W S U Band 4
ÂŤMenschen grasten nun mit dem ViehÂť Grosse VulkanausbrĂźche kĂśnnen das Klima stark beeinflussen. Auf den Ausbruch des Tambora in Indonesien im April 1815 folgte in Mittel- und WestÂeuropa 1816 ein ÂŤJahr ohne SommerÂť. Anhaltende Nässe und Kälte zogen ErnteÂausfälle, Teuerung, Armut, Krankheit und Tod nach sich. Die Schweiz litt besonders stark unter der letzten grossen Subsistenzkrise des Westens. Die Studie untersucht die Geschichte des Hungers zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus einer interdisziplinären Perspektive. Das von Daniel Krämer entwickelte Modell zu den konzeptionellen Strukturen des Hungers erlaubt eine Untersuchung der langfristigen Ursachen, der kurzfristigen AuslĂśser, der unmittelbaren Auswirkungen und der angewandten Adaptionsstrategien auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen. Auf eigens erstellten Mangel ernährungskarten werden zudem erstmals die erheblichen Unterschiede der Âsozio-Ăśkonomischen Verletzlichkeit auf eidgenĂśssischer Ebene sichtbar. Die Schweiz als kleines, aber in vielerlei Hinsicht hĂśchst heterogenes Terri torialgebilde eignet sich hervorragend fĂźr eine Studie mit Modellcharakter in der historischen Hungerforschung. Der Autor Daniel Krämer studierte Geschichte, Medien- und Politikwissenschaften an der Universität Bern und war 2007–2012 Assistent am dortigen Lehrstuhl fĂźr Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte. Seine Dissertation wurde vom Direktorium des Historischen Instituts der Universität Bern als beste ab geschlossene Promotion im Jahr 2013 ausgezeichnet. Die Spezialgebiete des Autors liegen in den Bereichen Hungerforschung, Naturkatastrophen und RegionalÂgeschichte.
, 6 % 1
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
Daniel Krämer
4
Daniel Krämer
Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte
ÂŤMenschen grasten nun mit dem ViehÂť
W S U
W S U 4
ÂŤMenschen grasten nun mit dem ViehÂť Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17
Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte (WSU) Band 4
Herausgegeben von Christian Pfister und Christian Rohr, Historisches Institut der Universität Bern
Daniel Krämer
«Menschen grasten nun mit dem Vieh» Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17 Mit einer theoretischen und methodischen Einführung in die historische Hungerforschung
Schwabe Verlag Basel
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und der Burgergemeinde Bern.
Abbildung auf dem Umschlag: Unbekannter Künstler, Hungertafel 1816/17. Toggenburger Museum Lichtensteig.
Copyright © 2015 Schwabe AG,Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Julia Grütter Binkert, Schwabe Umschlaggestaltung: Thomas Lutz, Schwabe Satz: Daniel Krämer, Bern Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3375-4 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhalt
Vorwort und Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Prolog
1.
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
1.1
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
1.2
Ein ‹Hungerpanorama› als Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
31
Historische Überblicksdarstellungen zu Hunger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
32
Internationaler Forschungsstand zur Hungerkrise 1816/17
. . . . . . . . . .
37
Forschungsstand in der Schweiz zur Hungerkrise 1816/17 . . . . . . . . . . .
56
Studentische Forschungsarbeiten an der Universität Bern . . . . . . . . . .
77
Der Untersuchungsraum ‹Schweiz› – eine Auslegeordnung . . . . . . . . .
85
1.3
Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
90
1.4
Relevanz
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
1.5
Begriffe und Definitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
97
‹Hunger› in den Augen der Zeitgenossen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
97
‹Hunger› in der Forschungsliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
Die verschiedenen Dimensionen der ‹Verletzlichkeit›
1.6
Quellen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
. . . . . . . . . . . . . . .
104
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
108
Protokolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Statistische Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
1.7
Aufbau der Arbeit
2.
Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
2.1
Der Sinn theoriegeleiteter Forschung
2.2
Nahrungsangebotstheorien (FAD-Theorien)
Thomas Robert Malthus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
Annales-Schule und Krisen des type ancien
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Hunger und Klima
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
117 121 128
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
132
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
133
Neo-Malthusianismus
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
113
6 I N H A LT
2.3
Ökonomische Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
Das Konzept der ‹moralischen Ökonomie› von Thompson . . . . . . . . . . 138
Der Teuerungskanon als Rezeptbuch der Landesversorgung . . . . . . . 145 . . . . . .
149
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
153
Das Modell einer hungergefährdeten Wirtschaft von Alamgir
Der Entitlement-Ansatz von Sen
2.4
‹Neue Hungersnöte› als politisches Versagen
2.5
Ein Modell zur konzeptionellen Struktur des Hungers
Faktoren der Verletzlichkeit: Langfristige und auslösende Prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
Hungersnot als Ereignis: Die Untersuchungsebenen . . . . . . . . . . . . . . . . 168
Kurz- und langfristige Konsequenzen einer Hungersnot
Kurz- und langfristige Massnahmen: Anpassungen und Adaptionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
3.
