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Hat man mich verstanden?

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B eiträge zu F riedrich N ietzsche

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B eiträge zu F riedrich N ietzsche

Musikalisch-stilistische Lesarten Nietzsches

Der Autor Rüdiger Görner, geb. 1957, ist Professor für Neuere deutsche und vergleichende ­Literaturwissenschaft und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations an der Queen Mary University of London (seit 2004). Als Gastprofessor lehrte er an den Universitäten Tokyo, Mainz, Hannover, Heidelberg, Wien und Salzburg. 2012 erhielt er den deutschen Sprachpreis der Henning Kaufmann-Stiftung im Stifterverband deutscher Wissenschaft und 2015 den Reimar Lüst-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Rüdiger Görner

Hat man mich verstanden? Denkästhetische Untersuchungen zu Nietzsches (Selbst-)Wahrnehmungen Rüdiger Görner · Hat man mich verstanden?

Nach seinen grundlegenden Studien Nietzsches Kunst. Annäherungen an einen Denkartisten (2000) und Wenn Götzen dämmern. Formen ästhetischen Denkens bei Nietzsche (2008) legt Rüdiger Görner mit diesen «denkästhetischen Unter­ suchungen» von Nietzsches (Selbst-)Wahrnehmungen sorgfältig aufeinander abgestimmte Studien vor, die seine früheren Ansätze entscheidend weiter entwickeln und ab­runden. ‘Abgestimmt’ ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen, denn die Struktur dieses Buches orientiert sich an musikalischen Formprinzipien. Görner zieht damit eine Folgerung aus seinen bisherigen Arbeiten zu Nietzsche: Es gilt, die musi­ kalische Grundierung dieses Denkens transparent, das heißt hörbar und ­sichtbar zu machen. Der Versuch, Nietzsche zu entsprechen, erfordert den Gebrauch von quasi musikalisch-stilistischen Relationen. Daraus ergibt sich im vorliegenden Fall eine analytische Gesamtkomposition, die von der «Denksinnlichkeit» (Wilhelm Worringer) ausgeht und über den für Nietzsche so wesentlichen «halkyonischen Ton» bis zu den von Nietzsche erprobten Formen einer Denkpoetik reicht. Untersucht wird das Verhältnis von denkpoetischer Selbstprojektion Nietzsches und ­seinen Konzeptionen von Identität, das Phänomen der Selbstverstellung als Aspekt seiner Subjektkritik sowie die identitätsphilosophische Seite des ‘Projekts ­Um­wertung’.

I S B N 978-3-7965-3637-3

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 536373

S chwabe


B eiträge zu F riedrich N ietzsche

Quellen, Studien und Texte zu Leben, Werk und Wirkung Friedrich Nietzsches BegrĂźndet von David Marc Hoffmann

Herausgegeben von Andreas Urs Sommer Band 19

S chwabe Verlag B asel


B eiträge zu F riedrich N ietzsche

Rüdiger Görner

Hat man mich verstanden? Denkästhetische Untersuchungen zu Nietzsches (Selbst-)Wahrnehmungen

S chwabe Verlag B asel


Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel

Copyright © 2017 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Druck: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3637-3 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3680-9 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Die Subjektivität der Welt ist nicht eine anthropomorphische Subjektivität, sondern eine mundane: wir sind die Figuren im Traum Gottes, die errathen wie er träumt. Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente Ende 1870 – April 1871 (N: KSA 7, 165)


Inhaltsverzeichnis Siglen

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Präludium ohne Fuge (Um-)Wege zum Ich: Eine Hinführung

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Hauptthema: Selbstaufklärungen ( Selbst-)Wahrnehmungsformen bei Nietzsche, oder: Die Wiedergeburt des Denkens aus dem Geist der Sinne 19 Im halkyonischen Ton des Andersseins. Poetische Selbstprojektionen und Identitätsfragen in Also sprach Zarathustra 35 Die andere Aufklärung, oder: Wie das Denken von sich selbst erzählt. Zu Nietzsches ‘Vorreden’ und ihren moralgenealogischen Nachspielen 50 Leiden am Ich? Oder: Wie man wird, was man (miss-)versteht … Überlegungen zu Ecce homo 66 «Nitimur in vetitum», oder: «Hat man mich verstanden?» Zu einer Argumentationsfigur in Nietzsches Ecce homo 81

