Begleitbuch zur Ausstellung « PETRA – Wunder in der Wüste. Auf den Spuren von J. L. Burckhardt alias Scheich Ibrahim»
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Begleitbuch zur Ausstellung «PETRA – Wunder in der Wüste. Auf den Spuren von J. L. Burckhardt alias Scheich Ibrahim» Eine Ausstellung des Antikenmuseums Basel und Sammlung Ludwig in Zusammenarbeit mit dem Ministry of Tourism and Antiquities/Department of Antiquities of Jordan und dem Jordan Museum, Amman Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig 23. Oktober 2012 bis 17. März 2013
Impressum Begleitbuch
Ausstellung
Begleitbuch zur Ausstellung «Petra. Wunder in der Wüste. Auf den Spuren von J. L. Burckhardt alias Scheich Ibrahim»
Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig
im Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig
Kuratoren: Andrea Bignasca, Laurent Gorgerat, Ella van der Meijden, Stephan G. Schmid
Wissenschaftliche Leitung: Stephan G. Schmid
Assistenz: Andrea Casoli, Cheyenne Peverelli, Daniela Scharf Jakob
Redaktion: Ella van der Meijden, Stephan G. Schmid Übersetzungen: Ivo Zanoni
Bildung und Vermittlung: Laurent Gorgerat, Claudia Manser, Annegret Schneider
Gestaltung, Layout, Satz: Anex & Roth Visuelle Gestaltung, Basel
Medien, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing: Vera Reinhard
Direktor: Peter Blome
Internet, EDV: Nicholas Zurschmiede Konservatorische Betreuung, Montage der Exponate: Kurt Bosshard, Olivier Berger, Suzanne Dürr, Ueli Pfister Gedruckt mit der grosszügigen Unterstützung durch Peter und Simone Forcart-Staehelin
Verwaltung und Sekretariat: Wolfgang Giese, Patricia Gaspoz, Brigitte Nicosia, Jrène Zimmer Fotos: Andreas F. Voegelin Sicherheit/Aufsicht und Haustechnik: Viktor Hürbin, Urs Kaufmann Besucherempfang, Shop, Führungskoordination, «Events»: Ilona Hellstern, Daniela Probst
Basel-Stadt Department of Antiquities of Jordan Fares AI-Hmoud, Geschäftsführender Generaldirektor, Amman Maysoun AlQatarneh, Direktorin der Abteilung für internationale Zusammenarbeit, Amman Mohammed Al-Marahleh, Kurator, Petra Museum The Jordan Museum, Amman Khairieh Amr © 2012 Verlag Schwabe AG, Basel und Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2847-7 (Begleitbuch) ISBN 978-3-7965-2848-4 (Bildband) ISBN 978-3-7965-2849-1 (Schuber) www.schwabeverlag.ch
6
Beratung und Kontakte in Jordanien: Ueli Bellwald, Amman
Leihgeber
Ehrenkomitee
Department of Antiquities of Jordan
I. K. H. Prinzessin Sumaya bint El Hassan
The Jordan Museum, Amman
S. E. Senator Akel Biltaji, Vorsitzender der Kommission für Tourismus und Kulturerbe im Oberhaus des Haschemitischen Königreichs Jordanien
Privatsammlungen Basel Historisches Museum Basel Universitätsbibliothek Basel Museum der Kulturen Basel Naturhistorisches Museum Basel Staatsarchiv Basel Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett Münzkabinett Winterthur Zentralbibliothek Zürich
S. E. Nayef Hmeide Al-Fayez, Minister für Tourismus und Antiken des Haschemitischen Königreichs Jordanien Dr. Moawiyah Ibrahim, Vertreter Jordaniens im Weltkulturerbe-Komitee der UNESCO Prof. Zeidan Kafafi, Geschäftsführender Direktor, Jordan Museum Prof. Asem Barghouthi, ehem. Direktor, Jordan Museum Dr. Ghazi Bisheh, ehem. Generaldirektor, Department of Antiquities Dr. Raouf Abu Jaber, Historiker S. E. Nibil Masarweh, Botschafter des Haschemitischen Königreichs Jordanien in der Schweiz S. E. Michael Winzap, Botschafter der Schweiz in Jordanien
Szenografie, Grafik: Anex und Roth Visuelle Gestaltung, Basel
Dr. Guy Morin, Regierungspräsident des Kantons Basel-Stadt
Print Ausstellungselemente: Creaplot AG, Münchenstein Schreinerei: Bauhaus Muttenz; Schreinerei Ringli AG, Münchenstein
Dr. Barbara L. Begelsbacher, Präsidentin der Kommission für das Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig
Malerarbeiten: Barbey Söhne AG, Basel
Prof. emer. Dr. Rolf A. Stucky
