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Was denn bitte ist kulturelle Identität?

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URSULA RENZ

Was ist kulturelle Identität ?

Ursula Renz ist seit 2009 Professorin für Philosophie an der Universität Klagenfurt. Ihre wichtigsten Publikationen sind Die Rationalität der Kultur (2002 ), Die Erklärbarkeit von Erfahrung (2010, engl. 2018 ) und – als Herausgeberin – Self-Knowledge. A History (2017 ).

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REFLEXE 57

Kulturelle Identität ist zu einem Kampfbegriff des politischen Populismus geworden. Im vorliegenden Buch wirft Ursula Renz einen kritischen Blick auf die Rede von der kulturellen Identität und deckt zahlreiche begriffliche Missverständnisse auf. Obwohl kulturelle Prägungen großen Einfluss auf uns ausüben und unser Leben nachhaltig prägen, ist es irreführend zu glauben, es ginge dabei um eine Frage unserer Identität.

URSULA RENZ

Was denn bitte ist kulturelle Identität ? Eine Orientierung in Zeiten des Populismus

REFLEXE

I S B N 978-3-7965-3912-1

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783796 539121

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05.02.19 14:15


Schwabe reflexe 57


Ursula Renz

Was denn bitte ist kulturelle Identität? Eine Orientierung in Zeiten des Populismus

Schwabe Verlag


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3912-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3928-2 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


«Die Unterscheidung in ‹französische Franzosen› – man dachte unweigerlich an Bäume, Wurzeln und Boden, damit war alles gesagt – und ‹Franzosen mit Migrationshintergrund› blieb bestehen. Als der Präsident in einer Ansprache vom ‹französischen Volk› sprach, wussten alle, dass diese Einheit – eine großzügige, über jeden Verdacht der Fremdenfeindlichkeit erhabene Einheit – Victor Hugo umfasste, den Sturm auf die Bastille, Bauern, Lehrer und Pfarrer, Abbé Pierre und Charles de Gaule, Bernard Pivot, Asterix und Obelix, La mère Denis, Coluche und alle die Marie oder Patrick hießen.»

Annie Ernaux, Die Jahre «Am gleichen Ufer gespielt zu haben, natürlich hat es etwas Verbindendes; es für Wesensverwandtschaft anzusehen, wäre ein Irrtum, der uns früher oder später, indem wir ihn nur als Enttäuschung und nicht als Irrtum erkennen, ungerecht macht.»

Max Frisch, Tagebuch 1946–1949 «Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelheit der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.»

Ingeborg Bachmann, «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar», Gedichte, Hörspiele, Essays


Inhalt

Vorbemerkung ..............................................................

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Identitätszuschreibungen ...............................................

13

Zur Identität von Dingen und Personen ..........................

27

Person und Person-Sein .................................................

39

Von der Selbstbestimmung zur Selbsterkenntnis .............

47

Überzeugungen, Werthaltungen und Einstellungen .........

69

Soziale Zugehörigkeit und kulturelle Prägung ..................

93

Nachwort ...................................................................... 107 Anmerkungen ............................................................... 111 Literaturangaben ........................................................... 127

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Vorbemerkung

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist der ehemals in aufklärerischer Absicht ins Spiel gebrachte Begriff einer «kulturellen Identität» zu einer Parole geworden, mithilfe derer eine Politik des Ein- und Ausschließens verbal untermauert wird.1 Nicht nur territoriale Ansprüche im engeren Sinn werden mit Rekurs auf Ideen von irgendwelchen kollektiven Identitäten zu rechtfertigen gesucht, sondern auch Definitionsmachts- und andere Machtansprüche. Oft geht es dabei recht hässlich zu, manchmal auch einfach nur etwas angestrengt. Bisweilen wird dabei die Idee der jeweiligen eigenen Identität, die zu bewahren es gelte, selber zum Wertbegriff; oft beruft man sich aber auch auf andere Werte, die «unsere» – deutsche, österreichische, schweizerische oder europäische – Identität ausmachen sollen. Die Rede von der kulturellen Identität dominiert indes nicht nur viele öffentliche, gesellschaftspolitische Diskurse. Sie hat längst auch private Auseinandersetzungen erreicht und treibt dort ihr Unwesen, indem sie das Klima des Miteinanderlebens und -arbeitens sowie des momentanen Zusammenseins vergiftet. Schon das bloße Äußern von Betroffenheit – im einen oder anderen Sinne – kann zu einem Gang über ein Minenfeld werden, und selbst unter Freunden sind Klärungen keine Selbstverständlichkeit. Doch warum können wir dem Unwesen nicht einfach ein Ende setzen und die Minen entschärfen, die im Untergrund liegen? Vielleicht haben wir die Mittel dazu noch gar nicht gefunden, weil wir noch nicht verstanden haben, worin der Sprengstoff eigentlich besteht. Womöglich fehlt es uns aber auch einfach am Mut und an der Klarheit, die Rede von der «kultu9


