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Willensnation wider Willen

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ROMAN BONDERER

Willensnation wider Willen

Die medialen Konflikte in der Entstehungszeit des Schweizer Nationalstaats (1830 –1857 )


Roman Bonderer

Willensnation wider Willen Die medialen Konflikte in der Entstehungszeit des Schweizer Nationalstaats (1830–1857)

Schwabe Verlag


Die Druckvorstufe dieser Publikation wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt.

Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde an der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern.

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MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen

www.fsc.org

FSC® C083411

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: «Was jezt denn mit dem Sonderbund anzufangen wäre!», abgedruckt in «Der Guckkasten. Zeitschrift für Witz, Laune und Satyre» vom 24.07.1847. Korrektorat: Monika Paff, Langenfeld Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: Schwabe Verlag, Berlin Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4243-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4244-2 DOI 10.24894/978-3-7965-4244-2 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt Dank  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1 Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1.2 Methode  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 1.3 Medienhistorische Aspekte  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 1.4 Quellen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 2 Die Eidgenossenschaft zwischen 1830 und 1857  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 2.1 Prolog: ein Blick zurück  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 2.2 Die Julirevolution und die Regeneration (1830)  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 2.3 Der Napoleonhandel (1838)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 2.4 Der Züriputsch (1839)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 2.5 Die Freischarenzüge (1844/45)  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 2.6 Der Sonderbundskrieg (1847)  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 2.7 Die Bundesverfassung (1848)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 2.8 Der Neuenburgerhandel (1856/57)  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 3 Der Kampf um die Geschichte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 3.1 Einleitung und Forschungsstand  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 3.2 Angleichende Gebrauchsweisen?  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 3.3 Geschichtsgebrauch nach 1848  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 3.4 Exkurs: Die Bundesstaatsgründung und die Frage der Zäsur  .. . . . . 144 3.5 Zwischenfazit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 4 Nation und Nationalismus  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 4.1 Einleitung und Forschungsstand  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 4.2 Der Nationalismus der Radikalen: radikaler Nationalismus  .. . . . . . 190 4.3 Nationsvorstellung und Patriotismus der Konservativen  .. . . . . . . . . 212 4.4 Nation und Nationalismus nach 1848  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 4.5 Zwischenfazit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241


Inhalt

5 Konfession und Konfessionalisierung  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 5.1 Einleitung und Forschungsstand  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 5.2 Die liberale und radikale Konfessionalisierung  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 5.3 Die katholisch-konservative Konfessionalisierung  .. . . . . . . . . . . . . . . . 279 5.4 Die protestantisch-konservative Konfessionalisierung  . . . . . . . . . . . . 288 5.5 Konfession nach 1848  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298 5.6 Zwischenfazit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 6 Der Kampf um die tugendhafte Männlichkeit  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 6.1 Einleitung und Forschungsstand  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 6.2 Die Männlichkeiten der Regenerationszeit: geteilte Tugenden  . . . . 330 6.3 Die Männlichkeiten der Regenerationszeit: liberale Spezifika  . . . . 349 6.4 Die Männlichkeiten der Regenerationszeit: konservative Spezifika  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 6.5 Kontext und Opportunismus  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 6.6 Die Frauen  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 6.7 Zwischenfazit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378 7 Fazit  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 8 Bibliographie  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405 8.1 Quellen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405 8.2 Forschungsliteratur  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 8.3 Online-Ressourcen  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 9 Anhang  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 9.1 Übersicht Zeitungen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442 9.2 Vollständige Liste der zitierten Zeitungsartikel  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 444 Index  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453


Dank Nun ist es also da, das Buch. Es ist das Resultat einer langen, gewiss sehr schönen, aber nicht immer einfachen Reise. Einer Reise, auf der ich nicht nur viel über die Schweiz und Europa im 19. Jahrhundert gelernt habe, sondern auch über mich selbst und meine Mitmenschen. Von letzteren möchte ich einige hervorheben, die die vergangenen Jahre und somit die vorliegende Arbeit geprägt haben. Zuallererst gilt mein Dank meinem Doktorvater Joachim Eibach. Er war es, der mich am Ende meiner Studienzeit für the Age of Revolution begeistert hat. Und er war es, der nicht nur mich und meine Arbeit in sehr angenehmer, konstruktiver und hilfsbereiter Art und Weise betreut hat, sondern der auch dafür gesorgt hat, dass das Forschungsprojekt überhaupt vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert wurde. Einen Betreuer zu haben, der mit Fachkompetenz glänzt und gleichzeitig mit der richtigen Mischung aus Motivierung, Pragmatismus und Lebensfreude die Arbeit begleitet, ist ein Privileg. Ausserdem möchte ich meinem Zweitgutachter André Holenstein danken. Nicht zuletzt durch seine ausführliche und kenntnisreiche Kommentierung des Manuskripts hat die Arbeit an Qualität gewonnen. Dem Schweizerischen Nationalfonds, der diese Dissertation durch die Förderung des Projekts «Der neue Bürger und die neue Politik. Mediale Kon­struk­ tionen in Predigt und Presse in der deutschsprachigen Schweiz (1830–1850)» ermöglicht und überdies die Veröffentlichung der Studie finanziert hat, bin ich ebenfalls zu Dank verpflichtet. Es ist dies auch der Ort, um mich ganz herzlich bei meinen Eltern und meiner Schwester zu bedanken. Weder sie noch ich hätten wohl gedacht, dass aus ­einem KV-Lehrling in Staatsbeamten-Uniform dereinst jemand werden würde, der eine Arbeit bei einem wissenschaftlichen Verlag publizieren darf. Ihrer Unterstützung unterschiedlicher Natur verdanke ich es, dass ich meinen Werdegang der letzten mehr als zwei Jahrzehnte so gestalten konnte, wie ich mir das wünschte. Grösster Dank gebührt auch meiner lieben Freundin Eva Wieser. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich meine Dissertation ohne ihre tagtägliche Unterstützung, ihr Mitdenken und ihr geduldiges Zuhören nicht geschafft hätte. Es ist weiter ein riesiges Glück, auf so viele Freundinnen, Freunde und Verwandte zählen zu können. Ihnen allen bin ich in tiefer Dankbarkeit verbunden. Sei es bei einem Abend­essen, auf dem Tennisplatz oder in den Bergen – sie alle haben viel dazu beigetragen, dass dieses Buch erscheint. Besonders erwähnen möchte ich hier meine Tante ­Gisela Rosenmund, die es mir mit ihrer Grosszügigkeit ermöglicht hat, im Engadin die Ruhe und Ablenkung zu finden, die ich brauchte. Ein ­besonderer Dank geht zudem an Suzanne Claire Cottier. Sie weiss selbst am besten, was sie geleistet hat.


