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Reisen, Sammeln und Forschen. Die Basler Naturhistoriker Paul und Fritz Sarasin

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Paul (1856–1929) und Fritz Sarasin (1859–1942), entfernte Verwandte, die durch eine enge Freundschaft miteinander verbunden waren, begeisterten sich für eine umfassende Idee der Naturerkenntnis. Diese fusste auf der direkten Anschauung, die sie in gefährlichen Expeditionen nach Südostasien gewannen. Die Basis der Erkenntnis bildete der Entwicklungsbegriff, der zur Zeit ihrer Studien in Basel bei Ludwig Rütimeyer und in Würzburg bei Karl Semper in voller Blüte stand. Davon wichen sie nie ab. Das Verhältnis zu Darwins Evolutionsgedanken blieb ambivalent. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten sie in Basel das naturhistorische Museum. Sie bauten die Sammlungen nicht nur zur Zoologie, sondern auch zur Anthropologie, Ethnologie und Ur- und Frühgeschichte aus. Bis zum Tod von Fritz Sarasin (1942) bestimmte der Geist der ­forschenden Eliteangehörigen die Wissenschaft im Museum, das neben der Universität den Mittelpunkt einer besonderen Art der Wissenschaftspflege bildete. Das vor­liegende Buch zeichnet die persönlichen Werdegänge dieser in mancher Hinsicht ungewöhnlichen Wissenschaftler aus der Basler Oberschicht nach. Es verknüpft deren Bildungsgang mit der internationalen Wissenschaftsgeschichte, aber auch den lokalen Voraussetzungen für die Verbindung von kultureller Herrschaft mit sozioökono­mischer Dominanz. Zoologie und Anthro­pologie als Angelpunkte der «Natur­geschichte» sind die Leitwissenschaften der Darstellung, die aufzuzeigen erlauben, wie die Forschungsorte des «Feldes» in den «Tropen», des Labors und der musealen Sammlungen zur Gewinnung und Erhaltung einer Art von Wissen zusammenspielen, von dem die universitäre Forschung zwar abhängt, der sie aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer weniger Kredit zu geben bereit war. Der frühe Naturschutz ist ohne diese Art des Wissens undenk­bar.

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Paul und Fritz Sarasin

STUDIEN ZUR GESCHICHTE DER WISSENSCHAFTEN IN BASEL NEUE FOLGE

STUDIEN ZUR GESCHICHTE DER WISSENSCHAFTEN IN BASEL NEUE FOLGE

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Christian Simon

Reisen, Sammeln und Forschen Die Basler Naturhistoriker Paul und Fritz Sarasin

Simon

Christian Simon, geb. 1951, Historiker, ist seit 1994 a.o. Professor an der Universität Basel. Er interessiert sich seit dreissig Jahren für die Geschichte der Wissenschaften.

I S B N 978-3-7965-3386-0

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 533860

SCHWABE


STUDIEN ZUR GESCHICHTE DER WISSENSCHAFTEN IN BASEL NEUE FOLGE 10

I M A U F T R A G D E S R E K TO R S D E R U N I V E R S I T Ä T B A S E L HERAUSGEGEBEN V O N H A N S - P E T E R M AT H Y S , W O L F G A N G R O T H E R U N D R U D O L F WA C H T E R


CHRISTIAN SIMON

REISEN, SAMMELN UND FORSCHEN D I E BAS LER NATU RHISTORIKER PA UL UND F RITZ SARASIN

S C H WA B E V E R L A G B A S E L


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel

© 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3386-0 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt 1. Einführung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2. Naturgeschichte in Basel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 2.1 Forschungsstand  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 2.2 Naturgeschichtliches Interesse in Basel   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.3 Das Modell Peter Merian, der Lehrer Ludwig Rütimeyer und die religiösen Kontexte   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.4 Internationale Horizonte der Basler Naturgeschichte  . . . . . . . . . 27 2.5 Privatgelehrte, Museum und Universität  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 2.6 Die Basler Darwin-Rezeption  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 2.6.1 Stand des Wissens  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 2.6.2 Für Basel relevante Beispiele  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.6.3 Die Bedeutung Ludwig Rütimeyers  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.6.3.1 Einleitung – die Prägung des Rütimeyerbildes durch die Nekrologie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.6.3.2 Bildungsgang und Netzwerk  . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 2.6.3.3 Rütimeyers wissenschaftliche Beiträge und die internationale Anerkennung  . . . . . . . . . . . . 50 2.6.3.4 Rütimeyer ein Darwinist?  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 2.6.3.5 Ergebnisse  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 3. Leben und Werke der Grossvettern Sarasin im Überblick  . . . . . . . 75 3.1 Die Grundlagen der Herrschaft der Basler E ­ liten des 19. ­Jahrhunderts und deren Ausprägung bei Paul und Fritz Sarasin  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 3.2 Die Lebensgänge von Paul und Fritz Sarasin  . . . . . . . . . . . . . . . 86