rellen Identität» als das hinzustellen, was sie ist: eine Fehlbezeichnung für etwas, was es zwar gibt – nämlich Prägungen durch kulturelle oder historische Aspekte unserer jeweiligen Lebenswelt und sozialen Umgebung – und was für das menschliche Leben von großem Gewicht ist, was aber gleichwohl weniger mit unserer Identität zu tun hat, als die oft mit Selbstverständlichkeit verwendete Phrase suggeriert.2 Die folgenden Ausführungen suchen diesen Verdacht zu erhärten, indem sie einige Voraussetzungen begrifflicher Natur offenlegen. Untersucht wird, was die in diesen Debatten verwendeten oder auch nur unterstellten Begriffe wie «Identität», «Person», «Weltanschauung» oder «Werte» leisten, und was daraus mit Blick auf den Einfluss kultureller Prägungen auf unsere Existenz folgt – oder mindestens so oft: nicht folgt. Der vorliegende Text richtet sich sowohl an am Thema interessierte Laien als auch an Philosophen und Philosophinnen, die sich damit auseinandersetzen wollen, was die Philosophie zum Begriff der kulturellen Identität zu sagen hat. Aus diesem Grunde ist der Text ohne die Endnoten lesbar. Andererseits werden in diesen nicht nur die wichtigsten Inspirationsquellen genannt, sondern es wird auch kurz skizziert, wie sie meine Überlegungen beeinflusst haben. Im Vordergrund steht allerdings nicht der Fachdiskurs, sondern es sollen jene begrifflichen Einsichten artikuliert werden, die sich mir im Nachdenken auf bestimmte exemplarische Aspekte meiner persönlichen Situation als Gastarbeiterin in einem benachbarten Land eröffnet haben, und zwar in einer Weise, die nicht eine Lösung präsentieren soll, sondern zum eigenen Nachdenken einlädt. Das ist mir wichtig, zumal die Wurzel des Problems – mindestens diesseits der Politisierung – oft weniger eine Frage der «Schuld», als die einer potenziell verletzenden Unbedachtheit ist. Gegen diese kommen wir nicht mit Parolen an, wohl aber mit einer Kultur der geteilten Nachdenklichkeit. Auch 10


wenn sich zeigen wird, dass es oft Unsinn ist, was wir mit dem Begriff der kulturellen Identität anstellen, ist damit die wichtigste Arbeit – die persönliche Reflexion – nicht getan. Im Gegenteil, wir werden auch in Zukunft nicht darum herumkommen, uns damit auseinanderzusetzen, was wir als für uns wesentlich erachten und was uns wichtig ist. Diese Auseinandersetzung müssen wir führen, es sei denn, wir hören auf, Personen zu sein. Denn so viel ist klar: wenn es zu unserem Person-Sein gehört, dass wir uns mit diesen Fragen befassen müssen, dann wird Reflexion darauf zeitlebens nie abgeschlossen sein. Das kann ein befreiender Gedanke sein. Er ist manchmal aber auch nicht so leicht auszuhalten.

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Identitätszuschreibungen

Vor mittlerweile geraumer Zeit – genauer: am 5. Dezember 2016, dem Tag, nachdem Alexander Van der Bellen zum Bundespräsidenten Österreichs gewählt wurde – traf ich mich mit einer österreichischen Freundin zu einem kurzen Abendessen. Wir tauschten uns darüber aus, wie es uns am Tag zuvor ergangen war, als die zuerst unglaublich anmutende Nachricht vom Sieg Van der Bellens uns erreicht hatte. In diesem an sich sehr schönen Gespräch unter Freunden fiel plötzlich der Satz: «Mich erstaunt, dass dich die österreichische Politik so interessiert.» Ich fragte zurück: «Wie kommst du darauf, dass mich das nicht interessiert?» Mein Gegenüber antwortete: «Meiner Wahrnehmung nach hast du eine sehr schweizerische Identität. Und diese Wahl tangiert doch in erster Linie unsere Geschichte, die für uns eine Frage der Identität ist.» Ich entgegnete, nicht ganz ohne Entrüstung: «Aber diese Wahl hat doch sehr existenzielle Folgen für mein Leben. Ich arbeite in einem österreichischen Staatsbetrieb, und wie du weißt, werden die Unis durch den Bund finanziert. Was in Wien geschieht, betrifft doch meine Arbeitsbedingungen unmittelbar. Diese Wahl kann die Zukunft meines Fachs betreffen oder unseres Instituts und damit die Beständigkeit meiner Stelle. Auf jeden Fall tangiert sie die Zukunft meiner Studierenden. Nicht zuletzt aber hängt von der allgemeinen Stimmung in diesem Land auch ab, wie wohl ich mich als Gastarbeiterin hier fühle. Wie kommst du darauf, dass mich das nicht interessieren könnte?» Diese Begebenheit ist repräsentativ für vieles, was einem als Gastarbeiterin in einem fremden Land passieren kann, und zwar auch dann, wenn man eine Arbeit wie jene der Universi13


