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Auswahl vermischter Schriften

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Kommentierte Ausgabe Herausgegeben von Martin Bondeli Band 1: Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens. Band 2: Briefe über die Kantische Philo­ sophie, 2 Bände. Band 3: Beyträge zur Berichtigung bishe­ riger Mißverständnisse der Philosophen, 2 Bände. Band 4: Ueber das Fundament des philo­ sophischen Wissens.

Karl Leonhard Reinhold hat ab 1789 die von Fichte, Schelling und Hegel fortgeführte nachkantische Systemphilosophie begründet und in späteren Jahren als sprachphilosophischer Kritiker des ­spekulativen Idealismus gewirkt. Sein im Anschluss an Kants ­Vernunftkritik aufgestelltes Programm einer «Philosophie ohne Beynamen» umfasst gleichermaßen Grundlegungen zu einem ­System des theoretischen und praktischen Wissens wie – dem Be­ dürfnis nach Freiheit und Glauben entspringende – Reflexionen über die Grenzen systemorientierten Denkens. Zudem zeichnet es sich durch eine profilierte historische und aufklärerische Stoßrichtung aus: Philosophie soll geschichtlich, als Perfektionierung ihrer bisherigen Gestalten und Manifestationsformen, begriffen werden; Philosophie hat sich mit dem Gemeinverstand zu verbin­ den und dadurch praktisch zu werden.

Band 5: Auswahl vermischter Schriften, 2 Teile. Band 6: Verhandlungen über die Grund­ begriffe und Grundsätze der Moralität. – Ueber die Paradoxien der neuesten Philo­ sophie. – Sendschreiben an J. C. Lavater und J. G. Fichte über den Glauben an Gott.

Martin Bondeli, geb. 1954, lehrt als Privatdozent für ­Philosophie an den Universitäten Bern und Fribourg und ist Verfasser meh­ rerer Bücher zur Philosophie Kants und des Deutschen Idealis­ mus.

Band 7: Beyträge zur leichtern Uebersicht des Zustandes der Philosophie beym An­ fange des 19. Jahrhunderts, 6 Hefte.

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Karl Leonhard Reinhold Gesammelte Schriften Kommentierte Ausgabe

Reinhold · Gesammelte Schriften

Karl Leonhard Reinhold Gesammelte Schriften

Band 5/1 Auswahl vermischter Schriften Erster Theil

In dem 1796 erschienenen ersten Teil seiner Auswahl vermischter Schriften hat Reinhold neun Aufsätze aus seiner kantischen Phase in überarbeiteter Form neu publiziert. Drei Aufsätze dokumentieren seine auf die Jahre 1788/89 zurückgehenden philosophischästhetischen Reflexionen. Reinhold spricht – unter anderem mit Blick auf Wielands Oberon – über die Notwendigkeit einer zwischen Verstand und Sinnlichkeit ver­ mittelnden Geschmacksbildung und ent­ faltet eine als kantisch verstandene Theorie des Vergnügens, die bei Friedrich Schiller Anklang fand, bei Kant hingegen offenbar auf einige Skepsis stieß. Ein Aufsatz von 1791 ist methodischen Überlegungen zur Geschichte der Philo­ sophie gewidmet. Damit leistet Reinhold ­einen paradigmatischen Beitrag zu der in der Epoche des Deutschen Idealismus domi­nant werdenden philosophischen Ge­ schichtsschreibung. In zwei Aufsätzen von 1795 und 1796 über die Frage des Primats der praktischen Ver­ nunft argumentiert Reinhold dafür, dass nur ausgehend vom Begriff der Willensfrei­ heit ein zureichendes Verständnis von Mo­ ral und Religion erschlossen werden kann. Drei weitere Aufsätze aus den Jahren 1791 bis 1794 handeln von zeitgeschichtlichen Themen. Reinhold moniert sozialpoliti­ sche Fehlentwicklungen im revolutionären Frank­reich, weist dabei aber auch konser­ vative Gegner der Revolution wie Rehberg und Gentz in die Schranken. Er diskutiert mit einer gewissen Ironie die mit der anti­ klerikalen Politik in Frankreich neu ent­ brannte Frage des Zölibats und kritisiert aus der Sicht eines aufgeklärten Moral- und Rechtsbewusstseins das damals in studenti­ schen Kreisen stark verbreitete D ­ uellwesen.

Band 8: Anleitung zur Kenntniß und Beur­ theilung der Philosophie in ihren sämmt­­lichen Lehrgebäuden. – Versuch einer Auf­ lösung der von der philosophischen Classe der königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin für 1805 aufgestellten Aufgabe.

Band 10: Das menschliche Erkenntnißver­ mögen. – Die alte Frage: Was ist die Wahr­ heit? Band 11: Aufsätze und Rezensionen. – Aus­ gewählte Freimaurerschriften. Band 12: Vorlesungsnachschriften.

I S B N 978-3-7965-3441-6

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 534416

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Band 9: Versuch einer Critik der Logik aus dem Gesichtspunkte der Sprache. – Grund­ legung einer Synonymik.

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K A R L L E ON H A R D R E I N HOL D

GE SA M M E LT E S C H R I F T E N KOM M E N T I E RT E AUS G A BE

H E R AUS G E G E BE N VON M A RT I N B ON DE L I

BA N D 5/1

W I S S E N S C H A F T L IC H E R BE I R AT K A R L A M E R I K S , N O T R E DA M E , I N DI A NA M A N F R E D BAU M , W U PPE RTA L M A N F R E D F R A N K , T Ü BI N G E N M A R ION H E I N Z , S I E G E N H E L M U T HOL Z H E Y, Z Ü R IC H S A BI N E ROE H R , N E W J E R S E Y C I T Y, N E W J E R S E Y WOL F G A N G RO T H E R , BA S E L / Z Ü R IC H A L E X A N DE R VON S C HÖN B OR N , C OLU M BI A , M I S S OU R I PI E R LU IG I VA L E N Z A , ROM J E A N- C L AU DE WOL F, F R I B OU RG