Methodische Einbettung
3.1
Historische Klimatologie
Die Entwicklung der Klimawirkungsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
Die sich wandelnde Bedeutung der Klimawirkungsforschung
3.2
Das Konzept der Verletzlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
Grundlegende Überlegungen in der Verletzlichkeitsforschung . . . . . 194
Konzeptionelle Ansätze der Verletzlichkeit
Strukturierung der Verletzlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
4.
Die Konstruktion einer ‹neuen› Schweiz
4.1
Die Eidgenossenschaft während der Mediation . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
4.2
Die Schweiz am Rande eines Bürgerkrieges
4.3
Die Schweiz zu Beginn der Restauration
Der Inhalt des Bundesvertrages von 1815 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
Die Restaurationsverfassungen der Kantone
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . .
158 161
171
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
181
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
182
. . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . .
188
198
213
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
218
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
225
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
230
4.4
Die Agrarmodernisierung und ihre Umwälzungen . . . . . . . . . . . . . . . 237
Die Merkmale der Agrargesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
Exkurs I: Idealtypischer Ablauf eines Erntejahres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
Exkurs II: Das Problem der Getreidelagerung
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
245
I N H A LT 7
Die organische Agrarmodernisierung
4.5
Die ‹relative Rückständigkeit› der Protoindustrie
Ein tiefgreifender Strukturwandel in der Heimindustrie . . . . . . . . . . . . . 258
Der Mischerwerb in Handwerk und Gewerbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
4.6
Verortung und Zwischenfazit
5.
Das Problem der Messbarkeit des Hungers
5.1
Das ‹Jahr ohne Sommer› 1816 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
5.2
Die Entwicklung der Getreidepreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
Die Preisentwicklung auf der europäischen Ebene 1815–1820
Die Konsumentenpreise in der Schweiz 1501–1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
Das Preisgefälle zwischen der Ost- und der Westschweiz . . . . . . . . . . . 295
Die Preisentwicklung der wichtigsten Substitutionsprodukte . . . . . . . 302
Der Wochenmarkt in Basel während der Hungerjahre . . . . . . . . . . . . . . . 307
5.3
Demographische Krisen als Hungerindikator
Sterbekrisen in den Jahren 1816–1818
Der Geburtenrückgang als ‹maskierte› Krise 1816–1818 . . . . . . . . . . . . . 329
5.4
Kriminalität als sozio-ökonomischer Hungerindikator . . . . . . . . . . . 337
5.5
Die Körperhöhe als biologischer Hungerindikator
5.6
Verortung und Zwischenfazit
6.
Die Mangelernährungskarten 1817 und 1818
6.1
Die Ökozonen in der Schweiz um 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356
............................... . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . .
. . . . . .
253 258
265
273
286
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
318
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
322
. . . . . . . . . . . . . .
342
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
349
. . . . . . . . . .
353 359
Das Kornland
Die Feldgraszone . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
361
Das Hirtenland
Die inneralpine Zone . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
.......................................................
Das Weinland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
Ökozonen-Karte der Schweiz um 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368
6.2
Protoindustrialisierte Regionen der Schweiz um 1820
Die Gewerberegionen der Alten Schweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
Karte der Protoindustrialisierung der Schweiz um 1820
6.3
Die Bevölkerungsdichte in der Schweiz um 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 381
. . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . .
372 378
8 I N H A LT
6.4
Die Mangelernährungskarte des Jahres 1817 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388
6.5
Die Mangelernährungskarte des Jahres 1818 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
6.6
Verortung der Verletzlichkeit und Zwischenfazit
7.
Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421
7.1
Theoretische und methodische Überlegungen
7.2
Langfristige Faktoren der Verletzlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423
7.3
Auslösende Faktoren der Verletzlichkeit
7.4
Ausmass und Intensität des Hungers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
7.5
Muster der Verletzlichkeit in der Schweiz
7.6
Desiderate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443
8.
Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445
9.
Digitaler Datenanhang
10.
Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449
10.1
Quellen
Ungedruckte Quellen
Gedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450
10.2
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 455
Publizierte Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 455
Universitäre Prüfungsarbeiten und unpublizierte Konferenzpapers . 505
10.3
Datenbanken und Digitale Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509
11.