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Inhalt

4. Grundzüge der Persönlichkeiten und der Karrieren  . . . . . . . . . . . . 106 4.1 Paul und Fritz  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 4.2 Mythen und (Selbst-)Stilisierung, Dichtung, Religion und Wissenschaft   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 4.3 Trajectoires  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 4.4 Pauls Herkunft und Jugendzeit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 4.5 Fritzens Herkunft und Jugendzeit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 5. Die Wissenschaft der Sarasin  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 5.1 Studium in Basel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 5.2 Freundschaften  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 5.3 Würzburg  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 5.4 Berlin  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 5.5 «Reisen»  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 5.6 Sri Lanka, Sulawesi  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 5.6.1 Das Programm der Ceylonreisen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 5.6.2 Die koloniale Frage  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 5.6.3 Sulawesi  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 5.6.4 Bilanz einer Phase der Reisen und Auswertungen  . . . . . . . 176 5.7 Im Vorfeld der Rückkehr nach Basel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 5.8 Die Sarasin im Basler Wissenschaftsbetrieb  . . . . . . . . . . . . . . . . 204 5.8.1 Die Leistungen für das Museum – für die Museen  . . . . . . 204 5.8.1.1 Anfänge  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 5.8.1.2 Bauten  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 5.8.1.3 Museumsarbeit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 5.8.1.4 Vermittlung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 5.8.1.5 Volkskunde  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 5.8.1.6 Freundschaften, ­Geschenke, Dienst und Herrschaft  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 5.8.2  Der Beitrag zur Ur- und Frühgeschichte und zur Geschichte des Menschen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 5.8.3  Völkerkunde, Volkskunde, Ur- und Frühgeschichte im Zeichen der «Entwicklung»  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232


Inhalt

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6. Wissenschaftliche Grundpositionen der Forschungsreisenden  . . . 252 6.1 Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 6.2 «Non-Disziplinarität» und universelles «Mitnehmen»  . . . . . . . . 252 6.3 Die Grundfragen und die Determinanten für die Antworten  . . . . 255 6.4 Das Vorgehen bei der Auswertung: S ­ pezialisteneinsatz und Prachtbände  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 6.5 Wissenschaft als Befriedigung in der Askese  . . . . . . . . . . . . . . . . 265 7. Naturschutz als Kampf   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 7.1 Von den Forschungsreisen zum Schweizerischen Nationalpark und zum Weltnaturschutz  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 7.2 Wissenschaftliche Grundlagen der Naturschutzidee  . . . . . . . . . . 272 7.3 Der politische Einsatz des «Aristokraten» Paul  . . . . . . . . . . . . . . 279 8. Schlussfolgerungen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284 8.1 Konservative Ketzer, konservative Modernisierer  . . . . . . . . . . . . 284 8.2 Humanismus und Humanität  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 8.3 Lebensgänge als «Trajectoires» in «Feldern» – eine synthetische Bilanz gegen die «biographische Illusion»  . . . 287 9. Bibliographie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 9.1 Druckschriften  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 9.2 Unveröffentlichte Quellen, Informationen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 10. Namensregister  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329


1. Einführung Paul (1857–1929) und Fritz Sarasin (1859–1942) waren die beherrschenden Persönlichkeiten der Naturforschung und der Völkerkunde in Basel zwischen ihrer Rückkehr aus Berlin am Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ableben von Fritz Sarasin. Die Geschichte ihres Bildungsgangs gewährt Einsichten in die «Naturgeschichte» des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Sie eignet sich damit auch für das Studium der Darwinrezeption in der Basler Tradition. Als Forschungsreisende repräsentierten die Sarasin ein gewisses Bild naturwissenschaftlicher Arbeit, das Exploration mit Sam­ meln, Bestimmen und Interpretieren im Lichte eines Entwicklungs­ paradigmas in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellte. Der säkularisierte, aber keineswegs materialistische Blick auf das Werden der Natur und des Menschen, dessen Physis sowohl als auch dessen Kulturen, organisierte ein Wissen von der weiten Welt und den geologischen Zeiträumen, das Basel mit entfernten Regionen des Globus verband. Spätestens seit 1899, der symbolträchtigen Enthüllung der Büste ihres Lehrers Ludwig Rütimeyer (1825‒1895) im Museum, bestimmten sie die Entwicklung der naturhistorischen und ethnologischen Sammlungen, aus denen sich das Naturhistorische und das Völkerkundemuseum entwickelten. Zugleich eta­ blierten sie den Naturschutzgedanken als legitimes, ja vordringliches Anliegen der konservativen Führungsgruppen. Das Engagement der beiden Eliteangehörigen in der Wissenschaft lässt sich als Teil einer gesell­schaft­ lichen Entwicklung deuten, die mit dem Übergang der politischen Macht der «alten Familien» (die teilweise so «alt» nicht gewesen sind) an neue Eliten im Demokratisierungsprozess zu einer Verschiebung der Aufmerksamkeit der alten Eliten auf Wissenschaft und Kultur führte.1

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Reubi 2011, 72.