Ein Zwischenspiel Die Kunst des (Sich-Selbst-Be-)Fragens bei Richard Wagner und Friedrich Nietzsche

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Thema mit Variationen Ich, Niemand und der Wille zur Selbstverstellung Nietzsches ästhetische Psychologie und Subjektkritik Vom Wert der (Selbst-)Umwertung, oder: Was eine Denkfigur stiftet Nietzsches archäologische Poetik. «Was ich den Alten verdanke» aus der Götzen-Dämmerung als Selbst-Erfahrung

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Inhaltsverzeichnis

Drei modulierende Exkurse «Das Verlöschen der Substanz zugunsten der Expression» (Benn) Anmerkungen zu poetischen Nietzsche-Experimenten Ressentiment nach der Tortur als erzwungene Selbstentfremdung: Jean Améry liest Nietzsche Selbsterkenntnis mit Nietzsche. Der Fall Imre Kertész

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Rondo Finale

Nur Narr, nur Dichter. Musikalität und Poetik im Selbst-Bezug

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Bibliographie

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Nachweise

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Namenregister

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Siglen Werk- und Briefausgaben KGW

Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin, New York 1967ff. KSA Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden. Hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München, Berlin, New York 21988. KSA-Kommentar Giorgio Colli, Mazzino Montinari: Friedrich Nietzsche. Kommentar zu den Bänden 1–13 [der KSA] = KSA 14. KSB Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe in 8 Bänden. Hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München, Berlin, New York 21986. TA Nietzsches Werke. Taschen-Ausgabe. 11 Bde. Leipzig o.J. [1906–1912 und öfters].

Werke AC DD EH FW GD GM HkP

Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum [1888]. In: KSA 6, 156–254. Dionysos-Dithyramben [1888]. In: KSA 6, 375–411. Ecce homo. Wie man wird was man ist [1888]. In: KSA 6, 255–374 [Dem Werksigle folgt ggf. das der behandelten Schrift]. Die fröhliche Wissenschaft («la gaya scienza») [1882/87]. In: KSA 3, 343–651. Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert [1888]. In: KSA 6, 55–161. Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift [1887]. In: KSA 5, 245–412. Homer und die klassische Philologie. Ein Vortrag [1869]. In: KGW, 2. Abt., Bd. 1: Philologische Schriften (1867–1873), 247–269.


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JGB MA I–II M N NW PiZG UB I UB II UB III UB IV WA WL WS Z ZB

Siglen

Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft [1886]. In: KSA 5, 9–243. Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister [1878/86] = KSA 2. Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile [1881]. In: KSA 3, 9–331. Nachlass, zitiert nach KSA mit Jahr-, Heft- und Fragmentangabe. Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke eines Psychologen [1888]. In: KSA 6, 413–445. Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen [1873]. In: KSA 1, 799–872. Unzeitgemässe Betrachtungen. Erstes Stück: David Strauss, der Bekenner und Schriftsteller [1873]. In: KSA 1, 157–242. Unzeitgemässe Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben [1874]. In: KSA 1, 243–334. Unzeitgemässe Betrachtungen. Drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher [1874]. In: KSA 1, 335–427. Unzeitgemässe Betrachtungen. Viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth [1876]. KSA 1, 429–510. Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem [1888]. In: KSA 6, 9–53. Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1873]. In: KSA 1, 873–890. Der Wanderer und sein Schatten [1880]. In: MA 11. Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen [1883/85] = KSA 4. Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Sechs öffentliche Vorträge [1872]. In: KSA 1, 641–752.


