Herausgegeben vom Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau
Die Bauten der Nachkriegszeit sind in die Jahre gekommen. Vielerorts stehen nun Sanierungen an, oder es wird deren Abriss erwogen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig und dringend, die Architektur, die zwischen 1940 und 1980 im Kanton Thurgau entstanden ist, besser kennenzulernen. Welche Elemente sprechen für die Erhaltung dieser Bauwerke oder verleihen ihnen gar Denkmalcharakter ? Wie können sie restauriert und den heutigen Anforderungen etwa im energetischen Bereich angepasst werden, ohne dass sie ihre Charakteristik verlieren? Diesen und anderen Fragen geht dieses Buch nach und bietet einen facettenreichen Überblick über die Nachkriegsmoderne im Thurgau. Im zweiten Teil des Bandes erfährt man Informatives zur ThurGIS-Nutzung in der Denkmalpflege und Aufschlussreiches aus der Archivrecherche in der Kunstdenkmäler forschung. In gewohnter Weise berichten die Denkmalpfleger und Denkmalpflegerinnen über abgeschlossene Restaurierungen.
Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes
Regine Abegg, Kunstdenkmälerautorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Christian Coradi, Leiter Gebäudeinventarisation im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Ruedi Elser, Kantonaler Denkmalpfleger des Kantons Thurgau Urs Fankhauser, Denkmalpfleger im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau bis 2011, Frauenfeld Markus Friedli, dipl. Architekt ETH BSA SIA, Thurgauer Kantonsbaumeister bis 2014, Frauenfeld Michael Hanak, freischaffender Kunst- und Architekturhistoriker, Zürich Bettina Hedinger, Denkmalpflegerin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Denise Hug, Inventarisatorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Stephan Kraus, Denkmalpfleger im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Alfons Raimann, Kunstdenkmälerautor im Amt für Denkmalpflege des Kantons T hurgau bis 2009, Frauenfeld Marko Sauer, Architekt und Fachjournalist, Wil SG Birgit Seidenfuss, Inventarisatorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Beatrice Sendner, Architekturhistorikerin und Chefin des Amtes für Denkmalpflege des Kantons Thurgau bis 2014, Bamberg D Betty Sonnberger, Beraterin und Inventarisatorin für kirchliche Kunstgegenstände im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Monika Zutter, Denkmalpflegerin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau
Bisher erschienen in der Reihe Denkmalpflege im Thurgau: Band 1 : Kloster Fischingen. Die Restaurierung der barocken Prälatur, 2000 Band 2 : Scheunen ungenutzt – umgenutzt, 2001 Band 3 : Kartause Ittingen – von einst zu jetzt, 2002 Band 4 : Ein Blick ins Paradies. Bau- und Restaurierungsgeschichte der Klosterkirche St. Michael in Paradies, 2003 Band 5 : Albert Knoepfli – erster Denkmalpfleger des Kantons Thurgau, 2003 Band 6 : Sie bauten den Thurgau: Die Architekten Brenner, 2004 Band 7 : Bauerngärten im Thurgau, 2005 Band 8 : Glanzstücke. Gold- und Silberschmiedekunst aus Thurgauer Werkstätten, 2006 Band 9 : Die Alte Thurbrücke von Bischofszell und ihre Instandsetzung 1999 bis 2006, 2007 Band 10 : Neues Licht auf Fischingen. Die Restaurierung der Klosterkirche 2000 bis 2008, 2008 Band 11 : wie bist du so schön. 50 Jahre Thurgauer Siedlung und Landschaft im Wandel, 2010 Band 12 : Max Burkhardt. Vom Dekorationsmaler zum Fotograf, 2010 Band 13 : Höher bauen im Thurgau. Ein Blick zurück für die Zukunft, 2011 Band 14 : Ein Fall für... Die Denkmal Stiftung Thurgau, 2012 Band 15 : Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten, 2013 Band 16 : Die neubarocke Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld (1904–1906), 2014
Restaurierungen: Aadorf, Schloss Wittenwil Amriswil, Alpenstrasse 7 Arbon, katholische Kirche St. Martin Arbon, Kindergarten Waagstrasse Diessenhofen, « Flum-Schüür » Fischingen, Ostflügel des Klosters Homburg, Schulstrasse 5 in Unterhörstetten Hüttwilen, « Zur alten Sonne » Kreuzlingen, Museum « Rosenegg », Hinterhaus Kreuzlingen, evangelische Kirche Egelshofen Mammern, Wochenendhaus Märstetten, evangelische Kirche St. Jakob Münchwilen, Gerichtsgebäude Münchwilen, evangelische Kirche Pfyn, evangelisches Pfarrhaus Roggwil, Restaurant Mammertsberg in Freidorf Romanshorn, Lokomotivremise Steckborn, Haus « Zur Ente » Wagenhausen, Haus « Zum Wasen » Weinfelden, Scheune im Schlossgut Bachtobel Weinfelden, « Ruggengatter », ehemals « Sonnenburg » Der Holzwurm und seine Folgen
ISBN 978-3-7965-3466-9
Schwabe Verlag Basel
Schwabe Verlag Basel
modern bauen – Thurgauer Nachkriegsmoderne 1940 –1980
Denkmalpflege im Thurgau 17
Denkmalpflege im Thurgau 17
Denkmalpflege im Thurgau 17
Denkmalpflege im Thurgau 17
modern bauen Thurgauer Nachkriegsmoderne 1940 – 1980
Denkmalpflege im Thurgau 17