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Einführung

Unsere Studie folgt aus einem Ansatz, den man die Kulturgeschichte der Wissenschaften genannt hat. Sie stellt die innerwissenschaftliche Perspektive hintan. Die Aufmerksamkeit gilt auch nicht primär der Geschichte der wissenschaftlichen Sammlungen, deren Entstehung, Benutzung und Darstellung nach Art der Museologie. Vielmehr geht es um die Bedeutung wissenschaftlicher Praktiken in kulturellen Kontexten des städtischen Lebens. Dabei interessieren uns in allererster Linie die «naturgeschichtlichen» Elemente des Wissens und der Praxis, d.h. Objekte, die später vor allem Fächern wie zum Beispiel Zoologie, Botanik, Geologie, Paläontologie zugewiesen wurden. In der hier untersuchten Epoche konnten sie noch als Einheit verstanden und gepflegt werden. Nur in zweiter Linie berühren wir die Geschichte der Ethnologie. Denn einerseits wurde diese für die Schweiz kürzlich umfassend dargestellt,2 und andererseits ist nach unserer Auffassung «Entwicklung», ein Begriff aus der «Naturgeschichte», der Schlüssel auch zum Verständnis der völker- und volkskundlichen Interessen unserer Protagonisten. Ludwig Rütimeyer, die prägende Gestalt der «Naturgeschichte» im Basel des 19. Jahrhunderts und Lehrer von Paul und Fritz Sarasin, hat in besonderer Weise mit diesem Begriff gerungen. Die Darstellung beginnt mit einer Umschau in der Literatur zur lokalen «Naturgeschichte», die zugleich eine Einführung in die hauptsächlichen Traditionen der entsprechenden Auffassungen über die Bedeutung wissenschaftlicher Bestrebungen in der Stadtrepublik und ‑gesellschaft bietet. Darauf aufbauend skizzieren wir, so gut dies heute schon möglich ist, wichtige Charakteristiken der lokalen Ausprägung von «Naturgeschichte». Im Mittelpunkt steht hier die nicht nur für die Sarasin prägende Gestalt von Ludwig Rütimeyer. Als Verwalter des Erbes von Peter Merian determinierte er die Konzeption des naturhistorischen Museums und seiner Sammlungen, der die Sarasin anhingen. Die mit seiner konservativen Weltsicht und seiner christlichen Empfindung abgestimmte Idee von «Entwicklung» diente dank ihm als wissenschaftlicher Leitfaden dieser Natur-Ge­schichte. Zugleich ­zeigen wir, wie diese Lokalgeschichte stets mit der europäischen Wissenschaft in Berührung stand. Anschliessend geben wir eine Chronologie der 2

Reubi 2011. Der Autor erkennt 60f. die Vorherrschaft des zoologischen und anatomisch-anthropologischen Denkens bei den Sarasin, auf denen im Verlauf des Bildungsgangs die ethnologischen Überlegungen aufgebaut werden.


Einführung

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Ereignisse, ausgerichtet am äusseren Lebensgang von Paul und Fritz Sarasin. Damit möchten wir die Orientierung der Leserin und des Lesers im Stoff erleichtern. Danach werden einzelne, wissenschaftsgeschichtlich inter­ essante Aspekte aus dem Material über die Sarasin herausgegriffen und ­thematisch als Querschnitte abgehandelt. Im Anbetracht der in mancher Hinsicht überreichen Quellenlage können dabei nur einzelne Pfade beschritten werden, während die gesamte Landschaft eher erahnt als vermessen wird. Allein die Korrespondenz der Sarasin (sie enthält die an die beiden Basler Gelehrten adressierten Schreiben ab 1884) umfasst viele Tausend Dokumente. Zum Abschluss diskutieren wir den Ursprung der Naturschutz­ ideen der Sarasin, dem wir bereits einen Aufsatz gewidmet haben.3 Der Hinweis auf den Naturschutzgedanken ist uns deshalb wichtig, weil der Anstoss zur Beschäftigung mit dem Werk der Sarasin durch das Jubiläum des Schweizerischen Nationalparks gegeben wurde, das 2014 begangen wurde. Es sollten Zusammenhänge erschlossen werden, aus denen heraus der Einsatz der beiden gelehrten Basler für die Erhaltung von Arten, Naturräumen und nicht zuletzt als Zeugen früher Formen des Menschen aufgefassten Ethnien verständlich wird. Die Anregung dazu verdanken wir Bruno Baur. Wertvolle Ressourcen für unsere Arbeit stellten die Bank Sarasin und die Freiwillige Akademische Gesellschaft Basel zur Verfügung, während die Berta Hess-Cohn Stiftung Basel und der Schweizerische ­Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung die Veröffentlichung ermöglichten. Mitarbeitende und Verantwortliche des heutigen ­Naturhistorischen Museums und des Museums der Kulturen machten unentbehrliche Informationen zugänglich, wofür wir ihnen umso dankbarer sind, als sie dem unsicheren Projekt des Historikers mit der legitimen Skepsis der Naturforscher und Ethnologen begegneten.

