Vom Fehler Fiasco – ma non troppo
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Fiasco – ma non troppo Vom Designfehler zum Fehlerdesign Matthias GÜtz, Maike Fraas (Hg.)
Nr. 25 der Schriftenreihe Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Schwabe Verlag Basel
© 2014 Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Autoren und Schwabe AG, Verlag, Basel Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Fotografien und Abbildungen Umschlag: Daniel Herrmann Tintenkleckse: Malte Busch S. 167, 168, 425, 426, 428, 429: Felix Abraham Alle weiteren Abbildungen, sofern nicht anders gekennzeichnet: die Autoren Gesamtherstellung Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3419-5 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch Die Publikation basiert auf den Beiträgen der Teilnehmer am gleichnamigen 21. Designtheoretischen Symposion der Burg Giebichenstein, 8.–10. November 2012. Buch Konzeption und Redaktion Matthias Götz, Maike Fraas Schrift Adobe Garamond Pro Symposion Konzeption und Organisation Matthias Götz, Maike Fraas Wir bedanken uns bei allen Helfern und Unterstützern: Carolin Bernier, Julia K. Beyersdorf, Martin Büdel, Malte Busch, Nina Conzen, Sophie Döhler, Paul Glaw, Kerstin S. Hendik, Daniel Herrmann, Torsten Klocke, Annabelle Klute, Christoph Knoth, Isabella Kolata, Felix Kraemer, Sophie Mildner, Sepp Müller, Janosch Muschick, David Oelschlägel, Johanna Padge, Konrad Renner, Malte Roloff, Till Ronacher, Benjamin Schief, Felix Schirmer, Judith Schulz, Johannes Sobeck, Michael Suckow, Hannes Trommer, Simon Ulfstedt, Michael Wehner, Malte Westphalen, Thomas Wittenbecher, Julia Wolf – und bei all jenen, die hier nicht genannt sind, deren Hilfsbereitschaft wir jedoch nicht vergessen haben.
Fiasco – ma non troppo Vom Designfehler zum Fehlerdesign Inhalt 11 Fiasco – ma non troppo Vorbemerkung zu Vorsicht und Nachsicht 19 Matthias Götz Vom Designfehler zum Fehlerdesign: Fiasco – ma non troppo 53 Siegfried Maser Vom Fehlstart über Fehltritte zum Fehlschlag: Es soll an nichts fehlen! 67 Aleks Scholz Bending the Map: Die Coma-Wiegung 73 Wolfgang Jonas Zufälle, Marotten, Eigensinn – Die anderen Gründe von Designtheorie 89 Alfred Hückler Fehlerhaft. Fehler – Haft 111 Rainer Groh Richtig schön verkehrt 121 Frank Steinheimer Designfehler in der Natur als Motor der Selektion: Die Handicap-Theorie 125 Rainer Schönhammer Alpträume
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139 Anna Berkenbusch Korrekt 149 Frithjof Meinel Fehlertolerantes Design im Kontext des Nachhaltigkeitsdiskurses 155 Tim Brauns Die Prothese bekommt Flügel 159 Dieter Hofmann Zen und Kaizen – Vom Umgang mit dem Fehler in Japan 163 Aart van Bezooyen Stop Recycling – Start Repairing 173 Markus Krajewski Der geplante Fehler. Aus der Geschichte der Planned Obsolescence 187 Thomas Fankhänel Flop oder Hit – eine Frage der Form? 199 Imke Volkers Gustav Pazaureks Fehlersystematik des Ungeschmacks 233 Wilfried Stroh Der Regelverstoss in Theorie und Praxis der antiken Rhetorik 249 Axel Müller-Schöll ‹Passt schon› – Architecture parlante Spricht Architektur auch Dialekt? 257 Ulrich Stock Schach – Der vorletzte Fehler gewinnt! 269 Hans Rotman Der richtige, falsche Ton
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273 Hans Hemmert Kunst und Fehler 285 Rebecca Riedel, Mieke Ulfig, Matthias Einhoff Superschools Gesichtsbuch 315 Matthias Noell Follies, Enten und andere Verrücktheiten – Anmerkungen zu einer Typologie der exzentrischen Dinge 331 René Harder Herr Pilipenko und sein U-Boot – Spleen und Stil 337 Andreas Koll Hörst du mich denn a wenn i nix red? – Karl Valentin und Liesl Karlstadt: Komik und Fehler 349 Florian Walzel Design im Imperfekt –Vom Provisorium zum Luxus des Fehlers 357 Caspar Huckfeldt Fisimatenten: Beyond Architecture – Design als konsequenter Regelverstoss 365 Vincenz Warnke Vom Makel zum Spektakel 381 Hermann Sturm Die Tücke des Objekts und die Künste des Subjekts 395 Carin M. Schirmacher Der Fehler als Agent des Neuen 411 Die Autoren 423 Die Wand
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Fiasco – ma non troppo Vorbemerkung zu Vorsicht und Nachsicht
