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Krise der Freiheit

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PANTONE Gruen 359 U

Michael Rüegg Krise der Freiheit

Krise der Freiheit

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Michael Rüegg

Die Unterscheidung von Macht und Moral ist grundlegend für die westliche Welt. Für religiöse Menschen heißt das, dass sie sich von der Idee des Gottesstaates loslösen, für nichtreligiöse Menschen, dass sie keine religionsfreie Gesellschaft anstreben. Beide Lager müssen aushalten, dass sie ihre persönliche Überzeugung nicht zu einem Maßstab für alle Menschen machen können. Michael Rüegg

I S B N 978-3-7965-3560-4

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 535604

Religion und westliche Welt Plädoyer für ein gelassenes Verhältnis


Wir leben in einer Zeit der politischen Radikalisierung. Einerseits wächst die Zahl religiöser Fanatiker, andererseits breiten sich religions­feindliche Weltbilder in der westlichen Welt aus. Die vor­ liegende Streitschrift will zeigen, dass wir trotz dieser welt­ anschaulichen Polarisierung nicht weniger, sondern mehr Religion brauchen. Zum einen ist die religiöse Vielfalt ein Gradmesser für unsere individuellen Rechte. Nur dort, wo die Menschen die Frei­ heit haben, zu glauben und zu sagen, was sie wollen, gibt es funk­ tionierende Demokratien. Zum anderen befindet sich die westliche Welt angesichts der ungeheuren Digitalisierung und Ökonomi­ sierung in einer schweren Krise. Der Mensch wird immer mehr zur Ware. Der Widerstand gegen diese Degradierung, so eine These dieser Schrift, geht Hand in Hand mit der Verteidigung des religiösen Freiheitsraums. Michael Rüegg, geboren 1969, studierte Philosophie, Religions­ wissenschaft und Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Seine Dissertation An den Grenzlinien der Wissenschaft. Zur ­Kritik fataler Zukunftsversprechen von Ganzheitsmedizin und Hirnforschung erschien 2014 im Schwabe Verlag. Das Verhältnis von Glaube und Wissen, speziell von Christentum und Moderne, gehört zu seinen Hauptinteressen. Darin spiegelt sich auch die persönliche Ausein­ andersetzung mit dem Katholizismus.


Michael R체egg

Krise der Freiheit Religion und westliche Welt Pl채doyer f체r ein gelassenes Verh채ltnis

Schwabe Verlag Basel


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung im Rahmen des Pilotprojekts OAPEN-CH

Schwabe Reflexe 48 Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Barbara Handwerker Küchenhoff Umschlaggestaltung: Heike Ossenkop, h.o.pinxit//editorial design, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3560-4 ISBN E-Book (EPUB) 978-3-7965-3562-8 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Unglaube und Aberglaube sind beide Angst vor dem Glauben. Søren Kierkegaard


Inhalt Religion  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ein Test  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Flickwerk  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Tausendkünstler  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Evolutionäre Humanisten (Th. Metzinger)  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Effektive Altruisten (P. Singer)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 The School of Life (A. de Botton)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Anleitung zum Menschsein (P. Sloterdijk)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Gegenreligion  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Feindesliebe  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Anmerkungen  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71