Die Bauten aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg durchleben allmählich erste gründliche Erneuerungs- und Ertüchtigungsphasen. Der gesellschaftliche und technologische Wandel ruft neuartige Nutzungsansprüche hervor und kann zu einschneidenden baulichen Veränderungen führen. Der zeitliche Abstand zur Generation der Bauherren und Architekten sowie der fallweise drohende empfindliche Verlust wichtiger Vertreter der Baukultur der Nachkriegsjahre wecken das Bedürfnis nach genauerer Kenntnis der Eigenschaften und Charakteristika dieser Bauten. Welche Elemente sprechen für ihren Erhalt oder verleihen ihnen gar Denkmalcharakter ? Welche Bauten sind die Zeugen der Jahrzehnte 1940−1980, die zum unerlässlichen Spektrum unseres Kulturerbes gehören ? Wie wurden diese damals in Fachkreisen aufgenommen und beurteilt ? In diesem Buch werden ausgewählte Bauwerke, die zwischen 1940 und 1980 in Frauenfeld und im Kanton Thurgau entstanden sind, in Wort und Bild vorgestellt. Der vom Architekturhistoriker Michael Hanak verfasste Überblick zeigt gleichzeitig exemplarisch auf, nach welcher Methodik das gebaute Erbe erfasst werden kann. Dass eine solche Erfassung dringend nötig ist, legen die beiden amtlichen Inventarisato rinnen Denise Hug und Birgit Seidenfuss dar. Der bis 2014 im Thurgau tätige Kantons baumeister Markus Friedli beleuchtet den Umgang mit dem Nutzungswandel am Beispiel kantonaler Bauten. In Interviews berichten die Ostschweizer Architekten Arthur Baumgartner und Kurt Huber, die wichtige Projekte zwischen 1960 und 1980 realisiert haben, über ihr Schaffen. So ist eine facettenreiche Publikation entstanden, die Einblicke gibt in eine noch wenig erforschte Thematik und dazu anregen soll, die bisher eher wenig geschätzten Bauwerke der Nachkriegsjahre zu entdecken.
Schwabe Verlag Basel
Das Signet des 1488 gegründeten Druck- und Verlagshauses Schwabe reicht zurück in die Anfänge der Buchdruckerkunst und stammt aus dem Umkreis von Hans Holbein. Es ist die Druckermarke der Petri; sie illustriert die Bibelstelle Jeremia 23,29: «Ist nicht mein Wort wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?»
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modern bauen Thurgauer Nachkriegsmoderne 1940–1980
Herausgegeben vom Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau
Schwabe Verlag Basel
Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz, und Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Schriftleitung : Bettina Hedinger Redaktion und Lektorat : Felicitas Meile Lektorat : Marianne Wackernagel, Schwabe Titelbild : Ralph Feiner, Malans Gestaltung und Satz : icona basel Schriften : Berthold Akzidenz Grotesk und Sabon Papier : PhoeniXmotion Xantur mattgestrichen naturweiss 135 gr., Papierfabrik Scheufelen, D-Lenningen Lithos : Schwabe AG, Muttenz Gesamtherstellung : Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3466-9 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
5 Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Bettina Hedinger
modern bauen Thurgauer Nachkriegsmoderne 1940–1980
Michael Hanak
Über die schwierige Beziehung zu den Bauten
der 1960er- und 1970er-Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Denkmaleigenschaften unseres jungen Architekturerbes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Nachkriegsmoderne im Thurgau – ein Annäherungsversuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
12
Markus Friedli Ich lieb sie nicht – ich lieb sie
58
Denise Hug 70
Unbeachtete Schätze – Die Architektur der Nachkriegsmoderne
als Aufgabe der Inventarisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Michael Hanak Frauenfeld : Baukultur 1940–1980 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Im Gespräch mit Architekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
Birgit Seidenfuss 79
90
Marko Sauer
Ruedi Elser Achtsam Weiterbauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Architekten- und Künstlerverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
6 modern bauen
Aus der Denkmalkultur des Thurgaus Ergebnisse der Inventarisation
Regine Abegg Christian Coradi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Gebäudeinventare Blick in die Kunstdenkmälerforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Farbkultur
Stephan Kraus
Müllheim, Arbeitersiedlung Grüneck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Im Jahr 2014 abgeschlossene Restaurierungen
Ruedi Elser Urs Fankhauser Bettina Hedinger Stephan Kraus Alfons Raimann Beatrice Sendner Betty Sonnberger Monika Zutter
