Geld
Geld ist ein Phänomen entwickelter Kultur. Als Zeichen, als Ă„quivalent und Repräsentant des Wertes einer Ware ist es ein Mittel, das der Befriedigung sich verfeinernder menschlicher BedĂźrfnisse dient. Degeneriert dieses Mittel jedoch zum Selbstzweck, entfaltet es eine geradezu kulturzerstĂśrende Eigendynamik: Gier und Korruption. An sich moralisch indifferent, kann Geld Segen bewirken oder Fluch bedeuten. Als Zeichen oder Repräsentant ist es kein ‘Ding’, sondern es ist potentia – im doppelten Sinne, nämlich Inbegriff von MĂśglichkeiten, die sich im Kauf aktualisieren lassen, und Potenz im Sinne von Macht, die derjenige besitzt, der Ăźber (viel) Geld verfĂźgt.
Geld
Josette Baer, Prof. Dr. phil., geb. 1966, studierte in Zßrich Slawistik, Politische Wissenschaften und Geschichte Osteuropas. Sie ist Titularprofessorin fßr Politische Theorie mit Schwerpunkt Osteuropa an der Universität Zßrich und Autorin zahlreicher Arbeiten zur Politik und zum politischen Denken Osteuropas.
Baer . Rother
Philosophische, literaturwissenschaftliche und ĂśkonoÂmische Perspektiven
interdisziplinär
Wolfgang Rother, Prof. Dr. phil., geb. 1955, studierte Philosophie, Theologie und Germanistik in Marburg, Tßbingen und Zßrich. Er ist Titularprofessor fßr Philosophie an der Universität Zßrich, Autor verschiedener Bßcher zur Ideengeschichte und Mitherausgeber des Grundrisses der Geschichte der Philosophie sowie mehrerer wissenschaftlicher Buchreihen.
Josette Baer, Wolfgang Rother (Hrsg.)
interdisziplinär , 6 % 1
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
SCHWABE INTERDISZIPLINÄR 2
HERAUSGEGEBEN VON WOLFGANG ROTHER
SCHWABE VERLAG BASEL
JOSETTE BAER UND WOLFGANG ROTHER (HRSG.)
geld PHILOSOPHISCHE, LITERATURWISSENSCHAFTLICHE UND ÖKONOMISCHE PERSPEKTIVEN
SCHWABE VERLAG BASEL
Publiziert mit Unterstützung der Hochschulstiftung der Universität Zürich, des Zürcher Universitätsvereins und des Vereins der Privatdozierenden der Universität Zürich
© 2013 Schwabe AG, Verlag, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2913-9 www.schwabeverlag.ch
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Ursula Pia Jauch Von Geld und Kathedralen Philosophische Gedanken über ein Lebensmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Peter Seele Geld als anthropogene Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Ulrike Zeuch Geld und Macht in Faust II. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Simone Müller Das Geld in der japanischen Literatur. Aspekte von Haben und Sein. . . 61 Patricia M. Schiess Rütimann Politikfinanzierung in der Schweiz. Der Gesetzgeber ist gefordert . . . 91 Josette Baer Karel Havlíček: Warum bin ich ein Bürger? Steuerlast und Korruption im Böhmen des 19. Jahrhunderts . . . . . . . 117 Wolfgang Rother Die Wirtschaftslehre Johann Adam Völlingers. Zur Aktualität eines vergessenen Ökonomen der deutschen Spätaufklärung . . . . . . . 141 Ulrike Stefani und Benjamin Heß Abschlussprüfung nach der Finanzkrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Rolf Oppliger Geld im digitalen Zeitalter. Eine Standortbestimmung . . . . . . . . . . . . 187
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Inhalt
Matthias Schwenkglenks Geld und Medizin Ă–konomische Spannungsfelder im Gesundheitswesen. . . . . . . . . . . . . 209 Eli Alon GesundheitsĂśkonomische Aspekte der Behandlung chronischer Schmerzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Vorwort Geld ist ein Phänomen entwickelter Kultur. Als Zeichen, als Äquivalent und Repräsentant des Wertes einer Ware ist es ein Mittel, das der Befrie digung sich verfeinernder menschlicher Bedürfnisse dient. Degeneriert dieses Mittel jedoch zum Selbstzweck, entfaltet es eine geradezu kultur zerstörende Eigendynamik: Gier und Korruption. An sich moralisch in different, kann Geld Segen bewirken oder Fluch bedeuten. Als Zeichen oder Repräsentant ist es kein ‘Ding’, sondern es ist potentia – im dop pelten Sinne, nämlich Inbegriff von Möglichkeiten, die sich im Kauf aktua lisieren lassen, und Potenz im Sinne von Macht, die derjenige besitzt, der über (viel) Geld verfügt. Die vorliegenden Aufsätze nähern sich dem Phänomen aus unter schiedlichen Richtungen. Den Auftakt bilden die kritischen Reflexionen von Ursula Pia Jauch, die, inspiriert von Georg Simmels Philosophie des Geldes, die moralischen, kulturellen und (wissenschafts)politischen Aspekte einer an die Stelle Gottes getretenen Entität untersucht. Peter Seele inter pretiert das Geld – ebenfalls im Ausgang von Simmel – als eine anthro pogene Religion, die