Religion Westliche Welt und Religion Religion ist rückständig oder gefährlich. Dieses Urteil ist in der westlichen Welt weit verbreitet. Die Gründe dafür sind vielschich­ tig. Zwei möchte ich hervorheben. Auf der einen Seite haben wir den Sinn für Geheimnisse weitgehend verloren. Digitalisierung und Ökonomisierung beherrschen heute unseren Alltag, unsere Institu­ tionen, unserer Beziehungen. Alles wird optimiert und berechen­ bar gemacht, einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen, von der Empfängnis bis zum Tod. Auf der anderen Seite erleben wir die Rückkehr religiös motivierter Gewalt. Der Terror ist in unserer Mitte angekommen. Eigentümlich ist dabei, wie sich bei den modernen Gotteskriegern beide Sphären vermischen. Sie zelebrieren nicht nur eine archaische Frömmigkeit, sondern erweisen sich auch als wahre Meister im Gebrauch der Technik. Fortschritt und Fanatismus liefern scheinbar starke Argumente gegen Religion überhaupt. Immer mehr Menschen gehen auf ­Distanz zu allen Formen des institutionalisierten Glaubens. Augen­ fällig sind die teils leeren, teils musealisierten Kirchen in unseren Städten. Sie dienen in erster Linie älteren Menschen als Warteraum für den Tod. Die Folge ist, dass immer mehr junge Menschen ohne religiöse Erziehung aufwachsen, ohne die persönliche Erfahrung religiöser Praxis. Europa ist von diesem Schwund der Religion be­ sonders betroffen. Im Grunde kann man diesen Bedeutungsverlust aber in der gesamten westlichen Welt beobachten. Die vorliegende Streitschrift setzt hier an. Ich versuche zu zei­ gen, dass wir trotz Fortschritt und Fanatismus auch im 21. Jahr­ hundert gute Gründe haben, religiösen Gemeinschaften einen wichtigen Platz in der modernen Welt einzuräumen. Erstens ist, um einen Gedanken von Jürgen Habermas aufzunehmen, die reli­ giöse Vielfalt ein Gradmesser für unsere individuellen Rechte.1 Ein Blick auf die ­aktuelle Weltkarte zeigt schnell, weshalb: Nur dort, wo die Menschen die Freiheit haben, zu glauben und zu sagen, was sie wollen, gibt es funktionierende Demokratien. Das gleiche Bild zeigt uns ein Blick auf die Geschichte der letzten zweihundert 9


Religion

Jahre. Alle Regime oder Reiche, die die Religionsfreiheit unterdrück­ ten, erwiesen sich ausnahmslos als verbrecherisch. Zweitens befin­ det sich die westliche Welt in dem schon angetönten Wandlungs­ prozess von einer technischen zu einer digitalen Zivilisation. Es herrscht in einem­gewissen Sinn Ratlosigkeit, wie wir damit umge­ hen sollen. Wir sind überfordert, ob in der Politik oder im Privaten. Auch hier – sozusagen von Innen – scheint unsere Freiheit bedroht. Der Mensch wird, wie es Byung-Chul Han thematisiert, immer mehr zur Ware.2 Die Religionen haben, so behaupte ich, das Poten­ zial, um hier einen wichtigen Beitrag für die Orientierung zu leis­ ten. Das gilt besonders für das Judentum und das Christentum. Diese bejahen grundsätzlich Wissenschaft und Technik als Gaben der Schöpfung, ohne sie deshalb aber zu vergöttern. Darum ist es von allgemeinem Interesse, den religiösen Freiheitsraum zu vertei­ digen und die Mitglieder religiöser Gemeinschaften zu ermutigen, sich aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen.

Weltanschauliche Freiheit Im Zentrum dieser Streitschrift steht also folgende Behauptung: Wer Religion verteidigt, verteidigt unsere Freiheit. Und umgekehrt: Wer gegen Religion ist, ist gegen Freiheit. Freilich ist es nicht so einfach. Entscheidend ist, dass man zwischen persönlicher Überzeugung und politischer Macht unterscheidet. Für religiöse Menschen heißt das, dass sie sich von der Idee des Gottesstaates loslösen; für nichtreligiöse Menschen, dass sie keine religionsfreie Gesellschaft anstreben. Beide Lager müssen aushalten, dass sie ihre persönliche Überzeugung nicht zu einem Maßstab für alle Menschen machen können. Die Unterscheidung von Macht und Moral ist grundlegende für die westliche Welt.3 Dass sie heute wieder bedroht ist, scheint ­offenkundig. Zum einen wächst die Zahl religiöser Fanatiker, die nicht nur, aber vor allem aus dem Islam stammen; zum anderen breiten sich religionsfeindliche Weltbilder in der westlichen Welt aus. Aus diesem Grund schlage ich vor, die weltanschauliche ­Freiheit mit einem Test zu prüfen. Er wird im nächsten Kapitel ­vorgestellt. Das Vorbild sind die modernen Wissenschaften. Diese 10


