Fortifikationsliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts
Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Befestigung von Städten und Burgen mit den bewährten Mauern und Tßrmen in ein System transformiert, das im Gegensatz zur Zivilbaukunst nicht auf antiken Vorbildern basiert  : das Bastionärsystem.
Traktate deutscher Sprache im europäischen Kontext
tobias bĂźchi
Diese komplexen Anforderungen wurden in einer umfangreichen theoretischen ÂLiteratur reflektiert. Der vorliegende Band bietet eine detaillierte Analyse der im deutschsprachigen Raum verĂśffentlichten Traktate. Die Untersuchung erschliesst die engen Wechselwirkungen zwischen Theorie und Praxis und ein StĂźckweit das historisch bedingte Selbstverständnis heutiger Ingenieure und Architekten.
Fortifikationsliteratur des 16.und 17. Jahrhunderts
Festungen dieser Periode waren grosse und kostbare Bauwerke, deren Planung und Ausfßhrung hÜchste Anforderungen an die involvierten Entscheidungsträger, leitenden Architekten und Ingenieure stellten. Neben militärischem Fachwissen waren ein hohes Mass an technischer und administrativer Kompetenz sowie architektonische Erfahrung in der Bewältigung des Planungsprozesses, der Baustellenorganisation und der Kostenkontrolle erforderlich.
tobias bĂźchi
978-3-7965-3322-8 , 6ISBN % 1
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
Schwabe
Edition Bibliothek Werner Oechslin  –  Schwabe
Tobias BĂźchi studierte Architektur an der ETH ZĂźrich und war von 2001 bis 2010 Assistent am dortigen Institut fĂźr Geschichte und Theorie der ÂArchitektur (  gta  ). Seit 2010 ist er verantwortlich fĂźr das Forschungsprojekt Architektonisches Wissen  : Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum, 1480 bis 1750 an der Stiftung B  ibliothek Werner Oechslin, Einsiedeln.
Tobias Büchi
Fortifikationsliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts Traktate deutscher Sprache im europäischen Kontext
Edition Bibliothek Werner Oechslin, Einsiedeln – Schwabe Verlag, Basel
Inhalt Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Werner Oechslin, Daniele Barbaros humanistischer Blick auf die Befestigungskunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Prolog
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Der Übergang von der ‘antiken’ zur ‘modernen’ Befestigung . . . . . . . . . . . . . . 25
Die Praxis der Verbesserung bestehender Befestigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Albrecht Dürer: Mit Zirkel und Richtscheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Eine ‘feste Klause’: Dürers Kreisbefestigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Befestigung einer ‘Residenzstadt’ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Befestigung mit Basteien und Verstärkung bestehender Ringmauern .. . . . . . . . . 42
Reinhard von Solms: Baumeister und Soldat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Verstärkung eines Schlosses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Verstärkung bestehender Stadtbefestigungen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Vorbild, Muster oder Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Francesco de’ Marchi und Daniel Specklin: Vom Polygonalzum Bastionärsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
Befestigung mit der Piattaforma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
Befestigung mit Mittel- oder Kurtinenkavalieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
Befestigung mit Kavalieren auf und hinter der Bastei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Befestigung mit Bastionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
Specklins Kritik an der italienischen Festungsbaukunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
Element und Ordnung: Die Manieren von Daniel Specklin
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75
Das Normalsystem (Specklins erste Manier) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
Die Lehre von den Bastionswinkeln und Vielecken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
Die Anordnung der Elemente im Schnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
Angriff und Verteidigung des Normalsystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
Tenaillensysteme im 16. Jahrhundert und Specklins dritte Manier . . . . . . . . . . . . . . . 94
Das verstärkte Normalsystem (Specklins zweite Manier) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
Specklin, Vitruv und die Wissenschaft der Festungsbaukunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
Buonaiuto Lorini: Mechanik und Festungsbaukunst
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115
Das ‘disegno’ oder die ‘Handlung des Reissens’ .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Mathematische Praxis: Spekulative Wissenschaft und operative Kunst. . . . . . . . . . . 122
Natur und Kunst: Lorinis Maschinenbautraktat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Wissenschaft, Kunst und Ausführung: Teleologische Aspekte des Bauens . . . . . . . . 142
Simon Stevin: Methode, Modell und Wirklichkeit
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147
Theorie und Praxis: Euklid, Aristoteles oder Ramus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Modell und Perspektive: Struktur und Darstellung von Struktur . . . . . . . . . . . . . . . 157
Oranische Militärreform, ‘Duytsche Mathematique’ und ‘Mathesis Militaris’ . . . . 169
Die altniederländische Fortifikation und ihre Kritik
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187
Reduktion und Demonstration: Das Festungsbuch von Errard de Bar-le-Duc .. . . 187
Maximen, Schemen und Tabellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
Geometrie und Erfahrung: Gleich- und ungleichmässiger Festungsbau . . . . . . . . . 208
Die Kritik an der altniederländischen Fortifikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
Blaise François de Pagan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Johann Jakob Werdmüller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 Georg Rimpler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
