VORTRÄGE DER AENEAS�SILVIUS�STIFTUNG AN DER UNIVERSITÄT BASEL
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LEIB–SEELE SPIRITUALITÄT EMOTIONEN INTERDISZIPLINÄRE VERANSTALTUNGEN DER AENEAS�SILVIUS�STIFTUNG
HERAUSGEGEBEN VON URS BREITENSTEIN
SCHWABE VERLAG BASEL I S B N 978-3-7965-3307-5
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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VORTRÄGE DER AENEAS�SILVIUS�STIFTUNG AN DER UNIVERSITÄT BASEL
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49. AENEAS�SILVIUS�VORLESUNG AN DER UNIVERSITÄT BASEL HANS GOLLER
EMOTIONEN BINDEGLIED ZWISCHEN MATERIELLEM UND IMMATERIELLEM EINFÜHRUNG: ANTONIO LOPRIENO
ERSTE INTERDISZIPLINÄRE AENEAS�SILVIUS�RINGVORLESUNG
LEIB�SEELE�PROBLEM WOLF AXEL LANGEWITZ, HENRIETTE HARICH�SCHWARZBAUER, HEINRICH KOLLER, GEORG PFLEIDERER, HANS LANDOLT
ZWEITE INTERDISZIPLINÄRE AENEAS�SILVIUS�RINGVORLESUNG
SPIRITUALITÄT FRIEDRICH WILHELM SCHWARTZ, GEORG VON SCHNURBEIN, SUSANNE BICKEL, PETER VON SURY, MICHAEL BANGERT
HERAUSGEGEBEN VON URS BREITENSTEIN
SCHWABE VERLAG BASEL
Neunundvierzigste Vorlesung der Aeneas�Silvius�Stiftung gehalten am 6. November 2012 an der Universität Basel Hans Goller SJ Einführung: Antonio Loprieno
Erste interdisziplinäre Aeneas�Silvius�Ringvorlesung: Leib�Seele�Problem 1. Psychosomatik (1. November 2011): Wolf Langewitz 2. Altertumswissenschaften (6. Dezember 2011): Henriette Harich�Schwarzbauer 3. Jurisprudenz (6. März 2012): Heinrich Koller 4. Theologie (3. April 2012): Georg Pfleiderer 5. Neurochirurgie (8. Mai 2012): Hans Landolt
Zweite interdisziplinäre Aeneas�Silvius�Ringvorlesung: Spiritualität 1. Medizin (6. März 2013): Friedrich Wilhelm Schwartz 2. Wirtschaftswissenschaften (2. April 2013): Georg von Schnurbein 3. Altertumswissenschaften (23. April 2013): Susanne Bickel 4. Benediktinische Theologie (14. Mai 2013): Abt Peter von Sury OSB 5. Theologie (28. Mai 2013): Michael Bangert
© 2013 Schwabe AG, Verlag, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978�3�7965�3307�5 www.schwabeverlag.ch
INHALTSVERZEICHNIS
Antonio Loprieno: EinfĂźhrung .............................................................................................
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Hans Goller SJ: Emotionen. Bindeglied zwischen Materiellem und Immateriellem ....
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Wolf Langewitz: Psychosomatische Medizin. Von der Semiotik zur Neuen Phänomenologie ...............................................................................................................
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Henriette Harich�Schwarzbauer: Ich mÜchte lieber mit Platon irren. KÜrper und Seele in der rÜmischen Literatur ..............................................................
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Heinrich Koller: Leib�Seele�Problem in der Rechtswissenschaft. Ein Beitrag zum Menschenbild im Recht ........................................................................................... 52 Georg Pfleiderer: Der Mensch als ‚lebendige Seele›. Ein theologischer Hoffnungslauf 69 Hans Landolt: Freier Zugang zum Gehirn ‌ und wo ist die Seele? .............................
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Friedrich Wilhelm Schwartz: Gesundheit und Spiritualität? ............................................
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Georg von Schnurbein: Vom Geist des Gebens – Philanthropie im 21. Jahrhundert 115 Susanne Bickel: Spiritualität und altägyptische Weltwahrnehmung ............................... 127 Abt Peter von Sury: Wirklich Gott suchen. Geistliche und andere Erfahrungen im Umgang mit der Klosterregel Benedikts ................................................................. 140 Michael Bangert: KÜrper, Eros und Minne als Grundelemente abendländischer Spiritualität. Anregungen aus der Mystik des europäischen Mittelalters .................. 151
Antonio Loprieno Sehr geehrte Damen und Herren Im Statut der Aeneas�Silvius�Stiftung wird die jährlich einmalige Organisation einer Vorlesung durch eine herausragende Wissenschaftlerin bzw. einen herausragenden Wissenschaftler als Stiftungszweck genannt. Thematisch soll sich die Vorlesung auf das Spannungsfeld zwischen Religion, Ethik, Wissenschaft, Gesellschaft, Kirche und Universität beziehen. Seit dem letzten Jahr hat die Stiftung diese enge Zielsetzung etwas gesprengt, indem sie die gewählte Thematik nicht auf einen Einzelvortrag beschränkt, sondern ihn auf eine zeitliche Reihe ausdehnt und gleichzeitig zusätzlich weitere Veranstaltungen im Umfeld anbietet. Das Herzstßck bleibt jedoch fßr die Universität die jährlich im Herbst veranstaltete Aeneas�Silvius�Vorlesung. Bereits die letzte, von Professor Godehard Brßntrup gehaltene Vorlesung Der Ort des Bewusstseins in der Natur war dem ßbergeordneten Thema des Leib�Seele�Verhältnisses untergeordnet. Dieses Jahr wird Professor Hans Goller das Thema mit einem Vortrag ßber Emotionen – Bindeglied zwischen Materiellem und Immateriellem erneut variieren. Wenn die Aeneas�Silvius�Stiftung in ihren Veranstaltungsankßndigungen vom Leib� Seele� spricht, so verweist sie gewollt oder ungewollt darauf, dass das Begriffspaar nicht oder nicht mehr auf eine selbstverständliche Verbindung hindeutet, deren Inhalt selbstverständlich und unwidersprochen definiert werden kann. Dabei ist es der Begriff der Seele, der in der Moderne und vor allem in der Postmoderne zunehmend an Schärfe und Bezug verliert. Hingegen gehÜrt der Begriff der Seele im christlich religiÜsen Kontext zum Grundinventar, ist die Seele doch der Hort des GÜttlichen fßr den Einzelnen. Jemanden zum Glauben zu bekehren, bedeutet in diesem Zusammenhang, seine Seele fßr Gott zu