LHV 45
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PFRÜNDEN, HERRSCHAFT, GOTTESDIENST PFRÜNDEN, HERRSCHAFT, GOTTESDIENST
Der Autor André Heinzer, geboren 1974, ist seit seinem Studium der Geschichte, der Geografie und der Lateinischen Philologie in Bern Mitarbeiter im Staatsarchiv Luzern. Dort ist er unter anderem in den Bereichen vorarchivische Beratung, Erschliessung von histo rischen Beständen und Redaktion der Luzerner Historischen Veröffentlichungen tätig. Daneben amtet er als Stadtarchivar von Sempach.
André Heinzer
André Heinzer
St. Leodegar im Hof vollzog zur Mitte des 15. Jahrhunderts einen Verfassungswandel von einer benediktinischen Propstei zu einem weltlichen Kollegiatstift. Die personelle Organisation des Instituts wurde dadurch kaum berührt, denn bereits als Kloster kannte St. Leodegar eine ausgeprägte Pfründenstruktur, wie sie für Säkularstifte typisch war. Für ihr Personal bildeten Kloster und Kollegiatstift eine facettenreiche Lebenswelt mit verschiedenen Rechten, Pflichten und Aufgaben. Neben «klassischen» Verrichtungen etwa in den Bereichen Chorgebet oder Seelsorge leisteten Mönche, Kanoniker, Leutpriester und Laienpfründner auch grundherrschaftliche Verwaltungsarbeit und übten dabei auch aktiv Herrschaft aus. Daneben blieb Raum für die Pflege ausserinstitutioneller Lebenswelten: für die Familie, die Universitäten oder den herrschaftlichen Dienst. Auf der Grundlage umfangreichen Quellenmaterials gibt das Buch Einblicke in diese inner- und ausserinstitutionellen Lebenswelten der Pfründner an St. Leodegar im Hof. Von wesentlicher Bedeutung sind dabei die jeweiligen herrschaftlichen Verhältnisse, die bei Fragen nach dem Erwerb der Pfründen, der Entwicklung der grundherrschaftlichen Verwaltung oder dem Umgang mit innerinstitutionellen Reformen nicht unterschätzt werden dürfen. Gerade im Austausch mit der erstarkenden Stadt Luzern musste St. Leodegar seine Rolle als herrschendes wie beherrschtes Institut regelmässig wieder neu finden.
Lebenswelten der Mönche und Weltgeistlichen am Kloster und Kollegiatstift St. Leodegar in Luzern zwischen 1291 und 1550
I S B N 978-3-7965-3263-4
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 532634
Luzerner Historische Veröffentlichungen
Luzerner Historische Verรถffentlichungen Band 45 Herausgegeben vom Staatsarchiv des Kantons Luzern und vom Stadtarchiv Luzern Redaktion: Franz Kiener
André Heinzer
Pfründen, Herrschaft, Gottesdienst Lebenswelten der Mönche und Weltgeistlichen am Kloster und Kollegiatstift St. Leodegar in Luzern zwischen 1291 und 1550
Schwabe Verlag Basel
Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern
Abbildung auf dem Umschlag: Hofkirche und Hofbezirk nach einer Abbildung im Pilgerbüchlein Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3263-4 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Vorwort
Die Geschichte des spätmittelalterlichen Luzerner Klosters und Kollegiatstifts St. Leo degar beschäftigen mich schon seit geraumer Zeit. Sie war Thema meiner Lizenziatsarbeit ebenso wie meiner Doktorarbeit, die 2011 von der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern angenommen wurde. Für die Drucklegung habe ich den Text nochmals gestrafft, zusammengefasst und zum Teil umformuliert. Dass das vorliegende Buch entstehen und gedeihen konnte, habe ich vielen Menschen zu verdanken: Mein Doktorvater, Prof. Dr. Rainer Christoph Schwinges, hat mich bei meiner Arbeit nicht nur fachlich unterstützt, sondern – mehr noch – mich umsichtig und mit viel Motivationsgabe auf Kurs gehalten. Ihm und seinen universitären Lehrveranstaltungen habe ich es auch zu verdanken, dass bei mir das wissenschaftliche feu sacré für das späte Mittelalter überhaupt erst entfacht wurde. Prof. Dr. Christian Hesse sodann hat die Dissertation engagiert korreferiert. Dank seiner klugen Hinweise habe ich den Text für die Drucklegung an manchen Stellen verdichten und qualitativ verbessern können. Kaum möglich gewesen wäre diese Arbeit ohne die idealen Forschungs- und Arbeitsbedingungen im Staatsarchiv Luzern; nicht nur, dass es dem Benutzer einen gut aufbereiteten Quellenfundus zur Stiftsgeschichte zur Verfügung stellt. Mehr noch vermittelten die Archivmitarbeitenden verschiedene Forschungsansätze und regten ihrerseits diverse Verbesserungen an: Altstaatsarchivar Dr. Anton Gössi machte mich mit dem Thema vertraut, während Staatsarchivar Dr. Jürg Schmutz das Textmanuskript mit viel analytischem Gespür lektorierte. Dank der Hinweise von Dr. Gregor Egloff wurde mir die Welt der Grundherrschaft(en) um einiges klarer. Redaktionell begleitet hat mich lic. phil. Franz Kiener, der inhaltlichen und sprachlichen Unebenheiten des Textes akribisch auf den Grund ging. Gregor Egloff nahm überdies in bewährter Weise die Herstellung der Grafiken, Christina Dentler die Fertigung und Aufbereitung der Abbildungen an die Hand. Wertvolle Inputs gab schliesslich lic. phil. Daniela Walker vom Luzerner Stadtarchiv. Ihnen allen gebührt grosser Dank, ebenso jenen hier namentlich nicht Genannten, die ihrerseits der Arbeit mit Rat und Tat beistanden. Danken möchte ich im Weiteren verschiedenen Institutionen: dem Chorherrenstift und der Pfarrei St. Leodegar, dem Stadtarchiv Luzern, der Korporation Luzern, der Luzerner Denkmalpflege und der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern. Sie alle haben mich bei der Suche nach Bildmaterial unterstützt und mir grosszügige Bildrechtskonditionen gewährt. Der Herausgeberschaft der Luzerner Historischen Ver öffentlichungen, dem Stadtarchiv Luzern und dem Staatsarchiv Luzern, danke ich für ihre Bereitschaft, die Dissertation in die Reihe aufzunehmen. Dem Schwabe Verlag, namentlich meinen beiden «Betreuerinnen» lic. phil. Julia Grütter Binkert und lic. phil. Marianne Wackernagel, danke ich für die stets angenehme Zusammenarbeit. Mein grösster Dank gilt meiner Frau Tamara: Sie hat während all der Jahre den Fortgang meiner Arbeit mit viel Geduld begleitet und mir auch während zäherer Projekt-
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abschnitte unbeirrt den Rücken gestärkt. Danken möchte ich auch euch, meinen lieben Kindern Lynn, Nora, Matteo und Enea, die ihr viel auf euren im Büro arbeitenden Vater habt verzichten müssen – euch allen sei dieses Buch gewidmet. Sempach Station, im März 2014
André Heinzer
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5 1. Einleitung 1.1 Zum Thema 1.2 Forschungsstand 1.3 Methode 1.4 Quellen