Aadorf, Schloss Wittenwil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Amriswil, Alpenstrasse 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Arbon, katholische Kirche St. Martin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Arbon, Kindergarten Waagstrasse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diessenhofen, « Flum-Schüür » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fischingen, Ostflügel des Klosters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Homburg, Schulstrasse 5 in Unterhörstetten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hüttwilen, « Zur alten Sonne » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kreuzlingen, Museum « Rosenegg », Hinterhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kreuzlingen, evangelische Kirche Egelshofen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mammern, Wochenendhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Märstetten, evangelische Kirche St. Jakob . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Münchwilen, Gerichtsgebäude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Münchwilen, evangelische Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pfyn, evanglisches Pfarrhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Roggwil, Restaurant Mammertsberg in Freidorf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Romanshorn, Lokomotivremise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
157 160 162 164 166 168 172 174 176 178 180 182 184 186 187 188 190
7 Inhaltsverzeichnis
Steckborn, Haus « Zur Ente » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wagenhausen, Haus « Zum Wasen » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weinfelden, Scheune im Schlossgut Bachtobel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weinfelden, « Ruggengatter », ehemals « Sonnenburg » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Holzwurm und seine Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
192 194 198 200 202
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
9 modern bauen
Vorwort Gibt es eine Thurgauer Baukultur aus der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg ? Welches sind die Merkmale der Architektur im Thurgau im mittleren 20. Jahrhundert ? Seit geraumer Zeit kreisen zahlreiche Fragen um diese weitgehend unerforschten Themen. Auslöser sind nicht nur aktuelle, weit gefächerte Gespräche über die unausweichliche Verdichtung unserer Städte und Dörfer nach innen und derer Konsequenzen für den Bestand oder über rechtliche Fragen zur Klärung von « Schutz » oder « Nichtschutz » gemäss dem Thurgauer Natur- und Heimatschutzgesetz, sondern vor allem eine aktive Auseinandersetzung aller am Bau Beteiligten im Hinblick auf das Erkennen und die Förderung der Qualitäten des Einzelbaus, der Quartiere und der Siedlungen. In den revidierten « Hinweisinventaren » des Amtes für Denkmalpflege werden nur die Bauten bis Errichtungsdatum 1959 systematisch erfasst. Dass die qualitätvollen jüngeren Bauten ebenso eine angemessene Beachtung und einen schonungsvollen Umgang verdienen, ist in Fachkreisen allgemein anerkannt und schlägt sich in mehreren Kantonen, so auch in Zürich, St. Gallen, Solothurn etc. in Inventarwerken und Publi kationen nieder ( z. B. Hanak 2013 ). Dafür sorgen nicht nur die staatlichen Denkmalpfleger, sondern auch der Schweizer Heimatschutz mit seinen kantonalen Sektionen Arbon, St. Gallerstrasse 5. ( Schweizer Heimatschutz 2007, 2013 ), verschiedene Interessengruppen, die sich z. B. Warenhaus der Oscar Weber AG den Industrie-, Verkehrs- oder Bahnbauten ( Weidmann und Holenstein 2008 ) zuwenvon Architekt Domenico den und die Architekten selbst. Von Letzteren stammen aus privater Initiative, aus ihren Giuseppe Adorni, 1958 / 59. Verbänden mit den zugehörigen Publikationsorganen und aus den Hochschulen einige gewichtige Arbeiten zum Thema der Baukultur der Nachkriegsmoderne quer durch die Schweiz und zum Œuvre einiger bekannter und anderer bisher weniger bekannter Architekturbüros ( Ineichen 2002 ). Das Kantonale Hochbauamt Thurgau hat 2003 mit seiner Publikation über die Architekturlandschaft des 20. Jahrhunderts einen wichtigen Grundstein zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit gelegt ( Friedli 2003 ). Anhand ausgewählter Bauten geordnet nach funktionalen Gruppen schlägt es einen weiten Bogen über das breite Feld der jüngeren Bauten und würdigt in einer kurzen chronologischen Abhandlung ihre Autoren, die im Thurgau damals und bis heute erfolgreich tätigen Architekten, von Albert Brenner bis Beat Consoni. Die vorliegende Schrift kann das Thema der Baukultur im Thurgau zwischen 1940 und 1980 nicht erschöpfend abhandeln, sondern hat bescheidenere Ziele. Fokussiert auf die vier Dekaden der Nachkriegszeit möchten wir dazu beitragen, das Potential des Bestandes zu erkennen, Instrumente zur Grundlagenarbeit und zum Umgang mit den ( links ) Bauten vorzustellen und auch Grenzen, Gefahren und Möglichkeiten im Bereich der Arbon, Weitegasse 6. Weiterentwicklung der Gebäude aufzuzeigen. Die einzelnen Beiträge vertiefen punktuell Saurer Werk I, Informatikgebäude und exemplarisch den aktuellen Kenntnisstand und weisen auf anstehende Aufgaben von Dubois & Eschenmoser und Verantwortungen hin. 1960 / 61.
10 modern bauen
Frauenfeld, Schulweg 4. Einfamilienhaus ehem. Bolli von Susi Müller, 1967.