Dieses Buch erscheint als nachträgliche Publikation zum 21. Designtheoretischen Symposion der Burg Giebichenstein, das im November 2012 unter dem Titel Fiasco – ma non troppo. Vom Designfehler zum Fehlerdesign an der Kunsthochschule Halle stattgefunden hat. Es enthält die meisten der dort gehaltenen Vorträge sowie einige danach verfertigte Aufsätze, darunter am Schluss einen längeren Beitrag, der vor und nach der Veranstaltung verfasst wurde und allgemeinere Überlegungen zum Thema ‹Fehler› aufgreift. Wir danken allen, die dazu beigetragen haben, das FiascoProjekt zu stemmen; es zu konzipieren und vor allem auch: zu realisieren. Es sind dies mehr Personen, als hier in ein, zwei Zeilen passen würden, so dass wir unserem Dankeschön eine eigene Rubrik widmen. Trotzdem ist schon an dieser Stelle – und an erster – allen Teilnehmern und Autoren zu danken, deren Beiträge das Thema überhaupt erst mit Leben erfüllt und so eine Diskussion dazu eröffnet haben, die geführt zu werden schon deshalb verdient, weil die gegenwärtige Debatte zum Umgang mit dem Fehler in einer Art Willkommenskultur zu versanden droht. Man scheint das Fehlermachen nurmehr zu begrüssen: Fehler sind nicht zu bekämpfen, sondern zuzulassen. Diese unter dem Namen Fehlerkultur populär gewordene Generalamnestie wendet sich im Namen der Wissenschaft vehement dagegen, Fehler zu verfemen und zu ahnden – um sie besser vermeiden zu können. Was so schon paradox klingt – Fehler vermeiden durch Zulassen –, wird erst recht paradox, wenn man die andere weit verbreitete Form des Umgangs mit Fehlern einbezieht, die Warnkultur, und diesen Beipackzettel- und Gebrauchsanleitungskult neben die nachsichtige Fehlerkultur hält. Beide Kulturen sind für unser Fehlerverständnis in letzter Zeit massgeblich
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geworden und beherrschen gleichermassen das Feld, obwohl sie sich auf den ersten Blick auszuschliessen scheinen. Die dem zugrundeliegenden zeitgeistigen Strömungen sind nicht zu übersehen. Die Nachsicht erstreckt sich vom ‹fehlerverzeihenden Design›, das niemandem mehr wehtut, bis hin zum ‹freien Schreiben›, das jede beliebige Schreibweise erlaubt und Schülern wie Lehrern natürlich viel Ärger erspart. Man muss nichts korrigieren und nichts lehren, man muss nichts lernen und wird nicht vom Katheder aus als unfähig abgekanzelt – eine klassische Win-win-Situation ist gewonnen, Inklusion inklusive: Keiner muss mehr leiden, alle sind gleich gut. Sogar die verordnete allgemeine Correctness scheint mit einem Mal keine Rolle mehr zu spielen. In deutlichem Kontrast zur wohlmeinenden Fehlerkultur scheint die nicht weniger wohletablierte Warnkultur zu stehen. Selten wurde so gewarnt. Um Warnungen den nötigen Nachdruck zu verleihen, schreckt man auch vor immer rabiateren Methoden nicht zurück. Es greift eine uns wohlgesinnte Abschreckungskultur Platz, die mithilfe schrecklichster Abbildungen Raucher vom Rauchen und andere von anderem abhalten will, jedenfalls aber gut gemeint ist. Solch gute Absichten rechtfertigen, wie man weiss, von jeher auch ungute Mittel. Hier ist nun plötzlich wieder Correctness angesagt, Nachsicht wird weniger geübt. Die rigid betriebene Warnkultur steht ihrerseits in Diensten einer allumfassenden Sicherheitskultur, der wir uns verschrieben haben und die eine elaborierte Vorschriftenkultur nach sich zieht, die vor nichts mehr haltzumachen und nicht aufzuhalten scheint: ‹Dieses Produkt verfügt über keine Bremsen›. Dass die meisten Warnhinweise von Herstellern oder Behörden zum geringsten Teil der Fürsorge entspringen, dafür um so mehr der Sorge um die eigene, zum Beispiel juristische, Absicherung vor Regressansprüchen und anderen Anklagen, ändert nichts daran, dass ein in dieser Form gepflegter Fehlerumgang dazu führt, dass wir Kompetenzen abgeben statt ausüben. Das seit Menschengedenken geübte Risikomanagement in eigener Sache, über lange Zeiten hinweg einst mühsam erworben, geht zusehends verloren, weil wir es nicht mehr ausüben. Und wir üben es nicht mehr aus, weil es unnütz geworden ist. Und wenn wir es nicht ausüben, üben wir es auch nicht mehr ein.
