Skip to main content

Feuer und Wasser

Page 1

Eranos_UG_11_12_Layout 1 12.06.13 13:06 Seite 1

Inhalt

David G. Senn, Leben im Fluss des Wassers Gunhild Pörksen, Paracelsus – Die Alchemie der Welt und die Früchte des Feuers Regine Schweizer-Vüllers, Feuer, Licht und Klang – Elemente des Ergriffenseins bei Mechthild von Magdeburg und in der provenzalischen Scala divini Amoris M. Laura Gemelli Marciano, Feuer bei Heraklit und Empedokles – Aspekte und Funktionen einer göttlichen Kraft Doris Prechel, Das Wasser der Reinheit in hethitischen Ritualen Marietje Kardaun, Der Kampf Jakobs am Wasser des Jabbok Götz König, Zur Entwicklung des zoroastrischen Feuerkultes

I S B N 978-3-7965-3207-8

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

9

783796 532078

Feuer und Wasser

Eranos blickt auf eine lange Tradition zurück. Seit ihrer Gründung 1933 steht die Tagung im Zeichen der Begegnung der Kulturen, aber auch des Dialogs zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, wobei der Psychologie und der Religionswissenschaft eine wichtige Mittlerrolle zukommt. Die vorliegenden Beiträge setzen diesen Dialog fort. Die Autoren entstammen den verschiedensten Fachgebieten, doch entsteht gerade aus dem Zusammenklang ihrer unterschiedlichen Perspektiven etwas Neues und Einheitliches, etwas, das geeignet ist, inmitten unserer zerrütteten und bedrohten Welt Ordnung und Sinn zu schaffen.

Eranos 2011 und 2012

Eranos 2011 und 2012

Feuer und Wasser

Herausgegeben von Erik Hornung und Andreas Schweizer


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 1


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 2


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 3

ERANOS 2011 und 2012

Schwabe Verlag Basel


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 4

Die Abbildung stammt aus dem altägyptischen Papyrus von Heruben um 1000 v. Chr. (Ägyptisches Museum Kairo) und stellt das wiedergeborene Licht im Bilde des Sonnenkindes dar. Dieses hat sich im chaotischen Nichtsein regeneriert, das durch die sich in den Schwanz beissende Schlange (Uroboros) symbolisiert wird. Das Ganze wird von zwei nicht näher bestimmten göttlichen Armen umfangen. Sie verkörpern die regenerierenden Kräfte, welche die Sonne bewegen. Die vorliegende Ausgabe von Eranos-Beiträgen soll unter diesem Zeichen stehen. Der das Sonnenkind umschlingende Uroboros, der «Schwanzbeisser», vermittelt uns eine Ahnung davon, dass die Wandlung des Bewusstseins und des kollektiven Zeitgeistes immer dann möglich wird, wenn sich die Gegensätze (Kopf und Schwanz) miteinander verbinden. Das ist der ungeheure, schöpferische Moment, wo das Alte dem Neuen weicht, wo das Sonnenkind der chaotischen Tiefe entsteigt, beschützt von einer geheimnisvollen Macht, die diesen Regenerationsprozess begleitet.

Satz und Layout: A. Brodbeck, Forch © 2013 bei den einzelnen Autorinnen und Autoren und bei der Schwabe AG, Verlag, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3207-8 www.schwabeverlag.ch www.eranos-ascona.ch


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 5

Inhaltsverzeichnis Regine Schweizer-Vüllers Vorwort

7

David G. Senn Leben im Fluss des Wassers

15

Gunhild Pörksen Paracelsus: Die Alchemie der Welt und die Früchte des Feuers

55

Regine Schweizer-Vüllers Feuer, Licht und Klang: Elemente des Ergriffenseins bei Mechthild von Magdeburg und in der provenzalischen Scala divini Amoris