Beschränkt sich die Architekturqualität im Thurgau ab 1940 auf die eindrücklichen Industriebauten von Georges-Pierre Dubois und Jakob Eschenmoser für die Firma Saurer in Arbon, auf einzelne herausragende private Wohnhäuser von Susi Müller in Frauen feld und auf die öffentlichen Aufträge, die in der Folge von sach- und fachgerecht jurierten Wettbewerben realisiert wurden ? Müssen wir auch für diesen Zeitabschnitt der Bautätigkeit im Thurgau Benedikt Loderer Recht geben, der für die Zeit um das Jahr 2000 postulierte, dass es zwar keine Thurgauer Architektur gibt, aber Architektur im Thurgau ( Loderer 1998 ) ? Wie die vor vier Jahren in dieser Reihe publizierte Unter suchung der höheren Bauten werden wir erst durch die sachkundige, vertiefte Auseinandersetzung mit den Bauten selbst und den Archivalien der zahlreichen Perlen gewahr, die bisher eher ein Schattendasein fristeten oder noch gänzlich unbekannt waren. Wir ent decken allmählich die Qualitäten des Sichtbetons mit seinen feinen Schalungsstrukturen und skulpturalen Ausformungen, das Zusammenspiel der nüchtern-sachlichen Fassaden mit den farbenfrohen und anspruchsvollen Akzenten der Kunst am Bau von Carl Roesch oder Emil Mehr. Kräftige Farben, schlichte Formen, spannungsvolle Proportionen und ungewohnte Materialien in neuer Auswahl und Anwendung prägen unser Bild der Architektur der Nachkriegszeit ; die Schlüsselqualitäten der Bauten dieser Zeit finden sich auch im Corpus der Bauten im Thurgau. Ein Architekturhistoriker, der frühere Kantonsbaumeister, zwei Inventarisatorinnen und zwei Architekten, deren erfolgreiche Karriere im behandelten Zeitraum einsetzte, kommen in diesem Buch zu Wort und beleuchten aus ihrem Blickwinkel verschiedene Aspekte des Themas. Der rote Faden ist die Ortung der Qualitäten, der Geschichte und der Potentiale unseres gebauten Erbes. Wenn wir die Leistungen unserer Eltern und Grosseltern kennen, können wir sie schätzen, ihnen Sorge tragen, sie umsichtig in die Zukunft führen und in gutem Zustand der nächsten Generation anvertrauen. Dies gilt auch für die Architektur. Bettina Hedinger Schriftleiterin und Denkmalpflegerin
Kreuzlingen, Hauptstrasse 3, Polizeigebäude. Ausschnitt des Mosaiks an der Hauptfassade. Emil Mehr, 1958.
modern bauen Thurgauer Nachkriegsmoderne 1940–1980
Ruedi Elser Markus Friedli Michael Hanak Bettina Hedinger Denise Hug Marko Sauer Birgit Seidenfuss
12 modern bauen
Nachkriegsmoderne im Thurgau – ein Annäherungsversuch Einzelne herausragende Bauwerke bestimmen die Wahrnehmung der modernen Architek tur im Kanton Thurgau. Ausgehend von ausgewählten Bauten, die für ihre Zeit besonders prägnant scheinen, können die geschichtlichen Entwicklungslinien der Architektur nachgezeichnet werden : begonnen mit der wenig Verbreitung findenden sogenannt Frühen Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts und fortgesetzt in den vorwärtsstrebenden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Nachkriegsmoderne. Im schweizweiten Vergleich ist die Moderne in diesem nordöstlichen Landesteil eher gering vertreten, darauf lassen wenigstens die Schweizer Architekturführer schliessen. Auch wurde die jüngste Architekturgeschichte des Thurgaus bisher zu wenig eingehend betrachtet. Eine Annäherung soll zu den Kriterien und Argumenten hinführen, nach denen Bauten von der Denkmalpflege als erhaltenswert erkannt und gegebenenfalls als Denkmäler der ersten Nachkriegsgeneration geschützt werden können. Schritte in die Moderne
Lange herrschten im Kanton Thurgau bäuerliche Siedlungsstrukturen vor, doch Mitte des 20. Jahrhunderts war schliesslich rund die Hälfte der Bevölkerung im Industriesektor tätig. Obschon sich das Bevölkerungswachstum seit dem 19. Jahrhundert auf die verkehrstechnisch günstig gelegenen und industrialisierten Ortschaften konzentrierte, kam es im Thurgau nur vereinzelt zu Verstädterungen. Grossstädte und Agglomerationen gibt es hier nicht. Die Thurgauer Städte zählten 1940 allesamt unter 10 000 Einwohner, bis 1980 überschritten der Reihe nach Frauenfeld, Kreuzlingen und Arbon diese Grenze, Frauenfeld zählte gemäss offizieller Statistik 1980 rund 18 800 Einwohner. In Frauenfeld und Kreuzlingen verdoppelte sich die Einwohnerzahl während den Nachkriegsjahrzehnten, in Arbon, Romanshorn und Weinfelden vergrösserte sie sich um etwa den