Skip to main content

Aphasiediagnostik – aktuelle Perspektiven

Page 1

Die Herausgeberinnen Anja Blechschmidt, Sonderpädagogin, Diplompädagogin Sprach­ therapie, Logopädin NDT, studierte an der Universität Dortmund und doktorierte an der Universität Basel in Allgemeiner Sprach­ wissenschaft. Sie arbeitete viele Jahre in der Schweiz als Logopädin und ist Leiterin der Professur für Logopädie am Institut Spezielle ­Pädagogik und Psychologie der Pädagogischen Hochschule FHNW. Ute Schräpler, Klinische Sprechwissenschaftlerin, studierte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und doktorierte am Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik der Ludwig-MaximiliansUniversität München. Nach langjähriger Tätigkeit als Logopädin mit K ­ indern, Jugendlichen und Erwachsenen ist sie heute als ­Dozentin an der Professur für Logopädie der Pädagogischen ­Hochschule FHNW tätig.

I S B N 978-3-7965-3514-7

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

9

783796 535147

Aphasiediagnostik – aktuelle Perspektiven

Menschen nach Apoplex, Schädel-Hirn-Trauma und anderen Hirn­ schädigungen sind häufig von Einschränkungen senso-motorischer und kommunikativer Fähigkeiten auf mündlicher wie auch auf schriftlicher Ebene betroffen. Die Aufgaben von Logopädinnen und Logo­päden ­bestehen unter anderem darin, möglichst zeitnah die sprach­lichen Kompetenzen von Patientinnen und Patienten zu erfassen, g ­ emeinsam Interventionsziele festzulegen und eine individuelle, auf die jeweiligen Bedürf­nisse zugeschnittene ­Therapie durch­zuführen. Voraussetzung für diese logopädische Arbeit bildet die Aphasiediagnostik. Die Beiträge des Bandes thematisieren aktuelle Perspektiven der ­Aphasiediagnostik: Unter anderem werden Besonderheiten der deutschsprachigen Diagnostik wie die dort vorhandene Vielzahl unterschied­ licher Dialekte sowie der Aspekt der Mehrsprachigkeit von Patientinnen und Patienten vorgestellt. Berücksichtigung findet zudem der aktive Einbezug von Angehörigen, der einen wesentlichen Bestandteil der Aphasiediagnostik darstellt. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die spezifische Diagnostik bei Kindern mit Aphasie. Zur Sprache kommen in diesem dritten Band der Reihe treffpunkt ­logopädie erneut sowohl aktuelle Forschungsprojekte als auch konkrete Umsetzungsmöglichkeiten aus der Praxis.

Anja Blechschmidt und Ute Schräpler (Hrsg.)

Aphasiediagnostik – aktuelle Perspektiven


Anja Blechschmidt und Ute Schräpler (Hrsg.)

Aphasiediagnostik – aktuelle Perspektiven

SCHWABE VERLAG BASEL


Publiziert mit Unterstützung der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)

treffpunkt logopädie 3 Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Iris Becher, Schwabe Umschlaggestaltung: Reto Wahlen, Solothurn Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3514-7 ISBN E-Book 978-3-7965-3528-4 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt

Vorwort..........................................................................................

7

Anja Blechschmidt und Ute Schräpler Einleitung.......................................................................................

9

1 Verfahren in der Aphasiediagnostik Katrin Petra Kuntner und Sandra Schütz Che cosa? KOSA! – Entwicklung und Evaluation des partizipativen Verfahrens «KOmmunikationsorientierte Selbstbeurteilung bei Aphasie» (KOSA)........................................................................ 17 Sandra Hanne Kognitiv-orientierte Diagnostik mit LEMO 2.0..................................... 27

2 Perspektiven auf die Aphasiediagnostik Georg Greitemann Klassifikation in der Aphasiediagnostik............................................... 41 Jürgen Steiner Teilhabeorientierte, dialogische Aphasiediagnostik – ein Update............. 51 Simon Sollereder und Angelika Jungwirth Aphasiediagnostik in einer heterogenen Sprach(en)landschaft: pragmatisch-kommunikative und kognitive Aspekte. . ............................ 65 Angelika Bauer Aktivitäten, Partizipation und Kontextfaktoren – Diagnostik und Evaluation im Zeichen des ICF-Gesundheitsmodells: Weist das Ziel den Weg?.................................................................... 77 Frauke Strakeljahn und Sarah Feil Verlaufsdiagnostik im Rahmen einer placebo-kontrollierten Studie über die Effekte von beidseitiger Gleichstromstimulation auf postakute Aphasien nach Schlaganfall.. ................................................ 87


