auch als erste Präferenz an dieser Stelle genannt. Doch war der bewaldete Wegabschnitt in jedem Fall nicht besonders lang, während die Hänge des Jenistales, da eine weite Aussicht bietend, vermutlich keinen umfänglichen Waldschatten aufzubieten hatten. «Nach Schmitten». Die weiteren vier von Nietzsche genannten Aussichtspunkte befinden sich auf dem Wege in entgegengesetzter Richtung, der Hauptstraße entlang von Wiesen aus in Richtung Tiefenkastel. Sie führt den sonnigen, unbeschatteten Hang rechts des Landwassertales entlang zum nächsten Ort Schmitten und ist ohne Unterbrechung der südlichen Sonne ausgesetzt. Hier war es spät nachmittags, abends oder sehr früh am Morgen für ihn noch eher geeignet zu gehen, bei voller Sonneneinstrahlung zur Mittagszeit war es dies mit Sicherheit nicht. 1.) Die Straße führt nach einer längeren geraden Wegstrecke rechts abbiegend in einen V-förmigen Einschnitt hin zum Tiefentobelbach, dessen Schlucht sie auf einer Brücke überquert, um dann auf dem schräg gegenüberliegenden Hang wieder hinaus zu schwingen. Die alte Brücke ist in Resten noch vorhanden, von 23 Eine Photographie dieser Brücke im alten Zustand vor ihrer Erneuerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich im privaten Museum der Bündner Photographen des 19. Jhdts von Herrn Pierre Badrutt in Filisur; sie wird heute aufbewahrt in der Fotostiftung Graubünden in Chur, fotoGR.ch.

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I. Wege, Kuren und Diäten


Wiesen

Manuskriptseiten N-IV-2, Seite 45 + 46; GSA 71/187, 23 RS und 24 VS; http://www.nietzschesource.org/DFGA/N-IV-2,45et46

Abbildungen 2 und 3:

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I. Wege, Kuren und Diäten

Abbildung 4:

Die alte Jenisberger Brücke in Wiesen

einer neuen teilweise überbaut. Die Skizze, die Nietzsche in seinem Notizheft notierte, markiert diesen Einschnitt: Die zwei Arme des Einschnittes laufen nicht


Wiesen

ganz parallel, sondern eher in Gestalt eins «V», die Schlucht des Baches markiert Nietzsche mit einem breit gezogenen «X». Der besondere Aussichtspunkt, um den es ihm ging, liegt jedoch «ca 100» (wie er notiert) Meter vor diesem Einschnitt: Von hier öffnet sich die Sicht das Tal entlang weit und unverstellt. 2.) Am Ortsanfang von Schmitten führt (heute) eine Straße zum Leidboden links ab: Sie führt ein kleines Plateau entlang bis an dessen Rand, wo dieses steil ins Tal abfällt; von dort aus ist der Blick frei und offen das Tal entlang Richtung Westen wie auch in Richtung Osten nach Wiesen und hinüber zum Jenisberg; zugleich ist der Blick frei in Richtung Süden das Albula-Tal entlang und hinauf nach Filisur und Bergün. Es ist diese Blickrichtung, die Nietzsche in seiner kleinen Skizze festhielt. 3.) Als nächstgelegene Einbiegung führt – von hier aus «hinter mir», wie Nietzsche notiert, also im Rücken des Betrachters der vorherigen Aussicht – eine Straße nach rechts von der Hauptstraße ab und den Berg hinauf: die Alpstraße, die zur Schmittener Alp führt. Nietzsches Skizzenfragment lässt seine Blickrichtung gen Osten vermuten: Allein die abfallenden Hänge von links sind mit drei rund abfallenden Linien angedeutet, für Weiteres bot das Blatt auch keinen Platz mehr. 4.) Die letzte Nennung in dieser kleinen Auflistung gilt der «Kirche»: Hier genügt Nietzsche allein die Nennung ohne weitere Beschreibung noch kleine Skizze. Und in der Tat erscheint eine weitere Spezifizierung, hat man den Ort erst einmal gefunden, auch gar nicht mehr notwendig, so unmissverständlich klar und eindeutig sind Lage und Ausstrahlung dieses Ortes. Es handelt sich um die Katholische Pfarrkirche Allerheiligen und Kirche St. Luzius auf dem Kirchhügel in Schmitten. Die Ortschaft zieht sich in einer Mulde bergwärts auf einer vorgelagerten, nach Süden offenen Terrasse um den erhöhten, oben abgeflachten Kirchhügel herum, der damit, weit und offen exponiert, den Blick freigibt in die Täler von Landwasser und Albula, die im Talgrund hier ineinander münden, sowie in die Höhen der Berggipfel und der Pässe. Der Hügel bietet auf seinem Hochplateau wenig Platz für zwei kleine, eng zusammen stehende Kirchlein, einen kleinen Friedhof, eine Umfriedung, über deren Gemäuer weidende Kühe den Besucher freundlich und erwartungsvoll begrüßen, anstaunen, auch gerne anstupsen. Das knarrende Eisentor soll also auch ordentlich verschlossen werden. Vielleicht kommen heutzutage nurmehr wenige Besucher hier hinauf, unterbrechen die Fahrt nach und von Davos nur noch selten. Es ist tatsächlich ein ganz besonderer Ort und er beschenkt den Besucher mit einmaligen weiten Ausblicken. Auf kleinen morschen Holzbänken vorsichtig ausruhend, kann man hier in (fast) jede Himmelsrichtung weit in die Ferne sehen. Die zwei kleinen Kirchlein, die ältere frühgotische Kirche St. Luzius

