Skip to main content

GGG 1777–1914

Page 1

Sara Janner GGG 1777–1914

Basler Stadtgeschichte im Spiegel der «Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige » Mit einem Beitrag von Hans Ulrich Fiechter

193. und 194. Neujahrsblatt für die Jahre 2015 /2016 Herausgegeben von der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel

Schwabe Verlag Basel


Inhaltsverzeichnis

8  10

Zum Geleit Zu diesem Buch

13

Teil I : Isaak Iselin

14

Einleitung

17

1.

Isaak Iselin, das Archiv und die Geschichte der GGG

27 2. Das Nachleben Iselins in Basel im 18. und 19. Jahrhundert Die Entwicklung im Überblick 27 2.1 Iselins Selbstbild und politisches Vermächtnis 28 2.2 Die Erinnerungsfeier der Helvetischen Gesellschaft 1783 32 2.3 2.4 Der Streit um Iselins Erbe in Basel: Das Auseinanderbrechen 38 der Basler Reformbewegung nach Iselins Tod Die GGG erhält ein Gesicht: Das Iselinbild der Mediations46 2.5 und Restaurationszeit zwischen 1804 und 1818 / 19 2.6 Regeneration und liberaler Frühling zwischen 1811 und 1831: 50 Die Erinnerung an das radikale Iselinerbe kehrt kurz zurück Das Iselinbild des sogenannten Ratsherrenregiments 54 2.7 zwischen 1833 und den 1880er Jahren 62

Exkurs: Isaak Iselin in Bildern

65

3.

Isaak Iselin (1728 –1782) und die aufklärerische Reformbewegung in Basel

76 Exkurs: Eine « vernünftige Wahl » oder das Losverfahren nach den Bestim­mungen von 1740 78 Exkurs: Die Sitzordnung im Grossratssaal nach dem « Statutarium » von 1795 Hans Ulrich Fiechter: Wege zur GGG : Isaak Iselins Reformtätigkeit 81 4. als Grossrat und Ratsschreiber bis zur Gründung der GGG im März 1777 Isaak Iselins Grundüberzeugungen 81 4.1 Iselin und die Reform der Basler Verwaltung bis 1760 83 4.2 4.3 Gegen den missbräuchlichen Eid bei den Ämter­85 besetzungen 1755–1756


4.4 86 4.5 90 4.6 95 4.7 98 4.8 100 4.9 102 4.10 104 4.11 108

Der Kampf um die Öffnung der Bürgeraufnahmen zwischen 1757 und 1763 Die Gesellschaftsgründungen zwischen 1760 und 1762 Iselins Tätigkeit in der Landwirtschaftlichen Kommission 1761–1764 Iselins Beteiligung an der Errichtung einer Fruchtdarre 1761–1763 Iselin und das Salzwesen 1761–1762 Iselin und die Reform des Basler Münzwesens 1762–1763 Reformen des Schul- und Erziehungswesens Der Weg zur Gründung der GGG 1766–1777

113

Anmerkungen zu Teil I

121

Teil II : Die Entwicklung der GGG bis zur Wende zum 20. Jahrhundert

1. Organisation und Trägerschaft der GGG 123 1.1 123 Die Entwicklung der Mitgliederzahlen der GGG bis zum Ersten Weltkrieg 1.2 Die Trägerschaft der GGG im 19. Jahrhundert 131 1.3 Die Entwicklung der Organisation der GGG 138 1.4 148 Frauen, die unsichtbare Basis der GGG

159 166

Tabellen und Graphiken Exkurs: Der Gründungsbericht der GGG

2. 169 Finanzen und Finanzierung der GGG 2.1 169 Finanzen und Finanzierung der GGG und ihrer Kommissionen 2.2 186 Die Zinstragende Ersparniskasse: Die Bank der Dienstboten, Kinder und Frauen

200

Tabellen und Graphiken

3. Die GGG und das Basler Gesellschafts- und Vereinswesen 213 zwischen 1777 und dem Ersten Weltkrieg 3.1 Einleitung 213 3.2 Die GGG und das Gesellschafts- und Vereinswesen 216 in Basel vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ende der Mediationszeit (1777 –1814) 3.2.1 Die wichtigsten Gründungen der GGG 228 bis zum Ende der Mediation 3.2.2 Unterstützung obrigkeitlicher Schulen 231 und eigene Schulgründungen bis 1798 3.2.3 Die Krankenkommission und die Gründung 243 der Allgemeinen Armenanstalt 1804


3.2.4 252 3.3 260 3.3.1 270 3.3.2 276 3.3.3 282 3.3.4 290 3.3.5 299 3.3.6 308 3.3.7 317 3.3.8 320 3.3.9 325 3.3.10 330 3.4 334 3.5 342 3.5.1 353 3.5.2 362 3.5.3 372 3.5.4 386 3.5.5 394 3.5.6 402 3.5.7 406 3.5.8 409 3.5.9 418