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Von dieser Entwicklung ist die gute alte Vorsicht mit am meisten betroffen. Man braucht die Vorsicht nicht mehr, man hat jetzt die Vorschrift dafür. In dem Masse, in dem das individuelle Warnsystem samt seinen fehlerbegrenzenden Funktionen ausser Kraft gesetzt und durch übervorsichtig und inflationär in Verordnungsform gegossene Ge- und Verbote ersetzt ist, kommt uns der eigene ‹Fehlerinstinkt› abhanden. Vollautomatisierte Fehlerprophylaxe bremst schon im Vorfeld Normverstösse aus. Eine paternalistische Gesellschaftsordnung ist bemüht, uns das Selber-Vorsichtigsein abzugewöhnen. Fähigkeiten, mit Fehlern gekonnter umzugehen, verkümmern genauso wie die, daraus zu lernen. Wird dem Risiko auf der einen Seite durch Fehlerintoleranz der Stachel des Scheiterns genommen, so hat auf der anderen Seite die Fehlertoleranz denselben Effekt: Scheiter’ ruhig weiter, halb so schlimm. Begegnet man dem Fehler allzu nachsichtig, so rächt sich dies auf andere Weise. Und sind die Fehlerfolgen so weit abgepolstert, dass man, hat man gefehlt, gar weich fällt, so verhindert man damit nicht nur die Möglichkeit, aus Fehlverhalten zu lernen, sondern befördert überdies, dass Erlerntes verlernt wird. Ob man jemals – und jeweils was und wie viel und wie erfolgreich – aus Fehlern gelernt hat, ist eine andere Frage. Die Möglichkeit dazu sollte man jedenfalls einräumen. Begegnet man umgekehrt dem Fehler allzu vorsichtig, so betreibt man das Geschäft einer modernen Fehleraustreibung, und die Sicherheitspolitik aus Alarmismus, Übercorrectness und Regelungswut zeitigt ganz ähnliche Folgen. Der Fehler, auf die eine oder andere Weise gezähmt, verliert seine anstössige Kraft oder wird erst gar nicht gemacht. Abgesehen davon, dass beides Wunschdenken ist, hat es dennoch unerwünschte Nebenwirkungen. Dem Fehler gegenüber kann man sich, das ist unbestritten, geschickter und ungeschickter, gekonnter und geübter verhalten, was mit individuellen Kompetenzen zu tun haben mag. Prinzipiell aber ist davon auszugehen, dass Fehler auch konstruktive Resultate bewirken können. Erfindungen, Entdeckungen, Neuerungen jedweder Art – zu viele Errungenschaften verdanken wir dem Fehler, als dass man seine positiven ‹side effects› übersehen könnte. Solche Effekte muss
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man freilich zu interpretieren, zu modifizieren und zu implementieren verstehen, will man ‹daraus etwas machen›. Vergibt man also Fehler zu grosszügig, begibt man sich der Chancen, die im Fehlermachen auch liegen. Wie die Diskussion um Theorie und Praxis des Fehlers gegenwärtig geführt wird, leistet sie genau dem Vorschub; sie ist – im Design und ausserhalb des Design – alles in allem multikulturell geweitet, aber strukturell gefangen. Ziemlich zeitgemäss ist der Fehler nämlich zum Multikulti-Fehler geworden: Fehlerkultur, Warnkultur, Sicherheitskultur und eine ganze Reihe verwandter Kulturen tragen dazu bei, den Normalfehler bis zur vollständigen Auflösung zu ‹normalisieren›, indem sie ihn relativieren. Tatsächlich ist es kein Fehler, im Fehler mehr zu sehen als einen zu