Beleuchtung: matí AG, Adliswil
Dr. Urs Burckhardt
Internet, Multimedia: PZ Multimedia AG, Basel; little-bit, Basel Hydraulisches Modell: Institut für Umweltingenieurwissenschaften der ETH Zürich, Prof. Dr. Wolfgang Kinzelbach, Dr. Konrad Schoeck (Assistent), Toni Blinschi (Institutstechniker) Transport der Exponate: Möbel-Transport AG, Münchenstein-Basel Versicherung der Exponate: Nationale Suisse
7
Inhalt Sumaya bint El Hassan Nayef Hmeide Al-Fayez Peter Blome Fawzi Zayadine, Stephan G. Schmid
Zum Geleit
10 12
Vorwort
13
Einleitung
14
Johann Ludwig Burckhardt und die frühen Petra-Reisenden
18
Rolf A. Stucky
Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim,der Entdecker von Petra und Abu Simbel
19
Rolf A. Stucky
Cambridge University Library, Islamic Manuscripts, Add 281, 8
28
Die Schriften des Johann Ludwig Burckhardt
34
Reisende und Gelehrte. Die frühe Petra-Forschung nach J. L. Burckhardt
36
Die Nabatäer, ein reiches Nomadenvolk in der Wüste
42
Ursula Hackl
Die Geschichte der Nabatäer
43
Hanna Jenni
Sprache, Schrift und Texte der Nabatäer
48
Die Herkunft der Nabatäer
53
Die Religion der Nabatäer
58
63
Ella van der Meijden Zanoni
David Graf Robert Wenning Veit Vaelske
Ägyptische Götter in Petra
Die Münzen der Nabatäer
66
Wirtschaft und Handel de Nabatäer
71
Christoph Schneider
Der Fernhandel
72
Michel Mouton
Südarabien und der Aromata-Handel
75
Caroline Durand
Die Handelsgüter
80
Christoph Schneider
Importgüter in Petra
84
Markus Peter
Claudia Bührig Thomas Maria Weber
Antike Stadtkultur in Nordjordanien
88
Die Dekapolis-Städte. Anmerkungen zu den Stadtanlagen
89
Skulpturen aus den zehn griechischen Städten des Ostjordanlandes (Dekapolis) und deren Umfeld
95
Petra: vom Zeltlager zur Hauptstadt der Nabatäer
102
Geologie und Umwelt Petras
103
Petra vor den Nabatäern
108
Petra und Alexandria
112
Die Wasserversorgung Petras in der Antike
120
Die frühe nabatäische Besiedlung Petras
127
Michel Mouton
Frühe Siedlungsreste beim Qasr al-Bint
127
David Graf
Das hellenistische Petra
131
Brian Beckers Piotr Bienkowski Marianne Bergmann Ueli Bellwald
Stephan G. Schmid Khairieh Amr Paula Kouki Felipe Rojas, Michelle Berenfeld
Petra als Hauptstadt der Nabatäer. Geschichte einer explosionsartigen Entwicklung
134
Wadi Musa in der Antike
142
Das Umland von Petra: der Süden
147
Lücken schliessen: Archäologische Forschungen in Petras nordwestlichen Wadis
150
8
Martha Sharp Joukowsky Laurent Tholbecq Christopher A. Tuttle, Tali Erickson-Gini
Die nabatäische Architektur
156
Der ,Grosse Tempel’ in Petra
157
Nabatäische Tempel im Zentrum Petras
162
Der Löwen-Greifen-Tempel in Petra
166
Laurent Tholbecq
Die ,Obodas-Kapelle’, ein nabatäisches Stammesheiligtum
172
Judith S. McKenzie
Das Heiligtum von Khirbet et-Tannur und seine Skulpturen
176
Stephan G. Schmid
Die dritte Dimension der Felsfassaden: nabatäische Grabkomplexe in Petra
182
«Archiskulptur» und «Architektonik» im antiken Petra. Gedanken zur virtuellen Architektur: Rekonstruktion des Wadi Farasa-Komplexes Ein Blick hinter die nabatäischen Grabfassaden
195 202
Handwerker und Felsbaustellen in Petra
207
Pascal Wirth Lucy Wadeson Jean-Claude Bessac Jacqueline Dentzer-Feydy Shaher M. Rababeh Achim Lichtenberger
Bernhard Kolb May Shaer Laurent Gorgerat, Robert Wenning Stephan G. Schmid, Piotr Bienkowski Andrea Bignasca Stephan G. Schmid
Nabatäischer Architekturdekor
212
Bautechniken und Materialien am Beispiel nabatäischer Monumente in Petra
218
Zum Vergleich: Die Bautätigkeit Herodes’ des Grossen
225
Fundort Petra
230
Nabatäische Wohnarchitektur – Die Ausgrabungen der Universität Basel auf dem Hügel ez-Zantur in Petra
231
Bemerkungen zum nabatäischen Wanddekor
244
Die Ausgrabungen des Aslah-Komplexes in Petra
248
Eine nabatäische Königsresidenz auf Umm al-Biyara in Petra
252
Vergessene nabatäische Felsbilder auf der Umm al-Biyara
262
Figürlich verzierte Reliefs aus Petra – Reste nabatäischer Staatskunst?
