Sigmund Freud Eugen Bleuler «Ich bin zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie» Briefwechsel 1904–1937
Herausgegeben von Michael Schröter
Sigmund Freud und Eugen Bleuler auf dem 3. Psychoanalytischen Kongress, Weimar 1913
Sigmund Freud Eugen Bleuler «Ich bin zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie» Briefwechsel 1904–1937 Herausgegeben von Michael Schröter Mit einem Geleitwort von Tina Joos-Bleuler und einem Beitrag von Bernhard Küchenhoff
Schwabe Verlag Basel
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und der Blum-Zulliger Stiftung, Bern.
Copyright © 2012 Schwabe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: B. Handwerker Küchenhoff Umschlaggestaltung: Thomas Lutz, Schwabe, unter Verwendung eines Fotos der Teilnehmer am 3. Psychoanalytischen Kongress in Weimar (1911) von Franz Xaver Vältl. Die beiden Porträtfotos von S. Freud und E. Bleuler (S. 2) sind diesem Foto entnommen. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2857-6 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhalt
Tina Joos-Bleuler Geleitwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Michael Schröter Eigenständige Nähe. Eugen Bleuler und die Psychoanalyse . . . . . . . . . . . . . . . 11 Zur Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
Briefwechsel Freud – Bleuler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
Bernhard Küchenhoff Zur Psychologie der Psychosen im Briefwechsel zwischen Eugen Bleuler und Sigmund Freud . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Freud-Schriften im Nachlass von Eugen Bleuler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aus Bleulers Tagebuch (1909–1913) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Geleitwort Tina Joos-Bleuler «Wertvoll» steht auf dem kleinen blauen Ordner, in dem mein Vater Manfred Bleuler (ältester Sohn von Hedwig und Eugen Bleuler-Waser) die Briefe Sigmund Freuds aufbewahrte. Einerseits waren und sind diese Originalbriefe sicherlich in mancher Hinsicht wertvoll, andererseits bedeuteten sie auch eine Belastung – sowohl für meinen Vater als auch für mich, die ich sie, als Enkelin Eugen Bleulers, geerbt habe. Mit grosser Geduld und unter beträchtlichem Zeitaufwand beantwortete mein Vater unzählige Anfragen von Leuten, welche die Korrespondenz zwischen Freud und Bleuler einsehen, publizieren oder gar erwerben wollten. Einzelne Ausschnitte aus den Briefen gab er frei, über andere referierte er selbst. Bis zu seinem Tod 1994 weigerte er sich aber beharrlich, den Briefwechsel in seiner Gesamtheit zu veröffentlichen. Eine Weigerung, die viel Neugier weckte, Unmut hervorrief und sogar Anschuldigungen nach sich zog. Nun liegen die Briefe also vor; der Gier und dem Lauern ist ein Ende gesetzt. Allerdings lässt die Korrespondenz meines Vaters erkennen, dass er jahrelang in einem quälenden Zwiespalt steckte und dass er vor allem Gründe, die gegen eine Veröffentlichung sprachen, hervorhob. – «Mein Vater starb 1939, unmittelbar vor Kriegsausbruch. Drei seiner Söhne und der einzige Schwiegersohn hatten sofort in den Militärdienst einzurücken. Meiner Schwester blieb neben der Sorge für die Kinder allein die Aufgabe, den elterlichen Nachlass zu sichten, und sie ließ alles, was ihr nicht wichtig schien, vernichten.» (1986) – «Es sind lange nicht alle Briefe erhalten, so dass keineswegs zu jedem Brief die Antwort vorliegt – was wohl dem Interesse der Publikation abträglich ist.» (1985) (Dem ist an dieser Stelle hinzuzufügen, dass mir alle Enkelinnen und Enkel Eugen Bleulers erneut bestätigten, keine Freud-Briefe mehr zu besitzen.) – «Rechtlich ist es eine ungelöste, schwierige Frage, ob ich überhaupt berechtigt bin, sie zu publizieren.» (1983) – «Gegen eine Publikation sprechen zwei Gründe: sie sind sehr persönlich und ihre Veröffentlichung scheint mir beinahe eine Blosstellung Freud’s.» (1983) – «Bevor ich mich entscheide, ob ich Freuds Briefe aushändigen will, möchte ich sie genau lesen. Das wird mich sehr viel Zeit kosten – eine Zeit, die ich mir kaum erkämpfen kann.» (1984) – «Ein grosser Teil des Briefwechsels bezieht sich auf meines Vaters Ein- und Austritt in die psychoanalytische Gesellschaft. […] Diese wortreichen Diskus sionen scheinen mir für die heutige Zeit nicht mehr interessant.» (1985) – «In diesen Briefen steht ganz und gar nichts Skandalöses oder Genierliches, aber ich halte sie für eine Veröffentlichung zu persönlich. Deshalb ist sie bisher unterblieben.» (1990)
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Tina Joos-Bleuler
