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Megalithische Welten

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Das Megalithentum beginnt im 10. Jahrtausend v. Chr. im Nahen Osten und verbreitet sich auf dem Land- und Seeweg zunächst in den Mittelmeerraum mit Nordafrika und nach Europa, später auch nach Asien und in den pazi­ fischen Raum. Erstaunlich ist die Mobilität, die mit in unseren Augen primitiv­e n Mitteln weitreichende Beziehungsgeflechte generiert, die nicht nur zum Austausch technisch-wirtschaftlicher Kenntnisse und geistiger Elemente führten, sondern auch politische Einflussnahmen bewirkt haben müssen. Ein breit angelegter Vergleich der Kulturen zeigt, dass das Megalithentum auf einem Ahnenkult beruht. Dieser baut auf einem komplexen Bild der menschlichen Seele als Lebensprinzip und Lebenskraft auf und zeichnet den Weg verstorbener Ahnen zum Himmel, wo sie in Gestirnen nahe einem Schöpfergott direkt für das Wohl und Wehe ihrer Nachkommen und Untergebenen verantwortlich sind. Die Nachkommen haben die Pflicht, nicht nur Toten­feiern als Etappen auf dem Weg zum Firmament auszurichten, sondern sich auch um die sterblichen Leiber der Ahnen zu kümmern und sie durch Opferfeste gnädig zu stimmen. Die in dieser Studie vorgestellten Beispiele sollen die Bandbreite der megalithischen Kulturen aufzeigen, aber auch den Weg zu einem neuen, auch geistesgeschichtlich und politisch-historisch zu fassenden Verständnis der megalithischen Welten öffnen.

Peter F. Tschudin ist in der Fachwelt vor allem durch zahlreiche Publikationen auf dem Gebiet der Papier-, Schrift- und Buchgeschichte bekannt. Als promovierter Ägyptologe, Archäologe und Historiker legt er nun eine kompakte Zusammenfassung der Ergebnisse seiner Studien zum Phänomen des Mega­ lithentums vor.

I S B N 978-3-7965-3503-1

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 535031

Megalithische Welten Eine Spurensuche — Peter F. Tschudin

Das Buch stellt als Forschungsbericht ein weltumspannendes Thema der Ur- und Frühgeschichte im Sinne einer modernen, ganzheitlichen Archäo­logie in geraffter Form dar und zeigt darüber hinaus auf, welche Möglichkeiten ­e iner interdisziplinären Methodik innewohnen.

Megalithische Welten Eine Spurensuche — Peter F. Tschudin


Megalithische Welten Eine Spurensuche — Peter F. Tschudin

Schwabe Verlag Basel


Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel

Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch ­verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Copyright © 2016 Fotografien/Abbildungen vgl. Abbildungsnachweise Abbildung Umschlag: Megalithenfeld Rante To’barana, Torajaland, Sulawesi (Celebes), ­Indonesien Lektorat: Arlette Neumann, Schwabe Umschlaggestaltung: Marc Siegenthaler, Bern Layout: Marc Siegenthaler, Bern Satz: Marianne Doma, Schwabe Druck: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3503-1 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhaltsverzeichnis

Erster Teil: Megalithen und Megalith-Kulturen 1

Zur Einführung

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Megalithen 2.1 Was sind Megalithen? 2.2 Wo finden sich Megalithen? 2.3 Megalithen in einem neuen Geschichtsbild 2.3.1 Kultur und Selbstbesinnung 2.3.2 Soziale und wirtschaftliche Strukturen   sowie Chronologie 2.3.3 Klimageschichte 2.3.4 Mobilität 2.3.5 Werkstoffe und Technik 2.4 Megalithen-Forschung heute 2.5 Gibt es einen Weg zum Verständnis der Megalithen?