Präludium ohne Fuge (Um-)Wege zum Ich: Eine Hinführung «Lieber Freund, ich sah mich eben im Spiegel an, – ich habe nie so ausgesehn. Exemplarisch gut gelaunt, wohlgenährt und zehn Jahre jünger als es erlaubt wäre», vermeldet Nietzsche Ende Oktober 1888 aus Turin Heinrich Köselitz (KSB 8, 460). Ein später narzisstischer Moment im Leben Nietzsches: erkannte er sich in diesem Augenblick als einen ‘anderen’ oder schlug einfach die gute Ernährung an, der die Mutter mit einer besonders willkommenen Sendung Schinken aufgeholfen hatte, nachdem sich Nietzsche im Sommer von zu dünnem Souchong-Tee regelrecht «verfolgt» gefühlt hatte? Nichts, kein Wort, schon gar keines über Ernährungsfragen oder klimatische Verhältnisse ist im Falle Nietzsches belanglos. Verbarg sich demnach mehr hinter dem Satz: «ich habe nie so ausgesehn»? Dieser Satz betrifft die besondere Sichtweise auf das Eigene und damit die Selbstdeutung und somit das Problem des Interpretierens schlechthin. Um 1885/86 notierte Nietzsche: «In Wahrheit ist Interpretation ein Mittel selbst, um Herr über etwas zu werden. (Der organische Prozeß setzt fortwährendes Interpretiren voraus.)» (N: KSA 12, 140). Zudem behauptete er, durch seine Schriften ziehe sich das Argument, der «Werth der Welt» liege «in unseren Interpretationen», wobei er nicht ausschließen wollte, dass «vielleicht irgendwo noch andere Interpretationen möglich» seien als «bloß menschliche» und dass die «bisherigen Interpretationen perspektivische Schätzungen» darstellen könnten (N: KSA 12, 114), Einschätzungen dessen nämlich, was den Menschen ausmache: den «Willen zur Macht» – vorrangig über sich selbst. Wer sich solchermaßen wie Nietzsche darum sorgte, verstanden zu werden oder das Missverstanden-Werden zu minimieren, dem muss an Selbst-Interpretation liegen, genauer: am Auffächern von Selbst-Deutungsangeboten. Über etwas Herr werden – selbst und gerade über das eigene Haus. Freud hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht konstatiert, dass es dafür in der Moderne zu spät sei, weil die komplexen Sachverhalte in der Psyche dies nicht (mehr) zuließen. Nietzsche schien dies geahnt zu haben,


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aber er beharrte noch auf Selbstdeutungskompetenz und sah sich nicht wirklich unterminiert durch den Versuch, sein Ich zu interpretieren – und sei es in Gestalt eines intellektuellen Kunstaktes. Kant hatte den Begriff der «intellektualen Anschauung» geprägt, die ihre Inhalte selbst generiere. Nietzsche war von einer solchen Vorstellung nicht allzu weit entfernt; er ergänzte sie um die Form, die denk­ ästhetische Produktion, den Aphorismus, der intellektuell und sinnlich ansprechend sein sollte. Dass er mit seinem Zarathustra ein intellektuelles Wortkunstwerk in prophetischer Absicht geschaffen und dieses auch noch für sein Hauptwerk gehalten hatte, zeigt, wie unerschüttert sein Vertrauen in die Sprache gewesen ist: das gilt auch noch für die späten Dithyramben. Sein Selbst-Verständnis blieb das eines philologisch geschulten und philosophisch bewussten Sprachartisten. Das wiederum hatte Konsequenzen für seine Selbstdeutungen im Kulturzusammenhang seiner Zeit: auch sie pflegten die Nähe zur Kunst – in unauslotbarer ­Rivalität mit Richard Wagner, seinem großen Lebensproblem. Denn auch als Autobiografen nahm Nietzsche seinen Antipoden in Bayreuth ernst, nur dass Nietzsches Selbstaussagen – anders als jene Wagners – das Medium der Autobiografie immer auch in Frage stellten. Wagner hatte ein Leben vor wirklichen Spiegeln geführt. Nietzsche simulierte Spiegel. Der poetischen These Rilkes in den Sonetten an Orpheus (II,3): «Spiegel: noch nie hat man wissend beschrieben, / was ihr in eurem Wesen seid» hatte Nietzsche sozusagen vorab entsprochen, indem er durch seine gebrochenen Selbstbeschreibungen auch das Medium der Selbstreflexion darstellte: sein ‘Spiegel’ bestand aus dem Unverwechselbaren seiner Sprache, seiner Denkansätze und der Temperierung seiner Sätze; denn er forderte von einem Buch «Stimmung als Einheit und Maass; das bestimmt Wortwahl, Gleichniss-Art und -Zahl, Gang und Ende.» (N: KSA 7, 834) Sich dem eigenen Werk gegenüberstellen, in es hineinblicken wie in einen Spiegel: und was sah Nietzsche darin: das [Denk-]«Kunstwerk und der Einzelne ist eine Wiederholung des Urprozesses, aus dem die Welt entstanden ist, gleichsam ein Wellenring in der Welle.» (N: KSA 7, 166) Was sich wie eine Ableitung von Max Stirners Der Einzelne und sein Eigentum liest, versteht sich aber auch als Anleitung zum Verständnis des Nietzsche’schen Werkes: es oszilliert zwischen Uranfänglich-Mythischem und sokratischer Reflexion – und eben das als unaufhörliche Denkbewegung. Schon früh, im Nachklang zu den Unzeitgemässen Betrachtungen, notierte Nietzsche, wenngleich unüberhörbar ironisch und mit gespieltem Bedauern: «Ach ich Unglücksvogel, ein Mythus bin ich geworden!»