Die Zitate stammen aus Briefen meines Vaters und aus unveröffentlichten Texten von ihm, die er mir jeweils zu Weihnachten schenkte. Aus ihnen entnahm ich ausserdem, dass er sich beinahe für eine Veröffentlichung entschieden hatte, was meinen Beschluss erleichterte, die Briefe endlich freizugeben. Wichtig ist mir auch zu wissen, dass nun alle Kinder von Sigmund Freud und von Eugen Bleuler verstorben sind und somit doch eine gewisse Distanz zu den damaligen Geschehnissen gewährleistet ist, so dass sich niemand mehr durch die Publikation verletzt fühlen sollte. Frau Ilse Grubrich-Simitis, Psychoanalytikerin (Königstein/Ts.), hat wesentlich zu meiner Entscheidung beigetragen. Sie korrespondierte in freundschaftlicher und sehr kompetenter Weise seit den 80er Jahren mit meinem Vater und war nicht nur für ihn von Bedeutung, sondern wurde es auch für mich. Schon viele Jahre ist sie für die Freud-Editionen des S. Fischer Verlags verantwortlich und ist weltweit als Freud-Forscherin bekannt. Leider konnte sie wegen unaufschiebbarer anderer Verpflichtungen eine Veröffentlichung des Briefwechsels nicht selbst an die Hand nehmen. Durch ihre Vermittlung lernte ich aber Herrn Dr. Michael Schröter kennen und schätzen. Mit ihm habe ich einen erfahrenen, kenntnisreichen und gewissenhaften Herausgeber gefunden, dem ich für unsere gute Zusammenarbeit sehr dankbar bin. Dass Herr Dr. Bernhard Küchenhoff, stellvertretender Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich, bei der Edition einbezogen wurde, freut mich ganz besonders. Ich bin ja in einer Amtswohnung des Burghölzli aufgewachsen und stehe meiner alten Heimat immer noch nah. Eine Begebenheit, die zwar bereits anderweitig belegt ist, liess mich schmunzeln und zugleich stolz sein auf meine forsche Grossmutter; ich zitiere wieder meinen Vater: «Bei einem Besuch meiner Eltern in Wien erlaubte sich meine Mutter, Kritik an Freuds Lehren zu äussern, die Freud als harsch empfand – das war zweifellos eine Ursache, weshalb Freud später wenig bei Bleulers im Burghölzli zu Gast war» (1991). «In ihrer damals ‚fraulichen‘ Einstellung wandte sie sich empört gegen Freud’s Begriffe der Sexualität, besonders auf deren Bezug zu Frauen und Kindern.» (1989) Und nochmals, als kleine Zusammenfassung, ein Zitat von Manfred Bleuler: «Meines Vaters Beziehungen zu Freud gehen auf das Jahr 1892 zurück: damals nahm mein Vater zu Gunsten Freud’s Stellung in Bezug auf dessen Darstellung der subcorticalen Aphasien. Es folgte eine dauernde freundschaftliche Beziehung. Briefe [ergänze: Freuds] liegen für die Zeit von 1906 bis 1937 vor. Erstaunlich daran ist die gegenseitige Hochachtung der beiden Männer. Mein Vater verehrte ihn seiner Lehren wegen, Freud schätzte die Arbeiten meines Vaters und dessen Stellungnahmen für ihn. Mein Vater legte Freud einige Träume zum Deuten vor. Er betonte die Bewunderung für Freuds Werk, doch äusserte er auch Kritik und stellte Fragen. Darauf ging Freud wenig ein. Lange und unerquickliche Diskussionen ergaben sich in Bezug auf Bleuler’s Mitgliedschaft zur Zürcher Psychoanalytischen Vereinigung. Man sollte sie vergessen.» (1987)
Geleitwort
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Obwohl es bis zur VerĂśffentlichung des Briefwechsels lange dauerte, freue ich mich, wenn die vorliegende Herausgabe fĂźr die Nachwelt und die Wissenschaft von Interesse sein wird.
Eigenständige Nähe. Eugen Bleuler und die Psychoanalyse1 Michael Schröter Die Beziehung zwischen dem Zürcher Universitätspsychiater und Klinikdirektor Eugen Bleuler und dem Wiener Nervenarzt Sigmund Freud war ein Schlüsselereignis der Wissenschaftsgeschichte: Von der Psychiatrie her gesehen, griff Bleuler im Bemühen um eine «vertiefende Psychopathologie», die in seiner Schizophrenielehre gipfelte, die zunächst wenig beachtete, dann scharf kritisierte Psychoanalyse auf und «führte psychodynamische Aspekte in die Psychiatrie ein» (Schott u. Tölle 2006, S. 134). Für die Psychoanalyse bezeichnete die Zeit, als Bleuler Freud nahestand, den Moment, in dem sie die Grenzen Wiens und den Status einer Privattheo rie ihres Schöpfers sprengte und in die Breite des wissenschaftlich-psychiatrischen Diskurses eintrat (Alexander u. Selesnick 1969, S. 272–276). Der folgende Text befasst sich vorrangig mit dem zweiten Aspekt. Dabei wird die Seite Bleulers mehr beleuchtet als die Freuds, da sie im hier vorgelegten Briefmaterial stärker vertreten und generell weniger gut bekannt ist als diese. Auch im Blick auf die Freud-Rezeption in Zürich selbst und speziell an der Psychiatrischen Universitätsklinik, dem Burghölzli, werden die Akzente anders gesetzt als in einem Großteil der bisherigen Literatur, wo die Rolle Bleulers durch die von C.G. Jung überschattet wird.2
Das Burghölzli: Hochburg eines psychologisch-psychotherapeutischen Ansatzes Eugen Bleuler wurde am 30. April 1857 in Zollikon bei Zürich als Sohn einer gutsituierten, aber zur Sparsamkeit genötigten Seidenhändler- und Bauernfamilie geboren.3 Ein knappes Jahr jünger als Freud (geb. 6. 5. 1856), war er unter dessen wichti-