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511
. . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
417
421 430 437
447
449 449
VORWORT UND DANKSAGUNG Es muss im Herbst des Jahres 2004 gewesen sein, als Prof. Dr. Christian Pfister sagte: «Herr Krämer, ich hätte ein Thema für Sie, das sich gut für eine Lizentiatsarbeit eigenen würde.» Er dachte an das ‹Jahr ohne Sommer› 1816, verwies auf einschlägige Artikel und ergänzte, ich solle mir nicht zu viel Zeit lassen, weil die Frist bis zum nächsten Abgabetermin knapp sei. Die Entscheidung fiel rasch und seit diesem Tag haben mich das ‹Jahr ohne Sommer› und die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17 begleitet. Aus der Lizentiatsarbeit wurde ein Dissertationsprojekt, aus dem Projekt eine Anstellung als Institutsassistent in der Abteilung für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte (WSU) des Historischen Instituts der Universität Bern, aus der Anstellung eine abgeschlossene Dissertation und aus der Dissertation die vorliegende Monographie, die ohne den Druckkostenzuschuss des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und die grosszügige Unterstützung der Burgergemeinde Bern nicht in gedruckter Form vorliegen würde, dafür vielen Dank. An der Entstehung der Dissertation waren zahlreiche Menschen beteiligt. Ihnen allen bin ich ebenfalls zu Dank verpflichtet. Speziell hervorheben möchte ich Prof. em. Dr. Christian Pfister. Er wurde im Laufe der Jahre zu einem Doktorvater im besten Sinne des Wortes. Sein Esprit, sein Enthusiasmus und seine Fähigkeit, scheinbare Gegensätze zu verknüpfen, haben mich zugleich fasziniert und motiviert. Mit seinen stets offenen Türen liess er mich nicht nur an seinem Wissen teilhaben, sondern auch immer wieder den Puls der Forschung fühlen. Ohne sein Vertrauen und seine Unterstützung wäre das vorliegende Buch nicht entstanden. Prof. Dr. Christian Rohr, der Nachfolger von Prof. em. Dr. Christian Pfister, hat mich im Herbst 2010 als Nachfolger von Christian Pfister als Assistent übernommen und die Dissertation als Zweitgutachter begleitet. Beides ist keine Selbstverständlichkeit. Diese Kontinuität und die Freiräume, die er mir in meiner Arbeit gelassen hat, haben wesentlich zur Fertigstellung der Dissertation beigetragen. Zusammen mit Prof. em. Dr. Christian Pfister hat er sich zudem für die Aufnahme der Dissertation in die Reihe ‹Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte (WSU)› eingesetzt. Beiden schulde ich auch dafür Dank.
1 0 V o r w o r t u n d Dan k s a g u n g
Prof. Dr. Christian Gerlach, ebenfalls von der Universität Bern, hat mit seiner kritischen Lektüre der einleitenden Kapitel und seinen Hinweisen einen wichtigen Beitrag zu einer konziseren Darstellung der theoretischen Überlegungen geleistet. Dr. phil. Dominik Collet, Leiter der Nachwuchsgruppe ‹Handeln in Hungerkrisen der Frühen Neuzeit› am Heidelberg Center for the Environment, hat mir im November 2013 einen Forschungsaufenthalt an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg ermöglicht, während dessen ich die Drucklegung der Dissertation wesentlich vorantreiben konnte. Ich verdanke ihm zudem wertvolle Hinweise zur Verbesserung des Manuskripts. Wenn ich seine und Prof. Dr. Christian Gerlachs Anregungen nicht vollumfänglich umgesetzt habe, ist es allein mein Versäumnis. Schliesslich bin ich dem Direktorium des Historischen Instituts der Universität Bern dankbar, dass es mir den mit 1000 Franken dotierten Institutspreis für die beste Dissertation des Jahres 2013 verliehen hat. Die Erstellung der Karten zu den Ökozonen der Schweiz um 1800 und zur Mangelernährung in den Jahren 1817 und 1818 wäre ohne die finanzielle Unterstützung des Historischen Instituts der Universität Bern, die Beratung in der statistischen Sprechstunde des Instituts für mathematische Statistik und Versicherungslehre der Universität Bern, die methodischen Inputs von Dr. phil. Kaspar Staub und den Goodwill von Domenico Caruso von der Trigonet AG in Stans nicht möglich gewesen. Der generöse Zuschuss von Christian Pfister und von meinem Vater, Hanspeter Krämer, hat mir zudem den Druck mehrerer Faltkarten erlaubt. In all den Jahren sind mir aus dem näheren und weiteren Umfeld der WSU zahlreiche Menschen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Zu ihnen zählen insbesondere Dr. phil. Luise Menzi, PD Dr. phil. Daniel Marc Segesser, Dr. phil. Kaspar Staub und Dr. phil. Stephanie Summermatter. Mit ihnen verbinden mich Freundschaften, die über das Wissenschaftliche hinausgehen. Stephanie Summermatter hat sich des Manuskripts angenommen und in zahlreichen Gesprächen manchen Zweifel ausgeräumt. Ohne die Hilfe von Kaspar Staub hätten mir die statistischen Auswertungen noch mehr Kopfzerbrechen bereitet, als sie es ohnehin schon taten. Nicht fehlen dürfen in der Aufzählung Agatha Flury und Julia Grütter Binkert. Agatha Flury hat meine Arbeiten seit meinen ersten historischen Gehversuchen im Staatsarchiv Nidwalden stets mit Interesse und Empathie begleitet. Ihre paläographischen Fähigkeiten waren mehr als einmal unentbehrlich. Verbunden bin ich ihr zudem für die Lektüre all der Manu-
