Konzeption und Redaktion Barbara van der Meulen Konzeption und Gestaltung Marion Fink Satz Bernd Müller Fotografie Serge Hasenböhler Weisswert Lektorat Iris Becher, Schwabe Thomas Brunnschweiler Schrift Circular Pro Univers Condensed Papier PlanoFine, naturweiss matt Offset Magno Star, 3fach gestrichen, hochweiss Refutura GS, hochweiss matt gestrichen Bindung Grollimund AG, Reinach, Schweiz Gesamtherstellung Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel © 2016 für die Texte bei den Autoren © 2016 für die Bilder bei den Autoren Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3641-0 rights @ schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
K L O S T E R D O R N A C H
Luxus. Ein schillernder Begriff, den wir bislang mit kost spieligen Investitionen, sozialer Distinktion, hand werklicher Raffinesse, mit Überfluss und Ausschweifung in Verbindung gebracht haben. Aber seit einigen Jahren zeichnet sich ein Wandel in unserem Verständnis von Luxus ab: In dem Masse, in dem Luxusgüter als zuneh mend ersetzbar und kurzlebig wahrgenommen werden, treten neue Luxuseigenschaften zutage, die mit echtem Handwerk, mit Freiheit, Zeit, Privatheit und mit geistigen Schätzen zu tun haben. Wir betreten, so scheint es, ein Zeitalter, in dem Geist und Luxus keinen Widerspruch mehr bilden. Das Buch zur Ausstellung « Geist und Luxus » im Kloster Dornach versammelt unter anderem künstlerische und gestalterische Arbeiten von Serge Hasenböhler, Sandra Löwe, Andrea Nottaris, Francesca Petrarca und Andreas Schneider sowie Textbeiträge von Marion Fink, Niko Paech, Johannes Schleicher, Dinie van den Heuvel sowie Barbara und Nicolaj van der Meulen zu einem Thema, dessen besondere Aktualität in einer bislang wenig beachteten Verbindung von Geist und Luxus beruht.
SCHWABE VERLAG BASEL W W W.SCHWABE VERL AG.CH
BARBARA VAN DER MEULEN MARION FINK (HG.)
Herausgeberinnen Barbara van der Meulen Marion Fink
GEIST UND LUXUS
Begleitbuch zur Ausstellung «Geist und Luxus» 22. Oktober bis 31. Dezember 2016 im Kloster Dornach
GEIST
UND LUXUS
BEGLEITBUCH ZUR AUSSTELLUNG IM KLOSTER DORNACH
BARBARA VAN DER MEULEN MARION FINK (HG.)
GEIST
UND LUXUS
SCHWABE VERLAG BASEL
GEIST
UND LUXUS
BEGLEITBUCH ZUR AUSSTELLUNG IM KLOSTER DORNACH 22. OKTOBER BIS 31. DEZEMBER 2 016 SCHWABE VERLAG BASEL
Beiträge Kunst und Gestaltung
JOHANNA BÜHLER THOMAS BRUNNSCHWEILER MANUEL A DORNBIERER MARION FINK SERGE HASENBÖHLER MAT THIAS INDERMAUR SANDRA LÖWE CL AIRE MORIN ANDRE A NOT TARIS FRANCESCA PETRARCA ANDREAS SCHNEIDER JOANNA SELINGER LINDA WALTER Kuratiert von
BARBARA VAN DER MEULEN Beiträge Text
MARION FINK NIKO PAECH JOHANNES SCHLEICHER DINIE VAN DEN HEUVEL BARBARA VAN DER MEULEN NICOLAJ VAN DER MEULEN
GEIST
UND LUXUS
BEGLEITBUCH ZUR AUSSTELLUNG IM KLOSTER DORNACH 22. OKTOBER BIS 31. DEZEMBER 2 016 SCHWABE VERLAG BASEL
Inhalt
08 B A R B A R A V A N D E R M E U L E N M A R I O N F I N K EDITORIAL EIN KAPUZINERKLOSTER ALS ORT DER KUNST UND KULTUR 12 B A R B A R A V A N D E R M E U L E N ZU TISCH UND DOCH VON GEISTERN VERWEHT 26 N I K O P A E C H GEIST UND LUXUS EINE FRAGE DER RATIONALEN ZEITVERWENDUNG 34 J O H A N N E S S C H L E I C H E R « ICH WILL, DASS SIE DAS LEBEN HABEN ... » GEDANKEN ZU GEIST UND LUXUS AUS DER SICHT MYSTISCHER SPIRITUALITÄT 40 L U X U S KONZEPTION CHF 300,– GESTALTUNG CHF 0,– PRODUKTION CHF 900,–
BARBARA VAN DER MEULEN MARION FINK 60 KUNSTZIMMER A N D R E A N O T T A R I S VACUITAS DELICIAE EST 66 IM ZIMMER « HOFFNUNG » S A N D R A L Ö W E HÖRBOX 3 MUSIK 70 IM ZIMMER « FRIEDE» J O H A N N A B Ü H L E R DIGITAL DETOX BOX 72 IM ZIMMER « LAUSCHEN » L I N D A W A L T E R HERBAMETICS 74 IM ZIMMER « GLÜCK» M A N U E L A D O R N B I E R E R J O A N N A S E L I N G E R ZEITGEIST 78 IM ZIMMER « AUFATMEN » DINIE VAN DEN HEUVEL « INFANTIUM VICTORIA » KONZEPTION UND ENTWICKLUNG EINES LUXUSLABELS