Die Jugendbibliothek (1807) und die Gründung des Neujahrsblattes (1819) Im konservativen Basel (1816–1868): Das nichtbürgerliche Vereinswesen und die Entwicklung der GGG zwischen 1798 und 1868 Die GGG in der Regenerationszeit und unter dem Ratsherrenregiment Die GGG im Gefängnis: Gefängnisinspektion 1821, Patronageverein 1837 und Zwangsarbeitsanstalt Klosterfiechten 1857–1872 Turnplätze und Badeanstalten: Zuerst für Männer, dann für Frauen Die ersten Berufsschulen: Die Zeichnungs- und Modellierschule und die Entwicklung der Musikkommission bis zur Gründung der Musikschule Der neue « Spielraum » der GGG vor, neben und nach der Schule: Kleinkinderschulen, Repetierschulen, Sonntagssäle und Abendsäle Die Kommission für Fabrikarbeiterverhältnisse und die konservative Sozialpolitik bis 1874 Der reiche Merian sagt Nein: Keine Speiseanstalt für das Kleinbasel 1857 Bücher für alle: Zur Bürger- und Jugendbibliothek kommt 1842 die Arbeiterbibliothek Ein prächtiger Zunftaufzug: Das « Erdbebenbuch » von 1856, das Neujahrsblatt und die Entstehung der Lukasstiftung Prämien für Polizisten, Schau-Essen von Pferdefleisch und Nistkästen: Die Tierschutzkommission 1849–1879 Zwischen Freisinn und Proporz: Die Entwicklung des Basler Vereinswesens und der GGG von 1862 bis 1904 Die GGG im freisinnigen Basel bis zur Jahrhundertwende Das GGG -Jubiläum von 1877: « Auf Basel’s Dreieinigkeit des Gedeihens: Kopf, Kraft und Kapital! » Die GGG entdeckt die Aussenquartiere und das Kleinbasel Der verlorene Krieg nach gewonnener Schlacht: Die GGG -Schulen nach 1880 Die GGG und die Alters- und Krankenversorgung nach 1877 Die GGG und die Armenpflege nach 1877 Viele Butterblumen: Die Kommission zur Verschönerung der Umgebungen Basels Die GGG setzt sich fest: Ankauf und Umbau des Schmiedenhofes Das Neujahrsblatt nach 1870: Der schwierige Weg zu einem eigenen Profil Fin de siècle: Die GGG um 1900


427

Tabellen

437 441

Zusammenfassung: Die Entwicklung der GGG von 1777 bis 1914

465

Teil III : Anhang

467

Vom Zunftregiment zur Demokratie: Die Entwicklung der kommunalen und kantonalen Regierungsund Verwaltungsstrukturen zwischen 1750 und 1875 in Basel

475

Glossar

489

Chronologie

Anmerkungen zu Teil II

Apparat 513 AbkĂźrzungen Quellenverzeichnis 514 Bibliographie 517 Bildnachweis 521 Institutionenregister 523 Personenregister 525 528 Impressum


Zum Geleit

1777 setzten sich sieben Freunde zusammen und beschlossen, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, um ihre Vorstellung einer besseren Gesellschaft umsetzen zu können. Heute gibt es diesen Verein immer noch, und er hat etwa 3000 Mitglieder. Die Basler Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige ist aus dieser Stadt nicht mehr wegzudenken. Die meisten von uns haben auf irgendeine Art schon mit ihr oder einer ihrer Organisationen zu tun gehabt, und doch wissen wir recht wenig über ihre Geschichte. Warum kennen wir heute nur noch einen der Gründer, und wer war dieser Isaak Iselin eigentlich? Wer hat sich warum diesem Verein angeschlossen? Wie stand der Staat mit seinen eigenen Institutionen zu dieser Organisation? Wer hatte eigentlich welche Macht in diesem Stadtstaat? Wie waren die Aufgaben verteilt zwischen Staat, Zünften, Kirche und Vereinen, und veränderte sich das mit der Zeit? Was hielten die Politiker von der Konkurrenz durch diese « private » Gesellschaft? Oder waren die Politiker und die Träger der GGG dieselben Männer? Welche Rolle spielten, wenn überhaupt, die Frauen? Solche Fragen und mehr will dieses Buch beantworten. Unser Ziel war nicht eine Art Jubiläumsband mit Innensicht auf den Verein, sondern eine Situierung dieser ausserordentlichen Organisation in der Geschichte der städtischen Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Es sollte auch nicht eine abschliessende Gesamtdarstellung sein; das wäre angesichts der Wichtigkeit der Organisation und der Vielzahl ihrer Kommissionen und Tätigkeiten auch nicht möglich. Wir wünschten ein Grundlagenwerk: Ausgangspunkt und Anregung für weitere Forschung, historische Fundgrube und Antworten auch auf Fragen, die wir nicht gestellt haben. Das war nur möglich, weil wir eine Autorin fanden, die die nötigen Voraussetzungen dafür mitbrachte: Dank ihrer grossen Kenntnis der Stadtgeschichte, der Archive und nicht zuletzt der Personen, die die Basler Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts prägten, wagte sich unsere Autorin, Sara Janner, an dieses Unterfangen. Wir danken ihr dafür, dass sie nicht nur das Quellenmaterial zusammensuchte, sichtete, analysierte und interpretierte, son­ dern auch unermüdlich Hinweisen nachging, Bild- und Objektsammlungen durchforschte und einfach nie aufgab. Das Resultat ist ein Buch, das mehr leistet, als die Entstehung und Weiterentwicklung einer faszinierenden Organisation nachzuzeichnen; es ist eine eigentliche Stadtgeschichte, die die politische Organisation Basels in Zeiten des Umsturzes und der Veränderung darstellt, die führenden Persönlichkeiten ihrer Zeit vorstellt, aber 8