an die Stelle tradierter transzendentaler Glaubens formen tritt. Zwei Aufsätze behandeln den Gelddiskurs in der Literatur. Ulrike Zeuch liest Goethes Faust II auf seine ökonomischen Aspekte hin: das Wechselverhältnis von Geld und Macht in der frühkapitalistischen Wachstumswirtschaft mit ihren Konsequenzen, die ihren Grund in der anthropologischen Prämisse der Gier als conditio humana haben. Simone Müller bietet vor dem Hintergrund der von Erich Fromm geltend ge machten Differenz einer Seins- bzw. Habenkultur einen Durchgang durch die japanische Literatur von Anfängen bis zur Post-Fukushima-Zeit. Die erwähnte Korruptionspotenz des Geldes ruft nach geeigneten gesetz lichen Mitteln zu ihrer Beschränkung. Wie diese Mittel aussehen könnten, untersucht Patricia M. Schiess Rütimann am Beispiel der Politikfinanzie rung in der Schweiz. Eine Analyse der Korruptionsbedingungen am his torischen Beispiel Böhmens im 19. Jahrhunderts bietet Josette Baer, die zu dem Ergebnis gelangt, dass despotische Herrschaftsstrukturen, die finanz
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Vorwort
politisch u.a. durch eine hohe Steuerlast gekennzeichnet sind, die Korrup tion begünstigen – im Unterschied zur demokratischen Bürgergesellschaft, wie sie Karel Havlíček konzipierte. Die ökonomischen Arbeiten dieses Bandes werden mit einer Studie über den heute praktisch unbekannten kantianischen Ökonomen Johann Adam Völliger eröffnet, dessen Analy sen, Diagnosen und Konzeptionen, so Wolfgang Rother, nichts an Aktua lität eingebüßt haben – nicht nur wegen der analogen Grundstrukturen frühkapitalistischer und neoliberaler Wirtschaftspraxis, sondern vor allem wegen des systematischen Anspruchs einer geschichtsphilosophischen, anthropologischen und ethischen Fundierung der politischen Ökonomie. Die Untersuchung von Ulrike Stefani und Benjamin Heß über das institu tionelle Umfeld der Wirtschaftsprüfung steht wiederum im Kontext der Korruptionsvermeidung im weiteren Sinne. Rolf Oppliger unternimmt eine Standortbestimmung in der rasanten Entwicklung elektronischer Zahlungs- und Geldsysteme. Den Abschluss des Bandes bilden zwei Bei träge zur Gesundheitsökonomie. Matthias Schwenkglenks untersucht an reizbasierte Steuerungsmodelle zur Begrenzung der Gesundheitskosten, und Eli Alon zeigt Wege zu einem therapeutisch und ökonomisch adäqua ten Umgang mit chronischen Schmerzen auf. Bei den Beiträgen des vorliegenden Bandes handelt es sich um über arbeitete Fassungen der Vorträge, die im Herbstsemester 2012 an der inter disziplinären Ringvorlesung der Privatdozierenden, Titularprofessorinnen und Titularprofessoren der Universität Zürich gehalten wurden. Die Her ausgeberin und der Herausgeber danken den Kolleginnen und Kollegen, die an der Veranstaltung mitgewirkt und ihre Aufsätze fristgerecht ein gereicht haben. Ihr ganz besonderer Dank gilt der Hochschulstiftung der Universität Zürich, dem Zürcher Universitätsverein und dem Verein der Privatdozierenden der Universität Zürich für die Finanzierung der Druck kosten. Zürich, im Mai 2013
Josette Baer und Wolfgang Rother
Von Geld und Kathedralen Philosophische Gedanken über ein Lebensmittel U r s ul a P ia Jau c h
Es gibt eine – nicht nur in der Schweiz – weitverbreitete Redensart, die lautet: «Über Geld spricht man nicht, man hat es.» Überhaupt ist die Sache mit dem Geld eigenartig: Geld hat einen schlechten Ruf – und doch: alle brauchen und wollen es, wenn möglich sogar in exzentrischen Dimensionen. Geld mag ein besonderes Ding sein, und im deutschen Wort Geld glänzt auch schon das Gold mit. Doch das Gold ist nicht nur heute, in Zeiten arg schwankender Aktienkurse und einer gleichsam permanent am Köcheln gehaltenen Finanzkrise der – vermeintlich einzig – reelle Wert. Doch das ist, man weiß es, gar nichts Neues. Schon in Goethes Faust seufzt das arme Gretchen, noch bevor überhaupt die berühmte Gretchenfrage gestellt wird: «Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.»1 Vielleicht wollte uns Goethe da, 1797 und etwas subversiv, schon nahe legen, dass die wahre Gretchenfrage heutzutage nicht diejenige nach Gott, sondern diejenige nach dem Geld sei. Was auch immer die Literaturwissenschaft zu dieser ‘wahren’ Gretchenfrage sagt, sei dahingestellt. Aber schon in der römischen Antike ist es so, das Geld im Verdacht stand, etwas Schlechtes zu sein und sogar zu stinken. «Non olet», das Geld stinkt nicht, sagte der findige Kaiser Vespasian bekanntlich zu seinem Sohn, als er ihm eine Münze unter die Nase hielt, die aus der Toilettensteuer stammte.
