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Von offener Universität

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U N I V E R S I TÄT B A S E L

Antonio Loprieno Von offener Universität

Schwabe Verlag Basel


A n to n i o L o p ri e n o Vo n o ffe n e r U n i ve r s i t ä t

Basler Universitätsreden 113. Heft Rede gehalten am Dies academicus der Universität Basel am 28. November 2014

Schwabe Verlag Basel


Reihe Basler Universitätsreden, herausgegeben von der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit der Universität Basel im Auftrag des Rektorats © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz · www.schwabeverlag.ch Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Basel/Muttenz, Schweiz Gestaltung: Lukas Zürcher, Riehen ISBN 978-3-7965-3383-9


Da s u n i ve r s i t ä re N a rra t i v

Erinnern Sie sich? Vor zwei Jahren habe ich Ihnen von diesem Pult aus die tragische Geschichte von Frau Professor Feuerbachs Tod erzählt. Seitdem stelle ich Klärungsbedarf fest. Ich werde immer wieder mit der Frage konfrontiert: War die Geschichte reine Fiktion oder basierte sie – wenn auch in anonymisierter Form – auf realen Vorkommnissen und individuellen Erfahrungen einzelner Mitglieder unserer Universität? Ein Kollege – ich habe nie eruieren können, ob er dies seinerseits als fiktionale Äusserung verstand oder als tatsächliche Nachfrage – erkundigte sich sogar bei meiner Assistentin über den momentanen Aufenthaltsort des Armando Tourn, jenes umtriebigen Glaubensgenossen von mir, der in dem kleinen Krimi eine doppelte Rolle spielte: die eines Informatikgenies und die eines Haupt­ verdächtigen (angesichts von dubiosen Mailattacken und Computerviren). Trotz ihrer in meinen Augen eindeutig imaginären Verortung hat also die Geschichte von der Eifersucht zwischen akademischen Eheleuten offensichtlich bewegt – womit sie das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, erreicht hat. Warum vermochte denn die Geschichte einige Leser oder Zuhörer zu bewegen? Etwa weil sie literarisch besonders gelungen war? Das kann niemand – nicht mal ihr eingebildeter Autor – im Ernst glauben. Abgesehen davon, dass man nicht über Nacht zum Schriftsteller avanciert, enthielt meine Geschichte zu viele technoide Hinweise auf Aspekte des universitären Lebens, um als poetische Fiktion auftreten zu können. Nein, der Grund für den moderaten Erfolg liegt meines Erachtens in der anscheinend adäquaten Widerspiegelung von Relationen, Argumenten oder Sachverhalten, denen wir in unserem Leben und Handeln an der Universität regelmässig begegnen. Einen solchen uns gleichsam vertrauten und doch immer wieder über­ raschenden Horizont an Erfahrungen nennt man in der Sozial- und Kultur3


anthropologie1 und in einigen Schulen der Psychotherapie2 ein Narrativ. Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, der wir emotionalen Glauben schenken und an der wir uns in unserem Verhalten – bewusst oder unbewusst – ­orientieren; eine Geschichte, deren kohäsives Potential in ihrer von einem Individuum oder einer Gruppe wahrgenommenen Kohärenz liegt. Ein individuelles Narrativ stiftet Stabilität und Ausgleich, ein gesellschaftliches Narrativ stiftet Vertrauen und Kohäsion. Dadurch ist dem Narrativ eine deutliche ideologische Komponente nicht abzusprechen. Umso wichtiger ist es deshalb, dass sich die Universität als programmatische Brutstätte der gesellschaftlichen Aufklärung über die Mechanismen jenes Narrativs oder jener Nar­rative im Klaren ist, an denen sie – gewollt oder ungewollt – direkt teilhat. D i e L o g i k d e s We tt b e we r b s

Wir alle, die wir an der Universität operieren, ringen nämlich seit zehn oder fünfzehn Jahren mit einem Narrativ, dessen sinngebende Effekte immer stärker, dessen Prämissen jedoch in Universität und Gesellschaft nicht unumstritten sind.3 In dem vor zwei Jahren vorgetragenen fiktionalen Text wurde der kritische Status des herrschenden universitären Narrativs durch den Tod von Frau Feuerbach metaphorisch zum Ausdruck gebracht. Kritisch ist der Status dieser zeitgenössischen Erzählung um die Universität deshalb, weil ihm eine bestimmte Logik anhaftet, die in meiner Fiktion als «Eifersucht» zwischen Frau Feuerbach und ihrem Mann Andrew Feller beschrieben wurde und die in der Realität unserer modernen Universität auf 1 Wolfgang Müller-Funk, Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung, Wien/New York 2002. 2 Brigitte Boothe, Das Narrativ: Biografisches Erzählen im psychotherapeutischen Prozess, Stuttgart 2011. 3 Die Anfänge dieses die gesamte Universitätslandschaft prägenden, «globalisierenden» Narrativs reichen bis in die letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück und weisen dadurch auch einen «millenaristischen» Charakter auf. Vgl. etwa die Beiträge im Sammelband von Werner Z. Hirsch und Luc E. Weber, Challenges Facing Higher Education at the Millennium, Phoenix 1999.