den heutigen Leserinnen und Lesern auch Einblicke in die bürgerliche Mentalität, die Festkultur und die Sitten in Basel gestattet und durch die zahlreichen Zitate die Akteure selbst sprechen lässt. Verbunden sind alle diese Aspekte durch die Frage, was Isaak Iselin und die anderen Gründer wollten und wie diese Absichten von den späteren Protagonisten verfolgt wurden. Mit Hans Ulrich Fiechter haben wir einen Autor für unser Projekt gewinnen können, der sich seit vielen Jahren den Tagebüchern Isaak Iselins widmet und uns diese Gründerfigur durch die Darstellung einiger ihrer vielen Projekte und Visionen näherbringen kann. Doch dieses Buch wäre auch nicht realisierbar gewesen ohne das Vertrauen und die Unterstützung der GGG selbst, in den Personen der früheren Ressortvorsteherin Catherine Reinau-Krayer und des jetzigen Vorstehers Thomas Bachmann, der Delegierten des Vorstandes Ruth Ludwig-­ Hagemann und des Geschäftsführers Dieter Erb mit seinem Team. Dieses Buch hat eine Entstehungsgeschichte von über zwanzig ­Jahren. Dass es nun Wirklichkeit werden durfte, ist nicht zuletzt das Resultat des zum Teil langjährigen Einsatzes der Mitglieder der Neujahrsblattkommission, die, wie es für die ehrenamtlich Tätigen der GGG auch heute noch üblich ist, im Stillen und « namenlos » wirken. An dieser Stelle sollen auch sie genannt werden: Ueli Barth (bis 2014), Franz Wirth (bis 2014), Elfi Belleville Wiss, Pierre Felder, Marianne Wackernagel, Mirjam Häsler Kristmann, Oliver Hungerbühler, Jelena Stefanovic: Danke. Doris Tranter Präsidentin der Kommission zum GGG -Neujahrsblatt

9


Zu diesem Buch

Der vorliegende Band ist der erste Teil einer zweiteiligen, auf den im Archiv der GGG erhaltenen Quellen aufbauenden Geschichte der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige. Dieses Archiv stellt einen einmaligen Quellenkomplex dar, um für das Verständnis der Basler Stadtgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zentrale soziale, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge zu erfassen, zu analysieren und zu interpretieren. Da wir dank der in Basel ausserordentlich guten Überlieferungslage fast alle in der GGG tätigen Personen identifizieren und im sozialen Gefüge der Stadt verorten können, lässt sich ein dichtes Geflecht von Beziehungen zwischen der GGG und der sie umgebenden städtischen Gesellschaft erkennen. Wir sehen aber auch, welche Teile der städtischen Gesellschaft von der GGG nicht berührt wurden, können die Reaktionen auf ihre Tätigkeit ausserhalb der sie unterstützenden Bevölkerungskreise beobachten und feststellen, wie sich die GGG mit der Stadt bis zum Ersten Weltkrieg veränderte. Auch wenn die Quellen im GGG -Archiv nur einen Ausschnitt des jeweiligen historischen Geschehens abbilden und uns die Stadt und ihre Probleme nur aus dem Blickwinkel der Trägerschaft der GGG zeigen, bilden sich in diesen Texten und im Handeln der GGG -Mitglieder doch immer grössere, zeittypische Zusammenhänge ab. Diese Darstellung der Geschichte der GGG ist zweigeteilt. Ein erster Teil ist Isaak Iselin gewidmet. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der GGG und ihren Kommissionen bis 1914. Die Figur Isaak Iselins ist ein Schlüssel zum Verständnis der Geschichte der GGG . Sein Leben, seine Tätigkeit als Ratsschreiber und sein weitgefächertes Beziehungsnetz erschliessen uns ein ganz neues Bild seiner Zeit und der Anfänge der GGG . Die Veränderungen des Erinnerungsbildes geben Aufschluss über das jeweilige Selbstverständnis der GGG , zeigen aber auch die zunehmende Distanz zum historischen Iselin. Der zweite Teil widmet sich zuerst der Organisation und der Trägerschaft der GGG . Erstmals wird auch untersucht, ab wann Frauen in der GGG tätig waren, obwohl sie nicht Mitglied werden konnten, und welche Bedeutung sie für die Gesellschaftstätigkeit hatten. Der Entwicklung der Finanzen ist ein weiteres Kapitel gewidmet. Darin ist auch die Geschichte der 1809 gegründeten Zinstragenden Ersparniskasse enthalten, die nach 1880 bis zum Ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle für die Finanzierung der Gesellschaftstätigkeit spielte. Auf diese mehr allgemeinen Kapitel folgt die Geschichte der Zentralorganisation und ihrer Kommissionen, eingebettet in die allgemeine Stadtgeschichte und die 10