S C H WA BE V E R L AG BA SE L


K A R L L E ON H A R D R E I N HOL D

AUSWAHL VER MISCHTER SCHR IFTEN ERSTER THEIL

H E R AUS G E G E BE N VON M A RT I N B ON DE L I U N D SI LVA N I M HOF

S C H WA BE V E R L AG BA SE L


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der UniBern Forschungsstiftung, der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften und des Hochschulrates der Universität Fribourg

Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3441-6 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


In h a lt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII 1. Thematische Kontexte der Vermischten Schriften I . . . . . . . . . . VIII 2. Zu den einzelnen Aufsätzen der Vermischten Schriften I . . . . . XVII Der gute und freie Wille als Schlüssel zur wahren Religion und ­Philosophie (Aufsätze I und II) XVIII. Aufklärung und moralische Vernunft im Anschluss an die ­Französische ­Revolution (Aufsätze III, IV und V) XXVIII. Ein neues Paradigma im Bereich der Geschichte der Philosophie (Aufsatz VII) XLI. Der wohltätige Einfluss des ästhetischen Geschmacks (Aufsätze VI und VIII) XLVII. Auf dem Weg zu einem neuen Begriff des Vergnügens (Aufsatz IX) LIV.

3. Zur Wirkung der Vermischten Schriften I . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXIII Hinweise zur Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXXVII Siglen und Kurztitel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXXXI Bibliographische Angaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXXXV Auswahl ­vermischter ­Schriften Erster Theil Vorrede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 I.

Ueber den Geist der wahren Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

II. Ueber den Einfluß der Moralität des Philosophen auf den Inhalt seiner Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 III. Ueber die teutschen Beurtheilungen der französischen Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 IV. Ueber die Duelle auf Universitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 V.

Ueber den Cölibat der katholischen Geistlichkeit . . . . . . . . . . 73


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Inhalt

VI. Ueber den Zweck meiner öffentlichen Vorlesungen über Wielands Oberon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 VII. Ueber den Begriff der Geschichte der Philosophie . . . . . . . . . . 101 VIII. Ueber den Einfluß des Geschmackes auf die Kultur der Wissenschaften und der Sitten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 IX. Ueber die bisherigen Begriffe vom Vergnügen . . . . . . . . . . . . . §. 1. Subjektiver Gesichtspunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . §. 2. Objektiver Gesichtspunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . §. 3. Einseitige Rücksicht auf die Thätigkeit des Gemüthes . . . Allgemeine Theorie des Vergnügens 147. Theorie des Intellektuellen Vergnügens 148. Von dem sinnlichen Vergnügen 149. Von dem moralischen Vergnügen 150. Prüfung dieser Theorie 151.

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§. 4. Einseitige Rücksicht auf die Empfänglichkeit des Gemüthes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 §. 5. Vereinigung der vier angeführten Gesichtspunkte . . . . . . 167 Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283


Ein leitu ng Die hier neu veröffentlichte, 1796 in Jena bei Mauke herausgegebene Auswahl vermischter Schriften. Erster Theil (Vermischte Schriften I) von Karl Leonhard Reinhold beinhaltet eine Sammlung von neun Aufsätzen zu moral- und religionsphilosophischen, aufklärerisch-reformerischen, philosophiehistorischen sowie ästhetischen Themen aus der Phase der Elementarphilosophie. Alle Aufsätze sind zuvor zwischen 1788 und 1796 verstreut erschienen1 und von ihrem Autor für den Neudruck stilistisch und zum Teil auch inhaltlich mehr oder weniger stark überarbeitet worden. In der auf den 20. März 1796 datierten Vorrede ist zu lesen, die Aufsatzsammlung solle «der drohenden Dienstfertigkeit eines Nachdruckers zuvorkommen».2 Reinhold bezieht sich damit auf eine unerfreuliche Angelegenheit im Zusammenhang der Wiederveröffentlichung seiner zwischen August 1786 und September 1787 im Teutschen Merkur publizierten acht «Briefe über die Kantische Philosophie».3 Als er 1790 mit dem ersten Band der Briefe über die Kantische Philosophie von 17904 eine revidierte und erweiterte Fassung dieser Briefe vorlegte, zirkulierten von diesen ebenfalls zwei nicht autorisierte unveränderte Nachdrucke aus unbekannter Hand von 1789 und 1790.5 Von der Existenz des letzteren hatte Reinhold, wie der Vorrede von Vermischte Schriften I zu entnehmen ist, erst gerade erfahren. Offenkundig befürchtete er nun, dass weitere unter seinen zugkräftigen Aufsätzen aus dem Teutschen Merkur und anderen Journalen Opfer eines Raubdruckes werden könnten. Mit der Herausgabe der Vermischten Schriften I wollte Reinhold also gegen derartige Nachdrucke in die Offensive gehen.

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Siehe bibliographische Angaben, LXXXV–LXXXVI. Vermischte Schriften I, I. – Der Band wurde wenig später in der Allgemeinen Literatur-Zeitung (siehe Intelligenzblatt der ALZ 1796. Nr. 43. 6. April, 355f.) zur Ostermesse angekündigt. Siehe RGS 2/1, LXXI. Briefe über die Kantische Philosophie (Briefe I). Erster Band. Leipzig 1790 (RGS 2/1). Zur Entstehungsgeschichte der Briefe I siehe RGS 2/1, IX–XV, LXXII. Vgl. Kommentar Anm. 2.


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Einleitung

Zweifellos ist diese publikationsstrategische Überlegung ein essentieller Faktor in der Entstehung der Vermischten Schriften I. Allerdings darf man diesen Zusammenhang nicht überbewerten, denn vergegenwärtigt man sich Reinholds Denkentwicklung und sein damaliges Aktionsfeld, ist es naheliegend, dass es für ihn noch andere und nicht weniger wichtige Hintergründe und Motive für die Neuveröffentlichung der betreffenden Aufsätze gab. Zudem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass bereits mehrere vorangegangene Werke Reinholds – Briefe I und II, Beiträge I und II – im Wesentlichen Zusammenstellungen von zuvor einzeln publizierten Arbeiten präsentieren. Die Sammlung, Überarbeitung und Neuveröffentlichung von Aufsätzen gehört demnach zu Reinholds gewohnter Arbeits- und Publikationsweise. Zu bedenken ist ferner, dass die Auswahl vermischter Schriften von vornherein als eine mehrbändige Sammlung geplant war. 1797 ließ Reinhold dem ersten einen zweiten Teil folgen,6 der neben einer wesentlich erweiterten Neufassung der Preisschrift von 17967 zwei neue Aufsätze zur Frage der Willensfreiheit und zum äußeren Recht sowie Staatsrecht enthielt. Es ging bei der Auswahl vermischter Schriften somit offenbar nicht ausschließlich darum, bereits erschienene Texte zusammenzustellen und erneut publik zu machen.