Politische Utopien

haben sich im Lauf ihrer Geschichte von weltanschaulichen ­Fundierungen gelöst. Es gibt heute keine jüdische Physik oder christliche Biologie. Darum sind Wissenschaftler auch welt­ anschaulich frei. Ob ein Chemiker oder ein Arzt ein Jude, ein Christ oder ein Atheist ist, spielt für das fachliche Know-how keine Rolle. Der Test selbst ist in gewisser Hinsicht vielleicht eine Pro­ vokation. Er ist einfach in der Handhabung und im Grunde un­ wissenschaftlich. Aber er funktioniert, auch wenn er sicher ver­ besserungsfähig ist. Wir können ihn genauso auf Privatpersonen anwenden wie auf Institutionen, auf theoretische Konzepte wie auf konkrete Situationen, und schließlich auch auf uns selbst. Flankiert wird der Test von zwei Überlegungen, die helfen sollen, meinen Standpunkt besser zu verstehen. Die eine Überlegung ­handelt vom menschlichen Flickwerk.4 Es gibt nirgends perfekte Lösungen für unsere Probleme Das ist der Preis der Freiheit. Die andere Ü ­ berlegung handelt von der Figur des Tausendkünstlers,5 die durch die Geschichte der Menschheit geistert. Darin geht es um unseren Hang, das menschliche Flickwerk überwinden zu ­wollen.

Politische Utopien Konkret möchte ich am Beispiel von aktuellen Gesellschaftsutopien zeigen, dass unsere weltanschauliche Freiheit keine Selbst­ verständlichkeit ist. Wir müssen sie immer wieder neu verteidigen. Drei von diesen Utopien sind als soziale Bewegungen organisiert. Es handelt sich um den evolutionären Humanismus, der im Philo­ sophen und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger einen promi­ nenten Fürsprecher hat, den effektiven Altruismus, dessen geistiger Vater der Philosoph Peter Singer ist sowie die School-of-Life-Bewegung, die vom philosophischen Schriftsteller und Unternehmer Alain de Botton gegründet wurde. Abrunden möchte ich die Darstel­ lung dieser politischen Utopien mit der eher individuellen An­ leitung zum Menschsein des Philosophen Peter Sloterdijk. Auch er ruft uns auf, neue Regeln für unser Leben und Zusammenleben zu ­verfassen. 11


Religion

Die Auswahl ist nicht zufällig. Bei allen Unterschieden ist die­ sen Utopien gemeinsam, dass sie sich an Karl Marx oder Friedrich Nietzsche anschließen und Religion überwinden wollen, ganz be­ sonders das Judentum und das Christentum. Diese Wende gegen Religion halte ich, wie gesagt, für eine Wende gegen unsere Frei­ heit. Im Kern geht es aber um mehr als den Nachweis, dass diese politischen Utopien im Grunde mit den Prinzipien moderner ­pluralistischer Gesellschaften nicht vereinbar sind. Aktuell stellen sie sicher keine Gefahr für die westliche Welt dar. Ihnen fehlt das revolutionäre Potenzial. Doch sind sie ein Symptom für eine viel tiefere Krise der westlichen Welt und ihrer technischen Zivilisation. Das heißt, in ihnen artikuliert sich ein Prozess, der mit der Neuzeit begann und mit der bereits erwähnten Digitalisierung immer schneller fortschreitet: das Verschwinden der Person. Der Widerstand gegen diesen fatalen Prozess, so meine Behauptung, geht Hand in Hand mit der Verteidigung des religiösen Freiheitsraums. Wer ­Religion verteidigt, verteidigt also nicht nur die Freiheit, sondern auch die Person.