Festungsbaukunst und Theorie im Kontext
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231
Festungsbau und Politik: Konrad Dieterich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
Analyse und Synthese: Die Peribologia von Wilhelm Dilich .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Methode und Typ: Festungsbauwesen, Städte- und Lagerbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
‘Architectura militaris’ und ‘architectura civilis’ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Epilog .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Bildtafeln Anhang
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273
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345
Editorische Notiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346
Verzeichnis der für Bibliotheken und Archive verwendeten Siglen . . . . . . . . . . . . . . 347
Nachweis Textillustrationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348 A Specklin, Codex mathematicus, [1575], Fol. [41]r–[41]v . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348 B Specklin, Codex mathematicus, [1575], Fol. [38]v . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 C Specklin, Codex mathematicus, [1575], Fol. [81]r . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 D Specklin, Codex mathematicus, [1575], Fol. 166r–166v . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350 Literaturverzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352 Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
Manuskripte und manuskriptähnliche Drucke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
Gedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393 Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 396
Dank Mein erster Dank gilt Prof. em. Dr. Dr. h. c. mult. Werner Oechslin. Er ermöglichte es mir im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Forschungsprojekts Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum 1500–1750 während mehr als einem Jahrzehnt, dieses Buch zu verfassen, das aus meiner im Jahr 2009 von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) angenommenen Dissertation hervorgegangen ist. Prof. em. Dr. Andreas Tönnesman (†) bin ich für seine wertvolle Kritik dankbar. Meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) und der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin, besonders Philipp Tscholl, Dr. Berthold Hub, Dr. Bernd Kulawik und Dr. Martin Pozsgai, danke ich für ihre Unterstützung beim Verfassen und bei der Überarbeitung des Manuskripts. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller konsultierter Bibliotheken, in erster Linie der Abteilung Alte Drucke der ETH-Bibliothek, der Zentralbibliothek Zürich sowie der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin, ist für ihre tatkräftige Unterstützung im Umgang mit den Quellen zu danken. Dem Schwabe Verlag, besonders Co-Verlagsleiterin lic. phil. Marianne Wackernagel und Lektorin Iris Becher M.A., danke ich für die sorgfältige Betreuung der Publikation. Ohne die substantiellen Beiträge des Schweizerischen Nationalfonds und der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin wäre es unmöglich gewesen, dieses Buch zu einem moderaten Preis anzubieten. Lilian Frei bin ich für ihre grosszügige, auch finanzielle Unterstützung dankbar. Nicht zuletzt danke ich meinem Vater Dr. Walter Büchi und meiner Mutter Ibolya Büchi-Skarka für ihre jahrelange Geduld und Zuversicht. Zürich, im September 2014 Tobias Büchi
Werner Oechslin
Daniele Barbaros humanistischer Blick auf die Befestigungskunst
A quelli ueramente, che lodano la secretezza, direi, che quello, che appartiene alla conseruatione de gli huomini, non si deue tener secreto. Barbaro, I dieci libri dell’architettura di M. Vitruvio, 1556, [C6a-C6b].
Im Verlauf seiner Forschungen hat sich Tobias Büchi immer mehr den grundsätzlichen Fragestellungen der besser und zutreffender als ‘architectura militaris’ bezeichneten Fortifikationslehre zugewandt. Nicht nur, weil hier allein schon die mathematischen Ansprüche schnell die üblichen Anforderungen der Architektur übersteigen, bedarf es kluger Köpfe, die System und Theorie in der komplexen Praxis erkennen und herausdestillieren. Dem hat sich die vorliegende Studie gewidmet. Ausgerechnet die so unmittelbar der Handlung zugeordnete und darin den schnellen Erfolg suchende ‘militärische Wissenschaft’ trifft sich mit den Subtilitäten der Berechnung und führt vom ‘ingegno’ als dem Inbegriff angewandter Intelligenz zu einer Wissenschaft mit universalem Anspruch, die nicht einmal vor Klostermauern haltmacht. So wird beispielsweise die Kurfürst Maximilian Emanuel von Bayern 1700 gewidmete Untersuchung des jungen Joseph Ignaz Felix, Fürst von Törring und Jettenbach, von einem Benediktiner Mathematikprofessor, Edmund Egg, geleitet und von Theologen und Philosophen aus den Klöstern von Otto beuren und Admont approbiert und zum Druck freigegeben. Der erste Satz beginnt dort: “ARchitectura militaris est Scientia”. Längst hat sich das ‘niedere Geschäft des Krieges’ den höchsten und anspruchsvollsten Wissenschaften zur Seite gesellt. Das ist der Gang der Geschichte – und der Architektur. Dem gingen Ereignisse und Überlegungen wie die im Folgenden kurz dargestellte Episode voraus. Der Traum der Berechenbarkeit, etwas vorwegzunehmen, was sich den zufälligen menschlichen Handlungen – und womöglich, in extremer Situation, den verzweifelten Reaktionen, bei denen es ja auch um Leben und Tod gehen kann – entgegenzusetzen vermag, dieser Traum hat etwas vom weltbestimmenden Demiurgen oder noch vielmehr vom berechnenden Gott selbst, der sein gerechtes Strafgericht allen Greueltaten zum Trotz auf dem Schlachtfeld einrichtet und dem, was da berechnet wird, auch noch die Gültigkeit ewiger Wahrheit und Gerechtigkeit zuteilwerden lässt. Was für eine Koinzidenz von mathematischer Disziplin und todbringendem Fatalismus!