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2. Pfründen, Pfründner, Pfründnergemeinschaft 2.1 Das Pfründenwesen 2.2 Konvents- und Chorherrenpfründen 2.2.1 Konventspfründe 2.2.2 Chorherrenpfründe 2.3 Pfründenzahl und -struktur 2.3.1 Benefizialisierungsprozess und Anzahl Pfründner 2.3.2 Säkularpfründen
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Leutpriesterei und Schulmeisterei – Laienpfründe
2.4 Pfründenbesetzung und -erwerb 2.4.1 Ordentliche Kollatur 2.4.2 Päpstliche Provision 2.4.3 Ius primarium precum 2.4.4 Pfründentausch und Resignation 2.4.5 Pfründeneignung, Pfründenkandidatur, Pfründenerwerb 2.4.6 Pfründenkumulation, Pfründenkarrieren 2.5 Herkunft und soziale Stellung der Pfründner 2.5.1 Herkunft und soziale Stellung 1291–1399 2.5.2 Herkunft und soziale Stellung 1400–1455 2.5.3 Herkunft und soziale Stellung 1456–1550 2.6 Die Gemeinschaft der Pfründner 2.6.1 Das Kapitel 2.6.2 Ämter und Dignitäten
Propst – Kustos – Kämmerer – Almosener – Baumeister – Kantor
49 49 60 68 70 72 81 91 92 95 102 106 106 111
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2.6.3 Gemeinschaftliches Bewusstsein
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Frühe «gemeinschaftliche» Geschäftsgebaren – Separatgemeinschaften, Ausgrenzungen – Ämterwirtschaft
2.7 Zusammenfassung
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3. Tätigkeiten und Wirkungsfelder in der «Gotteshauslebenswelt» 3.1 Der Kirchendienst 3.1.1 Gottesdienst und Seelsorge 3.1.2 Das Präsenzwesen 3.2 Die Grundherrschaft 3.2.1 Quellen 3.2.2 Formen und Entwicklung von Güterbesitz, Verwaltung und Gerichtswesen
135 136 136 149 154 156 161
Zinsleihen – Fall und Ehrschatz – Gülten, Renten, Jahrzeitstiftungen – Zehntwirtschaft – Gerichtsbarkeit
3.2.3 Verfahren und Techniken in der grundherrschaftlichen Verwaltung 3.3 Zusammenfassung 4. Aussenleben 4.1 Das Verhältnis zur Herrschaft Murbachs 4.2 Das Verhältnis zur Herrschaft Österreichs 4.3 Herrschaftliche Beziehungsgefüge zwischen St. Leodegar und der Stadt Luzern 4.3.1 Der Aufstieg Luzerns zur territorialen Macht 4.3.2 Territorialherrschaft und Kirche 4.3.3 Das Kirchenregiment der Stadt Luzern
192 200 205 206 211 217 218 220 227
Gerichtsbarkeit und Disziplinierung von Klerikern – Städtische Besteuerung von Klerikern und kirchlichen Institutionen – Pfründenbesetzung und Kirchenpersonal – Schutz, Schirm und Kastvogtei – Kirchen- und Klerikerreform – Städtische Kontrolle der Gotteshausverwaltung
4.4 Aussenkontakte und Aktivitäten ausserhalb des Gotteshauses 4.4.1 Interaktionen mit weiteren Gotteshäusern und geistlichen Institutionen 4.4.2 Familie und Verwandtschaft 4.4.3 Herrschafts-, Schreiber-, Diplomaten- und Prokuratorendienste 4.4.4 Universitätsbesuch 4.4.5 Kontakte zu universitären, humanistischen und reformatorischen Kreisen 4.5 Zusammenfassung
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INHALTSVERZEICHNIS
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5. Schlussbetrachtungen
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Personalliste der St. Leodegarspfründner (ohne Kapläne) 1291–1550
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Quellen und Literatur Quellen Ungedruckte Quellen Gedruckte Quellen Literatur
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Verzeichnis der Tabellen, Grafiken und Abbildungen
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Register 391
1. Einleitung
1.1 Zum Thema Das Gotteshaus St. Leodegar hatte seit 1456 eine kollegiatstiftische, vorher eine monastische Verfassung. Als benediktinische Propstei unterlag es grundsätzlich der Regula Benedicti, jenem Regelwerk also, das seit dem frühen Mittelalter verbindlich weite Teile des mönchischen Lebens anleitet. Angelegenheiten der Verwaltung oder des Personals werden darin ebenso besprochen wie Besitztumsfragen: «Praecipue hoc vitium radicitus amputandum est de m onasterio, ne quis praesumat aliquid dare aut accipere sine iussione abbatis; neque aliquid habere proprium, nullam omnino rem, neque codicem, neque tabulas, neque graphium, sed nihil omnino, quippe quibus nec corpora sua nec voluntates licet habere in propria voluntate.»1 Überzeugt von einer möglichst authentischen vita religiosa, welche allem Irdischen abgewandt war,2 bezog der Heilige Benedikt damit klar Stellung gegen den Privatbesitz einzelner Mönche.3 Bei Klerikern ausserhalb von Mönchsgemeinschaften verhielt es sich anders. Nach dem Willen von Chrodegang, im 8. Jahrhundert Bischof von Metz, sollten diese zwar wie die Mönche der zönobitischen Ordnung verpflichtet sein, im Unterschied zu jenen aber das persönliche Eigentum auf Lebzeiten niessen dürfen.4 Mit den Bestimmungen des Aachener Synodalstatuts 816 wurde diese Differenzierung normiert und der ordo monachorum mit der Benediktsregel für asketisch geprägte Mönchsgemeinschaften einerseits, der ordo canonicorum, der die klerikalen Religiosengemeinschaften umfasste, andererseits als einzige Regelwerke der vita religiosa anerkannt.5 Diese strukturelle Anlage war spannungsgeladen: Rangstreitigkeiten zwischen Mönchen und Kanonikern, zwischen einzelnen Mönchsorden oder zwischen Regular1 2
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Regula Benedicti, Cap. 33. Kehnel, Heilige Ökonomie, S. 269–271: Wohlwissend, dass auch der strengste Religiose ohne temporalia nicht überleben konnte, gab Benedikt mit seiner Regula den Rahmen zur Handhabung des Materiellen und nahm damit dem Gegensatz zwischen der vita religiosa und den damit eigentlich unvereinbaren tempora lia die Schärfe. Vgl. dazu ausführlicher Kapitel 2.2.1. Semmler, Mönche und Kanoniker, S. 81–82. Semmler, Die Kanoniker, S. 101–107: Manche Bischöfe schritten erst Jahre nach der Inkraftsetzung des Aachener Statuts zur Neuordnung der Gemeinschaften ihrer Domkleriker und der von ihnen abhängigen Stifte. Von der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts an nahm die institutionis forma der Aachener Reformsynode den Charakter eines im Detail bindenden Gesetzeswerkes für Kanoniker an, das selbst noch in jener Zeit beachtet wurde, als die jeweiligen kanonikalen Gemeinschaften das Kernstück der institutio, die vita communis, aus der alten karolingischen Satzung bereits herausgebrochen hatten. Vgl. auch Semmler, Mönche und Kanoniker, S. 109–111: Die vorbenediktinischen Traditionen wurden durch diese una con suetudo zwar benediktinisch umgeformt, aber nicht gänzlich beseitigt: Sie flossen im 10. Jahrhundert in die Vielfalt monastischer Gewohnheiten des hochmittelalterlichen Benediktinertums ein; bei den kanonikalen Gemeinschaften erfolgte eine relativ späte und langwierige Abschichtung vom monastischen Element.