Üffnen. Und es ist denn auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht zu betonen, dass die Leib� Seele�Debatte eine genuin christliche ist und keine universelle Dimension aufweist. Die Diskussion um Dualität versus Einheit von Leib und Seele existiert in dieser Form ausserhalb des christlichen Kulturkreises nicht. Dies lässt sich auch historisch fassen. Fßr Aristoteles war die Seele ein mit dem KÜrper untrennbar verbundenes Lebensprinzip, das fßr die Verwirklichung des dem organischen KÜrper innewohnenden Zwecks verantwortlich ist. In der Hochblßte des Christentums wird die Seele zum nicht materiell fassbaren aber unsterblichen Wesen, das den Sitz unseres Bewusstseins und auch den Hort fßr Gefßhle, Empfindungen – Emotionen – oder den freien Willen darstellt. Damit stellt sich dann auch die Frage des Verhältnisses zwischen KÜrper und Seele, die als reale, wenn auch nicht stoffliche Entität fassbar sein muss. Der franzÜsische Philosoph RenÊ Descartes, der mit seinem Cartesianismus ein entscheidender Wegbereiter des Rationalismus und damit der Wissenschaft und Aufklärung war, schreibt der Seele eine vom KÜrper losgelÜste nichtmaterielle und unzerstÜrbare Existenz zu. Die Seele kann somit auf das Gehirn einwirken oder von diesem beeinflusst werden, ohne dass dies damit das berßhmte rationalistische Cogito ausser Kraft setzen wßrde. Descartes hat damit eine
Aeneas�Silvius�Vorlesung: Einfßhrung
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Denkweise ermÜglicht, welche die christliche Metaphysik nicht ins Wanken bringt und gleichzeitig die Entwicklung eines wissenschaftlichen Denkens ermÜglicht, das streng der Logik oder in zunehmendem Masse auch der deduktiven Schlussfolgerungen aus empirischen Beobachtungen folgte. So entwickeln sich die Wissenschaften ab Mitte des 17. Jahrhunderts mit zunehmender Geschwindigkeit. Sie bringen in Frankreich das Siècle des Lumières zum Blßhen und gipfeln ein erstes Mal im 19. Jahrhundert im damals globalen England in den Beobachtungen und Schlussfolgerungen von Charles Darwin, dessen Theorien die christliche SchÜpfungslehre und das christliche Menschenbild nachhaltig erschßttern. In seinem Buch Erleben, Erinnern, Handeln beschreibt Hans Goller diese Entwicklung mit dem treffenden Satz: Von der Antike bis heute hat sich die Seele [‌] innerhalb der Philosophie, der Psychologie und der Hirnforschung im sprichwÜrtlichen Sinn verflßchtigt. In der Tat haben die heutigen Neurowissenschaften, die Molekularbiologie oder die sich mehr und mehr zur molekularen Wissenschaft wandelnde Psychologie, die Tendenz, Gefßhle, Bewusstsein, das Handeln, das Gedächtnis etc. auf rein deterministische molekulare Prozesse zurßckzufßhren und dem Individuum jegliche Form des freien Willens abzusprechen. Dass dies in der westlichen Kultur, die ßber Jahrhunderte zuerst langsam und dann immer drängender die Vorstellung eines selbstverantwortlichen Individuums und die die damit untrennbar verbundene Staatsform der Demokratie entwickelt hat, nicht unwidersprochen bleibt, versteht sich von selbst. Der rein neuronalen oder biologischen Determination setzen Wissenschaftler wie Niklas Luhmann und andere eine konstruktivistische Sichtweise gegenßber, in der soziale Systeme nicht primär durch Individuen und Subjekte gebildet und determiniert werden, sondern sich quasi selbst erschaffen durch den ständigen Prozess der Kommunikation. Luhmann beruft sich dabei auf den chilenischen Biologen und Philosophen Humberto Maturana, der mit dem Konzept der Autopoiese Leben nicht als eine Ansammlung von Objekten, die es zu erkennen gilt, definierte, sondern als ständigen Prozess, in dem soziale und kulturelle Wahrnehmung und Verhalten mit biologischen Abläufen verschmelzen und die Welt als dauernd im Gang befindliche Konstruktion hervorbringen. Derzeit ßben die neurologischen Ansätze eine grosse Anziehungskraft aus, da sie uns vÜllig neue Einblicke in das Funktionieren des Gehirns ermÜglichen. Trotzdem scheint es mir zu einfach zu sein, den Menschen auf eine neuronal determinierte Maschine zu reduzieren. Professor Goller wird heute versuchen, eine Brßcke zu schlagen, in dem er ßber Emotionen spricht, die sich per Definition sowohl ßber kÜrperliche Reaktionen, ßber die Sprache und das Verhalten manifestieren und damit, wie er es im Titel ankßndigt, im Grenzbereich zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen bewegen. Professor Hans Goller hat zunächst in Mßnchen Philosophie studiert und 1970 mit einem Lizentiat abgeschlossen. Anschliessend nahm er in den USA ein Studium der Psychologie auf, das er 1973 mit einem Master of Clinical Psychology abschloss. Es folgte 1978 das Doktorat an der Universität Innsbruck und danach ein Studium der Theologie, das er 1982 in Innsbruck mit einem theologischen Magister beendete. Daneben absolvierte Hans Goller eine siebenjährige Psychotherapieausbildung, die sowohl Verhaltens� wie Gesprächstherapie umfasste. Von 1981 bis 2000 unterrichtete er Psychologische und Philosophische Anthropologie an der Jesuitenhochschule fßr Philosophie in Mßnchen. Von 1994–1999 war er Rektor
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Aeneas�Silvius�Vorlesung: Einfßhrung #PVQPKQ .QRTKGPQ
derselben Hochschule. Von 2000–2008 war Herr Goller Universitätsprofessor am Institut fßr Christliche Philosophie in Innsbruck. Im Jahre 2008 wurde er emeritiert. Prof. Hans Goller ist, wie Sie der Ankßndigung entnehmen, selbst Mitglied des Jesuitenordens. Herr Goller, Sie haben das Wort. 2TQH &T #PVQPKQ .QRTKGPQ 4GMVQT FGT 7PKXGTUKVkV $CUGN 2GVGTUITCDGP $CUGN
Hans Goller