Versuch der Präzisierung Ich möchte diese einleitenden Gedanken mit drei Bemerkungen abschließen. Das vor allem im Hinblick auf die Gefahr möglicher Missverständnisse. Die erste Bemerkung betrifft die religiöse Viel­ falt. Ich werde sie, wie gesagt, mit dieser Schrift verteidigen. Die Verteidigung darf aber nicht als Beliebigkeit missverstanden werden. Die Vielfalt folgt daraus, dass man die Freiheit des Anderen ver­ teidigt, gleich, ob dieser religiös ist oder nicht.6 Man muss also nicht glauben, alle Religionen oder Weltanschauungen seien aus­ tauschbar oder gut. Es heißt vielmehr, dass man die Religions­ freiheit auch dann verteidigt, wenn man einen anderen Glauben für falsch oder gar dumm hält. Ebenso ist klar, dass ein liberaler Staat nicht alle Glaubensvorgaben schützen muss.7 Es gibt Missbräuche im Namen der Religionsfreiheit, beispielsweise die Beschneidung von Mädchen. Diese stellt eine Verstümmelung, ein Verbrechen dar. Solche konkreten Fragen zum Missbrauch der Religionsfrei­ heit sind aber nicht Thema dieser Schrift. 12


Versuch der Präzisierung

Die zweite Bemerkung betrifft meinen persönlichen Glauben. Ich bin römisch-katholisch, habe also zunächst einmal ein eigenes Interesse daran, dass in der westlichen Welt die Religionsfreiheit fortbesteht. Dann aber geht es um mehr als die Verteidigung eines privaten Privilegs. Christen, und für Juden gilt das Gleiche, haben den Anspruch, dass der Glaube anderen Menschen gegenüber mit­ teilbar ist.8 Glaube ist für sie nicht irrational. Er will teilhaben an politischen Debatten, mitwirken an der Gestaltung der Gesell­ schaft. Ebenso ist für sie der Glaube nicht auf Vernunft reduzier­ bar. Er will eigenständig bleiben, ein Mysterium bewahren. Hier stellt sich also die alte Frage nach der Vereinbarkeit von Vernunft und Glaube. Konkret für unser Thema heißt das: Ist es möglich, ein ­liberal gesinnter Bürger zu sein und zugleich ein Mitglied einer Glaubensgemeinschaft mit einem absoluten Wahrheitsanspruch? Kann man an ein Geheimnis wie die Auferstehung der Toten glau­ ben, ohne ein religiöser Extremist zu sein? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht nur für mich persönlich wichtig. In einer globalisier­ ten Welt ist sie von allgemeinem Interesse. Die dritte und letzte Bemerkung betrifft den Stil dieser Streit­ schrift. Ich habe mit Blick auf eine Überlegung von Hans-Georg ­Gadamer versucht, so weit als möglich auf den Gebrauch einer schwer verständlichen Sondersprache zu verzichten.9 Das gilt vor ­allem für philosophische Fachbegriffe, dann aber auch für reli­giöse Ausdrücke. Dieser Verzicht geht natürlich auf Kosten der Genauig­ keit. Mein Hauptanspruch, die religiöse Freiheit zu verteidigen, dürfte davon aber profitieren. Wer mehr über den philosophischen Hintergrund dieser Schrift erfahren will, den verweise ich auf meine Dissertation An den Grenzlinien der Wissenschaft. Zur Kritik ­fataler Zukunftsversprechen von Ganzheitsmedizin und Hirnforschung. Sie bildet die Grundlage für Vieles, was im Folgenden gesagt wird.