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Der Übermut des Berechnenkönnens erobert sich schnell ein breites Spek trum an Möglichkeiten. Aus der Not der Verteidigung werden die verschiedenen ‘modi’ entwickelt, durch die das teuflische Kriegswerk als variantenreiche hohe Kunst nobilitiert wird. Es bleibt gar keine andere Wahl, als all dies so zu lesen, dass nämlich die Virtuosität menschliches Elend zwar nicht besiegt, jedoch durch ein ‘artificio’, durch eine künstliche Erfindung, überhöht und somit durch mensch liches Können überdeckt. Es lässt sich – trotz allen möglichen Klagens und Bedauerns angesichts des Leids – wohl kaum bestreiten, dass sich hier Erfindungsreichtum und Scharfsinn, künstlerische Kreativität und mathematische Berechnungsgabe zu einer ‘Wissenschaft’ zusammengefunden haben, die alles andere überstrahlt und den Krieg endgültig zur Kunst werden lässt. DOVENDO investigar la maniera di fortifcar le città, castella, et altri luoghi serrati necessaria cosa è prima che ad altro si uengan, conoscere in quanti modi si possano espugnare, accio che da quali di questi restino per tale artificio sicure, apertamente si ueda; & oue bisogno sia, chi custodirle disidera ne gli altri, come gouernar si debba, & altronde douerlo apprender, si conosca.
So führt Giovanni Battista de’ Zanchi aus Pesaro 1554 in sein Werk Del modo di fortificar le città ein und lässt den Leser seine “INTENTIONE” erfahren. Der Fachmann versteht sich auf das ‘Spiel’, das hier im Kampf um Macht und Reichtum durchaus geregelt sein will; es bieten sich Möglichkeiten und Varianten an; es sind ‘modi’ und das Ganze ist ein ‘artificio’, ein wundervolles künstliches Ding, voller Raffinessen und Kenntnisse, die dem Fachmann vorbehalten sind. Zur gleichen Zeit wie Zanchis Traktat erscheint Pietro Cataneos in erster Linie der Stadt und den regulären, polygonalen Stadtgrundrissen gewidmete Architettura, in der in auffälliger Weise der ‘wissenschaftliche’ Charakter der Architektur – natürlich mit Bezug auf Vitruv – herausgestrichen wird. Girolamo Ruscelli geht noch weiter; am Ende des Traktats von Zanchi, das dieser ihm bei seinem Weggang aus Venedig 1554 zur Drucklegung übergeben hat, lässt er den Leser wissen, dass in der Fortifikation – wie im Schiffsbau – die Antike längst überflügelt worden sei. Auf der Seite der Bedrohten möchte Ruscelli jene von Gott dem Menschen verliehene Kraft gegen die Bedrohung der modernen Artillerie, welche blitzesgleich (“per far concorrenza al fulmine”) zerstört, einsetzen: “se la gran bontà di Dio non hauesse nell’ingegno humano inspirato modo da poterui rimediare”. Man ist längst der Kriegspropaganda anheimgefallen, die je nach Lage der Position des Angreifers oder der des Verteidigers folgt. Von rhetorischen Lobpreisungen abgesehen erscheint das dem, der sich auf das Geschäft versteht, einerlei. Weil es neben dem Blitz nun auch die Artillerie gibt, braucht es entsprechende Vorsichtsmassnahmen; die Aufrüstung hat begonnen, oder vielmehr, sie ist den nächsten Perfektionsgang im Zeichen des nunmehr ‘mathematisch verlässlichen’ Flugs der Wurfgeschosse gegangen. Die Fortifikation ist bald jene von der Architektur sich emanzipierende Disziplin, die das Prinzip des Fortschritts kennt und ihm gehorcht; ja, sie wird wegen ihres mathematischen und wissenschaftlichen Rigors die ‘schöne Architektur’ an – politischer – Bedeutung übertreffen. Man
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studiert Fortifikation, um vielleicht als Architekt tätig zu werden – wie Balthasar Neumann, der im Anschluss an seine militärisch-fortifikatorische Grundausbildung nach Paris zur künstlerischen, architektonischen Fortbildung geschickt wird, weil dies seinem Geldgeber und dessen Repräsentationsgelüsten gerade zupasskommt. Das ist die Reihenfolge – und die Rangordnung. Die Fortifikation steht weit über der Architektur, wenn man es denn nach der Stringenz mathematisch kon trollierter Methode bemisst. Und schliesslich ist der Krieg das grosse Geschäft, das sich nebst dem üblichen Gerangel um Macht- und Gebietsansprüche nun auch noch vom Religionskrieg beleben und