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und Säkularkanonikern prägten den Austausch zwischen den Gotteshäusern. Vor dem Hintergrund der verschiedenen reformerischen Strömungen im hohen und späten Mittelalter rangen die Religiosengemeinschaften nach einer möglichst authentischen Aneignung eines «apostelgleichen Lebens», der vita apostolica. Die gefundenen Lösungen waren je nach Traditionen und Handlungszielen der einzelnen Orden und Gemeinschaften unterschiedliche: Weltabkehr bei den Benediktinern, gemeinschaft liches Leben und Seelsorge bei den Kanonikern oder radikale Armut bei den Franziskanern.6 Es gelang keinem der monastischen Orden, seine ursprünglichen Ideale über die Jahrhunderte hinweg streng nach der Regel – oder observanzgetreu – umzusetzen. Reformer verlangten daher immer wieder nach Anpassungen, die vordergründig zwar restaurativ, häufig aber auf Erneuerung ausgerichtet waren. Bei den Kanonikern war das Anliegen von Reformern wie Petrus Damiani, Papst Gregor VII. (1073–1085) oder Papst Urban II. (1088–1099) mehr grundsätzlicher Natur, indem sie eines der Leitbilder der bekannten Aachener Synode, den Eigenbesitz von Kanonikern, als unvereinbar mit der vita apostolica einstuften und damit den Grundstein zur Errichtung des regulierten Kanonikertums legten.7 Der Eigenbesitz von Angehörigen der Religiosengemeinschaften stand bei monastischen Normdebatten nie zur Diskussion – die persönliche Armut des einzelnen Mönchs war in normativer Hinsicht für die monastische Lebensform konstitutiv und unverbrüchlich. Natürlich kam es in vielen Klöstern auch in diesem Bereich zu Devianzen; statutarische Anpassungen der Regula geschahen aber anderswo, vorausgesetzt, der Kloster vorsteher und mit ihm der für die Normen zuständige Teil der Klosterbrüder beurteilten solche überhaupt als zulässig. In dieser Hinsicht hatte sich bei manchen Zeitgenossen des hohen und späten Mittelalters eine pragmatische Haltung durchgesetzt, die aufgrund schon länger festgestellter Regel-Abweichungen für normative Anpassungen stand. Hinter einer solchen Politik steckte die Überlegung, dass zeitgemässe objektive Sachzwänge aber auch die Verweigerung der Observanz durch die einzelnen Klosterbrüder Kompromisse bei den monastischen Idealen notwendig machten.8 Im derart aktiven Umgang mit der Regula, alten und neuen Normen, Statuten und consuetudines, wirkten Klosterleitungen gewissermassen reformerisch.9 Dabei bezweckten die Reformen vor allem, die Regelwerke an die neuen Verhältnisse anzupassen. Dies schien vordergründig eher paradox bei jenen Reformen, deren Rhetorik sich aus Gründen der Legitimation streng restaurativ äusserte.10 Hier kritisierten Reformer namentlich, dass menschliches Unvermögen und Selbstverschuldung, nicht aber strukturelle Be gebenheiten, wie sie Bonaventura (1221–1274) für die Franziskaner nannte, Kloster-
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Schreiner, Observantia regularis, S. 277–280. Vgl. Siegwart, Chorherren- und Chorfrauengemeinschaften, S. 233, 257, Semmler, Die Kanoniker, S. 108, Lorenz, Stiftskirchenprojekt, S. 6. Schreiner, Observantia regularis, besonders S. 290, 308–309. Zu «Krisen» und «Reformen» des Mönchstums grundsätzlich Felten, Ordensgeschichte und Melville, Aspekte. Beide Autoren verweisen auf die diesen Begriffen innewohnenden Probleme, die ebenso in der wertenden Historiografie wie im weitgespannten semantischen Feld der zeitgenössischen Begrifflichkeit gründen. Vgl. dazu Melville, Aspekte, S. 149–155.