Entwicklung des Basler Vereins- und Gesellschaftswesens. Eine vollständige Geschichte aller Kommissionen kann hier leider nicht geleistet werden. Dies verunmöglicht schon die Zahl der bis 1914 nachweisbaren Institutionen, die nur in einer Chronologie am Schluss des Bandes vollständig erfasst sind. Die Entwicklung der GGG wird nach Tätigkeitsfeldern geordnet untersucht, um zeittypische Aspekte der Gesellschaftstätigkeit herauszuarbeiten für die Perioden 1777 bis 1814, 1814 bis 1874 und 1874 bis 1914. Das Bildprogramm in diesem Band folgt den Hauptfragestellungen und hat drei Schwerpunkte. Eine erste Gruppe von Bildern zeigt Quellen aus dem GGG -Archiv. Sie dienen dazu, den doppelten Informationsgehalt von Archivalien zu verdeutlichen. Texte sind nicht nur Informationsträger, sondern auch Dokumente der Alltagskultur und von Kulturtechniken, die heute vergessen sind. Eine zweite Gruppe von Bildern versucht das städtische Umfeld, in dem die GGG -Mitglieder lebten, und dessen Veränderungen zwischen 1777 und 1914 zu illustrieren. Die dritte Bildgruppe beschäftigt sich mit den erhaltenen Porträts von Isaak Iselin, einem der Gründer der Gesellschaft. Interessanterweise wurde nur er von der GGG immer wieder porträtiert. Im 18. und 19. Jahrhundert finden sich sonst – anders als heute – in den Jahresberichten, Veröffentlichungen oder Dokumentationen der Festanlässe der GGG keine Bilder des Gesellschaftsvorstandes oder der Kommissionsmitglieder. Das lässt sich nicht damit erklären, dass Illustrationen zu teuer gewesen wären oder die Photographie erst in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebräuchlich wurde. Andere Basler Gesellschaften, etwa die Basler Mission, setzten solche Bilder sehr gezielt ein. Bei der GGG gibt es sie auch nach 1850 nicht, obwohl die GGG seit ihrer Gründung sehr offensiv Öffentlichkeitsarbeit betrieb. Aufbau und Gestaltung des Buches versuchen verschiedenen Leseund Informationsbedürfnissen entgegenzukommen und das Verständnis des Textes und die Orientierung im Buch zu erleichtern. Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis sowie ein Personen- und Institutionenregister erlauben eine rasche Orientierung. Der Haupttext ist auf weissem Papier gedruckt, die Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln sowie Quellen-, Literaturverzeichnis und die Indizes auf farbigem Papier. Dies erlaubt nicht nur ein rasches Auffinden der Anmerkungen, sondern trennt auch die verschiedenen Teile des Buches voneinander. Teil III enthält Zusatztexte: eine Chronologie, die die Entwicklung der GGG bis 1914 kurz zusammenfasst; ein Glossar, das alte Begriffe wie Ämterbezeichnungen, Masse und Währungen etc. erklärt, und eine knappe Darstellung der politischen Organisation von Stadt und Kanton zwischen 1777 und 1904. Ohne das Vertrauen, die Geduld und die Hilfe vieler Menschen hätte dieses Buch nicht geschrieben werden können. Mein aufrichtiger Dank geht an die GGG , besonders an Catherine Reinau-Krayer, die das Projekt von Anfang an begeistert unterstützt hat. Die Kommission zum Neujahrsblatt liess mir nicht nur alle Freiheit, sie begleitete meine Arbeit auch mit grosser 11


Aufmerksamkeit und aufbauender Kritik. Der Austausch mit Sabine Braunschweig, der Bearbeiterin des Folgebandes, war besonders wertvoll. Danken möchte ich auch allen Mitarbeitern der vielen GGG -Organisa­tionen, die mich bei der Suche nach Aktenmaterial unterstützt haben, mir von ihrer Arbeit erzählten und neugierig mein Projekt verfolgten. Viele wertvolle Anregungen und Hinweise erhielt ich von Urs Burckhardt, Klaus Egli, Henriette Grunauer, Valérie Gruner-Burckhardt, Daniel Heusler, Hans Marti, Niggi Merz, Anatol Schenker, Werner M. Schumacher und Marie-Louise Stamm. Kollegen und Kolleginnen in Basler Archiven, Bibliotheken und Museen halfen mir bei meinen Recherchen mit ihrer Sachkenntnis und Erfahrung. Danken möchte ich besonders Franz Egger, Michael ­Matzke, Margret Ribbert, Sabine Söll-Tauchert und Daniel Suter vom Historischen Museum Basel sowie Martin Möhle und Yvonne Sandoz von der Kantonalen Denkmalpflege. Im Staatsarchiv durfte ich über Jahre einen der wenigen Aktenwagen und einen Arbeitsplatz mit Bergen von Akten aus dem GGG -Archiv versperren. Ich danke allen Mitarbeitern dort für ihre freundliche und sachkundige Unterstützung. Freundliche Aufnahme fand ich auch im Sonderlesesaal der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek. Mein besonderer Dank gilt allen, die mit ausgezeichneten Objektaufnahmen und Reproduktionen das Buch verschönern halfen, besonders Franco Meneghetti sowie Anne Dietsche und ihrem Team von der Reproabteilung der Universitätsbibliothek. Für Druck und Gestaltung des Buches danke ich dem Schwabe Verlag und ganz besonders Nevin ­Goetschmann, Kathrin Scheller und Jiri Oplatek von Claudiabasel, die eine Bleiwüste in einen Augenschmaus verwandelt haben. Verpflichtet bin ich nicht zuletzt auch all meinen Freunden, Kollegen und Bekannten, die in den letzten zwei Jahren mit viel Humor darüber hinwegsahen, dass ich in allen Lebenslagen und zu allen Tages- und Nachtzeiten nur an eines dachte: die GGG und ihre Geschichte. Sara Janner, Oktober 2015