viel tiefgreifender begründen lässt. Europa verwandelt sich unter diesen Bedingungen in einen Kontinent der Nationen, und an den entscheidenden Fronten wird die Kriegskunst zum gefragtesten Artikel menschlicher Geschicklichkeit. Eine reiche Nachfrage lässt auch ein reiches Angebot entstehen. Die ‘architectura militaris’ erstrahlt an jedem kleineren und grösseren Fürstenhof. Und dem Kriegslärm entspricht dort das Sich-Ergötzen an dem nicht minder aufwendigen – im selben Kompetenzbereich angesiedelten – Feuerwerk. In Zanchis ‘Intentione’ steht 1554 an erster Stelle die “maniera di fortificar le città”. Und mit der ‘fortezza’ ist auch immer die ‘forza’, die gegen Erstere eingesetzt wird und die es abzuwehren gilt, gemeint. Es gibt Weiteres, was Zanchi anspricht, aber nicht ausführt. Die Kompetenz und die der Fortifikation zugeordneten Mittel und Instrumente können nur architektonischer und mechanischer Natur sein und bleiben insofern in archimedischer Tradition – erweitert durch das moderne Können des ‘neuen Archimedes’, Niccolò Tartaglia. Doch die Kriegskunst umfasst noch mehr. Drei Dinge nennt Zanchi: Gewalt (“forza”), Verrat (“tradimento”) und das, was als betrügerische Machenschaft in irgendeiner Weise dazwischenliegt und mit “rubamento” beschrieben wird. In Anbetracht dieser Risiken will sich Zanchi in seiner Darlegung auf das beschränken, was ‘vernünftigerweise’ einer Belagerung ‘nach allen Regeln der Kunst’ standhalten kann (“dar regola di talmente fabricare esse mura, & sue parti, che possano ragioneuolmente alla forza de’ nemici per l’ordinario resistere”). Man wünscht sich also für das Kriegsgeschäft berechenbare Regeln, was dann wohl zu einer ‘fairen’ Auseinandersetzung, zu einem ‘ordentlichen Kräftemessen’ führen soll. Kriegsführung und die Fortifikation insbesondere sind eine ‘ars’, sogar eine, die sich in spezifischer Weise wissenschaftlich erprobter Berechnungsgrundlagen zu versichern weiss. Doch da bleibt noch das – menschliche – Risiko von Verrat und “rubamento”, das sich der Kontrolle von Wissenschaft und Architektur entzieht. Und so überrascht es nicht, dass sich hier Überlegungen zur Geheimhaltung einstellen. Denn es geht aus Sicht des Gegners nicht nur um “difetti delle mura”, sondern um das ‘geheimdienstliche’ Wissen davon und um Täuschungen aller Art; “debolezza, & uitio de gli animi” – menschliche Schwächen und Laster – führen zum Verrat. Und wie soll man gegen solcherlei Unwägbarkeiten angehen? Zanchi bescheidet sich mit dem, was in seinem Ermessen steht, und richtet sein Bemühen an die Praktiker und Fachleute (“solo à pratici, et giudiciosi nell’arte”). Die neue Kunst der Artil-
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lerie fordert ihn dabei heraus und lässt ihn – “doppo il ritrouar dell’artiglieria” – an eine mögliche Antwort, ein “nuouo magisterio nel fortificar le cittadi” mit entsprechenden Vorkehrungen und Regeln, denken. Es ist indes nicht einfach, der Entwicklung zu folgen. Noch mag Zanchi der Welt von Betrug und Spionage angehören, noch ist er auf der Höhe der die architektonisch begründete Fortifikation in den kommenden Jahrhunderten massiv herausfordernden ‘modernen’ Kriegstechnik. Nach den Erfindungen der Artillerie befindet man sich jedoch in einem akuten Moment der schnellen Entwicklung der Kriegskunst. Girolamo Ruscelli beschreibt dies in seinem an Nicola Manvali gerichteten Nachwort als – mitsamt der Eile – typisch menschliches Geschäft: “secondo il corso humano, che di giorno in giorno con l’esperienza, & con l’esercitio, & consideratione fa che l’arti si ueggiano uenir migliorando & crescendo in perfettione”. 