Faktor 1,5, wie dem Inventar schützenswerter Ortsbilder ( ISOS 2008 ) zu entnehmen ist. Von 1940 bis 1970 nahm die Bevölkerung des Kantons durchschnittlich um etwa zehn Prozent pro Jahrzehnt zu. Während der Hochkonjunktur vervielfachte sich die Zahl der ausländischen Wohnbevölkerung, in den 1970er-Jahren stagnierte das Bevölkerungswachstum aufgrund der rezessionsbedingten Rückwanderung von Fremdarbeitern. Nach dem Zweiten Weltkrieg löste die verbesserte Mobilität, herbeigeführt durch den Ausbau der Eisenbahn und insbesondere durch den Bau der Nationalstrassen, in vielen Gemeinden einen Wachstumsschub aus. Der Ausbau des Autobahnnetzes seit den 1960er-Jahren erschloss auch die ländlichen Gegenden und bewog weite Bevölkerungskreise zum Wohnen auf dem Land. 1969 / 70 wurde die A1 durch den Hinterthurgau dem Verkehr übergeben, was dort zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führte. 1975 / 76 folgte als Teilstück der A7 die Umfahrung von Frauenfeld, die in den folgenden Jahrzehnten weiter nach Osten bis zur Landesgrenze bei Konstanz verlängert wurde. Die
Michael Hanak
13 Nachkriegsmoderne im Thurgau – ein Annäherungsversuch
meisten Ortschaften erweiterten sich – wie andernorts – im 20. Jahrhundert um neue Quartiere und um zuweilen grössere Einzelbauten. Industrie und Gewerbe erlangten eine ähnliche Ausdehnung und Bedeutung wie die Landwirtschaft. Ausgedehnte Einfami lienhausquartiere bestimmen seither das Siedlungsbild der meisten Dörfer und Städte. Viele kleinere ländliche Ansiedlungen behielten aber zumindest im historischen Kern ihr Ortsbild bei. Einfamilienhäuser waren die wohl häufigste Bauaufgabe in der Zeit nach 1945. Das Eigenheim mit Garten entsprach dem Wohnideal der meisten Familien. In der zweiten Jahrhunderthälfte entstanden in der Schweiz so viele Einfamilienhäuser wie nie zuvor. Sie sind Ausdruck des wirtschaftlichen Aufstiegs und steigenden Wohlstands. Nicht selten versuchten Bauherren und Architekten dabei ihre Träume zu verwirklichen. So bringen die Privathäuser oft die Lebensauffassung und den Lebensstil des Bewohners oder Erbauers zum Ausdruck. Auch Bauten der Gastronomie- und Hotellerie bringen den Zeitgeist oft prononciert zur Geltung. Gerade darum werden Interieurs und Innenausstattungselemente jedoch regelmässig erneuert und überdauern die jeweilige Mode nur ausnahmsweise. Beispielsweise vertritt das Hotel Metropol in Arbon, 1963 / 64 von Rolf Bächtold ( *1928 ) und Arthur Baumgartner ( *1930 ) erbaut, die aufkommende Generation von Freizeit- und Vergnügungsarchitektur und brachte weltmännische Eleganz mit maritimen Anklängen ans Bodenseeufer. Der Bau von Schulhäusern vor allem in den wachsenden Wohnquartieren war die logische Konsequenz der ansteigenden Bevölkerungszahl. Sie widerspiegeln aber nicht nur den demografischen Wandel, sondern ebenso die gesellschaftlichen und natürlich auch die pädagogischen Neuerungen. Das neue Schulhaus war der Stolz des Quartiers, als Visitenkarte der Gesellschaft versinnbildlicht es den zukunftsgläubigen Optimismus in der Nachkriegszeit. In diesem Zusammenhang ist im Übrigen auch auf die in den Schulhäusern sowie in anderen öffentlichen Bauten angebrachten Kunstwerke aller Art hinzuweisen, die Wandbilder, Brunnenfiguren, Reliefs und Skulpturen, die wir heute unter dem Schlagwort Kunst am Bau subsumieren. Mit der Reorganisation des kantonalen Baudepartementes und der Schaffung des Hochbauamtes 1955, der kantonalen Denkmalpflege 1962 und des Amtes für Raumplanung 1964 wurden organisatorische Voraussetzungen für eine Bewältigung der v ielen Neu- und Umbauten und für die fortlaufende Modernisierung geschaffen. Der Kanton leitete im Jahr 1963 – das der Staatsarchivar André Salathé als Schlüsseljahr für die bauliche Entwicklung im Kanton bezeichnet ( 50 Jahre Bauen für den Thurgau 2005, S. 6 ) – den Ausbau seiner Infrastruktur ein, der in Bezug auf Tempo, Umfang und architektonische Qualität bemerkenswert war. In jenem Jahr bewilligte das Stimmvolk den Ausbau des Kantonsspitals Münsterlingen und die Verlegung des Kantonsspitals Frauen feld an den Stadtrand. Und im selben Jahr brannte das Lehrerseminar Kreuzlingen ab, dessen Wiederaufbau umgehend beschlossen wurde. Überall schossen neue Primar- und Sekundarschulzentren samt Mehrzweckhallen und Zivilschutzanlagen aus dem Boden.
