Svizzera
Die siebte Ausgabe Jahrbuch Qualität der Medien ist von zwei Neuerungen geprägt. Einer seits wurde die Methodik des Qualitätsscorings erheblich erweitert. Das etablierte Konzept wurde um weitere Indikatoren ergänzt, was u.a. eine noch validere Messung der Qualitätsdimension Vielfalt ermöglicht. Die Daten fliessen auch in das Forschungs projekt Medienqualitätsrating (MQR-16) ein, das die Analyse der Berichterstattungs qualität mit einer Befragung zur Qualitätswahrnehmung des Publikums kombiniert. Mit dieser Befragung konnte empirisch bestätigt werden, dass die Nutzerinnen und Nutzer das dem Jahrbuch Qualität der Medien zugrunde liegende demokratietheoretische Qualitätsverständnis teilen. Andererseits ist das fög neu an einer Grossstudie beteiligt, die durch das Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford durch geführt wird. Der Bericht Reuters Digital News Report erscheint jährlich und enthält Umfragedaten zum Mediennutzungsverhalten für 26 Länder, neu auch für die Schweiz. Die umfassenden Ergebnisse dieser Studie werden ab diesem Jahr in die Analysen des Jahrbuchs Qualität der Medien einbezogen. Sie ermöglichen es beispielsweise, detaillierte Erkenntnisse über die Mediennutzungspräferenzen von jungen Erwachsenen in der Schweiz und im internationalen Vergleich zu gewinnen.
Qualität der Medien
Suisse
Presse | Radio | Fernsehen | Online
Jahrbuch 2016
Schweiz
Das «fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich» untersucht jährlich die Veränderungen in der Schweizer Medienlandschaft. Im Mittel punkt stehen dabei die grossen Mediengattungen:
2016
Qualität der Medien
Jahrbuch
Schweiz
Suisse
Svizzera
Das Jahrbuch Qualität der Medien ist eine informative Quelle für Medienschaffende, Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft, für die Wissenschaft und alle, die sich mit der Entwicklung unserer Medien und ihrer Inhalte auseinandersetzen wollen. Es will das Bewusstsein für die Qualität der Medien stärken und die Diskussion über den Wandel unserer medialen Öffentlichkeit anregen.
I S B N 978-3-7965-3550-5
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
UG_Jahrbuch_der_Medien_2016.indd Alle Seiten
9
783796 535505
fög / Universität Zürich
27.10.16 16:17
Jahrbuch 2016
Qualität der Medien Schweiz – Suisse – Svizzera
Herausgegeben vom fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich im Auftrag der Kurt Imhof Stiftung für Medienqualität, Zürich
Schwabe Verlag Basel
Auszüge des Jahrbuchs Qualität der Medien sind auch im Internet zugänglich: www.foeg.uzh.ch
Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz, und fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages und des fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gestaltung: Thomas Lutz, Schwabe Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3550-5 ISBN E-Book (PDF) 978-3-7965-3551-2 ISSN Printausgabe 1664-4131 ISSN E-Book (PDF) 2296-7931 rights@schwabe.ch www.foeg.uzh.ch www.schwabeverlag.ch
Inhaltsverzeichnis
5
7
I.
Summary . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
II. II.1 II.2 II.3 II.4 II.5 II.6
Medienstrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutung der Tech-Giganten im Newsgeschäft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geschäftsmodelle der Schweizer Medienanbieter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Finanzierung des Informationsjournalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medienkonzentration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Arbeitsbedingungen im Journalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
21 21 23 25 28 33 36
III. III.1 III.2 III.3 III.4
Medienqualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Qualitätsverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Qualitätsscoring . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medienqualitätsrating mit Rezipientenbewertungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Qualitätsbilanzen von Repertoiretypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39 39 41 49 53
IV. IV.1 IV.2 IV.3
Presse – gedruckt und online. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Nutzung des Informationsangebotes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Qualitätsvalidierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
V. V.1 V.2 V.3
Radio und Fernsehen – Newssendungen und Webangebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nutzung des Informationsangebots . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Qualität des Informationsangebots . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
VI. VI.1 VI.2
Social Media . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Herausforderungen für die Informationsvermittlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Untersuchungsgegenstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Analyse der Medienstrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Qualitätsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
75 75 80 93
115 115 117 121
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
133
Medienregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
149
Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
153
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Vorwort
7
Journalistisches Qualitätsmanagement in der Disruption Journalistische Qualität ist in aller Munde, alle Medien möchten plötzlich Qualitätsmedien sein. Einige Medien, darunter besonders vollmundig der öffentlichrechtliche Rundfunk, aber auch manch überregionale Tageszeitung und Newssite, reklamieren den Begriff des Qualitätsmediums gerne exklusiv für sich. Die wissenschaftlichen Bemühungen um journalistische Qualität wurden zudem vor wenigen Wochen erstmals mit einem Ranking Schweizer Medien gekrönt, an dem sich Medienforscher der Universität Zürich, der ZHAW Winterthur und der Universität Fribourg beteiligt haben. Und weiterhin setzt dieses Jahrbuch in seiner nunmehr siebten Folge auch im internationalen Vergleich Massstäbe für den Diskurs um Medien- und Journalismusqualität. Ist also alles «paletti»? Das ist leider nur die eine Seite der Medaille. Die andere sieht so aus: Von journalis tischer Qualität ist im öffentlichen Raum womöglich nur deshalb die Rede, weil ausser den Forschern in zwischen auch Marketingstrategen sie entdeckt haben und das Thema aufplustern. De facto ist sie jedoch gefährdet und im Schwinden begriffen. Auch in der Schweiz, die viele noch immer als eine «Insel der Seligen» wahrnehmen, gerät sie unter Druck, wie dieses Jahrbuch Jahr für Jahr belegt. Die Prozesse schöpferischer Zerstörung, die den Umbruch in der Medienbranche begleiten, erfassen auch das inner- und ausserredaktionelle Qualitätsmanagement. Ein aktuelles und handfestes Beispiel sind die Mittelkürzungen seitens des Verbands Schweizer Medien für den Schweizer Presserat. Obschon sich der jährliche Mitgliederbeitrag – die Rede ist von 36 000 Franken – für dieses wichtige Beschwerdemanagements-, Mediations- und Schiedsorgan aus der Portokasse der Ver leger finanzieren lässt, meinte der Verband, seine Beitragszahlungen einstellen zu müssen. «Medien und Journalismus gehören zu den wenigen Bereichen der Gesellschaft, in denen intern und vor allem auch gegenüber Externen nicht systematisch über Qualität gesprochen wird», konstatierte kürzlich der Präsident der Eidgenössischen Medienkommis-