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den nüchterneren Namen Wettbewerb hört. Mehr als je zuvor in der Geschichte der Universität als Stätte von Lehre und Forschung regelt die Logik des Wettbewerbs das Selbstverständnis der Universität und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung. Gehen wir zuerst einen Schritt zurück. Ich habe bisher von Universität, nicht von der Universität Basel gesprochen. Doch die allgemeinen Bedingungen, die für das zeitgenössische – nennen wir es das «globalisierende» – Modell der Universität gelten, gelten auch lokal für die Hochschullandschaft Schweiz und für die Universität Basel, und dies sogar noch stärker als für die akademischen Institutionen unserer europäischen Nachbarländer.4 Aus dieser Nähe der Schweizer Universitäten zum hegemonischen – und aufgrund von Rankings propagierten – Modell der weltweiten Universität leitet sich auch der grössere Erfolg der Schweizer Hochschulen gegenüber qualitativ vergleichbaren deutschen oder französischen Universitäten ab: Denn Struktur und Strategie einer Universität wie der unsrigen entsprechen jenem globalisierenden Narrativ, das die besten angelsächsischen – oder wie im Falle von Ostasien: angelsächsisch inspirierten – Universitäten idealtypisch verkörpern. Das heisst aber auch, dass es ein spezifisches, für die Universität Basel konstitutives Narrativ nicht (oder noch nicht) gibt. Im Selbstverständnis der ETH oder der Universität St. Gallen oder der Oxford University existiert eine solche zwar nicht schriftlich ausformulierte, aber enzyklopädisch verankerte, sinnstiftende Erzählung durchaus. Für die Universität Basel oder die Universität Zürich oder die Universität Tübingen 4 Vgl. Antonio Loprieno, Wie «europäisch» ist die Schweizer Hochschullandschaft?, in: Gerhart von Graevenitz und Jürgen Mittelstraß (Hrsg.), Das Projekt Europa. Rechts-, forschungs- und kulturpolitische Aspekte, Konstanzer Wissenschaftsforum, Band 2, Konstanz 2009, 99–110; siehe auch id., Contemporary challenges for the Swiss – and the continental European – university system, in: Luc E. Weber und James J. Duderstadt (Hrsg.), Preparing Uni­ versities for an Era of Change, London 2014, 165–172.

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hingegen besteht ein solches autonomes Narrativ (noch) nicht. Deshalb orientieren sich diese sehr guten kontinentaleuropäischen Universitäten in unterschiedlichem Umfang an dem sich etablierenden globalisierenden Narrativ. Fu n d ra i s i n g

Der Dualität von hervorragenden Universitäten wie der Universität Oxford, die über ein eigenes Narrativ verfügen, und anderen hervorragenden Universitäten wie der Universität Basel, die am gemeinsamen globalisierenden Narrativ teilhaben, entspricht ein interessanter Unterschied im Bereich des Fundraising5 (oder der Hochschulförderung, wie man sie jetzt politisch korrekt nennt), den ich als Opposition von institutionellem und diszipli­ närem Fundraising beschreiben möchte. An Hochschulen, in denen aufgrund der kulturellen Tradition (wie im angelsächsischen Bereich) oder der fachlichen Kompaktheit (wie etwa an der HSG) ein etabliertes gesamtuniversitäres Branding leicht zu erkennen ist, lässt sich ein institutionelles Fundraising erfolgreicher gestalten als an Hochschulen wie der Universität Basel, an denen die identitätsstiftende Funktion traditionell vom gelehrten oder studierten Fach, nicht von der institutionellen Marke, ausgeübt wird. Beim institutionellen Fundraising wird die Hochschule selbst zur Trägerin distinktiver Eigenschaften (die in der Logik des Wettbewerbs schnell als Alleinstellungsmerkmale der jeweiligen Institution aufgefasst werden) und bietet so eine breite Identifikationsfläche für verschiedene Gruppen von Stakeholdern (von den Alumni bis zu philanthropischen Mäzenen oder 5 Vgl. das mit Unterstützung der Gebert Rüf Stiftung erarbeitete Dossier «Unsere Exzellenz: Schweizer Hochschulen im Kampf um private Mittel»: http://www.schweizermonat.ch/subscription_visitor/unsere-exzellenz-schweizerhochschulen-im-kampf-um-private-mittel