3 Aphasiediagnostik bei Kindern Melanie Kubandt Aphasie im Kindesalter – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Aphasie bei Erwachsenen............................................................. 101 Susanne Bauer Kindliche Aphasie – eine diagnostische Herausforderung....................... 113 Janine Hofmann Herausforderungen bei kindlicher Aphasie im Langzeitverlauf................ 127 Autorinnen und Autoren .................................................................. 137


Vorwort Die Grundlage jedes logopädischen Handelns ist die Diagnostik. Durch die genaue Beobachtung und Erfassung der kommunikativen Fähigkeiten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen werden Massnahmen zur individuellen Förderung und Therapie abgeleitet. Diagnostisches Arbeiten reicht vom Einbezug der Angehörigen über die Verwendung von Fragebögen bis hin zum Einsatz normierter und standardisierter Testverfahren. Aus den gewonnenen Ergebnissen werden Prämissen für die nachfolgenden Therapieziele und deren Umsetzung formuliert, welche wiederum ständig abgeglichen und angepasst werden müssen. Der Diagnostik kommt somit eine wesentliche Bedeutung zu. In der Aphasietherapie arbeiten Logopädinnen und Logopäden mit Personen verschiedenster Altersstufen, vom Kleinkind bis zum älteren Menschen. Diagnostische Verfahren und Vorgehensweisen kommen also bei einer sehr heterogenen Gruppe von Menschen zur Anwendung. Obwohl es immer um das Erscheinungsbild Aphasie geht, ist die individuelle Situation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen höchst verschieden, was bei der diagnostischen Herangehensweise entsprechend berücksichtigt werden muss. Die diagnostische Arbeit mit Aphasiepatientinnen und -patienten lässt die Vielseitigkeit diagnostischer Herangehensweisen besonders deutlich werden. Im ersten Teil werden von Katrin Petra Kuntner und Sandra Schütz sowie von Sandra Hanne neuere Verfahren in der Aphasiediagnostik vorgestellt. Sandra Schütz und Katrin Petra Kuntner haben das Verfahren KOSA entwickelt, mit dem eine Selbstbeurteilung der kommunikativen Fähigkeiten von Aphasiepatientinnen und -patienten erhoben werden kann. Sandra Hanne beschreibt die neue Version LEMO 2.0 des 2004 erstmalig publizierten Testverfahrens «Lexikon modellorientiert: Diagnostik für Aphasie, Dyslexie und Dysgraphie». Der zweite Teil zeigt unterschiedliche Blickwinkel auf, aus denen die Aphasie­ diagnostik betrachtet werden kann. Georg Greitemann erläutert die Klassifikationssysteme, die in Hinblick auf Aphasien bestehen, und deren Bedeutung für Diagnostik und Therapie. Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei der Arbeit mit Aphasie­ patientinnen und -patienten ist es, deren individuelle Aktivität im Alltag und gesellschaftliche Teilhabe sowie die beeinflussenden Kontextfaktoren zu berücksichtigen (Angelika Bauer, Jürgen Steiner). Nicht nur in der Schweiz mit ihren vier Landessprachen, sondern auch in anderen Ländern stellt die Diagnostik bei mehrsprachigen Patientinnen und Patienten eine besondere Herausforderung dar. Simon Sollereder und Angelika Jungwirth zeigen auf, welche diagnostischen Möglichkeiten 7


es im deutschsprachigen Raum in Hinblick auf mehrsprachige Personen gibt und wie diese umgesetzt werden können. Frauke Strakeljahn und Sarah Feil diskutieren im Rahmen einer Wirksamkeitsstudie bei postakuter Aphasie, welche Schwierigkeiten bei der Verwendung bestehender Testverfahren auftreten, und entwickeln dabei neue Lösungsansätze. Der dritte Teil widmet sich den kindlichen Aphasien. Melanie Kubandt legt dar, wie kindliche Aphasien von Aphasien im Erwachsenenalter abgegrenzt werden können, und beschreibt die diesbezüglich bestehenden Besonderheiten und logopädischen Herausforderungen. Susanne Bauer erläutert anhand mehrerer Fallbeispiele, wie bei Kindern logopädisch diagnostiziert werden kann. Schliesslich beschreibt Janine Hofmann unter Einbezug diagnostischer Daten den Langzeitverlauf der ­Therapie von Kindern mit Aphasie. Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Jan Weisser, Leiter des Instituts Spezielle Pädagogik und Psychologie (ISP), und der Pädagogischen Hochschule FHNW für die Unterstützung bei der Herausgabe des nun bereits dritten Bandes der Reihe treffpunkt logopädie. Ausserdem möchten wir Herrn Beat Richiger, Leiter der Berufsprak­ tischen Studien am ISP, unseren Dank aussprechen. Frau Iris Becher vom Schwabe Verlag gilt unser Dank für die hervorragende fachliche Betreuung und das Lektorat. Vor allem aber danken wir den Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, Österreich und Deutschland für ihre vielfältigen und interessanten Beiträge.