EINLEITUNG
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ordnungen verändert oder, eben restaurativ betrachtet, geschmälert hatten.11 Gewiss gab es auch Reformprogramme, die streng observante Ziele hatten. Es ist im Einzelnen aber schwierig, die eigentlichen Absichten von Reformvorgängen beispielsweise in «Erneuerung» oder «Rückkehr zur alten Ordnung» einzuteilen, zumal übergreifende Studien weitgehend fehlen. Bei aller Verschiedenartigkeit der Reformprogramme erbrachten die Konzilien des 15. Jahrhunderts in Bezug auf die zu reformierenden Bereiche klösterlichen Lebens einen gewissen Konsens. Handlungsbedarf sah man vor allem beim Adelsprivileg. Hier hatten normierte Zugeständnisse an Versorgungsbedürfnisse des Adels viele Konvente dezimiert und damit existentiell gefährdet.12 Adelig geprägte Klöster fanden überdies bei ihren Konventualen kaum die Akzeptanz für die grundlegenden, zum Teil durch das Ordensgelübde verbindlich vermittelten Werte monastischen Lebens. Dadurch aber erhöhte sich der Grad des Selbstzweckes, während für Aussenstehende die klösterlichen Handlungsziele und letztlich die Berechtigung der institutionellen Existenz an Legi timation einbüssten. Die kritische Grenze, welche umfassendere Reformen diesmal in Richtung einer möglichst observanten Regeltreue empfahl, war damit erreicht. Einzeln Reformprogramme – beispielsweise des Generalkapitels von Petershausen für die Benediktiner – scheiterten dann aber vielfach an der mangelnden Organisation und der fehlenden Autorität, an internen Differenzen unter den Reformern oder an Widerständen der zu reformierenden Klöster. Als grosse Hypothek erwiesen sich überdies die vielfältigen verfassungsmässigen Unterschiede der einzelnen Institute.13 Ein instruktives Beispel dafür ist die im Folgenden untersuchte Luzerner Benediktiner propstei St. Leodegar im Hof. Hier hatten sich wohl gegen Ende des Hochmittelalters respektive zu Beginn des Spätmittelalters im überregionalen Vergleich ganz besondere Lebensverhältnisse ausgebildet, die im Unterschied zu zeitbedingten Normanpassungen an anderen Klöstern regelkonformen Klostergewohnheiten, consuetudines, eindeutig zuwiderliefen.14 Wie aus einem Beschrieb des reformwilligen Luzerner Klosterbruders 11 12
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Schreiner, Observantia regularis, S. 293–297. Auf diesen Umstand verweist unter anderem der nachkonziliare benediktinische Reformer Johannes Trithemius (1462–1516), zitiert nach Zeller, Petershausen, S. 36: «Et specialiter plura solemnia monasteria de ordine S. Benedicti desolata sunt et deserta, ita quod in quibusdam vix duo et tres monachi inveniantur, qui nec religiose vivere nec divina curant minstrare seu frequentare officia, bona etiam, res et possessiones monasteriorum male dispensantes in esse seu statu non conservant, sed aliqua eorum ab ipsis monasteriis alienant.» Zeller, Petershausen, S. 44–46. Die grosse Varietät unter den einzelnen Klöstern war schon früheren Zeitgenossen aufgefallen. So bemerkte der Kanonist Heinrich von Susa (ca. 1200–1271), zitiert nach Vauchez/Gaby, Histoire, S. 18: «Diversa sunt monasteria et diversas habent institutiones.» Vgl. dazu Felten, Ordensgeschichte, S. 29–40. Schreiner, Observantia regularis, S. 291–293, zeigt unter anderem am Beispiel des zunehmend grosszügiger gehandhabten Fleischkonsums in Klöstern, wie wenig vermittelbar frühmittelalterliche Askese im Spätmittelalter war. Über päpstliche Dispensen und ernährungsphysiologische Abhandlungen wurde hier vielfach eine Korrektur der entsprechenden benedikti nischen Regel vorgenommen. Reichsweit gesehen waren säkulare Tendenzen in spätmittelalterlichen Klöstern indessen weitverbreitet, Argumente für normabweichende Lebensweisen daher breit akzeptiert. Vor diesem Hintergrund relativiert sich die oben konstatierte Besonderheit der Luzerner Verhältnisse; «krisenbehaftete» Verfassungsstrukturen gab es in Klöstern vielerorts. So häufig die Devianzen, so zahlreich waren die Klagen hinsichtlich kirchlicher Missstände und die Forderungen nach Reformen. Zur Zeit des Konstanzer Konzils häuften sie sich zusätzlich, als viele glaubwürdige Berichte über heillose Zustände an etlichen adeligen Metropolitan-, Dom- und Stiftskapiteln in Deutschland, dazu Vernachlässigung der
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Niklaus Bruder, der sogenannten «Notula querelarum», zuhanden des obgenannten Benediktiner-Generalkapitels zu Petershausen Anfang des 15. Jahrhunderts hervorgeht, wurden in St. Leodegar sowohl die vita communis als auch das Armutsideal als zwei Grundpfeiler der benediktinischen Idealverfassung schon seit längerer Zeit nicht mehr gelebt.15 Zwar ging es Bruder nicht eigentlich um eine Reform hin zu strikter Regeltreue – sein Plädoyer äussert sich denn auch nicht in corruptio-, deformatio-, pertur batio- oder dilapsio-Begriffen16 – sondern um die kirchenrechtliche Unabhängigkeit der Luzerner Propstei. Bruders ausführliche Darstellungen zum inneren Zustand St. Leodegars verweisen aber indirekt auf Abhängigkeiten zu aktuellen reformerischen Strömungen.17 Bemühungen um eine Verfassungsrevision im observanten Sinn sind im Zusammenhang mit seinen Ausführungen daher absolut vorstellbar. Der Befund, dass die Luzerner Mönche das Armutsbekenntnis bei ihrer Profess zwar noch leisteten, später aber vernachlässigten und auch die vita communis nicht mehr pflegten, lässt sich als verfassungsmässige Krise der Propstei beruteilen. Gemessen an zentralen klösterlichen Lebensvorstellungen waren die inneren Verhältnisse St. Leodegars – sofern man denn werten will – eindeutig deviant. Einer solchen Einschätzung stehen die nicht unwidersprochenen Trends historischer Methodologien für möglichst wertfreie Darstellungen gegenüber.18 Ein weiteres Problem liegt in einem empirischen Mangel. So ist nicht klar, bis zu welchem Grad ein «Krisenbewusstsein» im institutionellen Bewusstsein St. Leodegars überhaupt vorhanden war. Zumindest um die Zeit des Konstanzer Konzils schien sich die Distanz der eigenen Lebensform zum benedikti nischen Ideal in der offiziellen Institutsmeinung widerzuspiegeln und in der reformerisch