V o r w o r t u n d Dan k s a g u n g 1 1
skripte, die ich im Laufe der Jahre verfasst habe. Sie hat auch im vorliegenden Text stilistische und orthographische Schwachstellen aufgespürt. Julia Grütter Binkert hat die Publikation als Lektorin des Schwabe Verlags engagiert und kompetent betreut und ihr stilistisch den letzten Feinschliff verpasst. Last but not least bin ich meiner Familie und meiner Partnerin Andrea Frey zu grösstem Dank verpflichtet. Meine Eltern Helen und Hanspeter Krämer haben mein Interesse an Geschichte nicht nur geweckt und ge fördert, sie liessen meine Neugierde auch bilden. Meine Familie war und ist mir zusammen mit Andrea ein steter und unersetzlicher Rückhalt. Bern, im Dezember 2014
PROLOG Es war im Frühling 1815, als Europa nochmals den Atem anhielt.1 Napoleon Bonaparte (1769–1821) war aus seinem Gefängnis in Elba geflohen, landete in Cannes und zog wenig später triumphal in Paris ein. Es war der Beginn der ‹Herrschaft der Hundert Tage›, die in Waterloo enden sollte, als der taumelnde Kaiser endgültig stürzte. Auf der anderen Seite des Globus waren die Menschen ebenfalls erleichtert. Die Briten hatten in Indonesien unter Sir Thomas Stamford Raffles (1781–1826), dem Vizegouverneur der britischen Kolonie und späteren Gründer von Singapur, Napoleons Statthalter Hermann Willem Daendels (1762–1818) aus seinem Amt vertrieben und der Archipel schlummerte unter der schwülen Hitze der Regenzeit.2 Am Nachmittag des 5. April 1815 zerrissen gewaltige Explosionen die Stille in der Strasse von Makassar. Am Abend schien das dumpfe Grollen aus südlicher Richtung näher zu kommen und Kapitän W. Eatwell von der britischen East India Company glaubte, Kanonendonner und Gewehrsalven wahrzunehmen. Er vermutete einen Angriff von Piraten, liess sein Schiff, die ‹Benares›, in Gefechtsbereitschaft versetzen und stach in See, um die Freibeuter zu suchen. Ohne Erfolg. Nach drei Tagen kehrte das schwer bewaffnete Segelschiff in den Hafen von Makassar zurück.3 1
2 3
Der Prolog basiert auf Krämer 2009, Krämer 2014a und Krämer 2014b. Die Zitierweise lehnt sich an das angelsächsische System ohne ‹vgl. dazu› bei Paraphrasierungen an und verzichtet auf ausführliche Erstzitierungen. Hahn 1946: 107–108; Stommel/Stommel 1983: 3; Fagan 2000: 167. Die Lebensdaten werden nur bei verstorbenen Personen genannt. Sie sind nicht in allen Fällen bekannt. Nicht nur Eatwell fühlte sich durch die Explosionen an Kanonendonner erinnert. Andere Augenzeugen teilten seine Eindrücke. Vgl. dazu: Pictet 1817: 221–222; Stewart 1820: 389. Auch Raffles befürchtete einen militärischen Hintergrund. Ein Posten in der Nähe von Batavia, dem heutigen Jakarta, wurde mit Truppen verstärkt und mehrere Schiffe sollten vor der Küste nach Booten in Seenot Ausschau halten. Vgl. dazu: Raffles 1825: 27; Raffles 1830: 267. Die Explosionen waren in den ganzen Molukken wahrnehmbar. Am 5. April lag die ‹Teignmouth› der East India Company in Ternate, am nördlichen Zipfel der Inselgruppe, vor Anker. Das vermeintliche Dröhnen der Kanonen schien der Hilferuf eines Schiffes auf offener See zu sein; die Suche verlief ergebnislos und die ‹Teignmouth› kehrte unverrichteter Dinge zurück. Vgl. dazu: Ross 1826: 354–355. Der Artikel von Ross erschien bereits früher in identischer Form als Sonderdruck, der in der Niederländischen Nationalbibliothek unter Raffles 1816 angesetzt worden ist. Möglicherweise wurde der Text einmal Raffles und einmal dem Prä-
14 Prolog