sion, Otfried Jarren. Beide Ereignisse, das Highlight des Qualitätsrankings und die Mittelkürzung für den Presserat, bündeln und verdichten wie in einem Brennglas die Grundproblematik: Vor allem von aussen betrachtet und im internationalen Vergleich ist in der Schweiz das Glas in puncto Journalismus und journalistischer Qualitätssicherung halbvoll. Bei genauer Betrachtung aus der Insider-Perspektive ist es dagegen nicht nur halbleer: Es hat – von aussen noch kaum ersichtlich – Risse, und somit droht weiterer Substanzverlust. Beginnen wir die Zwischenbilanz, anders als im Journalismus üblich, auf der Haben-Seite, also mit dem Positiven. Die Vielfalt und auch die Qualität der privatwirtschaftlich und damit kommerziell betriebenen Medien dürften weltweit in kaum einem kleinen Land grösser sein als in der Schweiz. Allein in Zürich (knapp 400 000 Einwohner) gibt es weiterhin zwei hochwertige Tageszeitungen mit zugehörigen Newssites. Beide sind von so bemerkenswerter Qualität, dass andere Grossstädte im deutschsprachigen Raum, z.B. Düsseldorf (628 000 EW) oder Köln (1,07 Mio. EW) mit keinerlei vergleichbaren Angeboten aufwarten können. Selbst Hauptstädte wie Berlin (3,5 Mio. EW) oder Wien (1,8 Mio. EW) tun sich schwer, mit Zürich mitzu halten. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat eines der best ausgebauten Korrespondentennetze weltweit und wird international weiterhin als eine der besten Zeitungen überhaupt gehandelt. Der Tages-Anzeiger und die ihm kürzlich einverleibte SonntagsZeitung sind als Flaggschiffe des grössten privaten Schweizer Medien konzerns stärker regional verankert als die NZZ. Sie sind mehr auf Profitabilität getrimmt, profitieren aber erkennbar auch von Synergien, die eine grosse Mediengruppe nun einmal ermöglicht, sei das der Zugriff auf ein Korrespondentennetz, das sich die Zeitung alleine kaum leisten könnte und das sie sich partiell mit der Süddeutschen Zeitung teilt, sei das die gemeinsame Video-Produktion zusammen mit anderen TamediaTiteln, sei das die Zusammenarbeit mit Le Matin
Vorwort
Stephan Russ-Mohl
Vorwort
8
Dimanche im Recherche-Desk, z.B. bei den PanamaPapers oder anderen Leaks, sei es eine Allianz wie die Leading European Newspaper Alliance (LENA), der vermutlich nicht ganz zufällig nur Zeitungen angehören, die ihrerseits in Konzernstrukturen verankert sind. Auch beim Druck, in der Informationstechnologie oder beim Inserateverkauf werden Synergien erzielt, die letztlich den redaktionellen Spielraum vergrössern – sofern die erzielten Synergiegewinne an die Redak tionen weitergegeben werden. Schweizer Regionalzeitungen und ihre Newssites sind meist qualitativ besser als ihre deutschen oder öster reichischen Pendants mit ähnlicher Reichweite. Ein Start-up wie die Newssite watson.ch sucht ihresgleichen im deutschsprachigen Raum und wurde inzwischen ja bereits als denkbares Schweizer Exportmodell des digitalen Nachrichtenjournalismus gehandelt. Sogar die Gratispresse, über die Medienforscher verständlicherweise gerne die Nase rümpfen, ist in der Schweiz journalistisch auf höherem Niveau als anderswo in der Welt. Gerade weil 20 Minuten dreisprachig als Cashcow von Tamedia so erfolgreich ist, kann man sich auch eine grössere Redaktion leisten: In der Deutschschweiz arbeiten 110, in der Suisse romande 55 und im Tessin ca. 30 Journalisten für das Blatt – und als Sahnehäubchen lässt man sich dann noch die Wissenschafts berichterstattung von zwei Stiftungen finanzieren … Im ganzen Land gibt es weiterhin eine beträchtlich grosse Medienvielfalt. Ein kleiner Sprachraum wie das Tessin (352 000 Einwohner) verfügt über drei Abo- Tageszeitungen, eine Gratis-Tageszeitung, zwei GratisSonntagszeitungen, mehrere Newssites, Zeitschriften und Wochenblätter sowie einen privaten Fernseh anbieter – und all das trotz der erdrückenden medialen Übermacht der RSI, die insgesamt 1000 Mitarbeiter sowie allein in ihrer Onlineredaktion dutzende Jour nalisten beschäftigt, während die privaten OnlineWettbewerber Corriere del Ticino (cdt.ch) über sechs, Ticinonews (ticinonews.ch) über vier und das Giornale del Popolo (gdp.ch) über zwei Onlineredakteure ver fügen. Der öffentliche Rundfunk in der Schweiz ist aufgrund der Mehrsprachigkeit seiner Angebote zwar im internationalen Vergleich besonders teuer. Aber es gibt auch eine vergleichsweise hochentwickelte Kultur des Service public, des Dienstes am Gemeinwesen, gelebte journalistische Unabhängigkeit sowie einen funktionierenden
Finanz- und Lastenausgleich zwischen den Sprach regionen. Den politischen Eliten ist es bisher weniger geglückt, Fernsehen und Radio für ihre Zwecke einzuspannen, als anderswo. Noch ist die SRG SSR auch nicht wie BBC, ARD und ZDF unangenehm durch Skandale, Überbürokratisierung und allzu freche Selbstbedienung ihrer Führungskader aufgefallen. Zum Führungspersonal in der Medienbranche: Zwar steht Christoph Blocher längst nicht mehr «ante portas», sondern ist für seine SVP erkennbar auf Einkaufstour und hat mit Markus Somm und Roger Köppel auch zwei Haudegen zu Medieneigentum und -macht verholfen, die erkennbar das Zeug zum poli tischen Impresario und Medienbaron hätten, wenn man sie nur lassen würde. Aber noch lässt «man» ihnen eben nur auf ihren vergleichsweise kleinen Spielwiesen freien Lauf. An den entscheidenden Schaltstellen treffen mit Roger de Weck, Pietro Supino und Christoph Tonini, Michael Ringier und Marc Walder sowie Veit Dengler und Peter Wanner Leute Entscheidungen, denen man insgesamt schwerlich Augenmass und liberalen, helvetisch geprägten Bürgersinn absprechen kann. Anders als bei vielen Medienmagnaten in Nachbarländern wie Österreich oder Frankreich oder gar bei Silvio Berlusconi in Italien und Rupert Murdoch in Grossbritannien sowie den USA lässt sich ihnen auch kein massiv-parteilicher Missbrauch ihrer Medienmacht nachweisen. Der Versuch, Markus Somm Ende 2014 als Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung zu installieren, ist letztlich am Widerstand der Redaktion, des Aktionariats und der Leserinnen und Leser gescheitert. Auf der operativen Ebene, also in den Redaktionen, ist trotz Entlassungen und Schrumpfungsprozessen keine Prekarisierung des Journalismus wie in Nachbar ländern zu beobachten. Der Nachwuchs hat in der Schweiz bessere Jobchancen als in Italien oder Deutschland, wo selbst an öffentlich-rechtlichen Rundfunk anstalten im Umgang mit Praktikanten Ausbeutungsund Selbstausbeutungspraktiken etabliert sind, die dem Grundgedanken von Service public und auch der Arbeitgeberfürsorge für abhängig Beschäftigte Hohn sprechen. Schmerzliche Konvergenzprozesse sind in der Schweiz eingeleitet und bewältigt, wenn auch nirgendwo ohne Blessuren «gemeistert». In den grossen Häusern wurden integrierte Newsrooms implementiert, es gibt erste Weichenstellungen hin zu mehr Zu-