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monastischen Observanz, der kirchlichen Disziplin und des Gottesdienstes die Kurie erreichten. Reform anliegen, die neuerdings auch Papst und Kurie selber betrafen, wurden entsprechend immer virulenter. Studt, Papst Martin V., S. 24, 715, Becker, Benediktinische Reformbewegungen, S. 168, Holtz, Christliche Ordensbewegungen, S. 174, Rösener, St. Galler Grundherrschaft, S. 174–175, oder Schreiner, Benediktinisches Mönchtum, S. 52–55, orten die Gründe des Niedergangs unter anderem im Eigenbesitz und im Pfründenwesen. Hinsichtlich der Ursachen für den Niedergang vieler Klöster bemerkt Felten, Ordensgeschichte, S. 18, Anm. 74, mit dem Hinweis auf antizyklische Beispiele, wie unbefriedigend und stereotyp die allgemein gängigen Erklärungen, welche vor allem die Ungunst der Zeit (Hungersnot, Krieg, Pest) bemühten, seien. Segesser, Niklaus Bruder 1855, S. 119, 122–126. Der Text der «Notula querelarum» ist nach Segesser als Abschrift im «Codex probationum Ecclesiae collegiatae» des Luzerner Aufklärers Joseph Felix Anton von Balthasar aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert überliefert. Segesser liess ihn auf der Grundlage dieser Abschrift im Anhang seines ersten Aufsatzes über Niklaus Bruder folgen. – Niklaus Bruder brachte seine Sicht der Dinge und wohl auch die St. Leodegars dem Generalkapitel von Petershausen, welches anlässlich des Konzils von Konstanz einberufen worden war, vor. Unter anderem verwies er auf das voll ausgebildete Pfründensystem und die Einzelbehausungen in St. Leodegar. Melville, Aspekte, S. 149: So gebraucht stehen diese Begriffe als Ausdrücke eines Zustandes, der auf den Unterschiede gegenwärtiger Verhaltensweise zu früheren, respektive ursprünglichen Normen beschreibt. Zum Reformwillen des Konstanzer Konzils vgl. Mertens, Reformkonzilien, und Studt, Papst Martin V., S. 24, 34–36. Vgl. auch Elm, Reform, zu generellen Reformbemühungen sowohl im ordo monasticus als auch im ordo canonicorum im ausgehenden 14., beginnenden 15. Jahrhundert. Nach Felten, Ordensgeschichte, S. 28, Anm. 115, lassen sich bestimmte Werte des kirchlichen Lebens bei aller Offenheit für den Zeitgeist nicht relativieren. Anhand eines Beispiels aus der jüngeren Kirchen geschichte schlägt er daher für wertungsfreie Relativierungen bestimmte Grenzen vor. Zu dieser Thematik äussert sich auch Elm, Verfall und Erneuerung, S. 196, der betont, dass sich der Niedergang, unbeschadet durch subjektive oder kollektive Wertvorstellungen, anhand der verbindlichen Normen für den Aufgabenbereich der Orden messen lässt.
EINLEITUNG
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instruierten Mission Niklaus Bruders, der vor dem Generalkapitel in Petershausen als Sprecher seines Gotteshauses auftrat, zu kristallisieren. Für die Zeit danach ist ein Krisenbewusstsein zunächst nicht mehr ohne Weiteres festzustellen. Es ist jedoch anzunehmen, dass der von den Reformkonzilien gespiesene Diskurs über klösterliche Ideale das Bewusstsein um die eigenen Unzulänglichkeiten weiterhin wach hielt. Regelab weichungen bei seinen Konventualen stellte dann explizit erst wieder Propst Johannes Schweiger 1455 fest.19 Wie schon Niklaus Bruder vor ihm vermied er es allerdings, diese Zustände mit einem Krisenbegriff zu benennen. Den «Krisen» mit Reformen im Sinne strengerer Observanz zu begegnen, schien für St. Leodegar nach dem Generalkapitel von Petershausen keine Option mehr zu sein. Entsprechende Absichten müssen mit der Ermordung Niklaus Bruders auf der Konstanzer Predigerbrücke 1417,20 den Problemen der Propstei mit der inneren Disziplin, ihrer notorischen ökonomischen Baisse und den Positionskämpfen mit der Stadt Luzern erloschen sein. Stattdessen entstand die schliesslich auch umgesetzte Idee, eine kollegiatstiftische Verfassung anzunehmen; der daraus resultierende Vorteil: An St. Leodegar wurde die Faktizität des Gelebten mit den kirchenrechtlichen Normen in Einklang gebracht, die «Krise» war zumindest in rechtlicher Hinsicht behoben.21 Dadurch verschwanden mit einem Schlag die Angriffsflächen für streng observante Institutskritiker. Darüber hinaus hatte man sich in St. Leodegar die Freiheit des Handelns bewahrt, die «Krise» über eine selbstgewählte Strategie zu beheben, und damit gleichzeitig allfällige von aussen herangetragene restaurative Reformierungspläne verhindert. Spiritus rector des Verfassungswandels war zweifelsohne Propst Johannes Schweiger. Ihm, dem Juristen, musste die Diskrepanz der Institutsverhältnisse zum regel getreuen idealen Verfassungszustand besonders aufgefallen sein und sich entsprechend Handlungsbedarf aufgedrängt haben. Als ausgesprochener Verwaltungsmensch, der Zeit seiner auf St. Leodegar fokussierten Klerikerkarriere wenig religiöse Ambitionen offenbarte, dürfte er den pragmatischen Weg des Verfassungswandels gegenüber demjenigen observanter Reformen von Anfang an favorisiert haben. Denn der Aufwand, den man zur Umsetzung des Vorhabens zu bewerkstelligen hatte, war verhältnismässig klein. Er bewegte sich vor allem im rechtlichen Bereich, während in organisatorischer Hinsicht das Kloster mehrheitlich bereits kollegiatstiftisch disponiert war. Der Zeitpunkt, einen Wandel in der institutionellen Verfassung zu vollziehen, fiel zusammen mit einem Konflikt zwischen den Konventualen und dem städtischen Leutpriester Johannes Brisinger um Rechte, Pflichten und Ehrentitel der Luzerner Leutpries19 20
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Gfr. 23, S. 16–19, mit der Bulle Papst Kalixts III. (1455–1458), der Bischof Heinrich von Konstanz als Prokurator des Verfassungswandels betraute. Bericht von der Ermordung Bruders und der im Folgenden am vermuteten Mörder vorgenommenen Bahrprobe liefert ein in Augsburg durch Heinrich Steiner 1536 gefertigter Druck, der seinerseits die Grundlage für die Erzählung des Ereignisses durch die eidgenössischen Chronisten Ägidius Tschudi und Johannes Stumpf gewesen sein dürfte, vgl. Segesser, Niklaus Bruder 1855, S. 120, Anm. 2–3. Gfr. 23, S. 16–19: Schweiger begründete seine Supplik zum einen mit den faktischen Verhältnissen («[…] in dicto monasterio promiscui fuerunt instituti monachi et saeculares clerici, qui licet aequaliter sint praebendati, er portiones aequales inibi percipiant, non tamen in una domo morari, neque in uno refectorio refici, nec aliquam regularem obervantiam tenere […]») zum anderen mit dem an St. Leodegar schon seit Menschengedenken säkular-monastisch gemischten Personalbestand, was ständig Unruhe, Neid und Störungen des officium mit sich gebracht hätte. Störungen und Nachlässigkeit, so hoffte Schweiger, sollten unter kollegiatstiftischer Verfassung verschwinden.