Basel, im Januar 2016 Anja Blechschmidt und Ute Schräpler

8


Einleitung Anja Blechschmidt und Ute Schräpler Menschen nach Apoplex, Schädel-Hirn-Trauma und anderen Hirnschädigungen sind häufig von Einschränkungen senso-motorischer und kommunikativer Fähigkeiten auf mündlicher wie auch auf schriftlicher Ebene betroffen. Die Aufgaben von Logopädinnen und Logopäden bestehen unter anderem darin, möglichst zeitnah die sprachlichen Kompetenzen von Patientinnen und Patienten zu erfassen, gemeinsam Interventionsziele festzulegen und eine individuelle, auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zugeschnittene Therapie durchzuführen. Voraussetzung für diese logopädische Arbeit bildet die Aphasiediagnostik. Die Aphasiediagnostik mit ihren verschiedenen Perspektiven fusst ihrerseits auf allgemeinen Definitionen von Diagnostik, welche für die logopädische Professionsperspektive handhabbar gemacht werden. Im Folgenden werden deduktiv – von allgemeinen Leitsätzen ausgehend – Einzelaussagen zur logopädischen Diagnostik zusammengetragen. Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Komplexität der spezifischen diagnostischen Arbeit mit Aphasiepatientinnen und -patienten, der dieses Buch gewidmet ist. Allgemein betrachtet ist Diagnostik ein viel und höchst unterschiedlich genutzter Terminus. Er bezeichnet eines der «zentralen Aufgabenfelder in sprachtherapeutischen und sprachheilpädagogischen Kontexten» (Berg 2014: 342) und stellt dort somit eine Grundlage für alles weitere Handeln dar. Der Begriff Diagnostik stammt aus dem Griechischen und bedeutet ‘Durch­ forstung’, im Sinne von Unterscheiden, Entscheiden, Erkennen und Urteilen. Dia­ gnostik bezeichnet aus medizinischer und psychologischer Sicht die Fähigkeit und Lehre, Krankheiten unterscheiden zu können (Duden 2007: 328). Häufig wird von Dia­gnostik auch ausgegangen als einem «systematische[n] Sammeln und Aufbereiten von Informationen mit dem Ziel, Entscheidungen und daraus resultierende Handlungen zu begründen, zu kontrollieren und zu optimieren» (Jäger/Petermann 1995: 11). In der Logopädie lassen sich für diese Tätigkeit des Sammelns, Aufbereitens und Erkennens in Abhängigkeit von Kontext und Situation drei Formen der Diagnostik unterscheiden: (1) die Selektionsdiagnostik, (2) die Prozessdiagnostik und (3) die handlungsimmanente Diagnostik.