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Johann Wolfgang von Goethe: Faust, V. 2802–2804.
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Göttliche Materie? Aber was eigentlich ‘ist’ das Geld? Hat es einen besonderen Status? Ist es eine besondere, gleichsam göttliche Materie? Immerhin scheinen die Menschen heute – zu Beginn des sogenannt säkularisierten 21. Jahrhunderts, in dem die Kirchen vielerorts leer stehen und die Menschen den herkömmlichen Religionen in großen Scharen den Rücken zuwenden – doch noch zu glauben, und zwar an die Kaufkraft, an den Wert des Geldes, an die Sparbücher, an den Finanzberater. Ja, trotz der großen Erschütterungen auf den internationalen Finanzmärkten scheint der allgemeine Glaube an das Dasein des Geldes viel weniger erschüttert zu sein als der Glaube an das Dasein eines Gottes. Man ist versucht zu formulieren, dass sich die Glaubenskraft, die einst an die Vokabel Gott gebunden war und von den Religionen bewirtschaftet wurde, dass also diese intentionale Glaubenskraft nicht verschwunden, sondern nur verlagert worden ist. Wir glauben an den Wert des Geldes, unser Dasein scheint sich im Wesentlichen nach ökonomischen Zielen zu richten; wer am meisten Geld erjagen und zur Seite legen konnte, scheint schon fast einen gottähnlichen Status zu haben. Nicht umsonst jedenfalls erscheinen die großen ‘Bilanzen’, wer denn – beispielsweise in der Schweiz – im Jahr 2012 zu den dreihundert ‘Reichsten’ gehört, knapp vor Weihnachten. Und zwar in einem Heft, das die Frohbotschaft der Reichen und Superreichen auf goldenem Hochglanzpapier verbreitet wie eine Weihnachtsgeschichte, die vom Kommen des Erlösers berichtet. Und tatsächlich kann man im frühen 21. Jahrhundert – und zwar ohne jede Ironie – feststellen, dass die meisten Menschen den Worten ihres Finanzberaters etwa so glauben wie die Menschen des späten 17. Jahrhunderts den Worten ihres Beichtvaters geglaubt haben. Wer nun meint, ich sei dabei, den Wechsel vom Gottesglauben zum Geld- oder Goldglauben mit ethischen oder moralisierend säuerlichen Worten zu kommentieren, den muss ich enttäuschen. Denn eine solche These wäre gar nicht neu. Denn schon der Soziologe Max Weber hat in einem seiner Hauptwerke, in der Protestantischen Ethik, über den inneren Zusammenhang zwischen dem religiösen – genauerhin: dem protestanti schen Arbeitsethos – und der Entwicklung des Kapitalismus folgendermaßen nachgedacht:
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Die Fähigkeit der Konzentration der Gedanken sowohl als die absolut zentrale Fähigkeit, sich der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen, finden sich hier [sc. im Protestantismus] besonders oft vereinigt mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe überhaupt rechnet und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mäßigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert. Der Boden für jene Auffassung der Arbeit als Selbstzweck, als ‘Beruf’, wie sie der Kapitalismus fordert, ist hier am günstigsten.2
Etwas verkürzt könnte man Webers These – die schnell nach ihrem Erscheinen auch kontrovers diskutiert worden ist – dahingehend formulieren: Wer nicht um des Konsums willen arbeitet, sondern aus einem zweckfreien Arbeitsethos heraus, der wird in der Tat immer mehr Kapital anhäufen, was von Weitem wie das verdiente Glück des Tüchtigen aussehen mag. Dass jedenfalls Gott den Tüchtigen belohnt, gehört zu den intrinsischen Dogmen der protestantischen Gnadenlehre. Das Anhäufen von Geld ist schon früh gleichsam als ein Anhäufen von religiösem Kapital, als ein wohlgefülltes Kontokorrent in der religiösen Buchhaltung erschienen. Und so erscheint die monetäre Vorratshaltung – also eben das Anhäufen von Geld – gleichsam als Lebensmittelnotvorrat für das himmlische Jenseits. Doch: Max Weber hat mit seiner These nur eine Debatte auf den Punkt gebracht, die schon seit der Geldwirtschaft der Renaissance (oder sogar früher, bei den ersten merkantilen Gesellschaften) bestanden hat. Dass man mit Geld Getreide, Früchte, Wein und andere Lebensmittel kaufen kann, ist evident (sofern nicht gerade eine Hungersnot herrscht). Dass man mit Geld aber auch einen Sessel, ein Buch, einen Anzug, ein Haus und andere Dinge kaufen kann, die sehr wohl auch Lebensmittel sind: das ist auch nicht zu bestreiten. Ein Lebensmittel ist nicht nur, was sich essen lässt. Und schließlich: Auch das Ticket ins Jenseits – also die Transfergebühr für das Leben nach dem Tode und das Seelenheil – hat sich nicht allzu selten in unserer abendländischen Gesellschaft mit Geld kaufen lassen. Und zwar nicht nur im Protestantismus, sondern, gleichsam vitaler und haptischer, im Katholizismus, im Ablasshandel, in den Buß- und Kirchengeldern. Und noch heute wird kein Mensch auf einem protestantischen oder katholischen Friedhof begraben, wenn er aus der Kirche ausgetreten ist. Geld ist also immer schon ein Mittel gewesen nicht nur für das körperliche, sondern auch für das geistige, das seelische, das metaphysische Leben. 2
Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, I (Tübingen 1920) 47.