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Simon 2014.


2. Naturgeschichte in Basel 2.1 Forschungsstand Zunächst diskutieren wir den Kontext der lokalen naturgeschichtlichen ­For­schung, in den nachher das Wirken von Paul und Fritz Sarasin hineingestellt werden soll. Unter Naturgeschichte verstehen wir dabei ein Wissen über die Natur, das sich auf Sammlungen von Objekten bezog und im Rahmen einer Entwicklungsidee über spätere Disziplinengrenzen hinweg eine Gesamtschau aus Erdgeschichte, Zoologie, Botanik, Vergleichender Anatomie, Anthropologie und Paläontologie anstrebte.1 Dieses Wissen ent­ wickelte sich aus den Kuriositätenkabinetten der frühen Neuzeit. Es griff die jeweils neuen Erkenntnisse über die Vielfalt der Formen des Lebens auf, die teils aus den Entdeckungsreisen in ferne Welten, teils aus der Erforschung der Geologie und der Versteinerungen sowie aus dem Vergleich der letzteren mit den Formen der rezenten Arten gewonnen wurden. In diesem Umfeld entstanden die Grosstheorien über die Entwicklung des Lebens und seiner Gestalten, die in der modernen Auffassung in Darwins Evolutionslehre gipfelten. 1

Nicht die Beschäftigung mit Organismen (im Unterschied zu Zellen oder Mole­ külen) charakterisiert die Naturgeschichte, sondern Praktiken des Sammelns, Beschreibens, Benennens, Vergleichens und Organisierens von Naturobjekten. Die Orte, an denen die Praktiken vorkommen, sind Kabinette, Gärten, Museen, Sammlungen; die Produkte sind Taxonomien, Anatomien und Lebensgeschichten der Organismen. Die Naturgeschichte bringt verstreute Objekte an einem Ort zusammen, wo sie sie in eine Ordnung innerhalb eines Systems bringt. Strasser 2011. ‒ Die Wissenschaftsgeschichte spricht auch von Humboldtianischer (nach Alexander von Humboldt) Naturwissenschaft, die sich der modernen universitären Disziplinenbildung tendenziell verweigert. Nyhart 1995, 90. Vgl. Cannon 1978, 106.


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Der Forschungsstand zur Basler Naturgeschichte ist durch die Darstellung des Museums von 1980 repräsentiert,2 dann durch diejenige von ­Aurel Schmidt von 1992,3 dem das Verdienst zukommt, Peter Merian (1795‒1883) auf den i­ nternationalen Kontext zu beziehen und um Verständnis für die auf Sammlungen gestützten Naturwissenschaften zu werben. Arbeiten zur Umweltforschung und zur Geschichte des Naturschutzes erschienen von Daniel Burckhardt und Stefan Bachmann in den 1990er Jahren. Zuletzt wurde diese Geschichte durch Patrick Kupper erforscht.4 Um 2000 setzten die Forschun­gen über Adolf Portmann (1897‒1982) ein, namentlich diejenigen von Markus Ritter, der ursprünglich eine Geschichte des Naturinteresses in Basel mit Schwerpunkt 19. Jahrhundert begonnen hatte.5 Aktuell arbeitet Flavio Häner an einer Dissertation zur Geschichte der (natur-)wissenschaftlichen Sammlungen.6 Zur Geschichte der völkerkundlichen Sammlung hat Serge Reubi ein umfangreiches Werk vorgelegt, das Basel mit anderen schweizerischen ethnologischen Museen vergleicht.7 Viele dieser wissenschaftsgeschichtlichen Darstellungen entstanden im Kontext einer Verlusterfahrung in den 1970er und 1980er Jahren: So schien damals die «organismische» Biologie der «molekularen» Biologie geopfert zu werden. Aus dieser Einstellung resultierte eine Perspektive, die auf einem Wettstreit zwischen alter und neuer Biologie und der Durchsetzung der letzteren aufbaute, wie sie auch hinter Niklaus Stettlers Dissertation8 steht. Diese Debatte berührt unser Thema insofern, als die frühen Anhänger der Molekularbiologie in ihren Darstellungen der Wissenschaftsgeschichte den  2

Naturhistorisches Museum / Wittmann 1980. Schmidt 1992.  4 Burckhardt 1992; Bachmann 1999; Kupper 2012.  5 Ritter 2000.  6 Flavio Häner, Dinge sammeln – Wissen schaffen: Die Sammlungen der Universität Basel und ihre wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung (1820‒1930), laufende Dissertation, Universität Basel. Plan siehe Universität Basel, Departement Geschichte, http://dg.philhist.unibas.ch/nc/departement/personen/person-details/eigene-seiten/person/haener/content/dissertationsprojekt-5/. 7 Reubi 2011. Einen Rückblick auf die historischen Forschungen über das Fach Ethnologie / Völkerkunde in der Schweiz gibt Reubi ebenda, 4–9. Bei der Benutzung des Buches wird man über kleinere Fehler (VI: Hermann Wischers statt Wichers, 139: Bernoullium statt Bernoullianum) gern hinwegsehen. 8 Stettler 2002.  3