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(N: KSA 7, 837) Wird damit einer selbst zum Mythos, der Mythen dekonstruiert, wie zum Beispiel jenen Schopenhauers, Wagners, David Friedrich Strauß’ oder jenen des Historismus? Wie aber wären ein wirkungsvolles Dekonstruieren und eine kunstvolle (und auch mythenträchtige) Selbstkonstruktion zu verstehen und zu werten? Ein Ausgangspunkt für Nietzsches Verstehen seines Selbst findet sich in der These: «Ich habe nichts als Empfindung und Vorstellung.» (N: KSA 7, 574) Das schloss für ihn die Zeitempfindung ebenso mit ein wie den Sinn für Bewegungsabläufe und das sich daraus ergebende Übersetzen aller Bewegungen in «Zeitproportionen», mithin in bestimmbare (und verstehbare!) Relationen (N: KSA 7, 577). In den gereimten Vorspielen zur Fröhlichen Wissenschaft findet sich diese Überlegung zum Thema «Interpretation»: Leg ich mich aus, so leg ich mich hinein: Ich kann nicht selbst mein Interprete sein. Doch wer nur steigt auf seiner eignen Bahn, Trägt auch mein Bild zu hellerm Licht hinan. (KSA 3, 357)

Bekanntlich wurde Nietzsche dieser seiner These im Spätwerk gründlich untreu; gerade in Ecce homo, das dieses Buch in zwei Kapiteln unter verschiedenen Fragestellungen untersucht, beschreibt Nietzsche den Versuch einer Selbstdeutung. Erörtert wird, was es mit diesem Versuch auf sich hat. Welche Bewandtnis aber hat es überhaupt mit dem hier vorgelegten Buch, meinem dritten, das sich dem Phänomen Nietzsche und seiner Denkästhetik widmet? Nach Nietzsches Kunst. Annäherungen an einen Denkartisten (2000) und Wenn Götzen dämmern. Formen ästhetischen Denkens bei Nietzsche (2008) versuchen diese Studien die Verstehensproblematik als ein ästhetisches Phänomen in diesem Denken zu deuten, wobei das Verstehen – auch des Selbst – als eine entschieden ästhetische Denkerfahrung behandelt wird. Entsprechend begreifen diese Studien die Frage Nietzsches «Hat man mich verstanden?» als ihre Leitfrage: Wie hat dieser Denker sich unter ästhetischen Vorzeichen selbst verstanden und wie die kulturelle Überlieferung, in der er stand und der er sich unter den Vorzeichen des Umwertens stellte. Selten widerfährt einem der Vorzug, sich durch eine Besprechung wirklich verstanden zu fühlen. Wenn Götzen dämmern wurde dies zuteil, wobei die Rezension mit der konstruktiven Aufforderung schloss, das Erlebnishafte von Nietzsches Denken in seiner ästhetischen Realisierung im Text aufzuweisen, «dass daraus Konsequenzen für deren philosophische Interpretation» zu ziehen seien. Dies könnte, so besagte