Emotionen und Menschenbild Unser Menschenbild ist wesentlich davon geprägt, welche Bedeutung wir den Emotionen beimessen. Emotionen sind auf das Engste mit dem verknßpft, was wir die menschliche Natur nennen. Sie bilden den Kern unseres Erlebens. Wenn wir etwas sehen, hÜren, riechen, schmecken oder etwas bedenken und planen, dann ist der damit verbundene Bewusstseinsinhalt stets mehr als ein blosses objektives Ereignis. Er ist immer auch angenehm oder unangenehm, interessant oder langweilig, erfreulich oder unerfreulich. Jeder Bewusstseinsinhalt ist durch Gefßhle eingefärbt. Ohne emotionale Qualität wäre das meiste von unserem Wissen und unseren Meinungen psychisch irrelevant. Unsere Welt wäre kalt und steril wie die Welt der Computer und Automaten. Es gibt kein vÜllig emotionsfreies Feststellen und Bewerten von Tatsachen. Derselbe Sachverhalt erscheint uns anders, je nachdem ob wir uns freuen oder ärgern, sanft oder zornig gestimmt sind. Nur in extremen Ausnahmesituationen, wie in einer schweren Depression, kann es geschehen, dass jemand vollkommen gefßhllos der Welt gegenßber steht und unter einem Gefßhl der Gefßhllosigkeit leidet. Einerseits sind uns Emotionen vertraut, andererseits bleiben sie uns oft fremd und unverständlich. Während wir unsere Gedanken weitgehend kontrollieren und unseren Zielen unterordnen kÜnnen, lassen sich unsere Emotionen nur in engen Grenzen beherrschen und bewusst steuern. Sie behalten immer ein gewisses Mass an Eigenständigkeit und Widerspenstigkeit. Das liegt vor allem an ihrer starken KÜrperbezogenheit. Emotionen befinden sich gleichsam an der Nahtstelle zwischen psychischen und kÜrperlichen Vorgängen. In der Geschichte der Philosophie und der Psychologie hat man Gefßhl und Vernunft, Emotion und Kognition, häufig als Gegensätze betrachtet und ihren Einfluss auf das Verhalten und Handeln sehr unterschiedlich bewertet. In der abendländischen Philosophie herrschte die Ansicht vor, der Mensch sei ein vernunftbegabtes Lebewesen, ein animal rationale. Eine gänzlich andere Sicht des Menschen entwickelte Sigmund Freud, der Begrßnder der Psychoanalyse. Er betrachtete den Menschen nicht als animal rationale, sondern als ein Wesen von schwacher Intelligenz, das von seinen Triebwßnschen beherrscht wird.1 Nach Freud mßsse der Mensch sich der Einsicht beugen, dass er nicht lebt, sondern wird, und zwar von unbekannten und unbeherrschbaren Mächten. 2 Durch Psychotherapie kÜnne er hÜchstens erreichen, sein hysterisches Elend in gemeines Unglßck zu verwandeln.3 Extrempositionen in der Bewertung von Fßhlen und Denken, von Emotion und Kognition, sind nicht ungewÜhnlich. Es gibt Forschungsansätze, welche die positive Funktion der Emotionen betonen. (s. Anm. 4) vertreten aus Sicht der
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Aeneas�Silvius�Vorlesung: Emotionen
Evolution die These, dass Emotionen keineswegs als Ausdruck einer niederen evolutionären Entwicklungsstufe oder als Rest eines animalischen Kerns im Menschen zu betrachten sind. Es treffe auch nicht zu, dass das Denken sich zur Kontrolle und Eindämmung der Emotionen entwickelt habe, sondern Emotionen und Kognitionen haben sich gemeinsam entwickelt. Die emotionale Ansprechbarkeit habe mit steigender kognitiver Entwicklung zugenommen: von der Ratte zum Hund, vom Hund zum Schimpansen und vom Schimpansen zum Menschen. Der Mensch zeichnet sich neben Denken und Sprache durch eine aus. 4 Mit den Emotionen besitzen wir ein Schnellsystem der Informationsverarbeitung. Emotionen bringen uns blitzartig Dinge zum Bewusstsein, die fĂźr uns lebenswichtig sind. Sie Ăźben eine , und Funktion aus. Die Humanistische Psychologie, die sich als Gegenbewegung zum klassischen Behaviorismus und zur Psychoanalyse versteht, entwickelte ein Menschenbild, das in starkem Kontrast zu den Auffassungen Freuds steht. FĂźr sie ist der Mensch von Natur aus gut, im Kern seines Wesens sozial, rational und zielgerichtet. Das GefĂźhl ist das eigentlich Humane, der Inbegriff des Menschlichen. zufolge brauchen wir nicht die Bestie im Menschen zu fĂźrchten, denn die gibt es nicht. Zu fĂźrchten brauchen wir nur den ÂŤunvollständigen MenschenÂť.5 In den letzten Jahren wird das Thema GefĂźhl und Vernunft in der GegenĂźberstellung von kognitiver und emotionaler Intelligenz, von IQ und EQ, diskutiert. fragt sich in seinem Bestseller ÂŤEmotionale IntelligenzÂť, woran es liegt, dass Menschen mit einem hohen Intelligenzquotienten im Leben häufig straucheln und solche mit einem bescheidenen IQ Ăźberraschend erfolgreich sind? Warum haben häufig die nicht besonders intelligenten Menschen im Beruf und im Privatleben am meisten Erfolg? Entscheidend sei die ÂŤemotionale IntelligenzÂť und nicht die blosse Verstandesleistung. Ăœber die rationale Intelligenz glaubte die Wissenschaft, mit dem Intelligenzquotienten Bescheid zu wissen. Die Welt unserer GefĂźhle aber, die uns so massgebend bestimmt, scheint diffus und ungreifbar. Nun wĂźrden die Neurowissenschaften bei der Erforschung des Gehirns in diese faszinierende Welt eindringen und erkennen, dass beide Systeme, das rationale und das emotionale, in ständiger Wechselwirkung operieren.6 Der Mensch ist das emotionalste und rationalste Lebewesen.
Wie bedeutend sind Emotionen fĂźr unser Leben? Eine MĂśglichkeit, die Bedeutung der Emotionen einzuschätzen, besteht darin, sich eine Welt ohne Emotionen vorzustellen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Ăźberhaupt keine Emotionen: keine Freude, keine Trauer, keinen Zorn, keinen Ă„rger, keine Furcht, keine Angst, keinen Ekel und keine Ăœberraschung. Oder stellen Sie sich vor, Sie kĂśnnten wählen zwischen einem endlosen Leben ohne Emotionen und einer durchschnittlichen Lebensspanne mit normalen Emotionen. WofĂźr wĂźrden Sie sich entscheiden? Ein Leben ohne Emotionen wäre voller Schwierigkeiten, und wir wĂźrden wahrscheinlich nicht lange Ăźberleben. Wir wären schutzlos wie Menschen, die keinen Schmerz empfinden kĂśnnen.