Während in anderen Teilen des 4000 Kilometer langen indonesischen Archipels ein leichter Ascheregen alle Zweifel an der Ursache der Explosionen zerstreute, blieb Kapitän Eatwell im Ungewissen. Als in der Nacht zum 11. April 1815 erneut Explosionen zu hören waren, schickte er Matrosen auf das Topp der ‹Benares›, um sie den Horizont nach Gefechtsfeuer absuchen zu lassen. Das Donnern der Kanonen schien nicht nur sehr nahe zu sein, es liess auch das Schiff und die Häuser im nahe gelegenen Fort Rotterdam erzittern.4 Eatwell überlegte sogar, ob er sich ein zweites Mal auf die Jagd nach Korsaren begeben sollte. Erst als es am Morgen des 12. April nicht hell wurde und ein heftiger Ascheregen niederging, begannen sich die Konturen des grössten Vulkanausbruchs der letzten Jahrtausende langsam abzuzeichnen.5 Am Mittag war Makassar in ‹sichtbare Dunkelheit›6 gehüllt. «This continued so profound during the remainder of the day, that I never saw any thing equal in the darkest night – it was impossible to see your hand when held up close to your eyes», berichtete Eatwell später Raffles.7 Der Ascheregen hielt während der Nacht ohne Unterbruch an. Als am 13. April um 8 Uhr auf dem Deck der ‹Benares› wieder erste Umrisse sichtbar wurden, war alles mit einer rund 30 Zentimeter hohen Schicht aus Bimsstein und Asche bedeckt. Eatwell liess das Schiff säubern und war überrascht, als sich die komprimierte Asche als äusserst schwer erwies. Sie war geschmacklos, verursachte in den Augen keine Reizungen, roch verbrannt und liess sich nur schwer abwaschen, wenn sie einmal mit Wasser in
4 5 6 7
sidenten der Bataviaasch Genootschap der Kunsten en Wetenschappen zugeschrieben, weil er durch ihn an einer Versammlung der Gesellschaft vorgetragen wurde. In der Literatur wird er meist als Ross 1826 referenziert. Raffles starb 1826. Raffles 1830: 274–275. Zu den Erschütterungen siehe auch: Pictet 1817: 221. Einzig die Eruption des Shikotsu in Japan vor gut 20 000 Jahren dürfte in der jüngsten Erdgeschichte noch heftiger gewesen sein.Vgl. dazu: Sigurdsson/Carey 1992: 16. Der Ausdruck ‹sichtbare Dunkelheit› stammt aus dem Gedicht Paradise Lost von John Milton aus dem Jahr 1667.Vgl. dazu: Zollinger 1855: 14. Ross 1826: 351; Raffles 1816: 13–14. Zur Dunkelheit siehe auch: Pictet 1817: 223; Steward 1820: 389; Raffles 1825: 29, 31. Raffles war überzeugt, «dass eine amtliche und ausführliche Zusammenstellung aller der Beobachtungen, welche über ein so ausserordentliches und wundervolles Ereigniss [sic] aufzutreiben seyn mögten, so lange letzteres noch frisch und jeder Erinnerung gegenwärtig blieb, von grossem Interesse und Nutzen seyn müsse». Er wies in einem Rundschreiben alle Residenten an, «eine genaue Beschreibung aller Thatsachen und [...] Umstände» zu verfassen, und liess die Berichte anschliessend von einem gewissen Herrn Assey zusammenstellen. Aus: Raffles 1825: 27.
Prolog 15
Kontakt gekommen war.8 Obwohl weiterhin Asche niederging, legte die ‹Benares› ab, segelte bei immer besser werdendem Licht nach Süden und erreichte schliesslich am 18. April die Insel Sumbawa. Eatwell steuerte den Hafen von Bima an, hatte aber Mühe, die ‹Benares› durch die gigantischen Mengen von Bimssteinen und entwurzelten Bäumen vor der Küste zu manövrieren. Während die Bimssteine aus der Distanz einer riesigen von schwarzen Steinen durchsetzten Sandbank glichen, sahen die Baumstämme aus, als ob sie vom Blitz getroffen worden seien.9 In Bima bot sich der Besatzung ein Bild des Jammers. Das Dorf war zerstört, die Ernte unter einer dicken Schicht aus Asche und Schlamm begraben. Die Dächer waren unter der Last der Bimssteine und der Asche eingebrochen, und die Flutwellen nach dem Ausbruch des Tambora hatten nicht nur alle Boote losgerissen und bis weit über die Hochwassermarken getragen, sondern auch die Häuser unter Wasser gesetzt. Ein Bewohner verglich die Lautstärke der Explosionen bei der Eruption mit der Detonation eines schweren Mörsers neben seinem Ohr. Als die ausgeschickten Kundschafter am Abend des 22. April noch nicht zurückgekehrt waren, verliess die ‹Benares› Bima wieder und überliess die Überlebenden ihrem Schicksal.10 Helfen konnte die Besatzung den Menschen nicht: Auf eine Katastrophe dieses Ausmasses war sie nicht vorbereitet gewesen. Raffles erfasste das Ausmass der Naturkatastrophe nicht. Am 26. April 1815 begab er sich auf eine längere Entdeckungsreise, um die zentralen und östlichen Regionen Javas für seine geplante Geschichte der Insel zu erforschen.11 Erst als ihm nach seiner Rückkehr im August 1815 von einer Hungersnot auf Sumbawa berichtet wurde, schickte er die ‹Benares› mit einer Schiffsladung Reis an den Ort des Geschehens zurück. Leutnant Owen Phillips sollte die Verteilung überwachen und die Auswirkungen der Eruption dokumentieren.12 Als Phlipps weite Teile der Insel erkundete, bot sich ihm ein grauenvoller Anblick. An den Rändern der von zahlreichen Gräbern gesäumten Strassen lagen immer noch Leichen, die Dörfer 8 9 10 11 12
Raffles 1830: 276. Die Asche auf den Schiffen wog mehrere Tonnen. Vgl. dazu: Pictet 1817: 223. Ross 1826: 352–353; Raffles 1816: 15–16; Stewart 1820: 389–390. Zollinger 1855: 14–15; Raffles 1830: 278–279. Bastin 1978: x–xi. Raffles 1830: 281.