9


Anja Blechschmidt und Ute Schräpler

Mit der (1) Selektionsdiagnostik wird zu einem bestimmten Zeitpunkt das Ziel verfolgt, Zuordnungs- und Platzierungsfragen fallbezogen mittels ausgewählter Prüfverfahren zu klären. Die Selektionsdiagnostik ermöglicht eine normative Unterscheidung zwischen Lebensalter, Lernalter und Sprachenkontaktalter als relevanten Charakteristika von Merkmalsträgern und die Integration dieser erhobenen Daten zu einem Gesamturteil (Diagnose, Prognose). Eine besondere Rolle spielt dabei der Einsatz normierter und standardisierter Testverfahren. Die Selektions­diagnostik (welche Person passt zu welcher Bedingung) oder auch Modifikations­diagnostik (was kann die Person tun, um in ein bestimmtes Raster, z.B. sprachauffällig versus sprachunauffällig, zu passen) (Pawlik 1976) wird in der Logopädie angewandt, um beispielsweise Erwachsenen eine ihnen entsprechende Therapie zu bewilligen oder Kinder einer bestimmten Schulform zuzuweisen. In der Sprachheilpädagogik und Logopädie wird Diagnostik zudem als Verlaufsdiagnostik zyklischer Prozesse –Bestandsaufnahme, Interventionsplanung, Lern­ prozessbegleitung und Evaluation – verstanden (von Knebel / Schuck 2007). Bei dieser (2) Prozessdiagnostik (Richiger 2008) werden zu mehreren Zeitpunkten oder in bestimmten Zeitfenstern (Ehlich/Bredel/Reich 2008) wissenschaftsbasierte Verfahren angewendet, um dann aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen mittels unterscheidender Kriterien (Differenzialdiagnostik) Leitprozesse planend ableiten zu können. Prozessdiagnostik wird häufig auch als Förderdiagnostik (Niedermann et al. 2010), Lernprozessdiagnostik (Eberwein 1999) oder modellorientierte Diagnostik (Costard 2007) bezeichnet. Von Knebel (2010) ergänzt in diesem Zusammenhang die Merkmalsträgerperspektive in der Diagnostik um die Kompetenzperspektive: Mittels Diagnostik wird beschrieben, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten eine Person erworben hat und welche sie tatsächlich einsetzt. Von Knebel/Schuck (2007) untermauern ihre Vorstellung von Diagnostik, indem sie die Notwendigkeit einer biografischen Analyse (Erfassung lebensgeschichtlicher Bedingungen), einer Sprachhandlungsanalyse (Erfassung von Handlungserfahrungen mit Sprache und ihren Bedingungen) sowie der Mikroanalyse von Sprache (Erfassung der jeweils individuell und situativ verwendeten Sprache und ihrer Regelhaftigkeit) hervorheben. Diese Informationen sind für das weitere logopädische Vorgehen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermassen von Bedeutung, um didaktisch notwendige Schritte für einzelfall­ orientierte Therapiemethoden festzulegen. Schliesslich bedarf es einer Diagnostik im Sinne eines stetigen situationsabhängigen Handelns. Diese Form wird als (3) handlungsimmanente Diagnostik bezeichnet und als «systematische Erkenntnistätigkeit […], die integraler Bestandteil jeder Handlung ist», definiert (von Knebel / Schuck 2007: 475). Im logopädischen Handeln findet dabei ein ständiges Wechselspiel von Beobachten und Agieren statt. 10


Einleitung

Menschliches Handeln in unserer Kommunikationsgesellschaft ist vielfach sprachliches Handeln. In Anlehnung an Braun (1994: 7ff.) werden «alle mensch­ lichen Verhaltensweisen in interpersonalen Kontexten unter dem Begriff ‘Inter­ aktion’ subsummiert […], während von ‘Kommunikation’ nur dann gesprochen wird, wenn ein gemeinsamer Code existiert oder im Laufe der Interaktion etabliert werden kann». Dieser gemeinsame, sich entwickelnde Code wird in der handlungsimmanenten Diagnostik laufend beobachtet, um das sprachliche Handeln situations­ adäquat zu gestalten. Handlungsimmanentes Diagnostizieren wird somit als (Sprach-)Handeln zwischen Beobachten und Tätigkeit definiert, wobei das Niveau des gemeinsamen Codes stets auf die jeweilige Kommunikationssituation hin an­ gepasst wird. Sprachliches Handeln ist zielgerichtet, plangeleitet und werteorientiert (Welling 1990: 351), mit dem Ziel, dem Handelnden Partizipation an der Gesellschaft zu gewährleisten. Auf dem Weg vom Therapieren bzw. Lehren zum gemeinsamen Lernen und zur Bildung stellen sich für alle Beteiligten Fragen, etwa: Wie handle ich beim Lernen? Wo lerne ich? Was lerne ich? Wofür lerne ich? Wie passe ich mein Handeln an? Handlungsimmanente Diagnostik stellt sich während des Handelns kontinuierlich diese Fragen in Bezug auf sich selbst bzw. den/die Kommunikationspartner. Es findet eine ständige Reflexion über die jeweilige Kommunikationssituation und die sprachlichen Kompetenzen aller am Gespräch Beteiligten statt. Entsprechend wird auch das sprachliche Handeln von Patientinnen und Patienten, deren Angehörigen aber auch das der Logopädin oder des Logopäden begleitend beobachtet, (innerlich) beschrieben und angepasst. Beobachten können heisst zunächst, im Alltag etwas wahrzunehmen und zu beschreiben, und erst wenn notwendig auch zu beurteilen. Beurteilungen sind der normative Schluss der Diagnostik und nicht zwingend notwendig, um tätig zu werden. Sprachlich agieren bedeutet, eine spezifische Begleitung, ein konkretes Handeln für Entwicklungsprozesse von Menschen zur Verfügung zu stellen. Es heisst also, zu fragen und zu antworten oder darzulegen, zu erörtern und zu diskutieren oder anzuweisen und zu befehlen etc. Diese Sprachhandlungen werden über die handlungsimmanente Diagnostik wenn nötig begleitet und unterstützt, oder es werden entsprechende Lernanlässe bereitgestellt. Kommunikationssituationen mit aphasischen Menschen bedürfen in besonderem Masse einer dauerhaften handlungsimmanenten Diagnostik, damit die eigene Sprache adäquat angepasst werden kann, entsprechende Hilfsmittel zur Kompensation zur Verfügung gestellt oder Lernanlässe entsprechend vereinfacht (bzw. erschwert) werden können. Die Prozess- und Selektionsdiagnostik finden im logo­ pädischen Alltag immer parallel zur handlungsimmanenten Diagnostik statt. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes ermöglichen uns im Folgenden einen Einblick in aktuelle Perspektiven aphasiespezifischer Varianten der Diagnostik. 11