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privaten Sponsoren). Der primäre Adressat der Förderung ist in diesem Fall die Hochschule als Ganze. An Volluniversitäten humboldtscher Prägung laufen hingegen Initiativen im Bereich des Fundraising in der Regel über eine disziplinäre Förderung. Diese Priorisierung der fachlichen Perspektive ist in unserer institutionellen Kultur derart verwurzelt, dass potentielle Sponsoren manchmal nicht bereit sind, der Universität eine eigene Strategie zuzugestehen, die jenseits der fachlichen Differenzen liegt. Häufig lässt sich beobachten, dass Förderer den direkten Kontakt mit den Forschenden unter Umgehung der Universitätsleitung suchen, die oft nur als gierige Produzentin administrativer Zusatzkosten angesehen wird. Durch diese in einer Volluniversität besonders gepflegte, enzyklopädische Nähe zwischen Förderern und Geförderten trägt die Drittmittel-Förderung zuweilen zur Erhaltung von Strukturen bei, für die gesamtuniversitär bereits eine institutionelle Erneuerung vorgesehen war. Dies liegt daran, dass es Akademikern leichter fällt, inhaltliche Konzessionen im Sinne der Erhaltung von Strukturen zu machen, als sich auf strukturelle Neuerungen einzulassen, von denen zunächst nur die Universitätsleitung annimmt, dass sie auch den wissenschaftlichen Bedürfnissen besser gerecht würden. Aufgrund der hohen öffentlichen Sichtbarkeit von Drittmittel-Zuwendungen können also nichtstaatliche Stakeholder eine dynamische, zu jener des Staates alternative Rolle an der Universität spielen und deren institutionelle Strategie nachhaltig beeinflussen. Darin liegt eine nicht unerwartete Ähnlichkeit zwischen Fundraising und Kommunikation. Denn auch die universitäre Kommunikation sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass die Vorstellung einer globalen, fachund kulturübergreifenden Universität im öffentlichen Bewusstsein – egal ob bei wirtschaftlichen, politischen oder zivilgesellschaftlichen Akteuren – 7


noch nicht ausreichend wahrgenommen wird. Journalisten wie jener Herr Becker, der in meinem Krimi auftrat und auch fünfzehn Jahre nach Umsetzung der Bologna-Reform im Übergang zu diesem Studienmodell die Wurzel allen Übels sah, reagieren auf ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Aufrechterhaltung eines Modells von Universität, das aus der Zeit vor dem Auftreten der institutionellen Logik des Wettbewerbs stammt: Sie propagieren ein Bild der Universität (und hier ist auch die Universität Basel gemeint), das auf korporativen, d.h. standesbasierten Kategorien gründet und das einer – wie ich das nennen möchte – Logik der Kooptation gehorcht. D i e L o g i k d e r Ko o p t a t i o n

Was unterscheidet nun dieses in unserer Akademie immer noch sehr präsente Moment der Kooptation von jenem des Wettbewerbs, der dem zeit­ genössischen universitären Narrativ mit seinem Fokus auf Messbarkeit und institutionellem Branding zugrunde liegt? Ist Wettbewerb nicht seit eh und je eine konstante Komponente, ein inhärenter Bestandteil der Forschungstätigkeit, also des universitären Lebens überhaupt? Nein, das ist nicht der Fall. Die Logik des Wettbewerbs gehörte nicht zum Narrativ der humanistischen Universität.6 In deren basisaristokratischen Tradition war im Gegenteil eine explizite Zelebrierung des Wettbewerbs, wie wir sie jetzt etwa im Bereich der Nachwuchsförderung seitens des SNF kennen, sogar verpönt. Der humboldtschen Universität lag nämlich eine andere narrative Logik zugrunde, eben die Logik der Kooptation, d.h. der Aufnahme in einen Stand durch die Mitglieder einer Community gemäss 6 Dazu siehe Hans-Albrecht Koch, Die Universität. Geschichte einer europäischen Institution, Darmstadt 2008; Rudolf Stichweh, Wissenschaft, Universität, Professionen, Neuauflage, Bielefeld 2013; http://de.wikipedia.org/wiki/ Universität

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deren kulturellen Konventionen. Verfahren wie die Habilitation, durch die man in einen Stand aufgenommen und darin «toleriert» wird (vgl. den Gebrauch des Wortes venia), das Verhältnis zwischen Doktorvater und Doktoranden im klassischen (germanischen) Promotionsverfahren und wohl auch das gesamte Fakultätswesen als solches erinnern noch an dieses alte Narrativ, das im Leben europäischer Universitäten weiterhin sehr präsent ist. Ausdruck dieser zurzeit rezessiven Logik der Kooptation sind (oder waren) Phänomene wie Leitbilder, Rezensionen oder Stellungnahmen, und generell der Fokus auf wissenschaftliche oder wissenschaftspolitische Programme. Ausdruck der jetzt verbreiteten Logik des Wettbewerbs sind hingegen Phänomene wie Strategiepapiere, Forschungsanträge oder Kooperationsvorhaben und generell ein Fokus auf Projekte. Obwohl diese zwei Wörter, Programm und Projekt, beide mit dem Präfix pro- anfangen, handelt es sich in den zwei Fällen um sehr verschiedene Pros: Das Pro- von Programm ist griechisch und bedeutet «vor», in kognitiver wie in zeitlicher Hinsicht. Ein Programm ist also eine Vor-Schrift, ein Text, in dem künftiges Handeln an bestehende Vor-Gaben oder Vor-Lagen geknüpft ist. Dieser semantische Horizont passt sehr gut in die Logik der Kooptation, die sich an bestehenden inhaltlichen oder gesellschaftlichen Kontexten orientiert. Das Präfix pro- in Projekt ist hingegen lateinisch und bedeutet «für», «anstelle von». Ein Projekt ist also ein zukunftsorientierter Ent-Wurf, der im Idealfall neue Wege beschreitet und sich insofern besser in die Logik eines Wettbewerbs einfügen lässt. Mögen einige von uns nun den Kampf zwischen diesen zwei Logiken prima facie als endgültig zugunsten des Wettbewerbs entschieden ansehen, so zeigt die Logik der Kooptation in vielen Bereichen der Universität – man denke etwa an Zusammensetzung und Verhalten fakultärer Gremien, aber 9