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Auch Kliniken, Alters- und Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen wurden gebaut. Doch die kantonalen Schulen und Verwaltungsbauten hatten es schwer, mitunter versagte das Stimmvolk entsprechende Baukredite. Überregionale Ausstrahlung erlangten die Tagungs- und Kulturzentren Paradies, Wolfsberg, Kartause Ittingen und Lilienberg- Ermatingen, von denen mehrere in ehemaligen Klöstern eingerichtet wurden. Die Aufträge wurden nicht mehr unter der Hand vergeben, sondern in Architekturwettbewerben öffentlich ausgeschrieben, womit sich eine hohe, oft ausgezeichnete architektonische Qualität erreichen liess. Auf die boomenden 1960er-Jahre mit hohen Bauausgaben folgte ab Mitte der 1970er-Jahre auch im Thurgau eine Phase wirtschaftlicher Rezession und geringer Investitionen. Erst nach 1980 erlaubte es die Finanzlage des Kantons, die bauliche Infrastruktur weiter auszubauen. Aufbruch im Heimatstil und Neues Bauen
Der Aufbruch in die Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts äusserte sich in den schnell voranschreitenden Neuerungen der Bautechnik und in einer Ablösung vom Historismus. Im ersten Jahrhundertviertel entstanden im ländlichen Thurgau vielleicht mehr als anderswo in der Schweiz prägnante Bauten im Heimatstil, einer Stilrichtung, die als Reformarchitektur auf dem Weg zur Moderne bezeichnet werden kann. Dabei führten Architekten wie Brenner & Stutz und Severin Ott moderne Stahl- und Betonskelett konstruktionen mit hergebrachten Bauern- und Bürgerhaustraditionen zusammen. Ende der 1920er-Jahre setzte die architekturgeschichtliche Epoche des Neuen Bauens ein, die eine Abwendung von tradierten Bauformen postulierte und die bautechnischen Neuerungen auf die Ästhetik zu übertragen suchte. Doch abgesehen von einzelnen progressiven Ausnahmen blieben die Thurgauer Neubauten moderat modern. Ein kulturell progressives Umfeld fehlte : Flachdächer waren als Zeichen des Neuen allgemein unbeliebt. Es mangelte an aufgeschlossenen Bauherren ebenso wie an weltgewandten Architekten. Pionierleistungen wie verschiedene Bauten von Oskar Linner ( 1891–1971 ) in Arbon oder das 1933 erbaute Arboner Strandbad vom in Winterthur tätigen Architekten Edwin Bosshardt ( 1904–1986 ), der zuvor in den USA und in Paris bei Le Corbusier gearbeitet hatte, blieben Ausnahmen. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde relativ wenig gebaut. Die wenigen bedeutsamen Erzeugnisse des Neuen Bauens sind vor allem Einfamilienhäuser, Ferien- und Wochenendhäuser ; die wichtigsten sind in der Publikation des Schweizerischen Werkbundes zusammengefasst ( Das Neue Bauen 1989 ). Im einleitenden Aufsatz der bisher umfassendsten Übersichtsdarstellung zur Architektur des 20. Jahrhunderts im Kanton, in der zahlreiche Bauten versammelt sind, geht Architekturprofessor Martin Steinmann besonders auf die Anfänge der Moderne ein und skizziert die schwierigen Umstände, in denen abseits der Grossstädte im Spannungsfeld zwischen Heimatbezug und Ausseneinflüssen gebaut wurde. Nach der vornehmlich gemässigten Moderne vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Architektur in verschiedene Richtungen, eine Richtung fehlt jedoch, jene, so Steinmann, « die man als ‹ Zweite Moderne › bezeichnen kann ». ( Friedli 2003, S. 23 )
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Fulminanter Auftakt in den Funktionalismus
Schon während des im übrigen Europa ausgetragenen Zweiten Weltkriegs erregten wegweisende Bauten im Thurgau die Aufmerksamkeit über die Grenzen des Kantons und der Schweiz hinaus. « Funktionelle Organisation und baukünstlerische Gestaltung » strich der Zürcher Architekt Alfred Roth als Redaktor der Zeitschrift Werk während den 1940er-Jahren immer wieder als Quintessenz des Planens und Bauens hervor ( u. a. Roth 1944, S. 2 – 5 ). Dem Streben nach Funktionalität, das sich in der Sparsamkeit der eingesetzten Mittel und der Schlichtheit im Ausdruck bei bestmöglicher Zweckerfüllung niederschlug, entsprach als eines der ersten in der Schweiz voll und ganz ein Bauwerk im Thurgau. « Im Äusseren und im Inneren waltet derselbe dem Sinne der Aufgabe nachstrebende einheitliche, technisch orientierte Geist », schrieb Roth bei der Publikation der Saurer-Neubauten 1944 in der Zeitschrift Werk, « dem es um die Klarheit der gros sen Linien, aber auch um die Sorgfalt der Einzelheit in bautechnischer und formaler Beziehung ging. » ( Roth 1944, S. 178 ) Die ab Anfang der 1940er-Jahre von den Architekten Georges-Pierre Dubois ( 1911–1983 ) und Jakob Eschenmoser ( 1908–1993 ) für die Maschinenfabrik Adolph Saurer AG in Arbon erstellten Gebäude gehören, ganz der funktionalen Ästhetik verschrieben, zu den progressivsten