Zßrcher Philosophische Vorträge 6
Alice Holzhey-Kunz Das Unbewusste Versuch der Rehabilitierung eines angreifbaren Konzepts
Schwabe
ZÜRCHER PHILOSOPHISCHE VORTRÄGE HERAUSGEGEBEN VON WOLFGANG ROTHER
SCHWABE VERLAG BASEL
ZÜRCHER PHILOSOPHISCHE VORTRÄGE 6
Alice Holzhey-Kunz Das Unbewusste Versuch der Rehabilitierung eines angreifbaren Konzepts
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Das Unbewusste. Versuch der Rehabilitierung eines angreifbaren Konzepts
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Übersicht I. Methodische Funktionen des Unbewussten 1. Die hermeneutische Funktion des Unbewussten im Bereich der Psychopathologie 2. Die Erklärungsfunktion des Unbewussten angesichts des Rätsels einer besonders resistenten Selbsttäuschung Exkurs zu Sartre Fazit: Sartre oder Freud? 3. Die therapeutische Funktion des Unbewussten als «Instrument der Analyse» II. Die existenzielle Funktion des Unbewussten 1. Das Unbewusste als Raum unwidersprochener Wünsche 2. Exkurs zur zweideutigen Funktion der Verdrängung 3. Das Unbewusste als der Ort «ewiger» Kindheitswünsche 4. Das Unbewusste als «Linderungsmittel» 5. Das Unbewusste als innerer Schutz gegen die Angst 6. Das sogenannte «Scheitern» der Verdrängung und die «Wiederkehr» der verdrängten Wünsche in den neurotischen Leidenssymptomen 7. Der Rückzug ins Unbewusste im Dienste der Bewahrung seelischer Gesundheit 8. Die existenzielle Funktion von Freuds «Unbewusstem» und Heideggers «Man» im Vergleich 9. Die Flucht ins «Man» als Flucht in den Sinnglauben 10. Warum die beiden Schutzwälle gegen die Angst nur gemeinsam funktionieren Nähert man sich dem psychoanalytischen Konzept des Unbewussten von der Existenzphilosophie her, dann stellt der Übergang von einer bloß funktionalen Rede von unbewussten seelischen Vorgängen zu einer substantivi schen Rede von ‘dem’ Unbewussten das eigentliche Problem dar. Die sprachliche Substantivierung schafft generell Entitäten, und auch das Unbewusste wird dadurch, dass es mit einem Artikel versehen wird, zu einer seelischen Entität erklärt, der dann in einem zweiten Schritt besondere
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Eigenschaften oder Aufgaben zugeschrieben werden können.1 Genau dagegen wandte sich Sartre in seinem frühen Hauptwerk Das Sein und das Nichts mit seinem immer wieder zitierten Satz: «Die existenzielle Psycho analyse verwirft das Postulat des Unbewussten».2 Was hier von Sartre verworfen wird, ist nicht Freuds Erkenntnis, dass uns Menschen vieles an uns selbst unbewusst ist, sondern nur seine Verdinglichung zu einem seelischen ‘Etwas’. Sartres Vorschlag einer «existenziellen» Psychoanalyse basiert darum auf einem alternativen Verständnis des sogenannten Unbewussten als einer Existenzform. Das Anliegen Sartres ist in eins erkenntniskritisch und anthropologisch. Denn wenn er dafür argumentiert, das sogenannte Unbewusste sei nur vom Existenzbegriff her angemessen zu denken, dann liegt darin auch schon die anthropologische These, wonach das «Wesen» des Menschen von der Existenz her aufzuschließen sei. Mein Aufsatz unternimmt den scheinbar paradoxen Versuch, das verdinglichende Konzept des Unbewussten als seelischer Entität zu rehabilitieren, obwohl ich Sartres Kritik daran für berechtig halte. Anlass für diesen Versuch ist die Sorge, dass eine existenziale Fassung des sogenannten Unbewussten zwar frei von spekulativen Elementen ist, dafür aber wichtige Funktionen nicht mehr zu erfüllen vermag. Dieser Sorge entspringt die Frage, ob wir die verdinglichende Rede von ‘dem’ Unbewussten nicht doch beibehalten sollten, weil nur so grundlegende psychische Sachverhalte zur Geltung zu bringen sind, die gleichsam aus Abschied und Traktanden fallen, wenn man das Unbewusste nur noch als einen Existenzmodus denkt. Die hier formulierte Sorge lässt das verdinglichende Konzept des Unbewussten auch für jene, die existenzphilosophisch denken, in einem anderen Lichte erscheinen. Zur Debatte steht nun, was dieses Konzept zu leis ten imstande ist und eventuell besser zu leisten vermag als ein existenzphi1
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Die Annahme, es handle sich beim Unbewussten um einen innerseelischen Ort, verbindet bis heute die verschiedensten psychoanalytischen Theoriesysteme; vgl. dazu Werner Bohleber: Der psychoanalytische Begriff des Unbewussten und seine Entwicklung; Editorial zu: Das Unbewusste. Metamorphosen eines Kernkonzepts, Sonderheft Psyche 9/10 (2013) 807–816. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, hg. von Traugott König (Reinbek bei Hamburg 1993) 978.