266
Laurent Gorgerat
Die Feinkeramik der Nabatäer
274
Laurent Gorgerat
Die nabatäischen Terrakotta-Figuren
280
Matthias Grawehr
Tonlampen in Petra
285
Matthias Grawehr
Bronzeverarbeitung in Petra
290
Knochenartefakte aus den Häusern von ez-Zantur
294
Annegret Schneider
Petra nach dem Ende des Nabatäerreiches
298
Zbigniew T. Fiema
Petra in römischer Zeit: eine herausragende metropolis
299
Zbigniew T. Fiema
Petra in byzantinischer Zeit
305
Zum Ausklang
312
Ivo Zanoni Emad Hejazeen
Von der Faszination des Ausgrabens in einer ‚Traumstadt’
313
Petra bewahren und der Welt vorstellen
320
Anhang
324
Die Autorinnen und Autoren
324
Bildnachweis
325
9
Zum Geleit
Unsere menschliche Zivilisation wäre bei Weitem nicht so magisch, wenn es Petra nicht gäbe. Es ist kaum nachzuvollziehen, warum dieser wunderbare Ort im Westen über fast 15 Jahrhunderte in Vergessenheit schlummern konnte. Erst im Jahr 1812 gelangte Petra zum Erstaunen des ganzen Okzidents wieder zurück ins Bewusstsein. Dies war das Jahr, in dem unser Petra vom unermüdlichen Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt wiederentdeckt wurde. Es ist ihm zu verdanken, dass Petra wieder seinen Platz in den Köpfen der Europäer einnehmen konnte. In diesem Jahr begehen wir den 200. Jahrestag dieses Ereignisses, das unser Leben und unsere Legenden so stark bereichert hat. Jetzt, da der Osten und der Westen, die Araber und Europäer, vor neuen und vielfältigen Herausforderungen stehen und auf gegenseitiges Verständnis und Koexistenz setzen sollten, müssen wir uns darum bemühen, Burckhardts Vermächtnis wiederzubeleben. Mit den Worten von Eugène Ionesco «ist ein Kunstwerk vor allem ein Abenteuer des Geistes». Darum ist es nicht weiter erstaunlich, dass Petra die romantischen Vorstellungen der Europäer bediente. Wer könnte von der stillen Schönheit dieser grossartigen und prächtigen Stadt, die mitten in einem Meer roten Sandsteins liegt, unberührt bleiben? Die sie umgebenden Felsformationen sowie das immerwährende Wasser des Wadi Mousa bilden den Ausgangspunkt vieler Legenden. Petra war und bleibt eine «rosarote Stadt halb so alt wie die Zeit». Petra ist, wie die UNESCO es formuliert hat, «einer der wertvollsten Schätze des menschlichen Kulturerbes». Selbstverständlich war Petra während vielen Jahrhunderten mehr als nur eine romantische Ruinenstätte. Es war die geschäftige und herausgeputzte Hauptstadt eines grossen Reiches, das Zentrum eines ausgedehnten Karawanennetzes, der Kern eines ausgeklügelten Systems zur Nutzung der natürlichen Ressourcen sowie das Bindeglied eines kosmopolitischen Netzwerkes kultureller Austausche. Die nabatäische Nation wirkt auf uns heute vielleicht ein wenig lose und nicht so klar definiert, da wir oft auf Linien und staatlich geschützte Grenzen fixiert sind. Die Nabatäer setzten indes auf eine Politik, die sich hauptsächlich an einem lose kontrollierten Handelsnetz orientierte. Sie passten sich voll und ganz ihrer natürlichen Umwelt an und setzten sich mit den Kulturen, denen sie begegneten, auseinander. Sie waren nicht nur Händler von materiellem Gut, sondern liessen sich von den Ideen anderer inspirieren und so flossen die Früchte dieser Kontakte auch in ihre Kunst und Kultur ein.
10
Wir Araber verdanken der Genialität der Nabatäer und ihrem organisatorischen Talent sehr viel. Unser Alphabet entwickelte sich im 5. Jahrhundert aus kursiven Varianten der nabatäischen Schrift. Am auffälligsten ist aber vielleicht die Tatsache, dass die Nabatäer uns in ihrer Lebensweise an die elementare Abhängigkeit von der Umwelt erinnern. Im Jahr 2012 leben wir in Gesellschaften, die Arbeiten in der Natur nicht mehr als so wichtig und notwendig betrachten. Wir haben Technologien entwickelt, um die Ressourcen des Planeten intensiv auszubeuten, aber nicht solche, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Forschungsergebnisse in Petra sollten unsere Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit lenken, uns wieder mit der natürlichen Umgebung auseinanderzusetzen. Denn die geniale Wasserversorgung Petras war die Voraussetzung für den Aufstieg und eine nachhaltige Entwicklung dieser Wüstenstadt. In unserer wasserarmen Gegend sorgten Dämme, Zisternen und Wasserleitungen in einem genial einfachen System dafür, dass das kostbare Nass für die Landwirtschaft zur Verfügung stand. Die rote und goldene Landschaft ist von terrassierten Wadis und Wasserleitungen geprägt. Das Terrain war im Übrigen mit rätselhaften Steinansammlungen übersät, die man auch heute noch sehen kann: die Tuleilat el-Anab (‚Trauben-Hügel’), die das Sammeln von Wasser unterstützt haben sollen. Petras Untergang ist für uns alle ebenso eine Lektion im Hinblick auf die Wechselfälle von Macht, Politik und Umwelt. Die Bedeutung der Stadt schwand unter römischer Herrschaft schon bald, da der Handel über den Seeweg den Lebensnerv der Stadt getroffen hatte. Zudem hat ein verheerendes Erdbeben im Jahr 363 n. Chr. viele Gebäude zerstört und das Wasserzufuhrsystem beschädigt. Auch heute bleibt Petra in