sanktionierenden Normenverstoss. Normen erleichtern das Leben zwar in vieler Hinsicht. In anderer Hinsicht aber leben wir auch davon, dass Normen ausser eingehalten auch verletzt werden; manche Disziplinen ganz besonders. Entwerfende Disziplinen wie das Design gehören insbesondere dazu, weil man hier spezielle Beziehungen zum Fehler unterhält. Innovationsgewinne garantiert in aller Regel und hauptsächlich der zufällig zu Buche schlagende Fehler, wird er nur entsprechend umgebucht und vorteilhaft genutzt. Das Design ist, so ungut sich Planungspannen auch hier auswirken mögen, hochgradig auf Ideen angewiesen, wie sie sich nur einfinden, wenn sich unversehens unvorhergesehene Fehler einstellen. Vorstellungen, Fehler seien nichts anderes als etwas, das man wegradieren und durch eine Korrektur ‹verbessern› muss, sind hier oft fehl am Platz. Natürlich schlägt sich die fehlerverzeihende ‹Fehlerkultur›, so verbreitet sie ist, realiter kaum nieder. Toleranz reduziert selbstverständlich per se die Fehlerquoten, doch werden die wirklichen Fehler damit nicht weniger. Sie werden gemacht ‹als wie zuvor›. Trotz Toleranzgeboten und Vorsichtsverboten bleiben Fehler etwas Unbeabsichtigtes und Ungewolltes, was nicht leicht aus der Welt zu schaffen ist, schon gar nicht per Vorschrift. Im Gegenteil weisen mehr Gesetze desto mehr Gesetzeslücken aus; und je mehr Gesetze, desto mehr Vergehen wird man zu verzeichnen haben: Normen induzieren umso mehr Fehler, je höher die Messlatte gelegt ist. Obligatorische
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Fehler, wie sie Regulierungen zur Fehlervermeidung auch hervorbringen, sind eine nicht zu vernachlässigende Quelle der Fehlerproduktion. Fehler sind nicht nur schlecht, da hat die Fehlerkultur sehr recht, sie bergen ein ordentliches Potential an Verbesserungschancen, insofern sie auf Wege führen, die zuerst als Holzweg oder Sackgasse erscheinen, sich jedoch hernach auch als ‹dritter Weg› entpuppen und als gangbar erweisen können. Doch davon weiss anfangs niemand. Bisweilen hängt eine positive Entwicklung von Ereignissen ab, die nicht von vornherein im Horizont des Erwartbaren und Machbaren, ja nicht einmal des Denkbaren lagen, als man mit Suchen, Forschen und Entwerfen begann. Oft genug heisst ein Fehler nicht einmal mehr Fehler, nachdem er – wie die Erfindung des Penicillins oder die Entdeckung Amerikas – irgendwann zu irgendwelchen Erfolgen geführt hat. Etwas kurzschlüssig kann man den Fehler deshalb auch als Innovationsmotor begreifen. Mögliche konstruktive Funktionen von Fehlern nutzen können setzt eine gewisse Risikobereitschaft voraus. Es setzt aber auch voraus, dass man, wenn man davon spricht, nicht von Katastrophen redet. Redlicherweise lässt sich ‹mehr Mut zum Risiko› nur einfordern, wenn sich die absehbaren Fehlerfolgen in einem tolerablen Rahmen halten und sich nicht vernichtend auswirken. Daher ist der Zusatz ‹ma non troppo› zum Fiasko und zum Fiasko-Thema unerlässlich. Nicht jedes Fiasko ist gleichzubehandeln. Hebt man also auf die konstruktiven Optionen ab, die dem Fehler zweifellos auch innewohnen, ist nicht zu vergessen, auf die