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Ein Test Wissenschaft als Vorbild Die Anerkennung der Religionsfreiheit ist für moderne pluralisti­ sche Gesellschaften grundlegend. Sie ist in der westlichen Welt so selbstverständlich geworden, dass Angriffe auf diese Freiheit oft gar nicht wahrgenommen werden. Darum scheint mir ihre Vertei­ digung umso dringlicher. Worum es mir im Kern geht, zeigt der Vergleich zwischen persönlichem Glauben und moderner Wissen­ schaft. Jeder Mensch hat bei uns das Recht auf Religionsfreiheit.10 Be­ dingung für die religiöse Freiheit ist aber die Einschränkung der Geltungsansprüche. Das heißt, in einer pluralistischen Gesell­ schaft kann der persönliche Glaube nie Maßstab für alle Menschen sein. So finden wir bei den Juden das Gebot der Knabenbeschnei­ dung, das nur für Juden gilt, oder bei den Katholiken die Ableh­ nung des Frauenpriestertums, das nur für Katholiken gilt. Solche Glaubensvorgaben sind in der westlichen Welt durch die Religions­ freiheit geschützt. Ebenso gilt: Die Mitgliedschaft in einer Glau­ bensgemeinschaft ist immer freiwillig und ein Austritt oder ein Wechsel zu einer anderen Religion oder Weltanschauung jederzeit möglich. Die modernen Wissenschaften dagegen haben einen unbeding­ ten Anspruch. Ihre Erkenntnisse sind immer Maßstab für alle Men­ schen, ob in Zürich, Istanbul oder auf den Osterinseln. Darum gibt es keine jüdische Physik oder christliche Biochemie, das wäre für Wissenschaftler wie Gläubige auch sehr anstrengend. Diese Univer­ salität ist aber ebenfalls an die Einschränkung von Geltungsansprü­ chen gebunden. Wissenschaftliche Aussagen sind immer vorläufig. Sie taugen nicht dazu, verbindliche Regeln für unser Zusammen­ leben zu diktieren. Das ist Sache von Gesellschaft und Politik. Moderne Wissenschaftler können in der Regel gut zwischen diesen beiden Bereichen unterscheiden. Für ihre wissenschaftliche Tätigkeit spielt es zunächst keine Rolle, zu welcher Religion oder Weltanschauung sie sich bekennen. Chinesische Marxisten oder Iranische Schiiten können genauso gut eine Rakete bauen oder Uran 15


Ein Test

anreichern wie US-Amerikanische Baptisten. Wissenschaftliches Know-how ist keine Glaubensfrage. Das heißt nicht, dass die mo­ dernen Wissenschaften ganz frei von weltanschaulichen Fragmen­ ten wären. Auch Physik oder Medizin beruhen auf Festlegungen, die einem geschichtlichen Prozess unterliegen und sich wandeln können. Für unser Thema ist diese wissenschaftstheoretische De­ batte aber vernachlässigbar.11 Was für uns zählt, ist die Beobach­ tung, dass ein Physiker im 21. Jahrhundert ein Jude, ein Christ, ein Muslim oder ein Atheist sein kann. Das Gleiche gilt natürlich für die Chemie, die Biologie oder auch die Medizin. Immer herrscht für die Ausübenden Religionsfreiheit. Anders formuliert: Wir finden ein gelassenes Verhältnis zwischen Wissenschaft und persönlicher Weltanschauung. Wissenschaft hat immer den Status eines Werk­ zeugs, ob in der Anwendung oder in der Grundlagenforschung. Diese Gelassenheit steckt auch im Begriff der Akademischen Freiheit. Das heißt, universitäres Wissen erhebt – nicht in der realen Welt, sondern vom Ideal her – den Anspruch, frei zu sein von eigennüt­ zigen Interessen, privaten Vorlieben oder persönlichen Glaubens­ wahrheiten. Der Werkzeugcharakter der modernen Wissenschaften zeigt sich besonders gut in der Medizin. Das medizinische Know-how ist uni­ versal anwendbar. Die Ausbildung ist international, und auch die Befunde, beispielsweise Röntgenbilder, sind global austauschbar. Ärzte sind deshalb Kosmopoliten. Ob man in München oder ­Marrakesch ins Spital kommt, die Behandlung beruht im Kern im­ mer auf derselben Wissensgrundlage. Zugleich aber verbindet sich mit diesem universal anwendbaren Wissen eine wichtige Ein­ schränkung. Die moderne Medizin ist in der Erfahrung verankert und deshalb immer vorläufig. Das sehen wir zum Beispiel an den Richtlinien für die kardiopulmonale Reanimation, also Maß­ nahmen zur Wiederbelebung. Diese sind allgemeingültig, werden aber aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst, und zwar immer für alle Menschen. Es gibt keine christliche oder ­jüdische Sondervariante der Wiederbelebung. Medizin als Werkzeug ist deshalb auch weder gut noch schlecht. Mit seinem medizinischen Know-how kann ein Arzt ­Menschenleben retten, aber auch Leben vernichten. Wie dieses Werkzeug also gehandhabt wird, ist dann natürlich auch eine Frage 16