12


Teil 1: Isaak Iselin


Einleitung

Die Anfänge der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG ) sind auf das Engste mit der Person und der Tätigkeit von Isaak Iselin (1728 –1782) verknüpft. Isaak Iselin war zu seiner Zeit nicht nur einer der meist gelesenen deutschsprachigen Aufklärungsphilosophen und politischen Publizisten. Er war auch ein führender Basler und Schweizer Reformpolitiker und gehörte zu der kleinen Minderheit der Einwohner der Stadtrepublik Basel, die überhaupt politische Rechte besassen. Als Ratsschreiber bekleidete er von 1756 bis zu seinem Tod eines der höchsten Ämter in Basel vor der Helvetischen Revolution 1798. Iselin und sein Kreis verfolgten mit der Gründung der GGG politische Ziele. Wenn sie sich für die Verbesserung der Schulbildung und die Bekämpfung der Armut einsetzten, denunzierten sie damit die Unfähigkeit der Regierenden und die Korruption der herrschenden Familien, die ihren politischen Einfluss nur zum eigenen Vorteil, nicht für das Gemeinwohl nutzten. « Gemeinnützigkeit » war zu Iselins Zeit ein revolutionäres Schlagwort. Eine historische Darstellung der Entwicklung der GGG im 18. und 19. Jahrhundert muss deshalb die Aufklärung in Basel und den Kreis der Basler Reformer um Iselin mit einbeziehen und zeigen, wie die Gründung der GGG 1777 sich aus Isaak Iselins Tätigkeit als Ratsschreiber und Reformer entwickelte. Mit der Geschichte der GGG eng verknüpft ist das Nachleben Isaak Iselins. Iselin wurde ausserhalb Basels bald vergessen. Auch in Basel veränderte der Schock der revolutionären Umwälzungen 1798 das Erinnerungsbild seiner Person und Tätigkeit. Die Entwicklung des Iselinbildes in der GGG im 18. und 19. Jahrhundert gibt darüber Aufschluss, wie die Vorstands- und Kommissionsmitglieder in verschiedenen Momenten der Basler Stadtgeschichte ihre eigene Tätigkeit und die Ausrichtung der Gesellschaftstätigkeit mit einem jeweils eigenen Bild des Stifters begründeten und rechtfertigten. Nicht nur die Gründung der GGG verdankt Iselins Ideen und Tätigkeit viel. Er hat auch die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Geschichte der GGG immer wieder neu betrachtet und durchdacht werden kann. Denn ohne Iselin gäbe es heute kein GGG -Archiv. Das GGG -Archiv, das heute im Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt aufbewahrt wird, geht auf eine Initiative Isaak Iselins zurück. Hätte er die Gesellschaft nicht schon im ersten Statutenentwurf dazu verpflichtet, ein Archiv zu führen und Jahr für Jahr einen Rechenschaftsbericht zu veröffentlichen, hätten die verschiedenen Jubiläumsschriften zwischen 1827 und 1927 und die 14


[ Abb. 1 ]

[ Abb. 2 ]

[1] Der Innenhof der Schmiedenzunft vom neuen, beim Umbau 1889 / 90 an der Gerbergasse 24 angelegten Haupteingang her, mit der 1891 aufgerichteten Statue Iselins (vgl. Abb. 75 und 76, S. 411). Heute ist der Eingang zentral, die Statue steht nicht mehr auf dem Sockel, wurde verstellt und ist von der Strasse her nicht mehr sichtbar.