verschiedener Hinsicht bedroht: Es gilt ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung sowie einer wesentlich vom Tourismus geprägten Ökonomie zu finden. Die unzähligen Menschen, die in Petra wohnen, arbeiten und es täglich besuchen, beanspruchen diesen Ort sehr stark. Früher in diesem Jahr publizierten die UNESCO und ICOMOS ihre erste gemeinsame Studie, in der die Bedrohung von Weltkulturerbe durch Mensch und Natur untersucht wird. Sie wählten Petra als erstes und wichtigstes Beispiel einer bedrohten Landschaft aus. Im Jahr 2012 sollten wir uns an unsere Pflicht erinnern, Petra für die Nachwelt zu bewahren. Burckhardt richtete seine ganze Kraft auf die ihm gestellte Aufgabe, die Quellen des Niger-Flusses zu finden. Dabei eignete er sich möglichst viel Wissen über das arabische Leben, die Sprache und die Sitten an. Sein Eifer weckte
in ihm die Idee, ein Alterego zu erfinden, Scheich Ibrahim Ibn Abdallah, wie wir Araber ihn wahrnehmen. Am meisten erstaunt vielleicht die Tatsache, dass Burckhardt um Petras Existenz lediglich aus der klassischen Literatur wusste. Er erkannte die Stadt dank der Beschreibungen ihrer Lage. Wir sollten dafür sorgen, dass die Besucher den Ort immer als magische, isolierte und verletzliche Schönheit empfinden. Ich freue mich sehr, dass Burckhardts Reise im Jahr 1812 zu einer tiefen Beziehung zwischen der Schweiz und Jordanien geführt hat. Ausdruck dieser Freundschaft ist auch das Projekt der Universität Basel mit den Ausgrabungen auf dem Hügel ez-Zantur in Petra, das dank der jordanischen Antikenverwaltung zustande kam und von der Schweizerisch-Liechtensteinischen Stiftung für Archäologische Forschungen im Ausland (SLSA) finanziert wurde. Die Arbeiten begannen im Jahr 1988 unter der Leitung von Prof. Dr. Rolf A. Stucky, einem grossen Freund Jordaniens. Das Projekt ging dann an seinen Schüler Dr. Bernhard Kolb über, während ein anderer herausragender Schüler, Prof. Dr. Stephan G. Schmid, das International Wadi Farasa Project ins Leben rief. Schliesslich hat der Restaurator Ueli Bellwald die Arbeit des Petra National Trust massgeblich vorangetrieben, nicht zuletzt dank der Untersuchungen im Siq. Das Vermächtnis unseres Scheichs Ibrahim Ibn Abdallah und eures Johann Ludwig Burckhardt lebt auch im Jahr 2012 weiter. Es kommt in der allgemeinen grossen Begeisterung für Petra zum Ausdruck, aber auch in der Neugierde, die uns dazu veranlasst, andere Kulturen und Zivilisationen zu erforschen. Um es mit den Worten von George Eliot zu sagen: «Das Abenteuer liegt nicht ausserhalb des Menschen, sondern in ihm selbst».
I. K. H. Prinzessin Sumaya bint El Hassan
11
Die Wiederentdeckung von Petra, diesem wundersamen Ort in der Wüste, ist eng mit dem Wirken des Schweizer Forschers Johann Ludwig Burckhardt verschlungen, der unter der Lokalbevölkerung besser als Scheich Ibrahim bekannt war. Seine Reise in die Gegend im Jahr 1812 ist ein Meilenstein, der ausserordentliche und kulturübergreifende Aufenthalte in der rosaroten Stadt nach sich gezogen hat, denn von überall in der Welt kamen Menschen hierher, um diesen tief beeindruckenden Ort selbst zu erleben. Im Moment des 200. Jahrestages von Petras Wiederentdeckung sind wir voller Staunen über die Aufmerksamkeit, die die Forscher dieser Stadt zuteil werden lassen. Intensiv beschäftigten sie sich mit der Archäologie der Stadt und haben so das reiche Erbe einer einst blühenden Metropole zugänglich gemacht. Es ist mir eine grosse Ehre, eine Einleitung für dieses vorliegende, so gut dokumentierte Buch über die antike Stadt und ihre damaligen Bewohner schreiben zu dürfen. Es begleitet die Ausstellungen, die im Jordan Museum in Amman und im Antiken museum Basel und Sammlung Ludwig in der Schweiz stattfinden. Petras Bedeutung als Welterbe der Kultur kommt darin deutlich zum Ausdruck. Es ist eine hocherfreuliche Sache zu sehen, wie Petra das Interesse der Forscher in der ganzen Welt und besonders in der Schweiz, aber auch bei unseren Spezialisten in Jordanien geweckt hat. Diese Zusammenarbeit zeugt von den kulturellen Verbindungen, die übers Mittelmeer hinweg in den Norden führen. Sie sorgen für eine Wertschätzung unseres Erbes und unserer Gemeinsamkeiten. Die Tatsache, dass über 40 wissenschaftliche Berichte zu verschiedenen Aspekten (so zum Beispiel das Leben von Scheich Ibrahim, die Geschichte der Nabatäer, die Geographie von Petra, die Sprache, die Münzen, die öffentlichen Gebäuden, aber auch das Wasserversorgungssystem und vieles andere mehr) in diesem Band versammelt sind, ist ein deutlicher Beleg für die herausragende Bedeutung, die die Gegend von Petra in der globalen Zivilisation einnimmt. Ein so reich bebildertes Werk, an dem Spezialisten der verschiedensten Disziplinen mitgearbeitet haben, wird sicher eine fruchtbare Grundlage für junge Forscher liefern, damit diese auch in Zukunft das begonnene Werk weiterführen und die Fülle an noch in der Erde verborgenen Informationen zur antiken Stadt, den Nabatäern und zu ihren reichen Traditionen der Menschheit präsentieren können.