1556, als Zanchis Del modo di fortificar le città ein zweites Mal in Venedig gedruckt wird, erscheint dort auch Daniele Barbaros Vitruvkommentar, an dem Andrea Palladio – mit seiner Kompetenz als Architekt und Zeichner – mitgewirkt hat. Der Umstand der damaligen Aktualität fortifikatorischer Belange hat dazu geführt, dass im Zuge der Arbeit an der Publikation Änderungen und Verbesserungen angebracht wurden, die deutlich erkennbar und kommentiert in Erscheinung treten. Palladio hat dort aus sämtlichen Angaben Vitruvs einen Stadtgrundriss gebildet und diesen, um die neuen fortifikatorischen Erkenntnisse ergänzt, auf einer ganzen Seite zur Darstellung gebracht. Und gerade diese Darstellung fällt nach der Drucklegung ganz und gar nicht zur Zufriedenheit Palladios aus, so dass sich Barbaro genötigt fühlt, in einem eingelegten Blatt ausdrücklich auf den “errore” des “intagliatore” hinzuweisen. Die Mängel betreffen das Aktuellste, die schlecht gezeichneten “tiri, che perfettamente non escono delle Canonniere”. Man ist gerade dabei, Stadtgrundrisse an die Gegebenheiten der neuen Artillerie anzupassen. Und das führt offensichtlich zu Fehlern und Unterlassungen bei der Wiedergabe von Geschosslinien. Auf der regulären, ursprünglichen Seite 39 folgt in Barbaros Vitruvkommentar – dem letzten Kapitel des ersten Buches zur “ELETTIONE DE I LVOGHI ALL’VSO COMMVNE DELLA CITTA” angehängt – die Inhaltsangabe der zwei Bücher zur Fortifikation von Gianiacopo Leonardi, Conte de Montelabbate, seinerseits aus Pesaro stammend. Man hat die Aktualität des Themas erkannt. Doch dann führt ganz offensichtlich Palladios Kritik am “errore” des Druckers zu einer weiteren Akzentsetzung in Sachen Fortifikation. Auf dem hinzugefügten neuen Blatt findet sich nebst dem Hinweis auf den Irrtum bei der Wiedergabe von Palladios Stadtgrundriss, den die “Huomini di giudicio” sicherlich zu erkennen vermögen, ein gross gezeichneter “Baloardo” samt aufgeklebtem Blatt, das die Darstellung beider Geschosse ermöglicht. Damit ist das neue Blatt allerdings noch nicht ausgefüllt. Der zur Verfügung gestellte zusätzliche Platz schafft nun die Möglichkeit, das Thema der Fortifikation – aus konkretem Anlass – weiter zu vertiefen. Und das beginnt so: “PArera forse a molti, che il trattare delle fortificattioni sia cosa da esser tenuta secreta”. Barbaro diskutiert, nicht ganz überraschend,
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die Frage der Geheimhaltung fortifikatorischer Kenntnisse und bekennt sich klar zu einer offenen Diskussion und Publikation. Auf allfällige kleinliche Argumente geht er gar nicht erst ein und stellt umso grundsätzlicher die Verbreitung des dem Menschen in jedem Falle hilfreichen Wissens als unbestreitbares Postulat auch in einem solch delikaten Fall in den Mittelpunkt: “A quelli ueramente, che lodano la secretezza, direi, che quello, che appartiene alla conseruatione de gli huomini, non si deve tener secreto”. Den Hinweis auf die Schrecken des Krieges pariert er mit der Betonung der positiven Seite des Schutzes gegen Unheil und Zerstörung. Und er geisselt die “peruersità” derjenigen, die nur immer das Übel sehen, statt das viel grössere Gute zu erkennen: “Et guardando con gli occhi aperti al poco di male, sono ciechi al molto di buono, che nelle opere di altri si troua”. Für Barbaro ist klar, dass sich die Anleitung zur Fortifikation in bester Weise in das dem Menschen und dem ‘summum bonum’ gewidmete Architekturwerk Vitruvs eingliedern lässt und lassen muss. Sein Blick ist – noch – auf das Ganze gerichtet und dient, wie er in der Widmung seiner Vitruvübersetzung an den Kardinal Ippolito d’Este ausführt, dem “studio della Architettura, come di cosa, che abbraccia tutto il bello delle inventioni, che si possa trouare a commodita, e diletto di chi ci uiue”. Und weshalb sollte die Fortifikation nicht zu diesem Dienst am Menschen gehören! Barbaros religiös gestärkte humanistische Grundüberzeugung weist ihn auf den Pfad des Guten. Das mag in Anbetracht der Schrecken des Krieges, welche die Menschen immer wieder einholen, wie eine geradezu blindwütige Verharm losung erscheinen. Doch noch überwiegen die humanistische Überzeugung und der Glaube an das Gute. Auch Zanchis letztes Kapitel ist dem “VERO ARTEFICE DELLE FORTEZZE” gewidmet, dessen Obliegenheiten und spezifische Kompetenz seiner Ansicht nach und gemäss seiner Darstellung noch deutlich mit denen des Architekten übereinstimmen. Wie lange dies noch gültig sein konnte, erscheint mehr als fraglich. Die Fortifikation sollte sich in der Folge rasant entwickeln und zu einer der raffiniertesten Wissenschaften werden.