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terei.22 Wahrscheinlich war dies der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte und Schweiger Umwandlungs-Verhandlungen aufnehmen liess. Zwar erwähnte Schweiger in der Umwandlungssupplik den Konflikt nicht explizit, doch scheinen seine als Argumente genannten «rixae» und «scandalae», die der Propstei aus dem monastisch-weltgeistlich gemischten Chordienst erwachsen waren, darauf zu verweisen. Die Voraussetzungen, den geplanten Verfassungswandel erfolgreich umzusetzen, waren um die Mitte des 15. Jahrhunderts für Johannes Schweiger recht günstige: Annahmen kollegiatstiftischer Verfassungen durch Klöster waren unterdessen schon mehrfach präjudiziert.23 Das heisst, der Propst kannte nicht nur die Verfahrensabläufe, sondern durfte auch darauf hoffen, dass sich das Ungewöhnliche, möglichweise Skandalträchtige eines solchen Vorganges mittlerweile verflüchtigt hatte. Dazu gesellte sich sein Erfahrungshorizont. Seit mehr als 35 Jahren agierte er bereits als Konventuale an der Luzerner Propstei, davon über 25 Jahre als deren Vorsteher. Somit brachte er es unter den Mönchs- und Laienbrüdern auf die mit Abstand höchste Anciennität, abge sehen von Alt-Propst Johannes Am Werd, der jedoch nicht mehr mit einer ordentlichen Konventsstelle versehen war und um diese Zeit verstarb, sowie dem nur unwesentlich weniger lang bepfründeten, Schweiger gegenüber offenbar loyalen Almosener Johannes Galmatter. Von den innerinstitutionellen Gegnern Schweigers, mit denen dieser Ende der 1420er, Anfang der 1430er Jahren noch erhebliche Schwierigkeiten gehabt hatte, waren unterdessen die meisten verstorben. Zwar werden nicht alle Mitbrüder und nachmaligen Chorherren den Verfassungswandel gutgeheissen haben. So fehlen denn auch einige Konventuale als Subskribenten in der Bittschrift, welche die päpstliche Approbation für das neue Kollegiatstift bezweckte.24 Der eine oder der andere unter ihnen mochte sich dabei der vielfach ge äusserten Kritik am weltlichen Chorherrentum angeschlossen und den Wechsel von der Ordensgeistlichkeit zum Weltklerus als Abstieg eingeschätzt haben. Dabei waren/ sind Kollegiatstifte in verfassungsrechtlicher Hinsicht bedeutend kritikfester als Klöster, deren innere Gestaltung sich immer an der Regeltreue messen lässt. Historiografische Darstellungen müssen daher mit Wertungen noch vorsichtiger umgehen, wenn sie statt eines Klosters ein Kollegiatstift zum Untersuchungsgegenstand haben. Auch hier spielt in der Argumentation die Zeittypik eine wesentliche Rolle. Kritiken, wonach die weltlichen Aufträge und die Verdinglichung bei den hoch- und spätmittelalterlichen Kollegiatstiften allzu stark überhandgenommen hätten, pariert die moderne Stiftskirchen forschung mit der besonderen Eignung von Chorherren für den gesteigerten Personalbedarf im ausserstiftischen Verwaltungsbereich. Die überdurchschnittliche Vernetzung mit der Welt, dazu die hohe Abkömmlichkeit der Inhaber von Pfründen ohne seelsorgerische Verpflichtungen, Sinekuren, verschoben die Gewichte immer mehr in Richtung
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StiALU URK E16–18, Gfr. 17, S. 276–279. Vgl. dazu ausführlicher Kapitel 3.1.1. Becker, Ziele benediktinischer Reform, S. 24, Bünz, Haug, S. 25, Escher, Reform, S. 518, Lorenz, Stiftskirchenprojekt, S. 40–41 oder Zeller, Petershausen, S. 42–44: Gründe für die Annahme einer kollegiatstiftischen Verfassung waren unter anderem eine logisch-organische Konsequenz der verweltlichten Lebensweise, Renitenz gegenüber geplanten Reformen in observantem Sinn oder obrigkeitliche Mass nahmen. Vgl. weiter unten Kapitel 2.6.3.
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Abbildung 1: Herzog Wichard von Schwaben stiftet das Kloster im Hof. Die Kirchenpatrone Mauritius und Leodegar begleiten ihn dabei.
irdischer Sphäre. Die inneren Verpflichtungen dagegen, nun stärker verrechtlicht und materialisiert, reduzierten sich auf ein Minimum. Sie wurden aber, und das ist das Entscheidende, weiterhin bewahrt, wodurch auch der Sinngehalt des weltlichen Chor herrentums, wenn auch zeittypisch ummodelliert, beibehalten blieb.25 Treffen wir so im ausgehenden 15. Jahrhundert in Luzern ein effektiv kollegiatstiftisch verfasstes und wahrscheinlich seit dem ausgehenden Hochmittelalter ein quasi kollegiatstiftisch gelebtes Gotteshaus an, lässt sich die eigentliche Geschichte des In stituts bis ins Frühmittelalter zurückverfolgen. Im 8. Jahrhundert gegründet – nach dem Historiker Hans Schnyder eine Gründung des agiolfingischen Herzogs Odilo im Zusammenwirken mit der alamannischen Beatasippe – zerfiel es in der Zeit Ludwigs des Frommen, bis es der alamannische Adlige Wichard um die Mitte des 9. Jahrhunderts wieder aufbaute. In dessen und den Amtsjahren seiner unmittelbaren Nachfolger erwarb das Kloster den grössten Teil seines Güterbesitzes, den es noch im ausgehenden Mittelalter besass. Den Grundstein dafür hatte Wichard selber gelegt, als er dem Kloster während der Restaurationsbemühungen seinen ererbten Eigenbesitz im aargauischen Lunkhofen zuführte.26 Nach dem 9., vielleicht noch dem beginnenden 10. Jahrhundert existiert für mehr als 200 Jahre kein Quellenmaterial, welches den weiteren Werdegang des luzernischen Klosters dokumentierte. Dieser Mangel ist umso bedauerlicher, als dass damit keine 25 26
Marchal, Institut, S. 80, 84. Zur Kritik am Dekadenzmodell vgl. auch Holbach, Identitäten, S. 40–41, Auge, Herrschaftlicher Kontext, S. 190. Schnyder, Gründung des Klosters Luzern, S. 419–420, 517–518. Siehe Abbildung 1.