1 Auf das Briefcorpus Freud–Bleuler wird hier und im editorischen Apparat zu den Briefen selbst in folgender Form hingewiesen: xB (oder xF) = Brief x, von Bleuler (oder Freud); xB+y = Brief x mit Anm. y; xB/y = Anm. y zu Brief x. Bei Verweisen auf mehrfach zitierte Briefausgaben oder auf archivalische Fundorte werden Kürzel verwendet, die im Abkürzungsverzeichnis (unten, S. 258) aufgelöst werden (z. B.: F/A = Freud u. Abraham 2009). 2 Ein Beispiel ist Kerr 1994. – Weitere Darstellungen zum Thema «Bleuler und Freud» bzw. «Burghölzli und Psychoanalyse» sind: Ridder u. Corveleyn 1992; Loewenberg 1995; C. Müller 1998; Küchenhoff 2000; 2001; 2002; 2006; Falzeder 2004b; Scharfetter 2006; Dalzell 2007; 2011 (S. 199–231); Makari 2011 (S. 219 ff.). Grundlegend ferner Wieser 2001. 3 Zum unmittelbaren familiären Hintergrund siehe Mösli 2012. In der Literatur heißt es, die Familie sei «begütert» oder «wohlhabend» gewesen (Hell u. Scharfetter 2006, S. 28; Bernet 2010, S. 123). Bleuler selbst hat ausgesagt, dass seine Familie in Zollikon «nie zu
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gen Korrespondenten der einzige gleichaltrige.4 Über seine Eltern sagt er, dass sein Vater «eine gewisse Neigung zu übertriebener Genauigkeit», seine Mutter hingegen «eine besondere psychologische Begabung» hatte («ihr war das Unbewusste und manches, was man eigentlich erst durch Freud bewusst kennengelernt hat, selbstverständlich»). Er selbst hätte «ganz gut Litteraturprof. in irgend einer der mir bekannten Litteraturen werden können».5 Tatsächlich studierte Bleuler in Zürich Medizin. Er neigte von früh an zur Selbstbeobachtung und Selbstanalyse.6 Ein Studienfreund bescheinigt ihm einen «tiefen Drang nach der psychologischen Seite der Medizin» (zit. Bernet 2010, S. 128). Nach dem Examen 1881 arbeitete Bleuler drei Jahre lang als Assistenzarzt an der Berner psychiatrischen Klinik Waldau, wo er Krankengeschichten schrieb, die sich durch ihre «detaillierten Angaben über das Benehmen des Patienten, seine Halluzinationen, Wahnideen und Phantasien» weit über den Durchschnitt erhoben.7 Er bildete sich u. a. in Paris bei Jean Martin Charcot, dem berühmtesten Neurologen der Zeit, den fünf Jahre später auch Freud aufsuchte, sowie in München bei dem Gehirnanatomen Bernhard v. Gudden fort und wurde Assistenzarzt bei August Forel am Burghölzli, bevor er 1886 die Leitung der «Irrenanstalt» Rheinau (Kanton Zürich) übernahm. Dort lebte er, noch unverheiratet, in enger Gemeinschaft mit den Patienten und legte den Grundstock jener klinischen Beobachtungen an, aus denen später sein magnum opus über die Schizophrenien (1911a)
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den reichbegüterten» gehörte. Charakteristisch sei ihre geistige Regsamkeit und ihr Engagement in der Gemeinde gewesen: «Menschenfurcht kannten sie nicht, ihre Rechte verfochten sie auch gegen die Reichsten und Mächtigsten in der Gemeinde und später auch im Kreis.» Die Beschreibung findet sich in einer Darstellung von Familien seines Heimat orts, die Bleuler unter Pseudonym veröffentlichte (Ziermer 1908, S. 182 f.). Siehe auch Rihner (1982, S. 17 f.), wo das Pseudonym der Familie «Tanner» (= Bleuler) in der Arbeit von «Ziermer» gelüftet wird. – Die bisher umfassendsten Biographien Eugen Bleulers stammen von Daniel Hell und Christian Scharfetter (2006) sowie von Susanne Apelt-Riel (2009, S. 7–68). Die wichtigsten Quellen sind biographische Skizzen seines Sohnes Manfred (besonders M. Bleuler 1951, S. 416–420; 2006). Faktenangaben werden im Folgenden nur nachgewiesen, wenn sie nicht den zuletzt genannten Schriften entnommen sind. – Das materialhaltige, aber tendenziös-journalistische Werk von Wottreng (1999) sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Ein Parallelfall ist vielleicht noch der Bostoner Neurologe Putnam (Jg. 1846), der für Freud aber durch seine räumliche Ferne eine geringere Bedeutung hatte; siehe Hale 1971. Auch Lou Andreas-Salomé (Jg. 1861) war nahezu gleich alt mit Freud, stilisierte sich aber ihm gegenüber als Tochter (Freud u. Andreas-Salomé 1980). Briefentwurf an [Leonhard] Leven vom 3. 7. 1928 (NBB). Vgl. etwa Bleuler 1887, S. 716: Selbstbeobachtung von Suggestionen im Traum, «schon bevor er etwas von Hypnose gehört hatte»; auch 6B/14, 8B. So erinnert sich der Bleuler-Schüler und spätere Psychoanalytiker Hermann Nunberg, der nach 1910 in der Waldau arbeitete und dem das Konvolut von Bleulers Krankengeschichten, ohne dass er den Namen des Autors zunächst kannte, als etwas Besonderes auffiel (Nunberg 1969, S. 12).