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Aufstieg ihrer bevorzugten Richtung rekonstruierten. Durch die Verwendung von Dichotomien wie «Labor versus Feld», «Phänomenologie versus Ursachenforschung», «Reduktionismus versus Komplexitätserfassung» wurden Trennlinien in die Wahrnehmung von Stationen der Wissenschaftsentwicklung eingeführt, die ebenso viel Historisches erhellten, wie sie verdunkelten, da sie der Schaffung einer Tradition für eine neue Wissenschaft dienten. In den 1980er und 1990er Jahren wurde das Thema Biodiversität teilweise für eine Aktualisierung des naturgeschichtlichen Zugangs benutzt. Sammlungen und die damit verbundene Arbeit der Identifikation von Arten wurden als unentbehrliche Instrumente für das Verständnis der Diversität erachtet. Deren durch den Vormarsch der molekularen Biologie gefährdete Legitimität sollte auf diese Weise neu begründet werden. Autoren, die von jüngeren Vorstellungen akademischer Biologie ausgehen, halten diese dichotomische Perspektive inzwischen für überholt.9 Die Idee, die Sammlungen des Naturhistorischen Museums als «Archive des Lebens» darzustellen, beruht auf der viel älteren Tradition, die Sammlungsbestände metaphorisch als Archivalien aufzufassen. Ihr hing schon Ludwig Rütimeyer an.10 Am Beispiel der Sarasin wird erkennbar werden, dass die Metapher nicht weit hergeholt war: Ein Teil der eingelagerten Objekte ‒ seien es Artefakte in der ethnologischen Sammlung, seien es Knochen und Bälge seltener oder vom Aussterben bedrohter Arten in der Zoologie, seien es Schädel von Varietäten des Menschen, von denen man glaubte, sie würden unter dem Ansturm des Kolonialismus untergehen ‒ war entsprechend den Motiven der Sammler und Forscher durchaus als Dokumente einer bald der Vergangenheit angehörenden Welt gedacht. Auch zum Verständnis der Basler Vorgänge hilfreich sind internationale Darstellungen der Geschichte der biologischen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts, die sich denjenigen Bereichen zuwandten, die in der Kon­ struktion der Siegesgeschichte der Molekularbiologie als «nicht zielführend» gegolten hatten. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Arbeit von Nyhart.11 Ferner wurde in den letzten Jahren der Naturgeschichte, die auf die Einordnung von Organismen in Sammlungen und damit in Taxono 9

Baur 2010. Simon 2009, 298. 11 Nyhart 1995. 10


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mien aus war, eine grössere Aufmerksamkeit zuteil, so bei Jardine12 und Te Heesen13. Wegen der Bedeutung von Konzepten wie «Entwicklung» und «Evolution» im Werk der Sarasin und ihrer Lehrer müssen Produkte der «Darwin-Industrie» herangezogen werden, d.h. abgesehen von der grossen ideengeschichtlichen Interpretation von Peter J. Bowler14 und der Biographie von E. Janet Browne15 namentlich die Rezeptionsforschung in teilweise revisionistischer Absicht, wie sie Sander Gliboff16 vertritt. Für die Naturgeschichte in Basel ist bisher wenig geleistet worden, das in direktem Zusammenhang mit den aktuellen internationalen Ansätzen stünde. Unsere Geschichte der Beziehungen zwischen Staat, Universität und Museum in Basel von 2009 (geschrieben 2007) wollte die relative Stellung von Regierung, Hochschule und Sammlungen ausloten und begab sich dazu auch auf die Suche nach Orten der Forschung ausserhalb der Universität. Damit verfolgten wir das Ziel, alte Selbstverständlichkeiten (Wissenschaftsgeschichte reduziert auf Universitätsgeschichte, Forschung als expe­ rimentelle Laborforschung) lokalgeschichtlich in Frage zu stellen. Zugleich waren wir bestrebt, mit Basler Material auf das damals neu erwachte, globale Interesse für Sammlungen und deren Funktionen in der Wissenschaft des 19. Jahrhundert und des frühen 20. Jahrhunderts zu reagieren.17 Dabei liessen wir uns ausser von den bereits erwähnten Studien vor allem durch das wichtige Buch von Robert Kohler über All Creatures18 anregen, das die Geschichte der Sammlungstätigkeit nordamerikanischer Museen untersucht. Im Anschluss an unsere Forschungen über das Dreieck MuseumStaat-Universität haben wir uns mit dem Bernoullianum befasst, das zugleich als Ableger des Museums an der Augustinergasse und als Aufbruch in eine für Basel damals neue Konzeption naturwissenschaftlicher Fach­ institute gedacht war.19 Der Auszug der Physik und der Chemie aus dem Museum an der Augustinergasse bewirkte doch eine Konzentration der am 12 13

14 15 16 17 18 19

Jardine et al. 1996. Te Heesen / Spary 2001. Kurzfassung der Einsichten bei Te Heesen 2010, 141–145. Bowler 1986. Bowler 1988. Bowler 2003. Browne 1995. Browne 2003. Browne 2007. Gliboff 2005a. Gliboff 2008. Simon 2009. Kohler 2006. Simon 2011.