Prolog Im 16. und 17. Jahrhundert transformierte sich die Befestigung von Städten und Burgen mit den seit Urzeiten bewährten Mauern und Türmen in ein System, das kein Modell in der Antike hatte: das Bastionärsystem. Obwohl es schon früh Architekten gab, die sich als Ingenieure auf den Festungsbau spezialisierten, konnten die Aufgaben der ‘architectura civilis’ und der ‘architectura militaris’ oft von ein und derselben Person ausgeübt werden. Viele Bereiche der Architektur entwickelten aber mit der Zeit eine solche Komplexität, dass es immer notwendiger wurde, sich auf einzelne Bauaufgaben zu spezialisieren. Auf diese Weise lösten sich Militär- und Zivilarchitektur als eigenständige Arbeits- und Wissensgebiete immer mehr voneinander, was über die Jahrhunderte zu einer Trennung der Kompetenzbereiche des Ingenieurs und des Architekten führte. Die Entstehungsgeschichte des Bastionärsystems ist deshalb auch Teil der Entstehungsgeschichte des modernen Ingenieurwesens. Im Gegensatz zur Zivilbaukunst konnte die Militärbaukunst nicht auf antike Vorbilder zurückgreifen. Vitruv, der als Militäringenieur unter Julius Caesar diente, hatte ein in der hier untersuchten Epoche nicht mehr anwendbares Befestigungssystem beschrieben. Trotz zunehmender Spezialisierung verbanden die architekturtheoretischen Kategorien Vitruvs die beiden Wissensgebiete aber noch lange miteinander. Erst mit der Professionalisierung des Militärs im späten 17. und im 18. Jahrhundert begannen architekturtheoretische Forderungen eine untergeordnete Rolle in der Festungsbaukunst zu spielen. Die Festungen der Zeit waren grosse und kostbare Bauwerke, deren Planung und Ausführung oft mehrere Jahre oder Jahrzehnte dauerte und höchste An forderungen an die involvierten Entscheidungsträger und leitenden Ingenieure stellte. Der Festungsbau erforderte neben militärischem Fachwissen ein hohes Mass an technischer und administrativer Kompetenz sowie architektonische Erfahrung in der Bewältigung des Planungsprozesses, der Baustellenorganisation und der Kostenkontrolle. Diese immensen Anforderungen an praktisch tätige Ingenieure wurden in einer umfangreichen theoretischen Literatur reflektiert, die, sofern sie im deutschsprachigen Kulturraum im Druck veröffentlicht wurde, Thema dieses Buches ist. Die in der Fortifikationsliteratur entwickelten, in architektonischer Hinsicht optimierten Festungssysteme sind im deutschsprachigen Kulturraum – die reichen Niederlande ausgenommen – bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts erstaunlich selten in reiner Form verwirklicht worden. Deswegen hat man der Fortifikationstheorie oft Wirklichkeitsferne vorgeworfen – ein Vorurteil, das aus einem seit dem späten 17. Jahrhundert häufig verwendeten rhetorischen Topos zur Abwertung eines gegnerischen Traktats entstanden ist. Festungen zu errichten, zu unterhalten,
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zu bewaffnen und mit verlässlichen Garnisonen zu besetzen, kostete sehr viel Geld. Selbst wohlhabende Städte und Fürsten im politisch in kleine territoriale Ein heiten zersplitterten Deutschland mussten sich oft mit der Verbesserung bestehender Bauwerke aus dem Spätmittelalter begnügen. Die von der Fortifikationstheorie relativ unabhängig vom ökonomischen Druck auf dem Papier entwickelten Festungsmodelle lassen sich aber nicht nur in vollständig neu errichteten Festungen, sondern auch in den relativ bescheidenen Verbesserungen und Erweiterungen veralteter, aus ökonomischen Gründen weiter benutzter Anlagen nachweisen. Die Fortifikationstheorie gibt Einblick in die Möglichkeiten, die eine historische Epoche in der Praxis des Festungsbaus hatte. Die meisten Traktate zeigen auf, wie sich die in wehrtechnischer Hinsicht optimale Lösung den gegebenen ökonomischen und anderen Umständen, etwa bestehenden Wehrbauten oder der Topographie, anpassen liesse. Deswegen kann die Theorie auch wertvolle Erkenntnisse für die Erforschung und Einordnung ausgeführter Bauwerke liefern. Fortifikationstheorie hatte praktische Relevanz, sie war eine Theorie der Praxis und wurde stets mit der Absicht betrieben, die Praxis der Festungsbaukunst zu verbessern. Viele Traktatverfasser dienten als Soldaten, Baumeister, Bauherren vertreter oder in einem anderen militärischen oder zivilen Amt. Die