Gelassenheit als Prüfstein

der persönlichen Weltanschauung. Ein Arzt, der beispielsweise ­religiös ist, wird gegenüber Fragen des Lebensanfangs oder des ­Lebensendes in der Regel eine andere Haltung einnehmen als ein Arzt, der atheistisch ist. Es geht hier also nicht um das Auseinan­ derspielen von Wissenschaft und Weltanschauung, sondern allein um das angemessene Verhältnis, um die Anerkennung des Werk­ zeugcharakters der Medizin. Das heißt, der moderne Arzt ist ­immer Jude und Herzchirurg oder Atheist und Herzchirurg oder Christ und Psychiater oder Muslim und Psychiater. Wir können festhalten: Die modernen Wissenschaften haben die Idee der Freiheit im Lauf der Geschichte, ohne es selbst zu ­wissen, in sich aufgenommen, sozusagen verdaut.12 Sie dienen als Werkzeug und nicht als Weltanschauung. Darin können sie uns Vorbild sein.

Gelassenheit als Prüfstein Aus dem Gesagten können wir einen effizienten Test ableiten. Das einzige, was wir tun müssen, ist zu prüfen, ob ein gelassenes Ver­ hältnis zwischen Weltanschauung und Werkzeug vorliegt oder nicht. Der Befund ist sehr aussagekräftig, und zwar in verschiede­ ner Hinsicht. Ich beginne mit den empirischen Wissenschaften. Dort finden wir immer weltanschauliche Vielfalt, also Forscher mit verschiedenen Glaubensbekenntnissen, beispielsweise an einem internationalen Kongress für Teilchenphysik in Genf oder bei den Ärzten an der Uniklinik in München. Das heisst also: Wollen wir herausfinden, ob in einer umstrittenen Theorie seriöse Wissenschaft drinsteckt, wo Wissenschaftlichkeit behauptet wird, so können wir prüfen, ob wir bei den Vertretern dieser Theorie eine weltanschauliche Vielfalt vorfinden. Falls ja, haben wir ein starkes Indiz für Wissenschaft­ lichkeit, falls nein, ein starkes Indiz für eine weltanschaulich infil­ trierte Scheinwissenschaft. Wir können hier beispielsweise an eine Tagung christlicher Kreationisten oder anthroposophischer Ärzte denken, die sich beide mit missionarischem Eifer um wissenschaftliche Be­ weise bemühen. Oder an politisch brisante Theorien innerhalb des universitären Betriebs, etwa die Genderforschung. Die entscheidende 17