[2] Aufnahme der Häuserzeile Gerbergasse 18–24, links der ursprüngliche Haupteingang an der Gerbergasse.


vorliegende historische Darstellung nie geschrieben werden können. Die Reflexion über die eigene Geschichte und die Erhaltung der historischen Quellen zur eigenen Geschichte sind deshalb genauso Teil des Auftrags der GGG wie die « Förderung all dessen was gut und gemeinnützig ist ». Was könnte man auch anderes erwarten vom Autor einer « Geschichte der Menschheit »? Iselin an Salomon Hirzel (Stadtschreiber von Zürich) am 16. April 1762: «Es ist an den Canzlisten tugendhaft zu seyn, mein theuerster Amtsbruder, wenn es niemand mehr seyn will. Machen wir mit unserm werthen Meyer [dem Katholiken und Ratsschreiber von Luzern] einen Triumvirat und arbeiten wir unverdrossen an der Beförderung der Tugend und der öffentlichen Glückseligkeit. Unsre Bemühungen werden niemals ohne Frucht seyn, auch wenn wir selbst dem Neide und der Ungerechtigkeit unterliegen müssten.» (zitiert nach Im Hof, Iselin I, S. 180)

16


Isaak Iselin, das Archiv und die Geschichte der GGG

1.

Das Gesellschaftsarchiv verdankt, wie die Gesellschaft selbst, seine Entstehung Isaak Iselin. Als Chef der Stadtkanzlei verstand er sich auf die Aktenund Archivführung. Bereits der erste von ihm redigierte Statutenentwurf vom März 1777 legt in Artikel 6 die Pflicht des Schreibers der Gesellschaft fest, ein Archiv zu führen. Iselin gibt darin ein getreues Bild seiner eigenen Tätigkeit als Ratsschreiber in den Basler Räten und als Vorsteher der Basler Kanzlei: «Der Schreiber soll erstlich die Verhandlungen der Gesellschaft sorgfältig aufzeichnen; über alles die verschiedenen nöthigen Bücher halten und besorgen, dass alle Aufsätze, alle Gutachten, alle Vorschläge und alle andere die Gesellschaft betreffende Schriften in besondere dazu bestimmte Bücher eingetragen oder sonst zusammengeheftet, aufbewahret und verzeichnet werden. Zu diesem Ende soll er befugt seyn Abschreiber anzustellen und solche auf Unkosten der Gesellschaft zu bezahlen.»1 Bei der Revision der Gesellschaftsstatuten 1819 wurde an diesen auf Iselin zurückgehenden Bestimmungen inhaltlich nichts geändert, der Schreiber aber erstmals ausdrücklich als Archivar der Gesellschaft bezeichnet und mit der Sicherung des Gesellschaftsarchivs beauftragt: «Der Schreiber soll erstlich die Verhandlungen der Gesellschaft sorgfältig aufzeichnen und die nöthigen Schreiben und Beschlüsse ausfertigen. Er ist zugleich Archivar der Gesellschaft, und hat, als solcher, alle Vorschläge, Gutachten, eingekommene Schreiben und Concepte der Antworten, so wie übrige, die Gesellschaft betreffende Schriften aufzubewahren, zu ordnen und zu verzeichnen, um bey Abtretung der Stelle, dem neuen Schreiber das Archiv nebst Inventarium, in Ordnung überliefern zu können. Zu dem Ende hat er das Recht die allfällig nöthigen Ausgaben, auf Unkosten der Gesellschaft zu bestreiten».2 In dieser Form erhielt sich der Auftrag Iselins während des ganzen 19. Jahrhunderts und wurde auch in die grundlegend überarbeiteten Statuten von 1916 übernommen.3 Ein vom Schreiber der GGG verfasstes Inventarium aus dem Jahre 1855 hat sich erhalten.4 Es beschreibt das Archiv der GGG im damaligen Sitzungszimmer des Vorstandes in der Lesegesellschaft. In einem Kasten wurden im oberen Teil auf Buchregalen Bücher, u. a. die « Ephemeriden der Menschheit » von Iselin selbst, die gebundenen Jahresberichte der GGG , die Statuten von 1819, 1840 und 1851 und andere Druckschriften der Gesellschaft verwahrt neben dem « Creditverzeichnis », das heisst dem Verzeichnis der den GGG -Kommissionen gewährten Beiträge, damals « Credite » genannt, dem aktuellen Archivverzeichnis und den jahrweise gebundenen Protokollbänden, die heute leider nicht mehr erhalten sind. Sie wurden 1910 zerschnitten, um die Protokollblätter von den beigebundenen Sachakten 17