95

M. Laura Gemelli Marciano Feuer bei Heraklit und Empedokles: Aspekte und Funktionen einer göttlichen Kraft

133

Doris Prechel Das Wasser der Reinheit in hethitischen Ritualen

159

Marietje Kardaun Der Kampf Jakobs am Wasser des Jabbok

179

Götz König Zur Entwicklung des zoroastrischen Feuerkultes

199

Autorinnen und Autoren

257


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 6


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 7

Vorwort Erstes Leben auf dem Planet Erde entstand in den Tiefen der Ozeane, im Umfeld von thermischen Quellen. Hier entwickelten und vermehrten sich vor ungefähr 3,8 Milliarden Jahren kleinste Spuren von Leben. Etwas später, vor 3,5 Milliarden Jahren, begannen bestimmte Bakterien damit, Photosynthese zu betreiben, und zwar zunächst in küstennahen Gebieten, dort wo das Sonnenlicht bis auf den Grund dringen konnte. So entstand zum ersten Mal, wenn auch in kleinen Mengen, Sauerstoff. Damals war die Erde noch von keiner schützenden Hülle, der Atmosphäre umgeben. Und ihre Oberfläche bestand nur aus nackten Felsen, Ebenen von Schotter und Kies, Geröllhalden oder Sand. «Die Erde war wüst und leer» (Gen. 1,2). Doch in den Ozeanen, an Stellen, wo die Hitze und das Feuer des Erdinneren austrat, fing, in Form von kleinsten Mikroorganismen, Leben an sich zu entwickeln. Das heisst, das Leben auf der Erde entstand dort, wo Feuer und Wasser zusammenkamen. «Feuer und Wasser» ist der Titel des vorliegenden Bandes. Er enthält die Beiträge der Tagungen von 2011 und 2012 in der Casa Serodine in Ascona. «Leben im Fluss des Wassers» war der Titel der ersten Tagung, «Feuer und Flamme» jener der zweiten. Den Anfang macht der Beitrag des Zoologen und Meeresbiologen David Senn. Er gibt uns einen höchst faszinierenden Einblick in die Entstehung und Entwicklung von Leben auf dem Planeten Erde. Leben begann im Meer, und es fand die längste Zeit auch nur im Meer statt. Erst nachdem sich in den Ozeanen in grossen Mengen Zellen und Zellenverbindungen entwickelt und vermehrt hatten, erst nachdem dieses mit den Meeresströmungen dahintreibende Plankton in genügendem Mass vorhanden war und über einen Zeitraum von etwa drei Milliarden Jahren mit Hilfe von Sonnenlicht ausreichend Sauerstoff geschaffen hatte, inner- und ausserhalb der Meere, erst nachdem sich so die schützende Hülle der Atmosphäre langsam gebildet hatte, erst danach war auch Leben auf dem Land möglich. Es begann ganz am Ende, im letzten Zehntel der «Lebensgeschichte» unserer Erde, das heisst vor etwa 350 Millionen Jahren. David Senn macht deutlich, dass das Leben auf dem Planeten Erde abhängig ist vom «intensiven Wechsel- und Zusammenspiel» von Hydrosphäre und Atmosphäre. Nur dank des Meerwassers und seiner Verdunstung durch die Wärme der Sonne gibt es auf der Erde Regen und damit Leben. Das Plankton der Ozeane produziert den notwendigen Sauerstoff für die Atmosphäre.


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 8

8

Vorwort

Andrerseits bewahrt die Hülle der Atmosphäre die Meere vor zu grosser Verdunstung und Austrocknung. Und nur dank der Atmosphäre ist das Leben geschützt vor zu viel Strahlung aus dem Weltraum. Leben auf der Erde erscheint wie ein Wunder. Selbst die Grösse unseres Planeten stimmt in diesem Zusammenhang. Sie ist genau richtig. Wäre die Erde kleiner, würde sich die Atmosphäre in den Weltraum verflüchtigen. Es fehlte dann die nötige Anziehungskraft. Wäre sie grösser, läge die Luft wie ein dicker Panzer auf dem Planeten. Die Erde ist eine Oase im Weltall. Durch das Zusammenwirken von Feuer und Wasser ist in den Tiefen der Ozeane erstes Leben entstanden. Durch pflanzliche und tierische Organismen im Wasser hat sich über Milliarden von Jahren die Atmosphäre entwickelt. Nur dadurch ist unser Planet «lebensfreundlich». Er ist aber auch verletzlich. David Senn spricht von den «verletzlichen» oder auch «zarten» Hüllen der Erde: Hydrosphäre und Atmosphäre. Nur beide zusammen ermöglichen Leben. Sie benötigen aber auch Schutz. Sie lassen sich nicht beliebig verändern. «Es ist gerade die Verletzlichkeit unseres Planeten, der ihn zum Hort des Lebens macht», schreibt der Autor. Sich der feurigen, ja beinahe dämonischen Energie des Paracelsus und dessen Schriften anzunähern ist kein leichtes Unterfangen. Daher finden sich nur wenige, die dies wagen. Gudrun Pörksen gelingt es, mit grosser Sachkenntnis, Einfühlung und Kompetenz dem Leser einen Zugang zu Paracelsus zu vermitteln. Die Autorin macht klar, dass eine Betrachtung über das Feuer bei Paracelsus, diesem grossen Arzt, Naturforscher, Theologen und Alchemisten, nur im Zusammenhang mit seiner gesamten Weltsicht möglich ist. Feuer ist für Paracelsus eines der vier Elemente, welche die Grundformen der Welt ausmachen. Eigentlich sind es lebendige Wesen oder geistige Mächte, welche Gott, der Schöpfer, der zu Beginn der Schöpfung wie ein Alchemist hantierte, aus dem grossen Einen heraus entwickelte, separierte. Paracelsus nennt die Elemente «vier Mütter» oder auch «vier Äcker». Sie «gebären» oder kreieren mit Hilfe von drei dynamischen Prinzipien – Sal, Sulphur und Mercurius – physische Formen und Gestalten. Sie verwandeln sozusagen Geist in materielle Erscheinungen. «Die Welt ist geschaffen durch göttliche Alchemie mit Hilfe der Vier und mit Hilfe der Drei: Vier Mütter, drei schaffende Prinzipien: Geist wird Welt, Luft bildet Raum, Feuer gebiert Zeit, Erde gewinnt Festigkeit, Wasser durchtränkt sie mit Feuchtigkeit», schreibt die Autorin. Nun scheint aber doch für Paracelsus von allen Elementen das Feuer das vielseitigste zu sein oder auch das mächtigste. Es erscheint in Form der Gestirne. Es erschafft die Zeit. Es erzeugt gleichzeitig die Metalle im Erdinneren. In den Feuergeistern, den