Anja Blechschmidt und Ute Schräpler

Literatur Berg, Margit (2014): Diagnostik. In: Grohnfeldt, Manfred (Hrsg.): Grundlagen der Sprachheilpädagogik und Sprachtherapie. Stuttgart: Kohlhammer. Braun, Otto (2002): Selbstverständnis förderdiagnostischen Vorgehens. In: Grohnfeldt, Manfred (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Band 3, Diagnostik, Prävention und Evaluation. Stuttgart: Kohlhammer. S. 29–62. Braun, Ursula (1994): Unterstützte Kommunikation bei körperbehinderten Menschen mit einer schweren Dysarthrie. Eine Studie zur Effektivität tragbarer Sprachcomputer im Vergleich zu Kommunikationstafeln. Frankfurt a.M., Bern et al.: Peter Lang (Arbeiten zur Sprachanalyse, Band 21). Costard, Sylvia (2007): Störungen der Schriftsprache. Modellgeleitete Diagnostik und Therapie. Stuttgart, New York: Georg Thieme Verlag. Duden (2007): Das grosse Fremdwörterbuch. 4. Aufl. Mannheim: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG. Eberwein, Hans (Hrsg.) (1999): Integrationspädagogik: Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam: ein Handbuch. 5., erg. und neu ausgestattete Aufl. Weinheim: Beltz. Ehlich, Konrad / Bredel, Ursula / Reich, Hans H. (2008): Referenzrahmen zur altersspezifischen Sprachaneignung. Bonn: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Reihe Bildungsforschung, Band 29/1). Eicher, Iris (2009): Sprachtherapie planen, durchführen, evaluieren. München, Basel: Ernst Reinhardt. Huber, Walter / Poeck, Klaus / Springer, Luise (2006): Klinik und Rehabilitation der Aphasie. Stuttgart: Thieme. Jäger, Reinhold S. / Petermann, Franz (Hrsg.) (1995): Psychologische Diagnostik: ein Lehrbuch. 3., korr. Aufl. Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union. Niedermann, Albin et al. (2010): Heilpädagogische Unterrichtsgestaltung: ein Studienbuch zur Förderdiagnostik, Basisfunktionsschulung und Klassenführung. 3. Aufl. Bern: Haupt (Beiträge zur Heil- und Sonderpädagogik). Pawlik, Kurt (Hrsg.) (1976): Diagnose der Diagnostik: Beiträge zur Diskussion der psychologischen Diagnostik in der Verhaltensmodifikation. Stuttgart: Klett. Richiger-Näf, Beat (2008): Der Zyklus sonderpädagogischer Förderprozesse. Professionelle Handlungsplanung in der Speziellen Pädagogik. In: Richiger-Näf, Beat (Hrsg.): Das Mögliche ermöglichen. Bern: Haupt. S. 11–30. Von Knebel, Ulrich (2007): Sprachförderung im Unterricht als diagnosegeleiteter Prozess. In: Schöler, Hermann / Welling, Alfons (Hrsg.): Handbuch Sonderpädagogik. Bd. 1: Sonderpädagogik der Sprache. Göttingen: Hogrefe. S. 1082–1103.