Eugen Bleuler und die Psychoanalyse
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erwuchs. Sein Sohn Manfred hebt hervor, dass Bleulers Verständnis für die Psychologie seiner PatientInnen auch damit zusammenhing, dass er im heimischen Dialekt mit ihnen verkehren konnte. Im Jahr 1898 wurde Bleuler zu Forels Nachfolger am Burghölzli gewählt, womit er nicht nur die Direktion der Klinik, sondern auch den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Zürich übernahm. Zürich war unter Forel zur Hochburg eines psychologisch-psychotherapeutischen Ansatzes geworden, der in der deutschsprachigen akademisch-psychiatrischen Szene seinesgleichen suchte (M. Bleuler 1951, S. 396, 414 f.; Graf-Nold 2001, S. 75–77). Ausdruck dessen war die Erforschung und Nutzung des Hypnotismus im Anschluss an die Schule von Nancy (Ambroise Liébault und Hippolyte Bernheim). Auch Freud war, nachdem er 1886 seine nervenärztliche Praxis eröffnet hatte, von Bernheim beeinflusst worden (den er mit einer Empfehlung Forels aufsuchte),8 so dass er zunächst geradezu als Hypnosearzt dastand.9 Diese Nähe dokumentierte er u. a. durch eine lange, positive Besprechung der Erstauflage (1889) von Forels Buch über den Hypnotismus (Freud 1889a) – jener bis 1923 mehrfach überarbeiteten Schrift, die sich zu Forels klinisch-theoretischem Hauptwerk auswuchs.10 Bleuler wurde durch Forel in die Kunst der hypnotischen Suggestion eingeführt; er führte «viel über 1000 Hypnosen» durch und erprobte die Methode auch im Selbstversuch (Bleuler 1889; vgl. Mayer 2002, S. 198 f.). Sein starkes theoretisches Interesse an der Psychologie bezeugte er besonders durch den gewichtigen «Versuch einer naturwissenschaftlichen Betrachtung psychologischer Grundbegriffe» (1894), der von der Intention her an Freuds fast gleichzeitigen «Entwurf einer Psychologie [für den Neurologen]» (1895) erinnert (siehe Freud 1987). Bei dieser Gleichsinnigkeit der Interessen verwundert es nicht, dass Bleuler (der schon Freuds theoretisch-neurologische Monographie Zur Auffassung der Aphasien von 1891 als «genialen Wurf» empfunden hatte)11 die im deutschsprachigen Bereich wahrscheinlich positivste Fachbesprechung der frühen Pionierschrift der Psychoanalyse, der Studien über Hysterie von Breuer und Freud (1895), veröffentlichte (Bleuler 1896)12 – eine Stellungnahme, die Freud offenbar entging. Schon hier findet sich notabene der für Bleulers Einstellung zu Freud leitmotivische Satz, es fehle für manche Behauptungen «der strikte Beweis». 8 Jones I, S. 280. Bernheim charakterisierte ihn damals gegenüber Forel als «un charmant garçon» (Forel 1968, S. 224). 9 Siehe Schröter 2001, S. 721 f.; zum Thema insgesamt Mayer 2002; Tanner 2005. 10 Er hat darin nicht zuletzt seine zunehmende Kritik an der Freud’schen Psychoanalyse niedergelegt, ab 1911 in einem eigenen Kapitel (siehe unten, S. 28). 11 So Bleuler 1926. Die Aussage in diesem Artikel, er habe auf Freuds Aphasieschrift in einer Rezension hingewiesen, scheint auf einer Verwechslung zu beruhen (siehe unten, Anm. 18); nachweisbar ist nur eine positive Bezugnahme von 1892 in einem eigenen Artikel im Neurologischen Centralblatt (Küchenhoff 2001, S. 57). – Übrigens nahm auch Freud Bleuler schon in den 1890er Jahren als Hirnforscher wahr (siehe 1897a, S. 302) 12 Zur Rezeption der Studien im Allgemeinen und durch Bleuler im Besonderen siehe Ellenberger 1973, S. 1028–1030; Kiell 1988, S. 63–74; Ridder u. Corveleyn 1992, S. 246–248.
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Als Bleuler ins Burghölzli kam, war die Psychotherapie «ein gefestigter Bestandteil seiner professionellen Identität» (Bernet 2010, S. 149). Unter seiner Ägide verstärkte sich die psychologische Ausrichtung der wissenschaftlichen Arbeit, wobei man zu Vergleichszwecken auch weit in den Bereich der Normalpsychologie ausgriff.13 Als Methode wurde speziell das Assoziationsexperiment adoptiert. Im Jahr 1900 schickte Bleuler seinen (künftigen) Assistenzarzt Franz Riklin nach Heidelberg, damit er sich am Lehrstuhl von Emil Kraepelin in den Gebrauch der Methode einweisen lasse. Riklin gab das neuerworbene Wissen sogleich an Bleuler und dessen frischgebackenen Assistenten C. G. Jung weiter und wurde in den folgenden Jahren Jungs wichtigster Mitarbeiter bei der Durchführung der diagnostischen Assoziationsstudien, die sich bis auf Weiteres zum Haupt-Forschungsprojekt an Bleulers Klinik entwickelten. Wie das Pflegepersonal fungierten die dortigen Ärzte auch selbst als Versuchspersonen, gewiss einschließlich ihres Chefs und wahrscheinlich ihrer Frauen.14 Freud war schon in dieser Zeit ein Autor, den die Zürcher Universitätspsychiater zumindest im Blick hatten. Bleuler erwähnte ihn auch nach seiner Rezension der Studien über Hysterie; er ließ von Jung die kleine Schrift Über den Traum (Freud 1901a) referieren.15 Riklin scheint als Erster 1901 die kathartische Methode von Breuer und Freud erprobt zu haben (Kerr 1994, S. 79 f.); Jung verwies in Publikationen von 1902 und 1903 gelegentlich auf Freuds Hysterie- und Traumforschungen.16 Auch im ersten Stück der Diagnostischen Assoziationsstudien verwendeten Jung und Riklin (1979 [1904]) ausdrücklich, wiewohl noch zögernd, Freud’sche Konzepte.17