sammenarbeit und «Coopetition» zwischen privaten Medienunternehmen und der zumindest im Schweizer Fernseh- und Radiomarkt politisch gewollt übermächtigen SRG SSR. In mehreren Häusern, allen voran bei SRG SSR und NZZ-Mediengruppe, sind intern bemerkenswerte Anstrengungen zur journalistischen Qualitätssicherung zu verzeichnen. Auch das grösste private Medienhaus Tamedia leistet sich sowohl zwei Ombudsleute als auch einen Qualitätsbeauftragten. Nicht zuletzt verfügt die Schweiz über erstklassige qualitätssichernde Journalismus-Infrastrukturen mit Ausbildungsstätten wie dem MAZ, das gegen den Trend im deutschsprachigen Raum über Jahre hinweg wachsen konnte, mit einer hohen Konzentration von Forschungsstätten im Bereich der Medienforschung, die auch international angesehen sind, mit einer Vielzahl von Fachmagazinen (z.B. Schweizer Journalist, Edito, Persönlich, Werbewoche) und Medienwebsites (medienspiegel.ch, medienwoche.ch), mit Ombudsleuten und einem erstaunlich aktiven Presserat, der dreisprachig arbeitet. Das vom Verfasser mitinitiierte European Journalism Observatory (ejo-online.eu) ist eine inzwischen 13-sprachige internationale Plattform, die Medienmacher und -experten in ihrer jeweiligen Muttersprache mit Erkenntnissen der Medienforschung vertraut macht, sich aber auch für Pressefreiheit, Media Accountability und eben für den Brückenbau zwischen den vielfältigen Journalismuskulturen Europas einsetzt. Das Projekt ist an der Università della Svizzera italiana entstanden und hat somit Schweizer Wurzeln. Die helvetische Medienforschung hat sich in den letzten Jahren in geradezu atemberaubendem Tempo internationalisiert, Schweizer Forscher sind weltweit auf einschlägigen Kongressen mit ihren Arbeiten präsent und sehr gut vernetzt. Eines der wenigen globalen Journalismusforschungsprojekte, «Worlds of Journalism» (worldsofjournalism.org), wird von der Universität Zürich aus gesteuert. Zur positiven Seite der Medaille gehört im Blick auf die Forschung zur journalistischen Qualitätssicherung auch, dass meine eigenen Unkenrufe Anfang der neunziger Jahre, journalistische Qualität sei so wenig messbar, wie sich ein Pudding an die Wand nageln lasse, inzwischen doppelt widerlegt sind. Vor Jahren schon haben Studierende der Universität Zürich ihren Spass daran gehabt, in einem empirischen Experiment zu zeigen, dass sich Puddingspuren durchaus an einer
Wand fixieren lassen (https://www.youtube.com/ watch?v=rR7apu0irX0). Empirische Medienforscher haben sodann in den letzten beiden Jahrzehnten grosse Fortschritte erzielt beim Versuch, journalistische Qualität dingfest, also messbar und vergleichbar zu machen. Nicht zuletzt zeugt dieses Jahrbuch von solchen Forschungserfolgen. Was das Schweizer Qualitäts ranking angeht, liesse sich in Anlehnung an Hermann Hesse festhalten: «Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.» Doch kommen wir zum halbleeren Glas: Im Zuge der digitalen Disruption machen die Verwerfungen, welche die Medienkonvergenz und die damit einhergehende Neupositionierung vieler Redaktionen mit sich bringt, nicht Halt vor der Schweiz. Und auch die politischen Populisten, die in Medien und Journalismus eher Agitations- und Propagandainstrumente sehen mögen als Leuchttürme der Aufklärung und hochwirksame Mittel, um Korruption und Machtmissbrauch einzudämmen, sind offenbar nicht zu bremsen. Sie eilen von Abstimmungserfolg zu Abstimmungserfolg, plädieren für stärkere Überwachung durch Geheimdienste. Sie bekämpfen auf mehr oder weniger subtile Weise Pressefreiheit und untergraben das Vertrauen in den Journalismus. Die Populisten der SVP und die Lega im Tessin erzielen seit Jahr und Tag viel höhere Stimmanteile als die AfD in Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin. Ich erwähne das nicht grundlos, denn auch solche Erfolge an den Urnen von Populisten sind Indikatoren der Qualitätsprobleme des Journalismus. Sie indizieren Glaubwürdigkeitsverluste der Medien, die von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung als «Systempresse», sprich als Sprachrohre «derer da oben» wahrgenommen werden. Und sie wirken auch deshalb direkt und negativ auf die journalistische Qualität zurück, weil viele Journalistinnen und Journalisten ihren Job missverstehen: «Nicht mehr ‘Was ist’, sondern, ‘Wem nützt es’, ist offensichtlich die neue, die zentrale Frage des neuen […] Journalismus», klagen in Deutschland Franz Goergen und Roland Tichy. Ähnlich werden dann auch in der Schweiz immer wieder Dinge aufgebauscht, die den Populisten schaden könnten, und Fakten kleingeschrieben, von denen sie profitieren könnten. Das aktuellste und besonders handfeste Beispiel für bedrohte journalistische Qualität sind die bereits genannten Mittelkürzungen vonseiten des Verbands
Vorwort
9
Vorwort
10
Schweizer Medien für den Schweizer Presserat. Da Ringier und Springer-Schweiz den Fehlentscheid des VSM auf ihre Weise publicityträchtig nutzten und dem Presserat mit je 15 000 Franken unter die Arme greifen, ist dessen Arbeitsfähigkeit zwar inzwischen nicht mehr gefährdet. Der Flurschaden, den die Verleger für sich selbst angerichtet haben, bleibt dagegen, obschon der Verband ja inzwischen erfreulicherweise seine Entscheidung korrigiert hat.* Denn einmal mehr haben sie den Eindruck erweckt, Bekenntnisse zur journalistischen Qualität seien auf ihrer Seite allenfalls geeignet, um Sonntagsreden zu schmücken, aber eben in der rauen Alltagswirklichkeit doch eher in den Wind gesprochen. Viele Medienbeobachter haben in der Mittelkürzung einen Angriff auf ein wichtiges Zahnrad im Räderwerk qualitätssichernder Journalismus-Infrastrukturen gesehen – wobei wir flugs die altmodische, mechanische Metapher vom Räderwerk, die veranschaulicht, wie die einzelnen Institutionen ineinandergreifen, durch die abstraktere vom Netzwerk ersetzen sollten. Es macht die Gegebenheiten und Entwicklungsmöglichkeiten von Initiativen journalistischer Qualitätssicherungen einer digitalisierten Welt eher erfassbar. Weil es sich um ein Netzwerk handelt, entstehen auch Netzwerk-
* Der Verband Schweizer Medien hat uns dazu in einer E-Mail vom 18. Oktober 2016 in a llerletzter Minute vor Drucklegung ein Statement übermittelt, das von der bisherigen Darstellung des Sachverhalts in den Medien deutlich abweicht – und somit wohl auch ein Schlaglicht darauf wirft, wie schwer sich die Branche weiterhin beim angemessenen medialen Umgang mit ihren eigenen Angelegenheiten tut, der für die Wieder gewinnung ihrer Glaubwürdigkeit eben doch essentiell wäre: «Ein Ausstieg des Verbandes Schweizer Medien aus dem Presserat war nie beabsichtigt und auch nie kommuniziert. Die Unterstützung des Presserates war – sowohl ideell wie auch finanziell – im Präsidium des Verbands Schweizer Medien immer unbestritten. Der Verlegerverband ist nach dem Austritt von Ringier, der auf die Expansion der SRG SSR im Werbemarkt zurückzuführen ist, in finanzielle Nöte geraten. Es war deshalb geplant, die Zahlung des Mitgliedsbeitrages direkt über die Verlagshäuser zu organisieren. Der Presserat wurde im Juni darüber informiert. Am 22. September hat das VSM-Präsidium entschieden, die Zahlung nun doch über das Verbandsbudget auszurichten. Der Presserat steckt in Schwierigkeiten, hat ebenfalls grössere finanzielle Probleme. Der VSM wird sich deshalb in den nächsten Monaten stark dafür engagieren, dass eine langfristige und nachhaltige Finanzierung für den Presserat sichergestellt werden kann.»