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Dank

Man muss das Auf und Ab einer Promotionszeit nicht im Detail kennen, um erahnen zu können, dass nette Bekanntschaften den Alltag wesentlich erleichtern, ja erheitern können. Wenn sie dann gleichzeitig die eigene Arbeit noch inhaltlich markant weiterbringen und in so mancher Diskussion helfen, die Thesen zu schärfen, dann hat man vollends ins Schwarze getroffen. In dem Sinne: herzlichen Dank Andreas Oefner für die schöne Zeit im gemeinsamen Büro, an ostdeutschen Kirchengeschichtsseminaren und bei abenteuerlichen Nachtzugfahrten. Gerade die letzte Phase der Dissertation hat mir ferner meine geschätzte Schreibgruppe versüsst: vielen Dank an Laura Bohnenblust, Eva Kuske, Angela Lindt, Marion Mathier, Andrea Müller und Noah Oehri. Nicht unerwähnt bleiben soll hier Mike Toggweiler, der mich routiniert und mit der nötigen Prise Gelassenheit und Witz durch die Zeit an der Graduate School des Walter Benjamin Kolleg begleitet hat. Mein Dank richtet sich ausserdem an Nina Brennecke, Annina Clavadetscher und Thomas Hirt, die die Publikation dieser Arbeit seitens des Schwabe Verlags professionell, geduldig und in wertschätzender Weise unterstützt haben. Zu ­guter Letzt will ich mich bei meinem Lektorats- und Korrektoratsteam bedanken, das die unentbehrliche Portion Akribie und intellektuelle Lust in die Arbeit eingebracht hat: Das sind Lorenz Baader, Daria Bohli, Myrtha Bonderer, Silvia Bonderer, ­Didier Burgener, Maurice Cottier, Mauro Di Cioccio, Arno Haldemann, Eric Häusler, ­Vitus Huber, Oliver Käsermann, Andrea Müller, Andreas Oefner, Daniel Sidler, Norbert Wernicke und Eva Wieser.


1 Einleitung 1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand In einem Rückblickartikel, den die radikale Appenzeller Zeitung am 18. Dezember 1847 – also rund einen Monat nach dem Sieg der Tagsatzungsarmee über den Sonderbund – veröffentlichte, war Folgendes zu lesen1: Man hat seiner Zeit die Freischaarenzüge gegen Luzern und ihr Misslingen als ein grosses Unglück, als eine gewaltige Niederlage und Schmach der Liberalen dargestellt […]. Was damals Wenige ahnten, das ist nun erfolgt: die verunglückten Freischaarenzüge haben dem Liberalismus den Weg zum Siege gebahnt und den Sturz der Reaktion befördert. […] Aus dem Freischaarenunglück gingen dem Liberalismus zwei grosse Vortheile hervor: Vorsicht und Einigung der Liberalen einerseits, Hochmuth und Frechheit der Reaktion andrerseits. Nun lehrt uns aber die Geschichte auf allen Blättern, dass Vorsicht und Eintracht zum Sieg, Hochmuth und Frechheit zum Falle führen. […] Der Sieg der Reaktions- und Jesuitenpartei über die Freischaaren war der Vorbote ihres baldigen Sturzes. Von diesem Siege an bemächtigte sich ihrer ein unerträglicher Uebermuth; […] ihre Presse wurde zu einer wahren Kloake der Lüge, der Lästerung, der Heuchelei. Wer die katholische Zeitung, den Wahrheitsfreund, das freie Wort, die Basler und die eidg. Zeitung in den drei letzten Jahren gelesen hat, fühlt einen wahren Abscheu vor dieser durch und durch demoralisirten Partei. […] Uebermuth und Frechheit liessen die Reaktion alle Vorsicht vergessen; sie trat im bewaffneten Sonderbunde nicht mehr gegen einzelne Kantone, sondern gegen den Bund, […] gegen die Eidgenossenschaft auf. Nun war sie auf dem Punkt, wo man sie von Gesetzes wegen greifen konnte. Und man hat sie gegriffen und ihrem Treiben ein Ziel gesetzt.2

Der Wortlaut dieses Auszugs führt mitten in die hier zu behandelnde Zeit und in die hier zu behandelnde Thematik und legt dabei so manche Fährte, die es nachfolgend aufzunehmen gilt. Zunächst einmal betrifft dies wesentliche Vorkommnisse der als Regeneration bekannten Epoche zwischen 1830 und 1848: zwei als Freischarenzüge in die Geschichte eingegangene Angriffe auf das damals konservativ regierte Luzern (1844/45) sowie den Sonderbundskrieg (1847).3 Beides waren 1 2 3

Zur Verwendung der Begriffe liberal und radikal vgl. die Hinweise auf Seite 28. Zum Sonderbundskrieg vgl. den Abschnitt 2.6. Aus Glück – Unglück, in: Appenzeller Zeitung (18.12.1847) [Hervorhebung im Original]. Zum Umgang mit der Quellensprache vgl. Anm. 2 in Kapitel 3. Zur Typographie: Oft finden sich Begriffe und Kategorien, die dem zeitgenössischen Vokabular entspringen, die aber gleichzeitig in die Forschungsliteratur Eingang fanden. Dies betrifft nebst Epochennamen und Ereignissen auch Kategorien wie radikal, liberal und konservativ


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1 Einleitung

Schlüsselereignisse auf dem Weg der Eidgenossenschaft vom Staatenbund zum Bundesstaat. Der Sonderbundskrieg stellte gleichsam den ‹Höhepunkt› einer Ära dar, die in den Worten Albert Tanners von einem «politische[n] Glaubenskrieg»4 geprägt war. Damit verweist das Zitat gleichsam auf das Charakteristikum jener Zeit: die Konflikthaftigkeit. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Erscheinungsdatum des Artikels. Er wurde mehr als drei Wochen nach dem Sieg der Tagsatzungstruppen über den Sonderbund publiziert. Somit lässt der Text deutlich erkennen: Trotz des vollumfänglichen Triumphs der Sieger sucht man auch Wochen nach Kriegsende vergebens nach versöhnlichen Tönen. Wer sich in dieser Auseinandersetzung, die im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht, gegenüberstand, verrät die (gewiss parteiische) Quelle ebenfalls: der lobend erwähnte (und siegende) Liberalismus einerseits und der im Rückgriff auf einschlägige und in herabsetzender Absicht eingesetzte Begrifflichkeiten als ‹Reaktion› und ‹Jesuitenpartei› betitelte (und nun gestürzte) Konservatismus andererseits. Die Tatsache, dass eine liberale Zeitung den konservativen Gegner als ‹Jesuiten­partei› verunglimpfte, verweist auf ein erstes zentrales inhaltliches Merkmal der hier zu behandelnden Streitigkeiten: die hohe Bedeutung der Konfession und damit konfessioneller Polemik. Wie es dazu kam und welche Konsequenzen dies hatte, darauf ist zurückzukommen.5 Es lohnt sich, noch etwas beim obigen Zitat zu verweilen. Denn es liefert weitere spannende Hinweise. Dies betrifft etwa eine zweite, im Artikel vorgenommene Gegenüberstellung. So machte der Autor aus dem Sonderbundskrieg nicht nur einen Kampf zwischen Reaktionären und Liberalen, sondern auch einen zwischen Sonderbund und Eidgenossenschaft. Mit anderen Worten: Die von der Appenzeller Zeitung repräsentierten Liberalen bzw. Radikalen nahmen für sich in Anspruch, die Eidgenossenschaft – oder um den dominanten zeitgenössischen Begriff zu verwenden: die Nation – zu repräsentieren. Auch dies deutet auf ein massgebliches Charakteristikum der betrachteten Zeit hin: Die liberale Bewegung war auch eine nationale; ihr Ziel war ein mit einer Verfassung ausgestatteter Nationalstaat. Dass allerdings auch die konservativen Kontrahenten über eine (abweichende) nationale Vision verfügten, wird genauer zu thematisieren sein. Doch nicht nur auf die bestimmende Stellung der Konfession und nationaler Visionen weist die Quelle hin. Gewissermassen als Orientierungshilfe für die dama-

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sowie Schlüsselbegriffe des Diskurses des 19. Jahrhunderts wie Väter, Vaterland, Nation, Freiheit, Tugend usw. Aufgrund ihrer Häufigkeit und somit auch aus Gründen der Lesbarkeit werden sie nicht jedes Mal (etwa mittels einfacher Anführungszeichen) gekennzeichnet. Tanner, Recht, 113. Wird im Nachfolgenden von Zeitungen gesprochen, sind damit politische Zeitungen gemeint. Diese zeichneten sich im hier betrachteten Kontext nicht nur allgemein durch die Thematisierung der Politik aus, sondern auch durch deren Kommentierung. Für eine Klassifizierung und die Unterschiede zu den weiteren Haupttypen (Intelligenz- und Wochenblätter) vgl. Faulstich, Mediengeschichte, 21f.