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 9

Vorwort

Vulcani, ist es die wirkende Kraft, der schöpferisch schaffende Impuls. Eine ganz wesentliche Wirkung des elementarischen Feuers ist für den Arzt Paracelsus dessen Kraft zu heilen. Er spricht von den «Augen des Feuers», den «Arzneiischen Augen», die ein Arzt haben muss, um aus dem «Licht der Natur» Krankheiten zu erkennen und zu heilen. Ein Arzt muss, so Paracelsus, die Kraft des Feuers kennen, denn: «Ohne Erfahrung des Feuers und der Feuerkunst kann der Arzt nicht heilen.» Der Beitrag von Regine Schweizer-Vüllers führt in die Welt der mittelalterlichen Mystik. Zwei ganz unterschiedliche Texte werden behandelt, zunächst das Werk Mechthilds von Magdeburg «Das fliessende Licht der Gottheit», das in den Jahren 1250 bis ca. 1282 entstanden ist. Es besteht aus inneren Dialogen, Visionen, Gebeten, Gedichten, auch theologischen Reflexionen und gehört zu den bedeutendsten dichterischen Werken der mittelalterlichen Literatur. Mechthild von Magdeburgs Buch ist ein Werk voller Gefühle und voll von Feuer. Es ist bestimmt von einer grossen Emotion, von Mechthilds Liebe – sie selbst spricht meist von Minne – zu Gott. Sie ist ergriffen, berührt, überwältigt. Doch auch er, Gott, ist ergriffen und sehnt sich nach ihr. Er ist ein «brennender Gott». Gott selbst ist Feuer. Und die Seele ist «ein lebender Funke im grossen Feuer der erhabenen Majestät». «Die Gottheit ist ein heisser Brand.» Sie ist aber auch Licht, «fliessendes Licht». Und sie ist Klang. Regine Schweizer beschreibt Entwicklungen im Gottesbild der Mechthild von Magdeburg, damit aber auch Entwicklungen, welche die Mystikerin selbst machte, etwa jene überragende Gestalt der Minne, welche als weibliche Macht hinter dem Wirken der männlichen Gottheit zu stehen scheint und Schritt für Schritt deutlicher oder auch sichtbarer wird, oder auch die Erfahrung der «Gottesfremde», in welcher sich grösste Fremde und intimste Nähe berühren und Gott ihr in seiner ganzen Gegensätzlichkeit begegnet. Der zweite, viel kürzere Text stammt aus der Provence. Er ist etwa um 1300 entstanden. Sein anonymer Verfasser war wohl ein Troubadour. Dieser Mann muss, so ist dem Text zu entnehmen, eine überwältigende Gefühlserfahrung gemacht haben, eine Liebeserfahrung, die er schreibend versucht zu verstehen und mit seinem religiösen Weltbild zu verbinden. Er tut dies in fast alchemistischer Weise, indem er eine Art Entwicklung beschreibt, einen Prozess, in welchem die vier Elemente, Erde, Luft, Wasser, Feuer sowie die fünf menschlichen Sinne die einzelnen Stationen ausmachen. Ziel des Verfassers ist es, seiner Seele, möglicherweise aber auch der geliebten Frau zu zeigen, wie Gottes Liebe in den konkreten sinnlichen Erfahrungen zu finden ist.