Nayef Hmeide Al-Fayez Minister für Tourismus und Antiken Haschemitisches Königreich Jordanien
12
Vorwort
Das Antikenmuseum Basel hat es in den vergangenen 20 Jahren unternommen, bedeutende Kulturen des Vorderen Orients dem mitteleuropäischen Publikum durch Sonderausstellungen zu erschliessen. Auf Syrien, Mesopotamien, Persien und mehrfach auch Ägypten folgt nun Jordanien, nämlich die Kultur der Nabatäer im Süden des Landes mit ihrer imposanten Hauptstadt Petra. Im Namen Petra steckt das griechische Wort für Fels und das trifft das Faszinosum der Nabatäerhauptstadt sehr präzis: Wer an Petra denkt, denkt zunächst an die grossartigen, in den Felsen gehauenen Grabfassaden, deren feingliedriger, hellenistischrömischer Baustil den grösstmöglichen Kontrast zum schroffen Felsgelände abgibt – tatsächlich ein Wunder in der Wüste, zu dem der Besucher erst noch durch ein langes, schattiges und windungsreiches Felscouloir geleitet wird, bevor er dann wie geblendet vor der Fassade der Khazneh steht – exakt der Blick, den unser Ausstellungsplakat wiedergibt. Auf diesem Plakat erscheint gleichsam wie ein Geistwesen das Antlitz jenes Mannes, der vor 200 Jahren, im August 1812, als erster Europäer seit Jahrhunder ten Petra betreten und damit wiederentdeckt hat. Als bärtiger Orientale mit Turban blickt uns Scheich Ibrahim entgegen, hinter dem sich der Basler Patriziersohn Johann Ludwig Burckhardt verbirgt, der auf seinen ausgedehnten, beschwerlichen und gefahrvollen Orientreisen neben Petra auch noch Abu Simbel wieder gefunden hat. So ist es eine vornehme Pflicht, diesen wagemutigen Basler Bürger in unserer Ausstellung zu ehren und auch daran zu erinnern, dass er im Orient, zumal in Jordanien, bis heute in höchstem Ansehen steht. Die materielle und künstlerische Hinterlassenschaft der Nabatäer wird in der Ausstellung durch rund 150 Kunstwerke und Artefakte anschaulich gemacht, die wir der Grosszügigkeit unserer jordanischen Partner, namentlich dem Ministry of Tourism and Antiquities und vor allem dem Department of Antiquities of Jordan sowie dem Petra Archaeological Park zu verdanken haben. Es ist mir deshalb ein grosses Anliegen, allen involvierten jordanischen Kolleginnen und Kollegen in Amman und Petra für diese Zusammenarbeit herzlich zu danken, ebenso dafür, dass I.K.H. Prinzessin Sumaya bint El Hassan als Vertreterin des Haschemitischen Königshauses das Ehrenpatronat übernommen hat. Für das Zustandekommen dieser Ausstellung ist auch von grosser Bedeutung, dass seit 25 Jahren Schweizer Archäologen als Ausgräber in Petra tätig waren und sind, so Rolf A. Stucky, Bernhard Kolb, Laurent Gorgerat und – mit einem Team
der Humboldt Universität zu Berlin – Stephan G. Schmid, den wir für die wissen schaftliche Leitung des Begleitbuches gewinnen konnten, ja wir können sogar aller neueste Funde aus seiner Grabung zeigen. Uns zur Seite stand auch der verdiente Petra-Spezialist Ueli Bellwald, der beste Kenner des monumentalen Wasserver sorgungssystems der Felsenstadt. Die intensiven und konstruktiven Kontakte mit der jordanischen Verwaltung wären nicht möglich gewesen ohne die beständige Unterstützung durch die Schweizer Botschaft in Amman. Auf Seiten des Antikenmuseums lag die Federführung für Ausstellung und Begleitbuch bei Ella van der Meijden und Andrea Bignasca, tatkräftig unterstützt von Laurent Gorgerat und wiederum Stephan G. Schmid. In nun schon bewährter Weise lagen die Gestaltung der Ausstellung und das Layout der Publikationen in den Händen des Ateliers für visuelle Gestaltung Anex & Roth. Chefrestaurator Kurt Bosshard hat es zusammen mit seinem Team unternommen, aus hunderten von kleinen Fragmenten eine bemalte Stuckwand aus der Villa von ez-Zantur zu rekonstruieren. Zudem schuf er aus PU-Schaum eine stark vergrösserte Replik einer nabatäischen Stele, die nun als Blickfang vor dem Museum steht. Da wir die mächtigen Grabfassaden natürlich nicht nach Basel schaffen konnten, haben wir unseren Hausfotografen Andreas F. Voegelin mehrmals nach Petra entsandt, von wo er grossartige Aufnahmen nach Basel zurückbrachte, die nun vor allem das fotografische Begleitbuch zu einem Juwel machen. Für den Druck der beiden Begleitbände zeichnet der renommierte Schwabe-Verlag verantwortlich. Auch diese Ausstellung würde es nicht geben können ohne unseren Hauptsponsor Novartis. Im Namen aller Beteiligten danke ich dem Präsidenten des Verwaltungsrates, Dr. Daniel Vasella, für dieses Engagement sehr herzlich. Für die Begleitbände durften wir zudem von Peter und Simone Forcart-Staehelin einen namhaften Betrag entgegennehmen, ebenso vom Kanton Basel-Stadt. Die Ausstellung «Petra. Wunder in der Wüste» ist die letzte grosse Sonderausstellung, die ich als Direktor zu verantworten habe. Ich möchte es nicht versäumen, an dieser Stelle allen meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren langjährigen und auch beim ambitiösen Petra-Projekt erneut bewiesenen Einsatz sehr herzlich zu danken.