16 Prolog
waren fast vollständig zerstört und verlassen, und die Überlebenden hatten sich auf der Suche nach Nahrung zerstreut.13 Viel mehr als Palmfrüchte, Papayas und Bananen fanden sie allerdings nicht.14 In Dompo, einem der sechs Fürstentümer der Insel, traf Phillips auf den Radscha von Sanggar, einen der wenigen glaubwürdigen Augenzeugen des Ausbruchs. «About 7 P. M. on the 10th of April, three distinct columns of flame burst forth near the top of Tomboro Mountain, all of them apparently within the verge of the Crater, and after ascending separately to a very great hight, their tops united in the air in a troubled confused manner. In a short time the whole Mountain next Saugur [Sanggar] appeared like a body of liquid fire extending itself in every direction. The fire and columns of flame continued to rage with unabated fury until the darkness, caused by the quantity of falling matter, obscured it at about 8 P. M. Stones at this time fell very thick at Saugur – some of them as large as two fists, but generally not larger than walnuts; between 9 and 10 P. M. ashes began to fall, and soon after a violent whirlwind ensued, which blew down nearly every house in the village of Saugur, carrying the tops and light parts away with it. In the part of Saugur adjoining Tomboro, its effects were much more violent, tearing up by the roots the largest trees, and carrying them into the air together with men, houses, cattle, and whatever else came within its influence, (this will account for the immense number of floating trees seen at sea). The sea rose nearly 12 feet [3.65 Meter] higher than it had ever been known to be before, and completely spoiled the only small spots of rice land in Saugur – sweeping away houses and every thing within its reach. The whirlwind lasted about an hour, no explosions were heard till the whirlwind had ceased, at about 11 A. M. From midnight till the evening of the 11th, they continued without intermission, after that time their violence moderated, and they were only heard at intervals, but the explosions did not cease entirely until the 15th of July. The mountain still throws out immense volumes of smoke, and the Natives are apprehensive of another Eruption during the ensuing rainy season.»15
13 14
15
Ross 1826: 357; Raffles 1816: 22; Raffles 1825: 31. Raffles 1830: 282. Nach der Eruption grassierte eine Diarrhoe, die zahlreiche Menschen und Tiere dahinraffte. Die Einheimischen machten das verschmutzte Trinkwasser für den Ausbruch der Durchfallerkrankung verantwortlich. Ross 1826: 358–359; Raffles 1816: 23–24. Für eine deutsche, relativ freie Übersetzung siehe: Raffles 1825: 32–33. Für eine konzise Zusammenfassung und präzise Chronologie der oben geschilderten Ereignisse rund um den Ausbruch des Tambora vgl.: Sigurdsson/Carey 1992: 17–22.
Prolog 17
Am 5. April hatte sich der Lauf der Welt zu verändern begonnen. Niemand ausserhalb Sumbawas hatte an den Tambora gedacht – der Vulkan galt als erloschen.16 Die Menschen glaubten an einen Ausbruch des Merapi, des Kelut oder des Bromo, die zu den aktivsten Vulkanen der Region zählten. In seinen Erinnerungen schilderte Raffles die Atmosphäre in den folgenden Tagen als drückend und schwül. Nebel habe die Sonne verhüllt und schien ihren Strahlen die Kraft zu nehmen. Die Stille, die sich unmittelbar nach den Explosionen am 5. April ausgebreitet hatte, habe auf ein Erdbeben hingedeutet; das Beben blieb aus, Ruhe kehrte aber nicht ein. In den folgenden Tagen waren weiterhin Explosionen zu hören, sie waren jedoch nicht häufig und stark genug, um die Aufmerksam auf den Tambora zu lenken.17 In der Nähe des Tambora war das Unbehagen der Einwohner hingegen stetig gewachsen. Der Vulkan hatte bereits 1812 zu grummeln begonnen und sein Gipfel war seit diesem Zeitpunkt ständig mit Wolken verhangen gewesen, die dunkler und dunkler geworden waren. Der erwachende Riese hatte zudem immer wieder Asche ausgespuckt und Dampfwolken ausgestossen.18 Nach den Explosionen vom 5. April 1815 wurde im Fürstentum Bima eine Untersuchung eingeleitet. Ein Mr. Israël wurde zum Tambora geschickt, um Erkundigungen einzuziehen. Er kehrte nie von seiner Reise zurück.19 Als der Tambora am 10. April begann, Feuer zu speien, enthauptete er sich durch seine entfesselten Kräfte selbst. Der Riese setzte eine Energie frei, die etwa drei Millionen Hiroshima-Bomben entsprach,20 und schrumpfte von rund 4300 auf 2850 Meter.21 Die Säule, die dabei entstand, ragte ca.