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losophisches Konzept, und zwar sowohl in methodischer wie in anthropologischer Hinsicht. Nun ist der Gedanke, dass ein Konzept theoretisch fragwürdig und dennoch unverzichtbar ist, irritierend. Ebenso irritierend oder zumindest überraschend ist die Tatsache, dass auch die zur Rehabilitierung von Freuds Modell des Unbewussten vorgebrachten Argumente der Existenzphilosophie entstammen. Der Aufsatz hat zwei Teile. Der erste Teil ist den methodischen Funktio nen gewidmet, welche eine verdinglichende Vorstellung von ‘dem’ Unbewussten für einen analytisch-hermeneutischen Zugang zu seelischen Leidenssymptomen übernimmt und auch erfüllt; der zweite Teil kümmert sich um die anthropologische Funktion, welche die Vorstellung von ‘dem’ Unbewussten als einem Raum unwidersprochenen Wünschens hat – nämlich als Schutz vor der in jedem Menschen ständig lauernden ‘Angst’. I. Methodische Funktionen des Unbewussten 1. Die hermeneutische Funktion des Unbewussten im Bereich der Psychopathologie
Freud erklärt «die Annahme unbewusster seelischer Vorgänge» zu den «Grundpfeilern der psychoanalytischen Theorie», weshalb sich niemand zur Psychoanalyse zählen könne, der diese Annahme nicht teile.3 Hingegen erhebt er weder für sich persönlich noch für die Psychoanalyse als theoretische Bewegung den Anspruch, das Unbewusste «entdeckt» zu haben, weiß er doch sehr wohl, dass die Annahme unbewusster Vorgänge im Seelenleben eine lange Tradition hat.4 Daraus darf man allerdings nicht schließen, dass Freuds Konzept des Unbewussten nur ein Abkömmling dieser Tradition und darum eher retrospektiv als prospektiv zu würdigen 3 4
Vgl. S. Freud: «Psychoanalyse» und Libidotheorie, Ges. Werke XIII (Frankfurt a.M. 1999) 223. Es ist darum irreführend, wenn J. Laplanche und J.-B. Pontalis in «Das Vokabular der Psychoanalyse» (Frankfurt 1973) unter dem Stichwort «Unbewusst, das Unbewusste» einleitend erklären: «Wollte man die Freudsche Entdeckung in einem Wort zusammenfassen, so wäre es das des ‘Unbewussten’» (563).
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sei.5 Vieles an Freuds Konzept des «Unbewussten» ist nämlich neu, und dieses Neue erklärt sich schon daraus, dass sich für ihn dessen Postulierung im klinischen Kontext aufdrängte. Dieser andersartige Kontext ist entschei dend, macht es doch einen großen Unterschied, ob man sich veranlasst sieht, im Zusammenhang allgemeiner theoretischer Überlegungen zur Natur des Menschen ein Unbewusstes anzunehmen oder aber im Zusammenhang rätselhafter neurotischer Leidenssymptome eigener Patientinnen, die man mittels der Hypothese unbewusster Vorgänge im Seelenleben zu enträtseln hofft. «Die Unterscheidung des Psychischen in Bewusstes und Unbewusstes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wichtigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen, der Wissenschaft einzuordnen.»6 Um die Funktion, die Freud dem Unbewussten innerhalb der Psychopathologie zudenkt, zu erfassen, muss man sich zuerst klar machen, dass sein Vorhaben, pathologische Vorgänge im Seelenleben verstehen zu wollen, revolutionär ist. Damit wird die Psychoanalyse nämlich zur großen Herausforderung für die klassische Psychiatrie, die davon ausgeht, dass psychopathologische Vorgänge per definitionem nicht verstehbar sind und deshalb nur durch Beschreibung zugänglich werden – durch eine besondere Art der Beschreibung allerdings, die immer auf die entsprechenden normalen bzw. gesunden psychischen Vorgänge bezogen ist, die als Maßstab fungieren. Dank solcher Beschreibung werden die pathologischen Vorgänge als spezifische, aber prinzipiell defizitäre Abweichungen vom normalen bzw. gesunden Seelenleben erfasst und entsprechend klassifiziert. In einem zweiten Schritt werden dann die Ursachen dieser als defizitär definierten pathologischen Phänomene zum Gegenstand psychiatrischer Forschung. Mit diesem methodischen Vorgehen erweist sich die klassische Psychiatrie als Teil der Medizin. Der medizinische Diskurs, ob er sich nun auf körperliche oder seelische Erscheinungen bezieht, ist vom Begriffspaar gesund/krank geleitet; pathologische Phänomene werden prinzipiell als defizitäre Abwandlungen des Normalen und Gesunden verstanden. 5
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Diese Sicht vertritt Jean-Claude Wolf in seinem Aufsatz «Die Philosophie des Unbewussten als Antwort auf den ‘Verlust der Seele’», Zürcher Philosophische Vorträge 1, hg. von Wolfgang Rother (Basel 2014) 5, 13. S. Freud: Das Ich und das Es, Ges. Werke XIII 239 (kursiv A.H.).