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Zweiter Teil: Megalithen – ein weltweites Phänomen 3 3.1

Wo gibt es Megalithen und megalithische Traditionen? Arktis; Europa; Anrainer und Inseln des Mittelmeers 3.1.1 Arktis 3.1.2 Grossbritannien und Irland 3.1.3 Nord- und Westfrankreich 3.1.4 Südfrankreich 3.1.5 Niederlande und Deutschland 3.1.6 Schweiz und Österreich 3.1.7 Skandinavien und Osteuropa 3.1.8 Balkan und Donauländer 3.1.9 Iberische Halbinsel 3.1.10 Italische Halbinsel

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Inhaltsverzeichnis

3.1.11 Malta und Gozo; Pantelleria und Lampedusa 3.1.12 Sizilien 3.1.13 Korsika und Sardinien 3.1.14 Balearen 3.1.15 Griechenland und die Ägäis 3.1.16 Kreta 3.2 Nordafrika 3.2.1 Westliches Nordafrika 3.2.2 Libyen, Ägypten 3.3 Naher Osten 3.3.1 Allgemeines 3.3.2 Kleinasien, Syrien, Libanon, Israel, Palästina,   Jordanien 3.3.3 Arabische Halbinsel 3.3.4 Mesopotamien und Persischer Golf 3.3.5 Persien und West-Pakistan 3.4 Afrika 3.4.1 West- und Zentralafrika; Sudan 3.4.2 Ostafrika und Zimbabwe;   Inseln des Indischen Ozeans 3.4.3 Südliches Afrika 3.5 Nord- und Zentralasien 3.5.1 Sibirien, Altai 3.5.2 Zentralasien 3.6 Indien und der Himalaya 3.7 Ostasien 3.7.1 China 3.7.2 Korea und Japan 3.8 Südostasien 3.8.1 Assam und Myanmar (Burma) 3.8.2 Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam und Malaysia 3.8.3 Indonesien 3.8.4 Bali 3.9 Pazifik, Australien, Neuseeland 3.10 Nordamerika 3.11 Mittelamerika 3.11.1 Olmeken 3.11.2 Monte Albán (Zapoteken, Mizteken) 3.11.3 Teotihuacan 3.11.4 Maya 3.11.5 Huazteken, Totonaken und Tolteken 3.11.6 Azteken 6

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Inhaltsverzeichnis

3.12

Südamerika 3.12.1 Chavín de Huantar 3.12.2 Lima, Paracas und Nazca 3.12.3 Moche 3.12.4 Tiahuanaco – Huari – Chimú 3.12.5 Inka

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Dritter Teil: Ein Weg zum Verständnis der Megalithen 4

Drei Zeugnisse einer gelebten Megalith-Kultur 4.1 Batak 4.2 Toraja 4.3 Altägypten 4.4 Vergleich dreier Überlieferungen:   Batak-Zauberbücher, Toraja-Gesänge und Pyramidentexte 4.4.1 Zauberbücher der Batak 4.4.2 Merok und Badong der Toraja 4.4.3 Aufstieg zum Himmel als Thema   der Pyramidentexte

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Megalith-Kulturen im Vergleich 5.1 Megalith-Technik 5.2 Religiöse Aspekte der Megalith-Kulturen 5.2.1 Allgemeines 5.2.2 Megalithen und Naturzustand 5.2.3 Sternbilder in der megalithischen Überlieferung 5.3 Fragen zu Ursprung und Verbreitung megalithischer   Kulturelemente 6

Die megalithische Geisteswelt 6.1 Megalithen: eine «Weltkultur» 6.2 Megalithen: ein weit offenes Forschungsgebiet

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Zusammenfassender Ausblick

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Literaturverzeichnis

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Gesamtregister

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Verzeichnis der Abbildungen

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Abbildungsnachweise

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217 221

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Erster Teil Megalithen und Megalith-Kulturen