tätsprofessorin verrichtet, die ein erhebliches Prestige mit sich bringt, sodass man «eigentlich» gern gesehen wird. Das Besondere am erzählten Gespräch ist höchstens, dass meine Kollegin das, was in ihr vorging, sehr ehrlich äußerte. Deswegen konnten wir darüber im Anschluss auch sehr konstruktiv diskutieren und jegliches Missverständnis ausräumen. Wir gingen an jenem Abend in Freundschaft auseinander. Allerdings ist die Begebenheit kein Einzelfall; vielmehr habe ich derartiges immer wieder erlebt, seit ich als akademische Gastarbeiterin unbefristete Stellen an Universitäten innehabe. Repräsentativ ist dieses Gespräch aber auch, weil in ihm Strukturmomente eines Mechanismus zutage traten, der mich vor allem zu Beginn meiner Gastarbeiter-Karriere sehr viel Kraft gekostet und manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte. Und vermutlich bin ich mit solchen Erfahrungen nicht allein. Es ist im Gegenteil anzunehmen, dass dieser Mechanismus in vielen Kontexten, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Lebensweise, Gesinnung oder Weltanschauung, sexueller Orientierung etc. – kurz: Menschen aus verschiedenen Kulturen oder Subkulturen – zusammenkommen, unser Denken sowie Sprechen mit- und übereinander prägt. Ich spreche hier bewusst von einem Mechanismus und nicht einfach von Vorurteilen, geschweige denn von Fremdenfeindlichkeit. Vorurteile lassen sich nicht aus unserem Denken eliminieren3, und Fremdenfeindlichkeit habe ich als weiße Mitteleuropäerin bislang nicht erfahren. Auch liegt das Heikle an diesem Mechanismus vorab darin, dass kaum jemand seine Wirkungsweise durchschaut. Das wiederum hat nicht so sehr mit mangelnder Reflektiertheit zu tun, sondern schlicht und einfach damit, dass dieser Mechanismus bis heute kaum verstanden ist. So wird er nur sehr selten durch geistesgegenwärtige Zeitgenossen entschärft, weswegen er sein Unwesen ungehindert treiben und jegliche konstruktive Auseinandersetzung 14


über die Herausforderungen, die das Zusammenleben mit Menschen aus verschiedenen Kulturen mit sich bringt, sabotieren kann. Doch worin besteht dieser Mechanismus? Geben wir ihm einen Namen, und schauen dann am Leitfaden des eingangs skizzierten Gesprächs, was ihn so heikel macht. Es geht um Identitätszuschreibungen, genauer: um die Zuschreibung einer bestimmten Identität zu anderen Personen. Im skizzierten Beispiel wird eine solche Identitätszuschreibung explizit geäußert: «Du hast eine schweizerische Identität!» Nur selten werden derlei Identitätszuschreibungen so explizit als solche kenntlich gemacht. Sie stehen aber auch hinter Sätzen wie: «Du bist schließlich Schweizerin, das kapierst du nicht.» oder «Du hast keine Kinder. Das kannst du gar nicht verstehen.» Oft werden diese Sätze oder die hinter ihnen stehenden Identitätszuschreibungen auch nicht laut geäußert, sondern nur still gedacht oder sogar nur unbewusst unterstellt. Harmlos sind sie auch dann nicht. Im Gegenteil, solche Identitätszuschreibungen sind in mehrfacher Hinsicht problematisch, wie das berichtete Beispiel klar vor Augen führt. Erstens macht es deutlich, dass mit Identitätszuschreibungen oft Aussagen über Zugehörigkeit verbunden sind. Es wird ein Signal gesendet «Du gehörst zu uns.» oder öfters: «Du gehörst nicht wirklich zu uns!» Dass solche Signale potenziell verletzend sind, dürfte sich von selbst verstehen. Wichtiger sind mir hier zwei weitere Beobachtungen, die für unseren Umgang mit der Rede von der kulturellen Identität aufschlussreich sind. So sticht am berichteten Beispiel zweitens ins Auge, dass der Satz «Du hast eine sehr schweizerische Identität.» herangezogen wird, um zu erklären, warum mir zuvor etwas ganz anderes – nämlich ein vitales Interesse an der Wahl des österreichischen Bundespräsidenten – abgesprochen worden war. Dass mein Gegenüber genau an dieser Stelle auf eine 15