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alten Standort verbliebenen Wissenschaften auf Aktivitäten, für die damals Sammlungen das primäre Objekt darstellten. In allen diesen Arbeiten zeigen sich schmerzliche Lücken. So gibt es über die grossen Basler Naturgeschichtler des 19. Jahrhunderts (abgesehen von den Quellen im engeren Sinne, die wir unten diskutieren) fast nur ne­ krologische und allenfalls traditionsbildende Darstellungen, die ihrerseits meist aus der Zeit selbst stammen. Zu den überragenden Gestalten der Basler Naturgeschichte, die in keiner massgebenden neueren Darstellung gewürdigt worden sind, gehört Peter Merian, der politische, finanzielle, soziale, akademische und ausserakademische wissenschaftliche Macht in einer Person vereinte. Über ihn orientie­ ren nur Nachrufe und ein Abschnitt im Buch von Eduard His über Basler Gelehrte, das wir zur traditionsbildenden Literatur rechnen.20 Eine andere solche Gestalt war der unter Mitwirkung von Merian nach Basel berufene Berner Ludwig Rütimeyer. Bezüglich der Literatursituation gilt für sein ­Leben und Werk weitgehend dasselbe, was wir über Merian feststellen.21 Die Universitätsprofessoren behandelte Edgar Bonjour in seiner Universitätsgeschichte22 auf oft elementar-nützliche Weise. Die Beschränkung des Blicks auf die Universität bedeutet eine tendenzielle Vernachlässigung anderer Aspekte, die für die Gelehrten des 19. und noch des 20. Jahrhunderts entscheidend waren. So hatten sie unter sich eine Soziabilität ausgebildet, die – abgesehen vom schwer fassbaren privaten Verkehr, soweit er sich nicht in einer erhaltenen Korrespondenz niederschlug – in der Naturforschenden Gesellschaft in Basel manifest wurde.23 Das massgebende Werk über diese Basler Sozietät ist jedoch immer noch die Geschichte der Ge20

Rütimeyer 1883. His 1941. Ein neuerer Versuch über Merians «Wissenschaftspolitik» brachte geringe Einsichten in Merians Bedeutung als Wissenschaftler: Chiavi 2007. Viel zu knapp Schibler 2008. 21 Iselin 1906, 1‒43. Rütimeyers eigene Lebenserinnerungen in Rütimeyer 1898a. 22 Bonjour 1960. 23 Reubi 2011, 80–90 befasst sich eingehend mit der Naturforschenden Gesellschaft als Plattform für die Ethnologie in Basel. Seine Schlussfolgerung, dass der Zugang zu dieser Gesellschaft mehr über soziale Mechanismen als über wissenschaftliche Leistung erfolgte, erscheint voreilig, solange keine eingehende Analyse zu allen Fachrichtungen auf der Grundlage einer Prosopographie der in der Gesellschaft aktiven Personen vorliegt.


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sellschaft von Hans Georg Stehlin (1870‒1941), die wiederum eindeutig zum Zweck der Traditionsbildung und der Pflege der «Memoria» der gros­ sen Vorgänger verfasst worden ist.24 Die Fokussierung auf die Universität blendet schliesslich gerade den Bezug zu Sammlungen aus, der für unsere Arbeit wichtig ist. Interessant sind die Vergleiche, welche die Projekte über grosse Naturgeschichtler aus anderen Städten mit den Basler Entsprechungen ermöglichen. Darunter fallen die Arbeiten über Hans Schinz25 und Oswald Heer26, die kürzlich in Zürich publiziert worden sind. Vor dem Hintergrund dieses Forschungsstandes ist es keine Überraschung, dass die (von Fritz Sarasins Lebensdaten her gesehen) über 40 Jahre dauernde Epoche der Herrschaft der Sarasin über das Basler Museum (in den Bereichen Naturgeschichte, Ethnologie, Volkskunde) und deren Vorgeschichte im 19. Jahrhundert bisher keine Bearbeiter gefunden hat, die mit den Mitteln der aktuellen Wissenschaftsgeschichte gearbeitet hätten und zugleich in die Masse des Quellenmaterials eingestiegen wären. So bewegen wir uns mit dieser Untersuchung, die schwerpunktmässig den Voraussetzungen und der Verortung der Biologie der beiden Sarasin gilt, in einem Terrain, das heute so unbekannt ist, wie es das Innere von Sulawesi war, als die Sarasin es bereisten. Die Quellen zu der von den Sarasin betriebenen Naturforschung sind reich und arm zugleich. Der Reichtum liegt vor allem in der wissenschaftlichen Korrespondenz beider Sarasin. Der gebundene Briefbestand prä­ sentiert sie wie ein Monument, das gezielt der Nachwelt von der Grösse der Sarasinschen Unternehmungen und von der Bedeutung ihrer weltweiten Beziehungen künden soll.27 Man könnte mit einer geeigneten Methode daraus das Netzwerk erschliessen (wie dies exemplarisch an der Korrespondenz von Oswald Heer getan worden ist),28 sollte sich dabei aber nicht nur auf die Absender beschränken, sondern müsste auch jeden Brief einzeln einsehen, um die Inhalte zu skizzieren, um die sich die Netzwerke thematisch drehten. Die Masse ist zu gross, als dass diese Aufgabe in unserer aktuellen 24