auch, wie oben angedeutet, an das nichtkompetitive Fundraising oder an das Bild der Universität in der Öffentlichkeit – eine Vitalität, die für die nächste Zeit eine spannende Dialektik in der Universitätslandschaft erwarten lässt. Insbesondere in den Universitäten unseres nördlichen Nachbarlandes wird die Logik des Wettbewerbs – wahrscheinlich als Folge eines humanistischen Verständnisses von Universität, das radikaler ausgelegt wird als in der Schweiz, wo die hegemonische Rolle der ETH die gesellschaftliche Erwartung eines unmittelbaren Anschlusses der Universität an die Arbeitswelt begünstigt – häufig herausgefordert. Man kann dies etwa der programmatischen Mahnung der frisch gewählten Präsidentin einer grossen deutschen Universität ablesen, von der exzessiven «Projektitis» wegzukommen und stattdessen die Grundfinanzierung ihrer Universität zu stärken,7 oder der immer noch verbreiteten, kulturpessimistischen Kritik an der fünfzehn Jahre alten Studienreform, obwohl das Studium vor Bologna in unserem heutigen universitären Alltag eher den Status einer archäologischen Spur als den einer konkreten Alternative beanspruchen dürfte. Ausserdem war die Universitätslandschaft in den Jahren der Einführung der BolognaReform noch sehr stark von emanzipatorischen Aspekten geprägt (z.B. mit einem insbesondere für die osteuropäischen Länder nach dem Ende der Sowjetunion wichtigen Fokus auf Mobilität und Berufsbefähigung), während fünfzehn Jahre danach der solidarische Geist eines europäischen Hochschulraumes mit vielen Auslandsaufenthalten und joint degrees eine Reihe von Ernüchterungen erfahren hat und anscheinend dem ökonomisierenden interuniversitären Wettbewerb Vorrang eingeräumt wurde.8 7 Birgitta Wolff, http://www.fr-online.de/bildung/goethe-uni--gemeinsam-fuer-alle-arbeiten-,24827914,27868568.html 8 Vgl. Hristina Markova, Exzellenz durch Wettbewerb und Autonomie? Deutungsmuster hochschulpolitischer Eliten am Beispiel der Exzellenzinitiative, Konstanz 2013.

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Eine brisante politische Auslegung der Dialektik von (postmoderner) Logik des Wettbewerbs und (moderner) Logik der Kooptation zeigt sich etwa in der deutschen Universitätslandschaft durch die Zäsur zwischen dem innovativen Charakter der Exzellenzinitiative einerseits und andererseits dem restaurativen Charakter der von einigen sozialdemokratischen Regierungsprogrammen entworfenen Universitätsgesetze (Beispiele dafür sind BadenWürttemberg und Nordrhein-Westfalen), in denen die Rolle der Senate bzw. der Ständevertretungen aus- und jene der Hochschulräte abgebaut werden und die deshalb bei den Präsidien der globalisierenden Universitäten auf äusserste Skepsis stossen. E x ze l l e n z

Nun ist es ein wesentliches Merkmal unseres universitären Narrativs, dass bestimmte Werte als paradigmatisch für die Institution Universität verstanden werden und deshalb uneingeschränkt positive Konnotationen entwickeln, die ihrer historischen Bedeutung nicht eingeschrieben sind. Das momentane Primat der Wettbewerbslogik im universitären Narrativ ist der Grund für den Erfolg zweier solcher Werte, die bis vor kurzem so wenig wie der Begriff Strategie zum semantischen Horizont einer Universität gehörten:9 Exzellenz und Innovation.10 Nicht um diese Begriffe zu dekonstruieren, sondern um sie zu reflektieren, wollen wir uns kurz mit deren Begründung im Narrativ der modernen Universität befassen. In meiner Kriminalgeschichte von 2012 litt Andrew Feller an der von ihm nicht verarbeiteten Exzellenz seiner Frau, mit der er nicht konkurrieren   9 Sogar im angelsächsischen Bereich war die Notwendigkeit einer universitären Strategie am Anfang dieses Jahrhunderts alles andere als unumstritten: vgl. James J. Duderstadt, A University for the 21st Century, Ann Arbor 2000, 262 ff. 10 Sibylle Reichert, Trends in der europäischen Wissenschaftspolitik, in: von Graevenitz und Mittelstraß, Das Projekt Europa, 111–118.