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1. Thematische Kontexte der Vermischten Schriften I Die Veröffentlichung der Vermischten Schriften I fällt in die Anfänge von Reinholds Lebens- und Schaffenszeit in Kiel. 1794 war er einem Ruf an die dortige Universität gefolgt, nachdem er rund sieben Jahre an der Universität Jena gelehrt und sich an dieser berühmten Lehrstätte des Kantianismus als ein allseits beachteter Selbstdenker, der die Philosophie Kants zu einem fest fundierten wissenschaftlichen System fortzubilden versuchte, hervorgetan hatte. In den ersten Kieler Jahren zweifelte er zunehmend daran, sein System­ unternehmen auf bisheriger Grundlage erfolgreich fortführen zu können. Die 6 7

Auswahl vermischter Schriften. Zweyter Theil. Jena 1797 (Vermischte Schriften II). Versuch einer Beantwortung der von der erlauchten Königl. Ak. der Wissenschaften zu Berlin aufgestellten Frage: «Was hat die Metaphysik seit Wolff und Leibnitz gewonnen?» In: Preisschriften über die Frage: Welche Fortschritte hat die Metaphysik seit Leibnitzens und Wolffs Zeiten in Deutschland gemacht? Von J. C. Schwab, K. L. Reinhold und J. H. Abicht. Berlin 1796, 171–254. – Die Neufassung in Vermischte Schriften II, 1–363.

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mit der Preisschrift von 1796 in Zusammenhang stehende Auseinandersetzung mit der von Kant ausgehenden Neukonzeption von Metaphysik führte Rein­ hold um 1797 zur Auffassung, mit der Wissenschaftslehre Fichtes sei das lang ­gesuchte «wissenschaftliche Fundament der Philosophie» nun «wirklich ge­ funden».8 Darauf folgten weitere einschneidende Neuorientierungen: 1799 nahm Reinhold einen «Standpunkt zwischen Fichte und Jacobi» ein9 und 1800 ergriff er Partei für das System des Rationalen Realismus. Die sich in der ersten Kieler Zeit abzeichnende Krise und die beginnende Abkehr von bisherigen Pfaden änderten allerdings nichts daran, dass Reinhold bis Ende 1796 immer noch hauptsächlich darauf aus war, sein Großprojekt voranzutreiben, das er 1789 mit der an Kant anschließenden Theorie des Vorstellungsvermögens begonnen und seit 1790 mit dem System der Elementarphilosophie fortgesetzt hatte.10 Zwischen 1790 und 1794 wurde dieses System, das zunächst in seinem vorstellungstheoretischen Grundlagenteil und in seiner theoretischen, das Erkenntnisvermögen betreffenden Richtung entwickelt worden war, hinsichtlich seines Fundamentes gefestigt, in seiner Darstellungs- und Ableitungsmethodik konkretisiert und neu durchdacht und dann schließlich in seiner praktischen, das Begehrungsvermögen betreffenden Richtung weiter ausgestaltet. 1792 wurden eine als Basis der gesamten praktischen Philosophie begriffene Theorie der Willensfreiheit sowie Systemteile zu Moral und Naturrecht erarbeitet.11 Hinzu gesellten sich Besprechungen zu Kants Kritik der Urteilskraft12 und zu dessen Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft,13 die als künftig weiterzuführende Überlegungen zu den Fundamenten der Religions- und Geschmackslehre verstanden werden sollten. Vor diesem Hintergrund ist die Veröffentlichung der Vermischten Schriften I als Bemühen Reinholds zu sehen, in gebündelter Form sowohl neue als auch Siehe Vermischte Schriften II, XI. – Siehe auch Reinhold an Fichte. 14. Februar 1797. GA III/3, 48–51.  9 Siehe Sendschreiben an J. C. Lavater und J. G. Fichte über den Glauben an Gott. Hamburg 1799, 6. 10 Zur Theorie des Vorstellungsvermögens siehe Versuch (RGS 1), zur Elementarphilosophie Beiträge I, Fundament (RGS 4), Beiträge II. 11 Siehe Briefe II, 174–220 und 262–308. 12 ALZ 1793. Nr. 191–194. 1.–3. Juli (Nr. 191, 1–8; Nr. 192, 9–16; Nr. 193, 17–24; Nr. 194, 25–32); unvollständig wiederabgedruckt in Beiträge II, 371–408. 13 ALZ 1794. Nr. 86–90. 13.–15. März (Nr. 86, 681–688; Nr. 87, 689–695; Nr. 88, 697– 704; Nr. 89, 705–712; Nr. 90, 713ff.); wiederabgedruckt in Beiträge II, 296–368.  8