Aeneas�Silvius�Vorlesung: Emotionen
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Wie nßtzlich und wie unentbehrlich Emotionen fßr uns sind, zeigt sich unter anderem dann, wenn wir wichtige Entscheidungen zu treffen haben. Sind Entscheidungen nur dann vernßnftig und frei, wenn sie auch frei von Emotionen sind? Die Vorstellung, Emotionen stehen vernßnftigen und verantwortlichen Entscheidungen im Wege, ist sehr alt und sehr verbreitet. Die Empfehlung, bei wichtigen Entscheidungen unsere Leidenschaften nicht in unser Urteil einfliessen zu lassen und unsere Emotionen auf ein kluges Mass zu beschränken, ist uns vertraut. Es gibt eine verbreitete Vorstellung, nach der wir beim Entscheiden folgendermassen vorgehen: Zuerst fßhren wir uns die verschiedenen Alternativen vor Augen, dann wägen wir deren Vor� und Nachteile gegeneinander ab, und nach dieser grßndlichen Kosten�Nutzen�Analyse entscheiden wir uns fßr die beste, fßr die vernßnftigste Alternative. Neuere Befunde aus der Psychologie und der Hirnforschung zeigen jedoch, dass Emotionen bei Entscheidungen nicht nur hilfreich, sondern sogar notwendig sind. Ohne Emotionen kÜnnen wir keine wichtigen persÜnlichen Entscheidungen treffen wie z.B. einen bestimmten Beruf ergreifen, ein Studienfach wählen oder uns an einen Lebenspartner binden. Wenn eine Alternative sich genauso anfßhlt wie jede andere, oder wenn die einzelnen Alternativen uns gefßhlsmässig ßberhaupt nicht ansprechen, dann kÜnnen wir uns nicht entscheiden, dann ist eine Entscheidung nicht mehr als das Werfen einer Mßnze. Besonders vor sehr wichtigen Entscheidungen kommt es darauf an, nach dem Abwägen der Argumente fßr und wider die einzelnen Alternativen zu erspßren, mit welcher Alternative bin ich letztlich zufriedener und glßcklicher. Welche Alternative gibt mir auf Dauer innere Ruhe, Zuversicht und Hoffnung? Welche Alternative beunruhigt mich eher und weckt mehr Befßrchtungen als Hoffnungen? Welche Alternative passt am besten zu mir, zu meinen stärksten Wßnschen, zu dem, wie ich sein mÜchte? Wir geraten in arge Bedrängnisse, wenn wir uns zu einer Entscheidung zwingen und ihr treu bleiben, die nicht mit der Tiefe unseres Gemßts harmonisiert.7 Emotionen bilden die Grundlage unseres subjektiven Bewertungssystems. Zwar entscheiden sie nicht fßr uns, aber sie helfen uns, im Einklang mit unserer Lebensgeschichte, vernßnftige Entscheidungen zu treffen. Emotionen unterstßtzen uns, bei Entscheidungen eine Vorauswahl an Optionen zu treffen und die Konsequenzen zukßnftiger Ereignisse abzuschätzen. Emotionen sind zudem notwendig, um rationale Erkenntnis in die Tat umzusetzen. Dies belegen Untersuchungen an Patienten mit Schädigungen im Bereich des Stirnhirns. Die Betroffenen wirken emotional verarmt und distanziert. Sie sind nicht mehr fähig, vernßnftige Entscheidungen zu treffen oder fßr die nächsten Stunden und Tage zu planen. Die Gefßhllosigkeit ihres Denkens hindert sie daran, verschiedenen Handlungsalternativen unterschiedliche Werte zuzuordnen. 8 Auch Menschen, die an einer schweren Depression leiden, die der Welt und den Mitmenschen teilnahmslos und gefßhllos gegenßberstehen, sind nicht mehr imstande, etwas zu wollen und zu entscheiden. Ein Leben ohne Emotionen wäre wie das Dasein eines Roboters oder Computers, ein Dasein ohne Sinn und Bedeutung. Ein Verlust der Gefßhle wäre ein Verlust jeglicher Bedeutung und eine Rßckkehr zu den Bedingungen, die zur Zeit der Entstehung des Lebens herrschten. Unsere Emotionen sind der kostbarste Teil der menschlichen Natur. Sie bilden den Grund dessen, was Menschen seit Jahrtausenden mit dem Begriff Seele verbinden.
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Aeneas�Silvius�Vorlesung: Emotionen
Was ist eine Emotion? In der Psychologie gibt es verschiedene Auffassungen darßber, was der Begriff Emotion eigentlich genau bezeichnet. Zudem finden auch die Begriffe Gefßhl, Affekt, Stimmung und Gemßtsbewegung breite Verwendung. Der Grund dafßr, warum es in der wissenschaftlichen Psychologie noch keine einheitliche und allgemein akzeptierte Emotionsdefinition gibt, liegt daran, dass Emotionen nicht so direkt beobachtbar sind wie Berge, Flßsse, Bäume, Häuser, Tiere und Menschen. Das Erleben der Emotion, das Gefßhl, ist subjektiv und privat und nur der betreffenden Person unmittelbar zugänglich. Gefßhle kÜnnen von aussen nicht direkt beobachtet werden und sind deshalb auch keine Datenquelle fßr die Emotionsforschung. Objektiv erfassbar sind die Erlebnisberichte der Betroffenen, ihr Ausdrucksverhalten und Messungen kÜrperlicher Veränderungen und Hirnaktivitäten, die mit Emotionen einhergehen. Als Forschungsmethoden kommen vor allem Introspektionsberichte, physiologische Messungen und Verhaltensbeobachtungen zum Einsatz. Emotionen sind zwar einerseits subjektiv und privat, andererseits aber durch verbale Berichte, durch die Beobachtung des Ausdrucksverhaltens (Gesichtsausdruck, Gestik, Stimmqualität, Sprechgeschwindigkeit, kÜrperliche Veränderungen wie ErrÜten, Blässe und Zittern) von aussen ‚einsehbar› und beschreibbar. In der Emotionsforschung hat es sich eingebßrgert, Emotionen auf drei Ebenen zu beobachten und zu beschreiben: (1) auf der subjektiv�verbalen Ebene, (2) auf der physiologischen Ebene und (3) auf der Verhaltensebene. Eine Emotion wird als Zustand betrachtet, an dem sich drei Komponenten unterscheiden lassen: das erlebte Gefßhl, kÜrperliche Veränderungen und das Ausdrucksverhalten. Beispiel: Emotion Angst Gefßhl der Angst, Gedanken, Vorstellungen, Befßrchtungen, Erwartungsängste.
Herzrasen, Schwindel, Atemnot, Schwitzen, KlossgefĂźhl im Hals, SchwächegefĂźhl in den Muskeln. Zittern, Stottern, ErrĂśten, Weglaufen, Erstarren, Sicherheitsverhalten, Vermeidungsverhalten. Emotionsforscher konzipieren emotionale Reaktionen als , als integriertes Syndrom kĂśrperlicher, expressiver und kognitiver Reaktionen. Die Existenz dieser drei Komponenten ist unter ihnen unbestritten. Die motivationalen Aspekte der Emotion betrachten sie eher als Folge der emotionalen Erregung denn als Teil der Reaktionstrias. Der Begriff Emotion ist also umfassender als der Begriff GefĂźhl; er schliesst das GefĂźhl, das Ausdrucksverhalten und die physiologischen Reaktionen mit ein.  Â? Â? bietet folgende Arbeitsdefinition von Emotion: ÂŤ Â? Â?   Â? € ‚ ‚ € € ‚ƒ   Â? Diese
Aeneas�Silvius�Vorlesung: Emotionen
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Definition nennt zwei notwendige Bedingungen: Eine Emotion ist immer ein Zustand und damit zeitlich begrenzt, und sie ist immer qualitativ näher bestimmbar.9 Die wichtigsten Fragen der Emotionsforschung sind folgende: Wie entsteht eine Emotion in einer konkreten Situation? Wieviele Emotionen gibt es? Inwiefern sind Emotionen angeboren und wieweit sind sie kulturell bedingt? Wie entsteht ein erlebtes Gefßhl, und was verleiht diesem seine spezifische Erlebnisqualität? Wie kommt diese Erlebnisqualität zustande? Die Vorgänge, die zwischen dem Auftreten eines äusseren oder inneren AuslÜsers und dem erlebten Gefßhl ablaufen, liegen gänzlich im Dunkeln. Aus dem persÜnlichen Erleben wissen wir darßber nichts. Bewusst wird uns immer erst das erlebte Gefßhl. Die Emotionsforschung will die Prozesse ermitteln, die zwischen dem Auftreten eines emotionsauslÜsenden Reizes und dem bewussten Gefßhl ablaufen.