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konnte. Sie leitete ein drittmittelfinanziertes Unternehmen mit zwanzig jungen Forschenden, zwei davon mit einem ERC Starting Grant, er kam aufgrund eines neuen dual career-Programms ‹nur› als ihr Mann zu uns. Sie war exzellent, er ‹nur› ein sehr guter Forscher. Wie ist es an unseren Universitäten zu dieser Glorifizierung der Exzellenz gekommen? Anders als man prima facie denken könnte (die Macht des Narrativs!), handelt es sich dabei, genauso wie im Falle des Wettbewerbs, um ein in unserer akademischen Kultur relativ neues Phänomen. In der von der Logik der Kooptation geleiteten europäischen Universität war Stand, nicht Exzellenz, das identitätsstiftende Merkmal, die konstitutive Eigenschaft des professoralen Status:11 Exzellenz im etymologischen Sinne von «Auszeichnung» war in dieser Enzyklopädie ein Kennzeichen der Professoren an sich, nicht die messbare Leistung von einigen wenigen. Die Vergesellschaftung der Universität hat jedoch zur Übernahme der angelsächsischen Vorstellung der Universität als Ort einer emanzipatorisch verstandenen Exzellenz in gesellschaftlicher genauso wie in wissenschaftlicher Hinsicht geführt. Von einem Eminenz-basierten Verständnis von Exzellenz sind wir in den letzten zwanzig Jahren – das bezeugen in der globalen Universitätslandschaft die unterschiedlichsten Beispiele von der deutschen Exzellenzinitiative bis zum Center of Excellence Program in Japan12 – zu einem Evidenz-basierten, d.h. auf Messbarkeit beruhenden Verständnis dieses Begriffes übergegangen. Und bei aller Anerkennung der Bedeutung dieser Komponente im universitären Narrativ darf man den Preis nicht übersehen, den ein solches «objektivier11 Walther Ch. Zimmerli, «Nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für das Leben …» Alte Aufgaben der Universität im Licht eines neuen Europas, in: Peter Rusterholz und Anna Liechti (Hrsg.), Universität am Scheideweg: Herausforderungen, Probleme, Strategien, Zürich 1998, 113–137. 12 Jochen Gläser und Peter Weingart, Die Exzellenzinitiative im internationalen Kontext, in: Stephan Leibfried (Hrsg.), Die Exzellenzinitiative. Zwischenbilanz und Perspektiven, Forschungsberichte BBAW, Band 24, Frankfurt a.M. 2010, 233–258.

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bares» Verständnis von Exzellenz im Sinne solidarischer Anliegen wie etwa der Chancengleichheit fordert. Denn natürlich hoffen wir alle, dass – wie im Falle von Armando Tourn – durch die Förderung der Chancengleichheit auch eine Form von Exzellenz erzielt wird, aber im Regelfall gilt es, Prioritäten zu setzen und sich entsprechend zu entscheiden. D i ve r s i t ä t

Im zeitgenössischen universitären Diskurs mündet das gesellschaftliche Anliegen der Chancengleichheit tendenziell in jenes der Diversität. Diese Entwicklung ist eine Folge der Erkenntnis, dass eine Privilegierung von Exzellenz unausweichlich zu Einbussen im Bereich der Chancengleichheit führt.13 Hier springt die Diversität (und auf der Ebene der wissenschaftlichen Reflexion die diversity studies) als globalisierende Variante der Chancengleichheit (bzw. auf wissenschaftlicher Ebene der gender studies) ein. In einer vom Streben nach Exzellenz gesteuerten universitären Enzyklopädie wird die emanzipatorische Perspektive der Chancengleichheit, die auf den Abbau der Benachteiligung von Frauen ausgerichtet ist, durch eine entideologisierte, selbstsichere Diversität ersetzt, die sich an der Aufhebung von Barrieren für Andersartige orientiert. Als paradigmatisch dafür mag das vom Deutschen Stifterverband gewählte, assoziationsstarke Motto zur Darstellung der Diversitätsförderung gelten: «Ungleich besser! Verschiedenheit als Chance».14 Man mag den Unterschied zwischen gender- und diversity-Anliegen als nur semantische Nuance ansehen und relativieren, 13 Jonathan Adams und David Smith, Funding Research Diversity. A Report from Evidence Limited to Universities in the United Kingdom; vgl. auch Jonathan Adams and David Smith, Higher education, research and the knowledge economy: From Robbins to ‹the gathering Storm›, in: D. Watson und M. Amoah (Hrsg.), The Dearing Report: Ten Years on, London 2007, 81–108. 14 http://www.che-consult.de/cms/?getObject=750&getLang=de