Effekte. Wer den Presserat isoliert betrachtet, mag zu dem Eindruck kommen, es handle sich um einen «zahnlosen Tiger». Erst im Verbund mit Aus- und Fortbildungseinrichtungen, Medienfachzeitschriften und Diskussionsforen, Smalltalk auf Redaktionskonferenzen sowie mit medienpädagogischen Initiativen im Schulunterricht, in denen Entscheide des Presserats diskutiert werden, wird dieser unentbehrlich. Weitaus dramatischer als die bedrohte Funktionsfähigkeit dieses Gremiums ist indes die weiterhin rasant fortschreitende Medienkonzentration in der Schweiz. Im privaten Sektor gibt es drei dominante Player (Tamedia, Ringier und mit grossem Abstand die NZZMediengruppe); die ersten beiden haben bei ihrer Investitionspolitik erkennbar Wege eingeschlagen, auf denen sie sich mehr und mehr vom Journalismus verabschieden, weil dieser als Vehikel von Werbeaktivi täten eben nicht mehr hinreichend einträglich ist. Ringier ist zudem bereits – wegen des verbandsinternen Streits um die Werbevermarktungsallianz Admeira – aus dem Verlegerverband ausgetreten. Als vierter Akteur drängt die Investorengruppe um Christoph Blocher mit Macht auf den Medienmarkt. Sie könnte der Schweiz, sollten weitere Übernahmecoups gelingen, allmählich «italienische Verhältnisse» bescheren – nicht, was den Schlendrian und die Ausbreitung von Korruption und mafiösen Strukturen betrifft, wohl aber im Blick auf die Zementierung von Machtverhältnissen auf dem Medien-«Markt». Dabei brauchen Blocher und die SVP eigentlich gar keinen eigenen Medienbesitz, denn schon jetzt bespielen sie ja die meisten Schweizer Medien sehr erfolgreich und zwingen ihnen ihre Themen und Sichtweisen auf – auch, aber nicht nur, weil kommerzielle Medien, um Auflagen, Quoten und Clicks zu erzielen, selbst populistisch agieren müssen und somit den «Marktplatz der Ideen» gefährden. Trotzdem brodelte es in der Gerüchteküche ja bereits. Von einem zweiten NZZ-Übernahmeversuch wurde im Sommerloch 2016 gemunkelt, ein Tausch der Basler Zeitung gegen die Regionalpresse im Zürcher Umland war im Gespräch, und ein Sonntagsgratiszeitungs projekt von Blocher wurde zumindest auf Heller und Pfennig durchgerechnet. Bis vor Kurzem gab es in der Schweiz einen polternden Verlegerverbands-Präsidenten, der die Welt schön geredet hat und wissenschaftliche Beobachtung von
Journalismus für ebenso überflüssig hielt wie vermehrtes Mühen um Qualität in den Redaktionen selbst. Ob diesbezüglich die Dinge besser werden? Sieht man einmal von dem Presserats-Ausrutscher ab, stehen sowohl im Schweizer wie im deutschen Verlegerverband jetzt die erfolgreichsten und damit wohl auch weitsichtigsten Strategen des medialen Umbaus in Zeiten der Disruption an der Spitze. Pietro Supino als auch Matthias Döpfner werden ihre Verbände absehbar mit Umsicht und diplomatischem Geschick führen. Ob es aber für die Medienvielfalt das richtige Signal ist, wenn selbst die Lobby-Organisationen der Verleger von den jeweils besonders mächtigen Platzhirschen dominiert werden, also auch dort kein Gegengewicht zum «Konzernjournalismus» mehr da ist? Weil die privaten Verlage angesichts der dramatisch schwindenden Erlöse auf dem Werbemarkt ihre Felle davonschwimmen sehen, befindet sich die SRG SSR unter Beschuss und im Dauerkonflikt mit dem Ver legerverband. Mancherlei Kritik an ihr mag überzogen erscheinen, aber die Service-public-Komponente in ihrem Programmangebot wäre gegenüber dem Anteil blosser, nicht immer «hochwertiger» Unterhaltung ausbaufähig. Auch im Blick auf die Integration der Sprachräume könnten die sprachregionalen Ableger der SRG SSR mehr tun und vor allem mehr über die anderen Landesteile berichten. Nicht nur die Inte gration der rund 25 Prozent Ausländer würde leichter, wenn die SRG SSR mehr Sendungen in der deutschen Hochsprache anbieten würde, statt über Dialektpflege sowohl für die Immigranten als auch für die Mitbürgerinnen und Mitbürger in den anderen Teilen des Landes zusätzliche Rezeptionsbarrieren aufzubauen und diese zu zwingen, eigentlich zwei Fremdsprachen zu lernen, Hochdeutsch plus Dialekt, bevor sie in der Deutschschweiz heimisch werden können oder auch nur den Wetterbericht verstehen, geschweige denn mitkriegen, was im grössten Landesteil «abgeht». Service public und Marketing-Gesichtspunkte (Dialektpflege als Alleinstellungsmerkmal der SRG SSR gegenüber ausländischen Wettbewerbern) geraten hier in Konflikt. Es irritiert auch, dass ausgerechnet die SRG SSR zum Schmied einer Werbeallianz wird. Sie ist ja nicht existentiell auf Werbeerlöse angewiesen, und viele Ökonomen argumentieren ohnehin, es wäre ordnungs politisch besser, wenn sie sich gänzlich aus dem
Werbemarkt zurückzöge. Anderswo als in der hochkartellisierten Schweiz, in der «Kartellhüter» ihrer höchst missverständlichen Bezeichnung alle Ehre machen und seit jeher Oligopole eher behüten, als sie zu zerschlagen, wäre die Allianz von SRG SSR, Swisscom und Ringier kaum politisch durchzuwinken gewesen. Wie wenig zimperlich die RSI im Tessin mit Wett bewerbern umspringt, indem der Sender Dumpingpreise bei der Fernsehwerbung anbietet und damit die viel kleineren Marktteilnehmer «erdrückt», ist ein weiteres Beispiel für unangemessenes Verhalten des Goliaths gegenüber den Davids – nicht so recht mit dem Service-public-Gedanken vereinbar und auch nicht mit dem Ziel, Medienvielfalt zu erhalten. Entsprechende Proteste sind in der Berner Politik offenbar verhallt, und auch die Wettbewerbskommission hat sich bisher nicht eingeschaltet, versichert Peter Keller (MediaTI). Kaum Unterschiede zwischen privaten und öffentlichrechtlichen Anbietern gibt es auf der operativen Ebene in puncto Missmut: In den Redaktionen der beiden Leuchttürme Tages-Anzeiger und NZZ rumort es immer wieder bis hin zur (Palast-)Revolte, bei Ringier hat sich der schon beim Spiegel gescheiterte Wolfgang Büchner nur ganz kurze Zeit durch die Drehtür bewegt und ist bereits wieder fort. Bei der Konvergenz zwischen Fernsehen und Radio in der SRG SSR klemmt es nicht minder wie beim Merging von Print und Online in den privaten Medienhäusern. Das Triumvirat auf Chefredaktionsebene bei der NZZ verursacht die vorhersehbaren Reibungsverluste. Es dringt zwar wenig nach draussen, aber die Stimmung ist allerorten gedrückt. Bei Tamedia ist mit Res Strehle ein früherer Chefredaktor als Qualitätsbeauftragter aktiv, der es schon als Chefredaktor nicht geschafft hat, sein Versprechen einzulösen, den Medienjournalismus in seinem Haus zu reaktivieren. Dass es einen Bedarf an Medienjournalismus in der Schweiz gibt, zeigen – wie bereits erwähnt – die zahl reichen Fachzeitschriften, Websites und Communitys, die sich insgesamt gut behaupten, aber eben doch medienjournalistische Angebote für das breitere Publikum nicht zu ersetzen vermögen. Ohne sie fehlt aber den meisten Lesern und Leserinnen von Tageszeitungen (mit Ausnahme der NZZ) der Kompass, den sie bräuchten, um sich über Medien und Journalismus