1 Zur Einführung Megalithen! Weder der Eiffelturm noch die Wolkenkratzer von New York oder die Golden Gate-Brücke in San Francisco üben auf uns die Faszination aus, die von den Pyramiden in Ägypten, den Alleen von Carnac oder den Mauern von Machu Picchu ausgeht. Nicht nur deren geheimnisvolle ­Vergangenheit ist der Grund, sondern vor allem das Staunen über die technische Leistung, die von Menschen vollbracht worden ist, denen wir diese – im Stolz auf die Errungenschaften des Fortschritts unserer Moderne – nie zutrauen würden, auch wenn uns Archäologen versichern, die Erbauer hätten einer entwickelten Zivilisation angehört. Im Falle Altägyptens schenken wir ihnen angesichts der grossartigen Denkmäler gerne Glauben. In der Bretagne oder in Stonehenge hingegen nehmen wir kopfschüttelnd die zum Teil phantastisch anmutenden Erklärungen zur Kenntnis, die uns die lokalen Fremdenführer anschaulich darbieten. Und wer sich in Mittel- oder Südeuropa den zahlreichen Menhiren, den Dolmen und den Schalensteinen widmet, wird gerne als Esoteriker belächelt. Doch auch wer nur schon versucht, in die überreiche Literatur einzudringen, verstrickt sich in einem Dschungel widersprüchlichster Meinungen, aus dem herauszufinden schwer fällt. Grosssteinbauten – und dies erschwert die Orientierung zusätzlich – gibt es auf der ganzen Welt, aus den unterschiedlichsten Zeitepochen, von der «grauen Urzeit» bis in unsere Gegenwart. Doch auch dem Laien fallen Gemeinsamkeiten auf, die – abgesehen vom Steinvolumen – Fragen nach dem Ursprung und dem kulturellen Hintergrund, kurz: nach dem Leben und den Vorstellungen der Erbauer aufwerfen. Diese Hintergründe auf der Basis der heute verfügbaren Informationen erkennbar zu machen, ist das Ziel dieser Untersuchung. Sie basiert zu einem nicht unwesentlichen Teil auf eigener Feldforschung, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckte. Den Herren PD Dr. Urs Leuzinger und Dr. Christian Overstolz danke ich für zahlreiche Hinweise und die sorgfältige Durchsicht des Manuskripts. Riehen, im Herbst 2015 Peter F. Tschudin

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Abb. 1 – Megalithenfeld Rante To’barana, Torajaland, Sulawesi (Celebes), Indo­nesien.


2 Megalithen

2.1 Was sind Megalithen? Megalithen sind, wenn man das aus dem Griechischen stammende Wort übersetzt, «grosse Steine». Als Sammelname verwendet, umfasst der Begriff nicht nur einzelne Steine, sondern auch aus mehreren Grosssteinen be­ stehende Konstruktionen. Eine auffällige Gemeinsamkeit der Megalithen besteht darin, dass sie oft weitgehend im Naturzustand belassen oder nur wenig bearbeitet sind. Wir unterscheiden fünf je nach Kultur und Sprache unterschiedlich ­benannte Haupttypen: – einzelne, pfeiler- oder obeliskenartige Steine (Megalithen, Monolithen, Menhire, Obelisken, Zeigersteine, Visursteine, Mal- oder Grabsteine, Grenzmarken). – Dolmen und Ganggräber (Grabbauten aus Megalithen und grossen Platten). – Steinreihen (Alignements). – Schalensteine (mit geritzten, gebohrten oder eingehauenen Ver­ tiefungen). – Mauer- und Deckenblöcke eines grösseren Bauwerks (Burg; Grab; Tempel). «Zyklopenmauern» nennen wir aus vielkantigen, meist eng gefügten kleineren oder grösseren Steinblöcken errichtete Mauern.

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→ Abb. 2, S. 14.

→ Abb. 3, S. 14. → Abb. 4, S. 15. → Abb. 5, S. 15. → Abb. 6, S. 16.

→ Abb. 7, S. 16.


Megalithen und Megalith-Kulturen

Abb. 2 – Menhir als Zeigerstein, Guerlesquin, ­Bretagne.

Abb. 3 – DolmenLanggrab bei ­Carnac.

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Was sind Megalithen?

Abb. 4 – Alignement (Allee) bei Perros-Guirec, ­Bretagne.

Abb. 5 – Schalenstein, Lattrigen.1 Findling von Sutz-Lattrigen → Kap. 6.2, S. 179–180.

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Megalithen und Megalith-Kulturen

Abb. 6 – TempelAussenmauer, Gozo, Ggantija.

Abb. 7 – Spätmega­ lithische Mauern, ­Delphi.

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Wo finden sich Megalithen?