13 Genaueres zum Folgenden bei Kerr 1994, S. 59 f., 74–78; Wieser 2001, S. 18–22, 36. – Dass in diesem Prozess Ideen von Pierre Janet eine tragende Rolle gespielt hätten, wie Moskowitz glaubhaft zu machen sucht (2007; Moskowitz u. Heim 2011), hat wenig für sich. Nicht nur gibt es keine positiven Belege für diese These, auch die Janet-Rezensionen von Bleuler (1899; 1903; 1909) sprechen dagegen. In der ersten kritisiert er Janets Abhängigkeit von Charcot in Bezug auf Hysterie und Suggestion, fühlt sich durch seine Ausführungen an Freud und Breuer (1895) erinnert und hebt lobend hervor, dass Janet «hoch über seinen etwas dubiösen Theorien» stehe. 14 Siehe Jung u. Riklin 1979 [1904] (Pflegepersonal: S. 153). In der Gruppe der untersuchten «gebildeten Männer» wird man überwiegend Ärzte des Burghölzli vermuten dürfen; Bleuler könnte vom Alter her die Versuchsperson 2 in dieser Gruppe sein (ebd., S. 87), so wie Jung unter Nr. 5 vermutet wurde (Kerr 1994, S. 76; vgl. Wieser 2001, S. 21). Es ist ferner verlockend, die Versuchspersonen 6–8 der Gruppe «Gebildete Frauen» (a. a. O., S. 68–74) mit Bleulers Frau sowie deren Mutter und Schwester (siehe 8B/8) zu identifizieren. 15 Zur Erwähnung: oben, Anm. 13; zu Jungs Referat: F/J, S. XIV, Anm. 10. – Obwohl die Sachlage eindeutig ist, liest man in der Literatur seit Ellenberger immer wieder, das Referat habe sich auf die große Traumdeutung (Freud 1900a) bezogen (z. B. Wieser 2001, S. 18; Scharfetter 2006, S. 256, 265; Apelt-Riel 2009, S. 36; Dalzell 2011, S. 204). 16 Siehe Register zu Bd. 1 seiner Gesammelten Werke. 17 Von «Verdrängung» ist darin vielfach die Rede, aber erst kurz vor Schluss kommt eine Fußnote, in der es explizit heißt, dass der Ausdruck «immer im Sinne von Breuer und
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Annäherung an Freud (1904–1906) Verstärkte Freud-Rezeption am Burghölzli Im April 1904 nahm Bleuler die Rezension eines Buches von Leopold Löwenfeld über Zwangserscheinungen, das ein von Freud verfasstes Kapitel über seine «Methode» (1904a) enthielt, zum Anlass – oder vielmehr zum Vorwand –, um für den Autor der Studien über Hysterie und der Traumdeutung, der dem Publikum ein Stück «einer neuen Welt gezeigt» habe, eine Lanze zu brechen (Bleuler 1904b). Seine Wertschätzung für den Wiener Kollegen musste sehr gestiegen sein, wenn er einen sechsseitigen Einschub in einem 570-Seiten-Buch derart herausstrich.18 Durch diesen Artikel erfuhr Freud, dass sein Werk in Zürich positiv rezipiert wurde. Er schrieb an seinen Berliner Freund Wilhelm Fließ (Freud 1986, S. 505): «Eine geradezu verblüffende Anerkennung meines Standpunktes fand ich unlängst in einer Buchkritik der Münchener Medizinischen Wochenschrift von seiten eines offiziellen Psychiaters, Bleuler in Zürich. Denke Dir: ein o. ö. Professor der Psychia trie und meine bisher mit Abscheu genannten ††† Studien über Hysterie und Traum.» Möglicherweise trug dieses erste Anzeichen einer Akzeptanz seiner Theorien und seiner Technik in der akademischen Sphäre, das ihm vor Augen kam, dazu bei, dass Freud im Sommer 1904 eine mehrjährige Schaffenspause beendete und gleich zwei seiner Hauptwerke auf einmal schrieb oder abschloss, die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und das Witz-Buch (vgl. ebd., S. 510; 4B+1), die beide in der ersten Hälfte 1905 erschienen.19 Für zwei weitere Freud-Publikationen der Jahre 1905/06, die Dora-Analyse (1905e), deren Manuskript seit 1901 fertig war, und die erste Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre (1906), lassen sich direkte Indizien für einen solchen Zusammenhang nennen.20
Freud» gebraucht werde (a. a. O., S. 208, Anm. 87). Riklin mag der Erste gewesen sein, der öffentlich auf die Verbindung der Zürcher Assoziationsforschung mit den Funden Freuds hinwies (Wieser 2001, S. 21). 18 Später bemerkt Bleuler (1926) über Freuds «geniale» Aphasieschrift, er habe vor Zeiten «eine Ausrede» benutzt, um «in dem gelesensten Referatenblatt» auf sie hinzuweisen. Die Aussage dürfte sich tatsächlich auf die oben erwähnte Rezension von 1904 beziehen, zu der sie bestens passt. 19 Es ist in diesem Zusammenhang auffällig, dass Freud im Witz-Buch (1905c, S. 164, Anm.) bereits eine rezente Arbeit von Bleuler (1904a) anführt. – Zum selben Publikationsschub muss außerdem die erste Buchausgabe der Psychopathologie des Alltagslebens (Freud 1901b) von 1904 gerechnet werden. 20 Die Dora-Analyse bot Freud, wie Tanner plausibel gemacht hat (2005, S. 107–110), zuerst dem Journal für Psychologie und Neurologie an, der damaligen Hauszeitschrift des Burghölzli, wo er offenbar jetzt auf Wohlwollen glaubte rechnen zu können; erst als er dort zurückgewiesen wurde, griff er auf seine ursprüngliche Absicht zurück und ging zur Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, wo die Arbeit herauskam. – Zum ersten Band seiner Sammlung siehe 2B und 3B+2.