Emotionserlebnisse Emotionserlebnisse lassen sich anhand ihrer zeitlichen Dauer in drei grobe Kategorien einteilen: in GefĂźhlsregungen, emotionale Reaktionsbereitschaften und Stimmungen.10 GefĂźhlsregungen sind akute, momentane GefĂźhlserlebnisse, die sich auf konkrete Menschen und Situationen beziehen. ÂŤIch freue mich, dass ich ein Computerproblem gelĂśst habeÂť; ÂŤdass die Sonne scheint und die Schneeverhältnisse traumhaft sindÂť. GefĂźhlsregungen sind objektbezogen: Wir freuen uns Ăźber etwas, sind stolz auf etwas, haben Angst vor etwas. Die Objekte der GefĂźhlsregungen mĂźssen nicht real existieren, es genĂźgt die Ăœberzeugung, dass es sie gibt. Angst als GefĂźhlsregung meint z.B., dass jemand Angst vor einer ganz konkreten PrĂźfung hat, weil er das Fach oder den PrĂźfer fĂźrchtet. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er in allen anderen Leistungssituationen auch mit Angst reagiert.
Im Unterschied zu Gefßhlsregungen sind emotionale Reaktionsbereitschaften etwas Dauerhafteres, und zwar die Bereitschaft, in bestimmten Situationen und auf bestimmte Menschen gewohnheitsmässig besonders emotional zu reagieren. Unsere Vorlieben und Abneigungen sind erworbene emotionale Reaktionsbereitschaften. Wer z.B. seinen Vorgesetzten hasst, erlebt diesen Hass nicht ununterbrochen, doch diese Emotion ist als Erlebnisbereitschaft vorhanden. Begegnet er Menschen, die ihn an seinen Vorgesetzten erinnern, dann reagiert er in besonderer Weise emotional, etwa mit Hass, Feindseligkeit oder Aggression. Angst als Reaktionsbereitschaft bedeutet, dass jemand in allen Leistungssituationen mit Angst reagiert. Daraus folgt jedoch nicht, dass er auch in allen anderen Situationen mit Angst reagiert.
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Aeneas�Silvius�Vorlesung: Emotionen
In den Stimmungen erleben wir, wie uns ganz allgemein zumute ist. Stimmungen bilden den atmosphärischen Hintergrund unseres gesamten Erlebens. Sie kÜnnen Stunden und Tage dauern wie zum Beispiel Heiterkeit oder Sorglosigkeit, Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Missmut. Jede Erfahrung, auch die scheinbar neutralste, ereignet sich in einer Gestimmtheit. Stimmungen ßben einen selektiven Einfluss auf Erlebnisse und Erfahrungen aus. Stimmungsschwankungen gehen beispielsweise mit Schwankungen im Selbstwertgefßhl einher. Eine gehobene, expansive Stimmung geht mit einem gesteigerten Selbstwertgefßhl einher: Ich kann alles, mir gelingt alles, ich bin der Beste. Eine depressive Stimmung geht mit einer negativen Sicht der eigenen Person einher: Ich kann nichts, mir gelingt nichts, ich bin eine Belastung fßr mich und alle anderen, am besten wäre, es gäbe mich ßberhaupt nicht. Stimmungsschwankungen reichen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrßbt. Auf der Ebene der Stimmungen sprechen wir Personen dauerhafte Erlebnis� und Verhaltensbereitschaften zu. Wenn wir sagen, jemand ist ein ängstlicher Mensch, dann meinen wir weder seine Angst vor einem konkreten Arztbesuch (Gefßhlsregung) noch seine Angst in Leistungssituationen (emotionale Reaktions� bereitschaft), sondern dass er ein generell ängstlicher Mensch ist. Die habituell vorherrschende Stimmung wird auch als Lebensgrundstimmung bezeichnet.11 Das Emotionserleben umfasst Gefßhlsregungen, emotionale Reaktionsbereitschaften und Stimmungen, die den atmosphärischen Hintergrund des gesamten Erlebens bilden. Die sogenannten sozialen Emotionen, wie Mitgefßhl, Peinlichkeit, Scham, Schuldgefßhl, Verachtung, Eifersucht, Neid, Stolz und Bewunderung, spielen im Leben sozialer Gruppen eine wichtige Rolle.12 Die existierenden Emotionstheorien befassen sich fast ausschliesslich mit aktuellen emotionalen Zuständen und nicht mit emotionalen Dispositionen und Stimmungen.
Was ist materiell an den Emotionen? Das Materielle an den Emotionen ist ihre ausgesprochene KĂśrperbezogenheit. Emotionen sind aufs engste mit der Regulation vegetativer Funktionen verbunden. Ăœber das autonome Nervensystem beeinflussen sie die Aktivierung beziehungsweise Hemmung nahezu aller Innenorgane. Die Eigenständigkeit und nur begrenzte willentliche Beeinflussbarkeit der Emotionen ist in dieser KĂśrperbezogenheit begrĂźndet. Starke Emotionen gehen mit einer Vielfalt kĂśrperlicher Reaktionen einher. Heftige Angst fĂźhrt z.B. zu Herzklopfen, Muskelspannung, feuchten Händen, einem GefĂźhl der Trockenheit und des ÂŤZusammengeschnĂźrtseinsÂť in Mund und Rachen, Beklemmung in der Brust, einem GefĂźhl, dass der Magen sich senkt, Ăœbelkeit, Harnďż˝ und Stuhldrang, Atemnot, Prickeln in Händen und FĂźssen und zum GefĂźhl, ohnmächtig zu werden und umzufallen. ÂŤWenn Angst lange Zeit andauert, werden selbst gesunde Menschen mĂźde, deprimiert, langsamer, ruhelos und verlieren ihren Appetit. Sie kĂśnnen nicht schlafen, haben schlechte Träume und vermeiden alle furchterregenden SituationenÂť.13
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Unsere Alltagssprache ist reich an Redewendungen, die den Zusammenhang zwischen Emotionen und KÜrperreaktionen widerspiegeln. Gefßhlserlebnisse gehen mit einer inneren Erregung einher, die diesen erst ihre subjektive Bedeutung verleiht. Ohne diese in der Vital�Sphäre begrßndete Beteiligung der leib�seelischen Ganzheit der Person wären Engagement und Gleichgßltigkeit kaum voneinander zu unterscheiden.14 Der Neurowissenschaftler betont, dass Bewusstsein stark in den ursprßnglichen Gefßhlen verankert ist. Diese Gefßhle sind spontane Spiegelbilder des Zustandes unseres lebendigen KÜrpers. In ihnen nehmen wir unseren KÜrper in seinen verschiedenen Zuständen wahr wie KÜrperleichtigkeit oder KÜrperschwere, Energie oder Mattigkeit, Anspannung oder Entspannung, Lust oder Schmerz. Fßr Damasio sind KÜrperwahrnehmungen der Anfang der Daseinsempfindung. Er bezeichnet die ursprßnglichen Gefßhle als Urbild aller anderen Gefßhlserlebnisse.15 Dass es einen Zusammenhang zwischen Emotionserleben und kÜrperlichen Reaktionen gibt, steht in der Emotionspsychologie ausser Zweifel. Diskutiert wird die Frage der genauen zeitlichen und kausalen Beziehung zwischen den beiden. Ist das Erleben des Gefßhls die Ursache der emotionsbezogenen kÜrperlichen Reaktionen oder ihre Folge? Entspricht jeder erlebten Gefßhlsqualität ein spezifisches Muster kÜrperlicher Veränderungen? Worin besteht das materielle Substrat der Gefßhle? Welche Hirnregionen sind fßr die Entstehung der Emotionen verantwortlich? Bezßglich der Bedeutung der KÜrperprozesse, die dem Emotionserleben zu Grunde liegen, gibt es zwei Extrempositionen. Die sogenannten sehen in peripheren, vom autonomen Nervensystem kontrollierten, KÜrperprozessen die Ursache fßr das Auftreten der Gefßhle. Nach dem amerikanischen Philosophen und Psychologen ist Fßhlen die Folge kÜrperlicher Veränderungen. Was wir als Gefßhl bezeichnen, ist nichts anderes als das bewusste Erleben dieser kÜrperlichen Veränderungen. 16 Die
hingegen fragen: Was geschieht in unserem Gehirn, wenn wir eine Emotion erleben? Welche Strukturen des zentralen Nervensystems sind an Emotionen massgeblich beteiligt? Emotionsforscher distanzieren sich zunehmend von diesen beiden Extrem� positionen und betrachten sowohl Hirnprozesse als auch periphere KÜrperprozesse fßr die Entstehung der Emotionen als unerlässlich.