9


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 10

10

Vorwort

Im Artikel von Laura Gemelli Marciano wird eine ganz neue Sicht auf die beiden grossen Vorsokratiker Heraklit und Empedokles erfahrbar. Das Bestreben der Autorin ist es, die durch Platon, Aristoteles und die Stoiker geprägte Deutung ihrer Schriften, in welcher vor allem der logisch-denkerische Ansatz überwiegt, zu erweitern. Beide, Heraklit und Empedokles, waren tief religiöse Menschen. Sie waren Seher, Propheten, Heiler, Priester und nicht spekulative Denker. Heraklit etwa, der im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus in Ephesos lebte, gehörte zur Familie der Priesterkönige der Stadt, die für den Kult im Tempel zuständig waren. Ephesus stand damals unter persischer Herrschaft, und man kann davon ausgehen, dass Heraklit mit den Kulten und Praktiken der Perser vertraut war. Wenn er vom «ewig lebendigen Feuer» spricht, das sich entzündet, scheinbar erlöscht, ohne jedoch zu sterben, so ist, um diese Vorstellung zu verstehen, zunächst an den Feuerkult der Perser zu denken, dann aber auch an die ganz konkrete religiös-numinose Erfahrung der Sonne, die am Morgen aufgeht, sich entzündet, untergeht, scheinbar stirbt und doch wieder erscheint. Laura Gemelli zeigt mit äusserst differenzierten Textanalysen, dass das Feuer bei Heraklit ein «göttliches Wesen» ist, das in sich selbst «eine selbsterneuernde Kraft besitzt». Ein weiterer Aspekt des Feuers bei Heraklit ist der des Richters. Das Feuer richtet. Diese Vorstellung ist in Griechenland unbekannt. Und auch hier erlaubt nur der Blick auf die benachbarten Religionen eine sorgfältige und stimmige Deutung. Auch für den Sizilianer Empedokles waren die Elemente Götter, mächtige göttliche Wesen. Laura Gemelli spricht von «Götter-Elementen». Diese sind nicht statisch, nicht ewig gleich, sondern Zyklen von Werden und Vergehen unterworfen. Zwei Kräfte bewirken diese Prozesse, Philia (Liebe) und Neikos (Hass). Während Philia die «Götter-Elemente» zu einer Mischung verbindet, in der sie ihre Göttlichkeit und Einzigartigkeit verlieren, um zu einer ununterscheidbaren Einheit zu werden, trennt Neikos, befreit sie aus ihrer Mischung und macht sie wieder zu einzelnen göttlichen Wesen. Das Feuer stellt in diesem Zyklus eine kreative, befreiende Energie dar, welche von unten her, aus der Unterwelt heraus, wirkt. Laura Gemelli betont, dass bei Empedokles die Götter-Elemente als mythische Wesen nicht einfach für bestimmte Naturerscheinung stehen, sondern dass – umgekehrt – die Naturerscheinungen Phänomene sind, welche «eine tiefere religiöse Bedeutung verbergen». Anders gesagt, Religion und Naturwissenschaft, Mythos und Erkennen gehören bei Empedokles zusammen.


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 11

Vorwort

Mit der Forschungsarbeit von Doris Prechel über die Bedeutung des Wassers in hethitischen Ritualen kommen wir ins anatolische Hochland und zeitlich ins 14./13. Jahrhundert vor Christus. Die Kulturen der Hethiter und Mesopotamiens gehörten eng zusammen, und doch waren sie bestimmt durch ganz unterschiedliche klimatische Bedingungen. Herrschten im Zweistromland einerseits Regenarmut, andrerseits regelmässige Überschwemmungen durch die grossen Flüsse, so führten in den westlichen Gebirgs- und Küstengebieten die Flüsse ganzjährig Wasser. Es gab keinen Mangel. Doris Prechel beginnt mit der mesopotamischen Überlieferung, das heisst mit dem babylonischen Schöpfungsmythos «Enuma Elish». Am Anfang, vor aller Schöpfung, gab es nur Wasser, zwei Arten von Wasser, das Frischwasser, Apsû, sowie Tiamat, das Salzwasser. Das Wasser steht also am Anfang der ganzen Schöpfung. Später wurde Ea-Enki zum Gott des lebensspendenden Wassers. Wasser diente der Fruchtbarkeit des Landes, aber auch der kulturellen Reinigung. Und ebendiesen beiden Funktionen begegnet man auch in den hethitischen Reinigungsritualen. Bei den Hethitern im anatolischen Hochland herrschten der regenspendende Wettergott und die Erdgöttin, die in Brunnen, Flüssen und Quellen verehrt wurde, über das Wasser. Beide waren ein Paar. Dieses Götterpaar wurde vermutlich im erst vor kurzem in seiner ganzen Grösse entdeckten Quellheiligtum von Eflatunpinar verehrt. Das Quellheiligtum aus dem 13. Jahrhundert vor Christus besteht aus einer sechs Meter hohen, mit Figuren bedeckten Reliefwand. Wasserspeiende Berggötter sind zu sehen, ebenfalls ein Götterpaar, flankiert von kleineren Gestalten unter zwei geflügelten Sonnen. Auffallend, da mehrmals in Stein gehauen, ist eine grosse weibliche Figur mit Strahlenkranz. Die Bedeutung dieser Gestalten ist nicht sicher. Doch gelingt es Doris Prechel, indem sie die Rolle des Wassers in den Textzeugnissen verschiedener hethitischen Rituale einbezieht und ebenso auf die Ausgrabungen der Tempel in Hattuscha verweist, dem Rätsel des Quellheiligtums von Eflatunpinar näherzukommen. Dieses grossartige religiöse Monument war wohl ein Abbild des gesamten Kosmos und eng mit den hethitischen Königen verbunden. Die grossen weiblichen Gestalten im Osten wie im Westen würden die Sonnengöttin darstellen, die zwei mal sieben künstlich hergestellten Wasseröffnungen gehören ebenfalls zu einer weiblichen Gottheit. Jakobs Kampf mit dem unbekannten Fremden am Fluss Jabbok ist eine der schönsten Erzählungen der hebräischen Bibel. Auf der Flucht vor seinem Zwillingsbruder Esau hatte er jahrelang ausserhalb des Landes gelebt, sich Wohlstand, Herden, Besitz und eine grosse Familie geschaffen. Da verlangt