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Als Freud 1914 seine «Geschichte der psychoanalytischen Bewegung» vorbereitete, fragte er seinen Berliner Schüler Karl Abraham, der ab Dezember 1904 drei Jahre am Burghölzli gearbeitet hatte, wann das Interesse an der Psychoanalyse dort angefangen habe, und Abraham antwortete (F/A, S. 354 f.): das «eingehendere Interesse» sei bei seiner Ankunft in Zürich «bereits vorhanden» gewesen, habe vielleicht sogar schon 1903 eingesetzt; Jung habe seine erste Analyse (Sabina Spielrein; siehe Minder 1994 und Richebächer 2005) 1904 durchgeführt. In dieselbe Zeit, September 1904, führt der erste Brief aus der eigentlichen Korrespondenz zwischen Bleuler und Freud: «Im Burghölzli», schreibt Bleuler (2B), seien sie «eifrige Verehrer der Freud’schen Theorien in Psychologie und Pathologie»; deshalb vermissten sie eine knappe Zusammenfassung derselben. Die Komponente des «Eifrigen», der Begeisterung einer ganzen Ärztegruppe (Loewenberg 1995, S. 64–67), brachte vor allem Jung, der im Dezember 1904 seine Habilitationsschrift über die Reaktionszeiten beim Assoziationsexperiment eingereicht hatte (Wilhelm 1996) und 1905 Bleulers Sekundararzt (= Oberarzt) wurde, in die Beschäftigung der Zürcher mit Freud hinein (vgl. F/Bi, S. XXXIVf.). Jedenfalls rühmte sich Jung später, dass er es gewesen sei, der Bleuler an einem bestimmten psychotischen Fall «auf das Vorhandensein Ihrer [Freuds] Prinzipien aufmerksam machte, damals noch unter lebhaftem Widerstand seinerseits» (F/J, S. 4 f.). Wenn er aber im nächsten Satz behauptet, dass er seinen Chef zu den neuen Theorien aus Wien geradezu «bekehrt» habe, verleugnet er dessen initiative Rolle in der Zürcher Freud-Rezeption. Bleuler hat später zu Recht darauf insistiert, dass er Jungs Aufmerksamkeit auf Freud und die Psychoanalyse gelenkt habe (49B).21 Ein anderer Ausländer, Max Eitingon, der Anfang 1905 an Bleulers Klinik kam (und 1909/10 Abrahams Analytiker-Kollege in Berlin wurde), geriet mitten hinein in die «siedendheiße Atmosphäre», in der dort mittlerweile die Freud-Rezeption betrieben wurde (Freud u. Eitingon 2004, S. 933). Neben der klinischen Tagesarbeit wurden psychologische Experimente durchgeführt, auch über die Assoziationsstudien hinaus, und Analysen mit neurotischen oder psychotischen Patienten versucht. Was aber die Atmosphäre am meisten aufheizte, war ein unablässiger kollektiver Deutungsprozess: «Die Ärzte des Burghölzli», so Bleuler (1910, S. 660), «haben einander nicht nur die Träume ausgelegt, wir haben jahrelang auf jedes Komplexzeichen aufgepaßt, das gegeben wurde: Versprechen, Verschreiben, ein Wort über die Linie schreiben, symbolische Handlungen, unbewußte Melodien summen, Vergessen usw. Auf diese Weise haben wir einander kennen gelernt, bekamen gegenseitig ein einheitliches Bild von unserem Charakter und unseren bewußten und unbewußten Strebungen und man war ehrlich genug, die richtigen ‚Deutungen‘ als 21 Küchenhoff (2000, S. 223) nennt vier Gründe für Bleulers frühe Affinität zu Freud: 1. die Wertschätzung für Freud als Neurologen; 2. den spezifischen Wunsch, seine psychotischen Patienten zu verstehen; 3. den gemeinsamen deterministischen Ansatz; 4. wissenschaftliche Neugier.
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solche anzuerkennen.»22 An diesem Unternehmen beteiligten sich wiederum nicht nur die Ärzte bis hin zum Klinikdirektor, sondern auch deren Frauen (bis es ihnen von ihren Männern verboten wurde) – einschließlich von Hedwig Bleuler-Waser, einer promovierten Germanistin, die der 44-jährige Eugen Bleuler 1901 geheiratet hatte.23 Ihr ältester Sohn, Manfred Bleuler, erinnerte sich später, dass er es als Kind, ebenso wie die älteste Tochter Jungs, durchaus gespürt habe, dass sie psychoanalytisch beobachtet wurden (Int. mit K. R. Eissler, SFP; vgl. 6B). Bleuler hatte mit dem Verständnis seiner Träume Schwierigkeiten, über die ihm auch seine Kollegen und seine Frau nicht hinweghelfen konnten (6B). Deshalb bat er Freud um deutende Auskunft, was zu einem ersten Höhepunkt des Briefwechsels der beiden führte (vgl. Mayer 2002, S. 227–230). Für spätere Jahre ist bezeugt, dass er sich in gleicher Absicht an Jung wandte (F/J, S. 27, 346, 410). Es war für Freud wie für Jung ausgemacht, dass Bleuler mit der Deutung von Träumen Schwierigkeiten hatte, was sie, gegen dessen Protest, als Beleg für innere «Widerstände» werteten (5B+2). Tatsächlich imponiert die sachbezogene Neugier und Lernbereitschaft, mit der Bleuler, ungeachtet seiner Chefposition, bei anderen in die Schule ging, auch wenn sie (wie Jung oder der bloße Titularprofessor Freud) hierarchisch unter ihm standen – eben weil sie etwas Lohnendes zu lehren hatten. Dieselbe Einstellung bewog ihn 1921 dazu, dass er von Hermann Rorschach Tafeln seiner Klecksbilder erbat, um den neuen Test erproben und mit dem Autor besprechen zu können (unten, S. 54). Jung rühmte in der Zeit, als er noch nicht gegen seinen (Ex-)Chef gestimmt war, dessen «jugendlichen Lerneifer, wie ihn in diesem Alter nur ein absolut gescheiter und intellektueller Mensch haben kann» (F/J, S. 136 f.). Dass sich Bleuler ohne weiteres selbst zum Forschungsobjekt nahm, war für einen Arzt seiner Zeit nicht ungewöhnlich. Er hatte sich früher nicht nur zu experimentellen Zwecken hypnotisieren lassen, sondern schon als Student seine Neigung zum Farbenhören in einer Monographie ausgewertet (Bleuler u. Lehmann 1881; vgl. unten, S. 40–42).