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doch scheinen mir die Konsequenzen für das generelle Schicksal gesellschaftlich-emanzipatorischer Aspekte in der offenen Universität überlegenswert. Denn der unterschiedliche – modern-emanzipatorische vs. postmodern-entideologisierte – Umgang mit der Frage sozialer Differenz kann, wenn er an der Universität nicht gebührend reflektiert wird, schnell dazu führen, dass ironischerweise gerade der modern-emanzipatorische Ansatz im universitären Diskurs konservative Positionen bezieht, was für die aufklärerische Rolle der Wissenschaft jenseits der politischen und ideologischen Auseinandersetzungen sehr schade wäre. Q u a l i t ä t s k u l tu r

In keinem Bereich ist das Paradox eines scheinbaren Anschlusses der postmodernen an die prä-moderne Universität mit der Erzeugung einer skeptischen Haltung von Seiten der Vertreter des Universitätsmodells nach 1968 so offensichtlich wie im Berufungswesen. Hier möchte ich den Übergang von einem in der Logik der Kooptation verankerten Berufungs- zu einem der Logik des Wettbewerbs entsprechenden Findungsprozess bei der Besetzung von Professuren thematisieren. Vor kurzem wurde ich als Mitglied in einer Berufungskommission für die Besetzung einer sehr namhaften Professur an einer jener zwei englischen Universitäten aufgeboten, die wir fast schon sprichwörtlich mit akademischer Tradition und Qualität in Verbindung zu bringen pflegen. Im Hinblick auf die Qualität der Entscheidung war das ein hervorragendes Verfahren: Es wurde zweifelsohne der beste Kandidat bestimmt. Im Hinblick auf das, was wir jetzt Qualitätssicherung nennen, wies das Verfahren aber so viele gravierende Mängel auf, dass jeder von einer europäischen Akkreditierungsagentur mobilisierte Experte, von einem deutsch- oder französischsprachigen 14


Akademiker der Alt-68er gar nicht erst zu reden, bei der Sichtung der äusserst knappen Verfahrensakten einen Herzinfarkt erlitten hätte. Die Gutachterrunde, die sich durch wissenschaftlich hervorragende, aber nicht nur dem Fach nahestehende Persönlichkeiten auszeichnete und über deren gender- und standesgerechte Zusammensetzung ich aus Vertraulichkeitsgründen nicht berichten darf, unterhielt sich einmal eine ganze Stunde lang am Telefon über die einzuladenden vier Endplatzierten, bevor Letztere an einem einzigen Tag «vorsangen». In der Schlussdiskussion wurde man sich noch am selben Nachmittag schnell einig, so dass der gewählte Kandidat am gleichen Abend informiert werden konnte vom Vorsitzenden der Berufungskommission, dem Dean eines College, dessen Titel übrigens in anderen Colleges Provost, in wieder anderen Head oder Principal lautet (die in der Schweiz immer wieder verlangte einheitliche Nomenklatur lässt grüssen). Er nahm den Ruf spontan an. Auf meine naiv retardierende Frage, ob man nicht doch vorher das Rektorat der Universität in Kenntnis setzen müsse, reagierte die Runde mit einem Unverständnis, als hätte ich eine vorgängige Information der Königin suggeriert. Ein Wind der Rückbesinnung auf einfache Berufungsverfahren frei von akademisch-politischen Querelen weht auch an unserer Universität. Es mehren sich auch bei uns die Kontexte, in denen nicht nur das Rektorat, sondern ebenso universitäre Gremien wie Fakultäten oder Departemente die Flexibilität einer Findungskommission der Representativität einer formalen Berufungskommission vorziehen. Warum? Weil man in der Logik des Wettbewerbs, anders als in der Logik der Kooptation, schneller, kompetenter, unpolitischer, individueller entscheiden möchte: der Findungsprozess als personalisierte Variante des Berufungsprozesses, wie überhaupt die Führung dieses Universitätsmodells vom Charakter der personalization 15