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Materie und Metaphysik Es ist ja ganz eigenartig, dass etwas vermeintlich so Simples wie die Materie Geld – die ja immerhin vom konkreten Gold bzw. dessen Besitz herkommt – schlussendlich solche entmaterialisierende Wirkungen wie etwa die Kaufkraft fürs ewige Leben haben kann. Doch wer sich etwa an das Wort der Transsubstantiation erinnert, wie es in der katholischen Glaubenslehre als Bezeichnung für den wundersamen Übergang von Wein und Brot in den wirklichen Leib Christi verwendet wird, kann wohl auch den Gedanken nachvollziehen, dass auch das Geld eine gleichsam gott ähnliche Eigenschaft hat, nämlich eben diejenige der Transsubstantiation; der Verwandlung von Geld in Fleisch und Blut. Sehr schön hat man das im Jahr 2010 verfolgen können, als sich ungefähr 15 Millionen Euro auf wundersamste Art und Weise in Fleisch und Blut verwandelt haben. Ich spreche vom Verkauf des Wunderpferdes Totilas, dem geldmäßig teuers ten Pferd aller Zeiten. Zum Vergleich sei erwähnt: 2009 wurde der Fußballer Cristiano Ronaldo für 95 Millionen Euro von Manchester United zum Fußballclub Real Madrid verschoben. Hier aber ließe sich meines Erachtens nicht von einer Transsubstantiation sprechen, denn der Fußballspieler ist nicht ‘gekauft’ worden, sondern er ist im fußballerischen Nießbrauch-Verhältnis; er gehört als Wesen noch immer sich selber, auch wenn er sich verpflichtet hat, seine fußballerischen Leistungen dem Madrider Club abzutreten. Oder etwas deutlicher: Während man ein Tier noch immer in toto kaufen kann, hat in unserer Gesellschaft, seit der Abschaffung der Leibeigenschaft und der Proklamation der Menschenrechte, die monetäre Transsubstantiation beim Menschen gerade (noch) eine Grenze: Ein Mensch kann seine Arbeitskraft verkaufen, nicht aber sich selbst. Und schon sind wir mitten in den philosophischen Problemen in und um die Frage nach dem ganz einfachen Lebensmittel Geld. Four-letter-words: Geld und Gott Noch einmal: Ist Geld nicht einfach ein Mittel zu etwas, nämlich zum Leben im weitesten Sinn? Übrigens haben – dies nur als hausinterne Bemerkung einer Philosophin über die Philosophie – gerade die akade-
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mischen Philosophen und mit ihnen die großen philosophischen Standard-Nachschlagewerke eine gewisse Scheu vor dem vermeintlich ‘materialistischen’ Thema Geld: Es gibt im hochgelehrten Historischen Wörterbuch der Philosophie, dem sogenannten ‘Ritter’, im 1974 erschienenen Band 3 nur einen knapp 1½ Spalten langen Eintrag zum vier Buchstaben langen Wort Geld. Dafür gibt es dann, einige Seiten später, einen 103 Spalten langen Eintrag zu einem Wort mit ebenfalls vier Buchstaben, nämlich zu Gott. Die Philosophen scheinen also noch immer eher ein Problem mit Gott, aber nicht mit dem Geld zu haben; und dies in einer lebensweltlich fast vollkommen monetär gewordenen Gesellschaft wie derjenigen des frühen 21. Jahrhunderts, wo sich 98% der Menschen im Wesentlichen nicht mehr Gott, sondern das Geld und seine Strahlungen zum ideellen Leitstern ihrer Existenz gemacht haben. Geld kommt von ‘gelten’; es ist gleichsam die einzige lebensweltliche Währung, die noch gilt, freilich mit dem Zusatz, so der Staatsrechtler Franz Wieser, dass der im Geldschein symbolisierte Wert in der Dingwelt noch als Valuta gilt. Kürzer: Hinter allem Geld also steht eine gesellschaftliche Abmachung – wir nennen das heute einen ‘Kurs’. Und wie volatil Kurse sind, das wissen wir nicht nur von den Börsenmärkten. Man kann auf alles und jedes einen