11


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 12

12

Vorwort

Gott von ihm, zurück nach Kanaan zu gehen. Jakob gehorcht. Doch an der Grenze zu Kanaan, unmittelbar vor der entscheidenden Begegnung mit seinem Bruder, überfällt ihn in der Nacht ein Fremder. Beide kämpfen bis zum Morgengrauen. Jakob geht gezeichnet aus diesem Kampf hervor, doch er scheint zu ahnen, dass der Fremde, mit dem er kämpfte, Gott selbst war. Marietje Kardaun deutet diese Begegnung im psychologischen Sinn. Wer ist die fremde Gestalt, mit der Jakob kämpfen musste? Wenn es tatsächlich Gott war, so kann man sich fragen, warum dieselbe göttliche Gestalt, die Jakob zuerst den Befehl gibt, zurück nach Kanaan zu ziehen, ihn nun gerade an der Grenze zu diesem Land auf Leben und Tod bekämpft. Im Grunde genommen ringt Jakob mit seinem eigenen dunklen Schatten. Er kämpft aber auch mit der dunklen Seite Gottes, «seiner erschreckenden Nachtseite», wie die Autorin sagt. Er setzt sich so lange mit ihr auseinander, bis diese dunkle Seite ihn segnet und ihm einen neuen Namen gibt, Jakob-Israel. Isra-el bedeutet «gekämpft mit Gott». Wesentlich scheint dabei, dass Jakob nicht unterliegt. Es heisst: «Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast (es) gekonnt.» Allerdings, wer mit dem Schatten und der dunklen Seite Gottes ringt, geht gezeichnet daraus hervor. Jakob «hinkte an der Hüfte». Es ist der Kampf am Wasser des Jabbok, welcher Jakob zum dritten und letzten Erzvater der Israeliten werden lässt. Die Entwicklung, die er machte, wäre, so der Gedanke von Marietje Kardaun, von nun an die Aufgabe einzelner Menschen. Mit dem letzten Beitrag kommen wir in ein eher unbekanntes Gebiet. Der Zoroastrismus ist im Vergleich zu anderen Religionen des vorderasiatischen und indoiranischen Gebietes wenig bekannt, um nicht zu sagen: vernachlässigt. Umso verdienstlicher ist es, dass Götz König aus Berlin mit seinen Untersuchungen zur Entwicklung des zoroastrischen Feuerkultes eine äusserst sorgfältig konzipierte und überzeugende wissenschaftliche Studie vorlegt, die allerdings nicht leicht zu lesen ist. Die detaillierten Analysen kommen zu bemerkenswerten Resultaten, die hier vorweggenommen seien. Die zoroastrischen Feuerrituale haben eine magisch-religiöse Funktion. Als sympathetischer Zauber sichern sie einmal den Aufgang der Sonne beziehungsweise das Wiedererscheinen des Sonnengottes Mithras. Zum andern begibt sich der die Feuerrituale vollziehende Priester auf eine Seelenreise, einen Seelenflug, bei dem er die verstorbenen Seelen, die durch das Feueropfer ins Lichtreich geführt werden sollen, auf ihrem Flug ins Jenseits begleitet. Schliesslich dienen die Feuerrituale der Wiederherstellung der kosmischen Ordnung dadurch, dass sie der Abwehr von feindlichen Dämonen dienen. Götz König beschreibt die drei wichtigsten


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 13

Vorwort

Arten von heiligen Feuern (Feuerklassen), die zum Teil bis heute noch Gültigkeit haben, sowie die verschiedenen Typen der Feuertempel und deren unterschiedliche Funktionen. Seine doch eher an den Fachmann gerichtete Textanalysen schliesslich zeigen, dass die Feueropfer ursprünglich im privaten Raum, das heisst verbunden mit dem Herdfeuer stattgefunden haben. Das heimische Herdfeuer diente zudem der täglichen Feuerverehrung. Mit dem Feuerritual verband sich die Hoffnung des Einzelnen auf ein glückliches Leben im Jenseits sowie das Bestreben, dass das heilige Feuer zum Heil der ganzen Welt brennen möge. Die Verlagerung der Feuerkulte in die Tempel hat wohl erst in späterer Zeit stattgefunden. Auch wenn der Autor seine Darstellung mit manchmal fast erdrückender Wissenschaftlichkeit ausführt, erfährt der aufmerksame Leser hier neue und ausgesprochen interessante Aspekte zur Symbolik des Feuers. Abschliessend möchte ich noch all jenen danken, die auf die eine oder andere Weise dazu beigetragen haben, dass die beiden Tagungen zustande gekommen sind, allen voran der Gemeinde Ascona, die uns wiederum den Raum in der Casa Serodine zur Verfügung gestellt und uns auch finanziell unterstützt hat. Unser Dank geht auch an Gisela Binda und Fabio Merlini von der Fondazione Eranos für den herzlichen Empfang in Moscia. Wie schon in früheren Jahren konnten wir uns wieder ganz auf Yvonne und Fritz Hugelmann verlassen, wann immer ihr Einsatz nötig war. Schliesslich danken wir unseren grosszügigen Sponsoren, ohne welche diese Publikation nicht hätte erscheinen können, Elisabeth Staehelin, der Stiftung für Jung’sche Psychologie sowie der Stiftung C.G. Jung, Küsnacht. Andreas Brodbeck hat das Layout der vorliegenden Ausgabe gemacht. Zollikon, im März 2013