1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand

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lige Gegenwart diente dem Autor ‹die Geschichte›, aus der es zu lernen gelte. Hier legt der Auszug eine weitere wichtige Fährte. Bezugnahmen auf die Geschichte, meist auf die schweizerische, waren in den Auseinandersetzungen rund um die politische Zukunft der Schweiz geradezu notorisch. Dominant war der Begriff der Väter, denen allerdings die unterschiedlichen Gruppierungen abweichende Eigenschaften zuschrieben. Wie zu zeigen sein wird, war das Ziel handlungsleitend, politische Forderungen der Gegenwart mit Geschichtsbezügen zu legitimieren. Ferner schrieben die Zeitgenossen den Ahnen, wie sie auch genannt wurden, Eigenschaften bzw. Tugenden zu, die erstere sich von ihren Mitbürgern erhofften. Dies verdeutlicht, wie sehr das Bild, das von den Vätern gezeichnet wurde, von gegenwartsbezogenen Interessen gesteuert war. Doch über Tugenden, und dies lässt sich ebenfalls aus dem obigen Beispiel ablesen, wurde nicht nur dann gesprochen, wenn es um die Alten Eidgenossen ging. Ganz allgemein waren die Zeitungstexte, die die Quellenbasis für die vorliegende Studie liefern, voll von Aussagen über Tugenden und Untugenden. Die Verurteilung von Hochmut und Übermut und die positive Würdigung von Einigkeit und Vorsicht ist demnach alles andere als zufällig. Diesen Aspekt gilt es ebenfalls im Hinterkopf zu behalten. Ein letzter Hinweis soll diese einleitende Quellendiskussion abschliessen. Man braucht keine detaillierte Stilanalyse vorzunehmen, um zu erkennen: Hier wurde ein leidenschaftlicher, ja teilweise roher und vor offenen Beleidigungen keinesfalls zurückschreckender Stil gepflegt. Dies verweist zum einen darauf, wie konfliktgeladen die bearbeitete Zeit war, zum anderen auf einen medienhistorisch (und quellenkritisch) entscheidenden Befund: Bei den zu analysierenden Presseorganen handelte es sich zweifelsfrei um Parteiblätter, auch wenn es Parteien im modernen, institutionalisierten Sinne noch nicht gab.6 Nicht zuletzt der Umstand, dass der oben zitierte Artikel auf andere, offenbar feindliche Zeitungen Bezug nahm, zeigt weiter, dass – nebst der Forschung – schon die Zeitgenossen davon ausgingen, dass den Zeitungsmedien als meinungsbildende Instanzen, aber auch als Katalysatoren der hier untersuchten Konflikte eine sehr hohe Bedeutung zukam. Dass darüber hinaus die Medien des politischen Gegners richtiggehend zum Feindbild, ja zum Hassobjekt werden konnten, zeigt sich in einer Episode aus dem Sonderbundskrieg. Die Druckerei Räber, die die (im Eingangszitat als ‹katholische Zeitung› betitelte) Staatszeitung der katholischen Schweiz verlegte, entging im Nachgang der Unterwerfung Luzerns im November 1847 nur durch glückliche Umstände der Zerstörung durch radikal gesinnte Soldaten der Tagsatzungstruppen. Ganz offensichtlich suchten diese gezielt den Ort auf, wo die verabscheute Zeitung gedruckt wurde.7

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Der Begriff der Partei wird in dieser Arbeit im Sinne von Heidi Bossard-Borner verwendet, die Parteien im Hinblick auf die zeitgenössische Konstellation als «Gesinnungsgemeinschaften» definiert (Bossard-Borner, Sonderbund, 12). Vgl. Raeber, Pfaffenherrschaft, 207–209.


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1 Einleitung

Diese bisherigen Ausführungen weisen sodann auf das zentrale Forschungsobjekt dieser Arbeit hin: die (in Deutschschweizer) Medien ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Liberalen bzw. Radikalen in der Zeitspanne zwischen 1830 und 1857. Dabei deutet es das Jahr 1857 bereits an: Um die klassischen Periodisierungen und deren geschichtsnarratologische Implikationen zu umgehen und (damit verbunden) um Brüche und Kontinuitäten über die Epochenwende von 1848 hinaus erforschen zu können, wird der Untersuchungszeitraum in die 1850er Jahre hinein verlängert8 – doch zur Korpusbildung weiter unten mehr. Ziel ist es, die welt­ anschaulichen Spezifika von Liberalismus und Konservatismus detailliert zu erforschen. Oder genauer: Das diesbezügliche Wissen soll um wesentliche Gesichtspunkte erweitert, Forschungslücken geschlossen und problematische Forschungstendenzen korrigiert werden. Folgende Fragestellungen sind hierbei leitend: Welches waren die Ziele dieser zwei politischen Gruppierungen? Welche Argumente kennzeichneten ihr Denken? Wie wurden die zeitgenössischen Ereignisse interpretiert und dargestellt? Wie wurde mit der Tatsache umgegangen, dass es jeweils ein anderes, feindliches politisches Lager gab, dessen Ziele sich von den eigenen fundamental unterschieden? Welche Grundsätze steuerten ihre Deutung der damaligen Gegenwart? Was war, um Willibald Steinmetz’ einschlägige Formulierung aufzugreifen, für die Zeitgenossen unterschiedlicher politischer Couleur ‹sagbar›?9 Welche grundsätzlichen Eigenschaften sind für den damaligen (Medien-)Diskurs charakteristisch? Bevor darzulegen ist, wie genau vorgegangen wird, auf welche methodisch-­ theoretischen Grundlagen sich diese Arbeit stützt und anhand welcher Themenkomplexe die soeben aufgeworfenen Grundsatzfragen behandelt werden, ist ein Blick auf die Forschung angezeigt. Vorauszuschicken sind hierzu zwei Punkte: Erstens ergibt eine umfassende Schilderung des Forschungsstands zur Regenerationsepoche keinen Sinn.10 Entsprechend werden hier lediglich die wichtigsten und im Hinblick auf die Fragestellung relevanten Arbeiten hervorgehoben. Dieses Vorgehen wird zweitens dadurch gestützt, dass zu den im Rahmen dieser Studie vertieften Aspekten in den jeweiligen Kapiteln genauere diesbezügliche Hinweise gemacht werden. Was den Stand der Forschung grundsätzlich angeht, so sticht vor allem eins ins Auge: die angesichts der herausragenden Bedeutung der hier betrachteten Jahrzehnte für die Entstehung der modernen Schweiz frappierend geringe Aufmerksamkeit, die die Regenerationszeit seit Längerem erhält. Philipp Sarasins 8