Die Suche nach dem emotionalen Gehirn Der kanadische Hirnforscher prägte 1952 den Ausdruck Limbisches System fßr seine Theorie des emotionalen Gehirns.17 Sein Konzept des limbischen Systems hat sich bis heute als das bestimmende Bild vom emotionalen Gehirn behauptet. Das limbische System umschliesst den Hirnstamm wie einen Saum (Limbus). Im Modell des dreieinigen Gehirns von MacLean sitzt die Grosshirnrinde auf dem limbischen System wie ein Reiter auf einem wilden Pferd ohne Zßgel. Unsere eingeschränkte willentliche Kontrolle ßber die Emotionen sei auf die autonome Regulation im Gehirn zurßckzufßhren. Das Modell suggeriert zu verstehen, warum es uns so schwer fällt, Gefßhle und Triebe zu kontrollieren und zu beherrschen.
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Nach MacLean vermittelt das limbische System zwischen der ‚Innenwelt› und der ‚Aussenwelt›. In ihm treffen Informationen aus der Aussenwelt ßber die Sinnesorgane auf Informationen aus dem gesamten KÜrperinneren. Das emotionale Erleben entspringt der Integration dieser beiden Informationen. Dadurch wird der momentane individuelle KÜrperzustand bei der ‚hÜheren› (kortikalen) Informationsverarbeitung miteinbezogen. Dies ist nach MacLean die Voraussetzung fßr die Bildung individuell bedeutsamer, im Gedächtnis gespeicherter Erfahrungen. Aus dem unablässigen Strom ankommender Informationen von der Aussenwelt und aus dem KÜrperinneren wählt das limbische System nur die wenigen aus, die fßr das Individuum von Bedeutung sind. Es verleiht allen Bewusstseinsinhalten eine emotionale TÜnung. , ein bedeutender Forscher der neurophysiologischen Grundlagen der Emotion, stellt die Idee, das limbische System bilde das emotionale Gehirn, vÜllig in Frage.18 Die Theorie des limbischen Systems sei eine Theorie der Lokalisation, und ihre Verfechter kÜnnen uns nicht verlässlich sagen, welche Teile des Gehirns denn nun tatsächlich zum limbischen System gehÜren. MacLean vermutete z.B., der Hippocampus sei der ideale Sitz der Emotion. Aufgrund seiner primitiven, einfachen Architektur sei er nicht in der Lage, feine Unterscheidungen zwischen den Reizen zu treffen, und neige dazu, Dinge miteinander zu vermischen. Damit sei die Irrationalität und Verworrenheit unseres Gefßhlslebens zu erklären. Inzwischen schlug das Pendel jedoch zur anderen Seite aus. Heute betrachtet man den Hippocampus als ein entscheidendes Glied in einem der wichtigsten kognitiven Systeme des Gehirns, dem Gedächtnissystem. Er sorgt dafßr, dass Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis ßberfßhrt werden. Die ZerstÜrung beider Hippocampi hat zur Folge, dass die betreffenden Personen keine neuen expliziten Langzeiterinnerungen mehr bilden kÜnnen. MacLean vermutete, das limbische System sei an primitiven emotionalen Funktionen, jedoch nicht an hÜheren Denkprozessen beteiligt. Neuere Befunde widersprechen dieser Annahme. Schädigungen der Hippocampi, der MamillarkÜrper und des vorderen Thalamus wirken sich kaum nachhaltig auf die emotionalen Funktionen aus, fßhren aber zu StÜrungen des deklarativen Gedächtnisses. Nach LeDoux spricht kaum etwas fßr die Existenz des limbischen Systems und seiner Beteiligung an Emotion. Fßr ihn gibt es kein Allzweck�Emotionssystem. Verschiedene Emotionen werden wahrscheinlich durch unterschiedliche Gehirnsysteme erzeugt. LeDoux empfiehlt daher, die einzelnen Emotionen getrennt zu untersuchen. Er erforschte vor allem die Emotion Furcht und identifizierte den Mandelkern (Amygdala) als die entscheidende Struktur fßr diese Emotion. Reizungen des Mandelkerns hat man anlässlich von Hirnoperationen an Epilepsie�Patienten vorgenommen. Da die Patienten während der Reizung des Mandelkerns wach waren, konnten sie auch ßber ihre Erlebnisse berichten. Das am häufigsten genannte Erlebnis war ein Gefßhl drohender Gefahr, ein Gefßhl der Furcht.19
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Der schnelle und der langsame Weg der Angst Angst ist das zentrale Alarm� und Abwehrsystem des Organismus, das bei Bedrohung jeder Art aktiviert wird. Im Mittelpunkt dieses Gefahrenabwehrsystems stehen die Mandelkerne (amygdalae). Wenn wir mit einem plÜtzlichen Gefahrensignal konfrontiert werden, einem lauten Knall, etwas fliegt blitzschnell auf uns zu oder etwas sticht uns unvermutet, dann wird dieses Signal zuerst von den Sinnesorganen zum sensorischen Thalamus geleitet. Der Thalamus ist die zentrale Schaltstation, die jeder Input ins Gehirn erst einmal passieren muss. 1. Beim schnellen Weg der Angstreaktion wird das Signal, z.B. der Anblick eines Objekts am Boden, blitzschnell ßber die Augen zum Thalamus und von dort direkt zur Amygdala weitergeleitet. Das geschieht sehr rasch innerhalb von 12 Millisekunden. Noch ehe wir wissen, was los ist, haben wir bereits mit einem Abwehrreflex, mit Erschrecken und Erstarren reagiert. Genauso schnell reagiert unser autonomes Nervensystem. Es schßttet Adrenalin aus, erhÜht den Blutdruck und mobilisiert unser ganzes System fßr Schutz� oder Angriffsreaktionen. Der zentrale Teil der Amygdala bringt diese blitzschnellen, reflexartigen Alarmreaktionen in Gang. 2. Eine Sekunde später