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Wenn sich die Psychoanalyse daran macht, seelische Leidenssymptome zu «verstehen» statt nur zu beschreiben, dann generiert sie damit einen neuen, nämlich hermeneutischen Diskurs innerhalb der Psychopathologie. Das kann sie nur unter der Voraussetzung, zugleich die Annahme eines Unbewussten zu postulieren. Daraus zu schließen, dass dieses Postulat der Grund für die Unvereinbarkeit von psychiatrischem und psycho analytischem Diskurs sei, ist aber falsch. Der Grund dafür liegt vielmehr in der anderen Erkenntnisabsicht, nämlich auch dort etwas verstehen zu wollen, wo es dem psychiatrischen Diskurs zufolge nichts zu verstehen geben kann, nämlich im Bereich psychischer «Störungen». Und dass es hier etwas zu verstehen gibt, weil neurotische Leidenssymptome mehr und anderes sind als nur krankheitsbedingte defizitäre Abweichungen vom Gesunden, hält Freud für jene grundlegende Entdeckung, die gemacht zu haben das Verdienst der Psychoanalyse ist. Die einschlägige Stelle dazu steht am Beginn der 5. Vorlesung Freuds zur Einführung in die Psycho analyse und lautet: «Meine Damen und Herren! Eines Tages machte man die Entdeckung, dass die Leidenssymptome gewisser Nervöser einen Sinn haben. Daraufhin wurde das psychoanalytische Heilverfahren begründet.»7 Verstehen heißt, nach dem Sinn von etwas fragen. Der psychiatrische Diskurs geht davon aus, dass psychopathologische Erscheinungen eben daran zu erkennen sind, dass ihnen jene Sinnhaftigkeit und damit Verstehbarkeit fehlt, die allen sogenannt gesund-normalen seelischen Vorgängen eigen sind. Ein manifester Sinnmangel von seelischen Erlebensund Verhaltensweisen ist darum für den Psychiater ein ganz wichtiges, wenn auch nicht das einzige Indiz ihres pathologischen Charakters. Und dass solche Symptome keinen Sinn erkennen lassen – dafür braucht der Psychiater nicht zu argumentieren, denn es liegt für jedermann ersichtlich zutage. Ob man sich verfolgt wähnt, obwohl kein realer Verfolger auszumachen ist, ob man von Angst überschwemmt wird, ohne auch nur sagen zu können, woher Gefahr droht, oder ob man sich gezwungen fühlt, sich x-mal die Hände zu waschen, obwohl diese längst sauber sind: Immer scheitert das Verstehen in solchen Fällen, weil das, was hier gemeint, gefühlt oder gehandelt wird, der realen Situation nicht angemessen und 7
S. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Werke XI 79 (kursiv A.H.).
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darum unsinnig ist. Soll es sich also um eine Entdeckung handeln, dass all diese Phänomene ihrer manifesten Unsinnigkeit zum Trotz einen Sinn haben, dann kann es sich nur um einen verborgenen Sinn handeln. Entsprechend kann «verstehen» in der Psychopathologie, anders als in den Geisteswissenschaften, immer nur heißen, einen «unbewussten» Sinn aufzudecken Das Postulat eines Unbewussten dient also der Beglaubigung jener Entdeckung, mit der die Psychoanalyse die Hermeneutik in die Psychopathologie einführt. Es hat die methodische Funktion, die Phänomene seelischen Leidens statt unter der Leitkategorie der Krankheit oder der Störung unter der eines unbewussten Sinns zugänglich zu machen. 2. Die Erklärungsfunktion des Unbewussten angesichts des Rätsels einer besonders resistenten Selbsttäuschung
Bisher ist klar geworden, dass neurotische Symptome, die manifest unsinnig erscheinen, nur dann allem Anschein zum Trotz doch einen Sinn haben können, wenn dieser «unbewusst» ist. Das ist zwar schnell gesagt, doch handelt man sich mit dieser Aussage ein Rätsel ein, das man sich selten bewusst macht – das Rätsel nämlich, wie Selbsttäuschung möglich ist. Es gilt also zunächst deutlich zu machen, was es heißt, den pathologischen Symptomen einen unbewussten Sinn zuzusprechen. Dass dieser Sinn «unbewusst» ist, bedeutet, dass er nicht nur Außenstehenden verborgen ist, sondern auch dem sogenannten Symptomträger selbst. Auch er kennt diesen Sinn nicht, dieser ist ihm unzugänglich, weshalb er subjektiv ehrlich ist, wenn er, daraufhin befragt, sagt, er wisse davon nichts, er verstehe sich diesbezüglich selbst nicht, oder aber, um sein Nichtwissen vor anderen oder auch vor sich selbst zu verdecken, irgend einen Sinn ‘erfindet’. Dass sich daraus ganz besondere Probleme für eine psychoanalytische Psychotherapie ergeben, deren erklärtes Ziel es ja ist, diesen Sinn aufzudecken und dadurch eine heilsame Veränderung zu bewirken, sei hier nur erwähnt, aber ich komme darauf zurück, weil Freud auch dieses therapeutische Problem mithilfe seines Konzepts des Unbewussten löst. Zuerst bleiben wir aber beim erkenntnistheoretischen Problem, das die Rede von einem «unbewussten Sinn» aufgibt.