sogenannten Hype produzieren, schon steigt der Wert, bis er dann – grenznutzentheoretisch – wieder fällt. Das börsenkotierte Geld hat also jeden festen Körper verloren. Es ist ein vollkommenes Abstraktum und damit eben doch gleichwertig mit jenem anderen vollkommenen Abstraktum, nämlich dem, was mit der Vokabel Gott gemeint ist. Dass Gott gut und gerecht sein sollte, gehört zumindest in den drei großen Buchreligionen – beim Judentum, beim Islam und beim Christentum – zu den Denkvoraussetzungen. Dass aber Geld per se ethisch, also gerecht sei; dass es nicht gefälscht, sein Wert manipuliert, hinterzogen und betrügerisch arrangiert wird: das wäre eine contradictio in adiecto; ein Widerspruch in sich. Geld ist in diesem Sinne in der Tat gottlos; ohne Ethos, ohne Vernunft, ohne ein Qualitätssiegel per se. Wir haben uns heute zwar angewöhnt, von Schwarzgeld zu sprechen oder neuerdings von der Weißgeldstrategie, die die Banken einzuschlagen hätten, wenn es darum geht, sogenannte Steuerparadiese für Steuerhinterzieher unattraktiv zu machen. Aber auch hier, beim Reden über das Schwarz- und Weißgeld, darf man als Philosophin doch etwas nachfragen:
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Schwarz nämlich ist das Geld nicht etwa, weil es selbst eine intrinsisch schwarze oder gar teuflische Eigenschaft hätte. Denn Geld ist das Neutrum per se, ein Zahlungs-Äquivalent, das als Geld überhaupt kein Träger moralischer Werte ist. Das Wort Schwarzgeld ist eine klassische Verschiebung zwischen Akteur und Objekt, oder etwas philosophischer: Wer von Schwarzgeld spricht, begeht, logisch gesehen, einen klassischen Kategorienfehler: Gemeint ist die Art und Weise, wie das Geld verdient und am Fiskus vorbei manövriert wurde; moralisch schwarz (wie in der christlichen Ikonographie die Sünde dargestellt wird) ist die Verhaltensweise desjenigen, der Geld, das zu versteuern wäre, am Fiskus – in Demokratien immerhin das Gemeinwesen – vorbeischleust. Schwarz ist auch jegliches Geld, das als Schmiergeld, Provision, geschäftliche ‘Freundschaftsleis tung’ etc. erworben wurde oder aus illegalen Geschäften stammt. Das Schwarze am Geld bezeichnet also die Handlungsweise der Person; aber eine kriminelle Aktion einer Person macht das Geld nicht per se kriminell; Schwarzgeld wird, wenn es in einen neutralen Umlauf kommt, sozusagen neutralisiert. Und es wird wohl eine für immer verzwickte Frage auch für die analytischsten unter unseren Profi-Ethikern bleiben, ob man mit unmoralisch verdientem Geld einen moralischen Zweck erreichen kann. Das Beispiel von Robin Hood, der den Reichen etwas abzwackt und es den Armen zukommen lässt, ist romantisch und hübsch. Eine andere Frage hingegen wurde kürzlich beim Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses debattiert: Die bedeutende Kunstsammlung des Industriellen Emil Georg Bührle ist angekauft worden mit Geld, das wesentlich auch aus dem Schweizer Waffenhandel mit Hitler-Deutschland und MussoliniItalien in den 1940er Jahren erwirtschaftet worden ist. Bührle übrigens hat den Ersten Weltkrieg als deutscher Kavallerieoffizier mitgemacht und war bis 1936 deutscher Staatsbürger. Unter welchen Umständen und aus welchen Gründen Bührle 1936 das Schweizer Bürgerrecht angenommen hat, will ich hier nicht thematisieren. 1941 hat das Schauspielhaus Zürich, an dem damals sehr viele deutsche Faschismus-Gegner und jüdische Emigranten tätig waren, eine Spende von Emil Bührle in der Höhe von 2 Millionen Schweizer Franken abgelehnt. Die Begründung damals hat gelautet, man wolle kein Blutgeld annehmen.