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zu orientieren – und damit auch um Qualitätsbewusstsein zu entwickeln, von dem letztlich Zahlungsbereitschaft für höherwertige Medienprodukte abhängig sein dürfte. Gemessen an dem, was sein sollte, sind nicht nur der Medienjournalismus, sondern auch andere qualitäts sichernde Infrastrukturen des Journalismus in einem beklagenswerten Zustand. Ombudsleute gibt es dank gesetzlicher Vorgaben in der Schweiz zwar zahlreicher als anderswo, aber sie bleiben unsichtbar. Am rührigsten – aber auch eher hinter den Kulissen – sind wohl der vormalige UBI-Präsident und jetzige SRG-Ombudsmann Roger Blum und Tamedia-Ombudsmann Ignaz Staub. Keiner von ihnen spielt jedoch als «Anker» und Orientierungshilfe für den Schweizer Journalismus auch nur ansatzweise eine vergleichbare Rolle wie in den USA etwa der Public Editor der New York Times, Liz Spayd, oder deren Vorgängerin Margaret Sullivan. Letztere ist inzwischen Medienkolumnistin der Washington Post und hat sich dort soeben die Freiheit herausgenommen, sich ihrem eigenen Editorial Board zu widersetzen, indem sie von Präsident Obama ein Pardon für Edward Snowden forderte. Bei der Ausbildung von künftigen Journalisten und Medienmanagern bewegen wir uns schweizweit vermutlich auf höherem Niveau als in den Nachbarländern – wobei ich konzediere, dass diese Einschätzung nicht auf handfesten empirischen Daten beruht und wohl auch nicht von Beteiligten wie mir, sondern von aussenstehenden Experten vorzunehmen wäre. Die zahlreichen Erasmus-Studenten, die früher ein Auslandssemester bei uns verbrachten, fehlen aber bereits schmerzlich im Uni- und Ausbildungsbetrieb, der nicht dadurch besser wird, dass man im eigenen Saft schmort. Die Medienforschung ist zwar erstarkt, beschäftigt sich aber erstaunlich wenig mit den wirklich drängenden Fragen, die mit der Disruption des Mediensystems einhergehen. In der Wissenschaft gibt es starke Verselbständigungstendenzen, Forschungsarbeit ist meist dem Versuch geschuldet, sich in der eigenen, überschau baren «Scientific Community» zu profilieren und die eigene Publikationsliste zu verlängern. So wird viel Irrelevantes produziert, und das Wenige, was wichtig für Medienpraktiker wäre, verschmort oftmals un erkannt und ungenutzt hinter den Bezahlschranken wissenschaftlicher Journals. Es wird obendrein zu
nehmend in englischer Sprache veröffentlicht – wir befinden uns also auf dem Weg zurück ins Mittelalter, als sich Forscher auf Lateinisch verständigten und damit alle anderen, die sich für ihr Tun hätten interessieren können, sprachlich ausgrenzten. Im Blick auf meine eigenen Bemühungen, an diesem Punkt die Wissenschaftskultur zu verändern und Brücken zwischen der Medienforschung und der Medienpraxis zu bauen, gibt es ebenfalls groteske Entwicklungen. Mit Hilfe einiger nachhaltig fördernder Stiftungen – darunter die Fondazione Corriere del Ticino, die Robert Bosch Stiftung, die Stiftung Presse haus NRZ und neuerdings die Fondazione Fidinam – ist es zwar geglückt, das 2004 gegründete, ursprünglich dreisprachige European Journalism Observatory zu einem Netzwerk auszubauen, das in 13 Sprachen eigene Websites publiziert und auch in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter unterwegs ist. Es gibt uns inzwischen in arabischer und russischer Sprache ebenso wie auf Englisch, Deutsch, Italienisch, Portugiesisch oder Albanisch, Lettisch, Polnisch, Rumänisch, Tschechisch und Ukrainisch. Um eine «richtige» Schweizer Institution und auch um eine vollwertige europäische Einrichtung zu werden, fehlt uns aber weiterhin eine französischsprachige EJO-Plattform. Geeignete Partner gäbe es in der Schweiz an der Universität Neuchâtel, aber gewiss auch in Frankreich oder Belgien – aber es fehlt halt bislang am lieben Geld. Für unseren arabischen Partner in Tunesien, das neu gegründete Arabic Journalism Observatory, konnten wir dagegen sicherstellen, dass dessen Website sowohl auf Arabisch als auf Französisch publiziert werden kann. Doch kommen wir zurück auf das Qualitätsranking. Ein prominenter Kritiker, Kurt W. Zimmermann, wandte ein, die Forscher hätten bei der Pioniertat übersehen, dass es für spezifische Medienmärkte auch spezifischer Qualitätskriterien bedarf. In der ihm eigenen Genialität erfand der Chefredaktor des Schweizer Journalist und langjährige Kolumnist der Weltwoche die einprägsame Metapher vom Mercedes-Lastwagen und vom Ferrari-Sportwagen: Wenn man Medien wissenschaftler frage, welches Auto die grössere Qualität habe, sei die Antwort klar: «Der Mercedes […] ist volkswirtschaftlich relevant, sachorientiert und be friedigt gesellschaftlichen Bedarf. Der Ferrari hingegen ist individualistisch, emotionell und für das soziale
Fortkommen ohne Relevanz.» So viel zum Spott des renommierten Praktikers und Zynikers, der allerdings manchmal zu Schnellschüssen neigt. Wissenschaftler würden sich in der Tat angreifbar machen, wenn sie die Qualität von Gratiszeitungen wie 20 Minuten oder Newssites wie watson.ch nach den selben Kriterien bemässen wie die Qualität überregionaler Zeitungen, etwa der Neuen Zürcher Zeitung. Wer das Bildungsbürgertum adressiert, braucht fraglos andere Qualitätskriterien als für ein Massenprodukt, das auf ein breitestmögliches Publikum zielt. Nur: Ganz neu war diese Einsicht Zimmermanns nicht. Genau aus diesem Grund haben die Wissenschaftler ihre Qualitätsmessung ja nicht über alle Schweizer Medien hinweg vollzogen, sondern in Clustern – wobei die Art und Weise, wie die Cluster gebildet wurden, allerdings diskussionswürdig bleibt. Die «alten» Abgrenzungen zwischen Zeitungen/Newssites, Boulevard- und Gratismedien, Fernsehen und Radio sind in einer konver genten Medienwelt womöglich überprüfungsbedürftig. Wenn zum Beispiel das Gratismedium watson.ch an der NZZ und am Tages-Anzeiger gemessen wird, statt an 20 Minuten und allenfalls der Blick-Gruppe, und wenn die mit üppigen Gebührengeldern alimentierten Angebote der SRG SSR trotz ihres gänzlich anderen gesetzlichen Auftrags direkt mit kommerziellen Medien verglichen werden, dann kommt eben, in der Tat wenig verwunderlich, hinten das heraus, was vorne eingegeben wurde. Um nochmals Zimmermann zu zitieren: Die «Resultate sind völlig überraschungsfrei».
Ausblick Weitaus weniger überraschungsfrei ist dagegen dieses Jahrbuch, das auch 2016 mit spannenden Forschungsergebnissen aufwartet. Im Vorwort konnten dazu ergänzend nur schlaglichtartig einige aktuelle Entwicklungen erfasst werden, die den helvetischen «Stand der Kunst» beim Qualitätsmanagement im Journalismus exemplarisch widerspiegeln. Die Schweiz kann sich internationalen, technologisch bedingten Entwicklungen nicht entziehen. Kassandrarufe wie die von Emily Bell oder Evgeny Morozov aus jüngster Zeit sollten ernst genommen werden. Mit all dem Herrschaftswissen, das die fünf Internetgiganten Alphabet/Google, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft in trautem Verbund mit übermächtigen Geheimdiensten über uns sammeln, befinden wir uns nicht nur in einem Prozess der Refeu-
dalisierung, so Morozov. Wir sind auch mitten im Übergangsstadium von der Aufmerksamkeitsökonomie, in der eine Vielzahl gesellschaftlicher Akteure und Gruppen um öffentliche Beachtung für ihre Ideen und Anliegen ringen und konkurrieren, hin zu einer Des informationsökonomie, in der es sich für eine zunehmende Zahl von Akteuren rechnet, Falschmeldungen, Konspirationstheorien und anderen «Bullshit» zu verbreiten – vor allem über die sozialen Netzwerke, aber auch über die Massenmedien, deren Recherchekapazität schwindet. «Facebook eats up the world» – Facebook frisst die Welt auf, so warnt Emily Bell. Auf den unabhängigen Journalismus kommen jedenfalls schwere Zeiten zu – auch in unserem Land. Nicht viel anders steht es um die Unabhängigkeit der Forschung und Wissenschaft, die durch Mittelkürzungen ebenso bedroht ist wie durch Mittelverlagerung in die Drittmittelforschung. Hier sind es vor allem Verfahren, die angeblich der Qualitätssicherung dienen und der Mittelverschwendung vorbeugen sollen, welche die Unabhängigkeit sowie die Originalität und Kreativität der Forschung bedrohen – der bürokratisierte Antragsmarathon, die oftmals unsinnigen Vorgaben, die vielfach nachlässigen, auf eigene Claim-Absicherung zielenden Gutachten im Peer Review sind hier zu nennen. Sie sollten als Warnsignal all denen dienen, die nach dem Vorbild der Schweizer Wissenschaftsförderung gerne öffentliche Journalismusfinanzierung betreiben möchten. Wünschenswert, aber leider wenig realistisch, wäre ein Bündnis für die Aufklärung zwischen Wissenschaft und Journalismus: Dazu bräuchte es mehr Institutionen wie das fög, also mehr Grenzgänger zwischen Medienforschung und Medienpraxis. Seitens der Wissenschaft wären mehr und nachhaltigere Initiativen nötig, Medienpraktikern Forschung zugänglich zu machen, und seitens der Medienpraxis ein Fünkchen mehr Einsicht, dass Forschungsergebnisse mitunter der journalistischen Qualität aufhelfen und auch für die Publika der Medien interessant sein könnten. Kein Journalist, kein Chefredaktor, kein Medienmanager würde sich einem Hausarzt anvertrauen, der ihm erklärt, medizinische Forschungsfortschritte interessierten ihn nicht. Dagegen ist es unter Medienprak tikern weiterhin «chic», unter ihresgleichen auf Redaktionskonferenzen und auch auf öffentlichen Podien aufs eigene Bauchgefühl zu vertrauen und zu erklären,