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Rezension, «Thema einer dritten Studie» aus nämlicher Feder sein.1 Mich erreichte diese ermutigende Aufforderung mitten an der Arbeit an diesem meinem dritten Buch über Nietzsches Denkästhetik, und so bewusst mir doch war, dass es diesem Anspruch nicht vollauf würde genügen können, so traf sie fraglos meine Absicht, die ich der mir mög­ lichen Vervollständigung dieser exegetischen Trilogie zugrunde gelegt hatte. Um eine der wichtigen Voraussetzung allen Nachdenkens über Nietzsche nochmals zu nennen: Die Bedingungen ästhetischer Erfahrung konnten bei diesem Denker Physiologie und Meterologie ebenso einschließen wie die Kritik an den Regeln herkömmlicher Logik. Freilich, was bedeutet das? Zunächst einmal das Naheliegende: Buchstäblich ­alles konnte für Nietzsche «Reiz» sein und Reflexionsprozesse auslösen. Reize wiederum gehen meist vom Nicht-Identischen aus; an ihnen entzündet sich sinnliche Wahrnehmung, die sich im wahrnehmenden Subjekt in intellektuale Anschauung im Sinne Kants verwandeln kann, also in eine Form der Anschauung, die wiederum aus sich selbst neue Inhalte und Formen generiert. Von Nietzsche lässt sich dabei lernen, dass nur das Sich-Einlassen auf das Wahrgenommene innere und/oder äußere Wirkung erzeugen kann, und zwar in Gestalt von ästhetischer Produktivität. Kunst abstrahiert nicht von der Konkretheit und Sinnlichkeit menschlicher Wahrnehmungsformen; sie bleibt immer auch an Leiblichkeit gebunden. Daher verläuft der ästhetische «Diskurs vom Menschen» stets in «größtmög­ licher Nähe zu Erfahrung und Erleben, zu Aisthesis und Emotion».2 In intensivierter Form entspricht die Erfahrung durchaus dem, was ­Wilhelm Dilthey in verdeckter Anknüpfung an Nietzsche als ‘Erlebnis’ bezeichnet hat, was wertungskritische Wirkungen als Teil der ästhetischen Erfahrung einschließen kann.3 Von Nietzsche maßgeblich vorgezeichnet, ergeben Subjektivitätskritik der Moderne und anthropologische Ästhetik ein Spannungsfeld, das differente Formen und Anschauungsweisen erzeugt. Diese wiederum 1

Werner Stegmaier: Anspruch, Wert und Zukunftsaussichten von Nietzsches Philosophie in aktuellen Publikationen. In: Nietzsche-Studien 42 (2013), S. 346–367, hier: S. 365. 2 Wolfgang Riedel: Literarische Anthropologie. Eine Unterscheidung. In: Wolfgang Braungart, Klaus Ridder und Friedmar Apel (Hrsg.): Wahrnehmen und Handeln. Perspektiven einer Literaturanthropologie. Bielefeld 2004, S. 337–366, hier: S. 361. 3 Vgl. Manfred Riedel: Hermeneutik und Erkenntniskritik. Zum Verhältnis von theoretischem Wissen und praktischer Lebensgewißheit bei Wilhelm Dilthey. In: Frithjof Rodl und Hans-Ulrich Lessing (Hrsg.): Materialien zur Philosophie Wilhelm Diltheys. Frankfurt am Main 1984, S. 359–384.