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Hat Geld eine Farbe? Neben Schwarz- und Weißgeld haben wir hier also auch eine Färbung ins Blutrote hinein. Geld kann auch Blutgeld sein, das heißt: entsprungen aus Zwecken, die Menschenleben gekostet haben. Auch hier müsste man konsequenterweise anmerken, dass Geld per se keine blutigen oder unblutigen Eigenschaften hat, sondern dass es ein Abstraktum ist, das aus blutigen, amoralischen, verantwortungslosen etc. Handlungen erwirtschaftet worden ist. Die Frage, ob es unmoralisch ist, Geld aus dubiosen oder ethisch problematischen Handelsgeschäften einem an sich guten, moralisch neutralen oder mäzenatischen Zweck zuzuführen, spaltet weiterhin die Gemüter – und in Zürich mag man sich vielleicht noch erinnern an die Debatte, die zwischen 2001 und 2004 stattgefunden hat, als Friedrich Chris tian Flick in Zürich ein Museum für zeitgenössische Kunst eröffnen wollte, und zwar mit einer Sammlung und Vermögenswerten, die aus dem von seinem Großvater Friedrich Flick begründeten Vermögen stammten; einem Vermögen, das aus der Zwangsarisierung von jüdischen Vermögen und der Ausbeutung von Zwangsarbeitern stammte, wofür Friedrich Flick senior 1947 in den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilt worden war. Das Flick’sche Familienvermögen hat aber die Verurteilung fast unangetastet überstanden. Ausschlaggebend für die moralische Empörung auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts war, dass Flick senior sich bis zu seinem Tod weigerte, Entschädigungen – nachgerade an die ausgebeuteten Zwangsarbeiter – zu bezahlen. Aus diesen Gründen wohl wurde das Projekt des Enkels Mick Flick, mit dem Architekten Rem Kolhaas ein Museum für Zeitgenössische Kunst zu bauen und einen großen Teil seiner Privatsammlung zugänglich zu machen, von der Zürcher Öffentlichkeit abgelehnt. Auch hier galt wieder das Argument, es handle sich beim Vermögen der Flick-Dynastie um Blutgeld. Es ist nicht auszuschließen, dass die damalige Debatte doch etwas bewegt hat; immerhin zahlte Friedrich Christian Flick 2005, nach jahrelanger massiver Kritik an seinem Verhalten, 5 Millionen Euro, 1% seines Privatvermögens, in eine Stiftung für ehemalige Zwangsarbeiter ein. Interessant ist Flicks Unterscheidung zwischen Schuld und Verantwortung: Wer ein Vermögen geerbt habe, das unter schuldhaften Konditionen entstanden ist, trage dafür keine Schuld, höchstens habe er damit verantwortlich umzugehen.
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Dass ein Teil von Flicks Sammlung heute – per Schenkung – in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingegangen ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: das preußische Denken war am deutschen Verhängnis des 20. Jahrhunderts wohl nicht unbeteiligt. Geld und Charakter? Man gestatte mir noch ein Wort zur sogenannten Verantwortung im Umgang mit Geld: Es ist in der Tat so, dass das Geld per se keine moralischen Eigenschaften hat. Aber die Art und Weise des Umgangs mit Geld zeigt vielleicht doch etwas von der Persönlichkeit seines Besitzers, Empfängers, Verwalters oder auch: seines Donators oder Mäzens. Kürzer: Geld verdirbt nicht den Charakter, sondern es zeigt ihn. Es ist eine charakterliche und persönlichkeitsbildende Herausforderung, mit Geld – mit viel Geld – umzugehen. Bekanntlich haben einige kluge Ökonomen des 19. Jahrhunderts die Idee des Grenznutzens in die Welt gesetzt. Ich darf das an einem Beispiel erklären: Eine Uhr am Handgelenk ist eine nützliche Sache; sie zeigt einem die Zeit. Eine Wohnung oder ein Haus sind ebenfalls nützliche Sachen; man kann darin wohnen und ist vor Unwetter etc. geschützt. Viele Uhren oder viele Häuser zu besitzen, bringt hingegen irgendeinmal mehr Probleme als Nutzen; man muss sie verwalten, versteuern, den Überblick über sie haben, sie instand halten, schauen, dass niemand sie stiehlt etc. Ab wann ist ein Haufen Geld kein Lebens- und Freiheitsmittel mehr, sondern eine Anhäufung von Verpflichtungen und Verantwortung, die das Leben belasten und die Freiheit einschränken? – so könnte man das Grenznutzenproblem mit dem Geld formulieren. Die Antike hat – im Gegensatz zu unserer Spätmoderne, in der ‘immer mehr’ = ‘immer besser’ ist – ein anderes Prinzip gekannt, nämlich dasjenige des guten Maßes. Genügend, aber nicht zu viel. Und auch nicht zu wenig. Herauszufinden, wo das richtige Maß liegt, gehört zur Philosophie der Lebenskunst. Wem es gelingt, in den relevanten Lebensbereichen (wozu nicht nur das Geld, sondern auch die Tätigkeit, die Ehre und anderes mehr gehören) das richtige Maß herauszufinden, der hat einen wesentlichen Zugang zum weitherum gesuchten Glück gefunden. Das Geld selbst – und das dürfte eines seiner eigenartigsten Merkmale, sozusagen