Für die Herausgeber Regine Schweizer-Vüllers

13


0 Vorwort_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 14


1 Senn_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 15

Leben im Fluss des Wassers David G. Senn

Allgemeines Eine Auseinandersetzung mit dem Thema «Wasser» gleicht der Navigation eines antiken Segelschiffes zwischen Skylla und Charybdis. Die Skylla ist die Gefahr, sich mit Trivialitäten zu befassen, denn Wasser ist alltäglich und überall präsent. Die Charybdis ist die Versuchung, sich in der Grosszahl von faszinierenden Aspekten des Wassers zu verzetteln. In einer Wüste ist das Leben angesichts der Trockenheit spärlich oder gar nicht vorhanden. Sobald irgendwo Wasser vorkommt, wird alles grün. Nicht nur Pflanzen gehören zur Lebensgemeinschaft, sondern auch manche Tiere wie Insekten und Vögel. Die Oase führt uns lebendig vor Augen, dass die Anwesenheit von Wasser das Leben möglich macht. Die Abhängigkeit des Lebens vom Wasser ist offensichtlich. Das Wasser hält die Lebensprozesse in Gang. Fehlt das essentielle Nass, läuft gar nichts mehr. Pflanzen werden schlaff, weil der Turgor (Innendruck) schwach wird. Tiere werden entkräftet. Wasser ist aber nicht nur für den momentanen Zustand eines Organismus wichtig; das ganze Leben wird von einer Vielzahl von Aufgaben dieser wesentlichsten Flüssigkeit bestimmt.

Wasser als Grundstoff Am Aufbau des Wassermoleküls sind zwei verschiedene Atome beteiligt. Zwei Atome Wasserstoff (H) und ein Atom Sauerstoff (O) machen das H2O aus. Dieses scheinbar einfache Molekül ermöglicht zahlreiche lebenswichtige Prozesse in den Organismen. An vorderster Stelle die Photosynthese. Eigentlich ist die Photosynthese der wichtigste biochemische Prozess auf der Erde, weil sie das gesamte globale Ökosystem antreibt. Den Wasserstoff im H2O braucht es, um organische Moleküle aufzubauen. Es ist ein scheinbar einfacher Vorgang; Kohlendioxid (CO2) und Wasser ergeben zusammen Kohlehydrat und Sauerstoff. Allerdings ist die Durchführung dieses Vorgangs ein Meisterstück der


1 Senn_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 16

16

David G. Senn

Chemie, denn Kohlendioxid und Wasser reagieren nicht spontan miteinander, weil sie auch zusammen stabile Moleküle sind. Damit eine Reaktion abläuft, muss Energie zugefügt werden. Diese Energie kommt vom Sonnenlicht und wird durch ein bemerkenswertes und hochkomplexes Molekül eingefangen: durch das Chlorophyll (McCarthy & Rubidge 2005). Und hier spielt auch das Wasser eine zentrale Rolle: Photosynthese: Lichtenergie 6 H2O + 6 CO2 Wasser + Kohlendioxid

C6H12O6 + 6 O2 Traubenzucker + Sauerstoff

Damit gelangen wir in den Bereich der organischen Chemie. Die Kombination der Elemente C (Kohlenstoff ) und H (Wasserstoff ) macht es deutlich. Wasser und Kohlendioxid sind anorganische Verbindungen. Durch die Photosynthese entsteht Zucker, eine organische Verbindung (mit C und H), ein Kohlehydrat. Als «Nebenprodukt» wird Sauerstoff frei, was dann für atmendes tierisches Leben essentiell ist. Zu den Kohlenwasserstoffen gehören auch Fette und Öle. Auch diese organischen Verbindungen werden in den lebenden Zellen hergestellt. Mit der dritten Kategorie organischer Substanzen, die in den Zellen hergestellt werden, den Proteinen (Eiweissen), ist es etwas komplizierter. Neben dem H und dem C ist vor allem auch das N (Stickstoff ) beteiligt. Da es früh in der Geschichte der Lebewesen im Wasser und in der Atmosphäre kaum freien Sauerstoff gab, mussten Organismen ihre Energie durch Gärung1 gewinnen. Als es später freies O2 im Wasser gab, eröffnete sich eine neue Weise der Energiegewinnung: die Atmung2. Die Atmung ist ungefähr 15 Mal effizienter als die Gärung. Damit kommen eigentlich zwei Aspekte des Wassers zum Ausdruck. Zum einen sind Lebensprozesse an das wässerige Milieu gebunden. Zum anderen 1

Gärung: Unter Berücksichtigung der Energiewerte lässt sich die Formel vereinfacht so darstellen: Glukose Gärung Milchsäure gewonnene Energie

C6H12O6 2

2 C3H6O3

ca. 50 kcal

Atmung: Glukose + Sauerstoff Atmung Kohlendioxid + Wasser C6H12O6 + 6 O2 ➙ 6 CO2 + 6 H2O

gewonnene Energie ca. 700 kcal


1 Senn_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 17

Leben im Fluss

ist das Wassermolekül ein Grundstoff, der für die Entwicklung und den Aufbau des Körpers essentiell ist. Wasserstoff kommt in fast allen organischen Verbindungen vor; zunächst in den Kohlehydraten (Zucker, Stärke), dann in Ölen und Fetten und unter Hinzufügung von Stickstoff in den Proteinen (Eiweissen).