Identitätszuschreibung zurückgriff, ist symptomatisch, denn es legt etwas offen, was unserem Denken über Identität zugrunde liegt. Oft gehen wir in unserem alltäglichen Denken intuitiv davon aus, dass Identität etwas Ausschließliches ist und wir genau eine Identität haben können. Dieser Gedanke beruht vermutlich auf einem strukturellen Merkmal des Redens über die Identität von Dingen: Wo ein Ding mit sich identisch ist, da gehen wir davon aus, dass es sich um ein Ding handelt. Ich werde auf diese und ähnliche strukturelle Beobachtungen im nächsten Kapitel noch eingehender zu sprechen kommen. Allerdings lässt sich der in unseren Begriffen verwurzelte Gedanke, dass Identität und Einheit miteinander verbunden sind, nicht auf die Rede über kulturelle Zugehörigkeiten und kulturell bedingte Eigenheiten übertragen. Wie ich im letzten Kapitel zeigen werde, ist der Gedanke, dass kulturelle Zugehörigkeiten und Prägungen etwas mit der Identität von Einzelpersonen zu tun haben, grundsätzlich heikel. Für den Moment reicht es festzuhalten, dass Personen vielen verschiedenen kulturellen Einflüssen unterworfen sind, weswegen sie unter Umständen ganz unterschiedliche kulturelle Eigenarten in sich vereinigen können. Ja, die Kombination von scheinbar widersprüchlichen kulturellen Prägungen kann sogar ein Identitätsmerkmal einer Person sein. Offenkundig können sich also verschiedene kulturelle Prägungen überlagern. Doch warum ist das meinem – in vielen Kontexten durchaus kritisch denkenden – Gegenüber entgangen? Allem Anschein nach ist es eine gängige Praxis, offene oder implizite Identitätszuschreibungen in einer Weise zu verwenden, dass durch sie – absichtlich oder unbewusst – unsere Argumente oder Überlegungen in einer bestimmten Weise vorstrukturiert werden. Und zwar strukturieren sie diese genau so, wie es der Begriff der Identität eben nahelegt: als Ausschlussverfahren. Frei nach dem Motto: «Wenn du schon so eine 16


schweizerische Identität hast, dann kannst du nicht zugleich eine österreichische haben.» Einen dritten Punkt möchte ich betonen. In der Begründung, die meine Kollegin für ihre Einschätzung gab, dass diese österreichische Bundespräsidentenwahl eine Frage der österreichischen Identität sei, verwies sie auf die Bedeutung der Geschichte. Hinter dieser Aussage steht eine Überzeugung bezüglich der Identität der österreichischen Kultur, die auch mit Blick auf andere Kulturen verbreitet ist. Wenn es darum geht, zu klären, was die Identität einer bestimmten Kultur ausmacht, dann gehen viele Leute davon aus, dass der Vergangenheit eine zentrale und oft wichtigere Rolle zukommt als der Frage, wie die Zukunft aussehen soll. Nun stimmt es zweifelsohne, dass historische Erfahrungen Kulturen prägen können, und dies in einer sehr nachhaltigen Weise. Ferner ist es richtig anzunehmen, dass auch die Einstellungen und Präferenzen von Individuen von diesen kulturellen Prägungen beeinflusst sind. So gesehen entspricht die Auseinandersetzung mit der Geschichte einer Gesellschaft oder Gemeinschaft, der man angehört, einem legitimen Bedürfnis danach, verstehen zu können, wie wir zu jenen geworden sind, die wir heute sind. Diese Auseinandersetzung ist eine sehr persönliche Angelegenheit, und zwar unabhängig davon, ob man nun auf die Geschichte einer Glaubensgemeinschaft, einer Region oder eines Staates blickt. Es ist zudem oft keine angenehme Sache, und es verdient daher Respekt, wenn diese Auseinandersetzung in der entsprechenden Ehrlichkeit und Offenheit geführt wird. Im fraglichen Kontext schien mir der Hinweis auf die Geschichte allerdings fehl am Platz. Denn so sinnvoll und nötig die Auseinandersetzung mit der Geschichte in vielen Fällen ist und so legitim ferner das Bedürfnis ist, das sie antreibt, so fatal ist es, wenn ihr in Diskussionen über politische Entscheidungen 17