Präludium ohne Fuge

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bilden einen offenen Resonanzbereich, der sich auch aus überkommenen Formen bildet, was aber geradezu zwangsläufig zu deren ästhetischer Umwertung führt. Gerade deswegen ist der hier eigens thematisierte Abschnitt aus der Götzen-Dämmerung, «Was ich den Alten verdanke», von exemplarischer Bedeutung für das Verstehen des Umgangs mit Tradition bei Nietzsche; Verwandtes gilt für seine Kritik an der Romantik, an deren Umwertung ihm schon deswegen gelegen war, weil seine eigene künstlerische Produktion im engeren Sinne, die Komposition von Musik, unüberhörbar romantischen Ursprungs war. «Umwertung» versteht diese Studie als eine Denkfigur, die Nietzsche sich zu einer Hauptgestalt in seinem kultur- und moralphilosophischen Werk entwickeln ließ, das bedeutet, ihr wuchs Handlungscharakter zu. Auch deswegen gehört sie zur ästhetischen Erfahrung im Sinne eines Umschaffens, dessen thematische Ausgangspunkte bestimmbar sind, nicht aber dessen Ziele. Wenn der Baum, der hoch und einsam im Gebirge steht, reden sollte, «er würde Niemanden haben, der ihn verstünde». Nun warte er auf «den ersten Blitz» (Z: KSA 4, 52). Solches sagt Zarathustra einem seiner Jünger, der bekennt, sich zu schnell verwandelt, Stufen beim Steigen übersprungen zu haben, was ihm keine Stufe verzeihe: «mein Heute widerlegt mein Gestern», klagt er. Dieser Jünger Zarathustras versteht sich durchaus selbst, hat kritischen Einblick in seine Lage gewonnen; aber erst das poetische Gleichnis Zarathustras, die Umwertung einer existentiellen in eine dadurch möglich gewordene ästhetische Erfahrung, führt dem Jünger seine Lage vor Augen. Nunmehr kann er sich weiter entwickeln. Ganz ähnlich verfährt diese Arbeit: sie versucht, die ästhetische Denk-Erfahrung an Nietzsches Beispiel zu zeigen und ihre Strukturen aufzudecken. Denn um die Geistes- «Blitze» Nietzsches verstehend zu überstehen, bedarf es weiterhin witterungsbeständiger Ableiter. Um mit etwas Beiläufig-Wesentlichem diese einleitenden Bemerkungen zu schließen und voreilige Kritiker zu beruhigen: Nachfolgend werden die «Nachgelassenen Fragmente» nahezu gleichrangig neben den ‘Werken’ zitiert – und das aus einem für diese Studien zwingenden Grund: Sie waren integraler Bestandteil von Nietzsches Selbstwahrnehmung als Denker, intellektuelles Experimentierfeld und Bereich stilistischer Selbsterprobung. Man kann für das Vorhandensein und die Erschließung dieser ‘Fragmente’ nicht dankbar genug sein. Sie liefern einzigartiges Material für das Verständnis von Nietzsches intellektueller Psychologie und Formung seines Denkens. Hat man den Skizzen­ büchern William Turners nicht eigens eine Galerie errichtet?


Hauptthema: Selbstaufklärungen


(Selbst-)Wahrnehmungsformen bei Nietzsche, oder: Die Wiedergeburt des Denkens aus dem Geist der Sinne Im Schaffen Friedrich Nietzsches sah sich das Denken wechselweise verleiblicht oder zu einem Kunstakt erhoben. Dabei verstand er sich virtuos auf die Inszenierung seines Ichs und das in einer Sprache, die etwa Interjektionen favorisierte und Konjunktionen weniger als Bindeworte einsetzte denn als Enzyme, welche die geistige Verdauung anregen sollen. Worte gerieten ihm zu Spaltstoffen für geistig Schwerverdauliches: Bedenkt man Friedrich Nietzsches intellektuelle Verfahren – und der Plural ist in jeder Hinsicht angesagt – dann gehörte, wie in der «Hinführung» angesprochen, die Reflexion und konkrete Einbeziehung des geistigen und physischen Stoffwechsels ebenso zu ihnen wie das peinlich genaue Vermerken der klimatischen und topografischen Bedingungen des Denkens. Unter bestimmten Réaumur-, Celsius- oder Höhenverhältnissen, auf schmalen Felsküstenwegen um Genua oder auf der Promenade von Nizza lernt Nietzsche die Sinne als Geburtshelfer eines rapide sich wandelnden, mit christlichen Tabus brechenden Wertempfindens begreifen. Er versteht sich dabei als ein neuer Kolumbus, ausgestattet mit einem inneren Kompass, dessen Nadel in alle Richtungen zugleich zeigt, sich aber immer wieder auf ihn selbst richtet. Zuletzt wird sie ihn zu seiner rhetorisch inszenierten Selbstkreuzigung führen, die er im Grenzbereich zum Wahnhaften noch als letzte dionysische Rausch­ erfahrung erlebt. Was aber bedeutet das, wenn das Körperliche, die eigene physische Befindlichkeit in einem solchen Ausmaß wie bei Nietzsche das Wissen grundierte und die organisch erklärte Form den geistigen Gehalt konditionierte? Nietzsche, dessen Gedanken mit Migränen rivalisierten, hatte das Wie zum Was erklärt und die rhapsodisch-aphoristische Form zum Denkinhalt. Zwischen Basel, Ragaz und Sils, zwischen Sorrent, ­Rapallo und Turin ereignete sich krankheitsbedingt die Aufhebung der Antinomie von Leib und Geist; denn ‘Krankheit’ lernte Nietzsche nach 1878 mehr und mehr als einen der Selbst-Reflexion förderlichen Zustand zu erfahren. Die unvermeidliche Selbstzentriertheit und Leidensbewusstheit des Kranken führte im Falle Nietzsches zur permanenten Selbstbeobachtung als einer Voraussetzung für sein Durchdenken des