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Die Brisanz dieses Problems kann erst deutlich werden, wenn man genauer fragt, was Freud unter «Sinn» versteht und dabei entdeckt, dass er Sinn nicht einfach mit «Bedeutung» gleichsetzt: «Einigen wir uns noch einmal darüber, was wir unter dem ‘Sinn’ eines psychischen Vorgangs verstehen wollen. Nichts anderes als die Absicht, der er dient, und seine Stellung in einer psychischen Reihe. Für die meisten unserer Untersuchungen können wir ‘Sinn’ auch durch ‘Absicht’, ‘Tendenz’ ersetzen.»8 Das heißt, dass die psychischen Symptome nicht einfach eine heimliche Bedeutung in sich tragen, die sie nicht anzeigen – etwa eine Bedeutung, die der frühen Kindheit zugehört –, sondern dass sie selbst eine geheime Absicht verfolgen, dass sie etwas zu realisieren streben, mit anderen Worten: dass der unbewusste Sinn ein Handlungssinn ist. Damit stellt sich die Frage nach dem Subjekt, das unbewusste Absichten verfolgen kann. Will man sich hier nicht mit der spekulativen Rede von einem «unbewussten Subjekt» begnügen, das hier am Werke sei, dann kann man nur sagen, dass die Person, die an neurotischen Symptomen leidet, mit diesen zugleich eine Absicht verfolgt, die sie selbst nicht kennt. Dafür haben wir das Wort «Selbsttäuschung». Sie liegt darin, dass man meint, ja sogar der festen Überzeugung ist, keine Absicht zu verfolgen, sondern vielmehr das Symptom, sei es die Angst, sei es die Zwangshandlung, nur zu «erleiden» bzw. ausführen zu «müssen», sich aber in dieser Meinung über sich selbst irrt. Nun können wir das Phänomen der Selbsttäuschung oft genug an anderen Leuten feststellen. Wir sagen dann, er oder sie mache sich etwas vor, oder gar, er oder sie belüge sich selbst, und schütteln ob der Tatsache, dass diese Person selbst es nicht zu merken scheint, oft genug verwundert den Kopf. In Bezug auf uns selbst ist es anders: Da können wir zwar zugestehen, dass es uns wohl auch nicht besser ergeht als anderen, dass also auch wir in mancher Hinsicht in Selbsttäuschungen befangen sein mögen – nur wahrnehmen können wir es nicht, weil es zur Selbsttäuschung gehört, zu meinen, man kenne die eigenen Absichten, wenn man nur genügend ehrlich zu sich selbst sei. Doch so unbestreitbar es Selbsttäuschung gibt, so rätselhaft ist, wie sie zustande kommen kann. Wir müssen uns die Rätselhaftigkeit dieses Phänomens deshalb vergegenwärtigen, weil sie Freud dazu (ver-)führte, sich 8
Ebd., 33.
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das Unbewusste als einen abgesonderten seelischen Bereich vorzustellen. Vergleichen wir also die Selbsttäuschung mit der Fremdtäuschung. Letztere birgt keine Rätsel. Weil niemand unmittelbaren Zugang zur seelischen Innenwelt eines anderen Menschen hat, ist es problemlos verstehbar, wie man einen anderen Menschen täuschen und umgekehrt von einem anderen getäuscht werden kann. Man kann ihn täuschen, indem man absichtlich unehrlich ist, aber vorgibt, ganz und gar ehrlich zu sein; der ändere lässt sich täuschen, wenn er das, was ich sage, für bare Münze nimmt, mir also vertraut. Genauso funktioniert es auch in der umgekehrten Richtung: Der andere kann mich belügen, und ich kann mich von seinen Lügen täuschen lassen, weil ich sie nicht als Lüge durchschauen kann. Wir können also andere täuschen und zugleich durch andere getäuscht werden, denn niemand kann wissen, was der andere wirklich denkt und beabsichtigt, auch dann nicht, wenn man meint, den anderen ‘durch und durch’ zu kennen. Wie aber soll man sich selbst täuschen können, das heißt: wie kann die Absicht, sich selbst zu belügen, erfolgreich sein? Wie kann man sich selbst hinters Licht führen, wenn man doch seine wahre Absicht kennt? Und umgekehrt: Wie kann man sich von sich selbst täuschen lassen, also dem Trug glauben, den man zugleich als Trug durchschaut? Es ist offensichtlich, dass wir hier vor einem logischen Rätsel stehen. Freud löst dieses Rätsel, indem er aus der Selbsttäuschung eine Fremdtäuschung macht. Dafür braucht er die Hypothese, das Unbewusste sei ein eigener Teilbereich innerhalb der Seele, zu dem das Bewusstsein keinen Zugang habe. Freud weiß natürlich, dass diese räumliche Vorstellung problematisch ist, schreibt aber bis ans Ende seines Lebens der Seele, die er als «psychischen Apparat» auffasst, «räumliche Ausdehnung» und «Zusammensetzung aus mehreren Stücken» zu.9 Ein Grund dafür ist zweifellos, dass sich nur so die Selbsttäuschung als Fremdtäuschung denken und damit verstehen lässt. Der diesbezüglich aufschlussreichste Satz bei Freud lautet: «Wir haben dann [das heißt wenn wir annehmen, dass das Unbewusste ein unzugänglicher Teil der eigenen Seele ist] zu ihm [das heißt zu einem eigenen unbewussten psychischen Vorgang] dieselbe Beziehung wie zu einem psychischen Vorgang bei einem anderen Menschen, nur dass er eben einer unserer eige9