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sein Psychogramm sein – scheint nie im ‘richtigen’ Maß vorhanden zu sein. Entweder ist es zu wenig, oder dann zu viel. Ein bekannter Verleger sagte mir einmal, als ich mich darüber beklagte, dass er mein Buch zwar gedruckt, mir aber kein Honorar bezahlt hatte: «Tut mir leid, liebe Pia. Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber leider zu wenig davon.» Heute wird dies bekanntlich von den Europäischen Zentralbanken ‘korrigiert’; in der Finanzkrise wird einfach mehr Geld gedruckt; die Relation zwischen Werten und Wertzeichen wird also immer imaginärer. Aber überlassen wir diese Spekulationen den Spekulanten. Früher übrigens, dies sei aus philosophischer Sicht noch hinzugesetzt, waren die Philosophen diejenigen, denen das Feld der Spekulation zustand. Die Spekulation (von lateinisch speculari, beobachten) galt – das kann man sogar in Wikipedia nachlesen – als «eine philosophische Denkweise», die dazu diente, «zu Erkenntnissen zu gelangen, indem man über die herkömmliche empirische oder praktische Erfahrung hinausgeht und sich auf das Wesen der Dinge und ihre ersten Prinzipien richtet. Der griechische Begriff theoria (Betrachtung) wurde im Lateinischen durch speculatio übersetzt und bedeutete gleichzeitig auch contemplatio». Oder etwas kürzer: Während früher der Philosoph durch Spekulation bzw. Betrachtung versuchte, etwas über die Welt und ihre Fragen zu erkennen, ist heute der Spekulant an seine Stelle getreten, der versucht, durch Beobachtung der Finanzindizes das Maximum an Profit, also einen Spekulationsgewinn, herauszuwirtschaften. Metaphysik ade. Je länger man über das Geld redet, umso weniger scheint es eine feste Gestalt, eine Identität, eine Farbe, eine klare Eigenschaft zu haben. Kommen wir nochmals zur Frage: Hat das Geld eine Persönlichkeit, eine Färbung, eine besondere Eigenschaft? Immerhin: Es gibt Schwarzgeld, Weiß geld, man redete von Blutgeld, wir schreiben schwarze oder rote Zahlen. Oder ist Geld nicht einfach etwas, das alle besonderen Eigenschaften aufhebt? Zur Beantwortung dieser Fragen möchte ich an den Kulturphilosophen Georg Simmel erinnern, der nicht nur ausführlich über die Philosophie der Kunst, über die Philosophie der Mode, über die Psycho logie der Frauen, über den Konflikt der modernen Kultur geschrieben, sondern vor allem auch eine umfangreiche Philosophie des Geldes verfasst hat, die 1900 in Leipzig erschienen ist. Heute, wo die Halbwertszeit einer Erkenntnis ungefähr bei zwei Jahren liegt (und Studierende Litera-
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tur, die älter ist als zwanzig Jahre, schon als Antiquariatskandidaten an sehen) muss man begründen, weswegen man ein Buch, das 112 Jahre alt ist, noch lesen soll. 112 Jahre alte Bemerkungen über das Geld Doch statt dies umfänglich zu tun, möchte ich nur ein paar von Simmels – vermeintlich verstaubten – Bemerkungen und Beobachtungen über die Natur des Geldes herausstellen. Simmel sagt nämlich Folgendes: Geld hat keine Farbe, aber es hat eigenartige formale Eigenschaften, die einem Ding sonst selten zukommen. Erstens ist Geld unendlich teilbar, zweitens hat es eine unbeschränkte Verwertbarkeit; es ist universell; ich kann mir mit Geld jeden möglichen Zweck eintauschen; Geld bedeutet «die Möglichkeit der Nutznießung unbestimmt [vieler] unterschiedlicher Sachen».3 Das Geld, so Simmel weiter, erzeuge «eine höhere Potenz des allgemeinen Eigentumsbegriffes», insofern der Sachbegriff aufgelöst sei und «das geldbesitzende Individuum einer Unendlichkeit von Objekten gegenübergestellt wird».4 Diese Beobachtung mag trivial erscheinen. Sie ist es aber insofern nicht, als das beginnende 20. Jahrhundert – Simmels Philosophie des Geldes ist, wie gesagt, erstmals im Jahr 1900 erschienen – schon ein erstaunlich positives Verhältnis zum Geld zu haben begann. Dies ist insofern erstaunlich, als frühere Zeiten gegenüber dem Geld, das als Ziffer eine gleichsam metaphysische, also körperlose und ergo sachwertlose Größe war, eine eher skeptische Einstellung hatten. Ich darf hier an den italienischen Ökonomen und Philosophen Ferdinando Celestino Galiani erinnern, der 1750, im zarten Alter von nur 22 Jahren und aus Klugheitsgründen anonym, ein aus fünf Teilen bestehendes Buch mit dem Titel Über das Geld veröffentlicht hat. Das Buch hatte erstaunlich breiten Erfolg, und man hat dem äußerst freidenkerischen Galiani dafür – eigenartiges 18. Jahrhundert – die niederen Priesterweihen gegeben. Ergo konnte er 3 Georg
413. 4 Ebd.