12


Einleitung

Von Knebel, Ulrich / Schuck, Karl Dieter (2007): Diagnostik und Differenzialdiagnostik: Klassifikation, Methoden und Probleme. Allgemeine Fragestellungen. In: Schöler, Hermann / Welling, Alfons (Hrsg.): Handbuch Sonderpädagogik. Bd. 1: Sonderpädagogik der Sprache. Göttingen: Hogrefe. S. 475–504. Von Knebel, Ulrich (2010): Auf dem Weg zu einer inklusionstauglichen Diagnostik. Entwicklungsnotwendigkeiten und Orientierungsgrundlagen – exemplarisch konkretisiert für den Förderschwerpunkt Sprache. In: Sonderpädagogische Förderung heute, 55/3. S. 231–250. Welling, Alfons (1990): Zeitliche Orientierung und sprachliches Handeln. Handlungstheoretische Grundlegungen für ein pädagogisches Förderkonzept. Frankfurt a.M., Bern et al.: Peter Lang (Europäische Hochschulschriften, Bd. 414).

13


1  Verfahren in der

Aphasiediagnostik


Che cosa? KOSA! – Entwicklung und Evaluation des partizipativen Verfahrens «KOmmunikations­ orientierte Selbstbeurteilung bei Aphasie» (KOSA)

1

Katrin Petra Kuntner und Sandra Schütz Die von Aphasie betroffene Person soll in der Rehabilitation als aktiv und selbst­ bestimmt angesehen werden (vgl. z.B. Schütz 2013). Für eine wirksame, subjekt­ orientierte Aphasietherapie ist es neben der Erfassung der Sprachfunktionen deshalb unausweichlich, bereits im Diagnostikprozess die Sicht des jeweiligen Menschen auf die eigene Kommunikation im Lebensalltag systematisch – und nicht nur informell im Rahmen eines Therapiegesprächs – zu berücksichtigen. Eine informative und wertvolle Beurteilung durch die Klientin oder den Klienten kann sich dabei auf die wahrgenommenen Kommunikationsfähigkeiten und -schwierigkeiten beziehen: Wie gut kann er oder sie Gesprochenes verstehen, sich in verschiedenen Situationen ausdrücken, mit verschiedenen Personen kommunizieren? Wie gut kann er oder sie ausgewählte schriftsprachliche Aufgaben im Alltag bewältigen? Wie wichtig sind ihm oder ihr welche sprachlich-kommunikativen Aktivitäten? Bei der Durchsicht vorhandener Methoden zur Selbsteinschätzung der kommunikativen Fähigkeiten fällt in der deutschsprachigen Aphasiediagnostik allerdings eine beachtliche Lücke auf. Mit dem Wortspiel im Titel Che cosa? KOSA! möchte der vorliegende Beitrag auf die Frage aufmerksam machen, was diese Lücke schliessen könnte (italienisch «che cosa?»). Mit dem von den Autorinnen entwickelten Dia­ gnostikinstrument KOSA soll zudem eine mögliche Antwort vorgestellt werden. Das Akronym KOSA steht für das semistandardisierte, quantitativ-qualitative Diagnostiktool namens «KOmmunikationsorientierte Selbstbeurteilung bei Aphasie». Im Folgenden wird zunächst auf die Diagnostikmethode der Selbsteinschätzung eingegangen. In einem weiteren Schritt werden der theoretische Hintergrund erläutert und das Diagnostikverfahren KOSA sowie die Überlegungen zu dessen Durchführung, Auswertung und Interpretation vorgestellt. Anschliessend sollen die einzelnen Phasen des Validierungsprozesses hin zu einem evaluierten Aphasie­ diagnostikum präsentiert werden. Es folgt eine Diskussion der Möglichkeiten und Herausforderungen, die in Bezug auf die Selbstauskunft in der Diagnostik bei Aphasie bestehen, woraus schliesslich ein Fazit gezogen wird.