S. Freud: Abriss der Psychoanalyse, Ges. Werke XVII 67.
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nen ist.»10 Die Vorstellung, das Unbewusste sei ein vorhandener seelischer Raum, macht es in der Tat möglich, die vermeintliche Selbsttäuschung als eine innere Fremdtäuschung zu denken. Darin liegt ihr großer Vorteil, denn nur wenn es gelingt, die Möglichkeit von Selbsttäuschung zu erklären, lässt sich auch die «Entdeckung» von einem unbewussten Sinn im seelischen Leiden halten. Exkurs zu Sartre
Es ist Sartres Verdienst, gezeigt zu haben, wie man das Rätsel der Selbsttäuschung lösen kann, ohne das Unbewusste im skizzierten Freud’schen Sinne verdinglichen zu müssen. Ich habe bereits erwähnt, dass Sartre das Unbewusste nicht verwerfen, wohl aber radikal entdinglicht denken will. Das gelingt ihm, indem er das Unbewusste als Vollzug auffasst, nämlich als Vollzug des Sich-unbewusst-machens. «Sich unbewusst machen» ist aber nur ein anderes Wort für den Vollzug der Selbsttäuschung. Also steht auch Sartre vor der Frage, wie Selbsttäuschung möglich ist. Zunächst gibt er diesem rätselhaften Prozess eines ständigen Ineinanders von Sich-aktivtäuschen und Sich-passiv-von-sich-täuschen-lassen den Namen «mauvaise foi», was mit «Unaufrichtigkeit» übersetzt wird. Unter diesem Titel liefert Sartre eine eindrückliche phänomenologische Mikroanalyse dieses Prozesses, deren wesentlichste Elemente ich hier erwähnen will, um dann die Frage zu stellen, ob die «mauvaise foi» die methodische Funktion, die Freud dem Unbewussten überträgt, ebenfalls zu erfüllen vermag, oder ob hier Zweifel angebracht sind. Ausgangspunkt für Sartres Analyse ist die Unterscheidung zwischen Lüge und «mauvaise foi», Unaufrichtigkeit. Während es sich bei der Lüge um einen klaren und eindeutigen Sachverhalt handelt, weil man hier bewusst und absichtlich nicht die Wahrheit sagt, handelt es sich bei der «mauvaise foi» um ein «verschwimmendes» Phänomen. «Der Entschluss, unaufrichtig zu sein, wagt nicht, seinen Namen zu nennen, er glaubt und glaubt nicht, dass er unaufrichtig sei, er glaubt und glaubt nicht, dass er 10
S. Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Werke XV 77 (kursiv A.H.).
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aufrichtig sei».11 Die Unaufrichtigkeit lebt vom Verwischen der eigenen Spuren. Die Unaufrichtigkeit sich selbst gegenüber ist zwar ein «Tun» und kein «Erleiden». Aber dieses Tun hat zugleich etwas Passivisches an sich, denn «man lässt sich unaufrichtig werden, so wie man einschläft, und man ist unaufrichtig, so wie man träumt».12 Man lässt also alles im Unklaren: Man glaubt nicht, um doch zu glauben, und man glaubt, um doch nicht zu glauben, so dass alle eigenen Überzeugungen immer zugleich auch Nichtüberzeugungen sind. Dank diesem Prozess ständiger Verunklarung kann aus der aktiven Täuschung langsam der Zustand des Getäuscht-seins entstehen, indem man sich Schritt für Schritt glauben macht, dass man dieses oder jenes wirklich glaubt. Zuerst, sagt Sartre, ist nur der Wunsch da, etwas zu glauben, von dem man sehr wohl weiß, dass dafür gar keine «Evidenz» vorliegt, dann gibt man sich diesbezüglich «Vertrauensregungen» hin, so dass der Glaube daran langsam wächst, um sich schließlich so zu verhalten, als ob man davon ganz überzeugt wäre, wodurch sich die eigene Überzeugung nochmals durch das eigene Verhalten festigt. Und umgekehrt möchte man etwas nicht wissen, obwohl man weiß, dass dafür Evidenzen vorliegen, gibt sich dem Zweifel hin und nährt so in sich den Unglauben, um sich dann so zu verhalten, als ob man davon nichts wüsste und auch nie etwas davon gewusst hätte, was die Überzeugung vom eigenen Nicht-wissen nochmals bestärkt. Oder man tut etwas willentlich, von dem man weiß, dass man es nicht tun sollte, beginnt deshalb daran zu zweifeln, ob man es wirklich aktiv wollte, gibt sich der Vorstellung hin, es sei einem einfach passiert, bis man am Ende selbst glaubt, man habe es wie unter einem eigenen Zwang getan, sei also in Wahrheit (unschuldiges) Opfer und nicht Täter. Sartre vermag also das Rätsel der Selbsttäuschung zu lösen, ohne es in eine innere Fremdtäuschung umdeuten zu müssen, weil er sich nicht am Ideal einer interesselosen Selbstwahrnehmung orientiert, sondern am faktischen Interesse daran, sich selbst Sand in die Augen zu streuen, wenn es um unliebsame Wahrheiten geht. Dieser Gedanke kann Freud gar nicht kommen, weil er das Bewusstsein als ein Wahrnehmungsorgan fasst. Für ihn steht darum zweifelsfrei fest, dass man genauso klar weiß, ob etwas be11 12
J.-P. Sartre: Das Sein und das Nichts, 155. Ebd., 156.