Ein Test

Frage ist immer die Gleiche: Finden wir weltanschauliche Vielfalt oder nicht? Der Test ist dort besonders effizient, wo mit Hilfe von wissen­ schaftlichen Behauptungen grosse Zukunftsversprechen für unser Leben und Zusammenleben gemacht werden. Als Daumenregel gilt: Je revolutionärer die Theorien sind, desto negativer fällt das Testergebnis aus, das heißt, desto weniger weltanschauliche ­Gelassenheit finden wir, desto einheitlicher ist das persönliche Glaubensbekenntnis ihrer Vertreter. Ein historisches Beispiel wäre der von Marx und Engels begründete Dialektische Materialismus, der in der Sowjetunion und der DDR den Status einer strengen, ja fast unfehlbaren Wissenschaft gewann. Der Test funktioniert auch im Bereich der anderen universitä­ ren Disziplinen, beispielsweise in der Philosophie. Auch diese ist ein Werkzeug, keine Weltanschauung. Das heißt, für eine moderne Auffassung von Philosophie ist es ebenso notwendig, dass Fragen des persönlichen Glaubens nicht zu einem Maßstab für alle ge­ macht werden. Der moderne Philosoph ist also – analog dem ­modernen Wissenschaftler – immer Atheist und Philosoph oder ­Agnostiker und Philosoph oder Jude und Philosoph usw.13 Die Frucht dieser weltanschaulichen Freiheit ist auch hier Vielfalt. Wir können daher auch in der Philosophie prüfen, ob eine moderne Auffassung von Denken vorliegt. Finden wir an einem Welt­kongress analyti­ scher Philosophen eine Vielzahl von Weltanschauungen? Wie steht es um das Und im Fall bekannter Denker, wenn es um das Ver­hältnis zwischen persönlicher Weltanschauung und Philosophie geht? Eine Sonderrolle kommt der Theologie zu. Dort ist das fach­ liche Wissen von der persönlichen Weltanschauung gerade nicht getrennt. Das heißt, gute Theologie ist immer mehr als ein Werk­ zeug. Wir sagen ja nie: Das ist ein Theologe und Katholik oder ein Theologe und Lutheraner. Vielmehr sagen wir: Das ist ein katholischer Theologe oder ein lutherischer Theologe. Das Gleiche gilt natürlich für die Theologie in anderen Religionen. Davon nicht berührt sind die Religionswissenschaften. Diese funktionieren wie die anderen Wissenschaften als bloßes Werkzeug und sind deshalb welt­ anschaulich genauso frei. Wie bereits am Beispiel der Medizin erwähnt hat die persön­ liche Weltanschauung durchaus einen wichtigen Einfluss auf den 18


Politik als Werkzeug

Gebrauch des Werkzeugs. Ob ich als Philosoph, Soziologe oder Historiker beispielsweise ein eher pessimistisches oder optimisti­ sches Verhältnis zur Welt und den Menschen habe, hat natürlich mit Fragen der Weltanschauung und des Glaubens zu tun. Das aber ist nicht unser Thema. Entscheidend für die Verteidigung einer moder­ nen Auffassung des universitären Wissens bleibt auch hier allein die Vielfalt der Weltanschauungen. Ohne Zweifel ist diese Vielfalt auch dem jeweiligen Fachwissen förderlich, ob im Sinn der differenzier­ ten Auseinandersetzung oder der Offenheit für Dialog.