Die Achse Wien – Zürich wird öffentlich Ab 1905/06 traten die Burghölzli-Psychiater laut und öffentlich für die Psychoanalyse ein. Sie taten es auf verschiedene Weise. Zunächst und vor allem griffen sie Freud’sche Annahmen explizit in ihren Forschungen auf und führten sie weiter. So
22 Ein weiterer Zeuge für die ansteckende Begeisterung, mit der damals die ganze positive Arbeit am Burghölzli auf die psychoanalytische Durchdringung der Psychiatrie gerichtet war, ist Alphonse Maeder (Int. mit Eissler; SFP). Hermann Nunberg, der seit WS 1906/07 bei Bleuler und Jung studierte und 1910 promoviert wurde, berichtet, wie er die Träume seiner Kollegen analysierte (1969, S. 8 f.). 23 Zur Beteiligung der Ärztegattinnen siehe H. Abraham 1976, S. 62; zu Hedwig BleulerWaser: 5B+4 und 6B.
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setzte Jung die Komplextheorie, die er aus seinen Assoziationsexperimenten entwickelt hatte, mit der Psychoanalyse in Verbindung (1979 [1905]), und Bleuler nannte in seinem theoretischen Beitrag zum ersten Band der Diagnostischen Assoziationsstudien (1906b, S. 231 f.), der im Frühjahr 1906 herauskam (F/J, S. 3), die Studien über Hysterie und die Traumdeutung neben je einem Titel von Flournoy und Jung als grundlegende Arbeiten zur «Psychologie des Unbewußten» (auch wenn er den Begriff viel deskriptiver auffasste als Freud). Ähnlich anerkennend sind einige Hinweise in seinem damaligen Bändchen Affektivität, Suggestibilität, Paranoia, vor allem im ersten Teil («Der Einfluss der Affektivität auf die Mechanismen des gesunden und kranken Denkens ist eigentlich erst durch Freud’s Arbeiten ins richtige Licht gesetzt worden»: 1906a, S. 19, Anm.).24 Während die beiden letztgenannten Publikationen in der gedanklichen Sub stanz oder gar im Wortlaut in die 1890er Jahre zurückreichten (siehe Bleuler 1910, S. 693), so dass die Freud-Bezüge ein bisschen aufgesetzt wirken, ging der mehrteilige Beitrag «Freud’sche Mechanismen in der Symptomatologie von Psychosen» (1906–07), der im November 1906 erschien, direkt aus der Beschäftigung mit Freud hervor. Hier zeigt Bleuler auf, dass manche Regelmäßigkeiten der Traumbildung (Symbolik, Wunschcharakter) in der psychotischen Symptombildung wiederkehren. Freud quittierte die Zusendung dieser Publikation, in der er als «Entdeckergenie» bezeichnet wurde, mit unverhohlener Freude (12F). Sosehr aber der Aufsatz eine Akzeptanz seiner Funde demonstrierte (und demonstrieren sollte), so deutlich ist auch, dass die Akzeptanz begrenzt war. Sie beschränkte sich auf Annahmen der Traumdeutung, die Bleuler «sogleich nach der ersten Lectüre» eingeleuchtet hatten (5B). Die konstruktive Anknüpfung an die Psychoanalyse war das eine. Darüber hinaus stürzten sich die Zürcher, als Freud nach der Publikationsflut von 1905 zunehmend angegriffen wurde, zu seiner Verteidigung in den wissenschaftlichen Streit – was Freud für sich selbst verschmähte (Jones II, S. 137 ff.). Sie ergriffen auf wissenschaftlichen Tagungen für ihn Partei, beginnend mit einem Auftritt Jungs beim ersten internationalen Psychiatriekongress in Amsterdam im September 1907 (C. Müller 2005a); und sie setzten sich in apologetischen Veröffentlichungen für ihn ein. Bleuler, um nur von ihm zu reden, wies im Juni 1906 im Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie in einem Leserbrief eine vernichtende Kritik von
24 Die Analyse einer Fehlleistung in dieser Schrift (S. 121) mag direkt durch Freud angeregt worden sein und wurde jedenfalls von diesem in die 2. Auflage der Psychopathologie des Alltagslebens aufgenommen (1901b, S. 171). Der Schrift selbst widmete Freuds «Psychologische Mittwoch-Gesellschaft» eine ganze Sitzung, ohne viel Positives daran zu finden (Prot. 1, S. 30–35). Freud («eine schwächliche Arbeit») bemängelte z. B. Bleulers «Wortgötzendienst» und seine Vernachlässigung der Verdrängung in Bezug auf die Para noia, würdigte aber auch «die Zurückführung der Erkrankung auf einen Affektanlaß» als «große Neuigkeit» (S. 32).