Peter Blome Direktor Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig
13
14
Einleitung
Es ist ausgesprochen schwierig, sich eine Vorstellung davon zu machen, was Johann Ludwig Burckhardt dachte oder fühlte, als er am 22. August 1812 die Ruinen Petras als vermutlich erster Europäer nach langen Jahrhunderten betrat und als solche erkannte. Dies liegt in seiner hoch wissenschaftlichen Heran gehensweise begründet, mit welcher er während seinem nur wenige Stunden dauernden Aufenthalt in Petra unter schwierigen Bedingungen ein Maximum an höchst präzisen Informationen aufnahm und verarbeitete. Romantische Gefühlsausbrüche hatten dabei keinen Platz, Burckhardt liess diese Art der Bewunderung für die «rose-red city, half as old as time»1 den nachfolgenden Besuchern und Forschungsreisenden, er konzentrierte sich in bewundernswerter Art und Weise auf faktische Beobachtungen. So kommt es, dass sogar die Prachtfassade der Khazneh Firaun – neben einer detaillierten und sachlichen Beschreibung – gerade mal mit einem «most elegant» bedacht wird2. Auch sonst ist «handsome» der intensivste Ausdruck, den Burckhardt bei der Beschreibung Petras einsetzt. In einem privaten Brief an seine Eltern, den er am 15. Oktober 1812 aus Kairo abgeschickt hat und in dem er die Entdeckung Petras thematisiert, bleibt er ebenfalls distanziert und sachlich: Auf dem halben Wege zwischen den vorgenannten Meeren sind die Ruinen einer ansehnlichen Stadt, wahrscheinlich Petra, in dem Thale Musa gelegen. Prächtig gezierte Begräbniß-Gewölbe, im Felsen ausgehauen, Überreste von Tempeln, Palästen, ein Amphitheater, eine Wasserleitung und andere Merkwürdigkeiten machen die Ruinen zu einem der interessantesten Orte, die ich bisher noch gesehen 3. Wissen wir somit nicht genau über die Gefühlslage Burckhardts Bescheid, als er eine der bemerkenswertesten antiken Stätten für die Forschung wiederentdeckte, können wir doch ziemlich sicher sein, dass er wohl kaum gedacht hätte, welch riesige und anhaltende Wirkung von seiner Entdeckung und auch von
1
J. W. Burgon, Petra (Gedicht 1845). J. L. Burckhardt, Travels in Syria and the Holy Land (London 1822) 424: «It is one of the most elegant remains of antiquities existing in Syria; its state of preservation resembles that of a building recently finished, and on a closer examination I found it to be a work of immense labour». 3 C. Burckhardt-Sarasin – H. Schwabe-Burckhardt (Hrsg.), Scheik Ibrahim (Johann Ludwig Burckhardt). Briefe an Eltern und Geschwister (Basel 1956) 140; siehe auch den Beitrag von R. A. Stucky, S. 19 –27. 2
15
seinen anlässlich des kurzen Besuches Petras getätigten Beobachtungen ausgehen würde. Im Gegensatz zu vielen späteren Besuchern hatte Burckhardt mit feinem Gespür einige der auch heute noch aktuellsten Fragen der Petra-Forschung präzise erkannt: Die a priori ungünstige Lage der Stadt in einem Felsenkessel, welche nur mit grossem Aufwand in ein richtiggehendes menschgeschaffenes ,Wunder in der Wüste’ verwandelt werden konnte, steht heute immer noch im Fokus der Wissenschaft, wie von mehreren Beiträgen in diesem Band verdeutlicht wird4. Auch hatte Burckhardt bereits gesehen, dass neben den in die Felswände gehauenen Prachtfassaden zahlreiche Ruinen von wahrscheinlichen Privathäusern das Bild der antiken Stadt prägten5. Genau hier setzte exakt 175 Jahre nach Burckhardt das ein, was man die zweite Phase der Basler Petra-Forschung nennen könnte: Anlässlich eines vorbereitenden Besuches von Petra im Jahr 1987 identi fizierte der damalige Basler Ordinarius für Klassische Archäologie, Rolf A. Stucky, ebendiese Reste von Privathäusern auf dem Hügel von ez-Zantur als ein lohnendes Objekt für künftige Ausgrabungen6, welche im Folgejahr begannen und somit heute ihr 25-jähriges Jubiläum feiern können und die ebenfalls einen wichtigen Platz in diesem Band und in der Ausstellung einnehmen. Ausstellung und Begleitband sind somit auch Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, Bilanz beileibe nicht nur von Basler Forschungen, sondern von einer zunehmend inter nationalen und auch vernetzten Erforschung der ehemaligen Nabatäerhauptstadt. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Gilde der Petra-Forscherinnen und -Forscher zu einer ziemlich verschworenen Gemeinschaft entwickelt. Bei aller freundschaftlicher Konkurrenz bei der Jagd nach öffentlichen Forschungsgeldern kennt und unterstützt man sich gegenseitig, sei es auf inoffizieller Ebene, sei es in höchst offiziellem Rahmen, wie im kürzlich abgeschlossenen deutsch-französi schen Forschungsprojekt «Early Petra», in dem unter anderem auch zahlreiche Schweizer Archäologen mitwirkten. So überrascht es denn auch nicht, dass die Beiträge zum vorliegenden Band von Autorinnen und Autoren verfasst wurden, die institutionell in sieben verschiedenen Ländern beheimatet sind und neun Staatsbürgerschaften auf sich vereinen.
4
Burckhardt, Travels 432: «(…); but the communication with the neighbourhood must have been subjected to great inconveniences».