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Vgl. zur Thematik von Bruch und Kontinuität sowie zu den verschiedenen Typen der Teleologie, die die Schweizer Historiographie zu 1848 geprägt haben, Speich Chassé, Bundesstaatsgründung sowie Abschnitt 3.4. Zum geschichtsnarratologischen Aspekt gilt es vorderhand zu sagen, dass eine Ausrichtung auf das Jahr 1848 und somit auf den Moment der Nationalstaatsgründung eine für die Nationalgeschichtsschreibung typische Gefahr in sich birgt – nämlich jene, Nationalgeschichte «als determinierte Entfaltung der Nation in ihren Anfechtungen und Triumphen» zu schreiben (Maissen, Eidgenossenschaft, 19). Steinmetz, Sagbare. Vgl. als jüngsten Überblick zum Forschungsstand Herrmann, Angst, 418–421.


1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand

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schon etwas älteres Urteil, die ideologischen Kämpfe der 1830er und 1840er Jahre würden «die Universitätshistorie nur bedingt» interessieren, kann demnach noch immer Gültigkeit beanspruchen.11 Das Desinteresse betrifft im Übrigen nicht nur die Wissenschaft. Mit guten Gründen darf angenommen werden, dass die entscheidende Ursache dafür das hier ins Zentrum gerückte Hauptcharakteristikum jener Ära ist: die Konflikthaftigkeit. Somit sperren sich die Jahrzehnte rund um die Bundesstaatsgründung gegen eine politisch motivierte Mythisierung, zumal eine entsprechende ‹Erinnerung› vor dem Problem stand bzw. steht, dass wesentliche Teile der Schweiz und ihrer Bevölkerung in den neuen Staat gezwungen wurden.12 In den letzten Dekaden hat einzig das Jubiläumsjahr 1998 mehrere (Sammel-) Publikationen angestossen, die Arbeiten beinhalten, welche für die vorliegende Studie wichtige Grundlagen liefern.13 Hervorzuheben sind insbesondere die Arbeiten Albert Tanners und Josef Langs zum Liberalismus14 und Radikalismus15 sowie von Marco Jorio16 und Carlo Moos17 zum Konservatismus. Selbst wenn manche dieser meist kürzeren, unselbständigen Publikationen eher den Forschungsstand zusammentrugen bzw. der interessierten Leserschaft der Jubiläumszeit (auch ausserhalb der Akademie) die Bedeutung der Jahre zwischen Helvetik und Bundesstaatsgründung in Erinnerung riefen, kommt diesen Arbeiten ein grosses Verdienst zu: Obwohl 11

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Sarasin, Überlegungen, 270. Anders müsste das Urteil für die grossen Werke der Nationalgeschichtsschreibung ausfallen, die rund um die Jahrhundertwende von 1900 herum entstanden. Vgl. dazu Buchbinder, Wille; Maissen, Conflicts, 18–21. Dabei ist ganz konkret an die Ereignisse von 1847/48 und somit an den Bürgerkrieg und dessen Verlierer zu denken. Sarasins und auch Tobias Kästlis plausiblen Ausführungen zufolge fand das Jahr 1848 nicht zuletzt deshalb keine nachhaltige Verankerung im kollektiven Gedächtnis, weil die Sieger von 1847/48 die Unterlegenen nicht ständig an deren Niederlage erinnern wollten. Vgl. Kästli, Schweiz, 379; Sarasin, Überlegungen, 271. In diesem Sinne auch Holenstein, Europa, 260. Ausschliesslich am Beginn der Zeit nach 1848 gab es Versuche, die Ereignisse gerade des Jahres 1847 in den Befreiungsmythos zu integrieren. Vgl. Tanner, Staat, 63. Vgl. das Beispiel einer durch die Zürcher Regierung initiierten Feier im Jahr 1851 Zimmer, Nation, 154–157. Vgl. dazu auch Seite 140 dieser Arbeit. Eine spannende diesbezügliche Ausnahme ist General Dufour. Nach ihm wurde nicht nur (im Jahr 1863) der höchste Schweizer Berggipfel benannt, sondern auch etliche Strassen und Plätze in grossen Städten wie Bern, Biel oder Zürich. Ob er, wie von Maissen behauptet, betreffend Popularität tatsächlich mit Tell, Bruder Klaus und General Guisan zu vergleichen ist, kann aber sicherlich angezweifelt werden. Dasselbe gilt für die Aussage, die Erinnerung an den konservativen, sich in den Dienst der Nation stellenden und sich durch Milde auszeichnenden General habe den Besiegten von 1847 geholfen, den neuen Bundesstaat zu akzeptieren. Vgl. Maissen, Conflicts, 18. Zu Dufour und zum Sonderbundskrieg vgl. auch Abschnit 3.2.5. Hildbrand/Tanner, Zeichen; Ernst/Tanner et al., Revolution; Altermatt, Konstruktion; Studer, Etappen; Tanner, Zukunft. Vgl. ferner die im Zusammenhang mit Ausstellungen des Schweizerischen Landesmuseums entstandenen Bände: Erfindung; Kaenel, Drehscheibe. Tanner, Volk. Tanner, Recht; Lang, Radikale; ders., Bundesrevolutionär. Jorio, Pakt; ders., Gott; ders., Rückzug. Moos, Hochland; ders., Dimensionen. Vgl. auch Moos, Fragen.


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durchaus blinde Flecken bestehen blieben18, haben sie auf die Dringlichkeit einer differenzierten Betrachtung des Liberalismus bzw. Radikalismus und mehr noch des Konservatismus aufmerksam gemacht. Betreffend Konservatismus gilt dasselbe für die Studien von René Roca19 und Oliver Zimmer20. Insbesondere auf letztere wird eingehender zurückzukommen sein, wenn es um das Thema nationale Visionen und Nationalismus geht.21 Die erste Ausnahme, was das relative (Des-)Interesse an der hier fokussierten Zeit angeht, stellt die Demokratieforschung dar. Von der Frage ausgehend, wie es genau zur Ausbildung jener für die Schweiz typischen Spielart der (direkten) Demokratie gekommen sei, konnten diese – naturgemäss mehrheitlich mit anderen Quellen arbeitenden22 – Analysen derweil wichtige Resultate zur Verfassungs- und Ideengeschichte der Schweiz und somit auch zur hier bearbeiteten Ära liefern.23 Hervorzuheben sind hier die Arbeiten von Benjamin Adler zum Kanton Schwyz, von Marco Arni zum Kanton Aargau, von René Roca zum Kanton Luzern, von ­Barbara Weinmann zum Kanton Zürich, von Bruno Wickli zum Kanton St. Gallen sowie die Überblickswerke von Rolf Graber, Andreas Suter und die schon etwas älteren Arbeiten von Martin Schaffner.24 Die zweite Ausnahme hinsichtlich der Nichtbeschäftigung betrifft nicht eine Forschungsrichtung, sondern eine Historikerin: Irène Herrmann. In mehreren Publikationen hat sie sich in den vergangenen Jahren mit der Zeit zwischen 1798 und 1848 auseinandergesetzt. Zu nennen wäre hier nebst zahlreichen kürzeren Arbeiten25 ihr umfassendes Werk zu den innerhelvetischen Konflikten im langen 19. Jahrhundert und deren Bewältigung (‹Les cicatrices du passé. Essai sur la gestion des conflits en Suisse (1798–1918)›)26. Auf letzteres wird nochmals zurückzukommen sein. Von derselben Autorin stammt auch der jüngste Überblickstext zur Epoche zwischen Helvetischer Republik und Bundesstaatsgründung, der im 2014 publizierten Handbuch ‹Die Geschichte der Schweiz›27 erschien. Er darf nebst dem ent-