17


Katrin Petra Kuntner und Sandra Schütz

1

Partizipative Verfahren als Perspektive in der Aphasiediagnostik

Ein Blick auf den gegenwärtigen Stand der Aphasiediagnostik zeigt, dass eine breite Anzahl an Verfahren zur Identifikation, Beschreibung und Analyse der sprachlichen Störung verfügbar ist. Im Sinne des biopsychosozialen Modells der «Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit» ICF (vgl. DIMDI 2005) ist jenseits des linguistischen Befunds aber auch die Bewertung der Kommunikation anhand von pragmatisch-funktionalen Instrumenten erforderlich. Die Methode der systematischen Selbstbeurteilung (englisch «self-rating») spielt dabei im deutschen Sprachraum sowohl in der Literatur als auch in der Praxis vielfach eine untergeordnete Rolle. Im Gegensatz dazu stehen im englischsprachigen Raum einige evaluierte Diagnostikmittel zur Selbstevaluation der Kommunikationsfähigkeit und Lebensqualität bei Aphasie zur Verfügung (Böhlau et al. 2013). Die wenigen entsprechenden deutschsprachigen Diagnostika finden hauptsächlich in der Forschung Anwendung und sind entweder bislang nicht publiziert (z.B. «Aachener Lebensqualitätsinventar» ALQI; vgl. u.a. Engell et al. 2003) oder bezüglich der Sprache und des Aufbaus so beschaffen, dass sie nur bei einer bestimmten Zielgruppe (etwa Personen mit leichtgradiger Aphasie) reliabel und valide einsetzbar scheinen. Ein grosser Personenkreis, vor allem Betroffene mit mittelschweren bis schweren Aphasien, bleibt somit von der Partizipation im diagnostischen Prozess ausgeschlossen. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die Sprachtherapie als Fachdisziplin zur Überwindung von Barrieren durch Sprachstörungen versteht, kritisch zu sehen. Welche Bedingungen sind bei der Anwendung beziehungsweise Entwicklung eines Verfahrens zur Eigenbeurteilung bei Aphasie zu berücksichtigen? Bei der Befragung von Menschen mit Aphasie sind – wie bei der formalen Aphasietestung – mögliche neurologische Begleitstörungen, etwa motorische Einschränkungen (beispielsweise Halbseitenlähmung der Arme), zu berücksichtigen. Voraussetzung bilden ausreichende, unter Umständen mit technischen Mitteln korrigierte Seh- und Hörfähigkeiten. In Bezug auf die Selbstauskunft sind zudem eventuelle mit der Aphasie assoziierte Schwierigkeiten im Sprachverständnis, in der Sprachproduktion sowie beim Lesen und Schreiben zu beachten. Für das Verständnis einer Skala zur Abgabe quantitativer Urteile bedarf es bei der zu untersuchenden Person entsprechender kognitiver Voraussetzungen. Auch neuropsychologische Leistungen wie etwa (Arbeits-)Gedächtnisleistungen, die zum Erfassen und Verarbeiten der gestellten Fragen nötig oder die für das Erinnern der Aktivitäten und Schwierig­ keiten im Alltag erforderlich sind, spielen eine zentrale Rolle. Ebenfalls ist einer im Rahmen einer Hirnschädigung möglicherweise auftretenden Einschränkung 18


Che cosa? KOSA! – Entwicklung und Evaluation

der Selbstwahrnehmung (englisch «self awareness») (Prigatano 1999) Rechnung zu tragen. Eine im Gegensatz zur Therapeutinnen- und Therapeutensicht stehende Be­ urteilung ist nicht per se als Ausschlusskriterium für eine Selbstbefragung zu be­ werten. Mögliche gegensätzliche Auffassungen können sogar wichtige Hinweise für die Therapieplanung bieten. Im deutschsprachigen Raum bedarf es der ‒ die genannten Faktoren berücksichtigenden ‒ Entwicklung und Validierung eines sprachsensiblen, multimodalen Instruments im Sinne der Unterstützten Kommunikation, um die Selbsteinschätzung als partizipative Methode in der Aphasiediagnostik für möglichst alle Klientinnen und Klienten zu realisieren. Im Folgenden soll die «KOmmunikationsorientierte Selbstbeurteilung bei Aphasie» (KOSA) vorgestellt werden, die diese Ziele verwirklichen möchte.