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Hauptthema: Selbstaufklärungen

Verhältnisses zum eigenen Selbst. Gleichzeitig steigerte sie in ihm den Willen zur Selbstüberwindung in einer Art Selbstermächtigung, die ihn dazu befähigen sollte, ganz über sich selbst zu verfügen. Eine eigenständige Bedeutung gewann in diesem Zusammenhang seine Einstellung zu den Sinnen. Sie sei hier eingehender betrachtet, weil in ihr auch der Grund für seine kunstnahe Denksinnlichkeit in der sprachlichen Vermittlung zu suchen ist. Mit dem Projekt der «Umwerthung» aller Vorstellungen, Werte und sprachlicher Bedeutungsebenen verfolgte Nietzsche nichts weniger als eine Wiedergeburt des sinnlich angereicherten Intellekts des im Geiste der Renaissance Schaffenden. Dieser Ansatz keimt in einer Notiz zur «Geschichte des Ichgefühls» vom Frühjahr 1881, wohl noch in Genua entstanden (N: KSA 11, 494); die Arbeit an der Morgenröthe lag bis auf die Korrekturen hinter ihm, ebenso die ausgiebige Lektüre Stendhals, von dem er in Die fröhliche Wissenschaft sagen wird, er habe «unter allen Franzosen dieses Jahrhunderts die gedankenreichsten Augen und Ohren gehabt» (KSA 3, 450). Eine Übergangszeit also: von der reinen Reflexion unterwegs zur Fröhlichen Wissenschaft und der philosophischen Dichtung des Zarathustra, die mit einem Notat im Herbst jenes Jahres 1881 zur erfahrenen Idee der «Wiederkunft des Gleichen» ihren Anfang genommen hatte. Auf diesem Weg versuchte er, das Ichgefühl von jeglichem «Selbstbetruge zu reinigen». Aber das eigentliche Stichwort jener Zeit lautete: «Das Ichgefühl umschaffen!» (N: KSA 11, 450) Ein facettenreicher Prozess, den Nietzsche auch im Sinne eines Selbstversuchs damit in Gang setzt; dazu gehört, dass er ausgerechnet beim Studium eines Lehrbuchs zur Mechanik der Wärme von einer Musik spricht, «die nur für den wissenschaftlichen Menschen bereitet» sei (KSB 6, 84). Die Maschinenerfahrung kommt hinzu, meist jedoch in Verbindung mit überraschenden ­Attributionen. Noch in Genua bereitet er sich auf einem Kocher, er nennt ihn gleichfalls Maschine, eine Genueser Spezialität zu – eine ­Eierspeise mit Artischocken; er erwägt erstmals den Erwerb einer Schreibmaschine nebst einem Transportkasten aus Mahagoni (KSB 6, 113 u. 120), worüber er mit dessen Erfinder, einem gewissen MallingHansen aus Kopenhagen, korrespondiert; zudem sieht er sich selbst als eine «Maschine, welche zerspringen» könnte (KSB 11, 112) und stellt sich vor, die Pariser Elektrizitäts-Ausstellung zu besuchen, «theils um das Neueste zu lernen, theils als Gegenstand der Ausstellung: denn als Witterer von elektrischen Veränderungen und sogenannter Wetter-Prophet nehme ich es mit den Affen auf und bin wahrscheinlich eine ‘Spezialität’», wie er in einem Brief an Overbeck im November jenes Jahres


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