geprägt ist. Ganz allgemein gewinnt man den Eindruck, dass institutional turn und individual turn Hand in Hand gehen, was wiederum eine scheinbar kontraintuitive Beobachtung nährt: In einer an der Logik des Wettbewerbs orientierten Qualitätskultur solidarisieren sich die institutionelle und die individuelle Perspektive auf Kosten des in der Logik der Kooptation verankerten, basisaristokratischen Verständnisses akademischer Qualität. Auch in diesem Fall können wir graduelle Etappensiege der neuen Logik beobachten, auch in diesem Fall mit einer solidarischen Anknüpfung globalisierter postmoderner Erwartungen an die «prämodernen» Muster angelsächsischer Eliteuniversitäten – bei denen man sich an die Positionen des Theaterwissenschaftlers Professor Jan Nordstern in seiner Aufführung von Shakespeares Richard II erinnert fühlt – hinter dem Rücken der nach der 68er-Bewegung entstandenen Universität der Stände. Vor diesem Hintergrund ist auch das schwierige Los zeitgenössischer Bestrebungen im Bereich der Qualitätssicherung zu würdigen: Die übertriebene Fokussierung auf die Mechanismen der Urteilsfindung (auf die Qualitätssicherung), um die Tücken einer (inhaltlichen) Urteilsbegründung (der Qualität) zu umgehen, wird es à la longue schwer haben, akademische Unterstützung zu mobilisieren. Ein Weg aus dem Dilemma ist das an unserer Universität präferierte Modell einer administrativ schlanken, aber emotional dichten Qualitätskultur mit der Reduktion der rein administrativen Dispositive zugunsten der Hervorhebung des persönlichen Einsatzes als institutionellem Qualitätsmerkmal. I n n ova t i o n

Neben dem Primat der Exzellenz ist eine wichtige Komponente des zeit­ genössischen universitären Narrativs das Bekenntnis zur Innovation. Selbst 16


wenn wir uns nur auf die Schweiz konzentrieren, haben wir in den letzten Jahren explizite Signale dieser Entwicklung bekommen, etwa durch die Änderung im Namen zweier wichtiger Organe unserer Universitätslandschaft, des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation und des Schweizerischen Wissenschafts-, Forschungs- und Innovationsrats, oder durch die immer grösser werdende Bedeutung von Wissens- und Technologietransfers, spin-offs und anwendungsorientierten Nebentätigkeiten15 im Rekrutierungs- und im Nachwuchsförderungswesen an Schweizer Universitäten. Nur oberflächlich folgt diese Entwicklung einem «utilitaristischen» Willen bzw. einer kruden Orientierung an wirtschaftlichen Interessen.16 Die Gründe liegen, glaube ich, tiefer und hängen auch mit einem veränderten Verständnis von wissenschaftlicher Tätigkeit zusammen, wofür die wissenschaftliche Community selbst verantwortlich ist. Ich möchte diese Entwicklung als Übergang von einem Verständnis der Wissenschaft als «Forschung» zu einem Verständnis von Wissenschaft als «Erforschung-von» verstehen. Kennzeichnendes Merkmal der universitären Tätigkeit ist nach letzterem Verständnis nicht – wie in der Tradition der klassischen, auch der angelsächsischen Universität – eine kontinuierliche Tätigkeit, d.h. eine activity [~~~~~] wie «forschen» oder «studieren», sondern sie kulminiert in einem Ergebnis, ist achievement [(~~~~~)<+>], d.h. Resultat eines Prozesses wie «entdecken» oder «erfinden».17 Auch in diesem Fall spielt die Frage der Messbarkeit eine Rolle: In der Logik der Kooptation genoss jede 15 In der französischen akademischen Sprache nennt man diesen Themenkomplex valorisation («wirtschaftliche und gesellschaftliche Verwertung von wissenschaftlichen Erkenntnissen»), wodurch die moralische, d.h. enzyklopädische Komponente dieser Entwicklung besonders deutlich zum Ausdruck kommt. 16 Zum Utilitarismus in der Wissenschaft vgl. Hartmut Heuermann, Wissenschaftskritik. Konzepte – Positionen – Probleme, Tübingen/Basel 2000, 92–109. 17 Für Bedeutung und linguistische Analyse der verschiedenen Aktionsarten vgl. Zeno Vendler, Linguistics in philo­ sophy, Ithaca 1967; Jean Winand, Temps et aspect en égyptien. Une approche sémantique, Leiden 2006.

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Tätigkeit eines Kooptierten einen systemischen Vertrauensvorsprung, den es in der Evidenz-basierten Logik des Wettbewerbs nicht – oder nicht allein aufgrund des Status – geben kann. Hingegen erkennt man in einem wissenschaftlichen Kontext, wo Wettbewerb als höchstes Gut verhandelt wird, die potentielle Gefahr, dass eine activity wie «forschen» [~~~~~] zu einem state wie «Forscher sein» [———] ausartet und dadurch die Relevanz messbarer Ergebnisse ausgeklammert wird. Nun birgt aber, wie wir mittlerweile wissen, auch eine zu starke Fokussierung auf das Resultat eine vergleichbare systemische Gefahr, und zwar jene der Privilegierung kurzfristiger Ergebnisse und damit der Vereitelung langzeitiger Forschungsprojekte und -förderungen, deren drohende Ausklammerung heute in mehreren Wissenschaftskulturen moniert wird.18 S p ra ch p o l i t i k