Vorwort
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was Medienforscher im Elfenbeinturm so produzierten, sei Humbug und ohne jedwede Praxisrelevanz. Für alle, die ernsthaft journalistische Unabhängigkeit sichern und journalistischer Qualität aufhelfen möchten, für alle, denen Pressefreiheit und Media Accountability ein ernstes Anliegen ist und die dazu beitragen möchten, dass die Medienforschung endlich in der Praxis ankommt, gibt es viel zu tun – auch und gerade in der mehrsprachigen Schweiz, die mit ihrem Föderalismus, mit ihrer direkten Demokratie, mit ihrem
ildungsbürgertum, mit ihren Medien, ihrem JournaB lismus und dem «weiten Feld» der Diskussion um journalistische Qualität sowie mit ihrer einzigartigen politischen Kultur dem auseinanderdriftenden Europa in vielerlei Hinsicht Vorbild sein könnte – würden die Europäer in Brüssel und anderswo nur endlich einmal genauer hingucken. Krempeln wir also die Ärmel auf! Packen wir es an! Lugano, 3. Oktober 2016
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Medienstrukturen
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oder Onlineportale als ihre Hauptinformationsquelle an, für 29% ist dies nach wie vor das Fernsehen und bereits 9% informieren sich überwiegend via Social Media. Das heisst: 40% der Befragten bevorzugen digitale Newskanäle gegenüber traditionellen Mediengattungen. Google und Facebook werden zu übermächtigen Playern im digitalen Newsgeschäft. Sie betreiben jene Social- Media-Plattformen, die mit Abstand die grösste Bedeutung haben für die Informationsnutzung der Befragten in der Schweiz. So konsumieren 36% News über Facebook, darauf folgen WhatsApp und Youtube mit jeweils 19%. Twitter, als drittstärkster Anbieter, wird lediglich von 6% der Befragten zu Informationszwecken genutzt. Die grossen Medienhäuser der Schweiz konnten das Geschäftsjahr 2015 alle mit einem Gewinn abschliessen und arbeiten auch langfristig profitabel. Der Hauptteil des Umsatzes wird trotz langfristig rückläufiger Entwicklung immer noch im traditionellen Geschäft mit der Publizistik erwirtschaftet. Auch bei der Ringier AG, dem am stärksten digitalisierten Medienhaus der Schweiz, machen die Erlöse aus dem traditionellen Geschäft immer noch rund zwei Drittel des Gesamtertrags aus. Die Werbeeinnahmen aus dem Printbereich sind nach wie vor deutlich höher als die Einnahmen aus dem digitalen Werbegeschäft. 2015 stehen Einnahmen von rund 1,1 Milliarden Franken im Printbereich 129,5 Mio. Franken im digitalen Bereich gegenüber. Die Konkurrenz zu branchenfremden Akteuren ist im Onlinemarkt zudem sehr ausgeprägt. Aussagen von Medienmachern zufolge erreichen Google und Facebook gegen 50% Marktanteil im digitalen Werbemarkt der Schweiz. Die Gratiskultur ist schwierig zu überwinden. Über die Hälfte der Schweizer Medienkonsumenten bezahlt bereits gar nichts mehr für Zeitungen. Die Zahlungsbereitschaft für Onlinenachrichten ist noch tiefer. Gerade mal 10% der Befragten geben an, im letzten Jahr für digitale News bezahlt zu haben. Der Werbemarkt im Fernsehbereich ist hart umkämpft. Mit ausländischen Werbefenstern wurden 2015 über 316 Mio. Franken Netto-Werbeeinnahmen erzeugt: Seit 2002 haben sich die Jahreseinnahmen fast verdreifacht. Die Werbeeinnahmen der SRG SSR stagnieren langfristig und sind 2015 mit 364 Mio. Franken ähnlich hoch wie 2002. Im Vorjahresvergleich verzeichnet die SRG SSR sogar eine leichte Einbusse (–8%). Die kleinen privaten Fernsehanbieter erlitten Werberückgänge von 4% und kommen zusammen auf 69 Mio. Franken. Die Konzentration im Pressemarkt der Suisse romande ist am weitesten fortgeschritten. Die drei grössten Verlagshäuser Tamedia AG, Ringier AG und Editions Suisses Holding SA kontrollieren zusammen rund 90% des Presse angebots, wobei die Tamedia AG mit 66% mit Abstand der wichtigste Kontrolleur ist. In der kleinräumigen Suisse romande und in der Svizzera italiana übertrifft die Konzentration im Onlinemarkt (92% bzw. 87%) die Konzentration im Pressemarkt (91% bzw. 61%) deutlich. Die Digitalisierung des Mediengeschäfts wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Arbeitsbedingungen der Journalisten aus. In einer Journalistenbefragung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) geben 96% an, dass der E influss von Social Media auf den Journalismus innerhalb der letzten fünf Jahre zugenommen hat. 68% finden zudem, dass die Glaubwürdigkeit des Journalismus gelitten hat.
I. Summary
• Digitale Newsnutzungsformen werden zunehmend wichtiger. 31% der Befragten in der Schweiz geben Newssites
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Medienqualität
I. Summary
• Forschungsergebnisse zu den sogenannten Newsrepertoires zeigen, welche Qualität beim Publikum tatsächlich
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ankommt. Von den sechs Repertoiretypen in der Schweiz sind die «Intensivnutzer» qualitativ und quantitativ am besten mit News versorgt. Ihr Anteil ist allerdings rückläufig und liegt bei 11%. Den Gegenpol bilden die «News-Deprivierten», der v.a. bei Jungen unter 30 Jahren am häufigsten vertretene Nutzertyp. Die «News- Deprivierten» sind deutlich unterversorgt mit qualitativ hochwertigen News. Ihr Anteil ist seit 2009 um 10 Prozentpunkte auf heute 31% gestiegen. Auch der Repertoiretyp des «Global Surfer» schneidet in der Qualitätsbilanz schlecht ab. Hier findet ein Rückzug aus der nationalen Medienarena statt zugunsten einer Nutzung vielfältiger, internationaler Medienangebote unter Einbezug von Blogs und Social Media. Diese gut ausgebildeten Berufstätigen, von denen viele einen Migrationshintergrund haben, nehmen an den gesellschaftspolitischen Debatten der Schweiz nur wenig Anteil. Seit 2009 steigt der Anteil der «Global Surfer» kontinuierlich und beträgt heute 21%. Ein mit Befragungsdaten kombiniertes Auswertungsverfahren bestätigt, dass das Qualitätsverständnis, welches diesem Jahrbuch zugrunde liegt, vom Publikum geteilt wird. Der in der wissenschaftlichen Forschung anerkannte demokratietheoretisch geprägte Qualitätsmassstab ist also nicht elitär, sondern bildet auch bei den Medien nutzerinnen und -nutzern den Massstab zur Beurteilung der Medienqualität. Zu den Qualitätsleuchttürmen in der Schweiz zählen zwei Sendungen des öffentlichen Radios, das Echo der Zeit und Le 12h30 (8,6 bzw. 8,4 Scorepunkte). Umgekehrt weisen Blick.ch (3,8) und blickamabend.ch (3,2) die niedrigsten Qualitätswerte auf. Die Befunde der erstmalig analysierten Qualitätsdimension Vielfalt zeigen, dass die Medientypen des öffentlichen Rundfunks mit Abstand am meisten zu einer inhaltlich vielfältigen Schweizer Medienarena beitragen.