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25 26 27

Vgl. insbesondere das Thema Nationalismus bei den Radikalen (dazu die Ausführungen in Abschnitt 4.2) oder der Umgang mit den (Umbau-)Plänen auf Seiten des Sonderbunds (dazu die Ausführungen in Abschnitt 4.2). Roca, Meyer. Zimmer, Nation. Vgl. Kapitel 4. Dasselbe gilt für den einschlägigen Aufsatz Siegenthaler, Supranationalität. Dazu zählen primär Petitionen, Proklamationen, Memoriale, Verfassungstexte, Verträge, Ratsprotokolle, Amtsdokumente u.a.m. Vgl. etwa die kommentierte Sammlung in Graber, Wege. Vgl. dazu auch die Ausführungen in Abschnitt 4.3. Adler, Entstehung; Arni, Opposition; Roca, Volkssouveränität; Weinmann, Bürgergesellschaft; Wickli, Kultur; Graber, Wege; ders., Demokratie; Suter, Nachwort; ders., Demokratie; Schaffner, Konflikte; ders., Volk; ders., Bewegung. Exemplarisch Herrmann, Pax; dies., Democratization; dies., Suisse; dies., Gestion. Herrmann, Cicatrices. Dies., Angst. Vgl. auch die älteren Handbuchtexte Biaudet, Schweiz; Andrey, Suche.


1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand

15

sprechenden Kapitel in Thomas Maissens ‹Geschichte der Schweiz›28 als aktuelles Standardwerk gelten, was die Überblicksarbeiten angeht. In Anbetracht dessen, dass Einigkeit über die grosse Bedeutung herrscht, die den publizistischen Auseinandersetzungen als «zentrales kommunikatives ‹Übungsfeld› für die staatspolitische Entwicklung der Schweiz»29 zukam, kann es ferner besonders verwundern, dass auch zur politischen Publizistik seit einiger Zeit kaum gearbeitet wird. Nachdem ihr im Kontext des erwähnten Jubiläumsjahres, in dem auch Maissens Arbeit zur NZZ erschien, etwas mehr Aufmerksamkeit zuteilwurde30, ist die Forschung dazu (in der deutschsprachigen Schweiz) weitgehend eingeschlafen, sieht man von einer Arbeit zu Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius) und der Berner Presse ab.31 Allgemein kann mit Peter Meier festgehalten werden, dass «die Kommunikations- und Mediengeschichte […] hierzulande nach wie vor ein Schattendasein» fristet.32 Entsprechend reagiert die vorliegende Studie auf das von Meier formulierte Desiderat, dass gerade weitere «medienhistorische Forschung etwa zur Geschichte der Presse und der öffentlichen Meinung im 19. Jahrhundert» wünschenswert sei.33 Die relevanten Werke zur hier bearbeiteten Zeit beschäftigten sich entweder nur mit einem einzigen Medium, mit der französischsprachigen Schweiz oder mit einzelnen Kantonen.34 Hier setzt die vorliegende Arbeit, die in vergleichender Weise mehrere Periodika untersucht, an. Die einzige jüngere und in ihrer Anlage vergleichbare Arbeit ist Ursula Meyerhofers im Jahr 2000 erschienene Dissertation mit dem Titel ‹Von Vaterland, Bürgerrepublik und Nation. Nationale Integration in der Schweiz 1815–1848›.35 Die Studie, die die hier fokussierte Zeit ebenfalls anhand von Zeitungsquellen bearbeitet, stellt im Rahmen der vorliegenden Untersuchung sowohl Bezugspunkt als auch 28 29 30

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Maissen, Schweiz, 177–206. Ebenfalls als wichtige Überblickswerke zu sehen sind Kästli, Schweiz, 17–350; Müller, Schweiz. Müller, Umgang, 233. Maissen, Sonderbund. Die Arbeit liefert nicht zuletzt wichtige Informationen zur Einordnung der NZZ. Wie der Verzicht auf jegliche Nachweise zeigt, richtet sie sich ansonsten aber nicht (nur) an ein wissenschaftliches Publikum. Ansonsten zu nennen sind primär Guggenbühl, Presse­ freiheit; Müller, Umgang; Bollinger, Zeitungswesen; Luzzatto, Definition. Mahlmann-Bauer, Presse. Meier, Lücken, 4. Zum diesbezüglichen Forschungsstand vgl. Clavien/Scherrer, Presse. Bei ausführlichen HLS-Artikeln wird nachfolgend nur der Name der Person angegeben, die den jeweils relevanten Abschnitt verfasst hat. Ausnahmen (wie beim eben zitierten Beispiel) werden gemacht, wenn auf den gesamten Beitrag verwiesen wird. Meier, Lücken, 11f. Bei den Arbeiten, die sich genauerer inhaltlicher Analysen einzelner Zeitungen widmen, wäre zu nennen: Maissen, Sonderbund sowie Böning, Zschokke. Für die Romandie vgl. die zwei Arbeiten Clavien, Presse; Meuwly, Presse. Auf eine Auflistung der kantonalen Pressegeschichten wird hier verzichtet. Einige Hinweise finden sich bei der weiter unten folgenden Präsentation der ausgewählten Zeitungen. Mit Blick auf die hier behandelten Fragestellungen hervorzuheben gilt es grundsätzlich das Werk zum Kanton Aargau: Müller, Presse. Meyerhofer, Vaterland.