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I. Wege, Kuren und Diäten

und die spätgotische Pfarrkirche Allerheiligen mit ihrem relativ mächtigen vorgelagerten Turm gehören seit 1600 zur letzten katholischen (!) Gemeinde in Richtung Davos. Kleine Stationskapellen eines Passionsweges säumen den Weg den Hügel hinauf zu Friedhof und Kircheingang. Ob Nietzsche die zwei Kirchen auch von innen besuchte, wurde von ihm nicht erwähnt, kann aber doch angenommen werden, sie werden, wie früher allgemein üblich, offen gewesen sein und es hätte sich in jedem Falle sehr gelohnt. Wenn Nietzsche den Eingang des Hôtel Bellevue verließ und auf das trottoir der Hauptstraße trat, dann hatte er also die Wahl zwischen den zwei Alternativen, in diese nach links oder nach rechts einzubiegen. Auf die Dauer musste allein dies doch trotz ausgewählter Lieblingsaussichten unter einem Zuviel an Sonne eintönig und ungenügend werden, zumal sich, was Nietzsches Bedarf an beschatteten Wegen anging, zumindest bis zum späten Nachmittag (oder frühmorgens) als einzige Alternative anbot, nach rechts in Richtung Jenisberg abzubiegen, dessen, wenn auch moderate Steigung, auch nicht gerade erfrischend lockte. Wie in seinem Reiseprogramm offensichtlich aber auch vorgesehen, flüchtete der schwerkranke Nietzsche also erneut, vielleicht etwas früher als zunächst geplant, weiter, auch er nun sich anschließend an «bleichsüchtiges und nervenschwaches Volk aus der ganzen Welt, zusammengeführt durch die modische Berühmtheit jener Bäder», wie er schon 1874 in Bergün noch moniert hatte,24 ins obere Engadin. Die Aussicht, dort durch das einzigartige Klima mit seiner leichten, kühlen Höhenluft Linderung für Schmerzen und Übelkeiten zu erlangen, war ja das programmatische Ziel der Reise und ließ ihn schließlich alle Bedenken und Befürchtungen vor Menschenmassen und Basler Bekannten beiseiteschieben – wiewohl er auch in Wiesen noch größten Widerwillen empfunden hatte angesichts der zahlreichen Durchreisenden, die er beobachten konnte: «Der Engadin ist mir durch den Überfluß von Deutschen und Baslern fast unbetretbar, das sehe ich jetzt ein (auch s e h r theuer)», so schrieb er noch am 7. Juni an seine Schwester Elisabeth25. Und als wolle er sich schon im Ansatz eine neuerlich, am Ende gar verlockende Reflexion verbieten, fügte er noch hinzu – und es klingt fast wie eine Beschwörungsformel – «Sonst ist a l l e s wie geschaffen, um h i e r gesund zu werden.»26 Es ist erstaunlich, wie schwer sich Nietzsche mit dieser Entscheidung offensichtlich tat, und liefert doch ein schönes Beispiel für eines von Nietzsches Lieblingsthemen, hier also aus eigener Erfahrung: die Macht der Vorurteile!

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KSB 4/248 f. An Elisabeth Nietzsche, KSB 5/416. Ebenda.