Presse – gedruckt und online
• Die Nutzung der Angebote traditioneller Printmedientitel verschiebt sich zunehmend ins Netz. Allerdings ist • • • • •
die Reichweite der Printausgaben in der Regel noch immer deutlich höher als die der entsprechenden Onlineangebote. In der Deutschschweiz erzielen die digitalen Newsangebote im Schnitt nur 25% der Gesamtreichweite. Einzig die Newssite des Blicks hat mit 696 000 Nutzern die gedruckte Zeitung (620 000) überholt. Nur wenige Titel können die sinkenden Reichweiten der Printausgaben durch steigende Onlinenutzung kompen sieren. Eine Ausnahme ist 20 Minuten. Die Pendlerzeitung erreicht in der Deutschschweiz mehr zusätzliche Nutzer mit ihrer Onlineausgabe (+108 500), als sie presseseitig verliert (–74 500). Digitale und gedruckte Pendler- und Boulevardzeitungen sowie reine Onlinetitel (watson.ch) sind jene Medien typen, deren Publikum überproportional aus jungen Medienkonsumenten besteht. Das Publikum von watson.ch besteht zu rund 37% aus 14- bis 29-Jährigen, während die Basler Zeitung ein Publikum hat, das zu fast 30% aus Personen über 60 Jahren besteht. Der Auflagenrückgang bei den Abonnementszeitungen akzentuiert sich erneut. Die Auflage der bedeutendsten Titel der Schweizer Abonnementspresse hat sich seit 2001 um 39% verringert. Prozentual noch mehr verloren haben die Boulevardzeitungen mit –45%. Umgekehrt gewann der Markt der Pendlerzeitungen im selben Zeitraum 56% an Gesamtauflage hinzu. Qualitätsunterschiede zwischen Informationsangeboten erklären sich zum grössten Teil über die Medientypen. Die Titel der Abonnementspresse off- und online (6,9 bzw. 6,2 Scorepunkte), die Sonntagszeitungen und Magazine (6,7 Scorepunkte) bieten mehr Qualität als die Pendler- und Boulevardzeitungen off- und online (zwischen 4,2 und 4,6 Scorepunkten). Trotz zusammengelegter Redaktionen sind die Newssites der Abonnementspresse qualitätsschwächer als ihre gedruckten Pendants. Im Schnitt beträgt die Differenz 0,7 Scorepunkte. Nahe beieinander liegen die Online- und Printausgaben der Medientitel NZZ und Le Temps (8,1 Scorepunkte [offline] vs. 7,7 [online] bzw. 7,8 [offline] vs. 7,6 [online]), die ihr Onlineangebot mit Bezahlschranken versehen haben.
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Radio und Fernsehen – Newssendungen und Webangebote
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liche und private Medienorganisationen sowie Produzenten von Medieninhalten und branchenfremde Organisationen mit Zugriff zu detaillierten Nutzungsdaten treten miteinander in Konkurrenz. Die neue Werbeallianz Admeira von SRG SSR, Ringier AG und Swisscom und die heftigen, teilweise negativen Reaktionen darauf stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Besonders das öffentliche Radio verliert Teile seines Publikums. Rendez-vous von Radio SRF 1 beispielsweise hat zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung rund 30% weniger Nutzer als noch vor fünf Jahren. Zeitversetzte Nutzungsformen wie Podcasts oder Audiofiles können diesen Rückgang nicht kompensieren. Eine durchschnittliche Sendung von Rendez-vous wird nur 900-mal als Podcast heruntergeladen, und nur 1100-mal wird bei einer durchschnittlichen Sendung von Rendez-vous auch ein Audioclip zur Sendung online aufgerufen. Die Onlineportale des öffentlichen Rundfunks werden häufig genutzt. So geben 31% der deutschsprachigen Befragten an, srf.ch innerhalb der letzten Woche zu Newszwecken genutzt zu haben. Im Falle von tagesanzeiger.ch oder nzz.ch sind es nur 15% bzw. 12%. Viel bedeutungsvoller ist jedoch das Onlineangebot der Pendlerzeitung 20 Minuten mit einem fast doppelt so hohen Nutzeranteil von 59%. SRG SSR löst auf Facebook mehr Reaktionen aus als die Anbieter der Abonnementspresse. Das Engagement der Nutzer (Kommentare, «Likes», Verlinkungen) ist beispielsweise auf den Facebook-Seiten von RTS mit 1955 Interaktionen pro Tag hoch. Jedoch lange nicht so hoch wie jenes der Boulevard- und Pendlerformate. So erreicht 20 minutes einen rund 10-mal höheren Engagementwert von 20 209. Die Informationssendungen des öffentlichen Radios sind die Qualitätsleuchttürme der Schweiz. Die ersten acht Plätze von insgesamt 64 im Qualitätsscoring sind – mit Ausnahme der NZZ auf Rang vier – durch Sendungen des öffentlichen Rundfunks belegt. Die Berichterstattungsqualität der privaten Rundfunkanbieter erreicht nur unterdurchschnittliche Werte. Dies lässt sich nur teilweise mit den beschränkten Ressourcen erklären, die den Privatrundfunkveranstaltern zur Ver fügung stehen. So gibt es gerade bei den verschiedenen Privatfernsehanbietern grosse Qualitätsunterschiede, wobei die ressourcenstärkeren Anbieter nicht zwingend die besseren Nachrichtensendungen produzieren. Die Nachrichtensendung ZüriNews des relativ grossen TeleZüri besteht zu mehr als der Hälfte (57%) aus Softnews – beim relativ kleinen Léman Bleu sind es nur 24%. Neben den Ressourcen braucht es auch den Willen, eine gute Qualität anzubieten.
Social Media
• Social Media spielen bei der Vermittlung und Nutzung von Informationsinhalten eine immer grössere Rolle. In der • •
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Schweiz geben bereits 47% der Befragten an, Social Media «in der letzten Woche» für ihren Newskonsum genutzt zu haben. Der Trend der Newsnutzung via Social Media ist bei jungen Erwachsenen besonders ausgeprägt und hat sogar die Printnutzung überholt. 65% der 18- bis 24-Jährigen geben an, sich «letzte Woche» via Social Media informiert zu haben. Nur 49% derselben Altersgruppe geben an, in der vergangenen Woche Printprodukte für News zwecke genutzt zu haben. Die Newsanbieter versprechen sich von der Social-Media-Einbindung mehr Reichweite, auch weil sie bestrebt sind, mittels Social Media neue Abonnenten für ihre (Bezahl-)Angebote zu gewinnen. Dabei zeigen sich grosse Unter schiede in Bezug auf die Facebook-Aktivität von Medienanbietern. Die Redaktion von 20 minuti ist mit 48 015 Posts in 15 Monaten mit Abstand am aktivsten. Im Schnitt postet ein Zeitungsanbieter, der eine Facebook-Seite betreibt, lediglich 7399-mal in diesem Zeitraum. Die Pendlerzeitungen erzeugen auch das höchste Nutzerengagement. Auf den Facebook-Seiten von 20 minutes und 20 Minuten reagiert das Publikum im Schnitt 20 209- bzw. 16 540-mal pro Tag in Form von Kommentaren, der Vergabe von «Likes» oder der Verlinkung eines Beitrags. Ein Risiko von Social Media als Newskanal besteht im Bedeutungsverlust etablierter Medienmarken. In den angelsächsischen Ländern und im asiatisch-pazifischen Raum nehmen weniger als die Hälfte der Befragten, die Social Media regelmässig als Informationskanal verwenden, die dahinterliegenden Medienmarken wahr.
I. Summary
• Das Beziehungsgeflecht im Rundfunkmarkt wird zunehmend komplexer. In- und ausländische Akteure, öffent
I. Summary
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Wozu das Jahrbuch?
Die Marke «Jahrbuch»
Seit seinem erstmaligen Erscheinen im Jahr 2010 ist das Ziel des Jahrbuchs, die Diskussion über die Qualität der Medien zu vertiefen und zu einer Verbesserung ihrer Qualität beizutragen. Es bildet eine Quelle für Medienschaffende, Akteure aus Politik und Wirtschaft, für die Wissenschaft und alle Interessierten, die sich mit der Entwicklung der Medien und deren Inhalten auseinandersetzen. Anstoss für das Jahrbuch ist die bewährte Einsicht, dass die Qualität der Demokratie von der Qualität medienvermittelter Öffentlichkeit abhängt. Durch das Jahrbuch erhält das Publikum einen Massstab, welchem Journalismus es sich aussetzen will, die Medienmacher erhalten einen Massstab, welchen Journalismus sie produzieren und verantworten wollen, und die Politik erhält Einsicht in die Entwicklung des Medienwesens und in die Ressourcen, die dem Informationsjournalismus in der Schweiz zur Verfügung stehen.