und konsequentesten Vertretern der Moderne im Kanton. Das langgezogene, L-förmige Bürogebäude der Saurer AG von 1941 / 42 Abbildung 1 besteht aus einer mehrgeschossigen Betonskelettkonstruktion, bei der die Fassadenfelder als nichttragende Elemente zwischen die Deckenplatten gestellt sind. Schlanke Kunst steinpfeiler fassen die Fenster ein, und die Brüstungsfelder wurden nach aussen mit gerippten Kalksandsteinen ausgefacht. Eine gleichmässige Rasterung und repetitive Wiederholung innerhalb gleicher Gebäudeabschnitte kennzeichnen die fein strukturierten Fassaden. Deren Elemente stellen nur ihre Materialität selbst dar und zeichnen zugleich den konstruktiven Aufbau nach. Das Erdgeschoss ist an der Front weitgehend verglast und etwas zurückversetzt, vor der Ausstellungshalle im Mittelteil zwischen den zwei Durchfahrten neigen sich die Betonstützen nach aussen. Dadurch wirkt der prisma tische, flach gedeckte Baukörper darüber wie vom Baugrund abgehoben. Die Büroflächen liessen sich flexibel zusammenfassen respektive soweit nötig mit Glaswänden unterteilen. Wichtige Anliegen waren die Belichtung und Belüftung der Räume. 1954 –1967 wurde das Gebäude gemäss dem ursprünglichen Projekt erweitert und zusätzlich aufgestockt, wobei das vierte Geschoss wie die unteren G eschosse gestaltet wurde. Weitere Fabrikneubauten von Dubois & Eschenmoser in Arbon waren u. a. das Kesselhaus mit Kohlensilo ( 1942 ) und das Prüfgebäude ( 1942 / 43 ). Sie alle zeigen eine technisch orientierte Formgebung. Die Zweckerfüllung war oberstes Gebot, auf repräsentativen Schmuck wurde verzichtet. Dennoch hielt Alfred Roth, der ein Studienfreund von Georges-Pierre Dubois war, nach der Fertigstellung fest : « Grösse, Weltoffen heit und Fortschrittlichkeit der AG. Adolph Saurer kommen im breit gelagerten, kubisch einheitlichen und klaren Baukörper, dem denkenden und organisierenden Kopf des Unternehmens, in überzeugender Weise zum Ausdruck. » ( Roth 1944, S. 178 ) Jeden falls erfuhren die Saurer-Bauten eine umfangreiche, ja eine für einen Thurgauer Bau
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1 Bürogebäude Saurer AG Schlossgasse 2 /4 , Arbon Bauzeit
1941 / 42 Architekten
Dubois & Eschenmoser, Zürich Bauherrschaft
Saurer AG, Arbon Literatur
Dubois und Eschenmoser 1944 ; Roth 1944, S. 177–182 ; Bill 1949, o. S. ; Kidder Smith 1950, S. 218–221 ; Volkart 1951, S. 193 ; Joedicke 1958, S. 192 ; Adler / Girsberger / Riege 1978, S. 166 (Hinweis) ; Christen 1992, S. 18 ; Daguerre 1997 ; Rucki und Huber 1998, S. 150 ( mit Abb. ) ; Friedli 2003, S. 124 Im Gebäudeinventar als « wertvoll » eingestuft.
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ausserordentliche internationale Rezeption in schweizerischen und ausländischen Zeitschriften und Architekturbüchern. Sie figurieren in der Architekturpublizistik unter den weltweit vorbildlichsten Industriebauten und gehören zu den Ikonen der Moderne. Offen sichtlich bürgte die moderne Architektur gleichsam für die fortschrittliche Produktion der Firma. Saurer gehörte seit den 1930er-Jahren zu den bedeutendsten Lastwagenherstellern in der Schweiz und war lange Zeit führend im Bau von Dieselmotoren. Während des Zweiten Weltkriegs baute Saurer zahlreiche Militärfahrzeuge für die Schweizer Armee. Direktor Albert Dubois beauftragte mit den nötig gewordenen Neubauten seinen Bruder Georges-Pierre Dubois, der daraufhin 1941 mit Jakob Eschenmoser in Zürich ein Architekturbüro gründete, das sie bis 1953 gemeinsam führten. Beide hatten zuvor bei Otto Rudolf Salvisberg gearbeitet, Dubois vorher noch bei Le Corbusier. « Mit ihrem architektonischen Ansatz bewegten sich D.[ubois] und Eschenmoser zwischen einer geläuterten Moderne nach dem Beispiel von Otto R. Salvisberg […] und dem kräftigen Expressionismus, wie er im Brutalismus der 1950er-Jahre zum Ausdruck kam, den sie ebenso getreu von Le Corbusier übernahmen, wie sie dessen städtebaulichen Anliegen teilten. » ( Rucki und Huber 1998, S. 150 ) Gleich mit ihrem ersten Bau lancierten Dubois & Eschenmoser ihr viel beachtetes Chef d’Œuvre. Eines ihrer weiteren wichtigen Werke ist die Obstverwertungsanlage der Unipektin in Eschenz ( 1945 ). Auch dieses offenbart mit gerasterten Fassaden und einem unverputzten Mauerwerk die neue Haltung in den 1940er-Jahren, nach der anders als in den 1930er-Jahren die Architektur in erster Linie Ausdruck des Zwecks und der Konstruktion ist. Unter dem Einfluss von Le Corbusier