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revidierte ältere Ansichten zum praktischen Teil seines Systemunternehmens zu präsentieren. Neue Ansichten in dieser Sache werden namentlich mit den beiden ersten Aufsätzen («Ueber den Geist der wahren Religion», «Ueber den Einfluß der Moralität des Philosophen auf den Inhalt seiner Philosophie») zur Diskussion gestellt. Entwicklungsgeschichtlich gesehen stehen die beiden Aufsätze in einem engen Zusammenhang mit Reinholds in Kiel begonnener Vorlesung zu Moral und Naturrecht,14 die an entsprechende begriffliche Bestimmungen und Stoffe von 1792 anschließt und aus der wesentliche Teile der Verhandlungen über die Grundbegriffe und Grundsätze der Moralität von 1798 hervorgehen werden. In systematischer Hinsicht ist auffällig, dass Reinhold im zweiten Aufsatz für einen starken Primat der moralisch-praktischen Vernunft plädiert und dadurch nicht bloß bisherige Resultate ergänzt, sondern auch die Fundierung seiner Elementarphilosophie in ein anderes Licht stellt. Mittlerweile revidierte frühere Ansichten zum praktischen Teil der Ele­ mentarphilosophie werden dagegen vor allem mit dem sechsten («Ueber den Zweck meiner öffentlichen Vorlesungen über Wielands Oberon») sowie mit den beiden letzten Aufsätzen («Ueber den Einfluß des Geschmackes auf die ­Kultur der Wissenschaften und der Sitten», «Ueber die bisherigen Begriffe vom Vergnügen»), in denen Fragen der Ästhetik oder des Geschmacksvermögens behandelt werden, präsentiert. Dabei dürfte Reinhold die Wiederveröffent­ lichung dieser drei Texte, die alle erstmals 1788 publiziert worden waren, speziell auch in der Absicht ins Auge gefasst haben, das philosophische Publikum an die ästhetische Seite seines frühen Jenaer Denkens zu erinnern. Er, Reinhold, war es, der sich im Jahre 1787, und damit um einiges früher als der kantianisierende Ästhetiker und Jenaer Kollege Friedrich Schiller, dazu angeschickt hatte, sich im Geiste der kantischen Lehre mit pädagogischen und triebtheoretischen Aspekten der Geschmackslehre zu befassen. Er war es, der in akademischen Reden, Abhandlungen und Vorlesungen über das ästhetische Empfinden als Mitte von sinnlichen und geistigen, physischen und moralischen Seelenregungen gesprochen und das ästhetische Vergnügen als Synthese bestimmter subjektiver und objektiver Vermögensleistungen des erkennenden

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Reinhold begann mit dieser Vorlesung im Wintersemester 1794/95. Siehe das Verzeichnis der Kieler Vorlesungen Reinholds bis 1800/01 bei G. W. Fuchs: Karl Leonhard Reinhold – Illuminat und Philosoph, 186f. Von dieser Vorlesung sind heute zwei Nachschriften erhalten.

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und begehrenden Subjekts thematisiert hatte.15 In dieser Hinsicht galt es nicht zuletzt zu verdeutlichen, dass die Theorie des Vorstellungsvermögens in enger konzeptioneller Verbindung mit diesen ästhetischen Ansätzen entstanden war, die Geschmackslehre somit nicht bloß als ein nebensächlicher Systemteil der Elementarphilosophie, geschweige denn als Fremdkörper innerhalb dieses Systems aufgefasst werden sollte. Bei der Ausarbeitung des elementarphilosophischen Systems trug Reinhold stets Einwänden von Gegnern seines Projektes Rechnung, wobei er es zum einen mit Autoren zu tun hatte, die mit klassisch-rationalistischen, empiristischen und skeptizistischen Argumenten gegen die kritische Philosophie fochten, zum anderen aber auch mit Kantianern, welche in der Elementarphilosophie keine legitime oder Erfolg versprechende Fortsetzung der Vernunftkritik zu erkennen vermochten. Desgleichen richtete Reinhold stets ein besonderes Augenmerk auf das Verhältnis zu Kant. Der Begründer der kritischen Philosophie galt ihm prinzipiell als Maßstab, was aber nicht ausschloss, dass er in bestimmten Punkten kritisiert werden, dass man ihn korrigieren und von ihm abweichen konnte. Bei allem Kampf für die gemeinsame Sache fehlte es zudem nicht an Rivalitäten, war Reinhold doch seit 1791 der Meinung, mit seiner Elementarphilosophie Kants Lehre auf eine höhere Stufe gehoben zu haben. Erst die Elementarphilosophie, so sein Kant-kritisches Credo, ist das neue System der Metaphysik, das mit der Kritik der reinen Vernunft zwar angekündigt, aber nicht zur Ausführung gebracht worden war. Mit den Vermischten Schriften I geht es Reinhold nun offenkundig auch erneut darum, die elementarphilosophische Position in polemischer Hinsicht zu verteidigen. Was die Auseinandersetzung mit Feinden und Freunden der Lehre Kants betrifft, stritt Reinhold in Fragen der Moralität und moralischen Freiheit seit 1790 zunehmend mit Carl Christian Erhard Schmid, einem anderen berühmten Jenaer Kantianer. Schmid vertrat die Auffassung, dass unter morali-

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Reinhold las seit seinem Antritt an der Universität Jena 1787 regelmäßig privat über Ästhetik bzw. Theorie der schönen Wissenschaften. Als Leitfaden diente ihm Johann August Eberhards Theorie der schönen Wissenschaften. In den Jahren 1788 und 1789 hielt Reinhold überdies dreimal eine öffentliche Vorlesung zu Wielands Oberon. Siehe das Verzeichnis der Jenaer und Kieler Vorlesungen Reinholds bis 1800/01 bei G. W. Fuchs: Karl Leonhard Reinhold – Illuminat und Philosoph, 171–173, 186f. Zum Kontext und zur Bedeutung von Reinholds Oberon-Vorlesung siehe H.-P. Nowitzki: Anfang oder Ende einer «Vorgeschichte»?, 19–24.