16 17 18
Stothers 1984: 1191. Raffles 1830: 268. Zindel 2008: 30; Zollinger 1855: 11. Bereits ein Jahr vor dem Ausbruch verdunkelten Aschewolken den Horizont bisweilen so stark, dass Schiffskommandanten aus der Ferne fürchteten, es ziehe eine Sturmfront auf.Vgl. dazu: Crawfurd 1856: 437. 19 Jong Boers 1995: 41. 20 Tambora – Der Vulkan, der den Winter brachte. Dokumentarfilm, ausgestrahlt auf SRF 1 am 25. November 2006. URL: http://www.sf.tv/sendungen/horizonte/index. php?docid=2006119 (Zugriff am 28.10.2009). Zindel geht sogar von 6.5 Mio. Hiroshima-Bomben aus.Vgl. dazu: Zindel 2008: 31. 21 Stothers 1984: 1192.
18 Prolog
43 Kilometer in den Himmel22 und schleuderte 150 Kubikkilometer Gestein und Asche in die Stratosphäre.23 Auf dem achtstufigen Vulkanischen Explosivitäts-Index (VEI) erreichte die Eruption die Stärke 7.24 Wie viele Menschen in den Lavaströmen verbrannten, unter den pyroklastischen Strömen erstickten, in den Flutwellen ertranken, von Gesteinsbrocken erschlagen und unter einstürzenden Häusern verschüttet wurden, ist unklar. Heinrich Zollinger errechnete, dass die Zahl der Inselbewohner um 84 200 Personen geschrumpft sei.25 Clive Oppenheimer schätzte, es könnten 71 000 gewesen sein.26 Von weit mehr Todesfällen ging Bernice de Jong Boers aus: Mit Blick auf die umliegenden Inseln ermittelte sie eine Zahl von mindestens 117 000 Opfern.27 Als ob das Ausmass der Naturkatastrophe nicht genug gewesen wäre, wurden auf Sumbawa Zehntausende zu Leidtragenden einer zweiten Tragödie. Sie mussten sich aus Armut und Verzweiflung an Sklavenhändler verkaufen.28 Es waren Tage und Wochen, welche die Zeitläufe veränderten. In Europa bekamen die Menschen dies ein Jahr später zu spüren. Nässe und Kälte wollten nicht enden – der Tambora hatte ihnen das bisher letzte ‹Jahr ohne Sommer› gebracht.29 In der Schweiz schneite es beinahe jede Woche bis in 22 23 24 25
26
27 28
29
Oppenheimer 2011: 299. Die Zahl ist mit Vorsicht zu geniessen. Stothers 1984: 1193–1194. Zeilinga de Boer/Sanders 2004: 126. Zollinger 1855: 20. Die Zahl setzte sich aus 10 100 Opfern durch die Eruption, 37 825 Toten durch die anschliessende Hungersnot und die grassierenden Krankheiten sowie 36 275 Auswanderern zusammen. Oppenheimer 2003: 249; Oppenheimer 2011: 311 (nachfolgendes Zitat). Oppenheimer stützte sich auf zeitgenössische Angaben: Er nahm 12 000 Todesfälle durch die Eruption an. Weitere 59 000 Personen seien an den Folgen des Ausbruchs gestorben. Insgesamt sei in Indonesien der Verlust von rund 120 000 Menschen zu beklagen gewesen. «This makes the Tambora eruption the deadliest known in history.» Jong Boers 1995: 49–50. Die Insel Sumbawa allein dürfte durch die Naturkatastrophe 84 000 ihrer rund 170 000 Einwohner verloren haben. Wood 2008: 35. Gut vier Jahre später wurden auf Java nochmals rund 125 000 Menschen von «Tambora’s curse» eingeholt. Wood führte den Ausbruch der Cholera-Pandemie in Bengalen auf die globalen Klimaveränderungen zurück, die der Ausbruch des Tambora verursacht hatte. Die Cholera erreichte 1819/20 über Birma und Thailand schliesslich Java.Vgl. dazu:Wood 2014: 72–96, Zitat 91; Krämer 2014b: 41; Klingaman/ Klingaman 2013: 275. Fagan 2000: 170. Im Sommer 1816 lagen die monatlichen Temperaturen 2.3–4.6°C unter dem langjährigen Durchschnitt.