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Reibungsfläche dar. Die Autorin geht der Frage nach, wie es möglich war, dass es in der Schweiz mit der Bundesstaatsgründung von 1848 gelang, trotz der turbulenten Vorgeschichte und trotz des fundamentalen Umbaus des politischen Systems das Land zu befrieden. Ihre Antwort und gleichsam ihre These lautet, dass es «vor 1848 zur Herausbildung einer nationalen Selbstwahrnehmung kam, die über die augenscheinlich divergenten politischen Positionen hinweg wirkte» und es somit «ein nationales Selbstbild gab, das allgemein akzeptiert wurde und Gültigkeit hatte»36. Entscheidende Wirkmacht bei diesem Integrations- und Identitätsbildungsprozess kam Meyerhofer zufolge der gemeinsamen Geschichte bzw. den sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts annähernden Geschichtsinterpretationen von Konservativen und Liberalen sowie dem bürgerlich-republikanischen Diskurs zu.37 Eine solche Lesart ist allerdings kritisch zu sehen. Der erste Hauptgrund ist folgender: Diese Deutung tendiert stark dazu, die mit der Bundesstaatsgründung einhergehenden Erscheinungen wie eben den raschen Übergang zu einem gewaltfreien Zusammenleben und das Ausbleiben entsprechender, gegebenenfalls gewalttätiger Widerstände auf die spannungsreiche Ära vor dessen Gründung zurückzuprojizieren und dabei Protest und Konflikt systematisch zu unterschätzen. Hierzu gilt es nicht zuletzt zu bedenken, dass die beiden Grossgruppen 1847 für ihre Ziele in einen Bürgerkrieg zogen und sich der – zumindest sprachlich ungehemmte – Nationalismus der Radikalen gegen den innereidgenössischen Feind wandte. Die untersuchten Quellen zeugen nicht von Bemühungen um eine nationale Integration38, sondern im Gegenteil von einem unbändigen Willen, die eigene (und von jener des politischen Gegners abweichende) nationale Vision auf Biegen und Brechen durchzusetzen. Ferner sollte bedacht werden, dass in der Forschung Einigkeit darüber besteht, dass es zwar nicht die einzige, aber doch eine der wichtigsten Funktionen des 1848 errichteten Systems war, die freisinnige Stellung und Macht zu sichern.39 Dies ist als der zentrale Grund für den rasch etablierten (oberflächlichen) Frieden nach 1848 zu sehen.40 Wie zudem im ersten der nachfolgend zu erläuternden Hauptkapitel darzustellen sein wird, ist – zweitens – gerade die These der sich angleichenden Geschichtsdeutungen, die eines der wichtigsten Argumente Meyerhofers ist, schlicht falsch. Auch eine integrative Wirkung, die vom Republikanismus bzw. dem Berufen auf die republikanische Identität ausgegangen sein 36 37 38 39

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Ebd., 16. Die gleiche These auch in dies., Nationsbegriff, 50. Meyerhofer, Vaterland, 182–200. Ebd., 16. Vgl. exemplarisch Bossard-Borner, Sonderbund. Entscheidende Mittel, gerade was die Zusammensetzung des Parlaments angeht, waren nebst Manipulationen und bundesstaatlichen Eingriffen in kantonale Wahlprozesse das Majorzwahlrecht, die Wahlkreiseinteilungen und nicht-geheime Wahlen. Vgl. Tanner, Staat. Herrmann, Cicatrices, 120–126. Auch ist daran zu denken, dass das Verliererlager nach dem Sonderbundskrieg keine politischen Anführer mehr besass. Das Führungspersonal war ins Ausland geflohen oder so kompromittiert, dass es vorerst keine politischen Funktionen mehr wahrnehmen konnte. Vgl. Jorio, Rückzug, 97. Vgl. dazu auch Abschnitt 3.4.


1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand

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soll, lässt sich mit dem hier bearbeiteten Quellenmaterial nicht verifizieren.41 Problematisch ist ferner eine der leitenden – aber nicht zu belegenden – Annahmen, nämlich jene, dass der Bundesstaat ohne ein nationales Gemeinschaftsbewusstein nicht hätte bestehen können.42 Dies gilt unabhängig von der Frage, ob es ein wie auch immer geartetes schweizerisches Nationalbewusstsein schon gab. Obgleich sich Herrmann andernorts ausführlicher gerade mit der innerhelvetischen Zerrissenheit des langen 19. Jahrhunderts beschäftigt hat43, finden sich in ihrem oben erwähnten Handbuch-Artikel Aussagen, die stark an Meyerhofers Auffassungen erinnern. In ihren abschliessenden Überlegungen zu den Ereignissen der Jahre 1847/48 hält die Autorin fest: Durch die Konzeption des neuen Staats und der Volksrechte «als historisches Erbe» sowie deren «Legitimation durch die Tradition» hätten die Liberalen die Konservativen ‹überzeugt› – wobei unklar bleibt, wovon genau.44 Eine – allerdings nicht genauer hergeleitete – Angst vor Niedergang und Chaos habe eine «Übereinstimmung darüber hervorgebracht, dass es von Vorteil sei, sich miteinander zu vertragen, auch wenn man sich noch nicht wirklich verstand»45. Eine solche letztlich zustimmende Haltung zum Bundesstaat, die ­Herrmann nicht zuletzt durch eine fragwürdige (Um-)Deutung der Abstimmungsresultate des Sommers 1848 entwickelt46, lässt sich in den hier ausgewerteten Quellen nicht erkennen – und auch nicht in Anbetracht der politischen Ereignisgeschichte. Gegen die Errichtung einer politischen Ordnung, die man befürwortet, zieht man nicht in den Krieg. Vergleichbare Ausführungen finden sich ferner in Herrmanns bereits erwähntem Werk zur «gestion des conflits en Suisse» zwischen Helvetischer Republik und Erstem Weltkrieg.47 Obwohl sie sich in dieser Studie ausführlich der Konflikthaftigkeit der hier betrachteten Zeit widmet, kommt sie betreffend die ersten Jahre nach dem Sonderbundskrieg zum Schluss, zwischen den beiden Lagern habe sich bald eine gewisse wertemässige Einigkeit eingestellt.48 Ohne weiter zu definieren, was sie damit meint, hält Herrmann zudem fest, die Konservativen hätten auch die nationalen Ambitionen der Sieger unterstützt bzw. dem nationalen Triumph – wie die Liberalen – die Weihe erteilt.49 Gerade zu letzterer Aussage muss festgehalten 41 42 43 44 45 46 47 48 49

Meyerhofer, Vaterland, 186–200. Ebd., 13. Herrmann, Cicatrices. Dies., Angst, 417. Ebd. Vgl. dazu die Ausführungen in Abschnitt 3.4. Für eine kurze und adäquate Einordnung vgl. Tanner, Staat, 64f. Herrmann, Cicatrices. Ebd., 140. Ebd. Die Hauptargumente Herrmanns sind: 1) Der Umstand, dass die Verlierer von 1847 die Instrumente zu nutzen begannen, die die Verfassung von 1848 zur Verfügung stellte (etwa Wahlen zur Wiederherstellung ihrer Macht in den ehemaligen Sonderbundskantonen); 2) die Tatsache, dass sich der Widerstand gegen die neue Ordnung mehrheitlich im legalen Rahmen bewegte, was eine Anerkennung der neuen (Rechts-)Ordnung impliziere; 3) die in Anträgen


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1 Einleitung

werden: Wenn damit der ganz grundsätzliche Wunsch nach einem Wohlergehen des Vaterlands und nach nationaler Eintracht gemeint ist, liesse sich die These wohl aufrechterhalten. Wenn damit aber die Visionen bezüglich der Ausgestaltung dieser Nation gemeint sind, so ist dieser Auffassung zu widersprechen. Dies geschieht auch mit Blick auf die Arbeiten von Urs Altermatt50 und Heidi ­Bossard-­Borner51. Mit ihnen wird hier die These des bis zum Ende des Jahrhunderts dauernden Fortbestehens der alten Fronten und damit verbunden der schwierigen und langwierigen Eingliederung der Verlierer vertreten. In Abgrenzung zu diesen letztlich von einem in unangemessener Weise harmonisierenden Grundzug geprägten Positionen wird hier folgende Hauptthese vertreten: Zwar sind die spezifischen Vorzeichen des Schweizer Falls adäquat zu berücksichtigen. Es mussten etwa, und hier erwies sich die staatsstrukturelle Rückständigkeit der Schweiz gewissermassen als Glücksfall52, kein Monarch und kein spätabsolutistisches Regime beseitigt werden.53 Gleichwohl war die Schweiz kein Sonderfall.54 Wie in zahlreichen anderen Staaten55 waren das zentrale Merkmal der hier betrachteten Ära, die die entscheidende war für die Entstehung eines schweizerischen Verfassungs- und Nationalstaates, Konflikt, Gewalt und Instabilität. Als Erklärung drängt sich hierzu auf, dass mit dem von den Liberalen und später Radikalen verfolgten Ziel einer nationalstaatlichen Einigung zwangsläufig die Frage nach den Modalitäten und der Opportunität einer solchen Veränderung aufgeworfen wurde. Widerstand war somit gewissermassen vorprogrammiert.56 Durch den gewählten Ansatz legt die vorliegende Studie ferner den Finger nicht