2.2 Wo finden sich Megalithen? Lange glaubte man, die Höhlenmalereien des beginnenden 2. Jahrzehn­ tausends vor unserer Zeitrechnung in Frankreich und Spanien als erste ­Anzeichen einer Entwicklung zur «Hochkultur» werten zu können. Dieses Bild muss indes korrigiert werden; denn die Funde beispielsweise von Chauvet,2 Dolni Vestonice3 oder Geissenklösterle4 und Hohlenstein-Stadel5 zeigen, dass mit weit älteren, ebenbürtigen kulturellen Leistungen zu rechnen ist, bloss ist die Archäologie diesbezüglich bislang selten fündig ge­ worden. Neue Funde weisen auf eine kulturelle Entwicklung auch ausserhalb Europas und noch vor der letzten Eiszeit, im Zusammenhang mit dem ­Auftreten des Homo sapiens, aber auch des Neandertalers, hin.6 Megalithen treten jedoch erst im letzten Jahrzehntausend vor unserer Zeitrechnung auf. Unter «Megalithen» versteht man in Europa nicht nur einzeln auf­ gestellte Menhire, sondern vor allem Menhir-Gruppen, Menhir-Reihen («Alleen»), Menhir-Kreise oder -Ovale und die sogenannten DolmenGräber (oft ursprünglich unter Stein- oder Erdhügeln verborgen). Zu den genannten Gruppen sind auch künstlich aufgebaute, podiumartige, meist rechteckige Flächen (Plattformen) zu zählen, die häufig in kleineren oder grösseren Stufen abgetreppt erbaut worden sind. Ein spezielles Problem im Zusammenhang mit Megalith-Bauwerken, aber auch mit einzelnen Felsblöcken oder Felspartien, stellen die sogenannten Schalensteine 7 dar. Es handelt sich dabei um Felspartien oder Einzelsteine, die eingeritzte oder eingehauene Ornamente und Zeichnungen, aber auch schalenförmige Vertiefungen oder eingehauene/eingebohrte rund­ liche Löcher aufweisen, die zunächst keinen funktionalen Sinn erkennen lassen. Auch ihre Anordnung erscheint oft unregelmässig, zufällig, so dass nicht immer an ein künstlerisches Muster zu denken ist, sondern eher an ein geformtes Hilfsmittel in einem festgelegten Ritual. So haben sich im Laufe der Zeit die abenteuerlichsten Erklärungen herausgebildet. Die Annahme von Vertiefungen mit rinnenförmigen Verbindungen zum Auf­ nehmen eines Trankopfers erscheint plausibel, vorausgesetzt, es handle sich um Schalen auf einer waagrecht oder leicht schräg liegenden Ebene. Aber wozu dienten dann die «Schalen» an fast senkrecht liegenden Wänden oder die einzelnen, tiefen Löcher in einer Bodenplatte? Eine funktionale ­Bedeutung für archäo-astronomische Beobachtungen in kultischem Zusammenhang ist in solchen Fällen wohl anzunehmen.8 Das Verbreitungsgebiet der Megalithen umfasst in der Hauptsache West- und Mitteleuropa, das gesamte Mittelmeergebiet, Nordafrika eingeschlossen, sowie die Britischen Inseln und Skandinavien. Auffallend ist die Lage an Verkehrswegen, vorwiegend Wasserwegen und ihren Landverbin17


Megalithen und Megalith-Kulturen

Der Meeres­spiegel scheint seit der letzten grossen ­Vereisung bis heute um bis zu 130 m ­gestiegen zu sein.