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scher Freiheit im kantischen Sinne das Vermögen, als intelligibles Wesen zu agieren, zu verstehen sei. Reinhold dagegen verfocht eine Konzeption von Willensfreiheit als Vermögen, sich für oder gegen das Sittengesetz zu entscheiden. Damit ging es ihm wesentlich darum, sich von dem intelligiblen Fatalismus zu distanzieren, zu dem Schmids Auffassung führte, sowie die der Moralität immanenten Momente der Zurechnung und Gewissenhaftigkeit ins Zentrum zu stellen.16 Im zweiten Aufsatz («Ueber den Einfluß der Moralität des Philosophen auf den Inhalt seiner Philosophie») wird diese Auseinandersetzung mit Schmid fortgeführt. Reinhold wendet sich dabei nicht mehr nur isoliert gegen ein Freiheitsverständnis, das auf einen intelligiblen Fatalismus hinausläuft. Er argumentiert auch dafür, dass das richtige Verständnis von Willensfreiheit entscheidend sei für die gesamte, also auch für die theoretische Philosophie, da nur dieses richtige Verständnis den Zugang zur «reinen Wahrheit der Erkenntniß» eröffne.17 Nicht zu übersehen ist, dass damit zugleich Fichtes Position kritisch ins Visier genommen wird, war Reinhold doch bis Mitte 1796 der Ansicht, dass auch sein Nachfolger in Jena den Standpunkt der praktischen Vernunft in Bezug auf Freiheit, Moral und Gewissen nicht ausreichend präzisiert habe. Ende 1795 hatte er Fichte brieflich mitgeteilt, dass seiner Meinung nach in der Wissenschaftslehre die «Freyheit» von der «Selbstthätigkeit» – mit anderen Worten: das frei wollende und insofern praktische Ich vom sich selbst setzenden denkenden und insofern theoretischen Ich – «nicht genug unterschieden» werde.18 Dass Reinhold mit seiner hierbei nochmals exponierten Auffassung von Willensfreiheit als Vermögen, sich für oder gegen das Sittengesetz zu entscheiden, ebenfalls mit Ansichten Kants ins Gehege kommen würde, war absehbar. Klar zum Vorschein kam dies allerdings erst mit Kants Ausführungen zu den Begriffen des Willens, der Willkür und der Freiheit aus der Einleitung in die Metaphysik der Sitten von 1797.19 Was sein Verhältnis zu Kant angeht, gilt es zu beachten, dass Reinhold mit dem in den Jahren 1788 und 1789 entfalteten und nun mit dem neunten Aufsatz («Ueber die bisherigen Begriffe vom Vergnügen») erneut unterbreiteten vermögenstheoretischen Konzept des Vergnügens einst die Hoffnung gehegt 16

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Zu Reinholds Kritik an Schmids Auffassungen von Willen und Freiheit siehe vor allem Briefe II, 268–271; Beiträge II, 230–264. Vgl. Vermischte Schriften I, 49. Siehe Reinhold (und Baggesen) an Fichte. Dezember 1795. GA III/2, 438. Siehe AA VI, 226f.

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hatte, Kants Ideen zu der noch ausstehenden Kritik des Geschmackes «wenigstens zum Theil getroffen» zu haben.20 Die Lektüre der 1790 erschienenen Kritik der Urteilskraft machte ihm daraufhin klar, dass die Differenzen mit Kant hier größer sind als angenommen, da dieser dem Begriff des Vergnügens nicht nur keinen zentralen Stellenwert einräumt, sondern ihn auch mit dem von Neigung und Interesse bestimmten Wohlgefallen am Angenehmen in Verbindung bringt und damit von der Untersuchung des durch interesseloses Wohlgefallen bestimmten Geschmacksurteils ausschließt.21 Reinhold nahm in der Folge eine Reihe von Resultaten aus Kants dritter Kritik zustimmend auf, hielt bei der weiteren Klärung moralphilosophischer und ästhetischer Grundbestimmungen22 aber an einem Gattungsbegriff des «Vergnügens überhaupt» fest und argumentierte dafür, dass das Gefühl des Vergnügens zwar nicht im Bereich der Morallehre, aber doch im Bereich der Geschmackslehre von wesentlicher Bedeutung sei. Von daher ist die Neuveröffentlichung des besagten Aufsatzes nicht zufällig und überdies nicht bloß im Zusammenhang einer Rückblende auf eine frühere Denketappe zu begreifen. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass der vergnügenstheoretische Ansatz von 1788 und 1789 in der Grundtendenz nach wie vor seine Berechtigung hat. Bei alledem versteht es sich, dass aufgrund der inzwischen erfolgten Aneignung der Kritik der Urteilskraft manche Formulierungen zu korrigieren waren. Eine stark überarbeitete Passage aus dem achten Aufsatz («Ueber den Einfluß des Geschmackes auf die Kultur der Wissenschaften und der Sitten») verrät Reinholds Anlehnung an Bestimmungen Kants zu den Begriffen des Schönen und Erhabenen.23 Zu den Kennzeichen von Reinholds kantischem Denken Mitte der 1780er Jahre gehörte der Versuch, systematische Denkzusammenhänge durch die Einbeziehung passender Denkansätze aus der älteren und neueren Geschichte der Philosophie um ihren genetischen Aspekt zu ergänzen. Insbesondere wurde Kants Konzeption des Erkenntnisvermögens auch auf der Grundlage von Vergleichen mit einschlägigen antiken Seelenverständnissen rekonstruiert.24 Mit

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Siehe Reinhold an Kant. 19. Januar 1788. Korrespondenzausgabe I, 313. Dies macht Kant am Schluss von § 3 der Kritik der Urteilskraft (AA V, 207) deutlich. Siehe auch Kommentar Anm. 273. Man beachte dazu insbesondere Briefe II, 181f., 220–261. Vgl. Vermischte Schriften I, 262–266. Man beachte dazu den 10. und 11. Brief der Briefe I. Zur Interpretation dieser beiden Briefe siehe den Kommentar in RGS 2/1, 320–339. Zu Reinholds in Auseinan-


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der Ausarbeitung der Elementarphilosophie setzte sich die Verbindung von systematischem und philosophiehistorischem Zugang vor neuem Hintergrund fort.25 Die Geschichte der Philosophie, die seit dem Wintersemester 1789 überdies zu Reinholds Lehrprogramm gehörte,26 sollte als ein Wissensgebiet aufgefasst werden, das einen flankierenden Teil des elementarphilosophischen Systems darstellt. Und ihre Aufgabe sollte wesentlich darin bestehen zu zeigen, dass das Streben nach einem ausreichend fundierten theoretischen und praktischen Wissen die Philosophen im Laufe der Geschichte zur Aufstellung einer Reihe einseitig verfasster Systeme und zu diversen, den Gang der Vernunft hindernden systematologischen Kontroversen geführt hat. Erst mit Kants Vernunftkritik und der eigenen Elementarphilosophie ist der Punkt erreicht, an dem diese Kontroversen durch ein fundiertes philosophisches System endgültig beigelegt werden können. In der Schrift Ueber das Fundament des philosophischen Wissens von 1791 stellte Reinhold diesem Muster gemäß heraus, dass und wie die Positionen von Hume, Locke und Leibniz als Vorstufen zu Kants Philosophie und schließlich zur eigenen Elementarphilosophie zu begreifen sind,27 und in der 1796 veröffentlichten Preisschrift rekonstruierte er die Abfolge metaphysischer Systeme seit der Neuzeit im Sinne einer Entwicklung hin zu Kants, zu seinem eigenen und schließlich, in der überarbeiteten Fassung von Vermischte Schriften II, zu Fichtes Standpunkt.28