Die «KOmmunikationsorientierte Selbstbeurteilung bei Aphasie» (KOSA) Ziele und Einsatz

Das übergreifende Ziel der KOSA besteht darin, von einer Person mit Aphasie eine Selbsteinschätzung ihrer kommunikativen Fähigkeiten im Alltag zu erhalten. Die KOSA als semistandardisiertes Medium im Sinne der Unterstützten Kommunikation (Kaiser-Mantel 2012) will die Möglichkeit bieten, die Betroffenen, geführt durch eine Fachperson, in den Abklärungsprozess einzubinden. Sie erlaubt eine strukturierte und kontrollierte Beschreibung sowie eine Bewertung der kommunikativen Schwierigkeiten und Ressourcen (Böhlau et al. 2013), woraus qualitative und quantitative Ergebnisse für einen intra- und interindividuellen Vergleich sowie Daten für die Ableitung von Therapiezielen gezogen werden können. Zielgruppe

Die KOSA ist so konzipiert, dass sie potenziell für alle (älteren) Erwachsenen mit unterschiedlichen Schweregraden von Aphasie einsetzbar ist. Sie eignet sich gerade auch für Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Aphasie, die bislang in der Aphasiediagnostik in Hinblick auf die Mitbestimmung marginalisiert wurden. In Anlehnung an Hilari/Owen/Farrelly (2007) ist festzuhalten, dass die KOSA nur bei Klientinnen und Klienten mit Aphasie ab der postakuten Phase angewandt wird, die bereits zu Hause leben und deshalb von Alltagserfahrungen berichten können (Böhlau et al. 2013).

19

1


Katrin Petra Kuntner und Sandra Schütz

1

Theoretischer und inhaltlicher Rahmen

Die KOSA basiert auf dem biopsychosozialen Modell der ICF und fokussiert deshalb auf die Aktivitäten im Alltag sowie auf die Kontextfaktoren der zu befragenden Person. Kommunikation wird als wechselseitiger, direkter oder indirekter Austausch zwischen mindestens zwei Personen mit freier Wahl der Modalität (verbal, nonverbal) in Anlehnung an das von Schütz (2013) adaptierte Dialogmodell verstanden. In der Literatur wird bestätigt, dass Kommunikationssituationen von unterschiedlichen Kontextfaktoren beeinflusst werden (Worrall et al. 2002). Daher wurde bei der Konzeption der KOSA angestrebt, der Variation und Komplexität von kommunikativen Aktivitäten im Alltag gerecht zu werden und diese systematisch abzudecken. Da sich zwei Drittel der Schlaganfälle – eine Hauptursache für Aphasien – nach dem 65. Lebensjahr ereignen (Huber/Poeck/Springer 2006), orientierte sich die Auswahl der Items in der KOSA ferner am Lebensalter der Mehrheit der von Aphasie Betroffenen. Beobachtungsstudien zu Aktivitäten von älteren Menschen mit Aphasie (z.B. Davidson/Worrall/Hickson 2003) boten zudem Orientierung bei der inhaltlichen Auswahl der Items. Methodische Überlegungen

Für die Konstruktion der KOSA als adaptiertes Interview bildete die gängige Methodenliteratur zu schriftlichen und mündlichen Befragungen die Basis. Um möglichst vielen Personen mit unterschiedlichen Schweregraden der Aphasie gerecht zu werden, waren darüber hinaus spezifische methodische Überlegungen notwendig. Eine Grundlage stellten erstens Merkmale der Unterstützten Kommunikation dar. Zweitens erfolgte ein Review bereits bestehender Verfahren zur Eigenbeurteilung in der (internationalen) Aphasiediagnostikliteratur (z.B. «Communication Disability Profil» CDP, vgl. Swinburn/Byng 2006, oder «Aachener Lebensqualitätsinventar» ALQI, vgl. u.a. Engell et al. 2003). Schliesslich wurden folgende Charakteristika in die KOSA eingeführt: –– Multimodale Darbietung: Zum einen werden die Fragen der KOSA jeweils sowohl mündlich vorgetragen als auch in Schrift (Satzform) und Bild auf einem Blatt angeboten. Ein Item besteht demnach immer aus einer Item-Frage (mündlich und schriftlich) sowie einem Item-Bild, sodass die oder der Befragte bei einem Nichtverstehen der Frage auf die anderen Informationskanäle zurückgreifen kann. Diese multimodale Präsentation der Items hat sich bereits in anderen Verfahren bewährt. Zum anderen wird die Ratingskala über bildliche Abstufungen veranschaulicht und zusätzlich mündlich mit der Angabe der entsprechenden Kategorien erklärt. –– Sprachsensible Gestaltung: Der Aufbau der Fragen ist über alle Items hinweg gleich. Die Fragen werden positiv formuliert sowie in semantisch-syntaktisch 20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Aphasiediagnostik – aktuelle Perspektiven by Schwabe Verlag - Issuu