zu trennen. Im unteren Teil des Kastens – in Schubladen – befanden sich die Korrespondenz der Gesellschaft, Papiere von Kommissionen, die nicht mehr aktiv waren, sowie weitere Druckschriften. Die alten Akten der Zinstragenden Ersparniskasse lagerten hingegen in einer Kiste auf dem Estrich der Lesegesellschaft, zusammen mit weiteren Drucksachen, die in einem Koffer untergebracht waren. Diejenigen Unterlagen, die der Schreiber für die laufenden Geschäfte brauchte, verwahrte er in einem « Kistlein » « mit besonderem Schlüssel » im Sitzungszimmer. Isaak Iselin übertrug dem Gesellschaftsschreiber auch eine weitere Aufgabe, die mit der Protokoll- und Archivführung eng zusammenhing. Der Schreiber sollte den an der letzten Mitgliederversammlung zu verlesenden Jahresbericht verfassen und in einer von der Versammlung gutgeheissenen gedruckten Fassung veröffentlichen: «Da soll auch in der letzten und allgemeinen Versammlung des Jahres, die kein Mitglied ohne Noth versäumen wird, der Schreiber einen deutlichen und kurzen Bericht über alle Verhandlungen des verflossenen Jahres und einen Aufsatz von demjenigen vorlegen, was die Gesellschaft allenfalls gutbefunden haben wird, bekannt zu machen.» 5 Zusammen mit der Abschiedsrede des Vorstehers wurde der Jahresrückblick des Schreibers seit 1777 unter dem Titel « Geschichte der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen » – später wegen des Umschlags kurz « Blaubuch » genannt 6 – jedes Jahr veröffentlicht und allen Mitgliedern zugeschickt. Nach und nach kamen dann die ersten Kommissionsberichte und auch die Rechnung der Zentralkasse der Gesellschaft dazu, die in ausführlicher Form erst ab 1800 in den Jahresberichten veröffentlicht wurde. Die Mitgliederlisten wurden hingegen seit 1777 jährlich im Anhang zum Jahresbericht der Gesellschaft und der zur Gesellschaft gehörenden Kommissionen abgedruckt. Von der jährlichen Berichterstattung wurde der Schreiber erst bei der Statutenrevision von 1819 entlastet. Die Abfassung und der Vortrag des Jahresberichts wurden dem Vorsteher übertragen an Stelle der bis dahin üblichen Rede, mit der sich der Vorsteher am Ende seines Amtsjahres von den Mitgliedern zu verabschieden pflegte. Obwohl die Jahresberichte seit 1777 jedes Jahr veröffentlicht wurden, führte erst die Geschäftsordnung von 1851 in Artikel 13 explizit die seit der Gesellschaftsgründung 1777 übliche Veröffentlichung aller Berichte als Pflicht des Vorstands auf: «Der Schlussbericht des Vorstehers, sämmtliche Rechnungen und, soweit es die Gesellschaft beschliesst, die Berichte der verschiedenen Commissionen werden gedruckt und einem jeden Mitgliede zugestellt.» 7 Auch diese Bestimmung wurde unverändert in die revidierte Geschäftsordnung von 1916 übernommen. Iselin lag die Dokumentation der Entwicklung der Gesellschaft sehr am Herzen. Die Entwicklung der GGG war in seiner Vorstellung Teil des allgemeinen Fortschritts der Menschheit. Auf diese geschichtsphilosophischen Ideen Iselins spielte auch der Titel der Jahresberichte der GGG an. Auch wenn das Wort « Geschichte » zur Zeit Iselins durchaus noch den Sinn von « Bericht » haben konnte, verband er den Titel « Geschichte der Gesellschaft » mit seinen in der « Geschichte der Menschheit » 18


entwickelten Vorstellungen. In der seit 1776 von ihm herausgegebenen Zeitschrift « Ephemeriden der Menschheit » (ungefähr zu übersetzen mit « Tagebuch der Menschheit ») dokumentierte Iselin diese Fortschrittsbewegung anhand von praktischen Beispielen der Reformbemühungen in Europa und in den europäischen Überseekolonien. Er berichtete in den « Ephemeriden » auch über die Gründung der Basler Gesellschaft und ihre ersten Unternehmungen.8 Das Geschichtsbild, das Iselin motivierte, die Gesellschaftsakten sorgfältig zu sammeln, verschwand in der Zeit nach der Revolution, der sogenannten Restaurationszeit. Der für Iselins Denken typische enge innere Zusammenhang zwischen Archiv, Geschichte der Gesellschaft und Geschichte der Menschheit wurde von der Trägerschaft der GGG nach 1803 und später im 19. Jahrhundert nicht mehr gesehen. Die Funktion des Archivs veränderte sich. Nach den Wirren der Revolutionszeit verehrte man das « Hergebrachte » und die « Tradition ». Die Blickrichtung hatte sich seit Iselin grundlegend verändert: Man schaute mehr zurück als nach vorne und versprach sich für die Gegenwart mehr von den sicheren Werten der Tradition als von einer visionären Zukunft. Das Gesellschaftsarchiv hatte nun die Aufgabe, die Mitglieder der GGG eben dieser Tradition zu versichern. Es ging nicht mehr darum, die schrittweise Verwirklichung einer Zukunftsvision zu dokumentieren. Die Trennung der Berichterstattung durch den Vorsteher von der Archivführung durch den Schreiber in den revidierten Statuten von 1819 weist auf dieses veränderte Verhältnis zur eigenen Geschichte und zur Geschichte allgemein hin. Die in den Statuten verankerte Pflicht zur Selbstdokumentation und das Traditionsbewusstsein der Stadtbürger waren aber auf Dauer kein ausreichender Schutz für die alten Akten. Die Schreiber wechselten im Gegensatz zu den Seckelmeistern häufig.9 Die statutarisch vorgeschriebene Ordnung und Verzeichnung der Akten wurden oft vernachlässigt. Akten gingen auch verloren, weil die GGG bis 1890 keinen eigenen Vereinssitz besass, sondern vor dem Ankauf und Ausbau des Schmiedenhofs im Jahre 1889 in verschiedenen Lokalen tagte. Der ständig wachsende Umfang und die dezentrale Lagerung in den verschiedenen Haushalten der Vorstands- und Kommissionsmitglieder oder im jeweiligen Sitzungszimmer des Vorstands gefährdeten den Erhalt des Gesamtbestands. Die Rettung brachte eine Entwicklung ausserhalb der GGG . Denn das regierende Stadtbürgertum entwickelte, parallel zum nach 1850 fortschreitenden Zerfall seiner politischen Macht und sozialen Autorität, ein grosses Interesse an der Darstellung und Vermittlung seiner Sicht auf die Geschichte der Stadt Basel. Iselin war als Ratsschreiber und Stifter der GGG seit der Helvetik ein wichtiger Referenzpunkt für das Selbstverständnis dieser Kreise. Die älteste bekannte Kopie von Teilen des damals noch nicht öffentlich zugänglichen Nachlasses von Isaak Iselin entstand in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, eventuell im Umfeld der Jubiläumsfeiern von 1852. Es handelt sich um den Briefwechsel zwischen Iselin und Johann Rudolf 19