ein Vorrang vor der Frage nach der angemessenen Weichenstellung für die Zukunft eingeräumt wird. Zum einen gibt die Erkenntnis jener Ursachen, die uns zu denen gemacht haben, die wir heute sind, noch keinerlei Antwort darauf, wer wir in Zukunft sein wollen. Zum andern sendet dieser Vorrang falsche Signale. Er gibt denen, die nicht an dieser Geschichte beteiligt waren, zu verstehen, dass sie am Ort, an dem diese Geschichte sich abgespielt hat, auch in Zukunft vorab als Fremde geduldet oder als Gäste willkommen geheißen sind, und das nota bene unabhängig davon, ob sie formaliter dazugehören oder nicht. Denn selbst wenn jemand eine bestimmte Staatsbürgerschaft erworben hat, ist die Geschichte des entsprechenden Staates womöglich noch nicht seine Geschichte. Würde daher die Geschichte diejenige Rolle spielen, die meine Gesprächspartnerin ihr zuwies, wäre jedes Bestreben, sich zu integrieren, von Anfang an vergeblich. Alles in allem zeigt daher diese Begebenheit, dass Identitätszuschreibungen – und zwar auch gut gemeinte – in mehrfacher Hinsicht problematisch sind und wir anderen durch das Zuschreiben von Identitäten leicht Unrecht tun. Identitätszuschreibungen haben ein hohes Kränkungspotenzial, und es dürfte uns daher eigentlich nicht überraschen, dass sich im Reden über kulturelle Identität, oder besser: Identitäten, oft eine unkontrollierbare Dynamik entfaltet. Die Frage stellt sich jedoch, warum wir so verletzlich sind, wenn es um unsere Identität geht. Warum ist unsere Identität eine so sensible Zone, und weshalb ist das Reden darüber so heikel? Ich werde in den folgenden Kapiteln auf verschiedenen Wegen Antworten auf diese Fragen zu geben versuchen. Davor möchte ich kurz auf eine Antwort eingehen, die vor nunmehr bald einem halben Jahrhundert Theodor Wiesengrund Adorno in der Negativen Dialektik auf diese Fragen gegeben hat. Es 18


gehört zu den bleibenden Verdiensten Adornos, auf das Gewaltpotenzial von Identitätszuschreibungen aufmerksam gemacht zu haben. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass dieser abgründige und schwierige Text zu den Klassikern der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts zählt. Ich teile die Diagnose Adornos über weite Strecken. (Allerdings scheint mir die drastische Redeweise von Gewalt überzogen, weswegen ich außerhalb der Darstellung von Adornos Ansatz eher vom Kränkungspotenzial von Identitätszuschreibungen spreche.) Viele, um nicht zu sagen, die meisten Identitätszuschreibungen sind in der Tat problematisch. Anderen eine Identität zuzuschreiben, ist kein harmloser Akt. Dass wir irritiert oder sogar verletzt aus Diskussionen über unsere Identität herausgehen, ist wohl eher die Regel als die Ausnahme, und das auch dann, wenn uns niemand kränken wollte. Auch umgekehrt gilt: Wo wir Aussagen über die Identität anderer machen, verlieren wir oft nolens volens unsere «Unschuld». Trotzdem scheint mir Adornos Theorie falsch, denn sie erklärt das Kränkungspotenzial von Identitätszuschreibungen in einer Weise, die ihrerseits problematisch ist. Folgt man Adorno bis zum bitteren Ende seiner Überlegungen, so muss man zum Schluss kommen, dass wir überhaupt nur polemisch über Identität reden können. Das würde nicht bloß bedeuten, dass dem – wie ich meine: legitimen – Interesse an der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität jegliche Rechtfertigung entzogen würde. Es würde überdies auch implizieren, dass wir das Minenfeld, welches das Reden über Identität darstellt, gar nicht entschärfen können. Das möchte ich nicht glauben, solange es alternative Optionen gibt, um das potenziell kränkende Moment an Identitätszuschreibungen zu erklären. Eine solche alternative Erklärung möchte ich in der Folge entwickeln. Doch bevor ich damit beginne, möchte ich etwas genauer auf Adornos Ansatz eingehen. Denn dass seine Aus19


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