Die Forschungsergebnisse zur Qualität der Medien erscheinen jedes Jahr im Herbst als Jahrbuch Qualität der Medien (JQM) und periodisch über das Jahr verteilt als Studien Qualität der Medien (SQM). Das Jahrbuch analysiert und dokumentiert jährlich die wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen im Schweizer Medienwesen und enthält detaillierte Analysen zur Nutzung und Finanzierung sowie zu den Besitzverhältnissen und der Berichterstattungsqualität der reichweitenstärksten, am General Interest orientierten Informa tionsmedien aus den drei grossen Sprachregionen. Von Interesse sind die Gattungen Presse, Radio und Fern sehen sowie die neuen Online-Informationsangebote und -plattformen. Die Studien vertiefen ausgewählte Themen aus den Schnittbereichen zwischen Medien, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Das Qualitätsverständnis Dem Jahrbuch liegt ein demokratietheoretisches Qualitätsverständnis zugrunde, das davon ausgeht, dass die Informationsmedien in einer Demokratie wichtige Aufgaben für die Gesellschaft übernehmen. Aus den Leistungsfunktionen öffentlicher Kommunikation lassen sich vier Qualitätsdimensionen ableiten, die sowohl in der wissenschaftlichen Forschung als auch in der journalistischen Praxis verankert sind. Als Erstes gibt die Dimension «Relevanz» Aufschluss über das Verhältnis von Hardnews gegenüber Softnews sowie über das Gewicht von Beiträgen zu gesamtgesellschaftlich relevanten oder institutionellen Vorgängen gegenüber der Schilderung von partikulären Ereignissen (z.B. rollenferne, privatisierende Personendarstellungen). Die Qualitätsdimension «Vielfalt» misst, ob aus vielen verschiedenen inhaltlichen und geografischen Blickwinkeln über das Geschehen berichtet wird. Die «Einordnungsleistung» ist dann hoch, wenn aktuelle Ereignisse in längerfristige Entwicklungen und thematische Zusammenhänge eingebettet werden und wenn eine orientierungsstiftende Interpretationsleistung erfolgt. Schliesslich interessiert bei der Qualitätsdimension «Professionalität» unter anderem, ob die Berichterstattung sachlich ist und von der Redaktion selbst stammt (Eigenleistung) und in welchem Umfang Quellen transparent gemacht werden.
Quellen und Methoden Die Analysen des Jahrbuchs und der Studien basieren auf selbst erhobenen Daten sowie auf Sekundärdaten. Die verschiedenen Quellen und Kooperationspartner sind hier entlang der methodischen Ansätze aufge listet: Inhaltsanalyse
Die Messung der Berichterstattungsqualität erfolgt anhand einer am fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich durchgeführten Inhaltsanalyse. Die Zufallsstichprobe aus dem Jahr 2015 berücksichtigt 25 389 Beiträge aus 64 Schweizer Informationsmedien. Leitend sind die Qualitätsdimensionen Relevanz, Vielfalt, Einordnungsleistung und Professionalität, die mit Indikatorvariablen erfasst und in Form eines Punktesystems gescort werden. Jeder Medientitel erzielt pro Qualitätsdimension einen Qualitätsscore, der sich auf einer Skala zwischen den Werten «0» (minimale Qualität) und «10» (beste Qualität) bewegt. Der Mittelwert aus den Qualitätsscores der vier Dimensionen bildet den Gesamtscore für die Qualität der einzelnen Medientitel (vgl. Kapitel «Methodik»). Die Qualitätsmessung wurde in diesem Jahr erheblich ausgebaut. Beispielsweise wird die Qualitätsdimension Vielfalt mit verbesserten Indikatoren detailliert gemessen. Zudem gehen nun jeweils sämtliche Beiträge einer Zeitungsausgabe bzw. einer Einstiegsseite bei Newssites und die ganzen Informationssendungen im Radio- und Fern-
sehbereich pro Stichtag in die Untersuchung ein. Die Qualitätsmessung basiert also nicht mehr nur auf Frontseiten- bzw. Aufmacherbeiträgen, sondern auf den jeweiligen Gesamtausgaben der untersuchten Informationsmedien. Publikumsbefragungen
Erstmals umfassend berücksichtigt wurden in diesem Jahr die Daten des «Reuters Digital News Report». Der Bericht enthält Umfragedaten für 26 Länder (über 50 000 Interviews), neu gibt es auch Daten für die Schweiz. Das fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich ist die Schweizer Partnerorganisation dieser Grossstudie, die durch das Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford durchgeführt wird. Befragt wurden rund 2000 Internetnutzer der Deutschschweiz und der Suisse romande. Auf der Basis von Onlinepanels wurden Stichproben gezogen, die für Internetnutzer ab 18 Jahren repräsentativ sind. Zusammen mit GfK Switzerland führt das fög seit 2009 eine Befragung zur Mediennutzung durch. Dabei werden jährlich rund 3400 Onlineinterviews erhoben, die repräsentativ für die Wohnbevölkerung in der Deutschschweiz und der Suisse romande sind. Die Befragung findet jeweils zum Jahresbeginn statt. Gefragt wird nicht nur nach der Mediennutzung, sondern auch nach Themen und Ereignissen, die die Befragten im vorangegangenen Jahr besonders intensiv verfolgt haben. Im Auftrag des Stiftervereins Medienqualität Schweiz, des Herausgebers des Berichts Medienqualitätsrating (MQR-16), wurde eine Befragung durchgeführt, wie Mediennutzer die Qualität von Informationsmedien wahrnehmen. Das fög ist wissenschaftlicher Partner des Projekts MQR-16. Basis der Analyse bildet ein standardisierter Onlinefragebogen, mit welchem 1613 repräsentativ ausgewählte Personen aus der Deutschschweiz und der Suisse romande im Februar und März 2016 befragt wurden. Die Qualitätswahrnehmung wurde für 43 Medientitel erhoben, wobei den Befragten nur Medientitel zur Bewertung vorgelegt wurden, die sie gut oder sehr gut kannten. Kennwerte aus der Medienbranche
Die Untersuchungen zum Verbreitungs- und Konzentrationsgrad der Informationsmedien bzw. des Medien-
marktes basieren auf Auflagenzahlen und Reichweitenmassen der Medienforschungsorganisationen WEMF, NET-Metrix und Mediapulse. Die Daten zur Finanzierung der Medien stammen von der Stiftung Werbestatistik Schweiz, Media Focus und aus der Publikation «Medienbudget» des Verbands Schweizer Medien. Die Sekundärdaten zur Viralität auf den Facebook- Seiten der Medienanbieter wurden mit Hilfe von Netvizz – einer Anwendung zur Datenerfassung und -gewinnung der University of Amsterdam – erhoben. Weitere Daten zur Bedeutung des Social-Media-Kanals für Newsmedien (Zuleitungsaspekt) stammen von similarweb.com.
Wer zeichnet für das Jahrbuch verantwortlich? Das Jahrbuch wird erarbeitet und herausgegeben durch das fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich (www.foeg.uzh.ch). Neun wissenschaftliche und sieben studentische Mitarbeitende sind an der Forschung beteiligt und garantieren die Qualität der Analysen.
Wer finanziert und unterstützt das Jahrbuch? Die Finanzierung des Jahrbuchs wird durch die gemeinnützige Kurt Imhof Stiftung für Medienqualität (www.kurt-imhof-stiftung.ch) und die Universität Zürich eingebracht. Der Stiftungsrat setzt sich zusammen aus: Christine Egerszegi-Obrist, Mark Eisenegger, Barbara Käch, Yves Kugelmann, Fabio Lo Verso, Dick Marty, Oswald Sigg und Peter Studer. Die Stiftung verdankt die Mittel für das Projekt folgenden Donatoren: Adolf und Mary Mil Stiftung, Bundesamt für Kommunikation BAKOM, Die Schweizerische Post AG, Verband Interpharma, Paul Schiller Stiftung, Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG, Zürcher Kantonalbank und verschiedenen Einzeldonatoren. Beiträge für die Kurt Imhof Stiftung für Medienqualität können überwiesen werden auf die Bankver bindung: ZKB Zürich-Oerlikon – Kontonummer: 1100-1997.531 – Postkonto Bank: 80-151-4, IBAN: CH28 0070 0110 0019 9753 1, Bankenclearing-Nr. 700, SWIFT: ZKBKCHZZ80A.
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Kontakt: fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich, Andreasstrasse 15, CH-8050 Zürich, Telefon: +41 44 635 21 11, E-Mail: kontakt@foeg.uzh.ch.
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Wo sind das Jahrbuch und die Studien erhältlich? Das Jahrbuch ist in gedruckter Form (ISBN 978-37965-3550-5) und zusätzlich als E-Book (ISBN 978-37965-3551-2) beim Schwabe Verlag (www.schwabe verlag.ch) erhältlich und erscheint jeweils im Herbst. Die Studien werden als separate E-Publikationen publiziert und sind ebenfalls beim Schwabe Verlag erhältlich. Pro Jahr werden ca. 2–3 solcher Studien ver öffentlicht.