in Traktatform vorgelegte Theorie war Fortführung, Erweiterung, Ergänzung und Reflexion ihrer Praxis. Neben den Analysen von überlieferten oder optimierten Festungssystemen widmeten sich die Theoretiker vor allem jenen Prozessen, die in der Herstellung von Festungen auftreten. Die Theorie machte das zur Planung und Ausführung einer Festung notwendige Fachwissen relativ unabhängig von einzelnen Personen. Indem der Theoretiker die in der Festungsbaukunst auftretenden Modelle und Prozesse reflektierte und normierte, ermöglichte und unterstützte er eine zunehmende Institutionalisierung der Praxis. Da es keine fachspezifische Berufsausbildung gab, kam der Lektüre von Fachbüchern grosse Bedeutung in der Grundausbildung von Ingenieuren zu. Das mit Hilfe von Büchern angeeignete theoretische Wissen konnte dann in der Praxis erweitert und vertieft werden. In Form von für den Unterricht an Privatschulen und Universitäten verfassten Lehrbüchern sind Traktate zur Ausbildung sowohl angehender Ingenieure als auch künftiger Entscheidungsträger aus dem Adel und höheren Bürgertum entstanden. Diese Lehrbücher hatten auch den Zweck, angehenden Ingenieuren die zur Ausführung ihrer Kunst notwendige Mathematik beizubringen. Eine ganze Reihe von mathematischen Künsten, etwa die Wasserbaukunst, die Waffentechnik, der Maschinenbau, der Instrumentenbau oder das Vermessungswesen, war mit der Kunst des Ingenieurs verknüpft. Festungsarchitektur galt als Hauptanwendungsgebiet der Geometrie und Arithmetik. Daher exemplifizierten selbst universitäre Lehrer moderne mathematische Methoden wie die Trigonometrie zwecks Motivation ihrer Studenten oft anhand von als praxisnah geltenden Beispielen aus der Festungsbaukunst. Die Theorie stellte der Praxis Analysen und Begründungen der von Praktikern entwickelten und überlieferten Festungsmodelle, Arbeitsmethoden, Hilfsmittel und Herstellungsprozesse zur Verfügung. Zudem reflektierte die Theorie immer
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auch latent vorhandene Vorstellungen, Voraussetzungen und Annahmen der Praktiker. Schon der Praktiker reflektiert über sein Kunst. Denn Überlegungen, die im einfachen Handwerk der Ausführung selbst gewöhnlichster Arbeitsschritte vorausgehen und die tatsächliche Durchführung der Herstellung beispielsweise eines Gebrauchsgegenstandes leiten, sind ihrerseits bereits theoretischer Natur. Handwerkliche Geschicklichkeit und planvolle Vorausberechnung einzelner Arbeitsschritte müssen sich dabei stets ergänzen. Theorie in Traktatform entsteht aus dem herstellenden Verhalten. Bei der Herstellung einer Festung war es entscheidend, dass die Struktur des auszuführenden Bauwerks mit einem Modell oder mit geometrischen Zeichnungen vorweggenommen werden konnte. Die dem Festungsbauwerk adäquaten Darstellungsformen waren das dreidimensionale Modell, der Grundriss und – etwas später – das Profil. Nur mit Hilfe eines durch Modell oder Plan dargestellten Entwurfs war es möglich, die wehrtechnischen Anforderungen zu erfüllen, getroffene Entscheidungen zu fixieren und die lange Bauausführung effizient zu leiten. Plan und Modell sind Mittel der Voraussicht. Es ging jedoch nicht nur darum, die Idee oder das Konzept einer Festung auf dem Papier vorzustellen. Wollte sich der Ingenieur nicht blamieren, musste die dargestellte Idee auch verwirklicht werden können. Daher musste er vor der Bauausführung entweder aus Erfahrung oder dank Berechnung wissen, wie die Linien einer Festung anzuordnen sind, damit sie ihren Zweck im Festungskrieg erfüllen; er musste auch wissen, wie sich Baustoffe verhalten und wie und mit welchen Mitteln ein Werk handwerklich konstruiert und ausgeführt werden kann. Weil Festungen zur effizienten Bauplanung und Bauausführung mit Hilfe der Geometrie dargestellt werden mussten, eröffnete sich ein breites Forschungsfeld allgemeiner Gesetzmässigkeiten, die für alle Festungen galten. Die in militärischer Hinsicht optimale Anordnung von Linien und Werken einer Festung konnte mit Hilfe der Geometrie in einem hohen Masse optimiert und standardisiert werden. Diese geometrischen Gesetzmässigkeiten betreffen den allgemeinen Typus oder das Wesen, das sich mit jeder konkreten Festung manifestiert. Das höchste Ziel im Festungsbau wurde meist mit dem auch im