Relativierung auch der Fehlerdimension zu achten. Niemand will im Rahmen einer theoretischen Erörterung des Fehler-Begriffs das Unglück herbei- und dem totalen Debakel das Wort reden, nur um ein paar positiver Folgen willen. Nicht einmal akademisch ist alles erlaubt. Daher gelten etwelche Thesen, welche die positiven Eigenschaften des Fehlermachens betonen, selbstverständlich nicht für das Fiasko schlechthin, sondern im Rahmen dessen, was man als ‹Normalfehler› bezeichnen könnte. Gleichwohl wird man, um das Normale zu ermitteln, hin und wieder von Katastrophen reden müssen. Vor dem Hintergrund des umrissenen Kontexts, vor allem aber auch im Kontext deontischer und designbezogener Unternehmungen schien es angebracht, den Fehler selber,
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die Funktionen des Fehlers im Design und auch den zugehörigen Diskussionsstil aufs Tapet zu bringen. Dies ist geschehen; inter- oder wie man mittlerweile sagt: transdisziplinär. Von allen möglichen Disziplinen aus wurden unterschiedliche Aspekte des Themas behandelt, darunter auch so exotische wie das Capriccio oder das Handicap-Prinzip, der Fehler in der Musik oder im Schach, der geplante Fehler wie der ungeplante, der feine oder riesige Unterschied zwischen Hit und Flop, die Funktion des Fehlers für die Kunst ebenso wie für die Kunst der Rede; der Dialekt kam zur Sprache und die antike Rhetorik – und viel anderes mehr. Die Vielfalt der vertretenen Disziplinen hat nicht nur gezeigt, dass der Fehler eine universale Grösse ist, das wussten wir schon; die multiple Debatte hat gezeigt, wie aufschlussreich die Präsentation von Fehlern aus unterschiedlichsten Sparten sein kann, wird sie über die Sparten hinweg diskutiert, stets verbunden mit der Frage: Gibt es gattungs- und disziplinunabhängige, allgemeingültige, ‹abstrakte› Fehlerkategorien – oder sind Fehler in der Regel, in Anlass und im Ergebnis, ganz und gar an den konkreten Fall gebunden? Was die Theoriebildung dazu ungemein erschwert, was aber auch ein Attraktor für die Fehlerforschung ist. Welche Rolle spielt der Zufall beim Fehler, welche das Können, welche Fehlersorten gibt es? Sind Fehler nach ihren Folgen zu beurteilen oder nur nach der Norm, gegen die sie verstossen – oder wonach sonst? Und vor allem: Welche Erfolge sind aus welchen Gründen Fehlern zu verdanken, und wie stellt sich die Verwandlung eines Fehlers in sein Gegenteil dar; wie funktionieren die Mechanismen, die, wenn sie greifen, aus einer Fehlleistung eine Meisterleistung machen können, und lassen sie sich steuern? Kurzum: Wo werden die konstruktiven Funktionen von Fehlern sichtbar, und wie sind sie erklärbar, sollten sie überhaupt erklärbar sein? Fragen dieser Art reichen weit über das Design hinaus, betreffen aber das Design sehr. Planungsfehler im Besonderen sind eine allseits bekannte Komponente. Weit entfernt davon, auch nur annähernd bündig beantwortet werden zu können im Rahmen eines dreitägigen Treffens, führen solche Fragestellungen doch zu erstaunlichen Ergebnissen, werden sie anhand konkreter Fälle erörtert. Antworten zum besseren Fehlerverständnis zeichnen sich ab.