Stehlin 1917. Beckmann 2012. 26 Burga 2013. 27 Staatsarchiv Basel-Stadt (StABS) Privatarchive (PA) 212a Sarasinsches Familienarchiv, T 2 Paul und Fritz Sarasin: Briefwechsel. 28 Leu 2013, 375‒446. 25


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Lage bewältigt werden könnte. Zudem sind in Basel nur die em­pfangenen Briefe erhalten. Die abgeschickten Schreiben müssten in Nachlässen der Adressaten eruiert werden, weil Briefkonzepte nicht überliefert sind. Wirklich persönliche Briefe der Sarasin an enge Verwandte sind bisher nicht gefunden worden. Eine Ausnahme bilden die Briefe von Fritz an seine Mutter aus Sulawesi,29 die aber soweit stilisiert sind, dass sie wenig Ein­ blicke in die Seele des Schreibers gewähren. Die Überlieferung betrifft weitgehend die Oberfläche und ist vermutlich in dieser Beschränkung das Ergebnis einer von Fritz Sarasin selbst getroffenen Selektion der Dokumente, soweit er nicht schon beim Schreiben eine innere Zensur walten liess.30 Bei Paul Sarasin fliessen die Quellen über sein Innenleben reichlicher, nur dass bei ihm, wie Fritz gegenüber seiner Mutter in einem der Briefe aus Sulawesi wohl richtig bemerkte, stets mit einer literarischen Verarbeitung des Erlebens zu rechnen ist.31 Im Unterschied zu Fritz suchte Paul die Öffentlichkeit, vor der er wie ein Schauspieler in verschiedenen, meist provozierenden Rollen auftrat. Eigentliche wissenschaftliche Nachlässe, d.h. Exzerpte, Bibliotheksverzeichnisse, Vorarbeiten zu Publikationen und Vorträgen, fehlen weitgehend. Was in diese Richtung weist, wurde als Bestandteile der Archive der B ­ asler Museen und derer Abteilungen anscheinend eher zufällig überliefert. Dar­ unter finden sich Korrespondenzen, die die beiden Sarasin in ihrer Funk­­ tion als Museumsverantwortliche mit Sammlern, anderen Museen, Restauratoren-Präparatoren, Grosswildjägern und Tierhändlern geführt haben. In diesem Zusammenhang sind aber auch vereinzelte Vorarbeiten zu Vorträgen und Publikationen, namentlich solche von Fritz Sarasin, im Museum der Kulturen erhalten. Nur Korrespondenzen über Museumsgeschäfte scheint das Naturhistorische Museum (frühere Abteilung Zoologie) zu kennen, die auf die systematische Ablage von Briefen durch Jean Roux (­1876–1939) zurückgehen.32 Hinzu kommen die Protokolle der Gremien, denen die Sa29

StABS PA 212a, T 2, XLI. Reste eines Nachlasses von Fritz Sarasin in Museum der Kulturen Basel, Archiv, Schachteln H Sarasin, Schachtel 09 1 bis 09 9 (vgl. unser Verzeichnis der benutzten Dokumente in Kapitel 9.2, unten). 31 Fritz an die Mutter über Paul, StABS PA 212a, XLI, Schreiben aus dem Jahr 1893. 32 Für Paul Sarasin die Korrespondenz zur Zeit seiner Präsidentschaft der Kommission für die ethnologischen Sammlungen im Museum der Kulturen, Archiv, 04 30