dungen, und an geographisch besonders ausgezeichneten Stellen (Hügel, Wasserscheiden, Orte mit spezieller Sicht in der Nähe von Siedlungen, noch heute als solche bezeichnete «Kraftorte»). Im letzten Jahrtausend sind indes sehr viele Monumente beschädigt oder zerstört worden, so dass jeg­ liche Verbreitungskarte als unvollständig zu bezeichnen ist. Zahlreiche ­megalithische Bauten oder Steine harren zudem der Entdeckung und Be­ arbeitung, sind doch die geophysikalische Bodenprospektion, die Luftbild-Archäologie und vor allem die Erforschung der heute unter Wasser ­liegenden prähistorischen Küstenbereiche9 in den meisten Ländern noch nicht systematisch für die Spurensuche eingesetzt worden. Deshalb sind Aussagen, etwa über eine Bevölkerungsdichte oder -struktur im Zusammenhang mit einem megalithischen Bauwerk, die auf der vorgefundenen Situation in dessen ­engerer und weiterer Umgebung beruhen, mit entsprechender Vorsicht zu behandeln. Ein Hauptproblem der Archäologie besteht darin, dass die meisten der erhaltenen Monumente eine lange Bau- und Benützungsgeschichte auf­ weisen und zudem in historischer Zeit verändert worden sind; Zweitverwendung von einzelnen Megalithen oder deren Fragmenten ist nämlich häufig. Nur mit peinlichster Genauigkeit bei der Aufnahme des heutigen Zustandes, verbunden mit sorgfältigster Ausgrabungstätigkeit, können Anhaltspunkte über den ursprünglichen Zustand und die Etappen der Ver­ änderungen gewonnen werden. Oft ist dies indes nicht mehr möglich, insbesondere wenn willkürliche Rekonstruktionen vorgenommen worden sind. Erschwert werden die Deutungsversuche eines Befundes durch das ­Fehlen zeitgenössischer, aber auch späterer schriftlicher Quellen. Ornamentik und Plastik müssen an deren Stelle treten, wobei Verbindungen zu Keramik- und Werkzeug-Typen sehr hilfreich sind. In vielen Fällen lassen sich auch Ritzungen in Stein, Keramik oder Bein ausmachen, die zum Teil ins Jungpaläolithikum datieren und eindeutig weder zufällig noch als reines Ornament entstanden sind. Von «Botschaften» zu sprechen, ist erlaubt, auch wenn von einem «Schriftcharakter» nicht die Rede sein kann. Es sind aber auch Muster zu erkennen, deren Form und Anzahl der Wiederholungen auf einen kalendarischen Hintergrund deuten könnten. Für Aussagen über das Umfeld von Megalithen fällt zudem erschwerend ins Gewicht, dass heute zwar versucht wird, die regionalen Klima- und Umweltverhältnisse und -schwankungen anhand von Dendrochronologie, Isotopenanalysen, Archäobotanik und Archäozoologie zu rekonstruieren, die folgenschweren quartärgeologischen lokalen oder regionalen Trends und Ereignisse aber, mit wenigen Ausnahmen,10 unzureichend erforscht und dokumentiert sind. Auch die archäologischen und anthropologischen Feststellungen früherer Forscher bedürfen einer erneuten Aufarbeitung, da 18


Megalithen in einem neuen Geschichtsbild

die heutigen Methoden zu viel detaillierteren, aussagekräftigeren Resultaten führen. Megalithen im oben definierten Sinn finden sich auch ausserhalb Europas, in Kulturen völlig anderer Art und mit unterschiedlichsten Zeitstellungen. So stellt sich die Frage nach der Verbreitung der Megalith-Kulturen immer wieder neu, wobei nicht vergessen werden darf, dass Verwendung und Verehrung von «grossen Steinen» zu den Grundlagen aller Kulturen gehören.

→ Kap. 3.

2.3 Megalithen in einem neuen Geschichtsbild Die Verwendung von Stein als Baustoff oder die Aufschüttung von Hügeln und Wällen sind zahlreichen Kulturen gemein; sie sind nicht als spezifische Merkmale einer einzigen «Grosskultur» anzusehen. Der Bau grösserer, meerestauglicher Fahrzeuge, die zum Bewegen grosser Steinblöcke er­ forderliche Technik sowie spezielle astronomische Beobachtungen oder ­religiöse Anschauungen sind hingegen Merkmale einzelner, von anderen abgrenzbarer Kulturen, deren Entstehung und Verbreitung der Erforschung durch moderne archäologische Methoden zugänglich sind. Es ist auch mit – meist ungeplantem – Wissens- und Kulturtransfer durch kleine Gruppen oder Einzelpersonen zu rechnen, ohne dass grössere Migrationen vorauszusetzen wären. Im heutigen Geschichtsbild der Vor- und Früh­ geschichte sind mehrere Hauptaspekte massgebend, die hier in gebotener Kürze zusammengefasst seien.

2.3.1 Kultur und Selbstbesinnung In jeder Kultur fühlt sich der Mensch als Teil der ihn umgebenden Natur; indem er sich auf sich selbst besinnt, besinnt er sich auf die Natur. Der Mensch ist sich seiner Herkunft aus der Natur, dem Mutterleib, bewusst. Die Phänomene Geburt und Tod sowie die Frage nach dem Anfang der Welt und der Menschheit geben ihm zum Nachdenken Anstoss. Die Gestirne, vor allem Mond und Sonne, laden jeden Menschen ein, sich Gedanken über den Kosmos und die Zeit zu machen. Daraus entstehen, im Zusammenhang mit der Betrachtung der Naturgewalten, weltanschauliche und religiöse Vorstellungen. Auch die Fähigkeit zu zählen und zu rechnen gehört zum Kulturpotential des frühen Menschen. Damit verbunden ist die Fähigkeit der Kommunikation, der Aufzeichnung und der Wiedererkennung (Merk­zeichen und Bilder als eine Art «Spuren»). Das an fossilen Funden paläontologisch nur schwer nachzuweisende Sprachvermögen ist zu Recht als ­Voraussetzung 19