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dersetzung mit Platner entstandenen philosophiehistorischen Darstellungen zum Seelenbegriff siehe M. Bondeli: Über eine «Entdeckung» in der Psychologie. Zu philosophiehistorischen Fragestellungen, Aufgaben und Beiträgen, die mit Reinholds elementarphilosophischem Projekt einhergehen, siehe K. Ameriks: Reinhold über Systematik, Popularität und die ‘historische Wende’; ders.: Reinhold, History and the Foundation of Philosophy; M. Heinz: Untersuchungen zum Verhältnis von Geschichte und System der Philosophie in Reinholds Fundamentschrift; E. L. Posesorski: Karl Leonhard Reinhold: On the Systematic History of the Early Elementarphilosophie; G. Zöller: Ancilla sensus communis. Reinhold über die Metaphysik und ihre Fortschritte. Zu Reinholds Vorlesungen über Geschichte der Philosophie von 1789 bis 1800 siehe die Verzeichnisse bei G. W. Fuchs: Karl Leonhard Reinhold – Illuminat und Philosoph, 171–173, 186f. Reinhold orientierte sich bei dieser Vorlesung in der Zeit bis 1791 und vermutlich auch später an Johannes Gurlitts Abriß der Geschichte der Philosophie (Leipzig 1786). Dieses Werk hatte er 1786 auch rezensiert. Siehe Kommentar Anm. 208. Siehe Fundament, 58–63, 112–115. Siehe Anm. 8.

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Der siebte Aufsatz («Ueber den Begriff der Geschichte der Philosophie») der Vermischten Schriften I gibt Auskunft über die methodische Reflexion, die mit der philosophiegeschichtlichen Linie von Reinholds elementarphilosophischem Denken einherging. In dieser wiederveröffentlichten akademischen Rede, die erstmals 1791 in den von Georg Gustav Fülleborn herausgegebenen Beyträgen zur Geschichte der Philosophie erschienen ist, unterbreitet Reinhold mithilfe von Kants Begriff der Philosophie als System aller philosophischen Erkenntnis eine Begriffs- und Bereichsbestimmung der Philosophiegeschichtsschreibung und argumentiert dafür, dass diese Disziplin einer grundlegenden Neuorientierung bedarf. Die bisherigen, hauptsächlich berichtenden und erzählenden Darstellungen zu Leben und Werk einzelner Philosophen, zu philosophischen Schulen, Lehren und Kontroversen sollen durch eine philosophische, auf Grundprobleme der Philosophie ausgerichtete und den Fortschritt der philosophierenden Vernunft aufzeigende Geschichtsschreibung ersetzt werden. Für Reinhold dürfte es von Interesse gewesen sein, diese Auffassung im Zusammenhang der philosophiehistorisch relevanten Preisschrift erneut bekannt zu machen. Seit seiner Ausbildungszeit in Wien war Reinhold akademischer Lehrer der Philosophie und aktiver Aufklärer und Reformer im Kreise der Illuminaten in einem. Dieser Doppelrolle entsprechend, bestand bei der Ausarbeitung der Elementarphilosophie neben allem Interesse an der Errichtung eines gut fundierten und kohärenten Systems der Philosophie das Bedürfnis, den philosophischen Konsens unter den aufgeklärten Denkern zu stärken. Die Erarbeitung der praktischen Teile der Elementarphilosophie ging zudem mit der Absicht einher, kantischen Aufklärungsidealen Eingang bei einem breiteren Gelehrtenpublikum zu verschaffen. Inspiriert durch die Ereignisse im revolutionären Frankreich, verstand Reinhold seine praktische Elementarphilosophie schließlich zunehmend auch als Grundlage für Ideen zu einer Reform der deutschen Staaten. Eine solche sollte seines Erachtens von moralischen Prinzipien der kritischen Philosophie ausgehen. In den frühen Kieler Jahren bemühte sich Reinhold nun auch eigens um die Umsetzung dieses Reformgedankens. Der Rückhalt im illuminatischen Netzwerk an der neuen Wirkungsstätte29 bot eine ausgezeichnete Gelegenheit, den seit einiger Zeit gehegten Plan eines ‘mora­ lischen Bundes’ zu konkretisieren und in die Tat umzusetzen. Freunde und

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Zu Reinholds Wirken im Kreise der Illuminaten während der Kieler Jahre siehe G. W. Fuchs: Karl Leonhard Reinhold – Illuminat und Philosoph, 129–140.


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Kollegen sollten sich zu einer intellektuellen Vereinigung zusammenfinden und mit vereinten Kräften Reformen im akademischen und im politischen Bereich einleiten. Zu diesem Zweck wurde ein Entwurf zu einem Einverständnisse unter Wohlgesinnten über die Hauptmomente der moralischen Angelegenheiten an ausgewählte Adressaten verschickt, in dem die eigenen Ansichten zu Moral, Recht, Ästhetik und Religion aufgelistet waren.30 Die Aufsätze III, IV und V der Vermischten Schriften I stehen im Zusammenhang dieser Reinhold’schen Aufklärungs- und Reformbemühungen, und ihre Neuveröffentlichung darf insgesamt als Zeichen von Reinholds Politisierungsschub in den frühen Kieler Jahren verstanden werden. Der dritte, aus dem Jahre 1793 stammende Aufsatz («Ueber die teutschen Beurtheilungen der französischen Revolution») dokumentiert Reinholds grundsätzliche Haltung in Bezug auf die Einführung der Menschenrechte im damaligen revolutionären Frankreich. Ein Zurück zum vorbürgerlichen Ständestaat und zu einem Staat ohne Menschrechte ist Reinhold zufolge ausgeschlossen, doch gilt es seines Erachtens, das undifferenzierte und abstrakte Verständnis sowie die gleichmacherische Praktizierung dieser Rechte im Lager der Freunde der Revolution zu kritisieren. In dem auf das Jahr 1791 zurückgehenden fünften Aufsatz («Ueber den Cölibat der katholischen Geistlichkeit») hatte Reinhold eine abwägende Reflexion dieser Richtung bereits im Zusammenhang der Frage der Abschaffung des Zölibates angestellt: Mit der Vormacht des alten geistlichen Standes ist im neuen Ständestaat zu brechen. Die abstrakte Verbürgerlichung dieses Standes, die in Frankreich unter anderem zu Zwangsverheiratungen katholischer Priester geführt hat, ist allerdings abzulehnen. Der vierte Aufsatz («Ueber die Duelle auf Universitäten») verweist auf Reinholds akademische Reformtätigkeit während der frühen Kieler Zeit. Das in ritterlichen, militärischen und studentischen Kreisen übliche und durch die Gesetzgebung bis in das 19. Jahrhundert tolerierte Duellieren im Falle von Ehrverletzungen wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend von aufgeklärten Intellektuellen und Politikern öffentlich bekämpft.31 In Jena, wo in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das studentische Ordensleben äußerst rege war und wo die Studentenschaft bei allem Aufklärungsgeist wenig Interesse an zivilen Umgangs­ 30