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NICOLAJ VAN DER MEULEN DIE ZUKUNFT DER DINGE MIT BEMERKUNGEN ZU EINER GESTALTERISCHEN UNTERSUCHUNG VON FRANCESCA PETRARCA
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A U T O R E N 96 MIT WIRKENDE AUSSTELLUNG 100 D A N K 108 I M P R E S S U M 110
Editorial
EIN K APUZINERKLOSTER ALS ORT DER KUNST UND KULTUR
BARBARA VAN DER MEULEN MARION FINK 08
B I L D E R 1– 4
Ein ehemaliges Kapuzinerkloster ist kein Ort des materiellen Luxus. Die Kapuziner sind in der Tradition der Franziskaner ein Armuts- und Bettelorden. Ihre Klöster befinden sich für eine volksnahe Seelsorge möglichst mitten im Dorf. So liegt auch das Kloster Dornach ausgesprochen zentral. In seiner Ausstattung und Architektur ist es schlicht und typisch klösterlich, mit einem rings von Mauern umschlossenen grossen Garten und einem Kreuzgang mit offenem Innenhof. Anspruch und Wunsch der seit 1999 im Besitz des Klosters stehenden Stiftung Kloster Dornach, das bisherige Veranstaltungsprogramm zu professionalisieren, haben zu einem Nachdenken über diesen Ort und zu vielen Gesprächen mit Beteiligten aus den Bereichen Gastronomie und Kirche sowie mit Vertretern der Stiftung und des Vereins der Freunde des Klosters geführt. Fragen wie «Welche Inhalte können für ein Klosterprogramm in der heutigen Zeit relevant sein? » oder «Wie könnte sich ein ehemaliges Kloster mit einem ihm gegenüber liegenden Theater und diversen Angeboten aus Kultur und Kirche in der Region etablieren? » führten zu einem Konzept mit Visionen, die hier in Form einer thematischen Ausstellung unter dem Titel «Geist und Luxus» und mit einem Begleitprogramm präsentiert werden. Das vorliegende Buch begleitet diese Ausstellung und ist, wie bereits « Living Memory – Eine Ausstellung über die Papierfabrik Zwingen » (Sommer 2015), in enger Zusammenarbeit zwischen der Kuratorin Barbara van der Meulen und der visuellen Gestalterin Marion Fink entstanden. Die Buchgestaltung und die
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Ausstellungsbeiträge reflektieren einerseits die Orts spezifik des Klosters und setzen andererseits die beiden auf den ersten Blick kontrastierenden Aspekte des Geistigen und des Luxuriösen in einen Dialog. Die Sorgfalt von Konzeption und Handwerk in der materi ellen Kostbarkeit und doch auch kostbaren Schlichtheit von im Goldschnitt ohne Buchdeckel gebundenen Blättern bedeutet für uns Herausgeberinnen einen Luxus der unaufgeregten Reduktion im grellbunten Wettbewerb des Büchermarkts. Die lose eingelegten Bilder erinnern an eine frühe Zeit des Buchdrucks, in der biblische Bilderfolgen separat gedruckt und in nur wenigen kostbaren Prachtbänden zwischen die Textseiten gelegt wurden. Ebenso lassen sie an die katholischen Heiligenbildchen denken, die zur Andacht, aber auch – bei katholischen Gebetsbüchern – zum schnellen Auffinden einer spezifischen Liedseite dienen. Mittels Textbeiträgen von Autoren, die sich in Forschung und Tätigkeit mit dem Thema bereits auseinandergesetzt haben, wird dieser Blick auf den Luxus gespiegelt und erweitert. Niko Paech zeigt auf, wie in unserer Gesellschaft die Zeit zum wahren Luxus geworden ist. Johannes Schleicher verweist auf den geistigen Luxus der christlichen Mystik und Spiritualität. Nicolaj van der Meulen beschreibt die Vergänglichkeit vermeintlicher Luxusdinge, und Dinie van den Heuvel gibt Einblick in ihre Tätigkeit als Creative Director eines HighEnd Organic-Luxuslabels für Baby- und Kinderbekleidung.