Der Begriff «Kultur» wird im heutigen ­archäologisch-kulturanthropolo­gischen Sinn ver­standen und setzt keinerlei sog. «hochkultu­ rellen» Leistungen wie z. B. Schriftlichkeit voraus, wohl aber das P ­ otential, solche Leistungen zu erbringen. ­Dieses P ­ otential scheint sich bereits bei ­frühen Hominiden (z. B. beim Homo erectus) heran­gebildet zu ­haben.


Megalithen und Megalith-Kulturen

für jede kulturelle Entwicklung bezeichnet worden und dürfte bereits für den Homo ergaster/erectus als zumindest in wesentlichen Ansätzen aus­ gebildet angenommen werden.11 Wie neuere Funde in Europa und Syrien nachgewiesen haben,12 besassen altpaläolithische Menschen einen Sinn für Formschönheit, dem ein Sinn für Rhythmus, Musik, Humor, Spiel und Ähnliches angeschlossen gewesen sein dürfte. Eine wie auch immer geartete geistige Kultur ist daher für die un­ mittelbaren Vorgänger und Nebenlinien des Homo sapiens anzunehmen und damit erst recht für die vor- und frühgeschichtlichen Stämme des Homo sapiens sapiens. Dass Himmelsbeobachtungen und entsprechende geistige Aktivitäten mit dazugehörten, konnte die Archäo-Astronomie nachweisen.13 Die heute vorherrschende Meinung von der Entstehung des Menschen, d.h. die Abspaltung von einem gemeinsamen Zweig von Menschenaffen­ ähnlichen vor etwa 8 bis 6 Millionen Jahren in einer afrikanischen Wald-/ Savannen-Landschaft, stützt sich auf einzelne Funde in speziell prospektierten Gebieten. Da jedoch die entsprechenden geologischen Schichten ­anderer Erdteile nicht ähnlich gut erschlossen sind und nicht in gleichem Ausmass abgesucht wurden, dürfen Negativschlüsse nicht ohne Weiteres gezogen werden, und neue Funde können das Bild jederzeit verändern.14 Dies gilt ebenso für die Darstellung der weiteren Entwicklung des Menschen, wobei hier der Auffassung zugestimmt wird, dass die Hominiden mehrere, zum Teil zeitlich parallele Seitenzweige umfassen, von denen ­lediglich einer, der angeblich jüngste, überlebt hätte, der Homo sapiens ­sapiens.15 Dessen Ursprung und Ausbreitung («Out of Africa») wird indes noch immer kontrovers diskutiert.16 Einer kritischen Überprüfung be­ dürfen dabei die von Seiten der Genetiker vorgetragenen Vermutungen über die Entstehung und Ausbreitung des modernen Menschen.17 Zumindest haben diese Forschungen allen bisherigen Rassen- und Nationentheorien ein für allemal den Boden entzogen. Das Postulat der Vorsicht gilt auch für die Thesen der Linguisten, deren bisherige Rekonstruktionen von «Ursprachen», Sprach-Verwandtschaften und Sprach-Entwicklungen mit entsprechenden chronologischen und ­geographischen Annahmen nach wie vor als Hypothesen zu werten sind.18 Im angelsächsischen Sprachraum hat sich die allgemeine Debatte über archäologische Grundfragen zuletzt mehr und mehr zu einem sozialhistorisch ausgerichteten, grundsätzlichen Hypothesenstreit über Entwicklungsfortschritte des Menschen und seiner Kulturen und deren Ursachen gewandelt, in dem die Megalith-Kulturen nur fallweise eine Rolle spielen. Von besonderer Bedeutung sind die Versuche, Darwins naturwissenschaftliche Evolutionstheorien auf die Kulturgeschichte zu übertragen. Die Be­ obachtung, dass generell auch «Erfahrung» mittels der Erbanlagen an die Nachkommen weitervermittelt wird, hat zur Hypothese geführt, es müss20


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