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schlüssigen Interpretationen für den rechtlich bedeutsamen Wandel des Klosters von einer eigenständigen Abtei zu einer dem elsässischen Kloster Murbach unterstellten Propstei möglich sind. Einen einzigen Hinweis auf die rechtliche Stellung St. Leodegars während des 11. Jahrhunderts liefert ein Schriftstück aus der Acta Murensia, welches das Kloster, anders als noch zu Zeiten Wichards, nicht mehr als Eigenkirche ausweist. Nach diesem Schriftstück stand dem Kloster Muri ebenso die Ablösung von seiner eigenkirchlichen Verfassung bevor. Als nämlich Graf Werner von Habsburg 1082 das Kloster Muri aus der habsburgischen Vogtei entliess, übertrug er diese den Mönchen zur freien Wahl. Dieser im Rahmen der benediktinischen Reformbewegung vollzogene Schritt hatte auch Konsequenzen für die grundherrlichen Strukturen Muris. Man gliederte den Klosterbesitz aus dem Gefüge der habsburgischen Grundherrschaft aus und anerbot den Hintersassen die Annahme eines neuen Hofrechtes. Die Murenser Klosterfamilia entschied sich für das Recht der Luzerner Kirche,27 einer «ecclesia libera». Damit verbunden war jener rechtliche Status, der nach Fritz Glauser für das Kloster Luzern wie auch für das Kloster Muri ein im Zuge derselben monastischen Reform bewegungen des 10./11. Jahrhunderts erworbenes, von der Eigenkirchenherrschaft losgelöstes eigenes Grundherrschaftssystem verankerte – in Luzern freilich in Abhängigkeit von Murbach.28 Die Gründe der faktischen Unterstellung Luzerns unter Murbach bleiben unklar. Greifbar wird diese ab 1135, als anlässlich der Gründung des Augustinerklosters Goldbach durch Abt Berchtold von Murbach Marquard, Propst des luzernischen Klosters St. Leodegar, als Zeuge figurierte. Seit diesem Zeitpunkt bezeugt ununterbrochenes Quellenmaterial die Stellung Luzerns als diejenige einer praepositura des elsässischen Oberklosters.29 Konkret äusserte sich dieses Rechtsverhältnis in einer Reihe grund- und lehensherrlicher Rechte des murbachischen Abtes, dem überdies Kompetenzen im inneren Klosterbereich, zum Beispiel die Kollatur der Propstei, zustanden. Im Verlaufe der Zeit erfuhr der herrschaftliche Rechtskomplex Murbachs verschiedene Anpassungen, die vor dem Hintergrund der jeweiligen landes- und territorialherrschaftlichen Entwicklung zu verstehen sind: 1291 kaufte Habsburg-Österreich die grund- und lehensherrlichen Rechte des Abtes auf, 1415 gingen diese an die Stadt Luzern über. Murbach blieben währenddessen verschiedene innerklösterliche Kompetenzen; ein Rechtszustand, dessen sich die Propstei Luzern erst mit dem Verfassungswandel von 1456 entledigte.30
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Kiem, Muri, S. 33. Glauser, Herrschaftswechsel, S. 4–5: In Analogie zum Kloster Muri könnte das Kloster Luzern diesen Zustand im Zuge der gleichen Reformströmungen erreicht haben. Spätestens seit dieser Reform dürfte Luzern als freie Kirche nicht mehr von einem Abt, sondern von einem Propst regiert und dem Kloster Murbach unterstellt worden sein. Durrer, Geschichte Luzerns, S. 35. Vgl. dazu weiterführend Kapitel 4.
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1.2 Forschungsstand Gemäss dem Befund der Stiftskirchenforschung werden Klöster als Forschungsgegenstand gegenüber Kollegiatkirchen bevorzugt. Den Grund dafür sieht sie in der Geringschätzung der Kollegiatstifte als kirchliche Institutionen sowie in deren zahllosen Erscheinungsformen, die, anders als bei den in Ordensstrukturen eingebundenen Klöstern, die Einzelfallstudie in den Vordergrund stellt, Verallgemeinerungen dagegen erschwert.31 Tatsächlich ist der Forschungsstand für monastische Themen zwar beachtlich, jedoch – je nach Forschungsgegenstand – recht heterogen.32 Die methodologischen Instrumente in der Klosterforschung sind hingegen ähnliche wie bei Untersuchungen zu Stiftskirchen: Beide Richtungen betonen den vergleichenden Ansatz, postulieren die Notwendigkeit von instituts- oder im Fall der Klöster ordensübergreifenden Unter suchungen. Noch weiter in diese Richtung geht der Forschungsanspruch, die wechselseitigen Prägekräfte zwischen Religiosengemeinschaften und mittelalterlichen Institutionen, Strukturen oder Prozessen herauszuarbeiten.33 Angesichts der Individualität der einzelnen Klöster und erst recht der Stiftskirchen erscheint die methodische Umsetzung eines solchen Ansatzes als heraklisch. Doch ist er umso notwendiger, um die Besonderheiten des eigenen Instituts innerhalb einer Kirchenlandschaft angemessen zu würdigen. Darüber hinaus erfüllt die vergleichende Darstellung die Funktion eines Korrektivs, an dem sich bestimmte Schlussfolgerungen der Einzeldarstellung überprüfen lassen. Diese Forschungstendenz weg von der blossen Innensicht von Instituten und Orden hat zudem den Effekt, dass in die Untersuchungen vermehrt auch die Umgebung eines Gotteshauses mit einbezogen wird. Dies gilt vor allem für die Kollegiatstifte, die, in ihren Umweltbeziehungen durch keine Armutsideale eingeengt, über ihre Pfründner an vielen Lebenswelten ausserhalb des Stiftsbezirkes teilnahmen.34 Aber auch das Mönchtum wird längst nicht mehr als eine isolierte, intangible Lebensform betrachtet, sondern 31