Frey bis zum Jahr 1764. Die Abschrift wurde von Emanuel Burckhardt-Fürstenberger, einem leitenden GGG -Mitglied, der Vaterländischen Bibliothek übergeben, einer wichtigen Sammlung von Büchern und Akten zur Basler Geschichte von Pfarrer Markus Lutz, die dieser der Allgemeinen Lesegesellschaft schenkte.10 Heute befindet sich diese Bibliothek als Depositum auf der Universitätsbibliothek Basel.11 Ein in weiblicher Linie vererbter Teil von Iselins Nachlass gelangte 1867 ebenfalls in die Universitätsbibliothek. Diese Papiere waren über eine Enkelin Isaak Iselins, Sophie Preiswerk, die Benedikt Vischer geheiratet hatte, in den Besitz der Familie Vischer gelangt. Wilhelm Vischer-Bilfinger, Sohn von Sophie Vischer-Preiswerk, nahm 1867 die Ernennung seines Sohnes Wilhelm Vischer-Heussler zum Oberbibliothekar der Universitätsbibliothek zum Anlass, diese Papiere dort zu deponieren.12 Um 1867 war die Universitätsbibliothek – damals noch Teil des Museums an der Augustinergasse – neben der in der Lesegesellschaft aufbewahrten Vaterländischen Bibliothek der einzige Ort, an dem ein Privatnachlass oder Familienpapiere hinterlegt werden konnten. Das Stadtbürgertum sammelte aber nicht nur Dokumente zur Stadtgeschichte. Nach 1870 wurde das stadtbürgerliche Geschichtsbild durch illustrierte Prachtbände, Wandgemälde in öffentlichen Gebäuden, historische Umzüge und schauspielerische Repräsentationen nach aussen getragen. Die Festspiele von 1892 anlässlich der Feier zum 500. Jahrestag « Vereinigung » von Klein- und Grossbasel und diejenigen von 1901 anlässlich der 400-Jahr-Feier von Basels Beitritt zur Eidgenossenschaft popularisierten dieses Geschichtsbild in weiten Kreisen der Basler Einwohnerschaft und formten um die Jahrhundertwende auch architektonisch das Stadtbild. Am Aus- und Umbau des Ratshauses, der 1904 abgeschlossen wurde, ist dies heute noch sichtbar. Der bereits 1898 fertiggestellte Neubau des Staatsarchivs hinter dem Rathaus an der Martinsgasse war Teil dieses Umbaus, der aus dem ganzen Gebäudekomplex zwischen Marktplatz und Martinsgasse ein einziges grosses Bilderbuch zur Basler Stadtgeschichte machte. Auch die vom Staatsarchivar Rudolf Wackernagel-Burckhardt für die Aufstellung der Akten entwickelte Aktenordnung bildete das Geschichtsbild des konservativen Stadtbürgertums ab.13 Wackernagel brachte der Geschichte und Genealogie stadtbürgerlicher Familien und der Biographie von Einzelpersönlichkeiten sowie stadtbürgerlichen Organisationen und Gründungen grosses Inter­ esse entgegen und versuchte diese in den sogenannten Nebenarchiven zu dokumentieren. Die Eröffnung des Staatsarchivs und die rege Sammeltätigkeit des Staatsarchivars veranlassten viele Familien aus dem Stadtbürgertum, ihre Familienarchive oder Nachlässe einzelner Familienmitglieder im Staatsarchiv zu hinterlegen. 1907 kamen die persönlichen Papiere Isaak Iselins nach dem Tod von Isaac Dietrich Iselin-Merian, dem letzten direkten männ­ lichen Nachkommen, ins Staatsarchiv. Sie wurden Rudolf Wackernagel von dessen Witwe Margaretha Iselin-Merian und ihrer Tochter Emma Emilie La Roche-Iselin, vertreten durch ihren Ehemann Alfred La Roche-Iselin, 20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook