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Reinhold und Schopenhauer

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Martin Bondeli

Reinhold und Schopenhauer Zwei Denkwelten im Banne von Vorstellung und Wille


Um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert publizierten Karl Leonhard Reinhold und Arthur Schopenhauer ihre Gedanken über die Voraussetzungen des Erkennens und sittlichen Handelns. In Auseinandersetzung mit Kants Vernunftkritik bestimmten beide Denker auf eigenständige Weise die Begriffe der Vorstellung und des Willens neu. Karl Leonhard Reinhold fasste seine Gedanken in seinem einschlägigen Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungs­ vermögens von 1789 zusammen. Und Arthur Schopenhauer stellte in seinem in der ersten Auflage 1819 erschienenen Hauptwerk­ Die Welt als Wille und Vorstellung eine umfassende vorstellungs- und willenstheoretische Neuauslegung von Kants Vernunftkritik zur Diskussion. Die vorliegende Studie widmet sich den Details dieser ähnlich ausgerichteten philosophischen Projekte. Im ersten Teil geht der Autor auf die verwandten Begründungen und Ausdeutungen der These der Unerkennbarkeit des Dinges an sich ein. Und er verweist auf sachliche Zusammenhänge und Differenzen zwischen Reinholds Bemühen, Kants transzendentalen Beweis in Sachen synthetischer Erkenntnis a priori durch einen Satz des Bewusstseins zu festigen, und Schopenhauers Erkenntnisbegründung auf der Basis eines Satzes vom Grunde. In weiteren Teilen erörtert er deren Auffassungen von Willen und Willensfreiheit, ihre Kritik an Kants Sittengesetz sowie ihre Polemik gegenüber der nachkantischen Spekulation (Fichte, Schelling, Hegel). Frappant ist seine Feststellung, dass beide Denker eine radikale, mit quietistischen Motiven einhergehende Egoismus-Kritik unterbreiten. Martin Bondeli, lehrt als Privatdozent für Philosophie an den Universitäten Bern und Fribourg, ist Verfasser mehrerer Bücher zur Philosophie Kants und des deutschen Idealismus sowie Herausgeber der bei Schwabe erscheinenden Gesammelten Schriften K. L. Reinholds.


Martin Bondeli

Reinhold und Schopenhauer Zwei Denkwelten im Banne von Vorstellung und Wille

Schwabe Verlag Basel


Schwabe reflexe 37 Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: Heike Ossenkop, h.o.pinxit//editorial design, Basel Schrift: Quadraat Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3326-6 ISBN eBook 978-3-7965-3327-3 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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I. Kritik und Fortsetzung der Philosophie Kants .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Vorstellung, Ding an sich und Willensfreiheit in Reinholds System der Elementarphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Vorstellung, Ding an sich und Wille in Schopenhauers Weltverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 II. Die Frage gültiger Erkenntnis. Vom Satz des Bewusstseins zum Satz vom Grunde . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Reinholds Satz des Bewusstseins als Voraussetzung des transzendentalen Beweises möglicher Erfahrung . . . . . . . . . . . . . 35 Schopenhauers Vorstellungsaxiom als erste Formursache möglicher Erfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 III. Die Willensfreiheit. Wege einer reflektierten Freiheit der Indifferenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Reinholds Plädoyer für den durch sich selbst bestimmten Willen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Schopenhauers Idee eines Willens, der sich selbst verneint . . . . . . 63


IV. Ethische Folgerungen aus dem Primat des Willensvermögens .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Reinholds willenstheoretische und dem Standpunkt des gemeinen Verstandes Rechnung tragende Grundlegung des Sittengesetzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Schopenhauers Kritik am Sittengesetz und die Einführung eines Gesetzes der Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 V. Zur Kritik der nachkantischen Spekulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Reinhold über den «Grundirrthum» im neueren subjektiven Denken von Kant zu Fichte und Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Schopenhauer über den «Grundfehler» in den Philosophien Fichtes, Schellings und Hegels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

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Vorwort Mit der Idee einer vergleichenden Studie zu Reinhold und Schopenhauer habe ich mich erstmals vor rund zwanzig Jahren, bei der Abfassung der Habilitationsschrift Das Anfangsproblem bei Karl Leonhard Reinhold, befasst. Damals ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass Reinholds berühmter Satz des Bewusstseins, der besagt, dass im Bewusstsein die Vorstellung von dem Subjekt und Objekt unterschieden und auf beide bezogen wird, nicht nur Fichte zu einer grundsatzphilosophischen Neuauslegung Kants angeregt, sondern womöglich in mittelbarer Weise auch auf bewusstseinstheoretische Reflexionen bei Autoren wie Natorp und Husserl, vor allem aber auf Schopenhauers als Subjekt-Objekt-Beziehung artikulierten Vorstellungsbegriff gewirkt hat. Spätere Beschäftigungen mit Reinholds Auffassung von Willensfreiheit, in der die Gegenüberstellung von eigennützigem und uneigennützigem Trieb relevant ist, haben mich zur Vermutung geführt, dass Parallelen zwischen diesem Denker und Schopenhauer wohl ebenfalls in Bezug auf die Willensthematik bestehen. Reinhold hat um 1792 Vorstellung und Willensfreiheit als die beiden Hauptprinzipien seines Systems der Elementarphilosophie betrachtet. Eine Assoziation mit Schopenhauers beiden Grundpfeilern des Weltverständnisses drängt sich unweigerlich auf. Nach einigen Unterbrüchen und Neuanläufen ist es mir nun gelungen, die lange gehegte Idee in die Tat umzusetzen. Zu meiner Überraschung hat sich herausgestellt, dass es signifikante sach­ liche Übereinstimmungen nicht nur zwischen Reinholds Elementarphilosophie und Schopenhauers Weltlehre gibt, sondern auch zwischen Reinholds späterer, aus einem Standpunkt des Realismus verfasster Kritik an Kant, Fichte und Schelling und Schopenhauers Polemik gegen die spekulative Philosophie der Nachkantianer. Bei der Herausarbeitung der jeweiligen Parallelen und Abweichungen hat mich zuweilen die Frage, welche Bedeutung Reinholds kan­ tischem und nachkantischem Denken für die Entstehung von Schopenhauers Hauptwerk zuzumessen ist, nicht unberührt gelassen. Im Zentrum meiner Gedankenführung aber steht ein systematisches Interesse. Es geht mir darum zu zeigen, wie beide Denker 7


Vorwort

Kants Programm der Vernunftkritik aufgenommen, kritisiert und zu einem Abschluss gebracht haben. An dieser Stelle möchte ich Manfred Baum und Jean-Claude Wolf danken. Die mit ihnen geführten Gespräche zu Themen der Philosophie Schopenhauers verliehen mir wichtige Impulse. ­Danken möchte ich ebenfalls Silvan Imhof. Die Diskussionen mit ihm in den vergangenen Jahren zum Vorstellungsbegriff bei Kant und Reinhold haben sich als fruchtbar auch im Hinblick auf die vorliegende Studie erwiesen. Dank gebührt schließlich dem Schwabe-Verlag, insbesondere Wolfgang Rother und Barbara Handwerker Küchenhoff, für die Aufnahme der Studie in die Reihe Schwabe reflexe.

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Einleitung Ähnlich wie Karl Leonhard Reinhold (1757–1823) in seinen einschlägigen, mit dem Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vor­ stellungsvermögens von 1789 einsetzenden Darstellungen zu einem System der Elementarphilosophie hat auch Arthur Schopenhauer (1788–1860) in seinem in der ersten Auflage 1819 erschienenen Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung eine umfassende vorstellungs- und willenstheoretische Neuauslegung von Kants Vernunftkritik zur Diskussion gestellt. In beiden Fällen spielt ein als basale Beziehung von Subjekt und Objekt gekennzeichneter Begriff des Vorstellens eine tragende Rolle. Hier wie dort wird die Tatsache, dass wir als Erkennende über keine anderen Dinge verfügen als über solche, die von uns vorgestellt sind, zu den höchst bedeutsamen und folgenreichen Einsichten Kants gerechnet. Beide Denker halten neben dem Vorstellungsbegriff ebenfalls den Willensbegriff für einen unverzichtbaren Ausgangspunkt und melden sich bei ihren Explikationen dieses Begriffs mit sehr pointierten Ansichten zur Willensfreiheit sowie mit eigenwilligen triebtheoretischen Überlegungen zum sittlichen Handeln zu Wort. Hat Schopenhauer bei seiner kritischen Fortentwicklung Kants demnach nicht nur an diesen selbst, sondern auch an Reinhold angeknüpft? Und wie weit reichen eigentlich in der Sache die Gemeinsamkeiten zwischen Reinholds Elementarphilosophie und Schopenhauers Lehre über die Welt als Wille und Vorstellung? Die erste Frage ist schon häufiger gestellt und dabei meist ausgehend von einem Hinweis auf die Bedeutung, die der Helmstedter und spätere Göttinger Professor Gottlob Ernst Schulze für Schopenhauer hatte, beantwortet worden. Bei Schulze besuchte der junge Schopenhauer in den Jahren 1810 und 1811 philosophische Vorlesungen.1 Dabei war ihm selbstverständlich bekannt, dass sich sein akademischer Lehrer in den vorangegangenen Jahrzehnten als skeptizistischer Kritiker von Reinholds Elementarphilosophie und Kants 1 Siehe A. Schopenhauer: Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden. Bd. 2, 5–15; sowie M. V. d’Alfonso: Schopenhauers Kollegnachschriften der Metaphysik- und Psychologievorlesungen von G. E. Schulze.

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Einleitung

Vernunftkritik sowie als alles Philosophieren spekulativer Art verurteilender Antipode Fichtes, Schellings und Hegels hervorgetan hatte. Schopenhauer nimmt in den die Philosophie Kants kritisierenden Abschnitten aus Die Welt als Wille und Vorstellung sowie in späteren Betrachtungen zur Entwicklung der Philosophie im A ­ nschluss an Kant denn auch verschiedentlich auf die Schriften Schulzes aus dieser Phase Bezug, darunter auf die Reinholds Elementarphilosophie ausführlich behandelnde Streitschrift Aenesidemus2 aus dem Jahre 1792.3 Zudem ist Schopenhauers Kant-Kritik ganz offensichtlich von Pro­ blemlagen und Argumenten Schulzes aus dem Aenesidemus beeinflusst.4 Von daher spricht einiges dafür, dass Schopenhauer sehr wohl auch von Reinholds Bemühungen um ein neues, vorstellungstheoretisch fundiertes System der Vernunft­kritik Kenntnis hatte.5 In Bezug auf die erste Frage ist zudem zu ­berücksichtigen, dass Schopenhauer in einem Handexemplar der Parerga und Paralipomena auf eine Stelle des 10. Briefes aus dem 1792 veröffentlichten zweiten Band von Reinholds Briefen über die Kantische Philosophie hinweist.6 Auch Reinholds Ansichten zu einem kantischen Begriff des Willens 2 [G. E. Schulze]: Aenesidemus oder über die Fundamente der von dem Herrn Prof. Reinhold in Jena gelieferten Elementar-Philosophie. 3 Zu Schopenhauers Erwähnung des Aenesidemus siehe Die Welt als Wille und Vorstellung I. Sämtliche Werke II, 516; sowie Parerga und Paralipomena I. Sämtliche Werke V, 96. 4 Siehe dazu E. Fischer: Von G. E. Schulze zu A. Schopenhauer. 5 Schopenhauers Wissen um Reinholds vorstellungstheoretisches System­ unterfangen stammte dabei vermutlich auch nicht nur aus zweiter Hand. Wie dem Verzeichnis seiner Bibliothek zu entnehmen ist, besaß Schopenhauer mehrere Schriften Reinholds, darunter, was die Phase der Elementarphilo­ sophie betrifft, den Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungs­ vermögens, den ersten Band der Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißver­ ständnisse der Philosophen, die Schrift Ueber das Fundament des philosophischen Wissens sowie den zweiten Band der Briefe über die Kantische Philosophie. Siehe A. Schopenhauer: Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden. Bd. 5, 135–138. – Zur Annahme, dass Schopenhauer sich mithilfe von Schulzes Aenesidemus die «Kantisch-Reinholdsche Vorstellungstheorie» angeeignet hat, siehe auch Y. Kamata: Der Einfluss von G. E. Schulze und Schelling auf Schopenhauers Theorie der Willensverneinung, 209. 6 Siehe Parerga und Paralipomena I. Sämtliche Werke V, 54; siehe auch A. Schopen­ hauer: Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden. Bd. 5, 137f.

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Einleitung

und der Willensfreiheit sowie zu einer kantischen Auffassung von sittlichem Handeln, die einen Schwerpunkt dieses Bandes bilden, dürften Schopenhauer demnach nicht unbekannt gewesen sein. Auf Aussagen oder Stellungnahmen zu Reinhold stößt man im publizierten Œuvre Schopenhauers vergleichsweise spärlich. Erwähnt wird der Autor der Elementarphilosophie – einer Philosophie, die in einem epochalen Zusammenhang gesehen nicht nur als Fortsetzung Kants, sondern auch als Grundstein zu den Systemen Fichtes, Schellings und Hegels zu begreifen ist – flüchtig als die­ jenige Figur in der nachkantischen Diskussion, die im Zusammenhang der Angriffe Schulzes «Kants Vertheidigung, jedoch ohne sonderlichen Erfolg, geführt hat»,7 an anderer Stelle etwas ausführlicher als «erster Schüler» Kants, der das Sittengesetz seines Meisters als Tatsache des moralischen Bewusstseins gedeutet und auf diese Weise den Weg zu einer als «empirisch» zu nennenden Fundierung dieses Gesetzes eingeleitet hat.8 Reinhold wird in diesem letzten ­Zusammenhang von Schopenhauer auch wiederholt zitiert, dies ­allerdings nicht aus einem Werk der elementarphilosophischen Phase, sondern aus den von 1801 bis 1803 herausgegebenen Beyträ­ gen zur leichtern Uebersicht des Zustandes der Philosophie beym Anfange des 19. Jahrhunderts,9 in denen zum Teil selbstkritisch über das frühere Philosophieren im Geiste Kants gesprochen wird. Wirft man einen Blick auf die nachgelassenen Dokumente Schopenhauers, springen die ausführlichen Randglossen zu Reinholds philosophiegeschichtlichem Kompendium Anleitung zur Kenntniß und Beurtheilung der Philo­ sophie in ihren sämmtlichen Lehrgebäuden von 1805 ins Auge.10 Schopen 7 Parerga und Paralipomena I. Sämtliche Werke V, 96  8 Siehe Preisschrift über die Grundlage der Moral. Sämtliche Werke IV, 139.  9 Schopenhauer besaß die Hefte 1 bis 5 der Beyträge zur leichtern Uebersicht in seiner Privatbibliothek (siehe A. Schopenhauer: Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden. Bd. 5, 137) 10 Siehe ebd. 135–137. – Neben diesem und den anderen von uns bereits genannten Werken besaß Schopenhauer von Reinhold auch Ueber die Paradoxien der neuesten Philosophie (Hamburg 1799) sowie Verhandlungen über ein Einverständniß in den Grundsätzen der sittlichen Angelegenheiten aus dem Gesichtspunkte des gemeinen und gesunden Verstandes (1. Band. Lübeck 1798). Die Paradoxien-Schrift ist repräsentativ für Reinholds Philosophieren im Geiste der Fichte’schen ­ Wissenschaftslehre.

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Einleitung

hauers Anmerkungen zu sachlichen Details der späteren Lehre Reinholds sind hier zum Teil recht bissig, was allerdings nicht bedeuten kann, dass sie ein Gesamturteil über diesen Denker widerspiegeln. Alles in a­ llem dürfte Schopenhauer Reinholds gelegentlich selbstgefälligen und professoralen Denkstil zurückgewiesen, den aufrichtigen Kantianer Reinhold wie auch den späteren Reinhold, soweit dieser s­ einer gesunden Abneigung gegenüber neueren Auswüchsen im B ­ ereich des spekulativen Philosophierens Ausdruck zu verschaffen vermochte, aber durchaus geschätzt und gewürdigt haben. Jedenfalls wird Reinhold von Schopenhauer keineswegs der ihm verhassten und als Paradebeispiel einer neuartigen Sophistik erscheinenden spekulativen Systemphilosophie der Linie Fichtes, Schellings und Hegels zugerechnet. Zu beachten ist nicht zuletzt, dass der junge Schopenhauer sich eine Zeitlang um persönliche Kontakte mit dem ehemals einflussreichen Jenaer Kantianer bemühte. 1813 übersandte er dem seit 1794 an der Universität Kiel ­wirkenden Reinhold ein Exemplar seiner im Nachhinein als Unterbau des Hauptwerks bezeichneten Dissertation Über die vierfache Wur­ zel des Satzes vom zureichenden Grunde.11 Was die zweite Frage angeht, besteht ein offensichtliches ­Defizit. Weder in der Literatur zu Schopenhauer noch in jener zu Reinhold hat man sich bisher auf einen Vergleich der beiden Denker eingelassen. Dabei fehlt es nicht an vereinzelten Kurzbetrachtungen, auf die sich für ein solches Unternehmen zurückgreifen lässt. Kuno Fischer etwa hat in seiner Monographie zu Schopenhauer hervorgehoben, dass sich hinsichtlich des Standpunktes d ­ ieses Philosophen eine klare «Parallele mit Reinhold» abzeichnet. Beide Denker suchen, so Fischer, einen philosophischen Ausgangspunkt beim Vorstellungsvermögen, und beide verstehen Vorstellung als eine Tatsache des Bewusstseins.12 Alfred Klemmt hat auf den Schlussseiten seiner Studie zu Reinholds Elementarphilosophie auf Übereinstimmungen wie auch auf Differenzen der beiden Denker bezüglich der Ausgestaltung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses aufmerksam gemacht und, im Rekurs auf zuvor aufgezeigte «Gebrechen» der Reinhold’schen 11 Siehe den Brief Schopenhauers an Reinhold vom 24. November 1813. In: A. Schopenhauer: Gesammelte Briefe, 8f. 12 Siehe K. Fischer: Arthur Schopenhauer, 249f.

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Einleitung

Elementarphilosophie, die These vertreten, dass bei Schopenhauer «bestimmte negative Seiten der Vorstellungstheorie Reinholds auf eine sehr lehrreiche Weise weiter­wirken».13 In jüngerer Zeit hat schließlich Christopher Janaway streiflichtartig erwähnt, dass bei Schopenhauer Reinholds mit dem Satz des Bewusstseins statuiertes Subjekt-Objekt-Verhältnis in e­ iner verstärkt idealistischen Variante seine Fortsetzung erfahren hat.14 In den folgenden fünf Kapiteln soll der Versuch unternommen werden, die sachlichen Übereinstimmungen und Differenzen von Reinholds Elementarphilosophie und Schopenhauers Lehre über die Welt als Wille und Vorstellung wenn auch keineswegs umfassend oder abschließend, so doch ausführlicher und gründlicher, als dies bisher geschehen ist, auf den Begriff zu bringen. Nach ­einem ersten Vergleich, der die kritische und konstruktive Auseinandersetzung der beiden Autoren mit Kant betrifft, werden wir stärker ins Detail gehen und auf Übereinstimmungen und Differenzen in Bezug auf Thesen und Resultate zur Frage der Erkenntnisbegründung, der Willensfreiheit, des ethischen Handelns sowie in Bezug auf die Art und Weise der Kritik an der nachkantischen spekulativen Philosophie eingehen. Gleich anfangs sei klargestellt, dass es im Blick auf das, was man allgemein als das Denken Reinholds oder Schopenhauers ­bezeichnen kann, eine Asymmetrie gibt. Während sich Schopenhauers so gut wie gesamtes Denken mit seiner Lehre über die Welt als Wille und Vorstellung deckt, seine neben dem Hauptwerk stehenden Schriften insofern auch Vorarbeiten und Ergänzungen desselben sind, gibt es bei Reinhold keine Einheitlichkeit dieser Art. Reinholds Denken ist, abgesehen davon, dass es in sämtlichen Phasen mit illuminatischen Aufklärungsbestrebungen einhergeht,15 13 A. Klemmt: Karl Leonhard Reinholds Elementarphilosophie, 588. 14 Siehe C. Janaway: Self and World in Schopenhauer’s Philosophy, 141f. – Man beachte ferner Y. Kamata, der von einem Anschluss Schopenhauers an einen Reinhold’schen Vorstellungsbegriff, der im Zwischenbereich von vorstellungstheoretischen Ansätzen bei G. E. Schulze und Fichte zu situieren ist, ausgeht und überdies gleichfalls auf die mögliche Bedeutung von Reinholds Willenstheorie für Schopenhauer hinweist (Der junge Schopenhauer, 39, 43–46). 15 Zu den illuminatischen Aktivitäten Reinholds siehe G. W. Fuchs: Karl Leonhard Reinhold – Illuminat und Philosoph.

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Einleitung

wandlungsreich. Der in Wien zum katholischen Priester und Philosophen ausgebildete, sich danach der protestantischen Aufklärung zuwendende, in Weimar eine Zeitlang bei Christoph Martin Wielands «Teutschem Merkur» mitarbeitende und nach Mitte der 1780er Jahre zu einem Hauptexponenten des Jenaer Kantianismus avancierende Reinhold hat sich im Laufe der 1790er Jahre philosophischen Einsichten Fichtes und Jacobis angenähert. 1797 hat er sich von seiner an Kant orientierten Elementarphilosophie distanziert und öffentlich zu Fichtes Wissenschaftslehre bekannt. Nach 1800 hat er ein System des «Rationalen Realismus» verteidigt, das sich, seiner polemischen Seite nach, gegen die spekulativen ­Systeme Fichtes, Schellings und Hegels richtet, und er hat sich schließlich, nach 1805, als an Problemen der Synonymik interessierter Sprachphilosoph zu Wort gemeldet. Wenn wir die für unseren Vergleich geeigneten elementarphilosophischen Ansichten Reinholds zugrunde legen und diskutieren, werden wir somit nur einen Ausschnitt seines gesamten Denkweges vor Augen haben. Methodisch gesehen ist bei Reinhold die Konzentration auf die ­Elementarphilosophie zwingend, zumal sich bei dieser Denk­ formation die wesentlichen Gemeinsamkeiten mit Schopenhauer herausstellen. Es lohnt sich aber auch, den Blick auszuweiten und da und dort auf spätere Denkergebnisse Reinholds Bezug zu nehmen. Wie wir in Abschnitt V. sehen werden, gibt es insbesondere auch spannende Affinitäten zwischen Schopenhauer und jenem Reinhold, der mit seinem Philosophieren im Zeichen eines neuen ­Realismus eine anti-spekulative und anti-subjektivistische Wende vollzogen hat.

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I. Kritik und Fortsetzung der Philosophie Kants Für ein angemessenes Verständnis von Schopenhauers Lehre über die Welt als Wille und Vorstellung ist es unerlässlich, sich deren kritische Anknüpfung an die Philosophie Kants zu vergegenwär­ tigen. Dasselbe gilt hinsichtlich der Reinhold’schen Elementar­ philosophie. Auch sie wird wesentlich aus ihrem Anspruch, Kants Vernunftkritik auf einer höheren Stufe fortzusetzen, begreiflich. In diesem Punkt zeigen sich denn auch signifikante Gemeinsamkeiten zwischen Reinhold und Schopenhauer. Beide verstehen sich in ihrer Art als Erben Kants und bemühen sich, ein Gedankengebäude zum Abschluss zu bringen, das ihrer Meinung nach Kant vorgegeben hat. Beide sprechen in Bezug auf ganz ähnliche Sachverhalte über die unbestreitbaren Verdienste und die Mängel der Vernunftkritik und vertreten eine revidierte kantische Philosophie, in der Vorstellung, Ding an sich und Wille zu den inhaltlichen und systematischen Grundpfeilern gehören.

Vorstellung, Ding an sich und Willensfreiheit in Reinholds System der Elementarphilosophie Ist von Reinholds «Elementarphilosophie» die Rede, wird darunter von vielen Interpreten und Kritikern, teils aber auch von ihm selbst, häufig sein an Kants Kritiken anschließendes Gesamtsystem der Philosophie oder, noch allgemeiner, die Epoche seines Philosophierens im Geiste Kants verstanden. Streng genommen handelt es sich allerdings um den Grundlagenteil zu einem ab 1790 geplanten und in der Folge nur in wenigen Bruchstücken ausgeführten System der reinen (nicht empirischen) Philosophie überhaupt, das in einen weit verzweigten theoretischen sowie einen praktischen Hauptteil zerfällt1 – einem System, das dem Umfang nach mit 1 Siehe Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen. Erster Band, 85ff.

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I. Kritik und Fortsetzung der Philosophie Kants

Kants Plänen zu einer kommenden Metaphysik der Natur und Metaphysik der Sitten oder mit Hegels enzyklopädischem System gleichzustellen ist. Dieser in mehreren Varianten entfaltete und nach einer ersten paradigmatischen Ausführung nur noch reduziert wiedergegebene Grundlagenteil2 ist, wenn man die Sache vor dem Hintergrund der Kritiken Kants betrachtet, ein vorstellungstheoretisches Fundamentalstück der theoretischen und praktischen Vernunftkritik. Es wird davon ausgegangen, dass der theoretischen Vernunftkritik – neu ausformuliert als Theorie des Erkenntnisvermögens – und der praktischen Vernunftkritik – neu ausformuliert als Theorie des Begehrungsvermögens – eine Theorie des Vorstellungsvermögens als beiden gemeinsamer Ausgangspunkt voranzugehen hat. Die Theorie des Vorstellungsvermögens ihrerseits ist ein System von Begriffen, in dem die Auffassung des Vorstellens oder Bewusstseins an der Spitze steht. Verstanden wird darunter eine dreigliedrige Struktur von Subjekt oder Vorstellendem, Objekt oder Vorgestelltem sowie Vorstellung als auf beide (Subjekt und Objekt) bezogenes und von beiden unterschiedenes Mittelglied. Diese Struktur wird dabei ihrem Dasein nach als eine ursprüngliche Tatsache des menschlichen Bewusstseins geltend gemacht, ihrem Inhalt nach im Sinne eines als evident und allgemeingültig behaupteten obersten Grundsatzes, des «Satzes des Bewußtseyns», artikuliert, der in einer Version von 1790 lautet: «Im Bewußtseyn wird die Vorstel-

2 Reinhold hat diesen Grundlagenteil zunächst relativ vollständig im zweiten Buch des Versuchs einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens ent­ wickelt, danach in einer leicht revidierten und unvollständigen Fassung 1790 im Abschnitt «Neue Darstellung der Hauptmomente der Elementar­ philosophie» aus dem ersten Band der Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen, 167–254. In dem 1792 entstandenen Aufsatz «Ueber den Unter­schied zwischen dem gesunden Verstande und der philo­ sophierenden Vernunft in Rücksicht auf die Fundamente des durch beyde möglichen Wissens» (ebd., Zweyter Band, 1–72) wird sodann eine erheblich veränderte Konzeption dieses Grundlagenteils zur Diskussion gestellt. In der Schrift Ueber das Fundament des philosophischen Wissens finden sich zudem relevante Ausführungen zum obersten Grundsatz des Grundlagenteils, zum Satz des Bewusstseins.

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I. Kritik und Fortsetzung der Philosophie Kants

lung durch das Subjekt vom Subjekt und Objekt unterschieden und auf beyde bezogen.»3 Auf diesen Anfang der Theorie des Vorstellungsvermögens folgen Definitionen zu den Einzelgliedern der Bewusstseinsstruktur, zur Vorstellung als Vermögen sowie zu den dem Verhältnis von Subjekt und Objekt entsprechenden Gegenüberstellungen von Form und Stoff, Einheit und Mannigfaltigkeit, Vermögen der Spontaneität und Vermögen der Rezeptivität. Wiederum vor dem Hintergrund Kants betrachtet, kann man davon sprechen, dass Reinhold hiermit in einer gesonderten und systematisch gefestigten Gestalt dasjenige darlegt, was in der Kritik der reinen Vernunft als allgemeines Erkenntnismodell die transzendentalen Deduktionen von Raum, Zeit, Kategorien und Ideen durchzieht: das mit der ­reinen Apperzeption unterstellte Verhältnis von denkendem Ich und Gegenstand, die Ansetzung von Einheit, Form und Spontaneität auf der Seite des erkennenden Subjekts, von Mannigfaltigkeit, ­Materie und Rezeptivität auf der Seite des Objekts. Zu der systematischen Gestalt, in welcher Reinhold die Sache vorträgt, gehört die Annahme, dass die genannte anfängliche Auffassung von Vorstellung im Sinne eines Gattungsbegriffs zu betrachten ist. Dies bedeutet, dass alle systemrelevanten Bestimmungen aus der Theorie des Vorstellungsvermögens sowie aus den Theorien des Erkenntnis- und Begehrungsvermögens als dieser Auffassung subsumiert zu begreifen sind. Sie sind mit anderen Worten Vorstellungsarten oder Folgebegriffe und damit von dem Gattungsbegriff der Vorstellung abhängig. Reinhold nimmt dabei in manchen Fällen neben einer schwachen, strukturbildenden eine stärkere – sei dies die Ordnung der Folgebegriffe oder die Begründung erkenntnisrelevanter Urteile betreffende – Abhängigkeit an, wodurch die anfängliche Auffassung von Vorstellung nicht nur als Definitionsbasis, sondern auch als erstes Glied einer geordneten Begriffskette sowie als eine der Begründung von Erkenntnis dienende Instanz erscheint. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang gleichfalls die Überlegung, dass mit der anfänglichen Auffassung von Vorstel3 Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen. Erster Band, 167.

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I. Kritik und Fortsetzung der Philosophie Kants

lung die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich und die damit verbundene These der Unerkennbarkeit der Dinge als an sich betrachtet einleuchtender, als dies bei Kant geschehen ist, ­expliziert werden kann. Wenn alles Bewusstsein dreigliedrig ist, haben wir immer nur von dem Subjekt vorgestellte Objekte und keine Objekte an sich, immer nur als Objekt vorgestellte Subjekte und keine Subjekte an sich. Reinhold vertritt damit, über Kant ­hinaus, die These, dass das Ding an sich nicht nur unerkennbar ist, sondern auch unvorstellbar: «kein Ding an sich ist vorstellbar».4 Und er bekräftigt dieses Resultat mit der Erklärung, dass, da zu jeder Vorstellung Form und Stoff gehören, das als unvorstellbar zu qualifizierende Ding an sich demnach als der bloße Stoff, der Stoff ohne Form, bzw. als die bloße Form, die Form ohne Stoff, anzusehen ist. Die These der Unvorstellbarkeit des Dinges an sich zwingt Reinhold, da behauptet werden können muss, dass das Ding an sich (sowohl das Objekt an sich als auch das Subjekt an sich) kein leerer Begriff ist, umgehend zu einer Differenzierung. Es wird dafür argumentiert, dass es sich bei dem Ding an sich nicht um eine Un-Vorstellung, sondern um eine «negativ» auf das Ding bezogene Vorstellung handelt.5 Und da Reinhold im Einklang mit Kant voraussetzt, das Ding an sich sei sowohl zum Zwecke der Eingrenzung der Erkenntnis auf Gegenstände der Erscheinung und damit zur Geltendmachung des kritizistischen Standpunktes anzunehmen als auch zum Zwecke der Erklärung einer auf das erscheinende ­Objekt und erscheinende Subjekt wirkenden Affektion, wird für ihn die Einführung einer weiteren markanten Unterscheidung unumgänglich. Während Kant, um das unerkennbare Ding an sich in ­seinen positiven Bestimmungen ausreichend kenntlich machen zu können, mit der Gegenüberstellung von Erkennen und Denken operiert und das Ding an sich als etwas bestimmt hat, was wir in seiner Existenz und Affektion als denkbar voraussetzen dürfen, schlägt Reinhold eine eigenwillige Unterscheidung von «Ding an 4 Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens, 244; Gesammelte Schriften 1, 164. 5 Siehe Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen. Erster Band, 186, sowie Ueber das Fundament des philosophischen Wissens, 32; Gesammelte Schriften 4, 28f.

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I. Kritik und Fortsetzung der Philosophie Kants

sich» und «Noumenon» vor.6 Das Ding an sich, soweit man es als affizierendes Etwas aufzufassen hat, soll im Sinne eines Noumenon, d. h. durch einen Vernunftbegriff (eine Idee im Sinne Kants), vorgestellt werden. Behauptet werden soll damit keineswegs, dass das Ding an sich, sobald es auf der Stufe der Vernunft gedacht wird, in einem strengen Sinne des Wortes erkennbar wird. Die Frage des Dinges an sich gehörte insgesamt zu jenen systematischen Problemen, die Reinhold bei seiner Ausarbeitung der Elementarphilosophie über mehr als ein halbes Jahrzehnt in Atem hielten. Sie war sodann offenbar auch ausschlaggebend für Reinholds 1797 erfolgten Anschluss an Fichtes Wissenschaftslehre, in welcher nicht mehr das Bewusstsein oder Subjekt-Objekt-Verhältnis, sondern ein streng monistisch konzipiertes Selbstbewusstsein oder absolutes Subjekt die Spitze des philosophischen Systems ­bildet. Reinhold argumentierte zu diesem Zeitpunkt selbstkritisch, dass seine bisherige Bestimmung des Dinges an sich, soweit es als Objekt des Bewußtseyns, d. h. als Objekt an sich, aufgefasst und im Sinne eines bloßen, unabhängig von jeder Form bestehenden Stoffes behauptet werde, zu einer gravierenden Unstimmigkeit führe7 und deshalb aufzugeben sei. Dabei unterließ er es allerdings zu ­explizieren, welche Schlussfolgerungen es daraus für das Ding an sich als Subjekt an sich zu ziehen gilt. Während der Periode der ­Elementarphilosophie ging Reinhold von der Unterscheidung zwischen Subjekt an sich und vorstellendem Subjekt aus und fasste letzteres in theoretischer Richtung bald als transzendentales, bald als empirisches Subjekt, bald als ein für das Vermögen der Selbstaffektion stehendes Selbstbewusstsein oder Ich, in praktischer Richtung als die wollende und dabei angesichts des Entscheides für oder gegen das Sittengesetz über einen absolut freien Willen verfügende Person. Mit dem Übergang zu Fichte werden das Subjekt in der Bedeutung von Selbstbewusstsein und das wollende Subjekt aufgewertet, die Differenz zum Subjekt an sich wird aber nicht ausdrücklich eliminiert. 6 Siehe Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen. Erster Band, 216, Zweyter Band, 101, sowie Ueber das Fundament des philosophischen Wissens, 191, Anm. Reinholds; Gesammelte Schriften 4, 107. 7 Siehe Auswahl vermischter Schriften. Zweyter Theil. Vorbericht VII–IX.

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Die Theorien des Erkenntnis- und Begehrungsvermögens, die Reinholds Systemplan gemäß auf den vorstellungstheoretischen Grundlagenteil folgen sollen, sind von ihm in einer allgemeinen Form im dritten Buch des Versuchs einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens ausformuliert worden. Die Theorie des Erkenntnisvermögens enthält ihrem hauptsächlichen Aufbau nach Theorien der Sinnlichkeit, des Verstandes und der Vernunft; sie orientiert sich damit an Kants Untergliederung der Elementarlehre der Kritik der reinen Vernunft in die transzendentale Ästhetik, Analytik und Dialektik. Die Theorie des Begehrungsvermögens, die im Rahmen des Versuchs zunächst in der Gestalt von Grundlinien ­unterbreitet wird und sodann im zweiten Band der Briefe über die Kantische Philosophie von 1792 entscheidend zur Durchführung gelangt, besteht aus Bestimmungen zu Moral und Naturrecht. Von tragender systematischer Bedeutung erweist sich bei diesem praktischen Theorieteil die betont anti-deterministische und anti-fatalistische Ausgestaltung der Willensfreiheit. Der freie menschliche Wille soll primär als das Vermögen begriffen werden, sich für oder gegen das Sittengesetz, welches auch als eine Forderung des uneigennützigen Triebes zu verstehen sein soll, zu entscheiden. Anders als Kant, der Freiheit und Sittengesetz wechselseitig auseinander ­begründet, als Seins- und Erkenntnisgrund einander zuordnet, ist Reinhold der Überzeugung, dass der Begriff des freien Willens dem Begriff des Sittengesetzes voranzugehen hat. Das «Sittengesetz» lässt sich seines Erachtens «nur als das Gesetz des Willens, der Wille aber nicht ohne den richtigen Begriff von der Freyheit richtig denken».8 Dieser Tendenz entsprechend, geht Reinhold in dieser Phase dazu über, die Willensfreiheit zum Fundament des praktischen Teils seines Systems der reinen Philosophie überhaupt zu erheben. Insgesamt werden Vorstellen und Willensfreiheit damit als die zwei Grundpfeiler des gesamten Systems betrachtet: «Dem richtigen, aber bis jetzt noch ganz verkannten Begriffe von der Freyheit des Willens ist in der künftigen praktischen Philosophie eben dieselbe Funktion aufbehalten, die dem richtigen und bis jetzt nicht weniger verkannten Begriffe von der Vorstellung in der künftigen Philosophie überhaupt, 8 Briefe über die Kantische Philosophie. Zweyter Band, 361; Gesammelte Schriften 2/2, 238.

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