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Crusius, Kollegiatstift, S. 7, Lorenz, Stiftskirchenprojekt, S. VII, Auge, Herrschaftlicher Kontext, S. 178–179. Gute Überblicke über den jeweiligen Forschungsstand vermitteln Moraw, Stiftskirchen, Fouquet, Speyrer Domkapitel, S. 2–15, oder Auge, Herrschaftlicher Kontext, S. 181–187. Zum Forschungsstand für monastische Themen vgl. Vauchez/Gaby, Histoire. Auf Unterschiede verweist z.B. Röhrkasten, Regionalism, S. 260–262, der ein verstärktes Forschungsinteresse bei Themen wie den Cluniazensern, Zisterziensern, Franziskanern oder Dominkanern, an Ordensfrühgeschichten, charisma tischen Führerfiguren oder am Gegensatz zwischen Ideal und gelebter Wirklichkeit diagnostiziert. Vergleichsweise wenig Beachtung hätten dagegen die spätmittelalterlichen Ordensentwicklungen, die häufig mit «Niedergang» in Verbindung gebracht werden, gefunden. Moraw, Stiftskirchen, bemerkt, wie wichtig eine übergreifende und vergleichende Forschungskonzeption ist, damit der Forschungsgegenstand nicht steril wird. Vergleichende Methoden sind seit ca. den 1980er Jahren in Gebrauch mit dem Ziel, unter Einbezug von Klöstern für einzelne Regionen Typen von Stiftskirchenlandschaften herauszuarbeiten. Für Moraw ist dabei das Konzept der Region von wesentlicher Bedeutung, da diese in älterer Zeit grosse Prägekräfte entfaltet hätte, Moraw, Typologie, S. 36 (vgl. dazu den Ansatz der modernen Sozialgeografie, z.B. Benno Werlen, Sozialgeografie, Basel 2000, S. 305ff., welche stattdessen eine «raumorientierte Handlungswissenschaft» postuliert). Ebenfalls Dom- und Kollegiatkirchen, vor allem aber Klöster und Orden zum Gegenstand hat die 2006 in Eichstätt eröffnete Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte (FOVOG), die den vergleichenden Ansatz systematisch weiter entwickelt(e). Die Eröffnungsveranstaltung zeitigte ein breites Feld an Forschungsdesideraten für vergleichende Studien der vita religiosa, Melville/Müller, Mittelalterliche Orden und Klöster im Vergleich. Zu dieser Thematik vgl. z.B. Moraw, Typologie, S. 12.
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als verflochten mit der Welt.35 So betrachtet lässt sich das vor allem für die Kollegiatkirchen entwickelte Regionenkonzept von Peter Moraw ebenso für Klöster anwenden. Auch hier standen Gotteshaus und die es umgebende Umwelt – ob Familien, Städte, Herrschaften, Lehreinrichtungen, geistliche Institutionen etc. – in einem regen Austausch.36 Mit Sicherheit können auch bei St. Leodegar bedeutende Wechselwirkungen mit seiner Umgebung, vor allem mit der Stadt Luzern, angenommen werden. Das gilt bereits für die hochmittelalterliche Stadtentstehung, die ohne das Vorhandensein und die Mitwirkung der Propstei so nicht zu denken ist, dann aber auch für die Stadtentwicklung oder die seelsorgerischen Betreuungsfunktionen des Klosters gegenüber den Stadtbürgern. Insofern ist es erstaunlich, dass St. Leodegar im Hof in der Forschung bis anhin nur wenig Beachtung fand. Anne-Marie Dubler listete 1982 in ihrem Katalog noch nicht erfüllter Desiderate zur Luzerner Geschichte denn auch explizit eine Monografie zu diesem geistlichen Institut auf.37 Die einzigen Arbeiten, die sich umfassend zur mittelalterlichen Verfassungsgeschichte St. Leodegars äussern, sind die Studien des Chorherrn und Kirchenhistorikers Bernhard Fleischlin. Als Standardwerke sind sie allerdings nicht zuletzt wegen ihrer apologetischen Grundtendenz überholt.38 Der als Frage formulierten Vermutung Dublers, das Fehlen einer St. Leodegarsmonografie gründe möglicherweise in Resten städtischer Abwehr gegen die alte Gotteshausherrschaft, kann indessen nicht zugestimmt werden. Spätestens seit dem 14. Jahrhundert hatte die Stadt das Gotteshaus an Herrschaftsmächtigkeit übertroffen und in der Folge ein herrschaftliches Selbstverständnis entwickelt, welches die alten Abhängigkeitsverhältnisse in den Hintergrund treten lassen musste. Ganz abgesehen davon war Stadtherrschaft in Luzern in erster Linie eine Angelegenheit des Klosters Murbach, seit 1291 dann vor allem Habsburg-Österreichs. Innerhalb der komplizierten Pflegschafts- und Vogteiverhältnisse über die Luzerner Propstei waren das jene beiden Institutionen, welche in der Stadt die meisten Gerichtsrechte besassen, den Markt beaufsichtigten oder über Strassen- und Wassernutzungszwecke verfügten. Das enge Miteinander von früher Stadt und Kloster bestätigt auch die Historio grafie: keine Darstellung zur Frühzeit von Stadt und Stand Luzern, die nicht auch das Kloster miteinbezieht. Der Titel eines Werkes des Luzerners Altphilologen Joseph Eutych Kopp, Geschichte der eidgenössischen Bünde, ist insofern irreführend, als dass es schon beinahe mikrogeschichtlich verschiedene historische Sequenzen des Luzerner Gotteshauses St. Leodegar im Hof beinhaltet.39 Ebenfalls als ein Einzelinstitut in einem sehr weitgefassten Rahmen erscheint St. Leodegar in Philipp Anton von Segessers Luzerner Rechtsgeschichte, die trotz ihrer mittlerweile schon rund 150 Jahre zurück liegenden Abfassungszeit noch immer unverzichtbares Wissen über die klösterlichen/ 35 36
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G. Schreiber, Gemeinschaften des Mittelalters. Recht und Verfassung. Kult und Frömmigkeit, Münster 1948, zitiert nach Felten, Ordensgeschichte, S. 9. Z.B. Röhrkasten, Regionalism, S. 243: «These were processes of adaptation and transformation where regulated and institutionalised religious life emerged as the result of local or regional social evolution, shaped its environment and eventually came under its influence.» Vaterland vom 18. August 1982. Fleischlin, Studien und Beiträge, Fleischlin, Stifts- und Pfarrkirche zu St. Leodegarius und Mauritius, Fleischlin/Herzog, Die Hofkirche zu Luzern. Kopp, Geschichte.