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um den Erlass der Kriegsschulden vorzufindende Sprache, die von einer Kenntnis des gegnerischen Wertesystems zeuge. Die Stelle sei im Original zitiert: «D’autre part, cette compréhension, ainsi que la modération de leurs révoltes, trahissent même une certaine entente axiologique fondamentale. […] Au fond, les petits cantons souscrivaient aussi aux ambitions nationales qui animaient les grands. En consacrant le triomphe de la nation, l’après Sonderbund a donc, mutatis mutandis, tenu les promesses de la guerre, même si cette victoire demeurait encore bien fragile.» Altermatt, Ghetto; ders., Katholizismus. Bossard-Borner, Sonderbund. Von derselben Autorin stammt ferner die für die vorliegende Studie sehr wichtige Arbeit zum Kanton Luzern (dies., Spannungsfeld). Guggenbühl, Pressefreiheit, 230; Suter, Nachwort, 254. Suter, Revolution, 28–31. Vgl. dazu den multiperspektivischen Sammelband Eberle, Sonderfall. Das Geschehen in der Schweiz wird im Rahmen dieser Studie nicht systematisch mit der Entwicklung in anderen (europäischen) Staaten abgeglichen. Gleichwohl werden dort, wo es sich aufdrängt, Blicke über die Landesgrenze geworfen. In diesem Sinne versteht sich die Arbeit (auch) als eine, die dem Ziel verschrieben ist, durch das vergleichende Betrachten von historischen Alternativen und Parallelen eine «Landesgeschichte als Sonderfall unter Sonderfällen» zu schreiben (Maissen, Eidgenossenschaft, 19). Vgl. als Überblick zur Zeit zwischen Restauration und Jahrhundertmitte Langewiesche, Restauration. Zu den Vorkommnissen des Jahres 1848 Rapport, Revolution. So argumentiert sogar auch Herrmann, Cicatrices, 15.


1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand

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nur auf fragwürdige Forschungsmeinungen, sondern auch auf einen eminenten Baustein nationalschweizerischer Selbstdeutung und Selbstvergewisserung: jenen der Willensnation. Auch wenn sich die Forschung schon seit Längerem kritisch mit dem Mythos der Willensnation auseinandergesetzt hat57, gilt es mit aller Deutlichkeit zu sagen: Mag es Formen eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls gegeben haben, so zeigen die Quellen in eindrücklicher Weise, dass man in der für die Entstehung des Nationalstaats de facto entscheidenden Phase vergeblich nach einer allseitigen Willensbekundung zur Bildung eines gemeinsamen Nationalstaats sucht. Oder um es anders zu formulieren: Sehr viele Schweizer wollten 1848 gar nicht zu dem neuen Staat gehören, der angeblich der Ausfluss eines bereits in der DNA der Alten Eidgenossen angelegten Willens zur Einigkeit und Brüderlichkeit war.58 In dem Sinne folgt die vorliegende Studie der Anregung Maissens, eine «Nationalgeschichte ohne das Wort ‹obwohl›» zu schreiben und so nicht in das nationale Narrativ passende Erscheinungen ernst zu nehmen und adäquat zu gewichten.59 Mit anderen Worten: Einen Satz wie ‹Obwohl sich die Gegner einer nationalen Einigung bis zuletzt und mit allen Mitteln gegen eine Integration in das neue staatliche Gebilde wehrten, kann von einer Zustimmung zum Bundesstaat ausgegangen werden› wird es in der vorliegenden Arbeit nicht zu lesen geben.60 Erhärtet wird die vorgetragene These anhand von vier Themen bzw. vier inhaltlichen Schlüsselmerkmalen, die allesamt die Zerrissenheit der damaligen Eidgenossenschaft dokumentieren und inhaltlich auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind. Die vier thematischen Schwerpunkte eignen sich dabei nicht nur besonders gut, die Hauptthese zu stützen, sondern sie verweisen gleichsam auf gewichtige Forschungslücken. Diese sind in den Kapiteleinleitungen ausführlicher zu thematisieren.61 Auf alle Hauptthemen hat jedenfalls das einleitend dis57

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Vgl. exemplarisch Siegenthaler, Supranationalität, 130–132; Marchal, Missbrauch, 142f. Jüngst auch Maissen, Heldengeschichten, 142–149. Vgl. zu dessen Entstehung und der entscheidenden Rolle der Historiographie Buchbinder, Wille. Einschlägig dazu ist die Formulierung des Berner Rechtsgelehrten Carl Hilty aus dem Jahr 1875 (Hilty, Vorlesungen, 28f.): «Nicht Raçe [sic], nicht Stammesgenossenschaft, nicht gemeinsame Sprache und Sitte, nicht Natur und Geschichte haben den Staat schweizerischer Eidgenossenschaft gemacht. – Er ist vielmehr entstanden, im vollen Gegensatz zu allen diesen Grossmächten, aus einer Idee, aus einem politischen, sich zu immer grösserer Klarheit entwickelnden Denken und Wollen und beruht darauf noch heute, nach 500jährigem Bestehen, so gut wie am ersten Tag.» Maissen, Eidgenossenschaft, 20. Vgl. Meyerhofer, Vaterland, 212, die explizit von einer Zustimmung der Konservativen zum bürgerlichen Staat der Liberalen spricht. Interessanterweise kritisiert dieselbe Autorin die ältere Geschichtsschreibung, die eine Lesart der hier betrachteten Zeit als (liberale) «‹Erfolgsstory›» (ebd., 25) nahelege. Durch ihren harmonisierenden Grundzug bestätigt die Studie aber (möglicherweise ungewollt) das lange Jahre dominante national-liberale Narrativ. Zu den verschiedenen Deutungen insbesondere der Bundesstaatsgründung in der Historiographieseit dem Jahr 1848 vgl. die erhellende Darstellung Maissen, Conflicts, 16–27. Wenig sinnvoll wäre dabei eine vollumfängliche Herausarbeitung der politisch-ideologischen Systeme. Gerade die Frage nach den staatsphilosophisch-politischen Programmen ist auszu-