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rasin angehört haben. Wir beschränken uns hier für den Moment auf die Kommissionen der beiden Sammlungen zur Naturgeschichte und zur Völkerkunde. Diese Protokolle sind sowohl in einer handschriftlichen als auch in einer gedruckten Fassung überliefert.33 Das veröffentlichte Werk gehört zu unseren hauptsächlichen Quellen. Für die Frage nach der Einordnung der Ansätze und der Leistung in die Naturwissenschaften der damaligen Zeit ist es bisher weitgehend unausgewertet geblieben. Immerhin arbeitet zurzeit Bernhard Schär über die ethno­ logischen Forschungen der Sarasin in Sulawesi und damit über deren Bezug zur niederländischen Kolonialherrschaft.34 Die Ergebnisse seiner kürzlich abgeschlossenen Berner Dissertation liegen allerdings bei Abschluss unserer Forschungen noch nicht im Zusammenhang vor. Schliesslich gibt es analog zu den anderen Quellenlagen über Basler Gelehrte die Erinnerungsliteratur. Diese umfasst die gedruckte Selbstbiographie von Fritz Sarasin sowie eine umfangreiche Nekrologie zu Paul und Fritz.35 Das jüngste Dokument, das direkt in dieser Reihe steht, bildet der Katalog der Ausstellung, die 1959 durch das Völkerkundemuseum den Sarasin gewidmet worden war.36 Eine Wiederbelebung der wissenschaftlichen Erbschaft liegt in den Bestrebungen von Christian Kaufmann vor, Fritz Sarasins Ethnologie der Kanak (Neukaledonien) als Basis für die Rückbesinnung dieser Ethnie auf ihre eigene Geschichte und ihren Zustand am Anfang des 20. Jahrhunderts zu verwenden.37 In der jüngsten Vergangenheit

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Wissenschaftliche Abteilungen, 04 Korrespondenz und Dokumentation. Für den engen Mitarbeiter von Fritz Sarasin die Korrespondenz des Kustos der zoologischen Sammlungen, Jean Roux, im Naturhistorischen Museum, Archiv, gebundene Hefte ZOOL. ABT Korrespondenz Drs. F. Sarasin J. Roux, 1905 bis 1936. Naturhistorisches Museum Basel, Archiv, Protokoll der naturhistorischen Commission resp. Naturhistorische Commission Protocoll 1890 bis 1952; gedruckte Versionen 1888 bis 1942/43. Museum der Kulturen Basel, Archiv, 01 Museumskommission, 01 Protokolle, 1853 bis 1944. Eintrag in der SNF-Projektdatenbank http://p3.snf.ch/project-129813. Bei der Universität Bern geführt unter dem Titel «Tropenliebe. Basler Naturforscher, holländische Imperialisten und die ‚Entdeckung‘ von Celebes um 1900», http://www.hist. unibe.ch/content/institut/abteilungen/ch/ordinariat_studer/projekte/index_ger.html. Wir verweisen auf das Literaturverzeichnis, unten, 9.1. Hinderling et al. 1959. Kaufmann 1990. Museum für Völkerkunde 1996. Sarasin Fritz 2009.


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hat eine Reflexion über die Basler Sammlungstraditionen eingesetzt, die das Museum der Kulturen in einer Ausstellung mit begleitenden Veröffentlichungen vorstellte.38 Für einzelne Bestände, die nun leider gerade wenig mit der Tätigkeit der Sarasin zu tun haben (als Beispiel sei die Mikropaläontologie genannt), hat das Naturhistorische Museum im Internet Materialien zur Geschichte bereitgestellt.39 Zu den wissenschaftsgeschichtlich bedeutenden Quellen zählen für museologisch Interessierte die Sammlungsbestände und deren Ordnung selbst, soweit diese auf die Sarasin und deren Vorgänger zurückgehen. Im Magazin des Museums der Kulturen sind die Bestände noch weitgehend in der von ihnen hinterlassenen Ordnung greifbar,40 während das Naturhistorische Museum im Bestreben, die Systematik jeweils dem aktuellen Stand der Wissenschaft durch wiederholte Revisionen anzupassen, mehrfach zu Neuordnungen geschritten ist. 2.2 Naturgeschichtliches Interesse in Basel Wir diskutieren nun eine Reihe von Ansätzen, mit denen erklärt werden kann, warum Angehörige der Eliten sich statt dem Handel, dem Bankwesen, der Industrie, der Kunst oder dem Müssiggang gerade der Naturforschung zuwandten und inwiefern diese Beschäftigung einen «standesgemäs­ sen» Charakter haben konnte. Denn die Basler Naturgeschichte wuchs auf dem Boden eines bestimmten soziokulturellen Kontextes. Das Interesse von Laien an Naturgeschichte hatte ein Vorbild in der britischen Elitenkultur des 19. Jahrhunderts. Einblick in solche Gruppen, die 38

Kunz 2012. Museum der Kulturen 2011. Im September 2013 waren diese Dateien auf der Web Site des NMB nicht mehr auffindbar. Dafür sind zu den meisten Sammlungen historische Notizen greifbar, z.B. unter http://www.nmb.bs.ch/sammlungen/geowissenschaftliche-sammlung/palaeontologie-wirbellose-und-pflanzen/uebrige-sammlungen.htm. Oder zu den Egerkinger Beständen http://www.nmb.bs.ch/sammlungen/geowissenschaftliche-sammlung/palaeontologie-wirbeltiere/eozaene-saeuger-schweizer-bohnerzformation.htm. Diese Einträge sind allerdings nicht weiterführend. 40 Wir danken Herrn Richard Kunz, Museum der Kulturen, Basel, der uns den Aufbau der Bestände und deren Niederschlag im digitalisierten Katalog gezeigt hat. 39


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