Erinnern Sie sich noch an meine kollegiale Polemik mit Andrew Feller à propos Sprachpolitik an der Universität Basel? Ihm gegenüber hatte ich mich gegen ein «belgisches», exklusives und für ein «globalisiertes», inklusives Verständnis von Zweisprachigkeit an der Universität Basel ausgesprochen. Meine Vorstellung war die eines sprachlichen Kontinuums zwischen baseldeutscher Provinzialität und englischsprachiger Globalität. Ich möchte nun diese Vorstellung etwas präzisieren. Soziolinguistisch befinden wir uns nämlich in der derzeitigen akademischen (und nicht nur akademischen) Welt in einer Phase des Übergangs von einem internationalen zu einem globalen Verständnis sprachpolitischer Fragen. Letzteres unterscheidet sich von Ersterem durch eine Entideologisierung der kulturellen Dimension der 18 Förderung der Geisteswissenschaften in der Schweiz im Zeitraum 2002–2012. Swiss Academies Reports 9, 3, 2014: http://www.akademien-schweiz.ch/index/Publikationen/Swiss-Academies-Reports.html

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Sprache: An der Universität, anders als in der Politik oder in der Schule, findet heute die Interaktion zwischen unterschiedlichen sprachlichen Codes nicht mehr im Kontext von Nationalsprachen statt, zwischen denen ein Ausgleich gefunden werden muss, der auch mit Identität, Nationalität oder Religion zu tun hat. Der heutige kommunikative Kontext in Wissenschaft und Akademie ist (wie übrigens auch in anderen Branchen, etwa im Tourismus) geprägt von der Polarität zwischen einer Lingua franca19 und einer Reihe von Dialekten. Die Lingua franca ist ein globaler kommunikativer Code für den «technischen» Diskurs unter Ausblendung der kulturellen Prämissen der Sprechenden; der Dialekt – in diesem übertragenden Sinne – ist hingegen ein lokaler kommunikativer Code, in den die kulturellen Prämissen der Sprechenden einfliessen. Die generell für die Moderne und für die akademische Welt bis vor zehn Jahren geltende Dialektik verschiedener Nationalsprachen, von denen jede über eine hohe, schriftsprachliche Form und verschiedene volkstümliche Formen der Mundart verfügte (Deutsch, Französisch, Italienisch usw.), entspricht also einem ganz anderen kommunikativen Muster als die postmoderne Polarität zwischen einer (und nur einer) Lingua franca der Wissenschaft und mehreren Dialekten (Baseldeutsch, Französisch, Holländisch, Hochdeutsch usw.) für die nichttechnischen Kontexte. In der globalisie­ renden Universität sind also auch Kultursprachen wie Schriftdeutsch oder Italienisch im Grunde zu Dialekten des Englischen geworden: Ihre Bedeutung als Wissenschaftssprache nimmt proportional zur graduellen Erweiterung des wissenschaftlichen Horizonts der Lingua franca ab. Dabei spielt ihr Status als Nationalsprachen der Schweizerischen Eidgenossenschaft eine 19 Vgl. Nicholas Ostler, The Last Lingua Franca. The Rise and Fall of World Languages, London 2010.

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völlig untergeordnete Rolle. Mit anderen Worten: Es ist überaus wichtig, an unserer Universität das Deutsche (oder in spezifischen Kontexten auch das Französische oder das Italienische) zu pflegen, aber nicht aus technischen, sondern aus kulturellen Gründen, etwa im Sinne der zivilgesellschaftlichen Einbindung der Universität. Denn welche Sprache in welchem akademischen Kontext die geeignete ist, ob die Lingua franca oder ein Dialekt X (und sei dieser Dialekt auch eine der grossen Kultursprachen der Menschheit wie das Deutsche), wird nicht durch einen Rektoratsbeschluss fixiert, sondern ergibt sich aus einer vernünftigen, d.h. unideologischen Beurteilung der jeweiligen kommunikativen Konstellation. Um in dieser Frage Orientierung zu finden, liesse sich exemplarisch ein historischer Fall anführen, bei dem vor ziemlich genau 3500 Jahren eine ähnliche Aufhebung staatssprachlicher Aspekte zugunsten einer diplomatischen Lingua franca erfolgte. Aus der ägyptischen Stadt Amarna, der Heimat des religiösen Reformators Echnaton, ist eine internationale Korrespondenz erhalten, die zwischen den vorderorientalischen Höfen der Späten Bronzezeit geführt wurde. Ungeachtet ihrer Herkunft sind die Briefe in akkadischer, d.h. babylonischer Sprache verfasst – der damaligen diplomatischen Lingua franca.20 Die Völker des Vorderen Orients bekämpften sich wegen vielem, aber, anders als heute, nicht wegen Sprache oder Reli­ gion – falls heute Religion wirklich der Grund für viele Konflikte ist, was ich bezweifle. Deshalb möchte ich etwas provokativ, aber vielleicht nicht ganz unberechtigt behaupten, dass der einzige Dialekt des Englischen, der heute in der Schweiz gefährdet ist, das Hochdeutsche ist, weil es weder spontan gesprochen wird (abgesehen von der kleinen Minderheit der deutschen 20 http://de.wikipedia.org/wiki/Amarna-Briefe

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