fangen wir schon wieder an, uns zu entspannen. Inzwischen haben wir entdeckt, dass es sich bei dem Objekt auf dem Boden, das uns erschreckt hat, nicht um eine Schlange, sondern bloss um ein Stßck Holz handelt, das so aussieht wie eine Schlange. In dieser Sekunde haben die Hirnareale im sensorischen Cortex ihre Arbeit geleistet und die Situation genauer analysiert. Auch sie erhalten die Signale vom Thalamus. Die Hirnareale haben in ihre Analyse auch den Hippocampus einbezogen, der auf die Verarbeitung von Kontextinformationen spezialisiert ist. Er kann auch relevante Gedächtnisspuren aktivieren, wie etwa Erinnerungen an frßhere Begegnungen mit Schlangen. Das ist der langsame Weg der Angstreaktion, der fßr ein genaueres Abbild des Objekts oder der Situation sorgt. Alles in allem dauert der ganze Vorgang nur wenige Sekunden. Hippocampus und Amygdala arbeiten im Bereich des sprachlichen und emotionalen Gedächtnisses arbeitsteilig. Der Hippocampus schafft die bewussten Erinnerungen, die Amygdala hingegen die emotionalen Erinnerungen. Bei einem traumatischen Erlebnis, wie bei einem schweren Verkehrsunfall, arbeiten beide Systeme parallel und speichern unterschiedliche Informationen ab. Werden die Betroffenen später mit Reizen wie Ort des Unfalls, Trßmmer, Benzingeruch, Verletzungen und Rettungsfahrzeuge konfrontiert, dann rufen beide Systeme die jeweiligen Erinnerungen ab: der Hippocampus die bewussten Erinnerungen an den Unfall, die Amygdala die kÜrperlichen Reaktionen der Furcht.20 Zu den Reizen, auf welche die Amygdala von Natur aus besonders stark reagiert, gehÜren ängstliche, wßtende und ärgerliche Gesichter. Das gilt sogar dann, wenn diese Gesichter nicht bewusst wahrgenommen werden. Man spricht von einer Mimiksensibilität der Amygdala. Personen mit geschädigter Amygdala kÜnnen negative Emotionen wie z.B. Furcht kaum mehr erleben und auch einen Furchtausdruck in den Gesichtern anderer Menschen nicht erkennen. Das ist fßr das Zusammenleben eine Katastrophe. Eine auf die Mandelkerne beschränkte Schädigung ist äusserst selten (das sogenannte Urbach�Wiete� Syndrom). Antonio Damasio berichtet von einer Patientin, deren beide Mandelkerne so
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verkalkt waren, dass die Neuronen dort nicht mehr funktionierten.21 Diese Patientin konnte weder Furcht in den Gesichtern anderer Menschen erkennen noch selbst einen furchtsamen Gesichtsausdruck imitieren. In ihrem Sozialverhalten zeigte sie eine bemerkenswerte emotionale Schieflage. Negative Emotionen wie Furcht und Zorn waren wie verschwunden. Trotz normaler Intelligenz konnte sie nicht erleben, wie problematisch viele Situationen waren, in die sie sich wiederholt brachte. Sie traute jedem Menschen in gleicher Weise, auch solchen, bei denen Misstrauen und Vorsicht angebracht gewesen wären. Kein Zweifel besteht darin, dass Gefßhlserlebnisse – wie alle mentalen Phänomene – von einem funktionierenden Gehirn in einem funktionierenden Organismus abhängen. Die Emotionsforschung ist allerdings noch weit davon entfernt, jeder erlebten Gefßhlsqualität ein spezifisches Aktivitätsmuster im Gehirn zuordnen zu kÜnnen. Selbst wenn sie das bereits leisten kÜnnte, bliebe die Frage weiterhin unbeantwortet, wie uns die mit Emotionen verbundenen Hirnaktivitäten eigentlich bewusst werden, wie sie zu einem erlebten Gefßhl werden. Die empirische Forschung kann prinzipiell nicht mehr leisten als das Emotionserleben mit Gehirnvorgängen zu korrelieren. Offen bleibt die Frage, in welcher Beziehung die subjektiven Gefßhle, die sprachlich mitteilbar sind, zu den objektiv beschreibbaren Gehirnvorgängen stehen. Diese Frage ist mit naturwissenschaftlichen Mitteln allein nicht entscheidbar.
Was ist immateriell an den Emotionen? Emotionen sind nicht einfach vorhanden wie Tische, Stßhle, Häuser oder Landschaften. Es fßhlt sich auf eine ganz bestimmte Art und Weise an, sie zu erleben. Sie haben eine spezifische Erlebnisqualität. Freude fßhlt sich anders an als Trauer, Ärger anders als Ekel und Furcht anders als Verachtung. Gefßhle besitzen Eigenschaften, die wir an den kÜrperlichen Reaktionen, die mit ihnen einhergehen, nicht vorfinden. Sie sind subjektiv und privat, sie sind an eine Perspektive gebunden, und sie sind nicht räumlich. Sie sind nur der erlebenden Person selbst unmittelbar zugänglich. Zu den Gefßhlen anderer Menschen haben wir keinen direkten Zugang. Es hat noch kein Mensch die Gefßhle eines anderen von innen her erfahren. Wir kÜnnen das Verhalten unserer Mitmenschen beobachten, jedoch nicht ihr Erleben. Was bedeutet die Aussage, ‚Gefßhle sind privat›? Mehrere Menschen kÜnnen dasselbe Auto besitzen, aber meine Freude, meine Angst, meinen Ärger oder meinen Ekel kann nur ich haben. Andere Menschen kÜnnen sich zwar auch freuen, ängstigen, ärgern und ekeln, aber sie kÜnnen nicht meine Freude, meine Angst, meinen Ärger und meinen Ekel haben. Gefßhle gibt es nicht an sich, sondern nur insofern sie von jemandem erlebt werden. Das ist bei Häusern, Bäumen, Bergen, Organismen und Gehirnen anders. Deren Existenz hängt nicht davon ab, ob sie von einem Subjekt erlebt werden oder nicht.