politischen, militärischen, technischen, mathematischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Bereich häufig verwendeten Begriff der ‘Ordnung’ benannt. In der Festungsbaukunst bezeichnete dieser Begriff nicht nur eine Qualität eines aus zuführenden Bauwerks, sondern auch eine Tätigkeit, das ‘Anordnen’, das der befehlenden und leitenden Position des einer Baustelle vorstehenden Architekten entspricht. Ordnungen haben kausale und finale Ursachen, die benannt und beispielsweise im Gespräch mit Bauherren rational begründet werden können. Im Begründen einer Anordnung spielten die Medien des Modells und der architektonischen Zeichnung und damit die Geometrie eine wichtige Rolle. Deswegen musste der Zusammenhang von geometrischer Darstellung durch Pläne, materieller Darstellung durch Modelle und materieller Wirklichkeit mit Hilfe der Theorie geklärt werden. Mehrere Theoretiker haben sich mit diesen Arbeitsmitteln des
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Ingenieurs auf höchstem Niveau auseinandergesetzt und untersucht, wie die materielle Wirklichkeit mit der Geometrie zusammenhängt und wie es möglich ist, mit Hilfe der Mathematik Voraussagen über das Verhalten herzustellender materieller Dinge zu machen. Weil die Frage, wie Mathematik und materielle Wirklichkeit zusammenhängen, eine wichtige Rolle in der Mechanik und den entstehenden modernen Naturwissenschaften spielte, sind einige Festungsbautheoretiker, zum Beispiel Galileo Galilei oder Simon Stevin, heute auch als Begründer der modernen Physik bekannt. Fragen im Zusammenhang mit der Erscheinungsform oder der ‘Ästhetik’ von Festungen sind in der Fortifikationsliteratur bis in das 19. Jahrhundert so gut wie nicht diskutiert worden. In der Theorie der Festungsarchitektur haben stets der Bauprozess und der Gebrauch von Festungen und nicht das visuelle Erscheinungsbild ausgeführter Bauwerke im Zentrum der Betrachtungen gestanden. Wie die Herstellung ist auch der Gebrauch von Festungen eine zweckorientierte Handlung. Die Erfüllung eines Zwecks in der menschlichen Gesellschaft ist der Grund, warum künstliche Dinge überhaupt hergestellt werden: Der Zweck bezeichnet den Sinn eines herzustellenden Gegenstandes in der teleologisch organisierten Welt des Menschen. Entsprechend wurde eine zweckmässige Festung für stark, gut, wohlgeordnet und deswegen auch für schön gehalten.1 Abgesehen von der Frage, was Festungen seien, und der Frage nach den Bedingungen ihrer Herstellung war auch die Frage nach den Bedingungen ihres Bestehens von Bedeutung. Neben der Lehre der materiellen Voraussetzung von Festungs bauten war es vor allem die Lehre von Angriff und Verteidigung, die sich diesen Be dingungen widmete. Bis in das 18. Jahrhundert bedeutete Krieg in erster Linie Festungskrieg. Der politische und militärisch-strategische Zweck von Festungen, der Schutz gegen innere und äussere Feinde des Staates, war den Ingenieuren vor gegeben, weshalb sie sich in der Theorie selten und relativ spät mit ihm auseinandersetzten. Die taktischen Bedingungen des Festungskrieges und der unmittelbare Zweck von Festungen im Kampf hingegen stellten den Ausgangspunkt der meisten Überlegungen dar. Als Soldat war der Militäringenieur nicht nur für die Errichtung von Festungen zuständig, sondern er hatte auch Aufgaben im systematisch durchgeführten Angriff und in der Verteidigung von Festungen zu übernehmen. Es ist eine Tatsache, dass der bedeutende architekturtheoretische Gehalt der Fortifikationstraktate besonders des 16. und 17. Jahrhunderts bis anhin so gut wie unbeachtet geblieben ist.2 Diese Situation ist letztlich darauf zurückzuführen, dass die Fortifikationstheorie von Anfang an nicht eindeutig der Architekturtheorie, der angewandten Mathematik oder den Militärwissenschaften zugeordnet werden 1
Vergleiche zum Beispiel Specklin, Architectura von Festungen, 1589, Fol. 37v: “[…] ich aber halte viel von einer starcken[,] guten [und] wol geordneten Vestung, vnd von einem schönen[,] saubern[,] tieffen[,] breiten vnd guten Wassergraben, […]”.
2 Kruft, Geschichte der Architekturtheorie, 1995, S. 122– 132, behandelte die Fortifikation in einem Exkurs auf 10 von 520 Seiten, obwohl Jordan, Bibliographie zur Geschichte des Festungsbaues, 2003, rund 4500 Drucke zur Fortifikation nachweisen konnte.