Prolog 19
die Täler, das Getreide und die Trauben wurden nicht reif, und die Kartoffeln mussten im Herbst aus dem Schnee ausgegraben werden. Die Preise für Getreide schnellten in die Höhe, mit fatalen Folgen für die Gesellschaft. Während die Unterschichten bereits in guten Jahren eine kümmerliche Existenz fristeten, wuchs in den Mittel- und Oberschichten die Furcht vor dem sozialen Abstieg. Die Spannweite zwischen Arm und Reich vergrösserte sich erheblich und setzte eine Spirale in Gang, die alle in die Tiefe riss: Ausser Lebensmitteln konnten sich die Unter- und Mittelschichten kaum noch etwas leisten, in der Landwirtschaft wurden durch die Missernten weniger Tagelöhner benötigt, die Handwerker und Gewerbetreibenden erhielten weniger Aufträge, und selbst wenn sie Käufer fanden, hielten die Preise nicht mit der Teuerung Schritt.30 Die Subsistenzkrise allein hätte schon viele Regierungen unter der Schwere der sozialen Probleme ächzen lassen. Zusammen mit der wirtschaftlichen Depression, die mit dem Ende der Napoleonischen Kriege (1792–1815) eingesetzt hatte, wurde ihnen aber eine Last aufgebürdet, die sie teilweise nicht mehr stemmen konnten.31 «Das erste Friedensjahr in der politischen Welt wurde ein Kriegsjahr in der physischen», argwöhnte eine Schrift zu den Merkwürdigkeiten der Jahre 1816 und 1817.32 Und die Landwirtschaftliche Zeitung schob enttäuscht nach, die Friedenssonne sei zwar aufgegangen, «allein sie leuchtet nur, ohne zu wärmen; wir eilten, uns in ihren Strahlen zu sonnen, aber ihre Strahlen blendeten nur und liessen uns frieren.»33 Kein Wunder, wurde 1817 zum «year of the beggars» erklärt.34 Raffles erlebte das Elend nur am Rande mit. Im September 1815 wurde er als Vizegouverneur abberufen.35 Obwohl er gegen den Entscheid protestierte und ihm ein Posten bei der East India Company in Bencoolen, dem heutigen Bengkulu (Sumatra), offen stand, zwangen ihn gesundheitliche Probleme zur Rückkehr nach Europa.36 Am 25. März 1816 schiffte er sich 30 31 32 33 34 35 36
Krämer 2009: 138–140. Post 1977: 27–36. Müller 1998: 222. Müller 1998: 222. Post 1970: 250. Raffles wurde vorgeworfen, keine Gewinne erwirtschaftet und Gelder veruntreut zu haben.Vgl. dazu: Barley 1996: 165–167. Bastin 1978: xii; Raffles 1830: 293.
20 Prolog
auf der ‹Ganges› ein, machte einen Zwischenhalt auf St. Helena, um Napoleon, «this once great man»,37 aufzusuchen und traf schliesslich am 16. Juli 1816 in London ein.38 In den folgenden Monaten besuchte er seine Mutter und andere Familienmitglieder in Cheltenham, schrieb an seiner History of Java, wurde von Oktober bis Dezember immer wieder durch Krankheiten ans Bett gefesselt, heiratete am 22. Februar 1817 Sophia Hull und wurde im Mai 1817 zum Ritter geschlagen.39 Dass in England während dieser Monate ein politischer und sozialer Schwelbrand mottete, der mit seinem giftigen Qualm die öffentliche Sicherheit bedrohte, schien Raffles entgangen zu sein. Die ‹Spa Fields Riots› wurden in seinen Memoiren jedenfalls nicht erwähnt.40 Innerhalb weniger Wochen hatten sich auf den Spa Fields im Londoner Stadtteil Islington mehrmals grosse Menschenmassen versammelt, die ihrer Unzufriedenheit mit Reden und Plakaten wie «Feed the hungry» oder «Protect the oppressed»41 Ausdruck verliehen. Am 2. Dezember 1816, einem Samstag, zog ein Teil der Demonstranten in die Innenstadt und verwandelte sich auf dem Weg zum ‹Tower of London› in einen Mob. Er räumte Waffenläden aus, um sich zu bewaffnen, randalierte und brachte das öffentliche Leben zum Erliegen. Zum Schlimmsten, einer tödlichen Auseinandersetzung mit den aufgebotenen Soldaten, kam es nicht. Dennoch, «London has not, for many years, exhibited such a scene of outrage and tumult.»42 Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit äusserte Raffles den Wunsch, eine ‹Grand Tour› durch Europa zu unternehmen, sobald die History of Java erschienen sei.43 Begleitet wurde er auf seiner Reise auf den Kontinent im Sommer 1817 von seiner Frau Sophia, seiner ältesten Schwester, Mary Anne Flint, und seinem Cousin Thomas Raffles, der als anglikanischer 37 38 39 40
41 42 43
Raffles 1830: 304. Bastin 1978: xii–xiii; Raffles 1830: 296–317. Bastin 1978: xiii–xvi. Zu den ‹Spa Fields Riots› siehe: Thompson 1984: 691–696. Auf den Spa Fields fanden am 15. November 1816, 2. Dezember 1816 und 9. Dezember 1816 drei Versammlungen statt. «Raffles continued to be dogged by serious ill health during November and December when he was largely confined to his room, his strength being further reduced by an overdose of mercury.» Aus: Bastin 1978: xiv. Niles’ Weekly Register, Jg. 12, 08.03.1817, Nr. 2, S. 28. Niles’ Weekly Register, Jg. 12, 08.03.1817, Nr. 2, S. 28. Bastin 1978: xvi; Barley 1996: 184. Raffles widmete dem Ausbruch des Tambora in der History of Java wohl aufgrund der Vielzahl der aktiven «Feuerheerde» in der Region lediglich eine Fussnote.Vgl. dazu: Raffles 1825: 25 (Zitat); Raffles 1978: 25–28.