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wusst oder unbewusst ist, wie man weiß, ob man etwas wahrnimmt oder nicht.13 Diese Aussage ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Freud sonst immer und überall, auch noch in den vermeintlich ganz und gar interessefreien geistigen Akten, ein geheimes Triebinteresse ausmacht. Hier aber, wo es um die Unterscheidung von Bewusstem und Unbewusstem geht, bleibt er der traditionellen Vorstellung von einer interessefreien Wahrnehmung verhaftet, weshalb es für ihn nur das eindeutige Entweder–Oder von Ja, es ist bewusst, oder Nein, es ist unbewusst, geben kann. Fazit: Sartre oder Freud?
Sartre kann auf das fragwürdige Konstrukt einer inneren Fremdtäuschung verzichten, weil er, von Heidegger belehrt, das Verhältnis zu sich selbst nicht mehr als ein Sich-selbst-wahrnehmen bestimmt, sondern als eine der Lebenspraxis immanente und darum immer von irgendwelchen subjektiven Interessen geleitete Selbst-erschlossenheit denkt. Zu diesen subjektiven Interessen gehört das Interesse an Selbsttäuschung. Das heißt aber noch nicht, dass Sartres Vorschlag, die Selbsttäuschung als «mauvaise foi» zu denken, auch jene Funktion übernehmen kann, die für Freud das Unbewusste im Kontext psychopathologischer Symptome hat. Denn selbst wenn Sartre nebst Beispielen aus dem ‘normalen’ Alltag auch Beispiele aus der Psychopathologie heranzieht, um die Funktionsweise der «mauvaise foi» zu exemplifizieren, so kennt er doch diese klinischen Phänomene nur aus der Literatur und benutzt sie, ohne sie von den Alltagsbeispielen abzuheben. Andersherum gesagt: Sartre interessiert sich für die Selbsttäuschung als jenes universale Phänomen, das zur conditio humana gehört und darum auch schon den ganz normalen Alltag bestimmt. Nun wusste bekanntlich auch Freud von der «Psychopathologie des Alltagslebens» zu berichten,14 aber er wusste zugleich, dass die Selbsttäuschung, die nicht mit den alltäglichen Fehlleistungen und Versprechungen 13
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S. Freud: Das Ich und das Es, Ges. Werke XIII 242: «die Unterscheidung von Bewusstem und Unbewusstem ist schließlich eine Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beantworten ist». Vgl. S. Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Ges. Werke IV.
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verbunden ist, sondern mit den außeralltäglichen neurotischen Symptomen, so hartnäckiger Art ist, dass jeder Versuch, den Patienten dar über aufzuklären, scheitert: «Wir haben einmal gemeint, das ginge ganz einfach, wir brauchten nur dies Unbewusste zu erraten und es ihm [dem Patienten] vorzusagen. Aber wir wissen schon, das war ein kurzsichtiger Irrtum. […] Wenn wir ihm unser Wissen mitteilen, so hat er es nicht an Stelle seines Unbewussten, sondern neben demselben, und es ist sehr wenig geändert.»15 Freud braucht eine Erklärung dafür, warum diese Aufklärung durch Mitteilung auch dann misslingt, wenn der Patient kooperationswillig ist, und warum auch bei Anwendung der psychoanalytischen Methode die Bewusstmachung des unbewussten Sinns der Symptome ein so «schwieriger und langsam verlaufender Prozess ist».16 Freud sieht darin ein Indiz dafür, dass bei «pathologischen Fällen» das Unbewusste «oft eine kaum glaubliche Selbständigkeit und Unbeeinflussbarkeit» habe.17 Eine solche Selbständigkeit und Unbeeinflussbarkeit lässt sich schwerlich erklären, wenn man das Unbewusste im Sinne Sartres nur als einen ständigen Prozess des Sich-unbewusst-machens denkt. Die klinische Erfahrung scheint hier also die Vorstellung des Unbewussten als eines eigenständigen Seelenbereichs zu stützen. Freud wird durch diese Erfahrung mit seinen Patienten sogar noch zu einer Verabsolutierung dieser Vorstellung gedrängt: Er spricht dem Unbewussten nun den Status eines «inneren Auslandes» und damit eines «Staats im Staat» zu, um dessen quasiautonomen Charakter zum Ausdruck zu bringen.18 So muss die Frage, ob Freuds Konstrukt einer inneren Fremdtäuschung angesichts von Sartres Konzept der «mauvaise foi» einfach hinfällig wird, offen bleiben. Denn in den logischen Vorzügen, die dieses Konzept zweifellos hat, liegt auch seine funktionale Schwäche. Aus der Logik der Selbsttäuschung ergibt sich nämlich, dass es sich dabei um ein eher weiches und durchlässiges Phänomen handelt. Freud würde vermutlich mit einigem Recht erklären, dass jene Form der Selbsttäuschung, die für seelisches Lei15 16 17 18
S. Freud: Vorlesungen, Ges. Werke XI 453. S. Freud: Das Unbewusste, Ges. Werke X 293. Ebd. Vgl. S. Freud: Neue Folge der Vorlesungen, Ges. Werke XV 62; Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Ges. Werke XVI 181.