5
Burckhardt, Travels 429: «From thence we descended amidst the ruins of private habitations, into a narrow lateral valley (…)»; siehe auch den Beitrag von B. Kolb, S. 231–243.
6
R. A. Stucky und Mitarbeiter, Schweizer Ausgrabungen in ez-Zantur, Petra. Vorbericht der Kampagne 1988, Annual of the Department of Antiquities of Jordan 34, 1990, 249–250.
16
All diese Unternehmungen wären nicht möglich geworden ohne die stetige Gastfreundschaft, die den ausländischen Forschern in Jordanien entgegengebracht wird. Der bereits erwähnte Besuch Petras im Jahr 1987 kam auf Betreiben des damaligen Vizedirektors des jordanischen Antikendienstes, Dr. Fawzi Zayadine, zustande und wurde von offiziellen Stellen ebenso unterstützt wie vom Haschemitischen Königshaus im Rahmen der Kontakte mit der SchweizerischLiechtensteinischen Stiftung für Archäologische Forschungen im Ausland (SLSA). In der Folge haben die Kolleginnen und Kollegen des jordanischen Antikendienstes immer eine aussergewöhnliche Hilfsbereitschaft und grosses Entgegenkommen gezeigt, dies hat das Arbeiten in Jordanien zu einem unvergesslichen und vor allem höchst angenehmen Erlebnis für so manche Archäologengeneration werden lassen. Auch in einer sich stark und rasch verändernden organisatorischen und strukturellen Umgebung können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Herren Länder der freundlichen Aufnahme und Unterstützung in Jordanien sicher sein, was mit ein Grund für die prosperierenden Aktivitäten der internationalen Altertumswissenschaften in diesem Land darstellt. Neben der institutionellen Zusammenarbeit spielen vor allem persönliche Kon takte mit den Menschen von Petra eine wichtige Rolle beim Zustandekommen und Gelingen von Feldforschungsprojekten, wie sie in dem hier vorliegenden Band einen wichtigen Platz einnehmen. Die wohl seit Burckhardts Zeiten in und um Petra heimischen Beduinen vom Stamme der B’dool oder Bedul, wahrscheinlich eine Unterabteilung der Huwaytat oder Hwetat7, stellen eine wichtige Kon stante der meisten archäologischen Projekte dar. Ihre bewundernswerten Ortskenntnisse, gepaart mit einem geschulten Auge und teilweise jahrzehnte langer Erfahrung auf archäologischen Ausgrabungen, machen sie zu unverzichtbaren Mitarbeitern. In zahlreichen Fällen haben sich im jahrelangen Kontakt auch persönliche Freundschaften ergeben, so dass das jährlich wiederkehrende Prozedere der archäologischen Ausgrabungen manchmal beinahe etwas von Familientreffen hat.
7
G. bin Muhammad, The Tribes of Jordan at the Beginning of the Twenty-First Century (Amman 1999) 10 Anm. 5; K. W. Russell, Ethnohistory of the Bedoul Bedouin of Petra, Annual of the Department of Antiquities of Jordan 37, 1993, 15–35; J. McKenzie, The Beduin at Petra: The Historical Sources, Levant 23, 1991, 139–145; M. v. Oppenheim, Die Beduinen 2. Die Beduinenstämme in Palästina, Transjordanien, Sinai, Hedjaz (Leipzig 1943) 302 m. Anm. 17; A. Musil, Arabia Petraea 3. Ethnologischer Reisebericht (Wien 1908) 54.
8
Dazu in einem weiteren Rahmen Russell a.O.; P. Bienkowski – B. Chlebik, Changing Places: Architecture and Spatial Organization of the Bedul in Petra, Levant 23, 1991, 147–180.
Auch in der Welt der B’dool-Beduinen haben sich die Veränderungen der letzten Jahrzehnte bemerkbar gemacht8. Bessere Lebensbedingungen im weites ten Sinne gehören sicherlich zu den positiven Aspekten dieser Veränderungen. Von der in den Beschreibungen Burckhardts und anderer bis in das mittlere 20. Jahrhundert erwähnten Misere der lokalen Bevölkerung ist zum Glück nichts geblieben. Dass diese Annäherung an sogenannte westliche Standards und die Bedürfnisse des modernen Tourismus auch zu einer teilweisen Entfremdung der Beduinen von Petra beigetragen haben, darf dabei als die Kehrseite der Medaille gelten. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Generation von Altertumsforscherinnen und Altertumsforschern, welche massgeblich am Zustande kommen des vorliegenden Bandes beteiligt war, die letzte ist, die von dem unvergleichlichen Wissen der Beduinen um die Geheimnisse Petras profitieren konnte. In diesem Sinne sollen Ausstellung und Begleitband auch als Reverenz an die lokale Bevölkerung Petras verstanden werden; sie sind eine Art des Dankes an die Menschen, ohne deren Hilfe all dies nicht möglich wäre. Amman und Berlin, im Frühsommer 2012 Fawzi Zayadine und Stephan G. Schmid
Sulaiman Mohamed Mohamed Al Bedul Der 36-jährige Beduine ist ein langjähriger Mitarbeiter zahlreicher archäologischer Projekte in Petra. Wie alle Stammesangehörigen seiner Generation ist er noch in den Felshöhlen Petras geboren und aufgewachsen und hat den Umzug in die moderne Siedlung Umm Sayhoun und die sich wandelnden Lebensbedingungen miterlebt. Als Junge war er teilweise über mehrere Wochen als Schaf- und Ziegenh irte in der Gegend von Petra unterwegs, mit ein Grund für seine ausgezeichneten Kenntnisse auch des hintersten Winkels der Ruinenstätte und ihres Umlandes. Abb. S. 14 Mohamed Mohamed Salame Al Bedul (67), Sultan Ali Al Bedul (18), Mohamed Aied Al Bedul (54) und Aude Frech Al Bedul (50) (von links) Die vier Mitglieder des Beduinenstammes der Bedul sitzen im Zentrum der antiken Stadt Petra, wo der Stamm einst sein Domizil hatte. Die Menschen wohnten in den Fels kammern und in Zelten, die seit der Antike terrassierten Flächen zu beiden Seiten des Wadi Musa nutzten sie für die Landwirtschaft.