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Dieser Text zirkulierte zunächst «Als Manuscript gedruckt», 1798 wurde er mit dazugehörigen Briefauszügen abgedruckt in: Verhandlungen über die Grundbegriffe und Grundsätze der Moralität, 161–210. Zur Duellkritik in der Aufklärungszeit siehe U. Frevert: Ehrenmänner, 35–88.

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formen zeigte, bemühte sich seit 1790 insbesondere Heinrich Stephani um die nötige Gesetzesänderung. Auch Reinhold war Duellgegner und argumentierte, wie der Aufsatz verrät, mit moralischen und naturrechtlichen Überlegungen gegen diese überkommene Praxis der Konfliktregelung. Nachdem er bereits in Jena aktiv geworden war, setzte er an der neuen Wirkungsstätte den Kampf für ein Verbot des Duells auf Universitäten unvermindert fort. Dies nicht ohne Erfolg. Nach zähen Verhandlungen und etlichen Anlaufschwierigkeiten wurde Ende 1794 an der Kieler Christiana Albertina ein akademisches Ehrengericht ins Leben gerufen. Diese Institution – es sollte die einzige dieser Art an den damaligen deutschsprachigen Universitäten bleiben – verlangte von den Studierenden, ihre Konflikte nicht mehr mit Waffengewalt und auf Leben und Tod, sondern mit Argumenten und in juristisch geordneten Bahnen auszutragen.32 Reinhold dürfte den Aufsatz, der die Rede zur Einführung des Kieler Ehrengerichtes wiedergibt, mit einem gewissen Triumphgefühl wiederveröffentlicht haben.

2. Zu den einzelnen Aufsätzen der Vermischten Schriften I 20

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Die Vorrede der Vermischten Schriften I ist äußerst kurz. Sie enthält nichts weiter als die von uns eingangs erwähnte Absichtserklärung des Autors, einem anonymen Nachdrucker zuvorkommen zu wollen, und einige dazugehörige Zeilen. Dies ist insofern ungewöhnlich, als Reinhold seit 1789 seine größeren Schriften nie ohne resümierende Schilderungen zum aktuellen Gang der Philosophie und zu neuen Resultaten seines elementarphilosophischen Projekts eingeleitet hat. Im Falle der in den Vermischten Schriften I versammelten Aufsätze handelt es sich aber einerseits um Arbeiten, die sowohl zeitlich als auch thematisch weit auseinanderliegen, so dass sie sich nicht in einen homogenen Zusammenhang einfügen, wie dies etwa bei den Briefen I und II der Fall war. Andererseits gehören sie, anders als die Aufsätze von Beiträge I und II, nicht in den engsten Kontext der Ausarbeitung und Ergänzung des elementarphilosophischen Systems. Zudem dürfte es sich bei einer Wiederveröffentlichung 32

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Zur Geschichte des Kieler Ehrengerichtes, das nach der Jahrhundertwende zunehmend an Einfluss verlor, siehe A. Scharff: Das Kieler Studentische Ehrengericht 1793– 1806; zur Duellpraxis und zur akademischen Gerichtsbarkeit siehe S. Brüdermann: Göttinger Studenten und akademische Gerichtsbarkeit im 18. Jahrhundert.


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ausgewählter Texte von selbst verstehen, dass der Autor diese als wichtig und repräsentativ erachtet und sich nicht lange mit Inhaltsangaben aufhält. Und da Reinhold im Frühjahr 1796 zwar in der Rolle des moralischen Aufklärers aufblüht, jedoch als Philosoph manche seiner bisherigen Resultate stark anzweifelt, sind Äußerungen zum Fortschritt der Elementarphilosophie eher fehl am Platz.

Der gute und freie Wille als Schlüssel zur wahren Religion und Philosophie (Aufsätze I und II) Der aus dem Jahr 1795 stammende, ursprünglich als Vorrede zu einer Sammlung von Predigten Joachim Susemihls33 abgedruckte erste Aufsatz («Ueber den Geist der wahren Religion») handelt von der im Ausgang von Kant zu verstehenden moralischen Religion. Reinhold befasst sich mit dieser Religionsauffas­ sung, die ihm einst überhaupt erst den Zugang zur Philosophie Kants eröffnet hatte,34 seit den frühesten Texten im Rahmen der Briefe über die K ­ antische Philo­ sophie. Wie schon in diesen Texten wird die moralische Religion als die einzig sinnvolle und richtige Form religiösen Denkens und Handelns betrachtet, und auf ihrer Grundlage wird der Nachweis geführt, dass im Bereich der Theologie sowohl der für einen traditionellen Offenbarungsglauben eintretende Supernaturalist als auch der sich für eine rationale Erklärung des Glaubens aussprechende Naturalist den genuinen Geist der Religion verkennt. Wie bereits Mitte der 1780er Jahre bringt Reinhold die Überzeugung zum Ausdruck, einzig eine den Primat der Moralität respektierende Religionsauffassung sei in der Lage, Wissen und Glauben, Kopf und Herz des Menschen in Einklang zu bringen. Doch ist die Forderung, sich darüber zu verständigen, worauf es bei der moralischen Religion letztlich ankommt, inzwischen dominanter geworden und hat zu einer markanten Neubestimmung geführt. Ging es zuvor darum, die Glaubensartikel des Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der Seele als auf dem Sittengesetz beruhende Postulate und damit als Sätze eines moralischen Glaubens kenntlich zu machen, rückt nun die Auffassung in den Mittelpunkt, die eigentliche Grundlage der beiden Postulate sei nicht in erster Linie das 33 34

Siehe Kommentar Anm. 3. Man beachte etwa den Brief Reinholds an Kant vom 12. Oktober 1787. Korrespondenzausgabe I, 271f.