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Walter Spielmeyer, einem Hoche-Schüler aus Freiburg, an Freuds Dora-Studie zurück (1906c),25 wobei er erstmals das für ihn charakteristische Argument vortrug, dass niemand berechtigt sei, Aussagen abzulehnen, die er nicht nachgeprüft habe. Im Burghölzli habe man speziell die Symboldeutungen in mehrjähriger täglicher Arbeit bestätigt gefunden. Allerdings fasse man die zugrundeliegenden Mechanismen zum Teil etwas anders auf; für eine Beurteilung des therapeutischen Verfahrens fehle es ihm an genügenden Erfahrungen; und mit Freuds Sexualtheorie könne er vorerst nichts anfangen. – Die kurze Stellungnahme enthält bereits jene Mischung von couragierter Parteinahme und bedachtsamer Abwägung des Pro und Contra, die für Bleulers Einstellung zur Psychoanalyse typisch blieb. Dass ein solches Eintreten für Freud einigen Mut erforderte und eine hohe Standfestigkeit gegenüber der akademisch-psychiatrischen Community, zeigte sich schon damals. Robert Gaupp, Kraepelin-Schüler, Professor für Psychiatrie in Tübingen und Herausgeber des Centralblatts, in dem Spielmeyer seine Kritik veröffentlicht hatte, schrieb an Bleuler nach Erhalt von dessen Anti-Kritik einen persönlichen Brief (Scharfetter 1999, S. 144 f.). Während er den Text für seine Zeitschrift akzeptierte, meldete er doch schwere Bedenken an: Er sei über Freuds Aphasie- Studie «entzückt» gewesen, habe seine ersten Arbeiten über die Abwehrneurosen noch als innovativ und wertvoll empfunden, aber die Drei Abhandlungen mit ihren Ausführungen über die «Erotik des Säuglings» halte er für abwegig. Hinzu komme eine böse klinische Erfahrung: Kürzlich habe ihn «eine Wiener Millionärin» mit ihrer Tochter aufgesucht, die auf den ersten Blick als «Schulfall einer absolut dementen Epileptika» erkennbar gewesen sei. So habe auch die Diagnose der Wiener Autoritäten gelautet. «Nur Freud hatte immer darauf bestanden, daß es sich um eine Hysterie handle; 3 Jahre lang sei die Kranke täglich zu ihm gegangen, immer habe er nach ihrem Erlebnis gefahndet, aber sie habe eben nichts zu sagen gewußt. Täglich habe sie für die Sitzung 40 Kronen gezahlt, aber ein Erfolg sei nicht eingetreten.» Also mindestens, so Gaupp, ein Beleg dafür, «daß Freud die unglaublichsten Fehldiagnosen stellt».26 – Man hat hier ein in seiner Konkretheit ebenso seltenes wie kostbares Zeugnis dafür, wie sich Freuds schlechter Ruf in academia herausbildete. Die Geschichte reflektiert, wenn man materielle Motive beiseite lässt, die Vorrangstellung, die er in seiner Praxis dem Forschen gegenüber dem Hei-
25 Die Kritik scheint ihn so erregt zu haben, dass er den Namen des Autors wenig später in einer gedruckten Bezugnahme zu «Spielberg» verballhornte (Bleuler 1906–07, S. 316). Auch der an sich positiv argumentierende Aufsatz über «Freud’sche Mechanismen» beginnt mit einer Kritik an Freuds Kritikern (ebd.). 26 Eine ähnliche Beobachtung aus der Praxis, wo an einem schizophrenen (also nach seiner Auffassung durch Psychoanalyse im Wesentlichen nicht heilbaren) Patienten «ein ganzes Vermögen verpsychanalysiert» worden sei, führte Bleuler später auch selbst gegenüber Freud ins Feld (56B). Dessen Einstellung zu «Analysen mit psychotischen Patienten» wird von May (2007, S. 698–704) erörtert.
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len gab (Schröter 1996): Auch solchen Patienten, die «jenseits jeder therapeutischen Chance» waren, wollte er zumuten, «sich der Wissenschaft zu opfern» (F/J, S. 524). Für Bleuler und seinen Lehrstuhl blieb das Engagement für die Psychoanalyse ein – wenn auch besonders wichtiges – Kapitel ihrer laufenden Geschichte. Für die Freud-Schule aber eröffnete es eine neue Epoche (vgl. Falzeder 2004b). Zuvor repräsentiert durch einige wenige Veröffentlichungen Freuds, die nach dem relativen Erfolg der Studien über Hysterie ins Abseits der Privattheorie eines prakti zierenden Nervenarztes abzugleiten drohten, und sozial beschränkt auf einen Diskussionszirkel von Wiener Ärzten und Intellektuellen, die «Psychologische Mittwoch-Gesellschaft», die im Herbst 1906 17 Mitglieder zählte (Prot. 1, S. 1), wurde sie jetzt durch ihre Verbindung mit einer angesehenen akademischen Institution ein Akteur auf der internationalen wissenschaftlichen Bühne – zwar vielfach bekämpft, aber doch beachtet. Das Assoziationsexperiment bot eine Möglichkeit, Interessenten in die Grundlagen der neuen Lehre einzuführen; Zürich (nicht Wien) wurde für mehrere Jahre die zentrale Informations- und Ausbildungsstätte der Psychoanalyse. Die allermeisten Anhänger Freuds, die den Boden für das Wachstum seiner Schule bereiteten, stießen mehr oder weniger auf dem Weg über das Burghölzli zu ihm; das gilt nicht nur für C. G. Jung, Karl Abraham, Max Eitingon oder Abraham A. Brill, sondern auch für Ludwig Binswanger, Sándor Ferenczi, Ernest Jones, Hermann Nunberg oder James J. Putnam, um nur die bekanntesten zu nennen (Falzeder 2004a, S. 152 f.; Loewenberg 1995, S. 48).27 Die von Bleuler initiierte Annäherung der Zürcher Universitätspsychiater an Freud kann (vielleicht neben der Institutionalisierung der Ausbildung ab 1920) als das wichtigste äußere Ereignis in der Geschichte der Psychoanalyse vor 1933/38 bezeichnet werden. Freud war sich dieser Bedeutung sehr bewusst, fühlte sich dadurch zu «immerwährender Dankbarkeit» gestimmt (23F) und gab sich große Mühe, die Beziehung zu Bleuler aufrechtzuerhalten, auch wenn es ihm immer wieder schwerfiel.
Konsolidierung der Beziehung (1906–1909) Organisatorische Assoziation Obwohl also Bleuler die Zürcher Freud-Rezeption in Gang gebracht hatte und auch weiter beförderte – ihr Energiezentrum war Jung. Nachdem dieser mit Freud einen regelmäßigen Briefwechsel begonnen (Oktober 1906) und ihm einen ersten Besuch abgestattet hatte (März 1907), trat der vielbeschäftigte Klinikdirektor, der schon seit einigen Jahren sein klinisches Hauptwerk, das Buch über die Gruppe der Schizophrenien, vorbereitete (F/Bi, S. XXXIV; unten, S. 35 f.), in der Beziehung zu 27 Von den 24 Namen, die in Möslis Liste der «Ärzte am Burghölzli 1898–1927» (2006) für die Jahre 1906–1909 verzeichnet sind, erscheinen 14 als Mitglieder einer Ortsgruppe der IPV, die allermeisten natürlich in Zürich (Korr.).