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den typisch ist und die sich in der psychoanalytischen Therapie als hart näckiger «Widerstand» gegen das Gesundwerden äußert, hierunter nicht subsumierbar ist. 3. Die therapeutische Funktion des Unbewussten als «Instrument bei der Analyse»
Mag das Aufdecken des unbewussten Sinns in den Symptomen auch ein «schwieriger und langsam verlaufender Prozess» sein, so ist er Freud zufolge doch möglich und bildet darum auch das eigentliche Ziel einer psychoanalytischen Therapie. Wie lässt sich diese Möglichkeit aber erklären? Wer ist denn überhaupt imstande, solchen unbewussten Sinn aufzudecken? Mag der Analytiker noch so viele Theorien im Kopf haben – das garantiert ihm noch längst keinen Zugang zum Unbewussten des Patien ten. So steht Freud vor einem neuen Rätsel. Denn einerseits kann nur der Analytiker die hermeneutische Aufgabe wahrnehmen, den unbewussten Sinn der Symptome aufzudecken und zu deuten, andererseits ist ihm das Unbewusste des Patienten genauso verschlossen wie dem Patienten selbst. Auch für dieses Rätsel sucht Freud die Lösung durch eine entsprechende Definition des Unbewussten, die er in Analogie zum Bewusstsein gewinnt. Ist das Bewusstsein, wie bereits erwähnt, ein Wahrnehmungsorgan, dann liegt es nahe, auch dem Unbewussten die Fähigkeit zur Erkenntnis zu konzedieren. Auch das Unbewusste vermag als ein Erkenntnis organ zu funktionieren, vorausgesetzt, man weiß es so einzusetzen. Eben das ist nun die Aufgabe des Analytikers. Nicht sein Bewusstsein, wohl aber sein eigenes Unbewusstes vermag den Weg zum Unbewussten des Patien ten zu finden und wird dadurch zum entscheidenden «Instrument bei der Analyse».19 Was der Analytiker zu tun hat, fasst Freud in die folgende «Formel»: «er soll dem gebenden Unbewussten des Kranken sein eigenes Unbewusstes als empfangendes Organ zuwenden», und: «das Unbewusste des Arztes [ist] befähigt, aus den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewussten 19
S. Freud: Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung, Ges. Werke VIII 382.
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dieses Unbewusste, welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen.»20 Das heißt, dass das Unbewusste des Analytikers mit dem Unbewussten des Patienten direkt, ohne Vermittlung des Bewusstseins, zu interagieren vermag. Und unter der Voraussetzung, dass der Analytiker zu dieser Instrumentalisierung seines Unbewussten fähig ist, geschieht dann also auch das therapeutisch Entscheidende unterhalb der Ebene des Bewusstseins. Doch die Frage muss erlaubt sein, ob die Annahme, dass das Unbewusste eines Menschen mit dem Unbewussten eines anderen unter Umgehung des Bewusstseins zu kommunizieren vermag, nicht dem magischen Denken zugeordnet werden muss und ob dadurch die Vorstellung vom Unbewussten nicht unnötig mystifiziert wird. Schauen wir deshalb, in welchem Zusammenhang diese Vermutung steht. Freud stellt sich der Frage, wie der Analytiker dem Patienten zuhören soll, damit er die unbewussten Anteile in den Miteilungen des Patienten wirklich hört, statt sie zu überhören, und er charakterisiert diese besondere Art des Zuhörens zusammenfassend als ein «Zuhören in gleichschwebender Aufmerksamkeit». Damit ist gemeint, dass der Analytiker beim Zuhören nicht versuchen solle, sich vermeintlich Wichtiges ausdrücklich zu merken, sondern ohne jede Wertung und ohne jedes Vorverständnis, also «unbefangen und voraussetzungslos» offen zu bleiben für alles, was der Patient berichtet.21 Vermutlich war es die eigene Erfahrung, dass diese Forderung nur selten einzulösen ist, die Freud dazu verführte, unvermittelt und wie selbstverständlich auf eine neue Frage zu antworten, die explizit gar nicht gestellt war – die Frage nämlich, «wer» hier eigentlich zuhört bzw. zuhören soll, zu deren Beantwortung er jetzt das Unbewusste des Analytikers ins Feld führt. Dadurch bekommt das Unbewusste, das bisher nur als ein Teilbereich der Seele konzipiert war, unversehens Züge eines Erkenntnis- bzw. Kommunikationsorgans, das in der Lage sein soll, unmittelbar mit dem Unbewussten des Patienten in Kontakt zu treten.22 20 21 22
Ebd., 381–382. Ebd., 380. C. G. Jung ist in dieser Richtung noch viel weiter gegangen. Während bei Freud die Subjektivierung des Unbewussten beschränkt bleibt auf die therapeutische Situation, erhält das Unbewusste bei Jung grundsätzlich die Züge eines eigenständigen Akteurs und damit eines quasi-autonomen Subjekts, das aus einem überlegenen Wissen heraus selbst han-