Simmel: Philosophie des Geldes, hg. von David P. Frisby u.a. (Frankfurt 1989)
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sich in der Folge Abbé Galiani nennen – unter diesem Namen ist er denn auch in die Geschichte eingegangen. Ein nicht zu unterschätzender Neben effekt des Abbé-Titels war die mit den niederen Weihen verbundene kirchliche Pfründe, von der der frischgebackene libertine Abbé gut leben konnte. Dennoch waren die Überlegungen des Abbé Galiani so christlich nicht, schließlich hatte er sich mit etwas beschäftigt, das bis dahin nicht einmal von einem weltlichen Autor traktiert werden durfte. Es ging nämlich just um die Frage – wie später, bei Max Weber –, ob es eine Verbindung zwischen dem göttlichen Willen und der Anhäufung von Reichtum bzw. Geldbesitz gebe. Kleiner Exkurs zum Abbé Galiani Galiani argumentierte 1750 recht forsch, nämlich: Das Gottesgnadentum und der weltliche Absolutismus seien eine eher problematische, auf Macht und Vermögenszuwachs orientierte Herrschaftsallianz. Denn sie neigten dazu, so fügt Galiani diplomatisch hinzu, mehr Geld in Umlauf zu setzen, als Werte vorhanden seien (ein Rezept, das auch noch heute, in der Finanzkrise des 21. Jahrhunderts, fröhlich weiter angewendet wird). Da aber, so Galiani weiter, die Gläubiger der Kirche und des Feudalabsolutismus keine Rechte gegenüber ihren Schuldnern hätten (etwas, das sich immerhin verbessert hat, im 21. Jahrhundert), so sei dem Geld, das die einzelnen Fürsten in Umlauf setzen, eher nicht zu trauen. Das zirkulierende Geld – sei es in Münzen oder Schuldbriefen – ist bei Galiani also kein verlässlicher Indikator für den Reichtum und die Ökonomie eines Fürstentums oder eines Staates. Geld hat zwar eine große lebensweltliche Nützlichkeit, so Galiani. Die aber kann schnell zerrinnen und «wie eine Seuche Unglück über Land und Menschen» bringen.5 Interessanter Paradigmenwechsel: Hundertfünfzig Jahre später sieht Georg Simmel in seiner Philosophie des Geldes (1900) im abstrakten Geld hingegen gleichsam das allgemeinste Freiheits- oder Lebensmittel, insofern derjenige, der über 5
Ferdinando Galiani: Vom Geld [Della moneta]. Ausgewählte Kapitel aus dem 1751 verfassten Traktat «Della moneta», übertragen aus dem Italienischen von Lucio Boscardin (Vicenza 1995) 122.
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Ursula Pia Jauch
Geld verfügt, sich wegen der absoluten Abstraktion und Körperlosigkeit des Geldes jede für Geld erhältliche Ware oder Lebensform aneignen kann. Etwas heutiger und in gegenwärtigen Beispielen ausgedrückt: Mit (ausreichend) Geld kann man sich – sofern man denn will – 51 Porsches oder 52 Gucci-Kleider, einen oder mehrere Doktortitel, ein tolles Dressurpferd, einen Fußballclub, ‘Freunde’, eine oder mehrere Geliebte und was auch immer kaufen (dem Thema des kulturgeschichtlich weitverbreiteten Frauenkaufs widmet Simmel übrigens ein ganzes Kapitel). Insofern Geld per se eine unendlich teilbare und rein metaphysische, also körperlose Sache ist, ermöglicht es die Transformation in alle möglichen Dinge und Verhältnisse. Geld, ausreichend Geld, viel Geld, noch mehr Geld und zu viel Geld kann aber auch eine geradezu philosophische Herausforderung darstellen, nämlich mit den Freiheitmöglichkeiten, die Geld offeriert, vernünftig, verantwortungsbewusst und in einem lebensphilosophischen Sinn auch so umzugehen, dass Freude und Befriedigung und nicht Ärger, Sorge, Geiz und Neid sich freisetzen. Und hier, bei dieser Bestimmung des Geldes als eines ganz gewöhnlichen Lebensmittels, sind wir bei einer überaus philosophischen Frage angelangt, nämlich eben derjenigen, wie das Leben mit Geld – ob es nun ein Verdienst sei, ein Lohn, eine Pension, eine Rente, ein Erbe, ein Geschenk, ein Lottogewinn oder der berühmte Goldmeteorit sei, den man in Entenhausen im Garten findet – so zu gestalten ist, dass es als solches, in sich, bereichernd wird, und nicht nur bereichernd auf dem Bankkonto. Dagobert Duck & das Bad im Gold Ab den 1940er Jahren hat in Amerika für viele Zeitgenossen eine ComicFigur genau dieses Problem – eben: den Umgang mit viel und noch mehr Geld – sehr pikant veranschaulicht: Der Geizhals Dagobert Duck nimmt jeden Morgen ein Bad in seinem mit Goldtalern gefüllten Pool. Doch Comics sind nicht so lustig, wie man meinen könnte. Man unterschätze die tiefgründige Psychologie nicht, die Carl Barks, seine Zeichner und Texter just im Universum Entenhausen (wie es auf Deutsch dank der kongenia len Übersetzerin Erika Fuchs heißt) zum Ausdruck gebracht haben. Bezeichnenderweise heißt Onkel Dagobert im amerikanischen Original