Politik als Werkzeug Wir können den Test verallgemeinern. Ist er im Fall des universitä­ ren Wissens ein wichtiges Kriterium für Wissenschaftlichkeit, so wird er im Bereich der Politik zu einem Gradmesser für die Religionsfreiheit. Das heisst: Das Verhältnis zwischen persönlicher Welt­ anschauung und politscher Macht, zwischen persönlicher Moral­ vorstellung und Rechtsordnung, ist auch in diesem Bereich sehr aussagekräftig. Natürlich gilt auch hier, was wir bei den Wissen­ schaften bemerkten. Auch in unserem Recht steckt immer schon Moral. Menschen- und Bürgerrechte sind Festlegungen, die in einem geschichtlichen Prozess in der westlichen Welt entstanden sind. Eine Letztbegründung ist ohne Bezug auf Religion, genauer auf das ­Judentum und das Christentum, nicht möglich.14 Das ist aber für ­unser Thema ohne Belang. Uns geht es nicht um Fragen der Grund­ legung unseres Rechts, sondern bloß um die Verteidigung des ­Status quo, die Verteidigung unserer Freiheit. Und hier gilt: Gesellschaften, die keine angemessene Trennung von Macht und Moral kennen, ­unterdrücken die Freiheit. Klassische Beispiele sind das i­slamische Kalifat und die sozialistische Diktatur. Moral und Recht fallen dort zusammen. Alle Menschen sind dem gleichen, unausweichlichen Maßstab unterworfen. Wer sich entziehen will, dem droht der Staatsapparat mit Gewalt. Hier zeigt sich, dass der religiöse Fundamentalismus und der atheistische Totalitarismus wesensverwandt sind. Sie re­ spektieren beide nicht die Freiheit des Anderen. Gesellschaften dagegen, die die Unterscheidung zwischen per­ sönlicher Weltanschauung und Politik verteidigen, also Politik als 19


Ein Test

Werkzeug betrachten, erfüllen eine wesentliche Bedingung für Rechtstaatlichkeit. Und hier erweist sich der Test als besonders hilfreich, um mögliche freiheitsfeindliche Tendenzen sichtbar zu machen. Wir können nämlich prüfen, ob wir beispielsweise in ­regionalen und nationalen Parlamenten, staatlichen und privaten Medienunternehmen und anderen öffentlichen Institutionen auf weltanschauliche Vielfalt stossen. Gibt es in ihnen Lutheraner, ­orthodoxe Juden, Veganer, liberale Juden, sunnitische Muslime, Scientologen, schiitische Muslime, Hindus, Buddhisten, Agnosti­ ker, Atheisten, Marxisten, Anthroposophen, Nietzscheaner, Katho­ liken? Die Formel ist einfach: Je größer die Vielfalt an Glaubensbekennt­ nissen ist, desto weltoffener, freiheitlicher ist die politische Ausrich­ tung. Umgekehrt gilt: Je geringer die Vielfalt, desto ideologischer. Ein positiver Test allein, also der Nachweis welt­anschaulicher Frei­ heit, ist im Bereich des öffentlichen Lebens noch kein Garant für die Einhaltung der Bürgerrechte. Dafür sind weitere Kriterien erforder­ lich, insbesondere die Gewaltentrennung. Dort, wo der Test aber wenig oder keine Vielfalt ergibt, also negativ ­ausfällt, erhalten wir quasi ein Alarmsignal. Wir können in diesem Zusammenhang beispielsweise an Versuche denken, im Namen der politischen Korrektheit die Reli­ gionsfreiheit einzuschränken, sich also auf Toleranz zu berufen, um intolerante Gesetze einführen zu wollen.

Gottesstaat-Problematik Besonderes Augenmerk müssen wir auf religiöse Gemeinschaften und ihr Verhältnis zur Religionsfreiheit richten. Hier gilt es, die weltoffene Rechtgläubigkeit von der fundamentalistischen Rechtgläubigkeit zu unterscheiden. Letztere ist gekennzeichnet durch den Wunsch nach dem Gottesstaat. Beispiele dafür sind das bereits erwähnte ­islamische Kalifat oder der christliche Absolutismus in der Neu­ zeit. Dort finden wir keine Religionsfreiheit. Anders liegt der Fall bei der weltoffenen Rechtgläubigkeit. Diese anerkennt die Freiheit des Anderen. Niemand darf zu einem weltanschaulichen Bekenntnis ge­ zwungen werde.15 Aus dieser Anerkennung folgt die Trennung von Staat und Religion, von Macht und Moral. 20


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