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Johann Ludwig Burckhardt und die frĂźhen Petra-Reisenden
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Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim, der Entdecker von Petra und Abu Simbel Rolf A. Stucky
Auf seinem Weg nach Kairo betrat der Basler Johann Ludwig Burckhardt am 22. August 1812 als erster Europäer Petra, die Königsstadt der Nabatäer. Als Mitarbeiter der «Association for Promoting the Discovery of the Interior Parts of Africa» hatte er die Aufgabe, für die Engländer die an Edelmetall reichen Gebiete Zentralafrikas zu erforschen. Dazu sollte es nicht kommen, denn Epidemien im NigerGebiet hielten während Jahren die ,Fezzan-Karawanen’ auf ihrem Weg nach Kairo in Timbuktu zurück. Deshalb bereiste Burckhardt Nubien, die Sinai-Halbinsel und Arabien, wo er die beiden heiligen Städte Mekka und Medina besuchte und die Riten der islamischen Pilgerreise, des Hajj, vollzog. Dort wurde er mit den Kämpfen zwischen Mohammed Ali und den fundamentalistischen Wahhabiten konfrontiert. Burckhardt starb am 15. Oktober 1817 in Kairo und liegt auf dem islamischen Friedhof beim Bab el-Nasr, einem der Stadttore, bestattet (Abb. 1).
Das Ende des 18. Jahrhunderts brachte nicht nur in der europäischen Politik, sondern ebenso in der Geistesgeschichte eine entscheidende Wende. Die Aufklärung hinterliess weit über die Grenzen Frankreichs und Englands hinaus tiefe Spuren. Auf der Suche nach neuen geistigen Zielsetzungen verliess auch die Altertumsforschung ihre gewohnten Pfade: Wegweisende Forscher wandten sich von der Analyse vereinzelter antiquaria ab, um sich umfassenden Fragen über das Kunstwerk, dessen künstlerische Form und dessen Veränderung in Zeit und Raum zuzuwenden. In Frankreich vertrat diese neue Richtung Anne-ClaudePhilippe de Caylus (1692–1765), in Deutschland Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), der eigentliche Vater der Klassischen Archäologie. Unabhängig
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voneinander verfassten beide Forscher je eine Geschichte der antiken Kunst – gegliedert nach den teilweise heute noch geläufigen Epochenbezeichnungen. Das ausgehende 18. und das frühe 19. Jahrhundert waren zudem die Epoche grosser Forschungsreisen: Die Namen von Carsten Niebuhr, James Cook, Alexander von Humboldt, Ulrich Jasper Seetzen und Friedrich Konrad Hornemann stehen stellvertretend für die grosse Schar von Männern, die ihr Leben für eine vertiefte Kenntnis der Welt – und oft auch für handfeste Interes sen ihrer Auftraggeber – aufs Spiel setzten. Dass mit Entdeckungsreisen dieser Art stets auch politische und ökonomische Absichten verbunden waren, macht die «African Association» in ihren Zielen deutlich: Es ging ihr darum, Frankreich in der Erkundung Zentralafrikas zuvorzukommen und sich den Zugang zu den reichen Goldvorkommen dieser Region zu sichern. Dieser knappe Ausblick in die geistige Umbruchstimmung des ausgehenden 18. Jahrhunderts positioniert die Persönlichkeit Johann Ludwig Burckhardts als «Forscher zwischen zwei Epochen».
Jugendjahre in Basel und Neuchâtel – Studienjahre in Leipzig und Göttingen Johann Ludwig Burckhardt wurde am 25. November 1784 in Lausanne geboren; er entstammte einer vornehmen Basler Kaufmanns- und Politikerfamilie. Sein Lebensweg schien klar vorgezeichnet: Er verbrachte seine Kindheit im Kirsch garten, dem elterlichen Stadtpalais. Wie sein Vater Johann Rudolf Burckhardt sollte auch er in das Burckhardtsche Handelshaus eintreten und gleichzeitig ein politisches Amt im Rat Basels bekleiden. Der Einmarsch der Napoleonischen Armee in Basel und der Sieg der progressiven, pro-französischen Partei unter Peter Ochs als neuem Oberzunftmeister setzte der vorgezeichneten Laufbahn des jungen Burckhardt ein jähes und endgültiges Ende. Seiner konservativen politischen Gesinnung wegen emigrierte 1798 der Vater Johann Rudolf Burckhardt und kehrte erst 1803 in die Schweiz zurück. Damals zog er sich als Privatmann auf sein Gut Ernthalde in Gelterkinden bei Basel zurück. Aus diesem Grund besuchte Johann Ludwig auch nicht das traditionsreiche Basler Gymnasium «auf Burg», sondern trat nach der Grundausbildung durch Hauslehrer 1799 ins
Abb. 1 Das Grabmal Johann Ludwig Burckhardts in Kairo heute.
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