Champfèr

Champfèr Und so also schloss sich Friedrich Nietzsche dem Zug der «Bleichsüchtigen und Nervenschwachen» eines Tages dann doch an. Für seine Reiseplanungen konnte er das Handbuch für Reisende von Karl Baedecker konsultieren. Das Buch Die Schweiz, nebst angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol befand sich in dessen zwölfter Auflage von 1869 in seinem Besitz und kann daher mit Sicherheit als sein Begleiter wie Ratgeber angenommen werden. Das Exemplar ist auf dem Vorsatzblatt mit «Dr. Nietzsche Professor in Basel» von ihm signiert und gehört noch heute zu den Beständen von Nietzsches persönlicher Bibliothek, wie sie sich heute in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu Weimar (HAAB) erhalten haben.27 Karl Baedecker gibt in seinem Handbuch keine detaillierten Auskünfte über die Reisemodalitäten, er verweist hierzu auf das «Schweizerische EisenbahnCursbuch, Basel, Chr. Krüsi (40 c.)» sowie auf «Züllig’s Kurskarte (75 c.)».28 Eine genauere Beschreibung der damaligen Zufahrtswege in das Obere Engadin gibt dafür Michael Caviezel in seinem Büchlein Das Oberengadin. Ein Führer auf Spaziergängen, kleinen und grossen Touren. Für Touristen, Bade- und Luftkuranten, im Jahre 1876 erschienen im Selbstverlag in Chur: Auf mehreren wohlangelegten Kunststrassen gelangt der Reisende über die tiefen Einsattlungen zwischen den Gebirgen in dieses Hochthal. Von Chur aus, wo die «Vereinigten Schweizerbahnen» ihren Endpunkt erreichen, führt die sogenannte «obere» Strasse durch die herrliche Landschaft Churwalden und über die Lenzerheide – in Lenz sich verzweigend – durch den linken Arm am schauerlichen Bergünerstein vorbei und über den malerischen Albulapass nach Ponte, durch den rechten Zweig nach dem romantischen Oberhalbstein und über den altbekannten Julierpass nach Silvaplana. Auf der «untern» Strasse gelangt man nach dem nahe an der weltberühmten Viamala gelegenen, stattlichen Flecken Thusis und den nicht minder sehenswerten Schyn an die Julier- und Albulastrasse.29

27 Nach: Campioni Giuliano, D’Iorio Paolo, Fornari Maria Cristina, Fronterotta Francesco, Orsucci Andrea, Müller-Buck Renate, Mitarbeit, Nietzsches persönliche Bibliothek, Supplementa Nietzscheana 6, Berlin/New York, 2003, S. 129. 28 Baedecker Karl, Die Schweiz, nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol. Handbuch für Reisende. Mit 21 Karten, 7 Stadtplänen und 7 Panoramen. Zwölfte vermehrte und verbesserte Auflage, Coblenz, 1869, VI, S. 328. 29 Caviezel Michael, Das Oberengadin. Ein Führer auf Spaziergängen, kleinen und grossen Touren. Für Touristen, Bade- und Luftkuranten, Chur, 1876, S. 6. Eine sehr umfangreiche chronologische Bibliographie des Reverends W.A.B. Coolidge eröffnet weitere umfangreiche Einblicke in die einschlägige Literatur bis 1893; Coolidge W.A.B., La Haute Engadine et le Bregaglia a travers les Siècles. Histoire et Biographie, Zürich, 1894. S. 53– 67; mit Photographien von Flury Alexandre.

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I. Wege, Kuren und Diäten

Abbildung 5:

Postkutsche auf dem Julierpass (Julierpost), ca. Sommer 1880

Fünf Jahre zuvor hatte Nietzsche seine Reise von Chur aus nach Bergün in einem Brief an die Schwester Elisabeth beschrieben: Der «Bergüner Stein» hatte ihn schon damals tief beeindruckt: Morgen[s] ging es um 3/4 auf 5 weiter, herrliche Gegenden. Ein Holländer war mein Reisegenosse, gewöhnlich fuhren wir beide in einem Einspännerchen hinter den Posten her. Der Bergüner Stein und das ganze Thal ist wirklich das Schönste, was ich sah.30

Von Wiesen aus konnte Nietzsche zur Weiterreise bequem die Postkutsche nehmen, die auf der Strecke von Davos nach Tiefenkastel im Hôtel Bellevue ihre Rast einlegte, den Wechsel der Pferde abwartend. In Tiefenkastel kreuzten sich die Postkutschenwege von Thusis und Chur/Lenzerheide nach Davos und ins Oberengadin über den Julier- und über den Albulapass. In Alvaneu bereits konnte Nietzsche die Kutsche aber wechseln, um über Filisur, Bergün und Preda über den Albulapass ins obere Engadin zu gelangen. Diese Route ist erheblich kürzer als diejenige über Tiefenkastel und den Julierpass, ein Unterschied, der sich vornehmlich zur damaligen Zeit des langsamen und bisweilen durchaus beschwerlichen Reisens mit Postkutschen und Kaleschen, gar mit einem «Einspännerchen» wie Nietzsche schreibt, auswirkte. Von Chur nach St. Moritz war 30

An Elisabeth Nietzsche, KSB 4/245.


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