Der Ozean prägt die Erdoberfläche Im Leben mariner Tiere ist die geographische Weite des Lebensraumes sehr wesentlich. Die Entwicklungsvorgänge der Organismen spielen sich praktisch nie lokal und auf eine enge Örtlichkeit beschränkt ab. Vielmehr ist die Lebensgeschichte von Meeresorganismen in grossräumige Zusammenhänge eingebunden. Dies hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass das Meer, anders als ein See, nicht ein «stehendes Gewässer», sondern ein strömend-fliessendes System ist. Fast überall strömt das Meer (Abb. 1). Nicht nur das oberflächennahe Wasser strömt; auch in tieferen Schichten ist das Wasser in Bewegung. Dreidimensional ist der Wasserkörper recht kompliziert aufgebaut. An der Oberfläche kann eine Strömungsrichtung völlig dominieren; in der Tiefe bewegt sich das Wasser in andere Richtungen.

Abb. 1: Die wichtigsten Oberflächenströmungen der Weltmeere. Besonders zu beachten ist die windangetriebene Westwinddrift um die Antarktis.

17


1 Senn_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 18

18

David G. Senn

Durch die Strömungen werden enorme Wassermassen weiträumig verfrachtet. Dies wirkt sich auf den Lebensraum «Meer» ausgleichend aus. Warmes Wasser gelangt in kühlere Klimazonen. So heizt der Golfstrom, der aus dem karibischen Bereich kommt, die europäische Nordsee so weit auf, dass das Klima Nordeuropas wesentlich milder ist, als es den Breitengraden entsprechen würde. Aus kalten Gebieten ziehen auch Strömungen in subtropische und tropische Zonen und halten diese verhältnismässig kühl. Als Beispiele lassen sich der Benguelastrom und der Humboldtstrom, die beide dem antarktischen Raum entspringen und äusserst fischreich sind, aufführen. Der Benguelastrom bewegt sich westlich von Afrika entlang der Küste Südafrikas, Namibias und Angolas nach Norden. Der Humboldtstrom fliesst entlang der Küste Chiles, Perus und Ecuadors bis zum Äquator und sorgt bei den Galapagos-Inseln für ein erstaunlich kühles Meer. Damit erweist sich das Klima innerhalb des Meeres als viel ausgeglichener als jenes am Land und an der Luft. Entlang tropischer Küsten steigt die Wassertemperatur selten gegen 30 °C. Um die Galapagos-Inseln ist das Wasser dank des Humboldtstroms sogar um 20 °C warm. Andererseits ist das Wasser entlang der Küste der Antarktis um null Grad «warm», während die darüberliegende Luft im Sommer um -5 °C und im Winter sogar bis mehr als -60 °C erreicht. Unter solchen Umständen gefriert dann die Oberfläche zu Packeis, unter welchem aber Wasser im konstanten Nullgradbereich strömt. Die Strömungen wirken sich nicht nur auf die Temperaturverhältnisse und die (chemische) Zusammensetzung des Wassers ausgleichend aus. Für die Biologie ist von Belang, dass auch Organismen verfrachtet werden. Das passiv dahintreibende Plankton und eine Vielzahl anderer Organismen stehen unter dem Einfluss der Strömungen. Zahlreiche Meerestiere sind im Fortpflanzungsgeschehen auf die Meeresströmungen bezogen. Die meisten Fische, Stachelhäuter, Mollusken, Würmer, Nesseltiere und Schwämme pflanzen sich so fort, dass sie ihre Geschlechtszellen ins freie Meerwasser abgeben. Dort findet die Befruchtung statt; danach treibt der junge, sich entwickelnde Embryo dahin, um später als Larve zu schlüpfen. Nach einer geographisch weiträumigen Verfrachtung vollzieht die Larve eine Metamorphose, um sich, sich zur arttypischen Gestalt wandelnd, im vorgesehenen Lebensraum niederzulassen. Ein Seeigel wird auf seinem felsigen Hartgrund weiterleben und wachsen, eine Seezunge auf dem Sedimentgrund des Schelfs. Dank der konstant fliessenden Strömungen werden verschiedene Regionen der Meere von «auswärts» mit jungen Tieren besiedelt. Dieser geographische Austausch im Rahmen der Fortpflanzung sorgt für eine gleichmässigere Besiedlung der einzelnen Gebiete mit Organismen.