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Gefßhle sind uns unmittelbar von innen zugänglich, in der sogenannten 'TNGDPKURGTURGMVKXG. Zu den Gefßhlen anderer haben wir nur einen indirekten Zugang von aussen, aus der $GQDCEJVGTRGTURGMVKXG. Wir beobachten ihr Verhalten und hÜren, was sie uns von ihrem Erleben berichten. Wissenschaft operiert ausschliesslich aus der Beobachterperspektive. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, wie die Dinge funktionieren. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen der Erklärung, wie Emotionen funktionieren, und wie es sich anfßhlt, Emotionen zu erleben. Dem entspricht die Unterscheidung zwischen VJGQTGVKUEJGO 9KUUGP einerseits und RJkPQOGPCNGO 9KUUGP andererseits. Gefßhle sind nicht von aussen am Gehirn beobachtbar. Ein Neurowissenschaftler sieht nicht, was wir im Moment fßhlen, wenn er unser Gehirn untersucht, während wir uns z.B. an ein freudiges Ereignis erinnern. Er sieht einen Teil unserer Gehirnaktivität, jedoch nicht unsere Gefßhle und Erinnerungen. Wßrde ein Hirnforscher z.B. die Gehirne von Versuchspersonen in einem Kernspintomografen untersuchen, während diese sich an ein Gespräch erinnern, dann kÜnnte er allein auf Grund der Hirnbilder nicht feststellen, ob die Betreffenden sich an ein Gespräch mit einem Verkehrspolizisten, an ein Gespräch mit der ersten Liebe oder mit einem AngehÜrigen, der im Sterben liegt, erinnern. 22 Was Neurowissenschaftler ßber Gehirnprozesse berichten, sagt uns nichts darßber, wie es ist, etwas zu erleben. Es besteht eine scharfe Trennung zwischen der Art, wie wir Emotionen erleben, und der Art, wie Neurowissenschaftler die Gehirnprozesse erfassen, die mit Emotionen einhergehen. Das eigene Erleben wiederum sagt uns nichts ßber die Abläufe in unserem Gehirn. Der englische Philosoph %QNKP /E)KPP gibt in seinem Buch Wie kommt der Geist in die Materie? folgendes zu bedenken: Einerseits kÜnnen wir in unser Bewusstsein hineinschauen, bis wir platzen, und trotzdem werden wir keine Neuronen, keine Synapsen und keine neuronalen Aktivitätsmuster entdecken. Andererseits kÜnnen wir das Gehirn eines anderen Menschen von frßh bis spät anschauen, und trotzdem werden wir nichts vom Bewusstsein dieses Menschen wahrnehmen. Fßr den betreffenden Menschen ist das Bewusstsein jedoch selbstverständlich gegenwärtig.23 Neurowissenschaftler kÜnnen mit Hilfe bildgebender Verfahren beobachten, was im Gehirn einer Person vorgeht, wenn sie sich freut, ärgert oder an etwas denkt. Was sie dabei auf dem Bildschirm zu sehen bekommen, ist nicht damit zu vergleichen, was die Person erlebt. Sie werden keine Gefßhle und keine Gedanken zu Gesicht bekommen. Eine noch so genaue Beschreibung der Gehirnvorgänge kann weder die Existenz noch die Beschaffenheit der Gefßhle erklären. Es bleibt stets eine 'TMNkTWPIUN€EMG zwischen dem bewussten Erleben des Gefßhls einerseits und den damit einhergehenden Hirnprozessen andererseits. %QNKP /E)KPP meint, es ist so, als wären wir gezwungen, einen Elefanten entweder vom Schwanzende oder vom Rßsselende her zu betrachten, ohne jemals die Gelegenheit zu bekommen, das ganze Tier anzuschauen.24
KÜrper sind ausgedehnt, dreidimensional und von zeitlicher Dauer. Ein Gefßhl nimmt keinen Raum ein. Es besitzt nur eine zeitliche Existenz. Es hat keinen Sinn, danach zu fragen, wie lang, wie breit und wie hoch ein Gefßhl ist. Ebenso unsinnig wäre es, Gefßhle
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im Raum anordnen zu wollen, so dass sich ein Gefßhl zum Beispiel zwei Meter neben einem Gedanken befände. Die Sprache, mit der wir unsere Gefßhlserlebnisse beschreiben, verwendet zwar räumliche Bilder wie zum Beispiel in der Aussage mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, aber das Erleben selbst ist nicht räumlich. Die KÜrperprozesse und Hirnprozesse, die mit Gefßhlen einhergehen, kÜnnen als ausgedehnt bezeichnet werden, jedoch nicht die Gefßhle selbst. Damit stellt sich folgende Frage: Wenn das Gehirn räumlich organisiert ist, ein Stßck Materie im Raum ist, und das Erleben nichträumlich, wie kann dann unser Erleben aus dem Gehirn hervorgehen? Wie entsteht etwas Nichträumliches aus Räumlichem? Wie bringen es die kleinen, räumlich organisierten Gehirnzellen fertig, nichträumliche Empfindungen und Gefßhle entstehen zu lassen? Wie gelangen Gehirnaktivitäten zu einer Erlebnis� perspektive?25 Gefßhle sind subjektiv und privat, sie sind an eine Perspektive gebunden und un� räumlich. Diese Merkmale erschweren es, sie naturalistisch erklären zu wollen, d.h. sie auf Gehirnprozesse zurßckfßhren zu wollen.
Naturalistische Erklärungsversuche Der Molekularbiologe und Nobelpreisträger vertritt in seinem Buch Was die Seele wirklich ist. Die naturwissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins folgende Hypothese: ‚Sie›, Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn fßr Ihre eigene Identität und Willensfreiheit – bei alledem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und dazugehÜrigen Molekßlen. Lewis Carrolls Alice aus dem Wunderland hätte es vielleicht so gesagt: ‚Sie sind nichts weiter als ein Haufen Neurone.›26 Nach dieser Auffassung ist auch an Emotionen nicht mehr dran, als das Gehirn zu bieten hat. Ein Gefßhl der Freude ist nichts weiter als das synchrone Feuern bestimmter Neuronengruppen, und das ist ein physikalischer Prozess. Ein Materialist wßrde zwar zugeben, dass Freude nicht so aussieht, wenn man sie introspektiv betrachtet, doch die Introspektion ist fßr ihn voller Irrtßmer und Illusionen. Sie enthßllt nicht die wahre Natur des Bewusstseins. Die wahre Natur der Freude bleibe unserem unmittelbaren Erleben verborgen, sie lasse sich nur durch die Wissenschaft offenlegen. Nur die objektiven, materiellen Beschreibungen erfassen die Dinge so, wie sie wirklich sind. Dass wir ßber Emotionen so sprechen, wie wir sprechen, liegt allein daran, dass wir viel zu wenig ßber unser Gehirn wissen. Zurzeit sind naturalistische Deutungen des Verhältnisses von KÜrper und Geist populär. Auf Grund der Fortschritte in der Hirnforschung glaubt man, Bewusstsein und damit auch Gefßhle naturwissenschaftlich erklären zu kÜnnen. Wenn wir einmal genau wissen, was im Gehirn geschieht, wenn wir uns freuen, ekeln, ärgern oder langweilen, dann haben wir diese Phänomene erklärt. Was wir als KÜrper und was wir als Geist bezeichnen,