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kutierte Zitat hingewiesen: die dominante Rolle der Geschichtsbezüge und damit die (unterschiedliche!) Weise, wie die vielzitierten Väter dargestellt wurden und welche gegenwartsbezogenen Handlungsanweisungen mit dieser Darstellung einhergingen (Kapitel 3); die (unterschiedlichen!) nationalen Visionen und insbesondere der Umstand, dass sich der radikale Nationalismus mit voller Schärfe gegen den (innenpolitischen) Feind einer nationalen Einigung richtete (Kapitel 4); die prägende Bedeutung, die der Konfession bzw. konfessionellen Ressentiments als Mobilisationsmittel und gleichsam als Teil und Instrument der politischen Lager­ bildung zukam (Kapitel 5); die (unterschiedlichen!) Erwartungen, die an die männlichen Subjekte bzw. Bürger herangetragen wurden (Kapitel 6), zumal die Quellen nicht nur von einem Kampf um die staatliche Ordnung zeugen, sondern damit verbunden davon, dass intensiv darum gestritten wurde, welche Eigenschaften die männ­lichen Staatssubjekte dieser Ordnung auszeichnen sollten. Gerade die Wahl des letztgenannten Schwerpunkts weist auf ein zentrales konzeptionelles Merkmal der vorliegenden Arbeit hin: Sie analysiert die politischen Auseinandersetzungen und damit die Debatte um die (neue) politische Ordnung einerseits und das Aushandeln bürgerlicher Ideale andererseits zusammen. Dabei kann sie sich auf einen Politikbegriff stützen, wie ihn die Neue Politikgeschichte entwickelt hat.62 Diese hat die Verengung des Politikbegriffs auf die Tätigkeit des Staats und dessen Personal aufgegeben und fordert unter anderem den Einbezug von – in einem jeweiligen Kommunikationsraum auffindbaren – politischen Ideen, Sprechweisen, alltagsrelevanten Normen und Geschlecht. Gerade in Anlehnung an die Gender Studies wird die Sprache dabei als Produzentin von sozialen Relationen und Machtverhältnissen verstanden.63 Wie die einleitend vorgestellte Quelle zeigt, drängt sich eine gemeinsame Untersuchung von – verkürzt gesagt – Politik und bürgerlicher Habituskonstruktion aufgrund der analysierten Texte, wo diese Verwobenheit omnipräsent ist, geradezu auf. Ein Aspekt wird dabei in den Fokus gerückt, den die Forschung bisher vernachlässigt hat: die Konstruktion des männlichen Bürgers und ‹homo politicus›. Insofern verbindet die vorliegende Arbeit Ideen-, Medien-, Politik- und Geschlechtergeschichte. Im Sinne einer «Geschichte der Männlichkeiten»64 geht es darum, die in den Quellen auffindbaren Merkmale herauszuarbei-

62 63 64

klammern, zumal diese die jüngere wie auch die ältere Forschung schon ausführlich beschäftigt hat. Zudem weisen die Quellen diesbezüglich wenig Innovationspotential auf. Wichtige Forschungsarbeiten dazu nebst den bereits genannten Kölz, Verfassungsgeschichte, 267–300; Gruner, Parteien, 47–125; Roca, Liberalismus. Überblicksarbeiten zum Schweizer Liberalismus und Konservatismus stellen allerdings noch immer gewichtige Forschungsdesiderate dar. Zum Einfluss republikanischer (und kommunalistischer) Ideale auf liberale wie konservative Protestbewegungen am Beispiel des Kantons Zürich Weinmann, Bürgergesellschaft. Schliesslich zu nennen ist die originelle Studie Lerner, Laboratory. Frevert, Politikgeschichte; dies., Konzepte. Vgl. auch den einschlägigen Aufsatz Stollberg-Rilinger, Kulturgeschichte. Frevert, Politikgeschichte, 161–164. Der diesbezüglich einschlägige Text ist Scott, Politics. Martschukat/Stieglitz, Männlichkeiten.


1.1 Thema, Fragestellung und Forschungsstand

21

ten, die dem männlichen Bürger zugeschrieben wurden. Dabei ist der – wie zu sehen sein wird: empirisch gut begründbare – Gedanke leitend, dass in den untersuchten Zeitungstexten normative Vorstellungen von Männlichkeit zirkulierten bzw. dass die untersuchten Ereignisse Aussagen zur Männlichkeit generierten. Die eben erwähnten ‹bürgerlichen Ideale› deuteten es zudem an: Durch die Wahl der Quellen, die mehrheitlich von Mitgliedern bürgerlicher Schichten produziert wurden65, liefert die vorliegende Arbeit nicht nur einen Beitrag zur Männlichkeitsgeschichte, sondern auch zur Erforschung des Schweizer Bürgertums bzw. der Schweizer Bürgerlichkeit.66 Mit anderen Worten: Die herauszuarbeitenden Konstruktionen waren Teil des ‹bürgerlichen Wertehimmels›67. Dies zeigt sich in paradigmatischer Weise nicht zuletzt beim Blick auf die (typisch bürgerlichen) Vorstellungen von Weiblichkeit, die die Quellen transportierten. Entgegen voreiligen Schlüssen, die sich aus Topoi wie jenem des ‹bürgerlichen Wertehimmels› oder der bürgerlichen «Kultur als Klammer»68 ergeben können, ist hierzu allerdings zwingend die Relevanz konkurrierender Weltbilder und somit eines potentiellen Differenzierungsbedarfs mitzudenken. Trotz Konvergenzen zur Entwicklung in anderen europäischen Staaten ist ferner mit Blick auf die Resultate der Bürgertumsforschung davon auszugehen, dass unter dem männlichen Bürger in der Schweiz – im Gegensatz etwa zu Deutschland – aufgrund der republikanischen bzw. kommunalistischen Tradition grundsätzlich ein Individuum verstanden wurde, das (politisch) aktiv am Gemeinwesen teilnahm.69 Auch das Modell, das die Konservativen vom männlichen Bürger entwarfen, ist somit innerhalb der bürgerlichen Ordnung anzusiedeln70 – was freilich die Liberalen nicht daran hinderte, die 1815 wieder an die Macht gekommenen Eliten als Aristokraten zu beschimpfen. Die genaueren theoretischen Überlegungen zu den geschlechtergeschichtlichen Aspekten folgen in der entsprechenden Kapitel­ einleitung. Die grundsätzlichen Gesichtspunkte sollen nun ausgeführt werden.

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Vgl. dazu die nachfolgenden Ausführungen zu den Zeitungen und den Autoren. Zum Schweizer Bürgertum sei auf folgende einschlägige Studien verwiesen: Hettling, Bürgerlichkeit; Tanner, Patrioten; Sarasin, Stadt. Dies verweist zugleich auf eine Einschränkung: Die Quellen lassen nur Aussagen zu den Vorstellungen bürgerlicher Schichten zu. Hettling/Hoffmann, Wertehimmel. Zur Geschichte des Bürgertums und der Bürgertumsforschung vgl. der jüngst erschienene Band Hettling/Pohle, Bürgertum. Budde, Blütezeit, 11. Tanner nennt die Bürgerlichkeit (nicht nur für die Schweiz) ein «‹verbindliches Kulturmodell›». Vgl. Tanner, Patrioten, 686f. Hettling, Geschichtlichkeit, 101; ders., Bürger, 252. Vgl. auch Meyerhofer, Vaterland, 28–30. Auf das Fortwirken der republikanischen Tradition verweisen ferner auch die oben genannten Arbeiten zur Genese der Schweizer Demokratie (Graber, Demokratie; Weinmann, Bürgergesellschaft. Für Deutschland und den Einfluss der republikanischen Tradition auf den Liberalismus vgl. Nolte, Gemeindebürgertum; ders., Bürgerideal. Hettling, Bürger, 252f.


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