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Abgezeichnet hat sich zudem das Interessante, ja Unterhaltsame am Fehler – den man nicht selbst begangen hat. ‹Erfreuen und lehren› soll ja solch ein Meeting auch. Und nach Möglichkeit auch das Buch dazu. Matthias Götz, Maike Fraas
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Matthias Götz Vom Designfehler zum Fehlerdesign: Fiasco – ma non troppo 1. Fiasko-Projekte und Scheiterkonferenzen Die Konferenzkultur zur ‹Fehlerkultur› floriert, und sie treibt seltsame Blüten, es ist nicht zu leugnen. Und man hat nicht unrecht, die Besprechungsrituale ums Fehlermachensollen und -dürfen herum aufs Korn zu nehmen.1 Tatsächlich ist das inzwischen allseits, von Berufeneren und Unberufenen, im Munde geführte Verlangen nach Fehlerfreundlichkeit, Fehlertoleranz und Fehlerkultur überhaupt eine Kollektion von Selbstverständlichkeiten – von der nur eines feststeht: aus derlei Fehler-Handling lernt man definitiv nichts. Aber sagen nicht dieselben Fehlerkultur-Befürworter, man müsse aus Fehlern lernen? Dass man nur emsig genug seine Fehler an die grosse Glocke hängen müsse, um aus Scheitern einen Erfolg zu machen, ist Konsens. Zum Fehlermachen sogar aufzufordern ist dieser Vorstellung nach nur konsequent. Nur wer Fehler macht, kann ja konzeptgemäss ‹besser scheitern›. Und ‹besser scheitern› hört sich besser an als ‹nicht scheitern›. Englisch klingt es noch besser: Fail forward – ‹besser scheitern› also – heisst beispielsweise eine jener Plattformen2, wo man nicht ansteht zu behaupten, Misserfolg sei mindestens so erstrebenswert wie Erfolg – wo nicht gar besser. Freilich steht hinter diesem aufregend provokanten Programm weniger die Sehnsucht nach Misserfolg als ganz gewöhnliche Erfolgsgier. Im Grunde nämlich dient der Hype ums Scheitern als Chance zu nichts anderem, als den eigenen Erfolg herbeizureden. Wäre es nicht so durchsichtig, müsste man von Scharlatanerie sprechen. Anders als die fehlerverliebten Slogans weismachen wollen, geht es nicht darum, das Misslingen zu adeln, sondern es – ganz konventionell – durch ein umso erfolgreicheres Gelingen zu ersetzen. Darum «halten es auch die hehren
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Propagandisten des glorifizierten Scheiterns nicht anders. Nur hassen sie das Scheitern schlauer und versteckter. Diesen Eindruck jedenfalls erhält, wer versucht, jenen Scheiterkonferenzen zu lauschen, die seit 2009 aus dem Silicon Valley wuchern. Ihr ehrenwertes Anliegen: Unternehmer erzählen von ihren Fehlschlägen, damit andere Unternehmer daraus lernen mögen. Die Konferenzen schwelgen in der positiven Macht des Scheiterns, sie sind Feierstunden für die Kämpfernatur des Menschen. Also treten bei den Scheiterkonferenzen ausschliesslich höchst erfolgreiche Menschen auf, Musterschüler des Scheiterns gleichsam, begabt sogar mit der Fähigkeit, die Logik zu ihren Gunsten zu verbiegen: Weil sie erfolgreich sind, müssen sie früher wohl irgendwie gescheitert sein. Aber vielleicht sind die Scheiterkonferenzen in ihrer Verlogenheit wieder sehr ehrlich. Oder besser: klug. Denn die Ideologie, dass uns Fehlschläge besonders weit brächten, hat einen entscheidenden Fehler: Ihr mangelt es an Evidenz. Bislang fehlen schlicht Belege dafür, dass wir aus Fehlern schlauer werden als aus Erfolgen. Ja, dass wir überhaupt mit einiger Zuverlässigkeit aus Fehlern lernen. Der Gescheiterte ist stets der Gescheitere – schön wär’s.»3 Doch scheint die obsolet gewordene Fehlerkultur nach wie vor als hochgradig innovativ veranschlagt zu werden: «Für FailForward hat Ashley Good den Innovate Innovation Award erhalten, also einen Preis für die Innovation der Innovation, was in diesem Fall vermutlich angemessen ist, denn die Idee, aus Fehlern zu lernen, ist ja nicht gerade eine brandheisse Neuerung – sondern bestenfalls eine, die man erneuern könnte.»4 Von wegen Innovation: die genannte Plattform bietet nichts als Plattitüden. Man soll analysieren, was man falsch gemacht zu haben glaubt, und es notieren. Der eigene Aufwand der Ratgeber hält sich dabei in engen Grenzen, auch intellektuell. Liefern sollen gefälligst die anderen, ihnen wird eine Reihe von buchhalterischen Aufgaben zur Erledigung empfohlen, das helfe dann schon. Zum Aufregendsten, was Fail forward zu bieten hat, zählt die Aufforderung, ‹Failure Reports› zu erstellen, plus ein paar Hinweise, wie man das zu tun hat: ‹A How-To Guide›.
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