EDITORIAL
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BILDER 5–9
Angerichtet Die Besucher des Klosters sind zumeist solche des Restaurants und Hotels, aber auch Kirchengänger aus den regionalen Pfarreien, welche an den regelmässig stattfindenden Gottesdiensten in der Klosterkirche teilnehmen. Einige Tage vor der Vernissage haben sie den Künstler Andreas Schneider hoch oben an der Fassade oder auf dem Platz des Schlachtdenkmals gesehen, wie er den « Bruder Wind » und den « Bruder Feuer » für die Ausstellung montiert und aufgebaut hat. Beides sind Signale nach aussen in die beiden Himmelsrichtungen Ost bzw. Süd. Für manche eine willkommene Abwechslung während ihres gewohnten Alltags, für andere eine eher befremdende Störung. Doch alle schauten wieder einmal bewusster auf «ihr » Kloster, nahmen es vielleicht sogar anders wahr und fühlten sich dazu eingeladen, mehr über diese seltsamen Objekte aus dem Baumaterial Purenit zu erfahren. Wer sich dann in den mit dicken Klostermauern umringten Garten wagt, kann zwei weitere Objekte entdecken. Die « Schwester Wasser » liegt direkt auf dem Klosterrasen, ein weiteres, viertes, die « Schwester Mutter Erde », versteckt sich zwischen den üppig gewachsenen Bäumen der sogenannten Baumkathedrale. Alle vier Objekte verweisen auf die vier Elemente und die vier Himmelsrichtungen, stehen für sich alleine selbstbewusst im Raum oder bezeichnen wie das Feuer an der Aussenfassade markant und dennoch in Form und Farbe zurückhaltend ihre Umgebung. Das weissliche Purenit wird sich durch das Sonnenlicht
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bräunlich färben. Ein inhaltlich undefiniertes Baumaterial erhält somit eine Patina, die an das typische Braun des Kapuzinerhabits sowie an die in allen Schweizer Kapuzi nerklöstern verbreitete Inneneinrichtung aus Holz erinnert. Insgesamt verbinden sich die vier Elemente zu einem Bogen aus vier Himmelsrichtungen rund um das Klostergebäude. Diese künstlerische Intervention im Aussenraum verweist symbolisch auf die fürsorgliche Offenheit der Kapuziner gegenüber den Armen und Bedürftigen. Das Zentrum dieser Kompetenz und Stärke der einstigen Klosterbewohner liegt jedoch inmitten des Klostergebäudes, nämlich im Kreuzgang-Innenhof. Ausgehend von diesem von allen vier Seiten geschlossenen, jedoch in Richtung Himmel offenen Freiraum hat sich die Arbeit von Andreas Schneider entwickelt. Der Kreuzgang bildet für ihn das Herz oder Eremitentum des Gebäudes. Ein Ort der Stille und Konzentration, aber auch ein Garten der Begegnung und des Gesprächs. Der klöster liche Innenhof basiert auf der Grundlage einer Teilung durch die Zahl vier. Die typische quadratische Vierteilung stellt einen Bezug zu den vier Elementen Wind, Wasser, Erde und Feuer her, die selber eine monastische Tradition und Überlieferung aufweisen. So nennt der heilige Franz von Assisi in seinem berühmten Sonnengesang die vier Naturelemente « Bruder Wind » (frate vento), « Schwester Wasser » (sor aqua), « Schwester Mutter Erde » (sora nostra madre terra) und « Bruder Feuer » (frate focu). Nach der Lehre der vier Elemente ist jedes Element einer Himmelsrichtung zugeordnet. Der Künstler platziert sein Kunstwerk mit dem Titel « Angerichtet » genau in der Mitte des