1 Senn_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 19

Leben im Fluss

Am Beispiel des Europäischen Flussaals (Anguilla anguilla) sollen die Weiten des Ozeans verdeutlicht werden: Dieser Fisch ist ein katadromer3 Wanderer. Nachdem die Aale etwa 5–7 Jahre in unseren Flüssen und Seen gelebt haben, überkommt sie ein Wandertrieb. Sie ziehen flussabwärts und via Rhein in die Nordsee. Von dort gelangen sie durch die Biskaya und dann westwärts in die Sargassosee. Nach dem Laichakt sterben sie. Die befruchteten Eier schweben dahin; später schlüpfen kleine Larven, die sich, selbst ein Teil des Planktons, von kleineren Planktonorganismen ernähren. Sie wachsen mit der Zeit als «Weidenblattlarven» (Leptocephalus) heran. Die Larve trägt einen winzigen Kopf; der Körper mit seinen Muskelsegmenten ist im Sinne einer bilateralen Abplattung enorm flach gestaltet. Die ganze Entwicklung beansprucht sehr viel Zeit; die Wassermassen des Golfstroms brauchen für die Verfrachtung vom Sargassomeer bis in die europäische Nordsee etwa 3½ Jahre. So lange schweben die heranwachsenden Aallarven. Dann wandeln sie sich in «Rundaale» um, d.h., sie nehmen die Aalgestalt an und suchen mit der Zeit Flussmündungen auf. Von hier steigen sie in kontinentale Flussabschnitte und Seen auf. Dieses Beispiel zeigt, wie ausgedehnt die Weiten der Ozeane im Hinblick auf die Biologie von Organismen sein können. Die Antriebskraft für die Meeresströmungen liefert die Sonne. Die Komponenten des Antriebs wollen wir hier kurz diskutieren: Vor allem im äquatorialen, tropischen Gürtel ist ihre Einstrahlung sehr stark. Das Oberflächenwasser erwärmt sich und steigt. Es breitet sich nach Norden und Süden aus (Abb. 2).

Abb. 2: Konvektionsbewegungen durch einstrahlenden Sonnenenergie. Im äquatorialen Bereich (Schnitt) wird das oberflächennahe Wasser aufgeheizt; da es dadurch leichter wird, fliesst es nach Norden und Süden ab. Aus der Tiefe strömt kühleres Wasser nach. Ähnliche Konvektionen entstehen auch in der darüberliegenden Atmosphäre. 3

Katadrom ist ein Wanderfisch, der seine Adultphase in Süssgewässern durchlebt. Zur Fortpflanzung wandern die Tiere ins Meer.

19


1 Senn_Layout 1 12.06.13 10:32 Seite 20

20

David G. Senn

Dadurch kommt ein erster Strömungsschritt zustande: Oberflächenwasser fliesst nach Norden und Süden weg; Tiefenwasser strömt zum Äquator nach. Am Beispiel des Nordatlantiks heisst das, dass Wasser, das vom Äquator nordwärts fliesst, bald auch nach Nordosten abgelenkt wird (die Erdoberfläche rotiert in östlicher Richtung). Ist die obengenannte Konvektion einmal in Gang gekommen, wird eine zweite Kraft wirksam, die mit der Erdrotation zu tun hat: die Coriolis-Kraft4. Strömt nämlich, wie oben beschrieben, Wasser vom Äquator aus nach Norden (oder Süden), wird es dank des abnehmenden Abstandes von der Erdachse in die Drehrichtung abgelenkt (Abb. 3). Anders gesagt, bleibt die Weggeschwindigkeit der Masse konstant, was unter Abnahme des Abstands von der Erdachse die Winkelgeschwindigkeit erhöht5.

Abb. 3: Strömung durch die Coriolis-Kraft (Erklärung im Text).

Umgekehrt wird Wasser, das vom Polargebiet in Richtung Äquator fliesst, auch westwärts (das heisst gegen die Drehrichtung) abgelenkt, weil der Abstand von der Erdachse zunimmt. Dadurch kommt nun ein charakteristisches Grundmuster der grossen Strömungen (Abb. 1) zustande. In den nördlichen Ozeanen bewegen sich Strömungssysteme im Uhrzeigersinn; nordnordostwärts läuft der Golfstrom und südsüdwestwärts der Kanarenstrom. In den Meeren südlich 4 5

Die Coriolis-Kraft ist nach dem französischen Physiker G.G. Coriolis (um 1800) benannt. Das Phänomen ist vergleichbar mit der Eistänzerin auf den Schlittschuhen, die mit ausgestreckten Armen langsam um ihre Achse rotiert. Zieht sie die Arme nahe an ihren Körper ein, beschleunigt sich ihre Drehung um die Achse. Grund: Die Weggeschwindigkeit der Fäuste (die die Masse darstellen) bliebt konstant, aber die Winkelgeschwindigkeit (Drehgeschwindigkeit) nimmt wegen des reduzierten Radius zu.


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Feuer und Wasser by Schwabe Verlag - Issuu