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S­ ittengesetz, sondern das Vermögen des sittlich guten und freien Willens.35 Verändert hat sich unterdessen ebenso die Ausrichtung auf die religionsphilosophischen Vorgaben Kants. In den 1780er Jahren waren der moraltheologische Ansatz aus der Kritik der reinen Vernunft und die Postulatenlehre aus der ­Kritik der praktischen Vernunft die entscheidenden Orientierungspunkte. Jetzt, Mitte der 1790er Jahre, sind dies auch die systematischen Bestimmungen zur guten oder bösen Natur des Menschen, zur Idee des kommenden Reichs Gottes, zum Verhältnis von reinem und Kirchenglauben, natürlicher und geoffenbarter Religion und weitere Stoffe aus Kants Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793. Die Grundgedanken des Aufsatzes zeugen denn auch von einer ganzen Reihe inhaltlicher Anlehnungen an Kants Religionsschrift: Mit Kant verteidigt Reinhold die moralische Religion als ‘wahre Religion’ gegen falsche, scheinbare, bloß rituelle, alles in allem der Moralität schädliche religiöse Lehren und Praktiken. Mit Kant ist er der Meinung, das Ziel der moralischen Religion sei das sittlich Gute in der Bedeutung des Wollens und Handelns mit reinem Herzen und gutem Gewissen sowie in der Bedeutung der reinen, auf Moralität und Glückswürdigkeit basierenden Gottesliebe. Nicht wenige Überlegungen Reinholds stehen im Banne von Kants Äußerungen über eine moralische Form von «Gottseligkeit», eine Gottseligkeit, die sich sowohl, angesichts des Sollens und der Pflicht, durch «Furcht Gottes» als auch, angesichts «freier Wahl» und Wohlgefallen am Gesetz, durch «Liebe Gottes» auszeichnet.36 Inspiriert durch Kants Ansicht, das moralisch Böse sei eine «Verkehrtheit des Herzens»,37 stellt er diverse Perversionen in der religiösen Denkart der Supernaturalisten und Naturalisten an den Pranger. Im Einklang mit Kant gibt er zu verstehen, dass wahrhaft religiöse Aufklärung vornehmlich sittliche Aufklärung ist und mit einer Revolution des Herzens zu beginnen hat. Und wie bereits für Kant bei seinen Betrachtungen zur christlichen Religion38 ist es für Reinhold ein Bedürfnis hervorzuheben, dass die Auffassung von moralischer Religion als ­re­ligiöser

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Diese Tendenz zeigt sich bereits im 9. und 10. Brief der Briefe II. In diesen beiden Briefen wird implizit die Verträglichkeit der beiden Postulate mit dem Begriff der Willensfreiheit unter Beweis gestellt. Vgl. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. AA VI, 182f. Siehe ebd. 37. Siehe ebd. 159f.


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Herzensgesinnung ihren Rückhalt in der Heiligen Schrift und dabei insbesondere im 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums hat. Bei einem Vergleich des Aufsatzes mit Kants Religionsschrift fallen allerdings auch Differenzen ins Auge. Den Ausführungen Kants zufolge soll es mit dem korrekten Verständnis von wahrer Religion nicht nur darum zu tun sein, eine einsichtige Abgrenzung der moralischen Religion von falschen Auffassungen und Praktiken des Religiösen zu vollziehen. Es soll damit auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass innerhalb der bestehenden Vielheit von Glaubensformen und -systemen eine grundlegende Einheit besteht. Indem Kant davon spricht, dass es «vielerlei Arten des Glaubens», jedoch «nur eine (wahre) Religion» geben kann,39 weist er darauf hin, dass die moralische Religion als der gemeinsame Kern der verschiedenen historisch gewachsenen Glaubenssysteme zu begreifen ist. Diese Auffassung, die man als Versuch sehen kann, sowohl eine Grundbedeutung von «Religion» als auch den Gedanken der Toleranz in Bezug auf die historischen Ausformungen der Religion zur Geltung zu bringen, fehlt in Reinholds Überlegungen, die um den Begriff der wahren Religion kreisen. Bei Kant wird im Anschluss an die Definition der subjektiv betrachteten Religion als «Erkenntnis aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote»40 zwischen geoffenbarter und natürlicher Religion unterschieden. Erstere soll sich dadurch auszeichnen, dass sie die Pflicht aufgrund der primären Annahme göttlicher Gebote, die «natürliche Religion» dagegen dadurch, dass sie die Pflicht aus moralischer Selbsterkenntnis heraus anerkennt. Vor diesem Hintergrund wird bei Kant die natürliche Religion, die der «Rationalist» mit einigen, der «Naturalist» ohne alle Konzessionen an die grundsätzlich vom «Supernaturalisten» vertretene geoffenbarte Religion vertritt, tendenziell der moralischen Religion zugeordnet. Bei Reinhold ist eine solche Zuordnung ausgeschlossen. Dies hängt damit zusammen, dass für ihn die mit dem Standpunkt des Naturalisten gleichgesetzte natürliche Religion seit jeher mit einer Vernunftreligion vorkantischen Typs identifiziert und dadurch eindeutig als nicht mehr zeitgemäß angesehen wird.41 Die ablehnende Haltung gegenüber dieser Religionsart wird dabei 39 40 41

Ebd. 107. Ebd. 153f. In Bezug auf diese Identifikation sei daran erinnert, dass bei Reinhold die Auffassung von Naturalismus von Grund auf durch die Rezeption der Kontroverse zwischen Mendelssohn und Jacobi geprägt worden ist. Der Naturalismus war für ihn in

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