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Kreuzgang-Innenhofes. Hier werden die nach allen Himmelsrichtungen ausstrebenden vier Kräfte gebündelt bzw. bei Andreas Schneider «angerichtet ». Auf der Oberfläche eines sechs mal sechs Meter grossen und achtzig Zentimeter dicken Volumens aus Purenit sind an jeder Ecke Objekte platziert, die sich als herausgeschnittene, aufgeklappte oder aufgeschichtete Flächen mit den Objekten im Aussenbereich wieder zu einem Ganzen ergänzen. Hier im Kreuzgang liegt sozusagen ihre Quelle, aber auch ihre Quintessenz. « Im Gesamten aktivieren die Kraft und die Stärke im Inneren das Aussen, aber auch das Äussere führt neue Impulse ins Innere », fasst Andreas Schneider diese Wechselwirkung zusammen. Der Künstler hat jedoch die Himmelsrichtung der Elemente im Aussenbereich zugunsten der franziskanischen Werte verdreht. Das Element des Feuers bewegt sich vom Innenhof in Richtung Süden und betont mit seiner Kraft der Zerstörung, aber auch Erneuerung den heutigen Aus- und Eingang des Klosterbetriebs. « Bruder Wind » empfängt im Innenhof in übermenschlicher Grösse selbstbewusst den hereinkommenden Klostergast. Im Aussenbereich flankiert dieses Element die einstige Klosterpforte und markiert den Gedenkfries der Schlacht bei Dornach von 1499 mit einer Symbolik von Schutz, aber auch Flüchtigkeit neu. « Schwester Wasser » im Klostergarten symbolisiert die Basis für alles, was im ehemaligen Kapuzinerkloster künftig entstehen und wachsen will. Und «Schwester Mutter Erde » als Ursprung von allem versteckt sich (noch) im Wald.
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B I L D E R 10 – 1 4
Abendmahl Ein Kreuzgang zeichnet sich nicht nur durch seinen Innenhof aus, sondern auch durch seinen Umgang. In den Kapuzinerklöstern liegt der Kreuzgang im Innenbereich, mit durchgehenden Fenstern, die den Blickaustausch von Innen und Aussen ermöglichen. Diese Wände, wie auch der Innenhof, wurden in den letzten Jahren für extern organisierte Ausstellungen monatsweise vermietet, zumeist für klein- bis mittelformatige Bilder und Skulpturen. Nun erwartet die Besucher ein ornamentales Band entlang der üblichen drei Ausstellungswände. Es ist eine fotografische Intervention mit dem Titel « Abendmahl » von Serge Hasenböhler. Auch hier wird angerichtet, nur was? Wir sehen ein drapiertes, weisses Tischtuch in üppigem Faltenwurf. Die sorgfältige Faltenlegung zieht sich entlang eines unendlich scheinenden Tisches, der aber aufgrund der vorhandenen Türen immer wieder kurz unterbrochen und wegen der Wandleuchten niedrig gehalten wird. Das Kunstwerk muss sich am vorhandenen Raum orientieren und ringt den örtlichen Bedingungen das für die Kunst Mögliche ab. Das gefaltete Tischtuch erinnert an zahlreiche Darstellungen des « Abendmahls » in der Kunstgeschichte der Renaissance (Leonardo da Vinci) bis hin zur Moderne (Andy Warhol). Hier ist das Tischtuch ein Objet-trouvé, welches Hasenböhler bei seinen Erkundungen des Klosters für die künstlerische Produktion entdeckt hat. Normalerweise zieren die weissen Falten einen reichhaltig bestückten und garnierten Buffettisch bei einem Apéro riche. Jetzt
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