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Zum Vergleich mag man das schöne Buch über das analytische Zuhören von Freuds Schüler Theodor Reik heranziehen, das 1948 erschienen und, einen Ausdruck Nietzsches aufnehmend, als «Hören mit dem dritten Ohr» betitelt ist. Statt das Unbewusste des Analytikers zum Subjekt des Zuhörens zu erheben, gibt Reik zu bedenken, dass es nicht genüge, sich nur in eine passiv-empfangende Haltung zu begeben, sondern dass das Hören auf die unbewussten Anteile in der Rede des Patienten gelernt sein müsse. Und zwar gehe es um Folgendes: «[…] der Psychoanalytiker muss seine Empfindsamkeit ihr [das heißt der «fast nicht hörbaren Sprache des Unbewussten»] gegenüber schärfen, muss seine Bereitschaft erhöhen, sie zu empfangen».23 Diese Forderung, die eigene Empfindsamkeit für unbewusste Botschaften zu schärfen und so die Bereitschaft zu erhöhen, sie zu empfangen, erscheint mir als die plausible Alternative zur Ausstattung des Unbewussten mit subjekthaften Fähigkeiten, um ihm dann die Aufgabe des Zuhörens zu überlassen. II. Die existenzielle Funktion des Unbewussten
Eine Würdigung von Freuds Konzept des Unbewussten ist nur möglich, wenn man neben dessen methodischen Funktionen auch eine existenzielle Funktion in Betracht zieht. Methodische Funktionen erfüllt es, wie gezeigt, vor allem im Bereich der Psychopathologie: Dort dient es dazu, eine Hermeneutik seelischen Leidens zu begründen und – als Kommunikationsorgan verstanden – einen direkten Zugang zum Unbewussten des Patienten zu gewinnen. Die Frage, ob das Unbewusste auch jenseits des seelischen Leidens und also generell bei allen Menschen eine Funktion hat und wenn ja, welche, wurde bis jetzt gar nicht gestellt. Man kann sie nur stellen, wenn man davon ausgeht, dass es sich beim «Unbewussten» um einen anthropologischen Sachverhalt24 handelt, mit dem man immer zu rechnen hat, weil er zur conditio humana gehört.
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delt, denkt und die Zukunft vorbereitet; vgl. dazu A. Holzhey-Kunz: Das Subjekt in der Archetypenlehre C. G. Jungs, in: Analytische Psychologie. Zeitschrift für Jungianische Psychoanalyse und Psychotherapie 33/3/02 (2002) 159–174. Th. Reik: Hören mit dem dritten Ohr. Die innere Erfahrung eines Psychoanalytikers (Hamburg 1976) 168–169. Ich spreche im Folgenden von diesem anthropologischen als einem ontologischen Sachverhalt im Sinne von Heideggers Fundamentalontologie.
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Alice Holzhey-Kunz
Dass Freud dem Unbewussten eine universale Bedeutung zugemessen hat, kommt schon in seiner Überzeugung zum Ausdruck, die Psychoanalyse habe der Menschheit mit ihrer Lehre vom Unbewussten die dritte große Kränkung ihrer «naiven Eigenliebe» bzw. «Größensucht» zugefügt.25 Warum sollte es für alle Menschen kränkend sein, zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass das Ich «nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben vorgeht», wenn es nicht für alle statt nur für die seelisch Leidenden gelten würde, in Selbsttäuschung befangen zu sein? Dagegen scheint zwar zu sprechen, dass Freud der psychoanalytischen Kur die Aufgabe gab, das Unbewusste bewusst zu machen,26 doch es handelt sich dabei, wie wir im Folgenden sehen werden, nur um jenes Unbewusste, das pathogene Wirkung hat. Auch verlangt Freud von den therapeutisch tätigen Psychoanalytikern, sich nicht nur einmal am Anfang ihrer Ausbildung, sondern in regelmäßigen zeitlichen Abständen wieder neu selbst in «Analyse» zu begeben, um nicht durch jene «ewigen» Wünsche, die auch deren eigenes Unbewusstes bevölkern, am «gleichschwebenden» Hören auf die Erzählungen des Patienten gehindert zu werden.27 Wie aber soll man es mit Freuds Kränkungsthese halten? Man muss berücksichtigen, dass er mit dieser These auch eine geheime Absicht verfolgt hat, diskreditiert er damit doch jegliche Kritik an der Psychoanalyse als bloße Reaktion auf gekränkte Eitelkeit. Kommt hinzu, dass jeder Zeitgenosse Freuds, der auch nur ein wenig mit der philosophischen Kritik vertraut ist, die Schopenhauer und Nietzsche am autonomen Subjekt geübt haben, sich auch schnell mit Freuds Vorstellungen vom Unbewussten anfreunden kann. Überdies kommt dem philosophischen Laien die Vorstellung von einem Unbewussten nicht ungelegen, erlaubt sie doch, sich notfalls immer mit dem Satz «Das war nicht ich, das war mein Unbewusstes» oder mit der Floskel «Da hat mir das Unbewusste wieder einen Streich gespielt» herauszureden. Doch solche Rekurse auf das eigene Unbewusste erlauben noch nicht, auf eine «existenzielle» Funktion zu schließen. Worin 25 26 27
S. Freud: Vorlesungen, Ges. Werke XI 294–295. Ebd., 451. S. Freud: Ratschläge für den Arzt, Ges. Werke VIII 382–383; Die Frage der Laienanalyse, Ges. Werke XIV 250; Die endliche und die unendliche Analyse, Ges. Werke XVI 96.