Ein weiteres Bauwerk des Architekten Georges-Pierre Dubois in Arbon thematisiert, mehr als alle anderen, eine Gemeinsamkeit vieler Bauten der Nachkriegsmoderne : den Einfluss von Le Corbusier. Das 1959 / 60 für die Arbeiter- und Angestelltenpensionskasse der Saurer AG erbaute Wohnhochhaus Unter-Neusätz Abbildung 2, ein langgestreckter Block mit elf Wohnetagen, ist eine deutliche Reminiszenz an Le Corbusiers nach dem Zweiten Weltkrieg erstellte, epochale Unité d’Habitation in Marseille. Dubois hatte ja 1938–1940 bei Le Corbusier in Paris gearbeitet und lernte dort bereits die Grundidee zu diesem urbanen, verdichteten Wohnmodell kennen. Neuartig waren das Konzept der « vertikalen Stadt » und die Organisation der Wohnungen im Split-Level ( d. h. die Zwischendecken sind auf der Westseite um ein halbes Geschoss gegenüber der Ostseite versetzt ). Die Hochhaustypologie und die Wohnform mit den halbgeschossig versetzten Zimmern waren eben erst an der Internationalen Bauausstellung in Berlin 1957 präsentiert worden. Gleich wie in Marseille wurde der Arboner Wohnblock ganz in Sichtbeton ausgeführt, auf nach unten zugespitzten Pilotis ( die sichtbaren freistehenden Pfeiler ) vom Baugrund abgehoben und durch ein plastisches Fassadenraster rhythmisch strukturiert. Auch die perforierten Balkonbrüstungen und Brisesoleils sowie die geschoss hohen Verglasungen wurden übernommen. Anders als bei Le Corbusier sind die Wohnungen aber nicht durch innenliegende Gänge, die « rues intérieures », erschlossen, sondern durch Laubengänge an der Ostfassade. 95 Wohnungen in verschiedenen Typen sind im
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Wohnhochhaus an der Siedlungsperipherie zusammengefasst. In vergleichbarer Art nach dem Vorbild von Le Corbusiers « Wohnmaschine » hat Georges-Pierre Dubois einige Jahre später, 1967–1970, ein Wohnhochhaus in Zürich-Affoltern ausgeführt. Im Thurgau blieb die Arboner Unité, obschon daneben eine zweite vorgesehen war, einmalig. Der hier zutreffende Stilbegriff Brutalismus geht nach dem Architekturhistoriker Reyner Banham auf den von Le Corbusier geprägten Ausdruck « béton brut », roher Beton, zurück ( sowie auf den Übernamen Brutus des britischen Architekten Peter Smithson ) und impliziert über den Sichtbeton hinaus die sichtbare Verwendung unveränderter Baumaterialien wie Backstein und Stahl. Ebenfalls direkt Bezug auf ein Werk von Le Corbusier, diesmal auf seine berühmte Chapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, nimmt die katholische Kirche St. Peter und Paul in Sulgen. Abbildung 3 Der St. Galler Architekt Ernest Brantschen ( 1922–1994 ) hat sie mit seinem Mitarbeiter Alfons Weisser ( *1931 ) aufgrund ihres Wettbewerbs erfolgs 1959 –1961 ausgeführt. Auf der Geländekuppe tritt die Kirche an der Eingangsseite niedrig, doch auf der anderen Seite expressiv aufragend auf. Die grosse, schräge Dachfläche steigt in Gegenrichtung zum Hang an und liegt auf einer monumentalen, einwärts geneigten Wand auf, die im Altarbereich nach aussen knickt und mit der Dachkante zusammenläuft. Unter dem vorkragenden Dach sorgen ein Lichtschlitz und un regelmässig platzierte Fensteröffnungen für partiellen Lichteinlass. Der scharfkantig endende Turm ist vom Kirchenschiff leicht abgesetzt. Grober Putz und Sichtbeton beherrschen den Gesamteindruck. Entsprechend wirkt der Kirchsaal elementar und archaisch. Mit der skulpturalen Formensprache und der auf eine dramatische Atmos phäre angelegten Raumkonzeption übernimmt die Kirche in Sulgen Charakterzüge der wenige Jahre zuvor fertiggestellten Wallfahrtskirche bei Ronchamp in den Vogesen, zu der die Architekten in Scharen pilgerten. Le Corbusier läutete damit eine neue Generation im Kirchenbau ein und bestärkte viele Architekten darin, durch eine auffallende, plastische Gestaltung der architektonischen Elemente der Kirche ein spezifisches Gepräge zu verleihen. Unter dem Eindruck von Ronchamp entstanden mancherorts davon inspirierte Kirchenbauten. In der Reihe der Sakralbauten im Werk von Ernest Brantschen gehört St. Peter und Paul in Sulgen, wie die kurz zuvor fertiggestellte Bruderklaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln ( 1958 / 59 ) und in geringerem Mass die katholische Kirche St. Otmar in Roggwil ( 1963 ), zu den hervorragenden Beispielen der Ronchamp-Rezeption. Plastische Tendenz
In der Nachfolge des weltweit wirksamen « corbusianischen » Einflusses und unter dem Eindruck brutalistischer Meisterwerke setzten die Architekten Sichtbeton und die damit mögliche plastische Formensprache ein. Prägend für die Architektur in der Ostschweiz wirkte der in Basel und ab 1968 in Schaffhausen tätige Architekt Walter Maria Förderer, der mit der berühmt gewordenen Hochschule in St. Gallen ( 1959 – 1963 mit Rolf Georg Otto und Hans Zwimpfer ), zahlreichen Kirchen in der ganzen Schweiz und mehreren Bauten in Schaffhausen eine ausgeprägt skulpturale Formensprache zur Diskussion stellte. Im Thurgau findet sich der plastische Umgang mit Sichtbeton